Chapter 4 of 12 · 3857 words · ~19 min read

Part 4

Liebe Schwägerin ich muß Dir noch einmal danken daß Du so schöne Briefe schreibst. Schreibe recht oft. Tom freut sich jedesmal auf den Brief. Tom ist jetzt in Neuyork heute bei seinem Herrn Meister und fragt um Rat. Darum kann ich Dir schreiben. Tom soll nicht wissen daß ich Dir schreibe von seinem Unglück er will's nicht ganz wissen lassen. Ich kann nicht gut schreiben das ist schad. Ich bin nur ein Winter in die Schul und dann immer schaffen in die Spinnerei in St. Louis. Das kann nicht sein daß man viel lernt. Du kannst sehr schöne Briefe schreiben und bist immer sehr gut zu mir und ich bin gar nicht einmal amerikanisch und bin lutherisch und Bertie ist auch noch lutherisch aber wir haben Dich lieb und Du hast uns lieb und der liebe Gott hat uns alle lieb. So wollen wir leben im Frieden. Das ist mein Wunsch wenn ich sterbe ich will Dich und Tom und Bertie und Elsie und alle von Deiner und meiner Seite und alle guten Menschen wiedersehen im Himmel beim lieben, lieben Gott. Ich bete ein Vaterunser und schließe den Brief.

Deine treue Schwägerin

Eva Pratt.

* * * * *

Pilot Knob, den 1. Oktober 1900.

Teure Schwägerin!

Gute Seele! Du kannst also doch auch Briefe schreiben, und schöne, herzige Briefe. Ich spotte nicht. Ich meine es ernst und ehrlich, Dein Schreiben hat mich tiefer ergriffen als die längste Predigt -- und nebenbei mein Urteil über Dich verworfen. Denke Dir, Schwester! ich wußte nie, daß Du schreiben und lesen kannst. Hätte ich das gewußt, wie oft würde ich Dir geschrieben haben -- Intimes, Heimliches, unter Frauen so -- Klatschiges -- Du verstehst mich.

Der unflätige Tom ist aber schuld an diesem Mißverständnis -- ich nicht -- wahrlich nicht. Dann bist du selber, liebe Eva, auch ein ganz klein wenig schuld, daß ich Dich so verkehrt beurteilen mußte. Fünf Jahre lang bist Du meine Schwägerin und nie, nie hast Du mir eine Zeile geopfert. Dein Mann so oft, und Du nie. Nicht ~einmal~ hast Du meine zahlreichen Grüße und Glückwünsche (persönlich an Dich gerichtet) beantwortet, und die ganze Sache, als wäre sie Dir keinen Federstrich wert, Deinem teuren, treuen, anbetungswürdigen Herrn Gemahl, Deinem Götzen überlassen.

Wahrhaftig, das macht mich jetzt so wütend auf den Tom, daß ich -- -- jawohl, ich tu's -- hier gleich -- sofort fang' ich an und reiße ihm die Maske vom Gesicht und Dir, unglückliches, verblendetes Weib, den Schleier von den Augen. Ha! ich besitze Deines Gatten sämtliche Briefe seit seiner Abreise von Pilot Knob -- und somit auch den Brief, worin er Dich als seine »Zukünftige« schildert. Hier ist er:

St. Louis, den -- --

Teure, herzensgute, einzige Schwester!

Ich bin Dir -- -- und so weiter (jetzt kommt er auf Dich zu sprechen). Sie ist eine Waise seit ihrem zehnten Jahr; das sind ~wieder~ zehn -- macht zwanzig. Die Eltern waren eingewanderte Skandinavier und Eva deren einziges Kind. Sie ist ein Modell der nordischen Rasse: sehr blond, sehr schlank, sehr hochgeschossen, schneeig, eisig, frostig, gefroren, schier nicht zum auftauen. Hier ist kein Hauch von Aussicht, zum Herzen vorzudringen, als mit brennender, weißglühender, alles schmelzender Liebe! -- Sie ist ein Modell des weiblichen Geschlechtes: keusch, züchtig, natürlich, häuslich, treu, scheu; schüchtern, so schüchtern, daß sie nicht einmal haltmacht an der Grenze der Ängstlichkeit. Ein solches Reh lebendig zu fangen, muß der Jäger ein göttlicher Apollo sein und mit Rosen und Girlanden seinen Speer verhüllen. Oder ein grausamer, blutsaugender Panther, vom Baum springend auf das ahnungslose Opfer. -- Sie ist das Modell einer Christin: religiös, gottvertrauend, duldend, entsagend, Gutes leicht glaubend, Böses nicht begreifend. -- Sie ist das Modell eines fleischgewordenen Engels: himmelschön, himmelrein, himmelhoch erhaben -- über mich. Ich kann sie nicht und nie erobern -- ~ergeben~ muß ich mich ihr, das ist die einzige Möglichkeit, eins zu werden mit diesem Engel Eva.

Das sind also die Lichtseiten meiner Braut. Jetzt gelange ich zu Evas Schattenseiten. Wäre das Mädchen unsichtbar für irdische Augen, ich ging' beschwören, es ~habe~ keine Schattenseiten, sondern überstrahle an Reinheit Licht und Sonne; aber Eva ist sichtbar, leibhaftig, körperlich und hat demgemäß ihre Dunkelheiten wie jedes Ding der Welt.

Hier folgen sie: Eva ist sehr arm, sehr unerfahren, sehr -- -- jetzt kommt der tiefste Schatten -- ach, er lastet wie die Winternacht ihrer nordischen Heimat auf diesem Maienbild -- Eva ist ungebildet. Sie hat, fürchte ich, kaum je ein Schulhaus gesehen von innen. Sie kann, fürchte ich -- schreiben gar nicht und lesen nur im Schneckentempo. Daß Gott erbarm! Das arme Kind mußte zur Fabrik, ihr Kostgeld verdienen -- anstatt zur Schule. Wer ist schuld? -- Und so weiter und so weiter.

Liebe Schwägerin!

Du siehst also, wie und wer mich auf den Wahn leitete, Du könnest weder lesen noch schreiben und ständest vollständig seitwärts der Korrespondenz, wie ich sie führe und liebe. ~Er~ ist es! Bezahl ihm's heim! -- Eigentlich weiß ich ganz genau, warum er dieses Spiel treibt: er möchte Dich so unumschränkt allein besitzen und ausnützen, daß er eine Teilung fürchtet mit seiner ~Schwester~, auf tausend Meilen Entfernung sogar. Es ist die verfluchte, höllische Eifersucht -- die schwarze, gelbe, grüne!

Doch genug darüber. Ich bin nur froh, daß ich von jetzt an meine Waschfrauenkorrespondenz erweitern kann. Du sollst manchen Brief erhalten von Jennie -- und Jennie erhält hoffentlich manchen Brief von schön Evchen. Das wird ja eine prächtige Zukunft -- -- Ach! Hier fällt's mir wieder ein, die klaffende Wunde der abgesägten Hand.

O, was hast Du leiden müssen, was wird noch kommen, Du arme Dulderin! Vater, Mutter verloren -- die Heimat zweimal verloren -- das heißgeliebte, goldlockige Kind, die Elsie verloren -- dann Gesundheit verloren -- und jetzt drückt mit diesem letzten, fürchterlichen Unglück das Kreuz Dich auf den Boden. Und niemand hast Du, der Dich aufrichtet, Dich tröstet, Dich ermutigt. Du armes Weib. Gott helfe Dir -- -- --

Ich muß so weinen, daß ich zittere. Ich werd' Dir ~später~ schreiben. Trösten kann ich Dich schwerlich, wenn ich weine und schluchze wie ein Kind. Leb wohl, Schwester! und Gott sei mit Dir und Deinen Schützlingen.

Jennie Daly.

* * * * *

Brooklyn, den 5. Oktober 1900.

Liebe Schwester!

So -- so -- hm! -- Hinter meinem Rüden also spielt mein Weibchen mit Dir und Du mit ihr. Bertie hat's verraten. Bertie ist ein Schwerenöter. Alles weiß Bertie, und was er nicht weiß, ~errät~ Bertie. Daß er seine lose Zunge von mir geerbt hat, gehört ins Gebiet der Erbsünden. Ich habe meine Zunge auch nicht selber gemacht -- und mein Vater die seine ebenfalls nicht -- und wenn die »Pratts« (nach Darwin) vom Spottvogel abstammen, dann wird das Sündenregister zu lang, den Schuldigsten dieser allerletzten Schwätzerei zu finden.

Also, Bertie sagte: »Papa, Mama hat einen Brief bekommen vom Postmann und hat den Brief versteckt, und dann hat Mama gesagt: Bertie, sag dem Papa nichts von diesem Brief, sonst ist Mama bös mit Bertie; und dann hab' ich Mama versprochen: ich werd' Papa nichts sagen von dem Brief.«

»Ja, warum erzählst du mir's jetzt?« forschte ich das Kind aus, »wenn Mama dir's verboten hat?«

»Weil ich Angst hab', du möchtest böse werden, wenn ich nichts sage, Papa. Und dann brauchst du ja der Mama nicht zu sagen, daß ich dir's sagte, sonst sagt Mama, der Bertie sagt alles, und ich sagte, er soll nichts sagen, aber alles sagt er.«

Das war allerdings genug gesagt. Warum auch Kindern Geheimnisse eingeben, dieses Gift der heutigen Gesellschaft.

»Freiheit für jeden und jede!« Ich ließ die Sache ruhen; nur ein klein wenig wunderte es mich, woher der Brief sein sollte; das ist ja verzeihlich.

Du treue, gute Seele! -- »Mann und Weib sind ein Leib -- und eine Seele« ruf' ich laut. Mein liebes Evchen gab mir, und mit strahlenden Augen, Dein Schreiben zu lesen. Es war das erste nach dem Kuß, was ich von ihr bekam, als ich ermüdet in die Küche trat.

Dann las ich Zeile für Zeile, und Eva berichtete mir gewissenhaft die Nebenumstände der jüngsten Korrespondenz; ein ganzer Heuwagen voll Neuigkeiten war es für das geschwätzige, alte Waschweib »Tom Pratt«.

Rache ist süß! Und weil ich gar viel Bitteres verschluckte in letzter Zeit, so fühle ich unbändiges Verlangen, die Süßigkeit zu naschen. Rache muß ich nehmen, süße, herzblutwallende Rache (an ~Dir~, Schwester, ~später~ bei Gelegenheit) an meinem -- hinterlistigen Weib, sofort, jetzt. Hinter ihrem Rücken werde ich ein Geheimnis preisgeben, das sie wähnt nur selber zu besitzen, das sie verschlossen hält in ihrem Busen wie der Tod das Leben.

Also -- Verrat Nummer eins.

Es war vor etlichen Wochen -- genau das Datum weiß ich nicht -- ich hatte eine qualvolle, schlaflose Nacht überstanden. Mein Arm, mein armer Arm war vom Doktor verschnitten und verhackt worden wie Karbonade, am Tag vorher, und die Schmerzen ließen mir keine Ruhe. So schlummerte ich denn am folgenden Morgen gegen Mittag ein. Als ich bald wieder erwachte, hörte ich Eva sprechen in der Küche, Es konnte nicht Bertie sein, mit dem sie redete: den Knaben hatten sie fortgeschafft nach Neuyork zu einem Freund von mir, während der Operation und Krisis. Also mit wem redet mein Weib? Verstehen konnte ich nichts, die Konversation wurde im Flüsterton gehalten; aber hin und wieder vernahm ich ein Lachen, Kichern, allerlei unartikulierte Laute, wie Schluchzen, Stöhnen -- sogar Küssen.

Ich bin ein ~Mensch~. Trotz des Blutverlustes der paar vorhergegangenen Tage, die Eifersucht abzuzapfen war nicht gelungen; und sage: wenn Othello eines lumpigen Taschentuchs wegen so bullenwütig werden konnt', sein Weib totzudrücken im Bett -- -- Sapperment! ich wär' ein Klotz Polareis, hätt' ich stillgelegen bei diesem Geflüster nebenan in der Küche, bei diesem verdammten Kichern, Küssen, Stöhnen, diesen Ohs und Ahs!

Plötzlich -- -- sah ich etwas an der Wand, das mich blitzesschnell so mit Weh erfüllte, mit Schreck und Grauen, daß Feder und Tinte es nicht beschreiben dürfen. Eigentlich sah ich es nicht. Wenn ich sagte, ich sah es, ist das umgekehrt zu verstehen: das Bild meiner Elsie, das immer dort gehangen hatte, es war fort -- verschwunden -- und die ganze volle Ahnung, was das bedeute, kam in meine Seele.

Eva hat das Bild in der Küche und redet mit dem Kind.

So müd und krank ich war, unsägliches Verlangen gab mir Kraft, mein Bett zu verlassen. Vorsichtig, mich festhaltend an Bett und Wand, wankte ich zur halbgeöffneten Tür. Gott der Mutterliebe! es war wahr: Eva kniete, mit dem Rücken halb nach mir gewendet, am Boden vor dem Bild. Auf einem Stuhl hielt sie es mit beiden Händen; bald nah, bald weit von sich. Dann wieder preßte sie das Bild an die Brust, und heftig gegen das Gesicht. Ihr mageres, kreideweißes Gesicht -- im Profil so unsäglich überirdisch, marmorgleich -- die scharfe, dünne Nase -- das scharfe, dünne Kinn -- die merkwürdig tiefen Augen -- ich hatte Angst, das Glas möchte zerbrechen an diesem Marmor ...

»Mein Kind!« kam es von den Mutterlippen. »Mein liebes Kind! Elsie! Elsie! Wo ist Elsie? Ist Elsie im Himmel? Ist Elsie bei Gottes Engelchen? -- Goldenes Hemdchen haben sie Elsie angezogen, die Engelchen; goldene Schuh'. Und Elsie ist gern im Himmel -- sehr gern im Himmel. Kind!!«

Das letzte Wort wurde geschrieen -- die vorhergehenden gestöhnt in Grabestiefe -- abwechselnd mit Schluchzen, hysterischem Lachen und einer Flüsterstimme, so übermenschlich zart wie das Zwitschern junger Schwalben im Nest.

Gott der Mutterliebe!

Dann küßte die Unglückliche wieder das Glas. »Wird Elsie Mama liebhaben, wenn ich komm'? Wird mich liebhaben? Und kennen? Papa ist krank, Elsie -- sehr krank -- Papa und Mama werden bald kommen -- Mama kommt gern -- Papa kommt auch gern -- Bertie will noch spielen, dann kommt Bertie auch, dann sind wir beisammen wieder -- alle. Wie lieb hat Elsie Mama? ~So~ lieb -- ~so~ lieb!«

Herzbrechendes Schluchzen hob und senkte ihren Busen. Der abgemagerte Leib, durch dünne, ärmliche Kleider durch, zitterte wie im Fieber, und Tränen auf Tränen rieselten hernieder in heißen Tropfen -- vom Marmor auf das Glas.

Gott der Mutterliebe, hab Erbarmen!

Ich mußte weg. Ich hätte noch länger dort gestanden an Himmels Tür, aber die Kräfte gingen mir aus. Ich suchte mein Bett. Dort gewahrte ich die abgerutschte, verbrauchte Wandtapete, wo das Bild gehangen hatte. Also oft -- oft schon hat die Mutter das Bild heruntergelangt.

Ich schlief ein.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 15. Oktober 1900.

Liebe Schwester!

Ich wartete lang', damit ich Dir zur Abwechslung eine Freudenbotschaft mitteilen könnte. Die ist aber ausgeblieben -- wie alles, was man wünscht, erwartet, hofft, ersehnt und so weiter.

Mein Arbeitgeber in Neuyork, den ich vor zwei Wochen etwa besuchte, versprach mir eine Antwort zu senden auf mein Bittgesuch um Arbeit; und diese Antwort blieb aus. Das ist ein so herbes Gefühl, daß man zusammenhängende Gedanken nicht schreiben kann damit. Lies, wie es kommt!

O, war die Welt schön; oder schien sie nur mir armem Gefangenen so schön, dem Stubenhocker, Bettlieger? Kühl wehte die Seebrise über den Sund, der plätschernd durchschnitten wurde vom Kiel des Fährboots. Melodisch gurgelten die Wasser unterm Bug. Seegeier kreisten in der Morgenluft, tauchten nieder auf die Flut, stiegen aufwärts zum Äther, schwammen in der Freiheit. Wolken trieben hin am blauen, stillen Dach dort oben -- Gedankenstriche ziehend durch die Schöpfung -- und die Königin der Lichter, wegküssend gleichsam Sorgen, Sünden, Tränen der Menschheit, küßte die Millionenstadt.

Und Tom wischte sich die Augen. Auf dem vordersten Rand des pfeilschnell dahinschießenden Fährboots stand er und -- der Wind füllte seine Augen mit Wasser. -- --

Ja, ja, so möchte ich den Brief beginnen und symmetrisch zum Himmel bauen, bis Freude mich zum Sklaven heißer Tränen preßt. Aber die Botschaft ist ausgeblieben. Ich habe bis zu dieser Stunde noch keine Antwort auf mein Bittgesuch um Arbeit. Dass ist schlimm. Das ist ein so herbes Gefühl. O! was haben wir drei arme Dulder durchgelebt in diesen paar Wochen an Hoffnung, Glauben, freudiger Erwartung, Zukunftsplänen -- Enttäuschung.

Doch ich will trocken erzählen, wie es dem Mann mit der abgesägten Hand ergangen ist auf seiner Betteltour nach Arbeit.

Der Anfang war majestätisch. So majestätisch fing der Bettelsack am Morgen an, sich in Staat zu werfen; sein bestes Hemd anzulegen, sein bestes Gewand, Halstuch, Gesicht -- sein Bestes hinten und vorne. Majestätisch stieg er die Treppe hinab auf die Straße, die Straße hinab nach dem Fährboot. Hinab -- hinab, aber so majestätisch, daß es geradezu Notwendigkeit wurde, den Bettelsack heimzuschicken Abends, auf dem nämlichen Weg, so total verändert, verlottert, verdonnert, in Bettelsacks allertiefunterster Gottverlassenheit. Das stellt das Gleichgewicht wieder her!

Die Wasserfahrt von Brooklyn nach Neuyork währte zwanzig Minuten. In Neuyork ging Tom die altgewohnte Straße entlang zu seiner ehemaligen Arbeitsstelle; das währte nochmals zwanzig Minuten. Um zehn Uhr betrat Tom das Fabrikgebäude und stand vor der Kanzlei seines Herrn.

Angst und Hoffen! Das Herz klopfte ihm hörbar vor Aufregung. Hier liegt die Entscheidung. Wenn hier keine Anstellung wartet, wo er bekannt ist, geachtet, wo er verkrüppelt wurde im treuen Dienst für die Firma -- wenn hier nicht, wo dann? Dann ist er gerichtet, verloren -- arbeitslos. Gott der Armen, laß Tom nicht untergehen! Denk an sein Weib und Kind, lieber Gott, und laß Tom nicht untergehen!

Ich klopfte an und trat ein. Wurde merkwürdig gut aufgenommen. Der Empfang verblüffte mich. Das ganze Personal scharte sich teilnehmend oder neugierig um meine abwesende Hand. Ich war so plötzlich, unerwartet das Zentrum, die Hauptfigur, daß ich mir vorkam wie eine steigende Rakete, nach der sich alle Blicke kehren. Ach! die Himmelfahrt dauerte nicht. Die Rakete platzte an grauer, hängender Wolke, und alles, was übrig blieb aus der glühenden Verklärung, war der Stock -- Toms Bettelstab.

In der Kanzlei saß ich dann auf dem äußersten Rand eines Stuhls, schier abrutschend vor Bescheidenheit -- und Angst -- und bettelte alleruntertänigst, unterwürfigst um Anstellung, Beschäftigung.

Und -- wahrhaftig, ich bekam sie. Denke Dir, Schwester, ich bekam sie. Im ersten Anlauf. Welche Überraschung. Mein Arbeitgeber gab mir -- ~Hoffnung~, mich unterbringen zu können, irgendwo -- nicht gerade in seiner Fabrik, das sei unmöglich, aber sonstwo -- wahrscheinlich -- möglich -- allem Anschein nach -- immerhin -- kann ja sein -- so oder so -- wollen's abwarten. Abwarten. Wissen lassen per Postkarte. Hoffentlich.

Ja, ja, hoffentlich. Das war auch eine Litanei mit: »Herr, erbarme dich meiner!«

Der Werkführer der Fabrik war sogar noch hoffnungsreicher als der Prinzipal. Er hatte einen unerschöpflichen Vorrat und schmierte mir unglaubliche Bilder vor, wie Leute untergebracht wurden in feinen Anstellungen, die nur eine oder gar ~gar~ keine Klaue besaßen.

Meine Arbeitskollegen waren wiederum hoffnungsreicher als der Werkführer. »Tom!« sagten sie, »du kannst schreiben, rechnen und kannst einen Platz kriegen in der Kanzlei; du kannst einen Platz kriegen als Wächter« und so weiter.

Der Fabrikjunge verstieg sich sogar zu der Äußerung: es könne mein Glück sein, daß die Hand zum Schinder ging. Mit zwei Händen wäre ich zeitlebens am Werktisch gestanden im Staub und Rauch, jetzt aber dämmere mir eine neue, rosige, regenbogenfarbige Zukunft.

Je tiefer ich herabkam in der Rangstufe der Angestellten, je höher stieg ich in der Hoffnung. Schade, daß sie keinen Hund halten in der Fabrik, der Köter hätte sie alle übertrumpft und mir eine Anstellung ~gegeben~ -- und wär's auch nur bei seinem Lampenpfosten.

Auf meiner Rundreise machte ich meinem früheren Werktisch eine Visite. Und der Säge. Ein Mann, doppelt so alt, doppelt so verwahrlost, doppelt so ungeschickt wie ich, quälte sich jetzt an dem Platz. Er schüttelte mir die Hand und sagte: er danke Gott, daß Tom Pratt die »Linke« verlor, oder die »Rechte«; welche von beiden, sei ihm übrigens gleich. -- Nein, das sagte er nicht; aber daß er sieben Wochen lang die Straßen Neuyorks abgelaufen hätte nach Arbeit, und total bankrott sei mit seinem Hauswesen -- ~das~ sagte er. »Mister Pratt, hätt' ich diesen Platz nicht gekriegt damals, ich hätt' den Strick genommen.« Er machte eine knotenschürzende Handbewegung um seinen Hals herum, damit ich die Meinung seiner Worte leichter begreife. Also ~das~ hat dem das Leben gerettet! Sag einer, es herrsche keine Weisheit dort oben, die für jeden Hilfe findet zur rechten Zeit! -- Aber -- hm -- so nebenher und hintenrum gesagt: allmächtig sein ist doch nicht gar so schwierig, wie es ausschaut, wenn man's dem einen erst nehmen muß, soll's der andre bekommen.

Dann nahm ich Abschied vom Platz, auf Wiedersehen -- hoffentlich. Im Glauben ging ich hinein -- in der Hoffnung heraus. Wär' ich ein Frauenzimmer, ich müßt' zur Hebamme laufen mit der Last.

Was nun? Die Tür ist zu. Ich steh' auf der Straße. Und das ist alles, was ich erbetteln konnt'? Ooo! -- Am Sonntag noch war ich zur Meß gegangen, und Bertie betete mit seinen Kinderhändchen und -lippen zum Vater der Armen, mein Weib betete.

Neben der Fabrik steht eine Kapelle. Ich fühlte mich so müd, so mutlos, daß ich eine Zeitlang überlegte, ob es angenehmer wär', wenn ich mich zuerst ertränkte im nahen East River, oder die paar Stufen hinaufginge zum Kirchlein. Ich wählte das letztere. »Du lieber Gott!« seufzte ich beim Eintreten in den Tempel, »auch du hast deine Sorgen.« Da stand groß und leserlich an die Wand geschrieben: Betender, hilf mit einer Gabe die Hypothek tilgen, die auf dem Hause Gottes lastet.

Im vordersten Stuhl ließ ich mich fallen. Mein Kreuz ließ ich nicht fallen. So ruht man schlecht. Beten konnt' ich auch nicht. Zum Danken war keine Ursache, und bitten, einen Herrgott anbetteln, der seine Hypothekenschulden nicht bezahlen kann, solche Schnorrerei muß ich erst lernen. Aber sympathisieren konnte ich mit dem Allmächtigen -- und das tat ich. »Wohnst auch nicht am feinsten,« seufzte ich; »das hier ist ein armselig Kirchlein für dich, o Weltenschöpfer, der gewohnt ist zu schreiten von Fixstern zu Fixstern, auf sonnengepflasterter Milchstraße. Bretter, Blech, kein Turm noch Glocken -- es könnt' ebensowohl ein Stall sein wie eine Kirche, ein Holzschuppen, eine Scheune. Hängt Rechen an die Wände und Mistgabeln anstatt der Heiligenbilder, und einen Heuwagen statt der Altärchen, und die Verwandlung ist fertig!«

Ich opferte einen Cent in die Opferbüchse (mich macht der Cent nicht ärmer, und dir hilft's!) und stolperte von dannen.

Wohin jetzt -- zuerst? -- Die paar Kirchenstufen herab auf die Straße brachten mich auch nicht näher gen Himmel. -- Wohin jetzt? -- Langsam schritt ich die Richtung entlang nach der Westseite. Planlos -- zwecklos.

An der Ecke begegnete mir ein schäbig gekleideter Mann; der trug eine Blechtafel am Leib mit der Aufschrift: »Hilfe! Blind!« Dann begegnete mir ein Schuljunge, der trug eine Büchertasche. Dann begegnete mir ein Arbeiter, der trug einen Korb mit Kohlen. Dann begegnete mir eine Mutter, die trug ihr Kind. Dann begegnete mir ein Hökerweib, die trug einen Lumpensack, so groß wie -- -- pah! warum meinen Humor vergraben, eh er stinkt -- raus!! -- -- die trug einen Lumpensack so groß wie der Planet Pallas. Dann begegnete mir eine Straßennymphe, die trug falsche Haare, Zähne und Diamanten. Dann begegnete mir ein Betrunkener, der trug einen falschen -- nein! einen aufrichtigen -- nein! einen beneidenswerten -- ja! Rausch.

Hier bekam ich urplötzlich die Vision wieder und sah Gottes geheime Werkstatt offen. »Ha!« rief ich, und so begeistert, daß Passanten auf dem Bürgersteig sich umdrehten nach mir. »So ist es! ~Tragen~ ist die Bestimmung des Menschen, der Welt. Tragen, tragen -- jeder, jede, jedes. Alles muß irgend etwas tragen, und das, zusammengerechnet, trägt den Bau der Schöpfung. Die Hochbahnpfeiler tragen die Hochbahn; das Haus den Giebel. Der Büttel dort muß seinen Knüppel tragen; der Soldat muß sein Gewehr tragen; der General seine Orden; der König muß die Krone tragen; und ich -- die Verzweiflung.

An der nächsten Ecke stand ein Gebäude, das trug ein Riesenschild, und das Schild die Aufschrift: Eiskaltes Lagerhaus zur Aufbewahrung von Fleisch, Fisch, Käs, Butter, Speck (Ratten, Kellerschaben und rotzigen Schnecken). Wieder eine Kopierung aus der Werkstatt: so macht's der Allweise schon lang. Eiskaltes Lagerhaus: daß dem Menschen die Seele nicht verfault, steckt ihm die Vorsehung einen Eisklumpen in den Brustkorb -- das Herz. Das hält dich kühl, das hält dich kalt -- gelt, Bruder Mensch, das hält dich kalt.

An der nächsten Ecke zählte ich vier Schnapskneipen, eine neben der andern, und alle waren sie sperrangelweit offen. Schräg über sah ich eine Kirche. »Kommt herein, die ihr beladen seid,« stand über dem festverriegelten Kirchentor. Aber dort wurden die Beladenen aus der Schnapshöhle geworfen -- und hier nicht hereingelassen.

Dann schlenderte ich in das Mammonsviertel von Groß-Neuyork, wo in jedem Häusergeviert vier Millionäre thronen und vier Straßenfeger fronen.

Dann kehrte ich dem Norden den Rücken und steuerte zum hochfeinen Hoffmanhouse, wo eingewanderte Nachkömmlinge der ehemaligen Republik Rom den Geldkönigen Amerikas die Schuh' putzen -- anstatt Hände und Gewissen.

Nebenan steht der Dewey-Triumphbogen. Da sieht's faul aus mit dem Patriotismus in Gips. Armer Dewey, vor einem Jahr noch warst du größer als Jesus Christus, und heute -- bist du ein Heros außer Arbeit. ~Ich~ bin ein ~Feigling~ außer Arbeit; aber ich werde begraben und dann vergessen, und du wirst vergessen und dann begraben.

Dann schwenkte ich östlich, durch den Park. Da sitzen täglich tausend arme, arbeitsslose Menschen und -- warten auf den Messias. Wären ~mehr~ Parkbänke da, dann säßen ~Zehn~tausende fest und warteten auf den Messias. Millionen meinetwegen, und warteten auf den Messias.