Part 2
Letzte Woche, Montag, kam das Unglück. Am Morgen -- früh -- gleich; es war das Allererste, was kam. Das Unglück schien förmlich gelauert zu haben auf mich die Nacht über, den Sonntag über. Kaum hatte die Dampfpfeife ihren Schrei in die Morgenluft hinausgekrischen und die Fabrikräder begannen sich zu drehen, und jeder von uns Arbeitern eilte auf seinen Posten, und ich setzte meine Maschine in Bewegung -- die Bandsäge -- diese kalte, glatte Schlange, diese zischende, schillernde, hundertzähnige Viper. Nie konnte ich das unnahbare, holzfressende Ding blitzen sehen und dabei die Erinnerung verscheuchen, wie es meinem Vorgänger den Daumen abbiß; wie es ~seinem~ Vorgänger vier Finger amputierte, ganz schräg der Länge nach, einem dritten die linke Hand zerfleischte und die zu Hilfe eilende Rechte erst recht. Keinem frißt diese fauchende Natter aus der Hand, dem sie nicht vorbeihauend einmal auf die Knochen beißt. Keinem. Mir auch nicht. Ich wußte das. Ich erwartete das. Aber Hunger kettete mich an den Platz, Pflicht an die Gefahr. Das Unglück hatte wenig Mühe, mich zu finden. O, meine Hand!!
Wie es kam? Warum? Das ist mir jetzt nur mehr schattengleicher Traum. Vielleicht war ich ausgerutscht mit meinen neubesohlten Schuhen, das ist wohl das Wahrscheinlichste -- ja, so ist es -- ich glitt auf dem glatten Boden aus und schlug mit dem linken Arm durch die Luft und mit voller Wucht in die Stahlzähne der Säge -- und dann? -- was? -- ein wildes, himmelschreiendes »Oooo!« Eis und Feuer gemischt, ein Gefühl, zuckte elektrisch durch meinen Körper und blieb stecken -- mich verrückt machend -- in den Haarwurzeln meiner Kopfhaut. Ich sah Säge, Räder, Balken, Wände, Fenster, alles sich drehen, ringeln, überschlagen, auf mich los wälzen. Ich sah einen Fleischklumpen in die Sägespäne rollen und sich dort verkriechen -- meine Hand! Ich sah Blut, Blut, wohin ich tastete, Blut. Hundert Stimmen hörte ich lärmen, durcheinander toben, schreien: »Doktor! Ambulanz! Er blutet sich tot! Hilfe! Hilfe!« Gestalten, jede mit hundert Augen, hundert Händen, stürzten von allen Seiten auf mich los; packten mich, hoben mich, drückten, trugen mich, preßten mich auf einen Stuhl nieder, spritzten mir Wasser ins Gesicht, umwickelten meinen Arm mit Stricken, Handtüchern, Taschentüchern -- --
Und alle jene Schauergemälde zeichneten sich jetzt in die Luft, die im Wachen und Schlafen mich so oft beängstigten: Tom mit der abgesägten Hand -- Tom arbeitslos -- Tom ein Krüppel, Bettler -- Toms Zukunft ruiniert -- Toms Weib und Kind verwahrlost, weggerissen von ihm, entfremdet -- das Familienglück, des armen Tom Einziges, das ihm all das lebenslange Schinden und Plagen wert war, verloren -- verloren -- verloren.
Und dort dreht sich noch immer, als wär' nichts geschehen; die Säge, die Schlange, die Mörderin. Grenzenlose Wut schnellte mich auf meine Füße, und »Die Maschine,« schrie ich, »schlagt sie tot, die Maschine!« -- Es muß ein grauenvoller Schrei gewesen sein, denn alle ließen mich los. Ich machte zwei, drei Schritte nach der Richtung -- dann wurd's Nacht.
Im Bellevue-Hospital, schräg überm Weg, wo ich verkrüppelt wurde, erwachte ich aus langer, tiefer Ohnmacht.
O, wär' ich nie erwacht!
Schwester! ich muß aufhören. Ich darf nicht weiterschreiben. Es macht mich rasend, mein Elend zu zergliedern. Ich darf nicht denken; -- essen, trinken, atmen -- aber nicht denken. Ich werde zum Tier.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 27. August 1900.
Schwester!
Kaum hatte ich den Unglücksbrief abgesendet, so geschah mir eine große Erleichterung; ungesäumt will ich sie teilen mit Dir.
Mein Arbeitgeber bezahlt Doktor und Apotheke, bis ich geheilt sein werde; und weil das im eigenen Heim nicht weniger noch mehr kostet, so fuhren sie mich nach Brooklyn hinüber ins Nest. Die Bewegung hat mich angegriffen, sonst schrieb ich Dir schon gestern. Überhaupt werde ich häufig von Ohnmacht und Schwindel befallen. Ich habe viel Blut verloren, sagt der Arzt, und daß ich mit dem Leben davonkommen werde, zeuge von einer zähen, lebenskräftigen Konstitution. Ich werde noch meinen Spaß haben mit dieser zähen Lebenskräftigen -- und leerem Magen. Doch lass' ich das Klagen für heute. Ich bin froh heute und guten Muts -- sogar mit einem Anflug von »Sehr«.
Was doch die Umgebung aus dem Menschen machen kann; ~alles~. Man schwimmt darin wie der Fisch, wie Treibholz im Fluß, und mit geht's; rasend schnell, wenn der Kurs paßt -- langsam, wenn es gegen das Wollen ist -- aber Wollen oder Nichtwollen, die Umgebung siegt.
Und ich bin aufrichtig glücklich über ihre Allmacht. Ich bin wie neugeboren, seit ich das Hospital verlassen und wieder die Heimat um mich seh'. Das Krankenzimmer in Bellevue war allerdings luftiger, höher, bequemer; ein ~Saal~ gegenüber dem engen Stübchen, das ich jetzt bewohne. Mein blasses, abgezehrtes Evchen kann auch den Vergleich nicht aushalten gegenüber der vollen, energischen Krankenwärterin mit ihren gesundheitsstrotzenden Lippen und Wangen; -- aber -- -- Schwester, der leiseste Gedanke von Untreue, sollte er auftauchen in mir -- noch tat er's nie -- er wäre das Schurkenstück meines Lebens. Man sagt, im Unglück lerne man die Menschen kennen. Ich bin im Unglück. Zu all den körperlichen Schmerzen und den Seelenqualen, Kummer, Sorgen, Angst, Trostlosigkeit, gesellt sich jetzt ein neuer, der fürchterlichste Kumpan -- die Reue. Ich war immer ein Mustergatte gewesen, ein guter Vater, ein Charaktermann; aber weißt Du auch, daß wir auf diesem Feld ins Unendliche wachsen können und mein körperlich schwaches Weib mich moralisch so riesenhoch überwachsen hat, daß Einholen hoffnungslos ausgeschlossen bleibt? O Schwester! Ich leide Qualen wie ein Gerichteter; die Liebe, das Mitleid, die Aufopferung dieses Engels brennt mich wie Rutenhiebe. Von dem Augenblick, als Eva mich besuchte in Bellevue -- mit einem Schrei stürzte sie an mein Lager und schlug hart ihren Körper auf meinen; »Tom!« jammerte sie, »Tom! armer, armer Tom!« und schier ertränkte sie mich mit Tränen, erstickte meinen Atem mit Küssen, schier bohrte sich ihre Brust durch meine, ihre Stirn durch meine, bis aufs Herz und Hirn -- -- O Schwester! wie weh tut solche Liebe, wenn man sie erwidert nach Kräften und zurückbleibt in der Kraft. Und dann, wie jammervoll weh tut es, hier zu liegen jetzt im kleinen, engen Heim, hilflos gleich einem Kind, und das teure Wesen »Weib« schaffen, waschen, flicken, kochen -- und husten sehn, und denken müssen, daß all ihr Mühen das sinkende Schiff nicht retten wird, daß wir untergehen, untersinken im Menschenmeer der Welt -- unbemerkt. Was ist ~ein~ Hilfeschrei im Donnergebrülle dieser Riesenstadt, wo Millionen schreien, jammern, lachen, fluchen?
Schwester! Jennie! Ich will nicht wieder den Brief füllen mit Klagen. Wenn ich's hin und wieder tue, es ist der gestörte Geist, nicht mein Wunsch. Nimm's wörtlich: ich bin unzurechnungsfähig, unvollständig; die Hälfte ist verloren, und ich fürchte, die beste. Mit der lieben, teuren Hand ging auch mein guter Humor dahin, und wilde, wüste Witze, häßliche Sarkasmen werden jetzt die keusche Seele schänden dürfen. Vielleicht aber verstehst Du mein Geschreibe nicht, dann wär's besser. Vielleicht geht's Dir wie mir, ich sehe die Buchstaben zeitweilig auf dem Papier herumhinken wie lebende Figuren, wie sieche Krüppel an der Krücke, Spitalkrüppel -- oder wie losgelaßne Kobolde; sie werfen die Beine in die Luft, die Mützen noch höher und purzeln über- und durcheinander, bis ein »O!« die Schelme verjagt und öder Jammer mir entgegenstarrt aus meinen Zeilen.
Dort hängt an der Wand Dein Bild, Schwester. Wo bist Du jetzt, derweil ich hier, aufrecht im Bette sitzend, an Dich schreibe? ~Der~ Gedanke tut weh. Neben Dir hängt das Bild meines unendlich geliebten Kindes, meiner Elsie, die jetzt tot und begraben draußen liegt im Kirchhof; ~der~ Gedanke tut weher. Gegenüber hängt der Spiegel, aus seinem Rahmen schaut mich das starre, blasse Antlitz eines Mannes an; er nickt mir zu -- ich ihm. Er schüttelt langsam den Kopf -- ich auch. Er zeigt mir einen gräßlich verstümmelten Arm -- ich ihm den meinen. Er schüttelt wieder den Kopf. Er wartet auf ein Lächeln von mir -- ich auf sein's.
Hölle! wohin soll ich schauen, dem Wahnsinn zu entrinnen? -- Die Augen schließen und schlafen. »Eva! nimm den Brief -- und fort!«
* * * * *
Pilot Knob, den 28. August 1900.
Mein Bruder!
Mit Entsetzen habe ich Deinen Brief gelesen. Armer, armer Bruder! Ich finde keine anderen Worte, mein Mitleid auszudrücken, mein grenzenloses Mitleid auszudrücken. Armer, armer Bruder! -- So gut, brav, fleißig, bescheiden -- ein Ehrenmann jeder Zoll und Atemzug an Dir -- und so geschlagen werden vom Schicksal. Gott! Gott!
* * * * *
Ich mußte aussetzen. Ich konnte nicht schreiben mit solchem Krampf. Die Feder fiel mir aus der Hand, die Hand aufs Herz, aufs zuckende, todwunde Herz.
Jetzt hab' ich mich ausgeweint und Gott hat mich getröstet; und ~so~ will ich ~Dich~. O, welche Gnade, welche Kraft es dem gepreßten Herzen gibt, das Weinen. Tränen, Tränen, Tau vom Himmel, der des Erdenlebens Wüste tränkt zur üppiggrünen Wiese Hoffnung.
Bruder, jetzt höre. Ich komme zu Dir, wie der Engel zu mir kommt, der mich aufrichtet. Ich brauche Worte, er keine, das ist der ganze Unterschied. Mit tiefinnerster Schwesterliebe rufe ich Dir zu: »Bete!« -- Du mußt beten; Du mußt wieder beten; Du mußt Gott suchen, mußt ihn finden wieder. Es gibt kein anderes Mittel, Kummer zu stillen, Verzweiflung zu bannen, dem Wahnsinn übers starre, eisigkalte Antlitz zu fahren, daß es aufwärmt zu milderer Form; keine Brücke trägt die Last, die die Herzen bricht, trägt Mutlosigkeit über den Abgrund zum Hoffen wieder, zum Glauben, Dulden, wie -- die Religion. Ich weiß, Du lachst jetzt nicht über diese Aufforderung. Ich weiß auch, Du wirst es versuchen, weil ich Dich bitte. Du wirst es versuchen ~müssen~. O, ich sage so ungerne »müssen« zu Dir, weil ich Deine Denkart so hoch schätze wie ein Geschenk vom Himmel; aber, Bruder! das Freidenken, das Zweifeln, Kritteln, all die Philosophie der Gebildeten, das überkluge Kunstgedicht der Menschen gibt die Erlösung nicht, die ein kindlich »Vaterunser« gibt.
Was kann Dich näherbringen zum guten, großen Vater dort oben, als wie sein Kind werden, sein bittend Kind, sein krankes, hilfloses, hilfesuchendes, unwissendes Kind. Und das bist Du, Bruder; Du bist hilflos; Du bist ein Krüppel, arm, arbeitslos. Dein Weib kann Dir nicht helfen. Ich auch nicht. Freunde wirst Du wenige haben als Fremdling in Neuyork -- und jetzt erst recht nicht, im Unglück. Von außen her bist Du so elend und allein, so verlassen und verloren wie der Hauch in Wintersnacht. Bruder, geh nach innen, geh in Dich, in Deine Seele -- die Seele ist Gott. Wo Millionen getröstet werden, Millionen gerettet werden -- auf feiger Flucht plötzlich sich umwenden und mit Löwenmut den Kampf ums Dasein kämpfen bis zum Ende. Geh in Dich! Nichts kann Dir eine ruhigere, bekanntere, wärmere, ältere Heimat sein als Dein eigen Selbst; gar nichts eine nähere. Geh in Deine Seele, die Seele ist Gott -- geh zu Gott. Die größten Wunder werden nicht gesehen -- ~gefühlt~! Geh in Dich, ~bete~. Was ist das Dasein ohne Hoffnung? Ein erbärmliches Leben. Was ist ein erbärmliches Leben ohne Hoffnung? Hölle. Bruder, es gibt ein Schicksal, regiert von höchster Intelligenz zum Segen aller Wesen. Der Arme im Geiste fühlt es -- der Reichste im Geiste sieht es. O, könnte ich Dir alles so lebendig sagen, schreiben, wie ich es empfinde. Bete, Bruder, und Du wirst es begreifen. Alles, was Du verloren hast an Mut, Vertrauen, Hoffnung, Glauben -- und das ist viel -- wird zurückkommen wieder. Tu's, lieber Bruder. Bitte, tu's! Versuch's! Du bist kein Fremdling dort oben. Du bist kein rettungsloser Mensch -- nur ein wenig locker im Glauben, ein wenig eigensinnig im Kritisieren der Wunder, die wir nicht ermessen, der Rätsel, die wir nicht verstehen.
Ich muß schließen, es wird Nacht. Viel, viel hätt' ich noch zu sagen. Mein Herz ist noch so voll wie am Anfang -- und wenig leichter. Aber Nacht wird es, Pflichten rufen. Die Gattin verdrängt die Schwester. Peter kommt vom Bergwerk, hungrig, müd, naß, schmutzig. Die Kinder lärmen. »Mutter!« schreit's in allen Ecken. Die Feder spritzt. Das Papier geht aus. Der Brief ~muß~ fort. Gott sei mit Dir und Deinem Weib und Kind. Amen!
Jennie.
* * * * *
Brooklyn, den 1. September 1900.
Teure Schwester!
Ich bin doch ein miserabler Feigling, wenn ich an euch Frauen emporschaue. Du hast tausendmal recht, gute Schwester, ich brauche -- mehr als das tägliche Brot -- Mut zum Leben. Daß ich den mir holen muß beim schwachen Geschlecht, ist Beweis genug meiner elenden Lage. -- -- -- Jetzt fällt mir die Feder auf den Boden. Gott! Gott! gibt es etwas Hilfloseres als ein Wickelkind? Ja, ein großer Mann im Bett und krank! -- --
Eben kommt mein kleiner Bertie von der Straße herauf und küßt mich.
»Papa, tut's weh?« Er meint meine Wunde. Das ist seine immerwährende Frage jede Viertelstunde des Tages; bei Nacht schläft er wie alle gesunden Kinder. Aber das erste Wort am Morgen und das letzte am Abend ist: »Papa, tut's weh?« Glücklicher Knabe, der körperliche Leiden als die größten kennt.
Ja, ja, Schwester! ich werde ganz willenlos mich unterwerfen Deiner Zaubermacht. Du hast Gedanken geschrieben in Deinem Brief, zauberhaft überwältigend. Ich werd's versuchen -- beten. Die alte Schule noch einmal besuchen. Sobald ich das Zimmer verlassen und die Treppe riskieren kann, wallfahre ich zur Kirche. Ich tu's. Ich hab's versprochen jetzt. Ob es hilft oder nicht hilft -- ich versuche mein Menschenmöglichstes, den Weg zurückzufinden zum Kinderglauben. Ach, wie schnell und weit kommt man weg, wenn man rast und flucht! Aber ich geh' zurück. Ich werde Gott ersuchen um Brot, Wohnung, Kleidung, Arbeit für wenigstens eine Hand. Es ist freilich taktlos, sehr taktlos, nach vielen Jahren der Abwesenheit zum allererstenmal beten kommen und gleich mit einer Riesenbettelei. Ich wollt', es könnt' ein Dankgebet sein anstatt -- -- Aber Vertrauen, Tom, der liebe Gott verkehrt lange genug mit Geschöpfen, um zu wissen, daß vom Hund auf- und abwärts gerechnet der Mensch allein die Lumpeneigenschaft besitzt -- betteln an der Pforte, die er gestern anspuckte -- und Gott ist unendlich nachsichtig.
»Herr der Welt!« werde ich beten, »hier ist man wieder. Zwanzig Jahre oder mehr sind's her, daß man in der Wüste grast. Das Vaterunser hat man vergessen -- halb. Den Glauben -- ganz. Die Hoffnung ist verbraucht. Die Liebe verschenkt ans Weib. Die zehn Gebote, Rosenkranz und viel segenbringendes Anderes ist verloren gegangen im Laufschritt nach irdischen Reichtümern. Jetzt ist man müd, hungrig, bankrott. Man kommt, weil der Schuh drückt. Die Hühneraugen sind's, die Hilfe suchen. Wären die Leiden erträglicher, man dächte noch lange nicht ans Umkehren. Herrgott, rechne mir diese aufrichtige Unverschämtheit als den letzt gebliebenen Rest meiner Tugenden an! Allwissender, du kennst mich besser als ich dich, und das erspart mir die lange Erklärung. Allgütiger, du kannst mehr lieben als ich, und das steigert meine Hoffnung. Allmächtiger, du brauchst mich rein gar nicht, ich dich sehr, das entschuldigt meine Schnorrerei. Es gibt Geschöpfe, die lauter um Erlösung schreien -- aber ~mich~ höre. Es gibt Geschöpfe, die keine Verzögerung deiner Hilfe ertragen können -- aber ~mich~ zuerst. ~Mich~, ~mich~, dann wieder ~mich~ und immer ~mich~!«
Nein, Schwester! so werde ich nicht Gott lästern. »Vaterunser!« werde ich rufen, »der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme zu uns. Gib uns heute unser täglich Brot« -- --
O weh! ich höre den Doktor klopfen, und Eva öffnet dem Schrecklichen die Tür. Jetzt geht's los. Mein Gott! Mein Gott! Die Folter, die Metzgerei, die Messerschleiferei -- -- armer Tom! -- --
Jennie! Jennie! sag mir's ehrlich: ist das Leben diese Qualen wert?
Tom.
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Brooklyn, den 5. September 1900.
Teure Schwester!
Wenn ich wieder bei Kräften bin, werd' ich ein Waschweib werden. Dieser schaumweiße Stern der Hoffnung strahlt jetzt sein mildes, seifenblasenschillerndes Licht hernieder auf Toms Schmerzenslager. Eva saß diesen Morgen auf dem Bettrand bei mir und berichtete die Entdeckung dieses neuen Planeten am Ehehimmel. Sie streichelte mir, während sie redete, mit ihrer weichen, nervösen Hand unablässig über die Stirn, die Haare nach rückwärts, so lieb und zärtlich wie in den Tagen unserer Brautzeit. Es dünkt mich schier, ich sei ihr Kind, so mütterlich behandelt sie mich; oder will sie das Wäscheeinseifen schon im voraus probieren an mir. »Kind!« sagte sie, »ich hab' einen Plan ausgedacht und der ist gut. Bei den Nachbarsleuten bin ich herumgegangen, sie alle wissen von dem Unglück, das uns betroffen hat, und werden mir Arbeit geben. Ich werde jetzt eine Wäscherei einrichten.«
So weit meine Eva, jetzt höre ~mich~. Also, Wäscherei einrichten! -- Sobald ich aufstehen kann und stark genug bin, Tee zu trinken am Küchentisch, werd' ich eine lange weiße, gestärkte Schürze tragen; hinten zugeknüpft mit breiter Doppelschleife; vielleicht kommt dazu ein norwegisches Häubchen, Mieder, Spitzenkrause. Die Hosen darf ich anbehalten, Pantoffeln tragen auch. So steh' ich wenigstens bei Tage noch ~auf~ und nicht ~unter~ dem Pantoffel. Der Waschkübel ist schon gekauft, die Seife bestellt, das Wasser wartet in der Röhre, und -- die Hemden, Socken und Bettücher werden schon noch verschwitzt werden bis dahin.
Ja -- bis dahin. Ich kann vorläufig noch gar nicht mithelfen. Ich liege im Bett, so schwach und elend, wie nur ein Mensch liegen kann, der sich schier totblutete. Ich höre mein gutes, treues Evchen schaffen und mühen in der Küche nebenan -- aber behilflich sein kann ich wohl noch lange nicht, und dann auch nur mit ~einer~ Hand.
Doch ist Hoffnung. Wir werden uns gegenseitig nicht verhungern lassen -- Eva -- Bertie -- Tom. Die Wohnungsmiete ist bezahlt für September. Der Doktor kostet vorläufig nichts. Eva und Bertie haben neue Schuhe; ich brauche keine. Aber daß ich baumstarker Riese im Bett liege Tag und Nacht, und mein brustkrankes Weib für mich und das Kind sich abrackern soll am Waschbrett -- -- Schwester! das ist ein Stich ins Herz, das brennt, das vergiftet mich; das weckt so bittere Gefühle in mir gegen die reiche, bessergestellte Menschenklasse, daß ich ihr schwerlich je verzeihen werde.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 9. September 1900.
Liebe Schwester!
Ich habe einen guten Tag. Um neun Uhr fing er an mit gutem Frühstück am Küchentisch. Appetit und Schlaf sind fehlerfrei. Um zehn Uhr besuchte mich der Herr Doktor. Nachdem er mit seiner Salberei fertig war, kamen zum erstenmal tröstende Worte in meine Ohren. »Die Sache heilt jetzt, Mister Pratt. Noch eine Woche oder so, und Sie können sich wohl selber forthelfen mit Verbinden.« Ach, das klingt so tröstlich. Den Doktor loswerden, und besonders einen mit der Säge und dem Messer, ist die wahre, unverfälschte Erlösung.
Nach dem Mittagessen -- jetzt kommt der Generalbericht des »guten Tages« -- versuchte ich den ersten Spaziergang ins Freie seit dem Unglücksfall. Erst promenierte ich vom Schlafzimmer nach der Küche, von der Küche zurück ins Schlafzimmer, und so hin und her. Dann kriegte ich plötzlich das Freiheitsfieber, nahm Hut und Rock und Stock und machte einen Angriff auf den Korridor. Er gelang. Bis zur Treppe schlug ich mich durch; aber dort -- hm! -- ich bin noch immer wackelig, und die Treppe auch, und dass Schlimmste: das Geländer ist ~links~ beim Absteigen. Das sind drei Gefahren. Aber die Sehnsucht, Straßenluft zu atmen, war mächtiger als die Vorsicht, mächtiger als das Flehen meiner überängstlichen Eva -- und ~rückwärts~schreitend ging ich die Treppe hinunter. So bekam ich das Geländer rechts und einen Halt. Aber komisch muß es ausgeschaut haben, denn Evchen lachte. -- Ja, ja, liebes Weibchen, rückwärts geht's, den Krebsgang geht's. Auf der untersten Treppe mußte ich ausruhen. Ich ließ gleichzeitig die Hausmeisterin an mir vorbei.
»Ah, Mister Pratt!« grüßte sie mich, meine strategische Stellung mißverstehend. »Spazieren gewesen? Schönes Wetter draußen, Mister Pratt!«
So kam ich denn schließlich hinab -- hinaus -- und heraus. -- -- O Freiheit! wie bist du im schlichtesten Gewande noch die Königin der Himmelsgaben. Das bißchen Sonnenschein, getrübt vom Dampf der Stadt. Das bißchen Blau dort oben, verschleiert vom Rauch der Metropole. Die dicke Luft. Die arme Erde -- ein Pflasterstein auf jedem Grashalm. Bäume -- Sträucher -- Natur so verkrüppelt, verschunden, verhunzt von des Menschen Gier nach Profit. Die Hügel abgetragen; Täler ausgefüllt; Wälder, Felder und Wiesen rasiert; Bäche und Quellen verstopft wie pulsendes Leben; die Ufer der Bai vermauert, mit spitzen Pfählen gemartert; ein paradiesisches Stückchen Erde verstümmelt zu einem Agglomerat von Straßen, Häusern, Fabriken, Magazinen, Steinhaufen -- alles dampfend, rauchend, qualmend -- die Hölle für Tausende. ~Und doch~ bleibt noch so viel übrig nach dieser Vandalenplünderung, mein dürstend Herz zu tränken mit Entzücken.
Ein Stündchen lang spazierte ich um das Häusergevierte herum und gelangte (körperlich erschöpft, geistig erfrischt) wieder heim zur Hoftür.
Mein Bertie rannte mir laut jubelnd entgegen und hielt einen Apfel in der Hand: »Papa! den hat mir die gute Frau Finnerty geschenkt, und noch drei für dich und Mama.«
Und so war es: Evchen hatte Damenbesuch. Wir setzten uns, fünf Köpfe stark, um den Tisch herum, tranken Tee und schwatzten, klatschten und lachten, bis der Nachmittag das Aussehen eines kühlen, schönen Abends bekam, der uns zum Ruhen und Rasten lockte.
Tom.
* * * * *
Pilot Knob, den 12. September 1900.
Bruder!
Gott sei Dank! Die Briefe sind besser. Durch die Zeilen kann ich lesen, daß es besser geht bei Dir, daß Mut, Vertrauen, Hoffen und was dazu gehört, ein Kreuz tragen zu können, allmählich wieder zurückkehrt ins alte Lager, in Deine Brust.
So bleibst Du wenigstens geistig bei Kräften, und ist Dein Arm geheilt, dann -- nun ja -- es wird sich schon etwas finden für Dich. Es gibt Tausende von Krüppeln, es gibt Menschen, viel mehr verstümmelt und hilfloser als Du, und alle leben, essen, trinken, kleiden sich. Warum also verzagen? -- Mut, lieber Bruder! Ganz glücklich sein, das können oder sollen wir nicht in dieser Welt. Auch der Beneidenswerteste hat Wünsche, die ihn quälen. Auch mit zwei Händen hat der Mensch Tränen zu trocknen, und hätt' er drei Hände, dann wär' ~wieder~ was unrecht. Zum Spaßmachen sind wir nicht ins Dasein gerufen worden -- eine heilige, tiefernste Mission ist unser Leben -- ~Seelen zu reifen~.
Wie kleinmütig bist Du also, eines Mißgeschickes wegen so den Verstand zu verlieren, daß -- -- -- Nein, ich will Dich nicht schelten, armer Tom. Ich begreife, wie Du gelitten hast und noch leidest -- aber nichts mehr von der unseligen Vergangenheit. Die Zukunft wollen wir besprechen.
Bruder, Du sagst: Dein Arbeitgeber sei menschlich gegen Dich. Hier ist also schon Aussicht, daß Du Verwendung in seiner Fabrik erwarten kannst; freilich nicht an der Säge und Drehbank, aber sonstwie und -wo. Und wird's nichts in seiner Fabrik, dann wird's sonstwo. Die Welt ist weit und reich.
Mit jedem Tag wirst Du jetzt kräftiger und mehr im stande, Dich umzuschauen; und kommst Du nur erst unter Leute, auf die Straße, ins Gewühl und Getriebe, dann wächst Dir auch der Mut. Ich weiß das aus Erfahrung, daß nichts ihn so erschlafft wie das Bettliegen und nichts um und um haben als die Wand und Zimmerdecke. Es gehört zum Wunderbaren, daß man überhaupt gesund wird im Bett.
Dann, lieber Bruder! vergiß nicht Dein Versprechen, das ich von Dir habe -- geh zur Kirche. Sobald Du Haus und Zimmer verlassen darfst, geh zur Kirche. Am liebsten wäre mir's, Du wähltest eine katholische; Du bist so erzogen worden und bist gleich daheim beim ersten Schritt über die Schwelle. Hundert Dinge werden Bilder wachrufen in Dir, die jahrelang, seit Deiner Jugendzeit geschlafen haben, und Gottes Nähe und der Kindheit Ferne (diese beiden Pole) müssen Dich erschüttern -- sonst wärst Du nicht mein Fleisch und Blut. Es ist die ~Umgebung~, die den Menschen festhält oder fortreißt; Du sagst das selber. Wir Menschen haben das Gottesgeschenk und dürfen unsre Umgebung wählen; wähle den sichersten Ort zum Ruhigträumen, die Kirche. Kniee mit den Armen im Geiste vor dem ewigen Licht und bete. Kritisiere nicht, studiere nicht, bete. Denke nicht, Du wärst zu weitsichtig, klug, gelehrt; Religion ist ebenso heilig für Dich, ebenso unerklärlich, mysteriös für Dich, ebenso notwendig für Deine Ruhe und Deinen Frieden. Was ist Menschenwitz vor diesem Rätsel? Der Weiseste ist nur ein Rater -- und Narren raten besser.