Chapter 22 of 23 · 2010 words · ~10 min read

Part 22

Sie wanderten immer noch den Rhein hinauf, über den die Frühsonne sich breitete wie ein blitzender Schild aus Silber und Gold. »Johannistag,« sang und klang es in ihren Seelen.

»Sag mir eins, Linde. Sag mir, wann du es wußtest, daß du mich lieb hattest.«

Sie ging eine Weile schweigend, als suche sie am Wegrand eine Blume. Dann hob sie den Kopf und blickte ihm offen in die Augen.

»Nein, Martin, das läßt sich nicht sagen, denn es muß wohl immer gewesen sein. Schon in der Mädchenfrühe, seit die Therese mir so warm von dir sprach. Aber überwältigt hat’s mich und geschüttelt, daß ich den Schlaf nicht mehr fand, als ich wußt’, du bist im Unglück, du bist mit dem Heer auf dem Rückzug, du schlägst dich durch die Feinde und wohl gar durch die eigenen Landsleut’ durch nach dem Rhein und über den Rhein und kommst in dein kaltes, leeres Haus. Damals, Martin, damals hab’ ich Nacht für Nacht mein Lämpchen in der Stub’ brennen lassen, denn ich sagt’ mir wohl: vom eigenen dunklen Haus kommt er zum Attermannschen Haus, Nachschau halten, und da soll er Licht und Leben finden, das, was er zumeist benötigt. Und so bin ich die Treppen hinabgesprungen, als es in der Dezembernacht an der Haustür läutete, und hab’ nur ein Gewand über mein Nachtkleid geworfen, nur damit ich die Erste war, die dich begrüßen konnt’ und --«

»Und --?« wiederholte Martin Opterberg und hielt den Schritt an.

»Und dich küssen,« vollendete sie hastig, umschlang ihn mit beiden Armen und drückte ihren Kopf an seine Brust.

Er erwiderte kein Wort. Er hielt sie ganz fest und sah auf ihrem braunen Haar das Sonnenkrönlein flimmern. Nun war das Krönlein der Baumgartschwestern _doch_ noch sein.

Wieder wanderten sie weiter und bogen ab vom Rhein, und das Mädchen fragte: »Wohin gehen wir?«

»Zur Schwester,« antwortete Martin Opterberg. »Ich bring’ dich der Therese.«

Es war erst fünf Uhr morgens, als sie das Attermannsche Haus erreicht hatten, und sie umschritten das Anwesen und gelangten durch ein Pförtchen in den Garten. Die Rosen glühten an den Stöcken und die Nelken auf den langgezogenen Beeten. Ein blühendes Jasmingesträuch war zu einer Gartenlaube geformt.

Nicht lange saßen sie in dem kleinen, verträumten Winkel, als sich die Haustür nach dem Garten auftat und Therese Attermann auf der Schwelle stand. Sie lugte in den Morgen hinein, hob den Fuß, um die Steinstufen hinabzusteigen, und blieb mit einem Male regungslos. Dann aber kam eilendes Leben in sie, und sie schritt schnell die Stufen hinab und in den Garten hinein. Die beiden in der Jasminlaube hatten sich erhoben und kamen ihr, sich fest bei der Hand haltend, auf halbem Wege entgegen.

»Ihr?« sagte Therese Attermann, und ihr Herz schlug hoch. »Ich hatt’ doch das Glöckchen an der Gartenpforte anschlagen gehört und glaubt’, es käm’ einer, der schon in der Früh’ meinen ärztlichen Beistand suchte.«

»Grüß Gott, Therese. Wir kommen zwar nicht zum Arzt, sondern zur Schwester, um ihren Beistand zu erbitten. Die Linde will nun für immer bei mir bleiben und mich nicht mehr lassen! Bist du’s zufrieden?«

Therese Attermann streckte die Hände aus, und die beiden ergriffen die Schwesterhände und streichelten sie.

Ein tiefer Atemzug hob Therese Attermanns Brust. »Ich bin’s zufrieden! Ob ich’s zufrieden bin! Euch brauch’ ich kein Glück zu wünschen. Denn ihr habt’s und werdet’s zu halten wissen.«

»Ich bring’ dir meine Braut, Therese. Laß sie die wenigen Wochen bei dir bleiben, bis ich sie heimhol’. Ich will heut’ noch unser Aufgebot bestellen.«

Da nahm Therese Attermann die Schwester an ihre Brust, mit einer starken, liebkosenden Gebärde.

»Mein Lindele du …«

Und Linde Baumgart eilte, um Christoph Attermann herauszuklopfen, und Martin Opterberg stand mit der Schwester allein und sah ihr in die Augen.

»Du hast mir all mein blindes Jugendtreiben verziehen, Therese? Heute erst frag’ ich dich danach.«

»Martin,« sagte sie leise, »als Christoph Attermann in seiner starken Treue kam, um mich zum Weib zu wünschen, da hab’ ich ihm auf seine männliche Frage nach dir geantwortet: Ich könnt’ für den Martin Opterberg zu jeder Stund’ sterben, aber nicht mit ihm leben … Und dann hast du mit dem Leben gerungen und bist längst ein anderer geworden, bevor das Leben ein anderes geworden war, und wie sehr ich mit dem anderen Martin Opterberg, dem, der vor mir steht, zusammen leben möcht’ und will und werd’ -- ach Martin, das Lindele ist ja keine andere als ich, und ich bin das Lindele.«

»Ich bin ein glücklicher Mann,« erwiderte Martin Opterberg. »Ich danke dir.«

Und Christoph Attermann kam, von Linde geleitet, und fiel dem Pflegebruder stürmisch um den Hals.

»Nun sind wir erst eins, Martin, nun sind wir erst ganz eins. Als hätten sich die beiden Rheinquellen vereinigt und endlich auch zum breiten Strom gefunden.« --

In dem einen Monat, der Martin Opterberg blieb, gab es Arbeit die Fülle für ihn. Aus seinen alten Pionieren waren die Schiffer, die ein Schiffahrtszeugnis für den Rhein besaßen, ausgewählt worden, um mit ihnen den Frachtdampfer zu bemannen. Über die nahe Grenze nach Holland ging die Fahrt, Waren zu laden für den Oberrhein bis Basel, und in Gegenfracht kostbare Hölzer des Schwarzwaldes zu holen. Und als das Schiff den Rhein hinabgeschwommen war, war auch der Monat dahingegangen.

In den ersten Augusttagen legten Martin Opterberg und Linde Baumgart ihre Hände ineinander.

Und sie fuhren in selber Stunde hinaus in den deutschen Süden, dem Land ihrer Jugend entgegen, und fuhren die ganze Nacht und den neuen Morgen den Rhein entlang und sahen den Schwarzwald winken, stiegen aus und wanderten in ihn hinein.

In einem alten Städtchen am Murgufer hielten sie an, hielten sie ihre erste Rast -- -- --

Immer wieder mußten sie zurückschauen auf das alte, liebe Nest am lebenrauschenden Wasser, als sie anderen Tages die Berglehnen hinanstiegen, starrenden Fels und rauschenden Wald zu Häupten und zu Füßen.

»Du!«

»O du -- -- --«

Die langbärtigen Tannen flüsterten, die Quellen sangen, die Vögel redeten in hundert Zungen -- es war alles verzaubert um sie her.

»So war’s in der Jugend, Linde …«

»So ist es heut, Martin.«

Hoch oben auf dunkler Waldeskuppe lag wie ein Krönlein ein kleines, altersgraues Jagdschloß. »Dort ist ein Blick ins Land, so zauberisch wie wenige nur,« wußte Martin Opterberg zu künden, und sie stiegen weiter und saßen doch mehr im Moos, als daß sie wanderten.

Droben lehnten sie an der Mauerbrüstung und schauten mit glänzenden Augen hinaus in die sonnigen Nähen und goldenen Weiten, zu den mächtigen Bergrücken hinüber, von denen die grünen Matten wie Mäntel niederglitten, und hinunter zu den spielzeugkleinen Dörfern, an denen die silberne Murg in Freudensätzen vorübersprang. So klein war die Erde, so groß die unendliche Welt! Und beide waren sie schön in allen ihren Teilen.

Schwer nur lösten sie sich aus ihrem Schauen und riefen sich auf zum Weiterwandern.

»Erzähle mir, was hast du gesehen?« fragte Martin Opterberg, als sie in schweigender Freude die tannenumrauschten Höhenwege schritten.

»Wovon sprichst du?« fragte Linde Opterberg zurück.

»Von dem Jagdschloß auf der freien Schwarzwaldhöh’ und dem Ausblick in Nähe und Ferne.«

»Schilt mich, Martin, denn ich hab’ von all’ dem nichts gesehen. Ich hab’ nur dich gesehen, wie ich Ausschau und Einschau hielt. Dich, dich …«

»Und ich hab’ nur dich gesehen.«

Schulter an Schulter schritten sie durch den Wald und suchten Herberge.

Und jeder Morgen wurde ihnen lieber um des gemeinsamen Wanderns willen und jeder Abend ihnen lieber um des gemeinsamen Rastens willen.

So kamen sie nach Wochen des Glücks zu Frau Christiane und blieben in dem weißen Hause, das auf dem steilen Uferrücken über dem brausenden Jungrhein lag, weitere Wochen des Glücks.

In diesen Tagen sah man oft Frau Christiane auf der kleinen Bank im Felsgarten sitzen, die Hände im Schoß, als dürfe sie sich nun auch bei Tage einmal ruhen, obwohl sie Gäste habe, und auf den brausenden Jungrhein blicken, der nach mancher Meilenfahrt fernhin zum stark und ruhig flutenden Niederrhein wurde.

Und dann traf die Nachricht ein, daß der Frachtdampfer von Rotterdam angekommen und in Basel entladen sei. Vom Meere bis zum jungen Rhein war er die Wasserstraße gezogen, neue Lebenswerte, neue Arbeitswerte an Bord.

»Nun ist Opterbergwerft und Opterberghof einander so nahe gerückt, Mutter, daß du vom Turmzimmer aus mit dem Fernrohr zum Schiff und von Bord aus zum Opterberghof hinüberschauen kannst.«

»Ich hab’s euch immer gesagt: der Rhein und seine Menschen gehören zusammen. Das müßt ihr halten wie ein Naturgesetz. Und die Natur kennt auf die Dauer keine Widernatürlichkeiten.«

Sie standen am Basler Landungsplatz. Der starke Schiffsrumpf war angefüllt mit Rohgarnballen für die niederrheinischen Spinnereien und Webereien, dazu mit Lebensmitteln aller Art, die dem freien Handel wieder zugängig gemacht waren nach der jahrelangen Sperre. Das breite Deck aber war aufnahmebereit für die Schiffsbauhölzer aus dem Schwarzwald, die weiter stromab geladen werden sollten. Der Kreislauf des Blutes hatte wieder begonnen.

Die Zollbeamten kamen von Bord. Die Pässe wiesen Martin Opterberg und seine Frau als die Schiffseigentümer aus. Der Anker konnte gelichtet werden.

Frau Christiane schüttelte den Abschiednehmenden die Hand.

»Das ist jetzt kein Abschied mehr. Das ist nur noch die Freud’ auf das Wiedersehen. Wann tauft ihr euren Buben?«

»Übers Jahr, Mutter.«

»Recht so. Und bringt mir den Opterbergerben zu Schiff auf den Opterberghof. Er soll eine Heimat am Oberrhein und am Niederrhein haben. Wie es sich gebührt.«

»Mutter, und ich schick’ dir jedes Jahr die Erholungsbedürftigen von der Werft. Du wirst ihnen Leib und Seel’ auffrischen.«

»Mit Quellwasser, Bub. Grüßt die Attermanns. Fahrt wohl!«

»Fahr wohl, Mutter.« --

So fuhren sie dahin, das badische Ufer entlang, und sahen zur Linken die französische Grenze, herangerückt an den heiligen Strom. Und Straßburg tauchte auf, und vom deutschen Dome Erwins flatterte Frankreichs Dreifarbenbanner.

Martin und Linde Opterberg standen vorn am Bugspriet. »O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt …« sang es in ihren Herzen, aber während sie den Blick von dem ragenden Denkmal vergangener Tage wandten und geradeaus richteten auf den festen Kurs ihres Schiffes, summten ihre Lippen das alte Heldenlied, das ein Gruß war an die Toten und ein Gruß war an die Lebenden: »O Deutschland, hoch in Ehren …«

»Haltet aus! Haltet aus im Sturmgebraus!«

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Rudolf Herzog

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Rudolf Herzog

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1.—20. Tausend

In sechs künstlerischen Pappbänden 140 Mark In sechs künstlerischen Halbleinenbänden 160 Mark

* _Inhalt_

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_Band 3_ _Das Lebenslied._ Roman

_Band 4_ _Die Wiskottens._ Roman

_Band 5_ _Der Abenteurer._ Roman

_Band 6_ _Es gibt ein Glück …_ Novellen _Der alten Sehnsucht Lied._ Erzählungen

Cotta’sche Gelbe Bibliothek [Illustration: Signet] Romane und Novellen

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