Part 18
»Die Regierung ist laufen gegangen -- da sollen _wir_ nicht?«
»Die Juden verkaufen uns mit Haut und Haar!«
»Nicht die Juden: die Junker! Sie fürchten sich.«
»Ob Jud’ oder Junker -- wartet, wenn wir heimkommen!«
Und die Gegenwogen der Feinde stürmten heran. Amerikas frischgesandtes Millionenheer an der Spitze. Kehrt, und die Wogen aufgefangen! Und die abgehetzten, ausgemergelten Truppen ließen Hader und Spott, wurden noch einmal zu Helden, warfen ihre hageren Körper den vollsaftigen, kraftgenährten Burschen entgegen, flackernden Auges, Schaum vor dem Mund.
»Laßt sie nicht durch! Sie wollen an den Rhein! Hört ihr’s -- an den Rhein! Hund -- du oder ich!«
Schon war das Etappengebiet Kampfgebiet. »Wo bleibt die Verpflegung? Wo sind die Fettwämse? Ausgekratzt ist die Bande! Sie sagt, sie kann’s Schießen nicht hören! Aber mit dem Maulwerk klappern kann sie, wenn’s eine Schweinerei auszuhecken gibt. Die Vaterlandsverteidiger, die!«
Irgendwoher schrie eine Stimme: »Recht haben sie! Macht’s ihnen nach und rettet eure Knochen! Zu Haus ist nötiger, dreinzuschlagen, als hier!« Und ein Brausen ging durch das Heer wie kämpfende Fluten.
Und das Brausen wurde zum Wirbelwind, als die Kunde von Waffenstillstandsverhandlungen durch die Reihen flog. »Jeder Schuß Pulver ist umsonst! Es geht zu End’! Wer sich noch einer Kugel aussetzen wollt’, müßt’ verrückt im Kopfe sein!«
Da griffen die Franzosen in Massen an. Da kühlten sie ihr Mütchen an den hirnlos Gewordenen, von denen sie vier Jahre lang in hundert Stürmen und Schlachten zusammengehauen worden waren. Da warfen ganze Bataillone, ganze Regimenter die Waffen zu Boden und gingen über, ließen sich wie Herden aus der Schlacht in die Gefangenschaft führen. Leben, leben, leben …
Martin Opterberg stand mit seinem Bataillon in der kämpfenden Nachhut. Er war mit ihm zu einem wildfeuernden Artillerieregiment geraten. In seinem pulverschwarzen Gesicht glühten die Augen wie Flammen. Mit heiserer Stimme schrie er über den Lärm.
»Schließt euch zusammen, Pioniere! Das wär’ der erste Pionier, der überlief’! Gebt’s ihnen, Leute! Auch der Franzmann hat nur ein Leben! Zur Hilfe den Braven von der Artillerie!«
Und mit keuchender Brust, mit verbrannten Händen halfen die Pioniere den zusammengeschossenen Artilleristen laden und feuern, laden und feuern -- bis die Nacht kam und sie die Geschütze zurückziehen konnten.
Der Herbst war in den Winter umgeschlagen. Im Novembersturm brach das kaiserliche Deutschland über der Wurzel ab. Das Volk hatte die Regierung in die Hand genommen, und der Kaiser war auf Drängen der ratgebenden Generale über die nahe Grenze nach Holland gefahren. ›Armer Verlassener‹, dachte Martin Opterberg, als die Kunde der sich überstürzenden Geschehnisse verzerrt und begeifert durch die Heerestrümmer lief, ›deine Generale kennen die Seele des Kriegs, aber nicht die Volksseele. Nun erst bist du ganz verlassen …‹
Unter der Peitsche der Waffenstillstandsbedingungen wälzte sich das Heer dem Rheine zu. Angstgejagt, nicht rechtzeitig mehr über den Strom zu gelangen, in die Freiheit, in die Heimat. Nur die Kampftruppen, die Nachhut, folgten langsam.
Am 10. Dezember des Jahres 1918 setzte Martin Opterberg mit dem Rest seiner Pioniere als die Letzten über den Rhein. Es war unterhalb Düsseldorfs.
Er sprang aus dem Kahn und stand, während die anderen Kähne landeten, mit starrem Weh in den Augen am Ufer des entheiligten Vaterlandsstromes. Die Seinen scharten sich um ihn. Es war ein Abschied.
Ein Trupp jugendlicher Burschen aus der Fabrikgegend stob heran. Sie schrien und fuchtelten mit den Armen.
»Die Kokarden von den Mützen! Die Waffen her! Wird’s bald?«
Das war der Heimatgruß.
Ein langer, angetrunkener Bursch sprang den Hauptmann an und griff in seine Achselstücke.
»Herunter mit den Herrenzeichen! Willst du wohl klein werden, du Leuteschinder?«
Martin Opterberg hatte sich von seiner Überraschung erholt. Er hob die Faust und schlug sie dem Angreifer zwischen die Augen, daß er taumelte und sich erbrach. »Reibt ihnen den Hintern mit Pulver ein, sie haben mit dem Gesicht noch keins gerochen!« wüteten die Heimkehrer, schlugen mit den Ruderstangen drein und jagten die Grußbringer in alle Himmelsrichtungen.
»Nun schleicht euch heim, ihr treuen, tapferen Männer, schleicht euch in die Heimat hinein, die todkrank ist,« sagte Martin Opterberg und schüttelte immer wieder die rissigen, borkigen Hände. »Wir sehen uns wieder. Wir sind nicht nur mit dem Mund und im billigen Sonnenschein Kameraden gewesen. Wir gehören fürs Leben zusammen. Eure Wohnorte weiß ich, und ihr wißt den meinen. Grüßt Frau und Kinder von dem Mann, der keinen Dank an euch für groß genug hält.«
Drei Hurras schrien die heiseren Kehlen für ihren Hauptmann in die rheinischen Dezembernebel …
Im Fußmarsch erreichte Martin Opterberg in später Nacht seinen Wohnort. Schmutzbedeckt, in altem, zerrissenem Soldatenmantel, den Schirm der Mütze in das hagere Gesicht gezogen. Wie ein Nachtwandler ging er an dem eigenen Hause vorüber, das mit geschlossenen Läden im Dunkel lag, und gelangte zum Hause der Attermanns. In einem Zimmer brannte noch ein Licht. Er drückte auf den Knopf der Klingelleitung und sah, wie nach Sekundenstille jäh das Licht im Treppenhaus aufflammte. Dann wurde die Türe aufgerissen, und er schwankte ins Haus.
»Da bin ich, Linde Baumgart.«
Sie stand vor dem Müden, Schmutzbedeckten, in einem weißen Gewand, das sie in der Hast übergeworfen hatte, und alles an ihr atmete die frische Reinheit, die Gesundheit und Schönheit des jugendlichen Weibes.
Jetzt aber schaute sie ihn entgeistert an.
Und er starrte sie an wie eine Erscheinung aus fernen Erinnerungswelten.
Ein Funke sprang in seinem Auge auf, wie im Auge Hungernder und Dürstender, die eine Schale voller Früchte sehen. »Da bin ich, Linde Baumgart,« wiederholte er, trat auf sie zu, griff mit den Händen in ihre Schultern, riß ihren Leib an sich und bedeckte ihr Gesicht mit seinen wilden Küssen. Die Glieder schmerzten sie unter seinem harten Griff.
»Gib mir die Arme frei,« bat sie atemlos.
»Wozu die Arme?«
»Damit ich sie dir um den Hals legen kann, wie ich es dir versprochen hab’. So -- so -- so … Nun sei ganz ruhig, Martin Opterberg.«
Ein Aufschluchzen kam von der Treppenstiege. Dort stand Therese Attermann, und Christoph Attermann führte sie mit feuchten Augen dem Heimgekehrten zu.
»Zwei Schwestern heißen dich zur Nacht willkommen, Martin, und ein Bruder. Glücks genug im neuen Deutschland.«
13
Zwei Tage und zwei Nächte hatte Martin Opterberg in tiefer Erschöpfung gelegen. Ein paarmal war er aufgefahren, mitten aus seinem bleiernen Schlaf heraus, hatte wirren Auges um sich getastet, das weiche Bett gefühlt und an seinem Körper das linnene Hemd, und sich vergebens zu besinnen versucht. Wo lag er mit seinen todmüden Leuten? In Nordfrankreich? Dort kam man nicht in die Betten. In Belgien irgendwo? Sie hatten die aufgeregten Städte umgehen müssen und auf den Feldern rings um die Lagerfeuer gelegen. Also wohl gar auf deutschem Boden schon, in der Eifel? Aber in der Eifel trugen er und seine Pioniere längst kein Hemd mehr auf dem Leib. Das trugen sie längst schon in seinen letzten Fetzen um die wunden Füße gewickelt. Er lallte die Namen seiner Vertrautesten und horchte stumpf auf Antwort. Er starrte mit schlafschweren Augen nach den verhängten Fenstern. In seinem müden Hirn tauchte ein Bild auf: eine Mädchengestalt -- so weiß, so leuchtend an Gliedern und Gewand. Ja, doch, das hatte den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht, daß es noch solch eine blitzblanke Sauberkeit an Menschen und Dingen gab. Und einmal -- einmal hatte er ein Mädchen in weiß gekannt, das schmiegte die Wange verträumt an den Lautenhals und sang: ›Du bist die Ruh -- der Friede mild …!‹ -- Therese! -- Nein, nein, Therese war weinend hinzugetreten, und Christoph hatte sie an der Hand geführt. So war’s -- so war’s … Er lag im Attermannschen Hause. Er hatte Wein getrunken und sich gesättigt, hatte ein heißes Bad genommen und sich in ein schneeweiß Hemd gehüllt, in ein schneeweiß Bett gelegt. Schlafen … schlafen … schlafen -- --
Wieder wachte er auf, und eine sanfte Frauenhand stützte seinen Kopf, eine sanfte Frauenhand gab ihm aus einer Tasse starke Fleischbrühe zu trinken. Dann hatte er sich wieder in die Kissen gekuschelt wie als Bub auf dem Opterberghof, wenn es noch nicht ganz die Aufstehenszeit war zum Abmarsch in die Schule. Und beim nächsten kurzen Erwachen hatte es sich wiederholt: die Frauenhand, der stärkende Trunk, das wohlige Hinüberschlummern.
Jetzt aber stand er auf den Beinen, schüttelte die letzte lässige Müdigkeit von sich und zog die Fenstervorhänge beiseite. Draußen flockte ein weicher Schnee in der Luft. ›Adventsschnee‹, dachte er, und es rieselte ihm wie heimatliche Erinnerungen durch die Seele. Er öffnete einen Spalt weit die Fenster, daß die reine Winterluft einströmen konnte.
»Guten Morgen, Martin. Schon ausgeschlafen?«
»Schon?« wiederholte er und reichte dem eintretenden Freunde die Hand. »Es ist neun Uhr.«
Christoph Attermann beklopfte die Hand, als wäre es eine kleine Knabenhand, und schmunzelte behaglich.
»Aber es liegen zwei Tage und zwei Nächte dazwischen, alter Kamerad, denn die erste zählt nicht, weil wir dich erst gegen den Morgen hin zu Bett geschafft hatten.«
»Alle guten Geister! Ist das die Wahrheit?«
Christoph Attermann lachte über das ganze Gesicht.
»Darum hatt’ ich gedacht, du wolltest den Schlaf gleich bis zum Weihnachtsfest ausdehnen, und wunderte mich baß, als ich dich hier oben herumhantieren hört’. Weißt du, Martin, das Theresel war schon zur künstlichen Ernährung übergegangen. Ihretwegen hätt’st du die vierzehn Tag’ bis zum Fest ruhig durchschlafen können.«
»Das war also die Therese …? Ich komm’ doch mein Lebtag nicht aus ihrer Kur heraus. Aber jetzt möcht’ ich einen ganz anderen Kollegen vom Theresel sehen, Christoph, den Bartscherer. Ich schau’ aus wie unsere Vorfahren, als sie noch auf den Bäumen saßen und mit Kokosnüssen warfen.«
»Ich hab’ die ›Konkurrenz‹ schon benachrichtigen lassen. Dacht’ mir gleich, als ich hier hinaufstieg: jetzt wird der gesittete Mensch in ihm zum Durchbruch kommen, weil er Damen im Hause weiß. War bei mir nicht die Spur anders, Martinle.«
»Damen --?« fragte Martin Opterberg. »Ist die Linde gar bei euch?«
»Nun leg dich gleich wieder nieder und schlaf noch einmal aus. Busselst das Mädel ab, daß alle Farb’ herunter ist, und fragst so erstaunt, als ob’s der Buchhalter hätt’ gewesen sein können. O nein, mein Lieber, wenn die Linde auch den Buchhalter auf der Werft macht seit Jahr und Tag -- in der Nacht hast du sie für ein rechtschaffenes, sauberes Frauenzimmer genommen und sie zusammengedrückt, daß die Theres sie gleich in ärztliche Behandlung hat nehmen müssen.«
»Das tat die Freud’, Christoph.«
»Daß es nicht der Zorn tat, hab’ ich mir schon selber denken können. Horch, da kommt der Bader. Ich hör’ sein hungriges Scherengeklapper. Deinen Winteranzug hat die Linde aus deinem Haus geholt und dein bedürftig Feldgrau einstweilen in die Mottenkiste gesperrt. Tritt nur hier ins Nebenzimmer, da findest du alles zur Erneuerung, auch Theresens unlauteren Wettbewerber mit dem Messer.«
»Wie fröhlich er ist,« dachte Martin Opterberg. »Wie er mir alles heimatlich machen will, als wär’ das furchtbare Dahinten nur ein wüster Nachtspuk gewesen.«
Eine Stunde darauf erschien er in seinem bürgerlichen Anzug, bartlos und mit wohlgeordnetem Haar im Familienzimmer. Die Frauen standen auf und eilten ihm entgegen. Christoph Attermann schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.
»Kaum ein Lot Fleisch hast du auf dem Körper. Das muß wieder her, und der Schnurrbart muß auch wieder her, daß du uns nicht fremd bist.«
Die Frauen hatten den Wiedergekehrten begrüßt und noch einmal willkommen geheißen. Aber die heftig aufwogende Freude war einer nur mühsam verschleierten Scheu gewichen. So anders sah der Freund im hellen Tageslicht aus.
Sie saßen bei ihm am Frühstückstisch und lugten heimlich nach seinen Augen. Die lagen tief und fern, als schauten sie immer noch in eine andere Welt. Die Haut spannte sich herb über den Backenknochen. Nur der schöne starke Mund atmete dem Leben entgegen.
»Gelt, Therese, du kriegst einen Schreck? Und auch die Linde hatte sich ihren Freund wohl ein wenig anders vorgestellt? Laßt mir Zeit. Es wird schon wieder besser.«
»Du bist uns gerade recht so, Martin …«
Er schüttelte den Kopf.
»Erst muß der Bilderwirrwarr aus den Augen fort und der Lärm aus den Ohren heraus. Habt ihr eine Zeitung? Ich weiß so gut wie nichts seit sechs Wochen und mehr und muß mich doch in die neue Zeit hineinfinden. Nachher will ich zur Werft.«
»Zur Werft wird erst morgen gegangen,« bestimmte Christoph Attermann. »Der Arzt, den du schon in der Fuchsenzeit mit deinem Vertrauen beehrt hast, hat’s so und nicht anders angeordnet. Die Zeitungen der letzten sechs Wochen aber find’st du geordnet in meinem Arbeitszimmer, und eine Zigarre obenbei. Nun komm und mach’s dir bequem.«
»Erst möcht’ ich der Mutter eine Drahtnachricht schicken. Ich hätt’s schon in der ersten Nacht tun sollen.«
»Das hat die Linde schon ganz aus sich selbst besorgt. Du hattest noch nicht das zweite Auge zu.«
Martin Opterberg blickte auf. Zum erstenmal sah er dem Mädchen voll in die Augen. Die Jugendblüte hatte sich erschlossen, über den Kelchrand lugten weiche, warme Frauenaugen, die das Menschenlachen ersehnten. Jetzt hielten sie seinem Blick stand.
Er reichte ihr die Hand, die sie fest in die ihre nahm.
»Du warst die erste, die mich begrüßte, Linde. Und es ist schön, daß du diesen Gruß gleich an die Mutter weitergegeben hast.«
›Diesen Gruß …?‹ dachte Linde Baumgart, und ein Lächeln ging um ihren Mund.
Dann saß Martin Opterberg in Christoph Attermanns Arbeitszimmer, und der Pflegebruder brachte ihm die aufgesammelten Zeitungen und streckte sich in einen zweiten Sessel, um zu jeder Auskunft gegenwärtig zu sein. Aber Martin Opterberg las stumm, und die Zigarre erkaltete zwischen seinen Fingern. Stunde auf Stunde las er, bis die Glocke zum Mittagessen rief. Da legte er die Blätter still zur Seite.
»Was sagst du zu dem allen, Martin?«
»Es ist geschehen. Das Rückwärtsprophezeien war nie unsere Sache, Christoph.«
»Das ist wahr. Und es ist törichtes Geschrei und Geschwätz genug im Land. Nur daß eine Handvoll Männer -- oder waren es gar nur halbwüchsige Burschen -- mit einem Gürtel voll Handgranaten sechzig Millionen Menschen auf den Kopf stellen konnten --«
»Warum konnten sie, Christoph? Weil die Feiglinge sich nicht wehrten. Also waren sie reif.«
»Du gibst den Umstürzlern Recht?«
»Nein, Christoph, niemals. Aber ich geb’ dem schlotternden Bürgertum Unrecht. Weshalb? _Weil_ es schlottert! Was nur klugschwätzen und, wenn es die Tat gilt, hilfeschreien kann, Christoph, das, weißt du noch aus deiner Feldkompanie, ist hinderlich und wert, von den Tatmenschen an die Wand gedrückt zu werden. Doch darüber laß uns reden, wenn ich den richtigen Abstand zu den Dingen hab’ nehmen können.«
»Also rein gar nichts zu fragen?«
Martin Opterberg lächelte.
»Du willst ja nur hören, was ich zu dem Bericht aus den ersten Novembertagen sage. Zu dem Bericht über den Vortrag unseres Freundes Grüters in der Berliner Versammlung zugunsten einer verschämten Republik. Ach, Christoph, der Grüters hatte vor Ausbruch der Revolution schon die rechte Witterung erhalten und suchte sich den künftigen Machthabern zu empfehlen. Das war schon so seit der Studentenzeit und wundert mich keinen Augenblick. Wenn der Staatswagen wieder nach rechts schwenkt, wird er gewiß nicht verfehlen, rechtzeitig den Anschluß zu gewinnen.«
»Ja, ja,« sagte Christoph Attermann mit einem zornigen Lachen, »er denkt halt: es ist immer noch bekömmlicher, für anderer Leut’ Überzeugung zu leben, als für die eigene zu sterben.«
»Mir scheint, so haben viele im Vaterland gedacht, Christoph. Darum laß uns den Einzelnen nicht herausgreifen. Fieber will ausrasen.«
»In den Köpfen wie in den Hosen,« sagte Christoph Attermann, und dann gingen sie zu den Frauen und zu den Kindern.
»Mein Gott,« staunte Martin Opterberg, »der kleine Christian ist ein großer Schulbub geworden und mein Patenkind Linde ein richtig Fräulein, seit ich sie nicht sah. Ja, wie alt muß dann ich erst geworden sein …« Und er hockte sich nieder und fing die anstürmenden Kinder in seinen Armen auf.
»Du, Oheim Martin,« gestand ihm der Knabe wichtig, »die Mutter hat gesagt, sie hätt’ einen Herzschreck bekommen, als sie dich gesehen hätt’.«
»Und die Tante Linde hat gesagt,« drängte sich die Kleine ein, »sie gar nicht.«
»Was mag nun das Angenehmere für mich sein, ihr Kinder?«
Lachend und widersprechend schoben die Frauen die Kinder auf ihre Plätze. Und als der Vater den Oheim über die letzten Schlachten und den Rückzug der Millionen befragte, saßen die Kinder wie gebannt und horchten auf die knappen Worte, die sich schwer von den Lippen des Erzählers rangen.
»Ich hatte,« sagte Christoph Attermann mit geweiteten Augen, »die beste Flasche Wein in meinem Keller für den Siegestrunk bestimmt. Eine sonnengesegnete elfer Steinberger Auslese. Der Sieg ist uns durch die Händ’ geglitten, aber das Siegerherz haben wir heimgebracht, das in diesem furchtbaren Frieden mehr bedeuten wird als in den furchtbarsten Schlachten.«
Er hatte sich erhoben und die Gläser vollgeschenkt. Und stehend sprach er weiter.
»Drum soll der Wein jetzt getrunken werden dir, Martin, zum Willkomm. In diesem kleinen Raume, unter uns wenigen hier, nimm zur Wiederkehr den wahren Heimatgruß. Daß du da bist, Martin! Und mein und der Frauen Herzen hier rufen dir zur innersten Bekräftigung des namenlosen deutschen Sängers Liedwort entgegen:
Ich bin dîn und du bist mîn, Deß sollt du gewiß sîn!«
Die Frauen hatten sich erhoben. Mit stillen Gesichtern, in denen die Augen aufleuchteten. Sie hielten dem Heimgekehrten das Glas entgegen, und Martin Opterberg stieß mit ihnen und dem Bruder an, daß ein silbern Klingen in die Runde lief.
»Rheinwein …« sagte er, als spräch’ er ein heilig Wort. »Gott schütz’ den Rhein und seine Menschen.«
»In Ewigkeit, Amen,« fügte Christoph Attermann hinzu.
Und sie tranken den Wein in Erinnerungsgedanken und Zukunftgedanken und blieben beisammen bis zum späten Abend und hielten den Tag wie einen Feiertag. --
Am Morgen lag eine Drahtung an Martin Opterberg auf dem Frühstückstisch. »Von der Mutter,« sagte Christoph Attermann. »Es geht mit der Schneckenpost, denn keiner will schaffen.«
Martin Opterberg löste die Siegelmarke, las und nickte. »Von der Mutter …« Und er las langsam zum zweiten Mal, und über seine Züge breitete sich eine Helle wie bei einem Wiedersehen.
»Grüß Gott, Bub. Wir bleiben bei der Stange!« drahtete Frau Christiane dem Heimgekehrten.
Er gab das Papier an Christoph Attermann, und der gab es an die Frauen. Und es war, als ob Frau Christiane mitten unter sie getreten wäre in ihrer nicht zu beugenden Stolzheit und Frische.
»Über Weihnachten will ich bei ihr sein,« sagte Martin Opterberg, und hinter ihm sprach Linde Baumgart ein lautes »Gott sei Dank.«
»Du willst mich los sein, Linde?« fragte er.
»Wiederhaben wollen wir dich. Angefüllt mit ganz frischem Tatendrang. Dafür laß ich die Mutter sorgen.«
»Die Mutter …« wiederholte Martin Opterberg und sah ihr lächelnd in das erhitzte Gesicht. »Es wird schon so kommen, Linde,« fuhr er helfend fort. »Die Mutterquelle gibt Wasser, und wenn der ganze Rhein zu versiegen scheint.«
Mit Christoph Attermann machte er sich auf den Weg zur Werft. Eine Spannung stand in seinen Zügen, wie er sein Werk wiederfinden würde. Aber vergebens horchte er auf das Kreischen der Säge und den hallenden Hammerschlag.
»Ist heute Sonntag, Christoph? Mir ist der Kalender durcheinandergeraten.«
»Es ist jetzt mehr Sonntag als Werktag im Land. Der Arbeiter- und Soldatenrat des Orts hat eine Versammlung in die Werfthalle einberufen. Es sind lustige Kameraden.«
»Gibt es das in dieser schweren Deutschlandszeit unter Männern?«
»Unter Männern gewiß nicht. Aber unter den Buben, die schon im Advent ein Fastnachtstück aufführen, weil sie nicht wissen, ob’s am Rosenmontag für sie noch geht. Ernsthaft gesprochen, Martin. Ich erläuter’s dir. Als die Revolution ausgeläutet wurd’, waren die meisten der Männer noch im Feld, die Alten zu verwirrt und unbeholfen und die Jungen trunken vom Freiheitsrausch. Da die kopflos gewordenen Behörden mit einem Schlag außer Geltung gesetzt waren, rannten die frisch eingezogenen Rekruten aus ihren Standplätzen einfach nach Haus, spielten, obwohl sie noch keine Flinte abgefeuert hatten, den wilden Revolutionskrieger, ließen sich mancherorts von irgendeiner Oberleitung, die in dem Wirrwarr noch keine Nachprüfung vornehmen konnt’, die Bestallung als Soldatenrat verleihen und übernahmen die Ortsgewalt über Ruhe und Ordnung. Bei uns sind’s ein halbes Dutzend Jünglinge im Alter von knapp zwanzig Jahren und der Nachtwächter. Das erste war, daß sie die Arbeit stilllegten, weil ein freier Mann doch nicht seine Freiheit ausüben kann, wenn er arbeitet. Das zweite war -- oder war’s doch gar das erste -- daß sie sich aus der Gemeindekasse einen auskömmlichen Gehalt bewilligten, und das dritte, daß sie seit der Zeit nicht mehr ganz nüchtern geworden sind aus Furcht vor der eigenen Kurasch. Eingeführt als Verkehrston haben sie das gemütvolle ›Du‹ und die unter die Nase gehaltene Handgranate, was beides aber zur Hebung der Ortsgewalt nur von ihrer Seite ausgeübt werden darf. Das wäre das äußere Bild.«
»Und das innere?« fragte Martin Opterberg und spürte sein Blut in den Schläfen hämmern.
»Die Männer sind heimgekehrt und haben sich inzwischen zurechtgefunden. Die Alten und besonders die Frauen, die heut’ politisch gleichberechtigt sind, haben sich von ihrer Verblüffung erholt. Wer sich besaufen und Fastnacht spielen will, soll’s auf eigene Rechnung tun, fordern sie, und das Gemeindegeld in Ruh’ lassen für die Armen und Kranken. Eine ordentliche Gemeindeverwaltung soll sein von Arbeitern, Bürgern und Soldaten, die etwas gelernt und geleistet haben, fordern sie, und eine Gemeindeabstimmung auf den heutigen Tag. Dahin gehen wir nun, Martin.«
»Dann ist’s gut,« sagte Martin Opterberg, und er hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden.
Am Halleneingang standen ein paar junge Burschen mit gedunsenen Gesichtern, die rote Schärpe herausfordernd über den Rock geknotet. Sie riefen den Einströmenden bald drohende Befehle, bald Schmähworte zu, um sie einzuschüchtern. Martin Opterberg wollte an ihnen vorbei.
»Halt, Mensch. Zeig doch mal deine Ausweispapiere.«
»Zeig mir erst mal deine, Mensch.«
»Ich soll dir erst wohl mal Anstand beibringen, wie? Willst du mal an meiner Handgranate riechen?«
Da drängte sich ein alter Meister vor, der den Heimgekehrten erkannt hatte.
»Halt die Schnauze, du Grünspecht! Kennst du den Doktor Opterberg nicht?«
»Ich spuck’ auf deinen Doktor Opterberg, du altes Reff. Paß mal auf!«
»Nicht doch,« sagte freundlich Christoph Attermann und ließ den geifernden Burschen über sein vorgehaltenes Bein stolpern, daß er der Länge nach in den Schmutz schlug. »Ihr müßt ihn nach Hause bringen,« wandte er sich mit wohlwollendem Blick an die zudrängenden Burschen, »ihr seht doch, daß er sich nicht auf den Beinen halten kann.«
Ein paar stämmige Arbeiter eilten herbei, zornrot im Gesicht.
»Was? Die Bengels reden von Handgranaten? Zu einem, der sich für sie die Knochen hat kaputtschießen lassen? Haut den verdammten Großmäulern die Jacke voll!«
»Guten Tag, Kameraden,« grüßte Martin Opterberg. »Kommt in die Versammlung. Wir haben Wichtigeres zu tun.«
»Der Doktor Opterberg ist hier!« schrien ein paar Stimmen in die Halle hinein. »Er soll die Leitung übernehmen!« Und ein paar Hundert fielen ein, erlöst, fröhlich aufatmend: »Der Doktor Opterberg! Her damit! Macht Platz! Der Doktor Opterberg soll reden!«
Martin Opterberg stand auf einem erhöhten Tritt und wartete, bis Stille wurde.
»Mitbürger,« sagte er mit einer Stimme, die ruhig klang und Beruhigung brachte, »Männer und Frauen unserer Landgemeinde, ich meine, hier wäre nicht viel zu reden. Geredet worden ist bis zum Überdruß, und weil euch Männer und Frauen der Arbeit das ewige Geschwätz und die unverdauten Brocken anwidern, weil ihr eure Ruh’ haben wollt und Brot und eine bessere Zeit, darum seid ihr ja und wir alle zu dieser Neuwahl eines Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrates zusammengekommen. Der Name zwar ist, trotz seiner ausführlichen Länge, mißverständlich. Denn wir sind _alle_ Bürger vor dem Gesetz! Aber es mag dabei sein Bewenden haben. Bei Kleinigkeiten wollen wir uns nicht aufhalten. Und zu den Kleinigkeiten rechne ich auch die jungen Spaßvögel, die, solang der Vorrat reichte, mit der Schnapsflasche hierorts regieren wollten. Weg damit!«
»Weg damit! Weg damit!« scholl es brausend durch den Saal.
»Dieser Gegenstand wäre also erledigt,« fuhr Martin Opterberg fort. »Wir haben den Krieg verloren, und wir wollen den Frieden gewinnen. Unsere kleine Landgemeinde hier ist mehr oder weniger auf die Werft zugeschnitten, und wie wir in den guten Deutschlandtagen zusammengehalten haben, so werden wir es erst recht in den bösen Tagen tun, oder wir wären Maulhelden, die ausreißen, wenn’s nach Schweiß riecht. Kein Wort weiter. Schreiten wir zur Wahl! Ich beantrage die sofortige Einsetzung des ordnungsmäßigen Wahlausschusses.«
Er trat ab, und hundert rauhe Kehlen riefen ihm Beifall.
Ein Mann in älteren Jahren drängte sich mit Aufwendung aller Muskelkraft auf den erhöhten Rednerplatz.
»Ich will ein Bekenntnis ablegen!«
»Der Nachtwächter ist es! Die Volleule!«
»Ich bin keine Volleule, meine Herren. Meine Damen, ich bin so spitznüchtern, wie Sie es nur sind.«