Chapter 19 of 23 · 3986 words · ~20 min read

Part 19

»›Meine Damen‹, hat er gesagt. Nur so weiter, Hännes. Leg du dein Bekenntnis ab.«

»Meine Damen und Herren, ich bekenne vor Ihnen allen, daß ich gesündigt habe. Ich habe mich von den Jungs, von denen Sie soeben gerufen haben ›Weg damit!‹, in den gewesenen Soldatenrat pressen lassen, weil keiner von ihnen des Nachts mit der Flinte herumlaufen und Wache schieben wollt’. Dazu war der Nachtwächter gut genug, und ich hab’ die Eseleien mitgemacht. Aber ich will bekennen!«

»Du hast ja schon bekannt, Hännes! Daß du ein Esel warst, Hännes!«

»Ich lege hiermit das feierliche Bekenntnis ab, daß ich von heute ab scharf gegen alle Ordnungswidrigkeiten vorgehen werde, und bitte um meine Wiederwahl.«

Ein Jubel ohnegleichen erschütterte die Halle und durchbrach alle Grenzen der Gegensätzlichkeiten.

»Heil Hännes, dem Bekenner! Heil Hännes, dem Bekenner!«

Der Ernst der Stimmung war umgeschlagen. Auf einstimmigen Beschluß wurde der Bekenner dem Wahlvorstand angegliedert, und als Männer und Frauen ihre Wahlzettel beschrieben und in die Urne gesteckt hatten, als die Stimmen durchgezählt und die Ergebnisse veröffentlicht waren, gehörte neben Martin Opterberg und Christoph Attermann, neben einigen der älteren Arbeiter und Kriegsteilnehmer auch der nachtwachende Bekenner dem neuen Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrate an.

Die Gewählten traten auf Anregung Martin Opterbergs sofort zu einer Besprechung zusammen.

Der Bekenner schlug diensteifrig den Doktor Opterberg zum Vorsitzenden vor, und die Männer stimmten ohne weiteres zu.

»Gut,« sagte Martin Opterberg, »Fragen der Parteizugehörigkeit sind ausgeschaltet, nur die Lebensfragen der Gemeinde stehen auf dem Plan. Hand darauf! Ich danke Ihnen und hatt’s von Männern nicht anders erwartet. Also ohne Nebensächlichkeiten: wo drückt der Schuh am meisten? Ich bin eben erst nach Haus gekommen.«

Ein alter Arbeiter nahm das Wort.

»Das ist ganz einfach, Herr Doktor Opterberg. Die Leute frieren, und die Leute haben nicht genug zu essen.«

»Und wenn der Magen knurrt, knurrt auch der Mund. Und wen’s an den Füßen friert, dem steigt die Hitze zu Kopf,« gestand Martin Opterberg zu. »Christoph, der Frachtdampfer liegt ja wohl fahrfertig? Mit vollen Bunkern? Na, dann können wir, da uns die Schiffahrt einstweilen vom Feind untersagt ist, löschen und Ballast dafür einnehmen. Die Kohlen werden auf den Kopf der Familien abgewogen und zum billigen Selbstkostenpreis verteilt. Wegen größerer Lebensmittelzuteilungen fahre ich morgen zum Landrat oder, wenn der Mann nicht helfen kann, zu einer anderen Stelle. Ich hab’ schon einen Plan, möcht’ aber nichts voreilig versprechen.«

»Sie packen den Ochsen bei den Hörnern, Herr Doktor Opterberg. Das mit der billigen Kohlenverteilung wird den neuen Rat gleich in ein gut Licht stellen, und wegen der Lebensmittel verlassen wir uns ohne viel Fragen ganz auf Sie. Gesegnete Mahlzeit denn.«

»Das habt ihr allein _mir_ zu verdanken,« tönte die Stimme des Bekenners aus dem Knäuel der Hinausdrängenden. »Ich hab’ ihn zum Vorsitzenden vorgeschlagen. Keiner von euch wär’ dadrauf gekommen.«

Als Martin Opterberg im Attermannschen Haus die Treppe hinauf und über den oberen Flur zu seinem Zimmer schritt, kam ihm vor seiner Tür Linde Baumgart entgegen.

»Ich wollt’ dir nur sagen, Martin, daß ich heut in der Früh’ töricht dahergeredet hab’. Du brauchst kein Quellwasser holen zu gehn. Ich hab’s in dir rauschen gehört, als du zu den Leuten sprachst.«

»Mädel, Sprechen ist noch nicht Handeln. Aber das soll jetzt einsetzen. Willst du meine Gehilfin werden? Gegen das Frieren lass’ ich die Bunker unseres Frachtdampfers leeren, und gegen das Hungern weiß ich auch ein Mittel, denn der Landrat hat selber nichts zu verschenken. Als ich mit meinen Pionieren über den Rhein setzte, glitt gerad der letzte Zug des Korpsverpflegungsamtes über die Brücke. Das muß jetzt irgendwo in der Nähe stecken, denn die Bahnstrecken waren schon verstopft. Morgen such’ ich es auf und leg’ mich auf’s Bitten. Aber reinen Mund, Lindelein.«

»Soll ich mit dir?« fragte sie mit glühendem Kopf.

»Für Mädchen ist das keine Fahrt. Unter das verwilderte Kriegsvolk.«

»Ich schlupf’ wieder in die Hosen wie auf der Werft. Keiner erkennt mich, und ich soll dir doch helfen.«

Er strich über ihre heiße Wange.

»Mädchen,« sagte er, »und wenn dich auch keiner erkennt, ich will nicht einmal, daß Blicke an dir herumtasten.«

Da griff sie nach seiner streichelnden Hand und hielt sie fest und legte ein paar Sekunden lang ihre Wange darauf. Dann ging sie schnell zur Treppe und ins Haus hinab …

Martin Opterbergs Suchen glückte. Er fand das Korpsverpflegungsamt in einem kleinen, abgelegenen Neste. Die Wagen waren auf ein Nebengeleise geschoben, bis die Strecke wieder frei werden würde, ein Viehstapel war auf eine Weide getrieben, ein paar Wagen zur Verpflegung der Begleitmannschaften entladen. Er kam zur rechten Zeit, denn gerade war der Befehl eingelaufen, am nächsten Morgen die Weiterfahrt anzutreten. Unwillig nur gingen die Leute an das mühsame Geschäft des Neuverladens.

Martin Opterberg suchte den Intendanten auf und wies sich in seiner militärischen und bürgerlichen Stellung aus. Er berichtete von der Not seiner Gemeinde, die durch die Verpflegung der rückwärts flutenden Truppen in ihrem Lebensmittelbestand schwer gelitten hätte, und machte sich anheischig, die ausgeladenen Güter und die sechs Stück Weidevieh im Bausch zu übernehmen und gegen Bankscheck zu verrechnen.

Der Intendant zögerte und machte Ausflüchte. Die Leute schlenderten herbei, horchten auf und waren sofort für die verminderte Arbeit. Der Intendant warf einen Blick auf die herumliegenden Güter, seufzte in Gedanken an die Scherereien eines überhasteten Verladens tief auf und gab den Aufsehern Befehl, ein Verzeichnis herzustellen.

Die letzten, halbgeleerten Wagen wurden abgekoppelt. Martin Opterberg erhielt ein paar hundert Sack Mehl, Graupen und Hülsenfrüchte, ein paar hundert Kisten Nudeln, Zucker, Backobst und Büchsenfleisch, einen Rest Kaffee und Tee, dazu die sechs lebenden Rinder. Die Preise waren von einer Niedrigkeit, daß ihm das Herz lachte. Er bat durch den Fernsprecher Christoph Attermann, in der Nacht noch mit den Männern des neugewählten Rats herüberzukommen, und zwar auf einer Maschine des Güterbahnhofs, die sofort anzuheizen sei. Der Bahnhofsvorsteher, der selber Gemeindemitglied sei, würde für die wenigen Kilometer schon ein Einsehen haben.

Es gelang. Bis zur Ankunft der Maschine saß Martin Opterberg mit dem Intendanten zusammen, und sie fanden sich als alte Bekannte aus dem Felde. »Gott erhalte uns die Kameradschaft,« sagte Martin Opterberg zum Abschied und drückte dem Intendanten warm die Hand. »Dann werden wir Deutschland schon wieder auf die Beine kriegen.«

In der Morgenfrühe waren sie daheim. Die Wagen wurden auf dem Anschlußgleis vor der Werfthalle entladen, die Waren eingeräumt und nach der Gemeindeliste auf die Haushaltungen verrechnet. Die Preise betrugen kaum ein Drittel der gegenwärtigen Tagespreise.

»Das alles sieht aus wie ein Zauberkunststück,« belehrte der Bekenner die schwitzenden Kameraden, »und kommt doch nur auf den richtigen Mann an der richtigen Stelle an. Und den habt ihr _mir_ zu verdanken. Darüber gibt’s nun mal keinen Streit.«

»Ja, ja, ja. Hännes, der neue Rat taugt schon mehr als der alte.«

Und Linde Baumgart wurde Martin Opterbergs Gefährtin. Die flinksten und saubersten Mädchen des Ortes brachte sie zusammen und schulte sie ein. Und sie stand von morgens bis abends in der Werfthalle, wog ab, teilte aus, überwachte das Vorwärtsschieben der Menge, brachte mit ihrem lustigen Wort die Unlustigen zum fröhlichen Lachen, mit ihrer Unermüdlichkeit die Müden zum munteren Schaffen. »Denkt an die Weihnachtsfreud’! Denkt an die Weihnachtsfreud’!« rief sie immer wieder in die harrenden, drängenden Haufen, und die Menschen bliesen in die rotgefrorenen Hände und trampelten sich vergnügt die Füße warm.

Nach Hausnummern ging’s, und in fünf Tagen war’s geschafft. Aber die kalten Nächte hatten mitherangemußt. Nun konnte Martin Opterberg zur Mutter reisen.

»Ohne dich hätt’ ich’s nicht zuweg gebracht,« sagte er dankbar, als er sich in der letzten Nacht von Linde Baumgart verabschiedete.

»Siehst du wohl?« lachte sie, drückte seine Hand und schlüpfte in ihr Zimmer. -- --

Auf großen Umwegen nur hatte Martin Opterberg die Reise bewerkstelligen können, denn das Rheintal war von den Truppen der feindlichen Besatzungsheere gesperrt. Drei Tage und drei Nächte brauchte er zu der Fahrt, die vordem eine Schnellzugstagesfahrt ausgemacht hatte. Aber zum Weihnachtsabend noch traf er auf dem Opterberghof ein. Und nun saß er bei der Mutter.

Die starke Erregung, die bei Mutter und Sohn das Wiedersehen ausgelöst hatte, war einem stillen Frieden gewichen. Den ganzen Abend über hielt Martin Opterberg die Hand der Mutter in der seinen, und mit der freien Hand strich Frau Christiane von Zeit zu Zeit heimlich und zärtlich über des Sohnes Ärmel. Dann schloß er für Sekunden die Augen, als müsse er die ungewohnte Liebkosung wie ein Träumender auskosten.

Die Zeit hatte Frau Christiane Opterberg nichts anzuhaben vermocht. Wohl war der Schein ihres strohgelben Haares ein wenig matter geworden, aber immer noch krönte es in schwerer Fülle das Haupt, aus dem die Augen in der kristallklaren Farbe des jungen Rheins blickten, und die Frauenreife des Körpers hatte trotz der Jahre die Spannkraft und Biegsamkeit ihres Mädchenkörpers behalten. Nur die Raschheit hatte sich verloren. Aber die Gelassenheit, die sie allen Dingen und Vorkommnissen gegenüber zur Schau trug, war nur ein Schein, und es glitt zuweilen wie verhaltene Laune um ihren Mund, die besser als sprudelnde Worte kundtat, was Frau Christiane im Innersten bewegte.

»Es ist halt nichts so trauerspielmäßig, als daß es nicht wieder zum Singspiel umschlagen könnt’,« meinte sie in ihrer lebensklaren Art, als der Sohn ihr am Weihnachtsabend hatte erzählen müssen. »Es kommt lediglich darauf an, wie man selber das Spiel zu betreiben gedenkt, ob mit Asche auf dem Haupt, oder mit einer frischgepflückten Nelke hinterm Ohr. Man kann sich bei der Beerdigung eines Freundes selber mitbegraben, man kann sich aber auch just am frischen Hügel das Gelöbnis ablegen. Nun wird noch lange nicht gestorben! Nun wird das Leben erst recht in die Hand genommen, damit’s sein Bestes hergibt vor dem törichten Tod.«

Sie lachte in sich hinein.

»Ich hab’ einmal von einem lustigen Gesellen den Trauermarsch von Chopin spielen hören, ohne daß er eine Note verändert hätt’, nur in einem flotteren Zeitmaß, und der alte Trauermarsch klang wie eine funkelnagelneue Aufforderung zum Tanz.«

»Ich versteh’ dich, Mutter, und hab’s mir selber schon so ausgelegt. Nicht hinter dem unwiderruflich Abgeschiedenen herjammern und in die Knie knicken. Wer lebt, hat nur die eine Pflicht: nämlich zu _leben_ und sein Leben so aufzubauen, daß es Wert für ihn hat und für seine Zeit.«

»Siehst du,« sagte Frau Christiane, »damit hätten wir eigentlich alles besprochen, was es zwischen uns an Wichtigem zu besprechen gäb’. Was wir nun noch daherreden, sind die schönen Randverzierungen.«

»Red nur daher, Mutter,« bat Martin Opterberg lächelnd und streichelte ihre kräftige Hand.

»Gelt, du bist auch den Randverzierungen nicht abhold? Der Schuß Vatersblut in dir ist nicht das schlechteste Erbteil, ob wir beide auch früher einmal ein wenig darum gebangt haben mögen. Denn Freud’ muß der Mensch haben, oder er tut sein Tagewerk wie ein Öchslein unterm Jochbalken.«

»Erzähl mir ein wenig von der Freud’, Mutter. Ich werd’ schon gut hinhorchen.«

»Du möcht’st mich wohl ausspionieren, Bub?« erwiderte sie lachend und klopfte ihm kräftig den Rockärmel.

»Ausspionieren? Ist denn der Gegenstand so heikel?«

»Nun steigt mir wahrhaftig die Röt’ ins Gesicht. Ach was, ich bin doch zuletzt kein jung Mädchen und du kein Hosenlupf. Ich bin deine Mutter und vermag drum sogar Gegenständ’ mit dir zu besprechen, die einen Pastor in Beklemmungen versetzen könnten. Wenn ich von der Freud’ red’, so mein’ ich halt: die größte Freud’ für den Mann ist doch das Weib.«

»Es könnt’ wenigstens so sein, Mutter.«

»Es _könnt’_ nicht nur so sein, es _ist_ so, Bub. Denn wenn ich von eines Mannes Weib sprech’, mein’ ich den getreuen Kameraden in gleichem Schritt und Tritt und nicht einen Herumfeger oder gar eine Schlampampe. Ich sag’s, wie ich’s weiß, und hab’s an mir selber und einem anderen erfahren, und du wärst mittlerweil’ auch alt genug dazu geworden.«

»Also wie muß sie ausschauen, Mutter?«

»Garnicht muß sie ausschaun. Darauf hast du wohl die Prob’ selber gemacht, daß das bloße Ausschaun erst in der zweiten Linie kommt. Aber das Herz muß sie auf dem rechten Fleck haben, besonders wenn’s der Mann gerad beansprucht, und es nicht beleidigt auf die andere Seit’ schieben, wenn er auch andere Dinge mal im Kopf hat. Und den Verstand muß sie an der rechten Stell’ haben, daß sie an allem ihren Anteil nehmen kann, was des Mannes Wesen und geistiges Leben ausmacht, ohne aber, daß sie nun gleich als die Belehrerin und Besserwisserin auftreten will, denn dann wär’ ja für den Mann die Freud’ des Starken dahin. Und lieb muß sie ihn haben, und wenn’s Hühnereier hagelt.«

»Also hübsch braucht sie nicht zu sein, Mutter?«

»Nicht hübsch?« sagte Frau Christiane erstaunt. »Ja bist du denn von einem anderen Stern, auf dem die Menschen Astralleiber haben? Natürlich muß sie für den Mann, der sie heiratet, hübsch sein und sehr sogar, aber nur für den Mann, und wenn sie für die anderen nur als ein Meerwunder mitdurchläuft. Für den einen Mann aber muß sie so hübsch sein, daß es in allen seinen Sinnen singt und klingt, wenn er sie daherschreiten sieht, und ein Freuen in ihn kommt vom Herzen bis in die Kehle, als stünd’ der Atem still. Laß du die Frommen im Land von der Abtötung der Sinne faseln -- was weiß ein Frosch vom Falkenruf in der Luft anders, als daß er Angst vor ihm hat. Sind die Sinne nicht mit im Spiel, so ist’s eine Laute mit gesprungenen Saiten.«

»Und schlank und rank muß sie sein,« fuhr Martin Opterberg fort, »und braunes Haar muß sie haben mit einem Sonnenkrönlein drin, wie bei ihrer Schwester, und ihre Augen müssen blitzen vor Lust am Leben, und aus der Stadt Karlsruhe _muß_ sie sein.«

»Martin --,« sagte Frau Christiane, »da bringst du mich auf eine Fährte.«

»Laß gut sein, Mutter. Noch ist der Friede nicht unterzeichnet. Und ich möcht’, wenn’s einmal übermächtig in mir wird, mein Glück in Frieden haben.« -- --

Bis zum neuen Jahr blieb Martin Opterberg, und er saß auf der Bank über dem brausenden jungen Rhein und saß im Giebelstübchen des Turmes, das den Ausblick bot über die Schwarzwaldberge und hinaus zu den geheimnisvoll lockenden Ketten der Alpen, die den Vater angezogen hatten Tag und Nacht. Aber Martin Opterbergs Blicke schweiften nur nach den Schwarzwaldhöhen, als forschten sie, ob dort die Jugendwege noch liefen …

»Zum Sommer kehr’ ich wieder, Mutter,« sagte er beim Abschied. »Es zieht mich mächtig …«

Und wieder ging es im Bogen um den Rhein zurück, dessen Ufer nicht von den Deutschen aus deutschen Landen betreten werden durften und nur von den Negern vom Senegal und ihren weißen Brüdern. Die Wagenabteile waren gedrängt voll Menschen, und es herrschte so viel Gelächter und Geschrei, als gingen diese Überlauten alle auf eine rheinische Kirmesfahrt.

Martin Opterberg ließ schweigend seine Blicke wandern. Wer waren diese Leute? Ein neues Volk? Ein neues Geschlecht aus dem alten? Er musterte Gesichter und Kleider, fing Sprache und Bewegung auf. Nein, es war kein neues Volk und kein neues Geschlecht. Es waren die Dunkelmänner, die zu allen Zeiten in schmierigen Hintergassen ihre Geschäfte betrieben hatten und nun bei dem großen Kopfüber auf die Höhe geraten waren. Nur daß sie nicht mehr mit Lotterielosen handelten und mit unzerreißbaren Hosenträgern, nicht mehr um ein erbärmlich Stück Vieh feilschten oder auf Pfänder liehen … Und es waren Gewerbetreibende und Kaufleute aller Art, die gestern noch eine Hose gewendet oder ein Viertelpfund Kaffee ausgewogen hatten und heute, wie aus ihren großtönenden Reden hervorging, Tuche, Lebensmittel, Kohlen und was das notleidende Volk bis zu den Düngemitteln brauchte, in Wagenladungen aufkauften und mit Wuchernutzen weiterverhandelten. Die meisten staken in feinen, neuen Kleidern, manche in weichgefütterten Pelzröcken, gaben sich das Ansehen von Baronen und entgleisten in die Gewohnheiten von Pferdeknechten. Ihre Frauen trugen kurze, knisternde Seidenröckchen, die kaum über das Knie reichten und oft seltsam geformte, immer aber mit durchsichtigen Seidenstrümpfen bekleidete Beine aufwiesen, während die Hände, von den traurigen Fingernägeln abgesehen, im Schmucke von Brillanten glänzten. Und alle diese Herren und Damen zogen aus feinen neuen Lederkoffern Kognakflaschen und Straßburger Gänseleberpastete und Schokoladensüßigkeiten jeder Art hervor und schmausten und redeten mit gefüllten Mündern aufeinander ein und kreischten vor Vergnügen auf, daß sie sich fast verschluckten. Viele waren im Besitze von Ausweisen, die den Stempel einer der fremdländischen Besatzungsbehörden trugen und die Erlaubnis verliehen, um einer besonders starken Lebensnotwendigkeit willen auf eine kurzbefristete Zeit auch das Rheintal besuchen zu dürfen. Jetzt aber fuhren sie zum Einkauf oder einer Warenverschiebung in das Hinterland. Andere ließen sich auf das Genaueste in die Geheimnisse der Paßerlangungen einweihen und warteten dafür mit den Geheimnissen des Schleichhandels auf. Einer sprach von den Loslösungsbestrebungen zugunsten einer rheinischen Republik. »Ob sie sagen, dat Rheinland sollt’ pfäffisch gemacht werden oder welsch -- die Hauptsach’ is, dat wir von den verfluchzigen Vermögenseinziehungen verschont bleiben un unser sauer verdient Geld in Ruhe verzehren können.« Und seine Zuhörer stimmten ihm mit vollen Mündern bei.

Da erhob sich Martin Opterberg, angeekelt von all dem würdelosen Schmarotzertum am Körper des hungernden und frierenden Vaterlandes und ging in eine niedere Wagenklasse hinüber, in der blasse und abgehärmte Menschen in scheuem Ton, als berührten sie das Allerheiligste, von dem Heldentod ihrer Söhne und Brüder sprachen, deren Leiber in Frankreich moderten, in Polen, auf dem Balkan, in Palästina oder unbekannten Ortes auf dem Meeresgrund …

Im unbesetzten Düsseldorf stieg er zum letzten Male um und ging, um die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges hinzubringen, in die Stadt hinein. Vor einem vornehmen Hotel winkte ihm ein Herr in langem Gehpelz, auf den der weiße Patriarchenbart ehrwürdig niederwogte, munter zu.

»Der Herr Doktor Opterberg, wenn ich nicht irre?«

Eine Sekunde verhielt Martin Opterberg den Schritt, und sie genügte dem alten Herrn, um ihn festzuhalten.

»Professor Barthelmeß,« kam er dem Erstaunten zu Hilfe. »Und hier ist auch meine liebe Frau Hadwiga. Nun geht sie im Gewand einer Fürstin, wie es sich für die Frau eines großen Künstlers geziemt. Ja, mein Freund, die Tage der Bitternis, in denen ich in der Wüste Ziegel strich, sind vorüber. Jetzt ist die Fronarbeit an die armen Reichen gekommen, von denen ich im Auftrage des bedeutendsten Berliner Kunsthändlers alte Gemälde zu geringen Einkaufs- und hohen Verkaufspreisen aufkaufe. Und meine drei Herren Söhne, dieses echte Barthelmeßblut -- ah, dort steigen sie gerade aus ihrem eigengesteuerten Mercedeswagen -- handeln mit allem, was Gott gedeihen läßt, hinüber und herüber über den Rhein, und die Sabine verschafft ihnen durch ihre aufrichtige Beliebtheit bei den fremden Herren Offizieren die Ein- und Ausfuhrbewilligungen durch das große Loch im Westen.« --

Er sprach in die Luft. Martin Opterberg hatte schweigend an die Hutkrempe gefaßt, als entschuldige er sich eines Versehens wegen, und war weitergegangen.

Vor einem kleinen Papierladen blieb er stehen. Zeitungen und billige Bücher waren in der Auslage zu sehen, aber die waren es nicht, die ihn fesselten. Er blickte forschend durch die Scheiben und glaubte in dem Mann, der am Ladentische saß und Schreibübungen zu veranstalten schien, Broich zu erkennen, Broich, den er zuletzt mit abgeschossener Hand im Feldlazarett gesehen hatte.

Er trat ein und hatte sich nicht geirrt.

»Lieb von dir, Opterberg, daß du mich heimsuchst. Nimm einen Stuhl. Die neuen Zeitungen kommen erst in einer halben Stunde, und bis dahin ist es ruhig im Laden. Warte, eine Begrüßungszigarre sollst du auch haben. Meine Frau hat mir ein ganzes Viertelhundert zu Weihnachten geschenkt.«

»Wie geht es dir, Broich, und wie geht es Frau und Kindern?«

»Alles gesund, und was mehr bedeutet: fest im Glauben an die Zukunft.«

»Gottlob, daß die anständigen Menschen nicht aussterben. Was macht die schwere Verwundung? Ich seh’, du hast eine künstliche Hand.«

»Ich kann, wenn ich die Linke zu Hilfe nehm’, alles mit ihr fassen und halten. Mit der Linken üb’ ich mich im Schreiben. Sieh her, es geht schon ganz gut. Und bis zum Frühjahr wird’s so weit sein, daß ich mich mit gutem Gewissen wieder um eine bessere Stellung bewerben darf. Einstweilen glauben ja die Herren, wem die rechte Hand weggeblasen sei, dem sei auch der Verstand weggeblasen. Aber einstweilen hält uns ja auch das Zeitungslädchen über Wasser.«

»Sind deine Schwiegereltern nicht so wohlhabend, daß sie dich über Wasser halten konnten?«

»Opterberg,« sagte Broich und legte dem Jugendkameraden die gesunde Linke auf den Arm, »du vergissest wohl, daß ich neben einer Frau auch Kinder habe. Sollten die etwa glauben, ihr Vater sei ein so armseliger Kerl, daß er nicht einmal seine Kinder ernähren könnt’? Nein, Opterberg, eher mit einem Arm Steine klopfen. Na, du hätt’st es ja nicht anders gemacht.«

Frau Hilde Broich kam mit den Kindern. Sie alle trugen einen Pack neuer Zeitungen im Arm und glühten trotz der Kälte vor Stolz.

»Wenn Jung und Mädel brav sind, dürfen sie zur Belohnung ihrem Herrn Hauptmann, dem Vater, helfen,« sagte sie, als sie den alten Freiburger Freund freudig begrüßt hatte. »Lieber Martin, wie oft sprechen wir gerade in diesen dunklen Deutschlandtagen von den sonnigen Wanderungen im Schwarzwald und von den Freudentagen auf dem Opterberghof, wo ich mich dem Liebsten da heimlich anverlobte.«

Martin Opterberg beugte sich herab und küßte ihr beide Hände …

Sein Zug führte ihn heimwärts.

»Es gibt noch Männer in diesem Deutschland,« dachte er, »und es gibt noch Frauen, und es gibt noch einen Nachwuchs!« Und dann versank er in ein Träumen -- --

14

Martin Opterberg hatte die Träume abgeschüttelt. Als ein Verjüngter war er heimgekehrt von dem Opterberghof der Frau Christiane, als ein Ernster und Froher zugleich. Aus klaren Augen überblickte er die Geschehnisse der Zeit, die vergangenen wie die kommenden, denn sein Wirklichkeitssinn sagte ihm, daß ein Volk, das die alte Obrigkeitsgewalt mit einem bloßen Heben der Achseln abgeschüttelt habe, in einen Taumel der Überhebung geraten müsse und jede neue von ihm selbst bestellte Obrigkeit nur als Ausführerin der eigenen Wünsche und Befehle ansehen würde, die bei nicht zusagender Arbeit ohne weitere Kündigung wieder auf die Straße zu setzen sei. Ein Spatzenschreck war sie bestenfalls, und im schlimmen Fall, der nicht außer acht gelassen werden durfte, eine Platzhalterin für die brodelnden Gewalten der Tiefe.

Sein klarer Ernst wies ihn darauf hin, daß es Jahre des Sichtens und Schichtens bedürfen würde, bis sich das große Leid Deutschlands in die Erkenntnis des neuen Tages und seiner unerbittlichen Arbeitsforderungen umgewandelt haben würde, und seine tiefe Froheit war dankbar dafür, daß er für die große Menschheitsaufgabe noch ein Leben einzusetzen habe.

Er schritt mit Christoph Attermann über die Werft, die bei dem Fehlen der Baustoffe und der wilden Steigerung aller Preise nur geringe Beschäftigung hatte. Er musterte die Arbeiterschaft und fand nur noch ein Häuflein der Getreuesten vor. Gar mancher der Kräftigsten und Geschicktesten war draußen vor dem Feind geblieben, und gar viele der Lebenden waren auch dem stürmischen Drang der Zeit gefolgt und hatten den Platz gewechselt, um an den ausgebotenen Riesenlöhnen leichteren Anteil zu gewinnen.

Die Pflegebrüder besprachen in großen Zügen die zuerst zu ergreifenden Maßnahmen.

»Die Tragbalken sind geblieben. Zwei Dinge kommen in Betracht: Arbeit hereinzuholen und -- die Lust an der Arbeit zu heben. Das erstere ist nicht so schwer. Die Schiffsparks befinden sich allenthalben in Unstand, und die Holzpreise werden bezahlt werden müssen, bis die wiedereinsetzende Einfuhr sie eines Tages von selber regelt. Darnach müssen wir uns bei den Abschlüssen halten. Der zweite Punkt aber, die Lust an der Arbeit zu heben, setzt einige Eigenschaften voraus, die wir beide wohl bei uns als vorhanden ansehen dürfen: ein wenig mehr Menschenliebe und ein wenig mehr Selbstlosigkeit. Das gilt für uns im kleinen wie für das Vaterland im großen. Wir wollen in aller Ruhe und Klarheit an die Ausarbeitung eines Entwurfes gehen.«

Und Martin Opterberg schritt den Rhein hinab zu seinem vereinsamten Haus, und Linde Baumgart ging neben ihm. »Ich muß wieder seßhaft werden, Linde,« sagte er, »und unter meinem eigenen Dach wohnen. Sonst fühl’ ich mich nur als Gast im Haus und leicht dadurch auch im Werk. Schließ auf. Ah, da ist ja mein großes, stilles Arbeitszimmer.«

Sie ging vor ihm her, von einem Raum zum anderen, und öffnete die Läden, damit das grüßende Licht ihn empfange und alle Dunkelheit vor seinem Fuß zerflattere. Der Herr des Hauses sollte das Haupt heben bei jedem Schritt.

Er bemerkte ihr heiteres Handeln wohl und auch die Ordnung, die überall gehalten war.

»Hier warst du wohl öfters, Linde?«

»Wir müßten sonst mit dem Taucherhelm in die Staubwogen.«