Chapter 7 of 12 · 3941 words · ~20 min read

Part 7

O Schwägerin Schwester laß mich auch Schwester sagen. Es lautet so viel schöner. Du hast recht geraten mit Tom. Er macht mir viel viel Angst. Er nimmt sich das Unglück so zu Herzen daß er abzehrt. Daß er krank wird. Er kann nicht essen nicht schlafen nicht lachen nicht sprechen. Oft wache ich auf mitten in der Nacht dann sitzt er am Fenster allein und will nicht ins Bett so viel ich bitte und weine. Das macht ihn krank. Gott sei Lob und Dank jetzt hat er einen Platz in Neuyork als Nachtwächter. Das ist ein guter Platz für einen Krüppel. Er bekommt zwölf Dollar. Das ist sehr gut. Aber den Platz hat er nur wenn der andere stirbt. Das ist traurig. Er sagt so jeden Tag. Ich bete und bete daß er den Platz soll behalten daß wir leben können. Das Waschen ist hart für mich. Wenn ich hart arbeite tut mir schon die Brust weh. Dass sind große Schmerzen.

Liebe Schwester. Bitte rede kein Wort vom Wegreisen von Brooklyn zu Tom. O sag es ja nicht mehr. Bitte bitte. Du siehst ja ich kann nicht wegreisen weil Elsies Grab hier bleibt. Wer soll Elsies Grab besuchen wenn ich wegreise? Tom sagte auch einmal wir müssen nach Pilot Knob. Dann hab' ich so geweint. Die ganze Woche. O lasset mich leben hier die paar Tage noch. Ich will ja nicht viel. Nur meiner Elsie Grab sehen wenn ich Zeit hab'. Wenn ich das nicht kann bin ich so elend daß ich sterbe. Wenn Tom seinen Platz behält wird ja noch alles recht. Wir wollen hoffen zu Gott.

Liebe Schwester. Tom hat recht. Er lehrte mich schreiben und lesen nach der Hochzeit. Jeden Abend. Wenn er kam von der Arbeit. Ich konnte nicht schreiben und lesen. Nur schwedisch ein wenig. Tom hat's mich gelehrt. Das ist schön wenn man sich Briefe schreiben kann. Ich werde Tom loben mit seinem Verstand. Du hast recht er schreibt gern. Das tut ihm gut. Wenn er aber den Platz behält braucht er keine Bücher schreiben. Er ist doch nicht gelehrt genug. Und fein wie die Herren. Denkst Du nicht auch so? Jetzt muß ich aufhören weil er schlaft und ich hab' Angst er schlaft nicht. Das Schreiben dauert bei mir viel länger. Gott segne meinen lieben lieben Mann. Und Dich und Deine Kinder und Deinen Mann. Deine Dich liebende Schwester Schwägerin.

Eva Pratt.

* * * * *

Brooklyn, den 4. Dezember 1900.

Teure, liebe Schwester!

Unsere Briefe haben sich dieses Mal gekreuzt auf dem Weg zur Bestimmung -- irgendwo in Indiana oder Ohio. Sie tragen beide das gleiche Datum. Du hast demnach mein letztes Schreiben noch nicht beantwortet, wahrscheinlich aber gelesen jetzt.

Mit Deinem schwesterlichen Rat, ich soll's versuchen, mit der Feder Brot zu verdienen, kommst Du spät. Ich laufe, seit ich wieder gehen kann, schier die Beine weg, eine Anstellung als Schreiber zu erlangen. Wertloses Bemühen. Es ist das reinste Lottospiel. Einer aus zwölf, aus hundert oft, gewinnt die aussgeschriebene Schreiberstelle. Die anderen ziehen ab -- und lauter Zweihändige, verstanden, bis auf den armen Tom.

Aber -- hm -- Schriftsteller werden? Bücher schreiben -- Romane -- Gedichte -- Dramen? -- Schwester! das ist ein Wort, mit dem Du mich tatsächlich erschrecken -- nein, ruinieren kannst, weil es eine Brust voll gefesselte Geister loskettet zur Rebellion wider meine Ruhe. Ja, ja, sag' ich es freimütig, Du hast den gleichen Gedanken, wie er oft mich selber quält. Oft hab' ich zu mir selber gesagt: Tom, wie geht's? Wie steht's? Die Hand ist fort -- und bis die wieder anwächst, wächst Gras über Dir und den Deinen. Du mußt ein neues Gewerbe ergreifen, anderes Handwerksszeug als Hobel, Hammer und Säge. Wie wär's zum Beispiel -- --? Und mit der Nase stießen sie mich drauf, die friedenstörenden Kobolde.

Soll ich's probieren? -- Ich werd' müssen. Ach, es ist so ungewohnt, so plötzlich, fremd. Seiltanzen dünkt mich passender. Ich, der Holzdreher, soll Schriftsteller werden. Soll ich zuerst lachen, oder weinen? Oder werden es andere tun für mich?

Schwester! Schwester! wenn ich es jetzt versuche, mit Löwenmut in die Wolken fliege, oder von dort herunterfalle -- es ist Dein Werk. Auf denn, ich tu's! Weltgeist! steh mir bei. Ein Bettler kniee ich hier vor dir, ein armer, verkrüppelter Bettler. Nichts bin ich ohne dich. Weltgeist! laß mich nicht untergehen, ich fleh' dich an um -- Inspiration!

Arme Jennie! Jetzt folgen etliche Zeilen, die uns beiden sehr ungewohnt sind. Ich muß Dich sehr hart tadeln und zurechtweisen. Nie wieder, hörst Du! nie wieder, unter gar keinen Umständen erlaube Dir eine Ausschreitung wie diese. Ich kann Dir meine brüderliche Verzeihung nicht garantieren, sollte es zweimal vorkommen. Dein Brief enthält, eingeschlossen, eine Fünfdollarnote. Das soll für mich und meine Familie sein, damit wir nicht Not zu leiden brauchen. Du schreibst es nicht, aber übersetzt vom Geist der Liebe liest es sich so. Nie wieder, hörst Du, um aller Vernunft willen -- Jennie! Du mit sechs Kindern, die alle essen wollen wie die Hamster, und Schuh und Kleider brauchen für die kommende Kälte. Und Dein Gatte ein Bergmann, mit anderthalb Dollar Tagelohn. Nie wieder schick mir ein solches Blutgeld ins Haus. Mit diesem Brief kommt's zu Euch zurück -- jeder Cent gesegnet von mir, meinem Weib und Kind.

Ich muß schließen. Um sechs Uhr beginnt meine Dienstzeit. Ich kann es kaum Arbeit nennen, denn ich habe nichts zu tun, als im Lagerhaus übernachten ein wenig herumspazieren, horchen, husten, riechen, herumleuchten, mißtrauen, und ja nichts hereinlassen noch hinauslassen als -- meinen Gruß an Dich, und, den Deinen an mich. Jennie, Glück auf!

Tom.

* * * * *

Pilot Knob, den 9. Dezember 1900.

Bruder Tom!

Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Der Vater der Armen läßt seine flehenden Kinder nicht verderben.

Also eine Nachtwächteranstellung hast Du jetzt für Deine alten Tage? Das möchte ein Witzbold die dunkelste Zukunft nennen. ~Ich~ nenne sie so lichtvoll, daß mich schon ihre Ankündigung blendet wie Sonnenschein und mir das Wasser in die Augen treibt -- oder ist es nur die Freude? Ich werde schier kindisch über diesem Glück. Ich werde Unwillen gebärenden Unsinn schreiben in diesem Brief. Ich werde Dich quälen damit, wie Du mich quälst mit Deinen Ausbrüchen -- nur umgekehrt. Ich werde witzeln, spotten, hänseln wie zur Zeit, als Jennie ihren Bruder aus dem Bett rollte und schneeballte auf dem Schulweg. -- Gott! mein langvernachlässigter Leichtsinn, den ich bereits verhungert und verdurstet wähnte und begraben und vermodert, drückt mich so ausgelassen, unbändig in die Arme, wie ein alter, privilegierter Jugendfreund, zurückgekehrt nach langen Jahren aus der Fremde.

Also Nachtwächter bist Du. Abschied nahmst Du vom Licht und -- gegrüßt seiest du, rabenschwarze Finsternis, du Jagdrevier der Hexen, Geister, Teufel, Fledermäuse und -- Nachtwächter. Sagen die Leute: Gute Nacht! Schlafen Sie wohl! dann setzt sich Tom zum Frühstück. Sagen sie: Guten Morgen! dann geht Tom zu Bett. Mensch! das hat noch gefehlt, Dich total anders zu machen als andere. Jetzt ist auch gar nichts mehr an meinem Bruder »Sonderling«, das ausgebügelt, geglättet werden kann, modern, fashionabel, gesellschaftsmäßig. Tom Pratt, Du bist die Revolution!

Heute ist es Sonntag. Meine Kinder sind ausgegangen für den Nachmittag, zum Wald. Peter schläft. Jetzt habe ich am Ende die beste Zeit, Dir eine Neuigkeit mitzuteilen. Das rettet mich zugleich vom Delirium und Überschnappen. Die Neuigkeit hätte ich Dir schon längst können mitteilen, aber -- nun ja, Dein Unglück, und dieses auch dazu.

Wir hatten einen Grubenstreik hier. Sechs Wochen hat er gedauert. Das war ein Leben in den Bergen, das tote Indianer erwecken könnte zum Tanzen ums Feuer.

Jetzt ist der Streik beendet und -- verloren. Ich habe nie etwas Kopfloseres gesehen als diesen Ausstand. Eigentlich hatte er zu viel Köpfe. Lauter Köpfe. Aber keiner der Köpfe, oder alle zusammen hatten nicht soviel Gehirn wie ein pensionierter Abschreiber. Mäuler, Mäuler -- ja. Ein Gelärm war es, ein Geheul, Getue, ein Versammeln, Auflösen, Marschieren und Redenhalten vom Morgen bis in die Nacht hinein.

Mein Peter hat am lautesten, dafür auch am gründlichsten sich ausgeschrieen. Jetzt liegt das Streikkomitee dort auf der Bank und schnarcht, daß ich kaum schreiben kann. Alles vergessen schon -- oder nichts vergessen und nichts gelernt. »Peter! he, Peter! Protokoll verlesen! Antrag stellen! Schluß der Debatte! Zur Tagesordnung, meine Herren!« -- Ja, ja, ja.

Und so ist der Rest. Bruder, die Arbeiter sind die klobigsten Schüler in der Lebensschule, das steht bewiesen. Nichts haben sie gelernt bei diesem sechswöchentlichen Ausstand als das Hungern. Wann, o wann wird der heilige Geist herabkommen auf diese Heerscharen der Unwissenheit?

Du kannst Dir vorstellen, Bruder, wie der Streik uns schwer wurde -- besonders uns Frauen. Das Borgen und Schuldenmachen wurde epidemisch; denn Bankbücher besitzen nur die wenigen. Ich gehöre zu den vielen. Und die Herren Männer? Diese bullenwütigen Oratoren, die 's Maul aufrissen wie feuerspeiende Krater -- ein förmlicher Streikkatzenjammer ist in sie hineingefahren. Sie haben so alle Lust am Streiken verloren, daß sie eher umsonst graben als nochmals ausstehen. Das Herz ist ihnen fast wörtlich in die Hosen gefallen. Sie schleichen, kriechen, katzenbuckeln so über alle Maßen hündisch ängstlich vor dem Grubenverwalter, daß, wenn das so fortgeht, sie rettungslos zu Hufeisen verwachsen. Und wir armen Mütter -- Gott steh uns bei mit solchen Männern -- wir sollen eine Generation aufrichtiger Bürger gebären.

Und wie widerwärtig sie sind -- knurrig -- bissig beinah. Mein Peter ist der reinste Sauerampfer geworden in unserem ehelichen Paradiesgärtchen, seit dem verlorenen Ausstand. Er macht ein Gesicht (jetzt, während er schläft), als fütterte ich ihn sechs Wochen lang mit Essig und Schnupftabak. Und wacht er auf und kann denken gleich (was schwer fällt), dann multipliziert er seine Grimasse mit dreizehn. Er will mit Gesichterschneiden (ich lese Peters Ideengang wie guten Druck) mir solche Angst einflößen, daß ich vor Zittern und Beben nicht zum Lachen komme über seine großmäuligen Streikreden.

Der Rest ist -- Schnarchen!

Aber, Gott hab' ihn im Schirm und Schutz. Er ist doch nicht so schlimm, wie viele andere sind. Wenn meine Ehe auch keine beneidenswerte heißt, mein Peter ist mir doch teuer wie keiner -- der Vater meiner sechs herrlichen Kinder. Er ist ein lieber, herziger, wohldressierter Brummbär. Nicht mit der Peitsche dressiert, aber mit Zucker und Honig, mit ewigem Nachgeben, Schweigen, Gutsein von ~meiner~ Seite. Meine Geduld gibt ihm keine Gelegenheit, seine Grizzlinatur in Übung zu halten, und so hat er sie jetzt verlernt. Wir vertragen uns. Ich bin der Honigstock und Peter der Bär. Daß er mich jedoch bald aufgefressen haben wird, fühl' ich leider; ich wiege keine hundert Pfund mitsamt den Knochen.

Du lieber Gott! Es gibt ja Männer, die sind schlimmer. Es gibt Männer, die sind Tiger. Welche sind Hunde, Affen, Esel, sogar Schweine. Die Löwen sind selten -- und auch bei denen ist das Lamm nicht sicher. Die besten Männer sind die, welche ~Menschen~ sind -- wie Du, mein teurer, teurer Bruder. Oft denke ich: wie lange zwei Menschen, so begabt wie Du -- oder besser: wie lange Millionen Menschen, so gut, ehrlich, gerechtigkeitsliebend wie Du, auf dieser Erde zusammenleben könnten, ohne Krieg zu haben, oder Hungersnot, Selbstmord. Ich wette mein Seelenheil, wenn alle so wären wie mein Tom, der Himmel käm' zwischen Wolken und Erde zu liegen. Ach!! --

Bruder, verzeih der Briefschreiberin den Tintenklecks; mein Peter hat sich eben umgewälzt, mit einem Schnarchen, an dem er selber erwachte. Er hat mich so erschreckt, daß die Feder spritzte. Tom, er könnte alle Bären und Berglöwen von Alaska bis Mexiko in ihre Höhlen jagen mit so einem Schrei wie dieser.

Jetzt schläft er wieder -- und lang. Er träumt vom Streik. Ruhe! Die Debatte wird begonnen. Peter Daly hat das Wort.

Tom! Bruder! Nachtwächter! Ich weiß mich nicht zu halten über Deine Versorgung. Gott wird dem »Pat« sonstwie helfen und Du behältst den Platz. Du wurdest hart mitgenommen, jetzt kommt die Erlösung. Glück und Unglück -- diese Extreme im Menschenleben sind das Läuterungsfeuer für bockbeinige Charaktere. Bei Deiner Aufrichtigkeit wirst Du mir zustimmen, daß Dich das Unglück schon ganz anständig gehobelt hat. In jedem Deiner Briefe lese ich das Wort »Gott« häufiger, das vordem fast nie von Dir geschrieben wurde (aus Respekt oder Geringschätzung, bleibe anheimgestellt).

Und in die Kirche gehst Du auch fleißig.

Und, und, und -- Lebt wohl und lang' und glücklich!

Jennie.

* * * * *

Neuyork, den 20. Dezember 1900.

Liebe Schwester!

(9 Uhr Nachts.)

Wenn das mein neuer Prinzipal wüßte, möcht' es gelbe Papierschnitzel regnen. Ich benütze seine Privatkanzlei die ganze Nacht lang als Studierstube. Das heißt: ich mache zwölf Runden durchs Gebäude (eine per Stunde), wie's die Vorschrift erheischt, halte zudem Ohren und Nase kriegsbereit wie ein belagerter Fuchs. Aber in der Kanzlei auf gepolstertem Drehstuhl sitze ich dreißig Minuten von je sechzig, als wäre ich Mister Rouß der Millionär. Ich bin aber nur Tom Pratt der einarmige Nachtwächter, der ohne Balancierstange über das hohe Seil tanzen möchte zur Unsterblichkeit.

Nach der Neun-Uhr-Runde, gewöhnlich, sitzt der Nachtwächter am Pult und erwartet -- seinen Verwandlungsprozeß zum Dichter. Er nimmt Kanzleipapier, Tinte und Feder der Firma (denn so verrückt ehrlich ist er doch nicht, daß er verhungern würde im Bäckerladen, ohne Geld) und versucht den Flug über den Olympus. Was der dann über Nacht zusammenschreibt an konfusem Durcheinander, ist zum Krämpfe kriegen. Ich möchte nicht der Dichter Tom Pratt sein, wenn ich die Wahl haben könnte. Das einzige, was mir an diesem dilettantischen Tintenkleckser imponiert, ist seine wunderbare Kompositionssicherheit, oder richtiger, sein Größenwahn. Nie seh' ich ihn kauen am Federhalter, nie hinterm Ohr kratzen, am Schnurrbart zupfen, nie simulieren, stöhnen, Atem verhalten, nie ein Wort ausstreichen oder ändern; nicht einmal das Geschriebene durchlesen seh' ich ihn. Wie der allweise Erschaffer der Welt macht er seine Arbeit ohne Vorher und Nachher, und gibt den Pfifferling um Rezensenten und lesendes Publikum.

Das wird einmal eine Katastrophe absetzen, wenn das Ungeheuer einen Verleger sucht, der's fressen soll -- das Ungeheuer nämlich.

O, Schwester! es ist nicht zum Spaßen und Lachen: in meinen Verhältnissen die Gedanken konzentrieren müssen auf eine Arbeit, die sogar Genien ermattet -- den Glauben behalten an die Kraft, die Kraft behalten zur Hoffnung -- und die Liebe zum Ideal. Ja, wenn ich jetzt meine Anstellung fest und sicher hätte, dann wären meine Gedanken leicht und könnten fliegen ins Ätherblau. Aber, aber, »Pat« mit seinen elf darbenden Kindern wird jeden Tag rüstiger -- und kommt Pat, dann geht Pratt -- und wohin?

Der Gedanke: »wohin« lastet mit solcher Wucht auf mir, daß sämtliche andre Gedanken -- wie die Liliputaner den Gulliver -- diesen Riesen nicht fortschaffen können. Ich weiß nicht, ob es ein weiser Rat von Dir war, mich zum Schriftstellern aufzumuntern. Zu spät jedoch -- der Kampf ist begonnen -- die Geister stürmen -- ich werde geschleift -- -- Wohin??

(10 Uhr Nachts.)

Ich schreibe, schreibe, schreibe. Ist es das Ungewohnte, Neue, was mich so berauscht, daß ich Visionen habe? Ich sehe meines Geistes Kinder in greifbarer Form herumgehen um mich. Alles lebt, atmet, redet, lacht, weint, -- es ist der leibhaftige Zauberpalast, den ich hier bewohne. Glückselige Schwärmerei! Wenn nie ein Wechsel käme, es wär' mein Himmel.

(11 Uhr Nachts.)

Stundenlang ohne Rast und Ruhe arbeite ich in der neuen Werkstatt. Ich denke viel an Dich -- und schreibe. Ich denke an mein Kind -- und schreibe. Mein krankes Weib macht mir viel Sorge -- aber ich schreibe. Werde ich je das Ziel erreichen, oder soll auch hier wieder die Enttäuschung das zarte, scheue Kind vom Himmel, Hoffnung, mit krallenden Fingern erdrosseln?

Ich bin manches Mal so mutlos, so schwach, daß ich mich fürchte wie der feigste Knabe und erst wieder ruhig werden kann, wenn ich mein Weib und Kind umarme.

(12 Uhr Nachts.)

Das ist die Geisterstunde. Von zwölf Uhr bis ein Uhr ruht die Feder und jede Arbeit. Ich zergliedere in Gedanken die Rätsel des Daseins. Ich bete. Das ist meine Gebetstunde.

(1 Uhr Nachts.)

Gewöhnlich nach dem dritten Vaterunser, manches Mal beim zweiten, öffnet dann der liebe Gott die Tür und ruft mich ein in seine Werkstatt. Jetzt bin ich schon ein ziemlich alter Gast. Das erste Mal jedoch, als ich die fremde Stube sah, war ich in solcher Furcht, daß schnell der Meister jede Arbeit ruhen ließ und mich beschwichtigte. Dann führt' er mich herum und zeigte mir die Wunder: den Kran, an dem die Schöpfung hängt -- die Räder, die sie treiben -- die Walzen, Formen, Pfannen, Feilen, Zangen -- die Drehbank, auf der Planeten rund geraspelt werden -- die Feueressen, aus denen er die Sonnen schöpft -- das Sternensieb -- Seiher für die Nebelflecken -- und hundert Fragen, wie ein wißbegierig Kind sie fragt, erklärte mir der Gott mit unbeschreiblicher Geduld und Güte. ~Eine~ Frage nur, und sie dünkte mich die wichtigste, die machte ihn verlegen. Er küßte mich auf Stirn und Mund und seufzte schwer: »Kind, Allwissenheit macht halt vor dieser Frage -- ~du~ allein kannst sie beantworten.«

(2 Uhr Nachts.)

Wenn Gott der Herr mir den Erdball mit allem was dran, drin und drauf klebt, als Geschenk präsentierte, und ich den Planeten absuchen sollte nach einem Ort und Wesen, wo mir so wohl wäre wie nirgend sonst -- ich eilte schnurgerade nach Brooklyn in die Schlafkammer meiner Eva. Sitz' ich hier allein und eingesperrt wie ein Unzuverlässiger, und die Nacht ist still und lang wie jetzt, dann überkommt mich so unsägliche Sehnsucht nach meinem Weib, daß ich herumgeh', irgend etwas zu finden, das ich umarmen und ans Herz drücken kann. Ich möchte mich selber küssen -- nur weil ich ihr Beschützer bin, ihr Ernährer. Das klingt schier albern von einem Ehemann, der fünf Jahre verheiratet ist. Aber, Schwester! wenn Du sie sehen könntest -- schlafen -- und ein Mann wärest anstatt ein Weib, Du würdest niederknieen vor ihrem Lager und sie anbeten. -- Ich tu's oft.

In einer jener qualvollen Nächte, als ich, meinen Arm in der Schlinge, vor Schmerzen nicht ruhen konnte und Küche und Kammer abschritt, da saß oder kniete ich oft vor ihrem Bett -- mit einer Andacht wie der Pilger vor dem Bilde der Madonna.

Einmal schien der Vollmond so grell und plötzlich aus Wolken brechend auf die Schlafende, daß ich nie den Moment vergessen werde. Das war nicht Fleisch und Blut, das war atmender Marmor. Es gibt Frauengesichter, die vom Kranksein schöner werden, engelgleicher, idealer, vom Dulden, Entsagen -- sogar Hungerleiden.

Schwester! Wenn ich jetzt auf dem Punkt steh', Dir Geheimnisse zu beichten, ich rechne felsenfest auf Verschwiegenheit (Du bist mir eine schuldig), sonst wird Tom nie wieder vertraut.

Also:

Erstens: Ich werde mich total verändern müssen, eh' ich mit Gleichgültigkeit ein schlafendes Weib betrachten kann.

Zweitens: Daß Mitleid bei solcher Betrachtung jedes andere Gefühl überwiegt, ist mir nicht angeboren, sondern Philosophie.

Drittens: Gott segne euch Frauen.

Viertens: Und beschütze euch große, immerwährende Kinder -- eure wohlgepflegten, wohlverdienten, wohltuenden Reize.

Fünftens: Ich liebe euch ~alle~ -- sehr, oder weniger -- aber alle.

Sechstens: Zartes, hilfloses Wesen, Weib! (Schwester, das rede ich jetzt ganz persönlich, individuell zu meiner Eva und geht Dich nichts an. Willst Du Dich aber zu ihr legen ins Bett und gar etliche Freundinnen mitbringen -- ihr seid alle willkommen. Dann spreche ich zu allen:) Schlafet, träumet, schöne Frauen! Die einzigen Stunden sind es, wo ihr frei seid. Arme, arme Träumer! Schwärmer! Schwaches Geschlecht! Was habt ihr erdulden müssen im langen Lauf der Weltgeschichte? Was werdet ihr noch leiden müssen, bis das Ziel erklommen ist, bis zu eurer Krönung? Denn ~ihr~ seid die Krone der Schöpfung -- nicht der Mann. Ihr habt die Freundschaft mit dem Weltgeist warm gehalten mit Sehnsucht, Schwärmerei und Idealen. Ihr habt das Menschengeschlecht vom Aussterben gerettet, das der Mann mit Feuer und Schwert dezimierte wie ein rasender Verrückter. Ihr habt die zarten Blümchen (Kinder) geboren, getränkt, gepflegt und großgezogen, derweil der Mann das Messer schliff und Ketten schmiedete. -- Er wird seine Handlungen Vaterlandsverteidigung nennen, Religionseifer, Freiheitssturm. Sagt ihm: daß Frauenschändung nicht im Programm steht; Kinderschlachten auch nicht; Haus- und Herdverwüsten auch nicht; Sklaven treiben auch nicht; Despotismus auch nicht; Kapitalismus auch nicht. Sagt ihm, er sei ein Feigling, der sich fürchtet, sogar vor dem geknebelten Weib. Der sich fürchtet, das schwache Geschlecht frei zu machen aus dem Joch der Unterwürfigkeit, Ergebenheit, Dienstbarkeit -- aus Angst vor ihrer Konkurrenz. Er kann nicht Schritt halten mit dem Weib der Gegenwart; sie tritt ihm auf die Fersen. Das Weib der Zukunft läßt ihn stehen wie ein Wirbelsturm den Bauern am Weg, ihm Hut und Schirm entführend nach den Wolken -- hahaha!

Ist das zu viel gesagt? -- Ich nehme kein Wort zurück. Schaut ihn an, den Jammermann, wie er schwächer wird, kleiner, leichter, nervöser von Generation zu Generation. Wie er abwärts wächst -- aber das sind nur physische Kleinigkeiten. Schaut seinen moralischen Vorsprung, den er gemacht hat in sechstausendjährigem Wettlauf mit einem geknebelten Weib. Schaut die Wirtschaft an, die er führt, mit seinem Bürgerrecht und freien Wahlzettel -- hahaha!

Die Erde ein fruchttragendes Paradies, strotzend von allem, was Menschen befriedigen kann -- Wohlstand förmlich gebärend -- und Tausende leiden Mangel, frieren, sterben Hungers, verderben, verzweifeln. Nicht wilde Bestien, Ratten und Heuschrecken sind es, nein, seine eigenen Kinder, seine Brüder, Schwestern, sein Weib, er selber.

(3 Uhr Nachts.)

Was ist doch das für ein Ding, das wir Menschen Seele nennen?

Gehöre ich ihr, oder sie mir? Ist sie meine Herrin, oder ich der ihre? War sie eher als ich, oder gleichzeitig mit mir? Wer von uns wird das andere überdauern? ~Eins~ sind wir nicht, sie und ich, das steht sonnenklar. Was zusammengeschmolzen und eins ist, führt nicht ewigen Krieg. Ach, es sieht aus wie eine miserable Verkuppelung, eine verfehlte Ehe, eine Zwangsheirat ohne Liebe noch Interessengemeinschaft. Das eine stammt von hier, das andere von dort. Eins wurzelt im Erdboden, das andere fiel vom Himmel. Eins möchte leben und hausen, natürlich, frei, gesetzlos -- das andere nötigt dem ersten widernatürliche Pflichten auf, importiert von irgendwoher, vom Traumland, Feenland, Wolkenkuckucksheim. Da ist keine Aussicht, daß es Frieden wird zwischen diesen Eheleutchen, in diesem Haushalt, eh' nicht eins von beiden weggetragen wird als Leiche.

Wenn ich über dieses verworrenste aller Rätsel nachdenke, dann ist es mir jedesmal, als schreite ich verirrt, führerlos, mit ausgeblasener Kerze durch ein grenzenloses Labyrinth -- durch die Mammuthöhle. Der einzige Laut, der von Leben zeugt, ist mein ~eigener~ Atem; der Widerhall meiner nimmer ruhenden Schritte auf krummer, holperiger Bahn ist der einzige Ton, der noch ein wenig auszittert -- wie Echo -- das Lied der Hoffnung: »Licht! Gefunden!« -- Manchem Geist und Gespenst begegne ich, im angstvollen Herumtasten. Manchem Lebenden begegne ich, der so wie ich, so ratlos, hoffnungslos, verirrt herumsucht nach -- nach -- was? Dem Eingang, dem Ausgang.

Schöner, blauer Himmel dort draußen! Schöne, warme Sommerluft dort draußen. Wiesen, blumenbesät -- Wälder, duftend von Harz und Blättern -- spielende, lachende, singende Welt. Ach, könnt' ich ihn finden, den Ausgang -- oder hätt' ich nie gesucht, gefunden -- den Eingang. -- --

»So ihr nicht werdet wie eines dieser Kinder, könnt ihr in das Himmelreich nicht eingehen.«

»Und was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!«

Diese herrlichen Worte eines Gottmenschen, und eines göttlichen Menschen fallen mir ins Gedächtnis, weil ich soeben an Bertie denke. Schier ärgert es mich jedoch, die obige Schmiere geschrieben zu haben, wenn ich Berties praktischen Pfeilschuß aufsteigen sehe neben meiner lahmen Theorie.

Bertie ist ein philosophisher Haudegen; ein kleiner Alexander, der jeglichen Knoten löst. Bertie verbindet Philosophie mit Diplomatie und Unverschämtheit zu einer Dreieinigkeit, vor der, wohl oder übel, der Allmächtige sich verneigen muß.

Eigentlich sollte ich es Dir nicht schreiben, was Bertie verübt hat; Du bist seine Tante und hast ein Recht, den Bengel auszuschelten -- was ich bis jetzt unterlassen habe (aus Feigheit oder Sympathie, bleibe auch anheimgestellt).