Chapter 3 of 12 · 3866 words · ~19 min read

Part 3

Nun genug. Zurück zur Prosa, zur allertrockensten Prosa -- zum Peter. Mein lieber Mann läßt Dich vielmal grüßen und -- leid tut's ihm, daß sein Schwager Tom -- -- und so weiter. Wenn's dem ~Peter~ leid tut, wenn's diesen Felsen erweichen tut -- Bruder, Du kannst Dir etwas einbilden auf Peters Sympathie. Ist's wenig -- es ist sein Alles. Zehn, zwölf Stunden lang täglich schaufeln, graben, wühlen, heben, auf dem Bauch und Rücken rutschen, im Kot und im schlammigen, schwarzen Wasser herumkriechen wie niederste Tiere -- Todesgefahr vor Augen sehen, verstümmelte Kameraden sehen -- Leichen sehen -- nicht im Sonnenschein und Blau der Oberwelt -- in schwüler, fauler Grubenluft, Nacht und Felsen der Brust so nah wie der nasse Rock, das nasse Hemd. Mitleid aus ~solcher Tiefe~, Bruder, das ist der Menschenseele ungekünstelt reinster Ton. -- Also, dem Peter tut's leid!

Meine Kinder beten jeden Abend ein »Vaterunser« für Onkel Tom in Brooklyn; das sind sechs Vaterunser. Hoffentlich betest Du auch bald eins, damit es sieben werden. Sieben ist eine heilige Zahl, eine magische, segenbringende Zahl. Man soll nie aufhören mit fünf und sechs. Ach, jetzt widerspreche ich meiner eigenen Weisheit, denn ich möchte um alles nicht mehr als sechs »Kinder«. Beim Abstimmen mit Peter jedoch bin ich der unterliegende Teil, und sieben -- --

Sssst!! Huh! Pfui! Schäm dich, Jennie. Könnt' ich das wegkratzen ...

Bruder! Wenn ich so hin und wieder, wie eben, übers Ziel haue, danke ich immer gleich der Vorsehung für das Bleigewicht, das sie mir aufladet. Wo rast' ich hin ohne dieses Kreuz, mit meinem Übermut zügelloser Gedanken?

Dann soll ich noch ein Beileid berichten nebst Gruß von Deinem Schulkameraden Dick Teller. Der geht auch herum den Arm in der Schlinge -- und sein Bruder Bill geht überhaupt nicht herum -- der liegt zwischen Leben und Sterben im Bett. Sie verunglückten beide beim Stollenstützen. Ein dritter wurde tot heraufgeschafft, ein Familienvater. Gott, war das ein Jammer; die Leute wohnten neben uns, und nächtelang hörten wir die Kinder und die Mutter schreien. Jetzt sind sie nach St. Louis geschickt zu Verwandten.

Ja, ja, die Armen haben viel Herbes zu tragen, viel Kreuz und Elend. Es scheint die ganze Last zu ruhen auf den Armen. Und doch haben es die Reichen noch unbequemer, die müssen sich ihre Sorgen selber machen -- wir bekommen sie geschenkt.

So, nun ist Schluß der Debatte: das Papier geht aus. In der Ecke unten, rechts, soll ich aus dem Brief heraus. Das ist jedesmal der Fall, wenn ich schreibe. Ich bin eine leichtsinnige Schreiberin. Ich weiß gar nichts von Gesetz und Maßhalten. Zum Spaß möchte ich nur mal sehen, wie viel ich so per Zeilen mit Dir plauderte, wär' der Briefbogen tausend Meilen lang. Bruder, ich käme schreibend durch Missouri, Illinois bis zu Dir nach Neuyork!

Herzliche Segenswünsche für Eva und Bertie. Schier vergess' ich's wieder: dem Bertie Glück zu seinem vierten Geburtstag. -- Gutes Kind!

Jennie.

* * * * *

Brooklyn, den 17. September 1900.

Liebe Schwester!

Mein Wort ist eingelöst. Ich war gestern in der Kirche, und zwar in der Hochmesse. Das wird Dich freuen, und noch mehr wird es Dich wundern, wie es mir ergangen ist dort. Darum schreibe ich diesen langen, vielleicht zu langen Brief.

Das allererste Gefühl, das mich erfaßte beim Beschreiten der Kirchenschwelle, war -- Heimweh; und so überwältigend war es, daß ich herumgegangen sein muß wie ein Schlafwandler, denn ich fand mich plötzlich knieend in einem Betstuhl, nahe der Wand. Vor mir waren die Stühle besetzt mit Frommen; hinter mir, das sah ich nicht, aber hörte leises Flüstern betender Stimmen. Meine Nachbarin war ein berückend andächtig die Augen senkendes Mädchen, ihre Nachbarin ein altes Mütterchen mit schon geretteter Seele. Ich befand mich also in guter Gesellschaft. Verstohlen, um kein Ärgernis zu geben, ließ ich meine Blicke umherwandern und bemerkte viele alte Neuigkeiten, viele neue Altertümer, zahllose Bekanntschaften aus grauer Vergangenheit; mehrere grüßten mich bei Namen. Die Halle war geschmackvoll in Architektur, Skulptur, Malerei und ließ dem Tadel keinen, dem Lob allen Spielraum. Harmonische Harmonie, getaucht in wohltuendes Halbdunkel, füllte den Raum; dazu spielten die vielen Lichter und die Farbenpracht der Fenster feenhafte Akkorde. Wenn das die alltäglichen Kirchenbesucher zur Andacht neigt, wie viel mehr mich Fremdling. Ich empfand denn auch ein Regen im Busen, das wenig gesteigert mich zum Schluchzen gezwungen hätte. Tränen umflorten meine Augen, zwei davon tröpfelten auf den Ärmel nieder, die andern wischte ich fort. Unsäglich hilflos -- mit tiefstem Menschenelend als Gesellschafter -- ein Sünder vielhundertfach -- ein Gottesleugner und Spötter -- ein Bettler, den Verzweiflung zwingt, an die Pforte zu klopfen, die er in besseren Tagen besudelte mit Spott und billigen Sarkasmen -- so kniete ich, zwischen Gott und mir die Schuld, zwischen mir und Gott die Schuld. Ich schaute mich um und gewahrte Menschen, knieende, singende, betende, nichtbetende; reiche, wohlgekleidete; arme, sehr arme -- aber keinen so arm wie ich. Alle konnten sie das »Vaterunser« sagen -- ich nicht. Alle konnten sie glauben -- ich nicht. Alle konnten sie die Hände falten -- ich nicht. Was tu' ich hier? -- Gott! Gott! wenn du bist, was diese Betenden ahnen, gib mir (das Wenigste, um was gefleht werden kann), gib mir mein Eigentum wieder, ich hab's verloren -- meinen Kinderglauben.

Jetzt begann die Orgel mit süßen Tönen, dann aus voller Brust den Raum füllend, ihr jubelnd Kyrie und Gloria. Anklammernd webten sich die Stimmen der Gläubigen in das Rauschen der Orgel, Natur und Kunst so eng verflechtend zu eins. Mein armes Herz -- das letzte, wenn ihm alles fehlt, es preßt sich aus in wehem Krampf -- blutete -- blutete.

Armes Herz! bist, wenn auch nicht ewig, doch lebenslang Gefangener in des Körpers Kerker -- wenn frei wie seine Wünsche der Geist kann fliegen. Ach! der Geist, der luftige, der lächelnde Titan, er lockt mich weg von dir und trägt mich adlergleich der Heimat zu. Jetzt zaubert er Mittagssonnenschein über die Gefilde und zeigt das teure Pilot Knob, die Berge und Täler, Fluren, Felder, Wälder, das Vaterhaus, die Hütten der armen, schlichten Leute -- dort die Hütte der Jennie; zeigt ihre Kinder, sie, ihren Mann, wie sie vor dem Häuschen im Schatten der Nußbäume spielen; denn Sonntag ist's auch dort, so hat er's eingerichtet, der kleine Allmächtige, Allwissende. Jetzt zaubert er die Nacht auf Berg und Tal, und alles ruht. Des Himmels Sterne überwölben von Arkadien im Süden bis hinauf zu den eisigen Bergen ein blumenduftend Feld. Melodisch rauschen dort die Wasser des Wiesenbachs. Heilig rauschen hier die Weiden an der Kirchhofmauer. Leichensteine heben sich ab aus dem Dunkel der Nacht. Vollmond beleuchtet jetzt die Stätte. »Vater«, »Mutter« steht auf dem Grabstein. »Hier ruht« -- »Hier ruht« -- -- Ja, ja, hier ruhet, Vater und Mutter; gestorben seid ihr, ohne gelebt zu haben. -- Nun verhüllt sich hinter Wolken der Mond, und undeutlicher hängen am Hügel die Hütten. Hin und wieder flackert ein Licht auf und zeigt -- -- --

O Heimat! Heimat! Was ist Kummer, Elend, Sorgen? Was ist Kummer, Elend, Sorgen, gelitten in der ~Heimat~? Was ist an Mutters Busen ein leidend Kind, in Schlaf geküßt? Was ist ein leidend Kind, ~nicht~ in Schlummer geküßt, weggerissen von der Mutter? Was ist Kummer, Elend, Sorgen in der weiten, weiten Welt, allein, allein im Menschenmeer verloren, verkannt, verbannt?

Hier bekam ich meinen Tritt. Erschrocken fuhren die Geister zurück zum verwaisten Leib. Die Gemeinde um mich war aufgestanden. Der Priester sang laut das heilige Evangelium. Ich stand, etwas verspätet, auch auf -- und horchte. Der Gesang war in lateinischer Sprache, und mit Befriedigung fühlte ich mich den Anwesenden gleichgestellt, denn niemand verstand den Sinn noch die Worte der himmlischen Botschaft. Ihren Abschluß bezeichnete der Geistliche mit einem phlegmatischen Kuß aufs Buch. Der war gleichzeitig das Signal zum allgemeinen Niedersitzen.

Es schien mir, als käme nun der wichtigste, anziehendste Teil der Feierlichkeit: denn wer nur irgend einen Hals hatte, der hustete, räusperte, spuckte aus, schneuzte sich die Nase, rückte, rutschte, es glich einer vollständigen Auskehrung der Menschenbrust, um möglichst Raum zu schaffen für göttliche Dinge, die da kommen sollen. Langsam drehte sich der Priester um gegen die Gemeinde, und noch langsamer begann er zu verlesen: die Tagesneuigkeiten.

Heute ist der sechste Sonntag nach Pfingsten (oder ich weiß nicht was; einerlei).

Nächsten Donnerstag feiern wir die Himmelfahrt Christi.

Am Mittwoch ist ein gesetzlicher Fasttag.

Am Samstag noch einer.

Am Freitag sowieso.

Ganz arme Leute, die Kartoffeln mit Salz zum Festessen rechnen, sind vom Fasten suspendiert; ebenso Schwerkranke und kleine Kinder.

Die Geldsammlung bei der zweiten Kollekte am letzten Sonntag betrug 196 Dollar 45 Cent. Das sind 22 Dollar und 17 Cent weniger als am vorhergegangenen Sonntag. Ein Kirchenmitglied gab 10 Dollar. 22 Mitglieder gaben je 1 Dollar. 66 gaben je 50 Cent. 84 gaben je 25 Cent. 710 gaben je 10 Cent. 349 gaben je 5 Cent. Und 2200 gaben je 1 Cent. Dann kam ein scharfer Verweis gegen die Knauserigkeit der Gemeinde, besonders gegen schmierige Pennygeber. »400 Dollar in zwei Kollekten, das sind noch keine lumpigen 25000 im Jahr mitsamt den Nebengeldern!« schrie der Geistliche im Angesicht des armen, barfüßigen Nazareners.

»Eine heilige Messe wird gelesen,« begann er wieder, »jeden Montag für alle diejenigen, die zehn und mehr Cent geben in jeder Kollekte. Eine Messe wird gelesen für alle diejenigen, die zehn Cent und mehr geben bei der Haus-zu-Haus-Kollekte. Am Mittwoch ist eine Messe für die Geldsammler. Am Donnerstag Spezialkollekte auf Listen. Dann ist heute das Sitzgeld fällig. Sammelkästen sind aufgestellt für den heiligen Vater, ebenso für die Mission bei den Indianern. Heute abend sieben Uhr ist musikalischer Vortrag des beliebten Paters Bennett, nebst zugehörigen Nebelbildern, hier im Gotteshaus; Eintritt 50 Cent, 75 Cent und 1 Dollar.« Und so weiter. ...

Gottlob! ich war jetzt wieder vollständig nüchtern. Das Idealisieren war verdampft wie Spiritus im Rinnstein -- nach solcher Zahlenschlacht am Hochaltar. Aber bewiesen war es gut: daß Seelsorger für den Leib sorgen.

Jetzt stand die Gemeinde abermals auf. Der Priester verlas das Evangelium, diesmal in gutem Englisch. Es war die Botschaft vom Himmelreich, das gleich ist einem Senfkörnlein. Ich kannte die Parabel noch aus meiner Schulzeit.

Hiernach folgte wieder ein Hinsitzen. Das ging überhaupt fleißig auf und ab. Man kam nie zum Ausruhen. Man halbierte und dreivierteilte in einem fort die Körperlänge, und die Kniescharniere wurden förmlich erhitzt -- besonders bei dürren, ungeölten Beinen. Es war die reinste Turnschule.

Dann geschah die sogenannte Predigt. Der Pfarrer gab zu dem Senfkörnlein seinen Senf, und der Titel berechtigte mich, eine gewisse Schärfe zu erwarten; es war aber nicht einmal Mehlsuppe, ohne Schmalz und Salz. -- Daß es sündhaft ist, dem heiligen Mann den Text zu verlesen, weiß ich selber, aber der heilige Mann hat zuerst angefangen und ~mir~ den Text verlesen. Er stieg auf die Kanzel und bombardierte mich von dieser Debattierfestung aus mit seiner Predigt. Predigen heißt: bekanntmachen, erklären, unterrichten, belehren, lehren. Er lehrte mich. Eigentlich lehrte er mich ~nicht~, noch sonst jemand. Ein Leerer kann nicht lehren. Ein Lehrer kann lehren. Ein Leerer kann höchstens Taschen leeren. Ein Leerer kann aber gefüllt werden, und soll er gelehrt werden, muß er gefüllt werden mit Weisheit, Wissen, mit den sieben Gaben des heiligen Geistes; so wird der Geleerte gelehrt. Der Unterschied zwischen gelehrt und geleert dreht sich ums »Ha« rum. Ich könnte somit sagen: der heilige Mann ist ums »Haar« ein Gelehrter. Das endete die Kontroverse zufriedenstellend; aber unglücklicherweise denk' ich an meine abgesägte Hand und die Zwanzigtausenddollarkollekte, und eine unwiderstehliche Raufwut jagt mein Blut ins Kochen.

Nein, dieses Mannes Kopf war so hohl, öde, leer, geistlos -- wie ein virginischer Weinkeller nach konföderierter Einquartierung. Und mit dieser Leere kommt er hausieren zu mir; nicht hausieren, er nötigt sie mir förmlich (unter Höllenstrafe) auf als himmlische Ware, als Heiliggeistfabrikation; verlangt, ich soll die Leere fühlen, sehen, hören, soll mit der Leere meine dürstende Seele füllen, im Leeren fischen nach Glaube, Hoffnung und Liebe, aus der Leere eine Lehre ziehen. Daß man zwanzig Winter lang studieren muß, um gescheit zu werden, ist bei einem Menschen, der Pfarrer werden will, begreiflich, aber so lang studieren und eine solche Predigt quacksalbern, das ist zum Zähneknirschen für Engel.

Also: »Das Senfkörnlein ist gleich dem Himmelreich.« Herrgott! welcher Spielraum ist hier einem Redner gegeben. Von der Wurzel im Erdboden bis hinauf zum blauen Saum der Unendlichkeit, in alle Höhen und Tiefen kann der Redner steigen und fallen und seine Hörer mit sich reißen wie der Wirbelsturm die losen Blätter. -- Offenbar kannte der geistliche Herr gar nicht die Bedeutung der Parabel, oder verwechselte Senf mit sauren Gurken, Spinat und Linsen.

Mit nichts kann man nichts begeistern. Zwanzig Prozent der Gläubigen begannen denn auch einzuschlafen während der Predigt. Zwanzig weitere langweilten sich; fünfzig Prozent hielten zeitvertreibende Heerschau über die Anwesenden, über alte Bekannte in neuen Kleidern. ~Ich~ betrachtete mit Andacht ein Bild an der Wand: es stellte den Heiland dar, wie er fällt unter Kreuzeslast. Ein rührend Bild, ein ergreifend Bild; das Gute, Edle, Anbetungswürdige liegt am Boden, und Brutalität triumphiert. Armer Jesus!

Dann schweiften meine Blicke über die schläfrige Menge hin und berechneten, wie viele von diesen Christen wohl beispringen täten und helfen, falls der arme Jesus wirklich, leibhaftig, jetzt eben hier im Kirchgang mit seinem Holz auf dem Rücken daherwankte. Alle? -- Ich mußte schier laut lachen, als ich die vielen Damen ansah mit Seidenkleidern, Straußenfederhüten und Diamanten im Ohrläppchen -- und dann das arme Mütterchen nebenan, in schäbigem Tuch und wahrscheinlich krummen Schuhen.

Dann zogen meine Blicke an der Mauer entlang und gewahrten einen Mönch mit einem Kindlein im Arm, beide aus Holz geschnitzt und bemalt. Ich wollte eben dividieren und subtrahieren, wie viel der Heilige vergessen muß, bis er so unschuldig wär' wie ein Kindlein, und wie viel er lernen muß, bis er so herzinnig natürlich könnte sein wie ein Kindlein. ... Dann sah ich weiter vorne eine heilige Nonne, auch aus Holz geschnitzt. Sie hielt den Rosenkranz und blickte nach oben. Ich stellte Betrachtungen an über ihre wunderbare Gleichgültigkeit gegenüber dem Weltlichen (ich meine die Heilige, nicht den Holzklotz), und wie wenig das entsetzliche Ringen ihrer Schwestern sie bekümmert, behindert, den Weg zu spazieren nach dem Himmel -- allein. Ja, ja, allein. Aus diesem grauenvollen Seelenschiffbruchsdurcheinander, das sie hier umtoset, rettet diese Selige -- wen? -- ihr liebes, teures Selbst. Das ist mehr, als manche Mutter kann, die beim Retten ihrer Kinder, ihres Gatten untersinkt.

So standen noch mehrere verschmitzte (geschnitzte, wollt' ich sagen), ungehobelte, aber vergoldete St.s an der Wand herum, in faulenzender Bequemlichkeit ihre nachahmungswerten Eigenschaften präsentierend. Sie waren größtenteils junge, ledige Leutchen, die bei Lebzeiten und löblichem Mühen den Weg entdecken konnten zur ewigen Seligkeit. Den ~heiligsten~ Heiligen aber, den armen, geplagten Familienvater, der ehrlich und redlich sich abschindet für Weib und Kinder, bis er Lunge und Leben verhustet im Staub der Werkstatt -- dem sein Bild sah ich nirgends. Auch keinen Yankee-Heiligen konnte ich bemerken; lauter Ausländer mit fremden Gesichtern, Kleidern und wahrscheinlich Manieren. Ganz oben, links, im vordersten Chorfenster brannte die Sonne einem »Glasgemalten« so energisch auf den Rücken, daß sein ganzer Inhalt, des Leibs und der Seele, wie ein Balken farbiger Luft in die Kirche hineingeblasen wurde.

Schon wieder mußte ich pausieren im Phantasieren. Die Predigt war jetzt überstanden. Alles fühlte sich erleichtert. Man kann das nehmen, wie's paßt.

Dann geschah noch viel und vielerlei, die heilige Handlung vollständig, rund, fehlerfrei und gottgefällig zu gestalten. Endlich noch eins: Körbe an langen Stangen wurden den Betenden vors Gesicht gehalten, zum Füllen mit Bar, mit Geld; mit dem »Teufelszeug«, sagt der Prophet Jeremias; oder war's Herodes, der so sagt? Ich hab's einmal so gelesen, daß Geld Teufelszeug wäre; -- und das ist wohl der Grund, warum die Seelsorger sammeln. Je weniger Geld die Gemeinde behält, je weniger hat sie Teufelszeug. Her mit dem Teufelszeug!

Amen! -- Der Gottesdienst war aus. Eine Stunde und zwei halbe hat's gewährt. Herrgott! bist du genügsam.

Dann ging's heim: Ich machte meine Reverenz mit zwei krummen Knieen, krummem Rücken, Nacken, der gottgefälligsten Körperverrenkung, wie es scheint. Hierauf schlug ich das Kreuzeszeichen; das gelang mir gleichfalls. Man braucht keine zwei Hände, ein Kreuz zu ~machen~; -- ob ich's aber ~tragen~ kann mit einer? -- Barmherziger! warum hast du mich so wenig getröstet, da drinnen da? Alle kommen sie heraus mit lachenden Gesichtern, und ich nur steh' hier betrübt auf der Straße und schau' zurück. »Ja, ja,« seufzte ich, »den Glauben muß man sich schon mitbringen, den kriegt man nicht da drinnen.«

Und doch geh' ich nächsten Sonntag abermals zur Messe. Ich tu's! Vielleicht erlebe ich die Wiederholung jener Träumereien, und das ist der armen Seele Himmel.

Tom.

* * * * *

Pilot Knob, den 23. September 1900.

Lieber Bruder!

Ich bin Dir zwei Briefe schuldig -- hier ist ~einer~:

Also in der Kirche gewesen bist Du, he? Den lieben Gott besucht hast Du, he?

Du bist doch der allerhartgesottenste Ketzer, der dem Scheiterhaufen entronnen ist. Man geht nicht in die Kirche, um den Pfarrer zu kritisieren -- man geht in die Kirche, das ~eigene Selbst~ zu kritisieren. Man geht nicht in die Kirche mit Zirkel und Zollstock, Hammer und Leimpfanne, um Reparaturen vorzunehmen -- man geht in die Kirche mit dem Rosenkranz, Gebetbuch und einem »Herrgott, sei mir armem Sünder gnädig!« -- Aber, Tom! Dir stecken die Spotteufel so im Mark und Bein, daß Du ersticken müßtest, kannst Du nicht Deinen Witz auf irgend eine Einrichtung abladen. Ich wollt', ich könnte hinüberlangen jetzt, wo Du gerade liegst oder sitzest, und Dir die Ohren strecken wie Hosenträger, die Haare zausen mit allen zehn Fingern. Ich könnte Dich prügeln, würgen, breitschlagen, Du ungezogener, unverbesserlicher, hoffnungslos verwilderter Sünder -- Du fürchterliches Ding Du! -- Ist das die versprochene Besserung, die Buße, die Reue? Ist das die Umkehr zum Kinderglauben? Ist das die Rückkehr des verlorenen Sohnes zu seinem Vater -- die Schweine mitbringen -- die Säu' hereinlassen zum Gastmahl, daß sie das Bittgesuch grunzen sollen Deinerstatt?

So, das ist Brief eins -- jetzt kommt zwei:

* * * * *

Mein lieber Bruder nebst Familie!

Ich bin nur halb bei mir selber, seit Du das Unglück hattest, Deine Hand zu verlieren. Ich kann nicht aufstehen, nicht hinliegen -- jede Stunde, halbe, viertel Stunde des Tages muß ich immer und immer an Dich und die armen Deinen denken. Wie geht es Euch? Du schreibst mir oft, öfter als ich erwarten darf, aber dutzendmal zwischen jedem Brief sehne ich mich nach Auskunft. Daß wir so weit auseinander leben müssen -- tausend Meilen. Daß ich so wenig Dir helfen kann. So hilflos selber bin -- o, Armut wär' so schwer nicht zu tragen, könnte man herzlos sein. Warum gibt Gott den Armen das Mitleid und Erbarmen, anstatt es den Reichen zu geben? Ist das der Ausgleich vielleicht, daß die Reichen Gold, die Armen ein fühlendes Herz besitzen sollen, aber keines alles? Ich will nicht murren, aber, Bruder, manches Mal scheinen auch meiner gottvertrauenden Seele die Dinge der Welt so verkehrt, daß ich bange vor der Möglichkeit einer Lösung.

Bruder! Du hast mich mit Deinem Kirchgang ungemein erfreut. Daß Du Eindrücke mitnahmst, beweisen die vielen Neuigkeiten Deines sehr langen Schreibens. Daß Du Heimweh und Sehnsucht fühltest, beweist, wie die guten Engel die empfindlichste Seite Deiner Seele merken. Daß Du keinen Glauben mit herausbrachtest, verblüfft mich weniger. Den Glauben hast Du zuerst und am längsten ~verloren~ und wirst ihn so leicht nicht finden wie andere Himmelsgaben, die Du nur verlegt hast in irgend einem Winkel der Seele.

Diese paar Sätze gehören zum Brief eins, jetzt verschluckt sie der Brief zwei und füllt sich den Bauch damit auf Kosten seines Vorgängers. Das leid' ich nicht. Jedem das Seine! Nur meine ich: der Brief eins sei so schauderhaft, daß er je kürzer je besser würde.

Ich meint's übrigens nicht so buchstäblich, wie's dort steht. Ich bin eben (wie Du auch) eine rücksichtslose, anarchistische Feder. Ich hätte wohl die Säu' und Schweine, das demokratische Viehzeug, weglassen können und mehr aristokratisches benützen können -- Adler, Hirsche, Löwen. Aber diese Herren der Tierwelt wollen mit einem Menschen nichts gemein haben, der Bettler ist. Du hast recht, wenn Du behauptest in einem Deiner früheren Briefe: »Ein bettelnder Mensch steht unterm Hund!«

Lieber Bruder! Ich zermartere mir das Gehirn, einen Pfad zu finden für Deine Zukunft. Mein Bruder Tom und betteln! Almosen betteln, mein stolzer Bruder!

Warst Du bei Deinem Arbeitgeber in Neuyork? Was sagt er? Was denkt er? Ist Aussicht, daß er Dich beschäftigen kann, oder empfehlen kann -- sonstwohin? Die großen Herren haben viel Einfluß beim Arbeitvergeben, und wenn sie nur wollten, es brauchte niemand zu hungern.

Hundertmal wünsche ich, Du wärst hier in Pilot Knob. Ich glaube, ich kriegte es fertig und erbettelte Dir eine Anstellung bei der Grubenverwaltung als Wächter, Schreiber. Tom! ich hab' eine Eisenstirne zum Betteln für -- andere. Ich bin nicht häßlich, schlank bin ich sehr, geschickt im Drehen und Biegen, feurige Blicke sind mir auch noch möglich -- und all diese Talente ziehen stark bei den Herren. Schon dreimal zog ich meinen Peter aus der Patsche bei der Kompanie mit solchen Schauspielerkniffen. Peter bekam jedesmal seinen Platz wieder, und die Herren bekamen ~auch~ was -- das Nachsehen -- denn Jennie weiß ganz genau, wie tief und nicht tiefer das Weib eines braven Arbeiters sich beugen darf beim Kniefall.

O Himmel! ich werde ausschweifend und weitschweifend. Die kurze Stunde Zeit, die ich mir aussuchte von den vierundzwanzig, ist verbraucht mitsamt der Nasenspitze der folgenden.

Bruder! meinen Segen Euch allen.

Deine Schwester.

* * * * *

Brooklyn, den 27. September 1900.

Liebe, gute Schwägerin!

Ich will Dir nur auch schreiben daß wir vielmal danken weil Du so gut bist zu Tom. Er ist immer besser, wenn Du schreibst. Dann liest er den Brief laut und nachher lese ich den Brief wieder noch einmal. Ich kann nicht genug lesen. Und muß doch weinen bei jedem Brief. Weil Du so schön schreibst wie man sagt wenn man denkt manches Mal bei Nacht wenn man wacht und bei Tag wenn man traurig ist und alles elend geht dann denk' ich immer so und bete zu Gott daß es besser geht.

Mein Tom hat ein großes Unglück gehabt mit seiner Hand. Dann haben sie ihm den Arm noch zweimal abgeschnitten. Im Spital und hier weil es sein muß wegen Blutvergiftung. Sie haben ihm Lumpen herumgebunden mit Farbe an den Lumpen. Der Herr Doktor sagt das hat sein Blut vergiftet. Tom hat Dir das nicht geschrieben daß sein Arm abgeschnitten ist am Ellbogen. Er hat's nicht wollen. Er sagt das wird Jennie weh tun. Ich schreibe das nur weil es besser geht. Dann sagst Du immer Tom soll Mut haben und das hat mir weh getan, weil Tom so viel leiden tut und nicht einmal hat er laut geschrieen er hat nur sein Gesicht an mich gedrückt und ich hab' ihn gehalten und dann hat er nur gezittert, wenn der Herr Doktor und der andere hat das Fleisch weggeschnitten mit dem Messer und sogar mit der Säge. Das war so schrecklich. Ich bin schier ohnmächtig gewesen und ganz krank vor Mitleid. Dann hat Tom so wenig Blut übrig daß er kann nicht chloroformiert werden sagt der Herr Doktor sonst steht das Herz still.

Aber jetzt geht es besser. Tom kann herumgehen aber schaffen kann er nicht wieder. Das ist schrecklich. Solang er lebt.