Chapter 21 of 23 · 3992 words · ~20 min read

Part 21

Langsamen Schritts ging er über die Rheinwerft und suchte Christoph Attermann auf. Der Pflegebruder hörte ihn mit zusammengezogener Stirn an. »Ich ahnte es,« sagte er und stieß den Atem durch die Nase.

»Du ahntest es?«

»Es hat keinen Grund mehr, es dir zu verschweigen. Gestern ist die Linde Baumgart von einer Frauensperson auf der Straße angehalten und angeredet worden.«

»Von einer -- Frauensperson? -- Kenn’ ich sie etwa?«

»Wenigstens kanntest du sie einmal. Aber das ist Jahre her und gänzlich ausgelöscht.«

»Sabine --?«

Christoph Attermann nickte nur.

»Sabine?« Martin Opterberg packte des Pflegebruders Arm. »Sie ist anmaßend geworden gegen die Linde?«

»Mehr. Sie ist frech geworden. Wie eine Dirne frech wird.«

»Christoph -- ich muß jedes Wort wissen. -- Was ist mit der Linde geschehen? Was hat sie von ihr gewollt?«

»Auf der Straße gestellt hat sie die Linde. Und gesagt hat sie, ob sie das Liebchen von Martin Opterberg wär’?«

»Und die Linde?«

»Geantwortet hat sie: sie wünscht’, sie wär’s, denn es müßt’ eine Ehre sein, von Martin Opterberg geliebt zu werden.«

»Linde … Linde …«

»Und dann ist sie weitergeschritten, und die Frauensperson hat hinter ihr drein geschrien: es läg’ noch eine Hundspeitsche im Zimmer oben, und die käme sie sich holen, wenn der Herr und sein Liebchen zu Hause wären.«

»Christoph,« sagte Martin Opterberg nach einer stummen Weile, »weshalb hör’ ich erst heute davon?«

»Weil die Linde verlangt hat, der Schlamm solle nicht an dich heran.«

»Aber an sie selber ist er herangespritzt!«

»Sie hätt’ ihren Regenrock angehabt, hat das Mädel gesagt, an dem wär’s glatt hinuntergegangen.«

Da tat der Martin einen tiefen Atemzug.

»Ich möcht’ zu ihr, Christoph. Alles, was froh in mir ist, treibt mich zu ihr. Aber auf der Werft machen sie Feierabend, und es ist nötig, mit den Leuten zu sprechen und sie für jeden Fall bereit zu halten.«

Als er mit einbrechender Nacht in sein Haus eintrat, berichtete ihm das Mädchen, daß Linde Baumgart früher als sonst ihr Zimmer aufgesucht habe.

Da öffnete sich im Obergestock schon ihre Tür. »Brauchst mich noch, Martin?« tönte ihre Stimme ins Haus.

»Gute Nacht, Linde --«

»Gute Nacht, Martin.«

Aber es wurde keine gute Nacht für Martin Opterberg. Der Gedanke, daß die Linde von dieser -- dieser Frau aller Vergangenheiten auf offener Straße angefallen, angetastet worden sei, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn und raubte ihm aufs neue den Atem. Stunde auf Stunde lag er wach und kämpfte immer mit demselben Bild, bis er sich im ersten Morgendämmern erhob, sich hastig ankleidete und den Rhein entlang zur Werft schritt.

Trotz der frühen Stunde traf er die Freunde schon versammelt und im ernsten Gespräch mit den Leuten, die die Nacht in der langen Werfthalle auf Hobelspänlagern zugebracht hatten.

»Etwas Neues vorgefallen?« fragte er Christoph Attermann.

»Die Hochöfen dort drunten am Rhein sind in der Nacht erloschen. Schau hin, es steigt keine Flamme mehr. Das bedeutet, daß sie in der Nacht mit Gewalt zum Erkalten gebracht worden sind.«

Broich trat mit Tillmann hinzu.

»Ich erfahre soeben von Tillmann, der in der nächsten Ortschaft war, um sich umzuhören, daß die Arbeiter von einer bewaffneten Bande gezwungen worden sind, die Hochöfen auszublasen und die Werke stillzulegen. Die Bande zieht jetzt auf uns zu. Unsere Leute sind vollzählig auf der Werft, die Wehr ist bewaffnet. Hier bring’ ich für jeden von euch einen Revolver, denn es kann ein Tanz werden.«

Um die siebente Morgenstunde wälzte sich ein tobender Menschenhaufe heran. Martin Opterberg ließ das eiserne Werfttor schließen. Seine Männer standen in zorniger Erwartung hinter dem Plankenzaun.

Der Menschenhaufe kam näher und verteilte sich auf der Zufahrtsstraße, um den arbeitswilligen Werftleuten den Weg zu versperren. Einer aber entdeckte das verschlossene Tor und die Männer hinter dem Plankenzaun und schrie es nach hinten. Ein Mann eilte nach vorn und eine wildfuchtelnde Frau mit ihm. Martin Opterberg spürte, wie ihm jählings alles Blut zum Herzen trieb. Wie durch einen Schleier sah er den Mann und das Weib. Mit aller Willenskraft zerriß er den Schleier, wurde ganz kalt, ganz klar. Der Mann, der von draußen eine Aufforderung über den Plankenzaun brüllte, war der davongejagte Lehrer Doktor Radermacher, das Weib an seiner Seite Sabine Barthelmeß. Sie hatten sich also wiedergefunden, die Gezeichneten, wie Wölfe auf der Wildbahn.

»Kommt heraus, ihr Tagelöhner,« brüllte Radermacher, und seine Stimme überschlug sich vor Wut. »Nun hat’s ein End’ mit der Sklavenarbeit. Nun sind _wir_ die Herren! Hat euch euer Sklavenhalter hinter Schloß und Riegel gesetzt? Seid ihr freie Männer oder Feiglinge, die die Zeit verschlafen?« Da öffnete sich ein Flügel des Tores, und ein Meister trat mit einigen Gesellen heraus.

»Wir sind freie Männer. Was stören Sie uns?«

»Stören sagte der Kerl? Ich werde dir gleich mal dein Hirn aufstören, daß es Funken stiebt. Von keinem Arbeiter geschieht mehr ein Schlag da drinnen. Ist das verständlich, oder sollen wir nachhelfen?«

»Arbeiter in Ihrem Sinne gibt’s bei uns nicht. Nur Mitarbeiter, die Teilhaber am Werk sind. Sie können also ruhig abziehen, da für uns gesorgt ist.«

Radermacher fuhr hoch. Seine Augen funkelten im Haß. »Bist du bei Sinnen, Mensch? Soll ich dir dein verfluchtes Maul stopfen? Hervor mit den Tagelöhnern, oder wir räuchern euch heraus!«

»Rühren Sie hier keine Planke an,« sagte der Meister gelassen. »Ich wiederhole Ihnen und den Leuten da allen: wir sind alle mitbeteiligt am Werk und wissen deshalb unser Eigentum zu schützen.«

»Ihr Spießgesellen eines Heckenritters!« schrie Radermacher und hob die Pistole.

»Torflügel auf,« befahl Martin Opterberg, und er stand mit den Seinen auf dem offenliegenden Werftplatz.

Im selben Augenblick aber sprang mit einem Aufschrei das Weib heran und schleuderte eine auflodernde Pechfackel in die Werfthalle hinein, daß aus den Gespänhaufen die Flammen wie rote Garben gegen die Balken prasselten.

»Drauf! Auf sie!« schrie ihr tobender Gefährte den Heranstürmenden zu und feuerte blindlings mit einer Pistole in die Werftleute hinein. Ihm nach seine Gesellschaft. Und dann krachte die Antwort. Ein Schuß in Sekundenkürze vor den anderen. Ein Schuß in Sekundenkürze hinter den anderen. Martin Opterbergs Kugel hatte den Anführer hintenüber geworfen. Jetzt wandte er sich blaß gegen die rasende Brandstifterin. Aber schon war alles vorüber, Massenfeuer und Einzelschuß. Er sah das Weib die Arme hochwerfen und über den toten Gefährten stürzen. Als sich Martin Opterberg blitzschnell umwandte, blickte er in Christoph Attermanns rauchende Pistole. »Halbpart, Martin,« sagte Christoph Attermann, »wir haben immer geteilt.«

Martin Opterberg trat dicht auf ihn zu und sah ihm in die Augen, die standhielten.

»Quitt, Christoph …«

Hörnersignale aus der Ferne! Die benachbarten Ortswehren rückten im Eilmarsch heran. Wie vom Erdboden verschwunden war die führerlos gewordene Bande und hatte ihre Toten und Verwundeten mitgenommen.

»Löscht das Feuer,« befahl Martin Opterberg und ging mit schweren Schritten zu den Blutenden. -- --

15

Über das Land lief die Erwartung des Friedensschlusses. Wie ein Wechselfieber liefen die angespannten Hoffnungen, die fassungslosen Niedergeschlagenheiten durch den siechen Körper.

Zu Versailles aber gaben die Sieger ihren Völkern ein Schauspiel. Die im Laufe zweier Jahrtausende verfeinerte Empfindungswelt war ausgebrannt wie ein Krater, in Schlacken türmte sich, was einstmals die Kultur der christlichen Nationen geheißen hatte. Bis zum rohen Kitzel der Heidenzeit mußte zurückgegriffen werden, um die Schaulust der Massen zu befriedigen. Und man führte ein Heldenvolk vor, das vier endlose Jahre hindurch mit malmenden Fäusten die ganze Welt zurückgeschlagen hatte, bis Heer und Heimat die Entkräftung des Leibes und der Seele übermannte und ein Heldenvolk auflöste in zusammenbrechende Haufen körperlich und geistig Entkräfteter. Man führte die Entkräfteten vor, die sich in der Qual einer halbjährigen, demütigenden, von Hunger und Mißtrauen gepeitschten Friedenserwartung selbst untereinander noch zerfleischt hatten, brach ihnen das Rückgrat und ließ sie wie erdefressendes Gewürm durch das kaudinische Joch kriechen.

So waren die Tage beschaffen, die dem Sturm auf die Opterbergwerft folgten, und wie Hammerschläge fielen sie auf Martin Opterbergs Hirn und Herz. ›Schlagt zu, schlagt zu,‹ dachte er, ›das Eisen muß gestählt werden.‹ Aber wie die Schläge schmerzten, darüber sprach er zu keinem Menschen.

Der Tod der Sabine Barthelmeß und ihres Gefährten hatte ihn einige Tage in eine selbstgewählte Einsamkeit getrieben, die von den Freunden in schweigender Zurückhaltung geachtet wurde. Diese Einsamkeit war eine gesteigerte Arbeit vom Morgen bis in die Nacht. Die Feuerschäden der Werfthalle mußten in kürzester Frist ausgebessert sein. Die Spanten eines neuen Frachtschiffes wurden auf die Helling gelegt. Der schwimmende Frachtdampfer hatte klar zur Fahrt zu machen.

Wenn Martin Opterberg mit müden Gliedern in sein Haus heimkehrte, ließ er sich das Abendbrot in sein Arbeitszimmer bringen. »Hab ein wenig Geduld mit mir, Linde,« hatte er am ersten Abend des Werftüberfalls gebeten. »Es ist noch einiges in mir abzurechnen, und das kann ich nur allein.«

»Sprich nicht erst, Martin,« hatte Linde Baumgart geantwortet, »es wär’ mir leid um mich, wenn ich erst der Worte bedürfen müßt’,« und sie war mit einem stillen und freundlichen Blick aus dem Zimmer gegangen.

Auf ihrer Mädchenstube aber litt sie schwerer und heißer als der einsame Mann, von dem sie nicht wußte, wie heftig die Geschehnisse seine Gedanken bewegen mochten, und oft sprang sie in der Nacht empor, horchte ins Haus, schlüpfte die Treppen hinab und horchte an seiner Tür, immer bereit, auf den leisesten Schmerzenston hin bei ihm einzudringen und ihn von seinen Lasten zu erlösen.

Aber Martin Opterberg hatte sich nicht in die Einsamkeit begeben, um einen Schmerz niederzuringen oder einen Stachel aus seiner Seele zu ziehen. Die Schläge, die auf sein Hirn und Herz niedergefahren waren, hatten den Volksangehörigen in ihm getroffen. Der Mann in ihm, der vor langen Jahren von einer Sabine Barthelmeß gewußt hatte, fühlte keinen Schmerz. Und doch war es diese Schmerzlosigkeit, über die er zwei Nächte hindurch grübelte, die er durchleuchtete und durchwühlte. Er griff in eine Leere, er leuchtete in ein Nichts. Und in der dritten Nacht erst fand er.

Es war kein Erschrecken in ihm, als das Nichts sich erhellte und aus der Leere aufrecht und stark die Genugtuung trat. Die Genugtuung, befreit zu sein von seiner Lebensschmach. Die Genugtuung, zu leben und die Feinde dahin zu wissen. »Du oder ich?« hallte es ihm aus den Feldzugstagen in den Ohren. »_Du!!_« gellte es in ihm auf. Und er spürte aus grauen, altgermanischen Tagen das Blut der Voreltern in sich wogen. Er war Sieger.

Aber auch in Versailles wurde ein Schauspiel aus grauen, heidnischen Zeiten zu Ende gespielt. Die Friedensbedingungen, die das Siebzigmillionenvolk der Deutschen mit Keulen zu Boden schlugen, mußten von den Entwaffneten und Entnervten gegen eine Henkersfrist unterschrieben werden.

Nun galt es, in dieser Henkersfrist ein neues Deutschland zu schaffen oder sich in den Erbärmlichkeitstod durch den Strang zu schicken.

Als die Nachricht von der ungeheuren Schmach eintraf, die zu Versailles für das deutsche Volk und jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in deutschen Landen ersonnen war, begaben sich die Freunde in Martin Opterbergs Haus. Es war ein Junisonntag von sehnsüchtiger Schöne.

Aber der Mann in tiefer Trauer, den sie vorzufinden dachten, war nirgend zu erspähen. Mit klarer Stirn und klaren Augen empfing Martin Opterberg seine Gäste, schüttelte ihnen die Hand und dankte ihnen für ihr Erscheinen.

»Das Urteil ist rechtskräftig. Ob wir es schelten, schimpfen und bestöhnen, es wird an uns vollzogen. Da scheint es mir besser für unser bißchen Kraft und würdiger für unser letztes völkisches Empfinden, wenn wir entschlossen den großen Querstrich ziehen. Dort die Vergangenheit -- hier die Zukunft. Und die Gegenwartscholle, auf der wir heute stehen, muß für die Zukunft unter den Pflug genommen werden.«

»Gott sei gedankt,« sagte Christoph Attermann, »daß du aussprichst, was ich denke. Und daß deine Augen wieder so hell in die Welt schauen.«

»Lasset die Toten ihre Toten begraben, Christoph. So steht’s schon in der Bibel. Und im Gesangbuch steht der alte, schöne Erkenntnisvers: Wir machen unser Kreuz und Leid -- nur größer durch die Traurigkeit.«

Linde Baumgart stand am Tisch. Ihre Hände zitterten auf der Platte. So strömte die Freude in ihr. Therese Attermann gewahrte es. Sie trat neben die Schwester und legte den Arm um sie. »Jetzt ist er ganz gesundet, Lindele …«

»Ja -- jetzt marschiert er ins neue Leben.«

Und die Broichs, die sich in ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl nicht vor dem alten und nicht vor dem neuen Leben gefürchtet hatten, lachten den nur finster sich zurechtfindenden Tillmann an, und Therese Attermann fragte, während sie im Kreise um den runden Tisch saßen: »Wo geht der Weg? Wir wollen ihn zusammen begehen wie die Jugendwege tief im Schwarzwald.«

»Ja, Schwesterherz,« sagte Martin Opterberg und sah ihr voll in die Augen, »dort wollen und dort müssen wir wieder beginnen: in der Einfachheit und der nie ausgeforschten Schönheit der Natur. Unser ganzes Volk müssen wir in die Kindheitstage, in die Jugendzeit zurückführen und es von Grund an zu einem neuen Leben erziehen. Wir sind durch den Krieg arm geworden und werden noch ärmer durch den Frieden werden, wenn wir erst seine Bedingungen erfüllen müssen. Was aber tut eine verarmte Familie, die sich nicht ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude rauben läßt? Sie spricht: einst war die ganze Welt mein Haus -- jetzt ist mein Haus die ganze Welt. Siehst du, Therese: hier, mein’ ich, geht der Weg. In den Schoß der Familien müssen wir zurück, an die Mutterbrust der Schlichtheit und Gesundheit. Und mit unserem Wiedererstarken von unserem Hause, von der Familie aus Kreis um Kreis ziehen und nach den engeren Ringen die weiten.«

»Ja, Martin, echte und rechte Heimatmenschen müssen wir werden, wenn wir’s Glück wollen.«

Linde Baumgarts Augen lachten, während die Schwester es sagte.

»Was freut dich denn so sehr, Lindele?«

»Mich freut trotz der Schwere der Zeit, daß es halt so und nicht anders werden muß in deutschen Landen. Daß die Menschen, weil’s Geld nimmer langen wird für die teueren Prunkbäderstädte, hinauswandern müssen und hinauswandern werden in den deutschen Märchenwald und über die träumende Heide und durch die duftenden Ährenfelder, wenn sie eine Herzensfreud’ haben und statt der Dachziegel Gottes Sonne und den funkelnden Sternenhimmel sehen wollen. Und weil der Deutsche, da ihm für seine Erholungsfahrten auf lange Zeit das Ausland gesperrt sein wird, weil der Deutsche nun endlich einmal sein wunderschönes liebes Deutschland kennen lernen wird.«

»Und auch die Spinnweben und Wespennester im wunderschönen lieben Deutschland,« knurrte Tillmann und rieb sich grimmig die Hände. »Ausgefegt werden müssen sie, soll frische Luft sein.«

»Und die Herren Weltbürger dazu,« rief Christoph Attermann, »diese Herren ›Überall zu Haus‹ und nur nicht im eigenen Vaterland. Wenn ich an diese knochenlosen Kurpfuscher denke, diese geschmeidigen Drückeberger in Deutschlands Not, spür’ ich meine Galle.«

»Es gibt eben Menschen,« meinte Broich verächtlich, »die sich aus Angst, für Männer gehalten zu werden, lieber selbst entmannen.«

»Dem ungeduldigen Kranken hilft nur ein willensstarker Arzt,« sagte sinnend Therese Baumgart, »der, wenn’s not tut, zum Chirurgenmesser greift. Vorläufig horcht das Volk, das so ein ungeduldiger Kranker ist, noch auf das Marktgeschrei eines jeden geschwätzigen Quacksalbers, der ein Leibweh höchstens in ein ärgeres Kopfweh umzuwandeln vermag.«

»Und wann wird der Arzt kommen? Wo nehmen wir ihn her?« Und ein jeder sprach seinen Spruch.

»Es wird der größte Mann der deutschen Geschichte werden!«

»Nur wer im eigenen Hause Ordnung zu halten vermag, ist berufen, sich um die Ordnung auf den Märkten zu kümmern.«

»Klein beginnen, aber mit dem unbeugsamen Willen, in die Höhe zu wachsen. Vom eigenen Haus aus die Kreise ziehen, wie Martin Opterberg es sagt, und nach den engeren Ringen die weiten.«

»Eine geschichtliche Erlösung kann nur bringen, wer eine neue und größere Geschichte bringt.«

»Ich wollte,« sagte Martin Opterberg, »im ganzen deutschen Vaterland säßen sie in dieser Stunde Haus bei Haus und sprächen von den Lichtquellen der Zukunft und nicht von dem niedergebrannten Kerzenstumpf der Vergangenheit. Und schüfen an der neuen deutschen Welt, in der es nur noch zwei Parteien und zwei Klassen von Menschen geben dürfte, die Anständigen und die Unanständigen, und die letzten nur, weil wir keine Engel sind und des Sauerteigs bedürfen. Freunde, nie hat eine schwerere Stunde ein Volk der Erde betroffen, und dennoch wollen wir stolz sein, daß wir sie miterleben, daß wir an eine Aufgabe mit herandürfen, für die die Besten gerade gut genug sind. Daran wollen wir denken, wenn wir allein sind und die Einsamkeit fühlen.«

Die Freunde erhoben sich. Wortlos, aber mit klarblickenden Augen. Sie schüttelten sich zum Abschied die Hände und gingen heim, ein jeder, wohin er gehörte. Und der Juniabend schaute durch die Fenster in seiner sehnsüchtigen Schöne …

Martin Opterberg war in sein Arbeitszimmer hinübergegangen. Er saß in der dunklen Ecke seines Ledersofas, und Linde Baumgart stand in der Tür und betrachtete ihn mit ihren warmen Blicken.

»Hast du noch einen Wunsch, Martin?«

»Ja, Linde, ich hätte noch einen Wunsch, und ich meine, die schweren Tage sind vor den anderen dazu geschaffen, um sich Wünsche zu erfüllen.«

»Nenn den deinen, Martin …«

»Ich möchte, Linde -- ich möchte, daß du die Laute nähmst und sängst. Gerade an diesem Tag der deutschen Schmach und Schande. Nur das eine Lied, Linde, das Heldenlied, das uns vier Jahre vorangezogen ist in die Schlacht. Hol deine Laute, Mädchen.«

Sie nickte ihm zu, ging und kehrte mit der Laute wieder.

In dem tiefen Sessel saß sie ihm gegenüber, die Wange an den Lautenhals geschmiegt, und aus dem dunklen Lederpolster leuchtete ihr Gesicht so weiß wie ihr Sommerkleid.

»O Deutschland, hoch in Ehren …«

Martin Opterberg horchte auf, als riefen die Geister der Toten aus den fernen Gräbern in Frankreich, Flandern und Polen. Seine Augenlider röteten sich. Seine Wimpern wurden feucht. Aber sein Herz schlug nicht im Jammer um das Gewesene, es schlug im Stolz um die unvergänglichen Großtaten seines Volkes. O Deutschland, hoch in Ehren!

Die reine Mädchenstimme schwoll an, und die klingenden Saiten trugen sie hinauf zu den Höhen, von denen der Blick in die Weite geht.

»Haltet aus im Sturmgebraus!«

Und Martin Opterberg hörte nicht mehr die Geisterstimmen aus den Gräbern. Seine Augen hatten den alten Glanz zurückgewonnen. Kein Erinnerungstropfen hing mehr an seinen Wimpern. Vornübergebeugt saß er und schaute auf der Sängerin Lippen, als sähe er eine begeisterte Seherin sitzen und der neuen deutschen Welt den Zukunftglauben stählen in dieser Wind- und Wolfszeit, da der Wintersturm brauste im Junimond. Haltet aus! Wir sterben nicht! Wir erstehen! Haltet aus im Sturmgebraus …

Die Mädchenstimme schwang sich hoch auf aus der grauen Zeitlichkeit zu den ewigen Sternen, und des Mannes Augen leuchteten still und strahlend in der Gewißheit deutscher Unsterblichkeit.

»Haltet aus im Sturmgebraus!«

So feierte Martin Opterberg den Friedensvertrag von Versailles, der ein atemlos gewordenes Volk mitten ins Gesicht schlug.

Die Sängerin hatte die Laute an den Sessel gelehnt. Sie stand und wartete, und ihre Brust bebte noch von dem Lied.

»Nun ist die Reihe, zu wünschen, an dir, Linde.«

»Ja, Martin …«

»So sag auch du deinen Wunsch.«

Sie trat zu ihm hin. Auf scheuen Füßen. Und dann kauerte sie sich ganz dicht zu ihm und legte ihm die flachen Hände gegen die Brust.

»Hab mich lieb …«

Wie ein letztes, silbernes Lautenschwirren glitt es durchs Zimmer.

Martin Opterberg blieb wie gebannt. Er rang nach einem Wort und fand nicht eins. Alles, was er in dieser Sekunde zu denken und zu fühlen vermochte, sammelte sich im Anblick dieser friedebringenden Mädchenaugen.

»Hab mich lieb …« bat das Mädchen zum zweiten Male.

Da hob er die Arme und schlang sie um ihre Schultern und zog ihr Herz so fest an das seine, daß sie plötzlich alle Kraft verlor. Aber die weitgeöffneten Augen hielt sie standhaft auf die seinen gerichtet.

»Linde … Linde … das bittest du mich? Du -- mich?«

»Ja, Martin … Es ist ja eins …«

»Gib mir deinen Mund, du --«

Sie hob ihr Gesicht ihm entgegen. --

Er blickte auf ihre Lippen … Er spürte, wie ihm ein heißes, seliges Lachen aus fernen Jugendtagen in die Augen trat … Und er fühlte, daß die Jugend wiedergekommen sei.

Irgend ein Wort stieß er hervor, von dem er selber nicht wußte, ob es ein Wort war, und nur, daß es einen Gruß bedeutete, einen Gruß des Wiederfindens, des Festhaltens, einen Glücksgruß wie auch immer.

Und während er ihr den Atem von den Lippen küßte, legte sie ihre Hände fest um seine Schläfen.

»Linde, Linde, ich hab’ dich lieb. Weshalb fragst du mich?«

»Damit du weißt, wie sehr ich auf dich warte …«

»Du hast gewartet? Warum? Warum?«

»Um dir zu bringen, was du brauchst, um als ein Junger ausfliegen und -- heimfliegen zu können.«

»Als ein Junger … Wo ist dein Mund? Wo sind deine Augen? Als ein Junger, o du … Nun trink’ ich aus dem Jugendbrunnen. Gib, gib …«

Und es wurde Nacht, und sie sahen nur ihre Augen und spürten nur einer des anderen Herz.

»Es ist Johannisnacht,« sagte das Mädchen leise. »Das ist die Nacht der bräutlichen Paare.«

»Es ist Johannisnacht,« sagte Martin Opterberg, »auf den Bergen flammen die Johannisfeuer, und die Menschen, die sich lieben, schwingen sich Hand in Hand durch die Flammen wie durch ein läuterndes Bad. Das ist ein deutungstiefer Brauch.«

»In diesem Jahre,« fuhr das Mädchen fort, »brennen keine Johannisfeuer auf den deutschen Bergen. Drum wollen wir die Flammen in unseren Herzen schüren, daß sie unser ganzes Wesen reinbrennen zum bräutlichen Fest.«

»Mitsommerfest, Linde, Mitsommerfest! Nun erst steht die Sonne im Scheitelpunkt.«

»Ja, Martin. Nun erst beginnt das Leben und Erleben in der Reife.«

Sie standen am Fenster und blickten in den werdenden Johannistag, der die Nacht verdrängte, bevor sie sich ausgebreitet hatte. Schon zuckten die Vorboten der ersten Sonnenstrahlen fernhin über den Himmel.

»Das soll uns ein Zeichen sein für unsere Lebensfahrt, Martin. Schau hin. Nach kurzer Nacht ein langer Tag.«

»Und ein Zeichen für unser Vaterland, Linde. Zu Johanni stürzten uns die Feinde in die Nacht der Schmach. Aber die Johannisnacht ist die kürzeste des Jahres.«

Sie schmiegte sich in seinen Arm, als wären sie nur ein Leib und eine Seele.

Und das Johanniswunder eröffnete alles Land und alles Leben dem Licht. Über den Rhein blitzte es hin wie Funken, und in den dichtverzweigten Uferweiden erwachte hundertstimmiger Vogelgesang.

»Komm mit mir ins Licht, Linde,« sagte Martin Opterberg, und sie hing ihren Sommerhut über den Arm und schritt an seiner Seite durch den Garten an den Rhein und langsam rheinauf.

»Gingen wir so weiter und immer so weiter,« meinte das Mädchen sinnend, »so kämen wir an den Oberrhein, und am jungen Brauserhein zu unserer Frau Christiane -- unserer Mutter.«

»Unserer Mutter …,« wiederholte Martin Opterberg und zog ihren Arm fester an sich.

»Unser erstes Denken in dieser Frühe soll _ihr_ gelten, Martin, die uns Tag und Nacht aus ihren Quellen speiste.«

»Wie ich sie kenne, Linde, ist sie uns schon mit ihrem Denken zuvorgekommen.«

Droben in Scheitelhöhe zogen zwei Falken ihre Kreise. Und wieder wies sie ihm das glückliche Mädchen als ein Zeichen.

»Als wir noch Knaben waren,« sagte Martin Opterberg, »der Christoph Attermann und ich, und mit der Mutter zu den Gletschern stiegen, aus denen die Rheinquellen springen, erspähten wir Buben ein Adlerpaar hoch im Blauen. Und die Mutter nannte sie die Könige der Einsamkeit und lehrte uns, daß just die Einsamkeit einen Gefährten verlangt.«

»Die Einsamkeit?« fragte nachsinnend das Mädchen.

»So fragten damals auch wir Buben. Und die Mutter lehrte uns: Gerade die Einsamkeit. Ohne einen Gefährten wäre sie eine große, leere Gebärde, ein Grab bei Lebzeiten. Mit einem Gefährten die Größe und Fülle des Lebens, aus einer stolzen Höhe betrachtet. Das haben wir Buben uns für alle Zeit gemerkt.«

»Du und der Christoph?«

»Ja, Linde, der Christoph und ich. Denn die Mutter nahm uns Wanderbuben in ein fröhlich Verhör, ob wir uns auch ein rechtes Bild zu machen vermöchten, und ich rief: Die Mutter meint, Einsamkeit und Tod sei noch lange nicht dasselbe. Und der Christoph rief: Und wer nicht tot ist, der hat zu leben, und aus der Höhe betrachtet, läuft’s da drunten durcheinander wie Ameisen, die einen nicht schrecken.«

»Und die Mutter, Martin? Die Mutter?«

»Die Mutter rief: So mein’ ich’s. Und wenn du es dann droben in der einsamen Höh’ einem gleichartigen Gefährten mitteilst und er es dir bejaht, dann wird euch euer ernstes Wissen zur fröhlichen Gewißheit, und ihr habt erst die rechte Freude am Leben, weil’s nimmer ein Fürchten gibt.«

»Nun hast du es mir mitgeteilt, Martin …«

»Und du mir.«