Part 10
Ja, der Pat meldete sich zum Dienst zurück. Er ist noch gar nicht fähig dazu. Er sieht schrecklich krank und wackelig aus. Ich glaube kaum, daß er den fünften Stock des Warenspeichers erklimmen kann ohne Alpenstock. Aber so geht's halt im glorreichen Lande Onkel Sams. Die Sorge, ~ich~ möchte mich in seine Nachtwächterstelle festbeißen, die Angst um sein täglich Brot jagte den Proletarier, nur halb geheilt, aus dem Lazarett ins Kampfgewühl der Konkurrenz.
Daß genug Verdruß übrig bliebe, ohne ~den~, den man sich selber macht -- ich meine, die Menschen sollten sich wenigstens die Existenzsorgen vom Halse halten, und Jammer bleibt genug übrig, ohnehin, um verrückt werden zu können.
Das sind übrigens pensionierte Themas für mich. Tom Pratt hat keine Zeit mehr, der Mißwirtschaft Parade abzunehmen. Seine ganze Energie geht auf in seiner, jetzt nahezu fertigen Dichtung »Der Seestern«! -- Schwester, nicht genug danken kann ich Dir für den Rat, ich soll das Dichten als Basis meiner Zukunft wählen. Du sagst, Gott habe Dir den erlösenden Gedanken eingehaucht. Ich glaub's. Das ist die Weise, wie er zu uns spricht! Wenn wir ruhig sind und lauschen, dann hören wir jedes seiner Worte. Darum bin ich (Du merkst wohl die Veränderung an mir jetzt schon), darum bin ich heute so geduldig, ergeben. Komm', was komm', ich hab' mir in den einsamen Nächten als Wächter viel zugelegt, was mich aufklärt über Zeichen und Wunder. Unmöglich hätt' ich meinen »Seestern« so zu stande gebracht außerhalb jener Kanzleistube und ihrer wunderbaren Abgeschlossenheit. Ach! jetzt packt mich gar das Heimweh nach meiner Nachtwächterzeit. Pat! ich verfolge dich in Gedanken durch alle Winkel des Hauses. Nimm dich in acht vor Gespenstern und bleib weg von Mister Rouß' Sanktum -- der Einarmige sitzt dort!
Ich rechne, in acht Tagen werde ich ganz fertig sein mit meiner Arbeit und darf abliefern. Wie sehr wünsche ich, Du möchtest jetzt neben mir sitzen, damit ich Dir Stellen des Manuskripts vorlesen könnt'. Stellenweise ist der »Seestern« -- lache nicht -- geradezu meisterhaft! Er ist, wie schon der Titel erklärt, ein Ding vom Meer, ein Matrosenroman. Das Meer in allen seinen Bewegungen, Farben und Eindrücken auf den Menschen zu schildern, ohne überschwenglich und einförmig zu werden, das war die Idee. Die Handlung ist Trägerin nur all dieser Perlen, Steine, Juwelen, Muscheln, Flitter und Goldfische, die ich da (wie ich gar nicht bezweifle) mit einem Geschmack und Reichtum angehängt habe, den mir schwerlich einer übertrumpfen soll. Mein Jugendstreich, als ich ohne Abschied von Euch den Mississippi hinunterlotste, in Neuorleans die »Dora Doll« bestieg und herumsegelte mit ihr ums Horn nach Frisco -- der Anschauungsunterricht damals kommt mir trefflich zu statten jetzt.
»Mitternachtswehen am Kap Horn« und »Morgen am Amazonenstrom« schilderte ich, Poesie, Natur, Liebeslust und -tragik, des Meeres und der Liebe Wellen so verschmelzend, daß dem Leser Salzwasser in Form seiner eigenen Tränen auf die Blätter träufeln und er das Buch festhalten wird wie ein Kleinod, aus Furcht, die wehende Brise der See möcht' es ihm entführen.
Schwester, Du wirst lachen und witzeln: jede Mutter hält ~ihr~ Kindlein für das schönste. Warte, Dichter Tom, bis die Herren Kritiker das Ding beurteilen: »Mißgeburt -- Ohren zu lang -- Nase platt -- Augen blöde -- Mund dumm.«
Es gibt aber Mütter, deren Kinder tatsächlich schön sind; und wenn ~ich~ zu dieser glücklichen Sorte gehöre, was dann? Warum soll es nicht möglich sein, daß Tom Pratt einen Treffer ins Schwarze macht beim allerersten Schuß? -- Ein schlechter Schütze verknallt sein ganzes Pulverhorn und trifft die Scheibe nicht. Es kommt nicht aufs Vielschießen an -- nicht einmal so sehr auf Übung -- scharfes Auge (des Geistes beim Poeten), kühles Selbstbewußtsein sind Garantien für Treffen. Und diese Eigenschaften besitze ich, Gott sei Dank!
Der »Seestern« bleibt also vorläufig mein Hoffnungsstern.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 22. Januar 1901.
Teure Schwester!
Mein erstes Wort soll sein: »Verzeihe mir!«
Drei Wochen lang bin ich im Besitz Deiner Glückwünsche zum neuen Jahr, und jetzt erst komme ich, sie zu beantworten. Das ist wieder eine meiner Sünden, die nur entschuldigt werden kann, wenn man Schritt für Schritt die Schwierigkeiten mißt, mit denen schwacher Wille Träumer formt zu aufgeweckten Menschen.
Die rührenden Schilderungen Deines häuslichen Lebens ... Schwester, wie machst Du es nur? Was treibst Du nur? Ist es Leichtsinn, der Dich lachen macht bei solchen Entbehrungen? -- oder ist's Galgenhumor? -- Hier lese ich von einer kinderlosen Dame, die in verschwenderischem Luxus lebte, umgeben von allem, was das Herz begehrt, Freiheit, Freundschaft, Gesellschaft, Gesundheit. Ihr Gatte betete sie an. Schwermut zog sie aber zum Selbstmord.
In Pilot Knob lebt eine Bergmannsfrau, die sechs unerwachsene, immer lärmende, immer essende Kinder als Plagegeister um sich hat, nebst all ihrer Haus- und Wascharbeit. Die Frau ist das wahre Opferlamm. Schlaf, Ruhe, gute Kleider, Speise und Trank, Vergnügen, alles muß sie opfern; und doch ist sie der Inbegriff von guter Laune, Frische, Zufriedenheit. -- Schwester! warum begehst ~Du~ nicht Selbstmord und entfliehst einem Dasein so voller Schatten?
O, warum denn fragen -- hier steht ja die Antwort neben mir: Arme Eva mein! Das ~Kind~ ist fort -- ja, die Elsie ist fort -- und mit dem Kind geht des Weibes Lebenszweck zu Grabe. Das ist das Geheimnis. Euer Ebenbild vor Augen haben, gesund und munter, brav und gedeihlich, das ist eure irdische Glückseligkeit; wie es des Ewigen überirdische, unendliche Glückseligkeit sein muß, Menschen leben zu sehen, die ihn lieben, anschauen, mit ihm reden.
Schwester! Gestern setzte ich mein Kind aus! Meines Geistes Erstgeburt, der »Seestern«, wurde abgeliefert an den Verleger in Neuyork. Es war mein schwerster Gang -- und leichter dünkt es mich, Arbeit zu erbetteln, oder gar Almosen, als so ein armseliges Schreibheft abliefern und erwarten, der vielbeschäftigte hohe Herr solle sich's Zeit und Geduld kosten lassen und den Quatsch kritisieren. Nie kam ich mir kleiner vor, eingeschrumpfter als im Augenblick des Anklopfens an seine Kanzleitür.
»Herein!«
Ich trat ein. So bleich und schlotterig tritt höchstens Hamlets Geist auf die Bühne, wenn sein Schneider im Parterre wartet, wie ich das Kontor betrat.
»Setzen Sie sich!«
Ich setzte mich. Eigentlich fiel ich. Wie ein Taschenmesser mit starker Feder klappte ich zusammen und saß einem Fragezeichen dergestalt ähnlich auf dem Stuhlrand, daß der hohe Herr ohne weiteres frug: »Sie wünschen?«
»Ja,« hauchte ich.
»Was wünschen Sie?«
»Sir!« begann ich, »Sie sehen, ich habe ein großes Unglück erlebt. Mein linker Arm wurde mir abgeschnitten von der Maschine. Das war letzten Sommer. Seither versuchte ich mit allem guten Willen Arbeit zu erlangen, um mich und meine Familie vor dem Untergang zu bewahren -- konnte jedoch nichts finden. Ein guter Geist gab mir den Rat, dieses Buch hier zu schreiben. Ich schrieb's. Ich weiß, es ist kühn, als ungeschulter Mensch zu wagen, was nur Hochgelehrte zu vollbringen vermögen; aber Not ist meine Entschuldigung. Ich bin in großer Not, mein Herr! und flehe um Nachsicht.«
Jetzt war nur noch der leere Bettelsack als würdige Schleppe fester zu binden und meine wohleinstudierte Rede wäre fertig gewesen; aber die Worte klebten mir an der Zunge fest und diese am Gaumen. Ich stockte.
Die Stimme des hohen Herrn klang wohlwollend, als er mich nach einer Pause anredete. Vielleicht fürchtete er, der Schlag werde mich treffen, wenn er mich schroff abweist, und einen Toten von meiner Größe bei sich liegen haben, bis der Leichenbeschauer kommt und wegräumt, das wär' Ursache genug, warum ich gnädig behandelt wurde. Vielleicht aber (o, ich bebte vor Freude) empfand der Herr ein menschliches Rühren.
»Mein lieber Freund! Daß Sie großes Unglück erlebt haben, kann ich sehen. Daß Sie in großer Not sind, kann ich ebenfalls sehen. Das allein soll mich bewegen, eine Ausnahme zu machen. Es ist mein Geschäftsprinzip seit Jahren, keine Manuskripte zu lesen, noch anzunehmen, außer gut empfohlene. Es läuft zu viel Mittelmäßiges ein. Der Markt ist überfüllt und meine Zeit ist kostbar. Dennoch werde ich, wie gesagt, mit Ihrer Dichtung eine Ausnahme machen -- hoffend jedoch, daß Sie, falls meine Kritik abschlägig lautet, das Urteil wie ein Mann ertragen werden. Selbstverständlich würd' es mich Ihretwegen freuen, sollte das Buch druckreif erscheinen. Es kann ja sein. Es ist alles schon dagewesen. Sie werden von mir hören. Adieu!«
Er winkte ab.
Ich ging.
Jetzt heißt es, mit Vorsicht Hoffnung und Verzweiflung balancieren lassen, daß ja keines das andere sinken oder zu hoch steigen läßt. So zwischen Himmel und Hölle hängend -- mein Gott! sind das Zeiten, die meiner harren.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 24. Januar 1901.
Teure, liebe Schwester!
Warum ich Dir schon wieder schreibe? -- Ich lebe in qualvollster Ungewißheit über das Schicksal meines Manuskriptes, über den Unter- oder Aufgang meines »Seesterns«. Ein Gefühl habe ich, als schwebe ich an einem Bindfaden hängend über dem Niagara; wenn der Faden nicht reißt, werd' ich gerettet; reißt er, so fall' ich.
Ach, Jennie! Schwester! Denkst Du, meine Dichtung werde durchdringen? Ist so etwas möglich? Um zwei Zeilen Trost und Aufmunterung fleht Dich an Dein armer
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 28. Januar 1901.
Liebe, teure Schwester!
Alles dreht sich vor mir und steht auf dem Kopf, das Unterste wird oben. Warten würgt sonst die Hoffnung -- bei mir wird die Hoffnung blühender, je länger ich warte. Jetzt sind es sechs Tage, oder genau hundertachtundvierzig Stunden, daß ich meine schriftstellerische Produktion dem Verleger einreichte, und noch habe ich keine Antwort. Das würde vielleicht jeden anderen beunruhigen, mich tröstet es. Die ersten paar Tage lebte ich in peinlichster Sorge. Jede Stunde fürchtete ich, das Manuskript werde zurückgeschickt; sah ich den Briefträger über die Straße schreiten, so zitterte ich: er möcht's in der Tasche haben und mir aushändigen -- und was das bedeutet, o Enttäuschung! Nun bin ich glücklich übers Anfangsstadium weg und fühle fester.
O, es ist himmlisches Gefühl, zu wandeln auf dem Pfad zu besseren Tagen. Der erste Schritt aus Waldesnacht, die den Verirrten grauenvoll umgarnte, der Sonne Licht, das die Nebel teilt und dem Schiffer Küsten zeigt, können kaum solche Zauber wecken.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 4. Februar 1901.
Liebe Schwester!
Es macht mir unerträgliche Pein, daß Du so lange schweigst. Nur ein paar Worte, von Deiner Hand geschrieben, würden mich beruhigen, aber ~nichts~ ist zu wenig. Bist Du krank? Oder quält Dich die Not? Oder bist Du erzürnt auf mich, weil ich Dich unablässig ärgere mit Lamentieren?
Liebe Jennie! Hab' ich Glück mit meinem »Seestern«, dann werden wir alle gute Tage erleben! Es bedeutet totale Umwälzung unserer Lage, von Notstand zu Wohlstand; denn viel Besseres werde ich schreiben nach diesem Erstlingswerk. Getragen vom Erfolg, von Begeisterung, Aufmunterung, Sorgenfreiheit, werd' ich fliegen so hoch -- Freudenschauer schütteln mich, wenn ich denke, wie hoch ich fliegen kann, lastbefreit. Ich werd' dann wohl gar nicht mehr vom Himmel herunterkommen, und meine Berichte zur Tiefe schicken mit irgend einer Post, mit Sonnenstrahlen, Schallwellen, Tau und Regen. Ob mit Blitz und Hagelwetter, soll vorläufig nicht prophezeit noch abgeleugnet werden; unbedingt aber müssen die Menschen sich brüderlicher betragen, oder ich bombardiere die Erde mit Sonnenschlacken und faulen Eiern so groß wie Mondgebirge.
Schwester, Dir besonders werde ich ganz gehörig unter die Arme greifen. Deinen Waschkübel sollst Du zum Bach tragen und schwimmen lassen, den ganzen Mississippi hinunter in den Golfstrom, bis er da als Treibholz landet, wo Nansen den Pol stecken ließ. Dein Söhnchen Peter braucht nicht ins Bergwerk -- nicht so früh untern Boden -- ein passendes Handwerk laß ich ihn lernen. Und Deines Lieblings Wunsch, Pfarrer spielen zu dürfen, werde ich erfüllen; mit der einzigen Bedingung jedoch, daß er reines Christentum predige ohne das vorgeschriebene Beiwerk -- und kost' es ihn seine Anstellung. Allen Deinen Kindern (ach, ich möchte ~allen~ Kindern) soll geholfen werden. -- Glückauf!
Ist das, zusammengezählt und multipliziert mit brüderlichem Segen, nicht ~ein~ Briefchen wert? Bitte, antworte.
Tom.
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Brooklyn, den 11. Februar 1901.
Schwester!
Du antwortest mir also nicht. Dieser wird mein sechster oder siebenter Brief, den ich an Dich richte. Warum antwortest Du nicht auf meine Briefe? Weißt Du denn nicht, daß ich erschöpft bin, an der Grenze bin, daß ich armer, einarmiger, vergessener Krüppel nicht weiterhinken kann und stecken bleibe im Bitten, Flehen: schreibe mir! Schwester, schreibe mir!
Diesen Vormittag besuchte ich den Herrn Verleger. Ich konnte meine Unruhe nicht länger bemeistern und besuchte den Herrn Verleger. Und mein armes Manuskript lag noch ungelesen dort. Nein, viel schlimmer, es lag unter einem Berg von Papier und Büchern vergraben wie ein totes Ding, und der Herr war in schlimmer Laune obendrein.
Was das bedeutet? -- Fehlschlag! Fehlschlag in zermalmendster Bedeutung. O, ~der~ Schlag ist härter als mein Widerstand. Ich werde wahnsinnig, das ist die letzte Offenbarung. Gott will mich vernichten, und weiß ~wie~. Er hat Erfahrung im Fach und trifft jeden Nagel auf den Kopf. Warum? Bin ich ein zu ungeduldiges Ding? Bin ich im Weg? Ist einer zu viel im Schöpfungsraume, der Luft atmet? Was weiß ich von den Launen seiner Majestät, ich bin nicht allwissend. Aber ~den~ Glauben haben sie mir endlich beigebracht: mit Jammern rührt man Götter nicht; eher küss' ich Grönlands Felsen warm, bis seine Gletscher dampfen, eh ich mit allen meinen Klagen einen Gott erweichen kann.
Aber still! kusch! Genug gebellt, genug gepfiffen. Das Allerschlimmste: mein Weib wird kalt. Eva wird mir fremd! Gefühl und Liebe fängt zu rechnen an und multi-dividiert mit kalten Zahlen meinen -- Bankrott. Sie meidet mich. Sie weicht mir aus. Sie fürchtet meine Liebkosungen. Zittert, wenn ich ihr nahe. Erschrickt, wenn ich sie ansehe. So fliehen sie mich alle! Bertie schlägt der Mutter nach und stiehlt sich fort. Das Schicksal ist mir todfeind. Gott auch. Die Menschen alle. Du auch. ... Der ~eine~ nur, den ich am meisten könnt' entbehren, den ich verwünsche bis ins Grab, der mich plagt und hetzt -- mit Bitten und mit Drohen kann ich von seiner schrecklichen Gesellschaft nicht freikommen -- der eine, letzte, der mir folgt in alle Ewigkeit, ist:
Tom.
* * * * *
Pilot Knob, den 16. Februar 1901.
Armer Tom!
Gewiß -- Du hast recht. Sechs oder mehr Briefe habe ich von Dir und keinen beantwortet. Und sag' ich die Wahrheit, keinen gelesen -- oder gelesen und vergessen. Sie sind ja alle gleich. Jeder ist voll von Klagen. Und Du hast recht. Es geht dir schlecht. Herzlich schlecht. Was soll aus Dir werden jetzt? Ich seh' keinen Ausweg aus diesem Labyrinth von Unglück -- gar keinen. Ich hab' nachgedacht, nächtelang, tagelang, und bin, aufrichtig gestanden, müd' und krank darüber. Es wird mir zum Ekel, das Denken. Ich kann Dir nicht helfen. Hilf Dir selbst! Sieh, wie Du fortkommst! Wann nicht, dann nicht. Ich zweifle, ob Du es kannst. Wahrscheinlich wirst Du keine Arbeit bekommen mit Deinem verkrüppelten Körper und -- verkrüppelten ~Geist~. Dein krankes Weib wird noch eine Weile waschen, und dann wird sie ~nicht~ mehr waschen. Man sieht den Schluß des Trauerspiels kommen -- natürlich. Er kann nicht anders lauten als: »verdorben und gestorben.«
Tom, ich schreibe dieses alles nur so hin, wie mir die Worte einfallen. Ich denke nichts dabei. Das Denken hat mich krank gemacht. Das Reden, Bitten, Trösten hat mich krank gemacht. Ich muß mich schonen. Nachgeben. Wenn ich weinen könnte, dann würde mir wohler -- das fühle ich. So recht heiß und lange weinen. Aber schreien hilft nichts. Ich hab' geschrieen, daß ich heiser bin. Es hilft nichts. Es gibt keinen Schrei, der hinüberreicht zu den Toten, Tom. Keinen ... Und das Kind ist fort ... Zerrissen haben sie mir das Kind ins Haus getragen. Als hätten wilde Tiere mein Kind zerrissen, so haben sie es mir ins Haus getragen. Ach Gott! warum ließ ich das Kind ins Bergwerk und schaffen wie ein Sklave um das bißchen Essen, dass es ißt. Jetzt ist es tot. Die Wand fiel auf die liebe, teure Form und zerdrückte mein Kind zur blutenden Masse ohne Atem, Leben. Das war der Anfang und das Ende seiner ersten Woche. So schnell. So gründlich.
O, mein Kopf! Mein weher Kopf! Ich möchte am liebsten liegen -- hinliegen irgendwo im schwärzesten Winkel der Welt und schlafen -- schlafen. -- Das ~eine~ muß ich Dir aber noch sagen, eh ich die Feder weglege: Du sollst mir keine Antwort geben auf diesen Brief. Wir reisen ab ins nordamerikanische Sibirien, zu den Bären und Wölfen, nach ~Montana~. Morgen. Auch das noch! Was dann? -- Peter hat sich anwerben lassen ins Silberbergwerk. Der Vater kann nicht in der Grube schaffen, wo sein Kind erschlagen wurde, das ist die Ursache der Flucht. Und ~ich~, ich kann mich nicht losreißen vom Grab meines Kindes. Beide haben wir recht. Aber ich verliere, er gewinnt. Ich verliere immer, immer. Daß ich ~eine~ Stunde meines Lebens wüßte, wo ich nicht die Verliererin war! -- Aber still, still. Stumpfsinnigkeit, erbarme dich meiner! Es gibt keine Saite der Seele, die nicht wimmerte, würd' ich weiterschreiben jetzt. Darum still, still. Tom, ich muß schließen. Noch vieles, vieles möchte ich sagen. Aber besser so -- wir nehmen Abschied auf Leben und Sterben hier. -- -- --
Die Abendsonne scheint ins Tal herab. Wenn Menschen sterben, die wir lieb gewonnen, so sind ihre letzten, langen Blicke -- wie der Abendsonne Schein in meine Kammer hier. Leb wohl, Licht, Heimat, Welt. Und morgen scheinst du wieder in die Kammer hier -- und Jennie ist gegangen.
* * * * *
Deer Lodge, Montana, den 27. Februar 1901.
Lieber Schwager Tom!
Die Jennie ist jetzt auch gestorben. Sie hat sich das nicht ausreden lassen. Daß es kalt ist. Jetzt ist sie tot am Sonntag. Dann ist sie doch fortgangen. Dann ist sie begraben worden gestern. Das war auch kalt. Das Wetter ist immer kalt. Es schneit auch immer. Dann ist es noch kälter. Dann ist es zugefroren. Wenn man Wasser holt ist es immer zugefroren. Mann muß es aufhacken dann kommt das Wasser. Das Wasser gefriert auch immer in der Küche. Ich sagte zu Jennie daß es kalt ist. Jennie sagte eins muß gehen. Wenn es kalt ist muß doch eins gehen. Am Sonntag geht immer eins. Dann hab' ich gesagt es ist verrückt in die Meß gehen so weit. Weil der Peter tot ist bist du verrückt. Dann ist sie fortgangen in die Meß. Das tut mir leid daß sie ist fortgangen und hat wenig Kleider. Jennie hat auch alte Schuh. Weil ich neue Stiefel hab' hat sie wollen warten. Der Willie hat auch alte Schuh. Dann hat Jennie geweint und ist fortgangen zur Meß. Die ist aber vier Meilen weit oder fünf. Das sind aber acht Meilen weil sie in Buxton liegt auf der anderen Seite. Der Wald liegt auch noch drüben. Die Kirche liegt nicht im Wald. Auf der anderen Seite in Buxton liegt die Kirche wenn man dort ist. Dann ist die Jennie nicht heimkommen. Am Abend ist sie auch nicht heimkommen. Dann hat jeder die Laterne genommen und hat gesucht. Der Mister Kelly hat sie gefunden zuerst. Der ist auch ein guter Freund von mir und hat den Laden. Jennie kaufte meine Stiefel in seinem Laden. Dann hat sie noch gelebt. Sie ist aber schon ganz steif gewesen. Und mitten im Wald. Dann haben wir Jennie heimtragen ins Bett. Dann ist sie gestorben um zwölf.
Dein Schwager
Peter Daly.
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Deer Lodge, Montana, 17. März 1901.
Lieber Onkel Tom!
Mama ist tot. Du weißt es. Vater hat es Dir geschrieben. Schon drei Wochen lang ist Mama tot und noch kann ich es nicht glauben. Jeden Morgen wenn ich aufwache schau' ich verwundert herum, warum Mama nicht klappert mit den Tellern in der Küche. Dann fällt mir ein, ach! Mama ist ja tot. Ach, es ist so still bei uns, seit Mama nicht mehr lacht und redet und kocht und wascht. Ich habe schon so viel geweint daß ich nicht mehr kann. Ich kann nur den Kopf schütteln und herumgehen und alles anschauen, antasten, was der Mama gehörte weil sie lebte. Ihr Gebetbuch, den Rosenkranz, ihre Kleider. Ach, Onkel! es ist traurig. Wenn ich schreiben könnte wie ich fühle, dann würdest Du weinen über diesem Brief; aber ich kann nicht schreiben wie ich fühle. Ich kann nicht leben ohne Mama. Warum ist sie fortgegangen von uns? Warum hat der liebe Gott die gute Mama weggeholt und wir brauchen sie doch so notwendig? Molly und Rose muß ich ankleiden jeden Morgen und auskleiden am Abend und waschen und kämmen. Lilli ist auch noch zu klein. Tommy auch. Ach, es ist traurig ohne Mama. Sie fehlt uns. Bei Nacht liege ich stundenlang wach und warte. Ich schließe die Augen und denke: Mama kommt und küßt mich. Ich deck' mich bloß und denke: Mama kommt und hüllt mich warm. Und wenn ich träume von ihr und aufwache mitten in der Nacht und alles nur ein Traum war und gar nichts um mich ist als nur das Atmen meiner schlafenden Geschwister in der Kammer, und draußen der Wind, der rüttelt am Fensterladen und heult im Wald -- -- ach, Onkel! ich kann's Dir gar nicht schreiben wie ich traurig bin. Ich muß dann aufstehen. Ich muß herumgehen im kalten Haus wie ein Geist. Manchmal nehme ich Mamas alte Schuhe ins Bett zu mir und halte sie am Herzen, bis ich wieder einschlafe. Ach, Onkel! tu mich nicht auslachen und nicht den Leuten erzählen. Ich kann mir nicht helfen. Und Vater ist auch ganz verzweifelt. Er mag nicht schaffen und läßt alles verwahrlosen. Er ist so bös, daß ich mich fürchte vor ihm.
Ach, wenn Mama nur noch einmal käm' und wenigstens Abschied nähme. Sie hat gar nicht Abschied genommen. Sie war kalt und ohnmächtig, als sie fortging. Die schöne, gute Mama.
Ach! jetzt muß ich doch wieder weinen. Ich meinte, ich könne nicht weinen, und jetzt muß ich doch wieder weinen.
Lieber Onkel! Jetzt werde ich den Brief schließen. Ich wünsche Dir viel Glück und Arbeit, damit Du Geld verdienst. Der lieben Tante Eva wünsche ich Gesundheit und dem lieben Bertie auch alles Beste. Mama hat so oft von Euch gesprochen. Nun ist sie tot.
Willie Daly.
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Deer Lodge, den 24. März 1901.
Lieber Onkel Tom!
Ich habe Heimweh und niemand hier, dem ich's klagen kann. Darum schreibe ich Dir schon wieder. Vater ist zur Schenke gegangen. Er geht jeden Abend zur Schenke, seit die gute Mama tot ist. Er kann's nicht aushalten in der Stube ohne die Mama, sagt er. Ach, es ist ja wahr, es ist schaurig hier im Haus. Eben schlägt die Uhr auf dem Kamin neun. Vier Stunden lang ist es schon Nacht. Und was für eine Nacht. Schnee, Schnee, Eis und Sturm. Und hier sitze ich allein. Die Kinder schlafen nebenan, aber Lilli hustet. Sie ist krank. Sie haben alle Erkältung und Lilli am meisten. Was soll das werden? Wären wir doch nie von der lieben, schönen Heimat weggereist. Dann lebte die gute Mama noch und Vater blieb' zu Hause bei uns. Jetzt bleibt er gar nie zu Haus. Und ist so bös mit uns. Jeden Abend sagt er: wenn wir alle miteinander sterben täten, wär's gut. Das Unglück hat Vater so verändert. Er war gut mit uns in Pilot Knob.
Ach, Onkel! Jetzt sitz' ich hier am Tisch und schreibe. Am alten Tisch, vor der alten Lampe, auf dem alten Stuhl, meine Schulhefte, Tinte und Feder vor mir. Wir brachten alles von Pilot Knob herauf. Die Heiligenbilder an der Blockwand schauen mich an wie früher. Die Uhr tickt wie damals.
O, meine Mama! -- Wie oft bin ich, seit sie tot ist, hier gesessen in der Stube, allein. Bis elf, bis zwölf, bis Vater heimkam von der Schenke, und habe das Licht herabgedreht, daß es schier auslöschte und mit dem glühenden Ofen zusammen überall herum Schatten zittern ließ, am Boden, an der Wand, an der Decke. Und bin herumgegangen von Schatten zu Schatten.
O, ich kann nicht leben ohne meine Mama!!
Willie Daly.
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Deer Lodge, den 27. April 1901.
Lieber Onkel Tom!