Part 9
O, tiefste Demut ringt in mir mit höchstem Dank um die Oberhand! -- Mein Gott! um welchen Preis bin ich das Ebenbild von dir? Um welche ~Opfer~?! -- Da liegt meine Mutter als das erste hinter mir; ihr Weh und Winseln, das mich in die Welt gestellt, bis müd und abgespannt von tausend Mühen ~meinetwegen~ ihr Leib zu Grabe sinkt -- das erste Opfer. Arme, arme Mutter du! -- Und hinter dir, zum gleichen Zweck verwendet, ~deine~ Mutter. Und hinter ~ihr~ ~ihre~ Mutter. Und ~ihre~ Mutter. Und ihre, ihre. Unerschöpflich wie im Strom die Wassertropfen, Kopf an Kopf, Gesichter an Gesichter, marschiert das Totenreich, mobil in allen seinen Regimentern, aus der Vergangenheit heraus -- vorbei an mir.
Mein Gott! Um welchen Preis bin ich hierhergestellt? Um welche Opfer? Über so viel Leichen wie auf Treppenstufen mußt' ich steigen? Gibt's keine andere Leiter, die vom Boden unten hinaufreicht zu dir? -- Ach, es gibt nur diese eine, sonst stellte Weisheit und Barmherzigkeit die andere hin.
Und diese Blicke all auf mich geheftet -- dieser Augen Trillionenzahlen starr und fragend, als wäre ich das Rätsel aller Rätsel, der Mittelpunkt in Raum und Zeit. Und dieses fremde, wüste Treiben. Je weiter rückwärts mein entsetztes Schauen greift, dieses Würgen, Morden, Schlachten. Verwilderung hält Schritt mit Rückgang -- und so mein Ekel. Behaarte Menschen seh' ich splitternackt, auf allen vieren aus der Höhle kriechen und kannibalisch rohes Fleisch zerreißen. Und hinter ihnen dampft der faule, mitternächtige Morast mit riesenwürmergleichen Schachtelhalmen, schlüpferigen Kröten, Molchen, stacheligen Saurusdrachen, die von sich spritzen, was sie trinken, mit der Eingeweide Gift gemischt.
Durch diese Höllengasse mußt' ich wandern? Und du mit mir? Gott, du mit mir? Gibt's keine andere Leiter?
Und all die Greuel dieser langen Reise, all die Barbareien, die viehischen Verbrechen, all die Sünden, die zum Himmel schreien, mußtest du, Allheiliger, vorüberziehen lassen. Billionen kalte Morde, Billionen Tyranneien, Flüche, Meutereien, falsche Eide, Ungeheuerlichkeiten, die um Rache schreien -- Bastardmischung zwischen Tier und Menschen unterm Hurrabrüllen und Gewieher schadenfroher Teufel -- mußtest du vorüberziehen lassen. Mit keinem andern Trost als: »Später, später« überladene Herzen brechen lassen; Gottvertrauen untergehen lassen; Unschuld untergehen lassen. All die Blicke, die zum Himmel flehen; all die Klagen, Seufzer -- der Schlachten Brüllen -- der Folterkammern schrilles Schreien -- der Kerker hohles Heulen -- der Krankenstuben Stöhnen -- den Jammer einer ganzen Welt von End' zu End', mit keinem andern Trost ertragen als: »Später, später!« bis der schneckenträgen Weltgeschichte Räderwerk (mit klebrigem Blut geölt) der Hölle tierisch Teil an mir zu Kot zermahlt.
Hat je mit so viel Gram und Wehen eine Mutter ihre Frucht geboren, wie du, o Ewiger, dein Ebenbild?
-- -- -- Ha, ist es das?! Allmächtiger, ist es das?! (Mir ist, als seh' ich ein reibend Schwefelholz an meiner Kerkerwand und find' die Tür -- -- Haltet mich, o haltet mich!) Auch du, Gott?! Auch du? Ist es möglich, auch du? O mein Erzeuger, der du bist, ist es möglich, ~auch du kämpfst wie ich den Kampf ums Dasein~? -- Die gleiche Scheu vor Stillstand wie die meinige ist dein. Das gleiche Fühlen, Denken, Sehnen ist uns eigen -- nur in allergrößtem Maße dir. Die gleiche Sucht nach Einigkeit, Fortschritt, Freiheit, nach einem Gegenstand der Liebe (außerhalb), nach ewiger Glückseligkeit macht uns kämpfen -- mich im engen Zirkel meines Selbst -- dich im unermessenen Raum, mit einem Feind, dir ebenbürtig an Mitteln, Macht und Zähigkeit. Du mit Licht -- er mit Nacht. Du mit Wärme -- er mit Kälte. Du mit Leben -- er mit Tod. Du mit Geist und Willen -- er mit Körperträgheit. Du mit Liebe, Wahrheit, Schönheit -- er mit allen Gegenteilen. -- -- Und dieses Riesenkampfes Gleichgewicht verschieben können nach rechts oder links, Ewiger! ~das kann ich~?? -- Ich kann dir trotzen und deine Allmacht entthronen? Deine Majestät entkleiden? Dir Glückseligkeit verbittern? Den ganzen, weiten Plan der Schöpfung stempeln mit Fehlschlag? Dich ausliefern dem Hohngelächter deines Feindes?
O, daß du mir diese Waffe zeigst -- scharfgeschliffen wie sie ist, sie mir anvertrauest -- welch ein Vertrauen! -- Nach langer, langer Nacht gedankenlosen Schlafens wach' ich auf, und wie ein Kind zuerst aus der Mutter Augen Liebe trinkt und ~dann~ die Milch der Brust -- ~ich liebe dich, Gott~! Zum ersten Mal in meinem Dasein ruf' ich ehrlich aus: »Ich liebe dich, Gott!« Bis heute betete ich dich an -- mit Staunen und Grauen maß ich deine Majestät -- aber lieben? -- Leere Worte waren meine Schwüre. In Maß und Form warst du ein überirdisch Ding für mich, so unverwandt und fremd wie ein Gespenst.
Ist Mitleid inniger als Staunen, und Liebe wärmer als Angst -- ist ~Vater~ schöner, inniger als Gott -- »Vater, ich liebe dich! ~Vereint~ sind wir allmächtig. ~Vereint~ sind wir die ewige Glückseligkeit -- ~getrennt verloren~.«
Und jeden Morgen, wenn ich neugestärkt zur Wirklichkeit erstehe und flüssig Blut, geerbt von dir, durch meine Adern pulsen spüre -- lebendig Hirn, geerbt von dir, an meine Schläfe pocht -- »Vater, ich liebe dich!«
Kürzen kann ich dieses pulsende, warme Leben; enden plötzlich, wenn ich will; die ganze Arbeit einer halben Ewigkeit von dir vernichten, wenn ich will; dem Feinde »Tod« mich ins Lager liefern als ein Meuterer von dir -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!«
Wenn Waldesschatten mich in ihrer seelenvollen Sprache bitten: »Bleib -- hier ist Moos zum Ruhen, dort der Quell; Beeren, Blumen überall, wohin du greifst; die Bäume schützen dich vor grellem Licht und rauhem Wetter; die Felsen ~mich~ vor allzuviel Besuch. Ist Gott nicht gut, daß er sich meiner Einsamkeit erinnert, und jedes Jahr mir viermal passend neue Kleider schenkt« -- -- »Vater, ich liebe dich!«
Wenn Sommermittagssonnenschein das vollste Treiben weckt, Gärten, Fluren, Felder schwelgen im Leben, die Schöpfung dröhnt von tausend Stimmen, alle durcheinander jauchzend, lachend, singend; oder wenn Nachts die Allmacht auf die Bühne tritt in voller Majestät der Kraft, und vor aufgezogenem Vorhang zeigt, was sie dem Tod und Stillstand abgerungen in der Zeiten Lauf -- und jeder Blick in jene sternenvollen Tiefen mit Demut beladen zurücksinkt -- -- »Vater, ich liebe dich!«
Ein Fackelwurf aus meiner Hand genügt, und jene Waldidylle brennt zu Asche. Ein Losketten meiner Instinkte genügt, und jenes Paradies von Gärten, besäet mit Wohnungen glücklicher Geschöpfe, verwandelt sich zum Pandämonium eines brüllenden, rauchenden Schlachtfeldes, und Leichengeruch statt Blumenduft qualmt dir ins Angesicht. Und was, mit deiner vielgepufften Sternenherrlichkeit? Steck deine Kerzen du auf trillionmeilenhohe Leuchter -- ich kann mir das Denken verhalten -- die Vernunft schänden -- bis blöd und tierisch Gottes Ebenbild dein Schauspiel sieht wie die ausgesperrte Kuh den Mond. Soll ich noch mehr dich höhnen? -- -- »Vater, ich bleib' dir treu!«
Hat je ein Künstler seine Arbeit gut gemacht -- mit vollster Seele liebsten Stoff geformt, bis alle seine Wünsche sich verwirklichten im Meisterwerk. O, dieser ~Spiegel~ -- und der Rahmen zu dem Spiegel! Vor keinem Spiegel lacht und weint der Mensch so ehrlich und so viel wie hier. In keinem Spiegel sieht der Mensch sich selber so wie hier. Vom hellsten Blau herab zum tiefsten Schwarz, in allen Farben, die ergreifen, strahlt der Spiegel ihm sein Bild zurück. Hier sitzt der Greis und schaut die hundert Schichten seines Lebens, die er im Flügelhemdchen bis herab zur Krücke durchgelebt mit Leib und Seele, und Gefühle, die geschlummert haben jahrelang, sie tauchen aus dem Spiegel auf und grüßen oder zürnen. Hier kniet die Mutter, der in langer Sorgennacht das Herz gebrochen, stundenlang vor diesem Spiegel, bis vom Schauen ihre Tränen trocknen, der bittre Mund sich öffnet zum verklärten Lächeln. Vor diesem Spiegel steht der Ewige mit Stolz und triumphierender Genugtuung -- gemischt mit weher Sorge, der Spiegel möcht' zertrümmert werden von verfluchten Buben -- denn Schöneres kann er nimmer machen, das ist sein Meisterwerk. Das ist das Gegenteil vom Tod -- das ist der Allmacht stärkste Karte, die sie dem Feinde Tod auftrumpfen kann im Spiel um die Oberherrschaft dieser Weltkontraste. ~Der Spiegel ist das Kind!~ Des Kindes Seele, des Kindes Augen -- Leib und Seele widerspiegelnd.
»Vater, ich liebe dich!«
Schaudere -- -- was kann ich hier verwüsten, wenn ich will, an dieser hilflosesten der Kreaturen? Mit Ärgernis, mit Grausamkeit, mit Vernachlässigung, mit Mißleitung, mit Mißbrauch meiner Zeugungstriebe? Hier bin ich selber schier allmächtig, wollt ich zerstören, was du aufgebaut.
»Vater, ich bleib' dir treu!« Dein Wille sei der meine. Dein Geist der meine. Dein Feind der meine. Wahrheit um jeden Preis und jedes Opfer sei von nun an meine Religion! Gerechtigkeit meine Religion, Opferwilligkeit meine Religion; zu großer, friedlicher Familie deine Menschen vereinigen, bis alle dich sehen wie ich, meine Religion. Und fortschreitend wie ein Siegesmarsch, im Schlachtenrauch, zu immer höheren Höhen -- aus bettender Nacht des Stillstands zu immer lichterem Leben, zu reinerer Erkenntnis -- aus des Daseins Sturm und Drang die Treppe bauen, bis die letzte Stufe den Thron streift und Gottes Ebenbild zu deiner Rechten sitzen kann -- ~von dannen es kommen wird am Ende der Schlacht mit aller Kraft und Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und Toten~!
»Vater, ich liebe dich!«
Und nahet mir des Lebens letzte Stunde -- und jenes Ding, das Blut gerinnen macht und Todesschweiß durch alle Poren preßt -- --
Noch einmal seh' ich dann, wie der Wanderer auf höchstem Paß, zurück und schaue mein Erdenwallen einer weißen Straße gleich. Dort im Tal liegt meiner Jugend immergrüner Tummelplatz. Dort seh' ich die ersten Schatten, die mir Wetterwolken auf den Weg geworfen. Dort die erste steile Felsenwand. Dort den jähen Abgrund mit der schwanken Brücke. Dort den Wald mit Angst und Sehnen nach dem Ausgang. Noch einmal empfind' ich Verlangen zum Bleiben in der Welt, so heiß wie nie zuvor -- und Trennungsschmerzen, eh ich fort bin -- und Heimweh, eh ich abgereist -- und Reue, eh ich gerichtet bin. Noch einmal, ach! durchschauert meine Seele jenes himmelahnende Gefühl, das Gesang und rauschende Musik allein im Menschenherzen wecken kann, bis wollustgleich in Tränen Lust und Leid sich entladen.
Kühl war der Morgen; heiß der Mittag; müde wankt das Kind am Abend in die Kammer, an sein Bett. Das Erdenleben gleicht dem langen Tag. Viel Blumen sind zertreten worden -- viel ist herumgestritten und gerissen worden -- Gesicht und Händchen sind ihm schmutzig, sein Kleidchen schier in Fetzen -- wild war sein Spiel im langen Tag -- doch, gebe Gott, es war ein Spiel. Noch einmal weint das Kind aus Müdigkeit, aus Leid ums abgerissene Spiel an seiner Mutter Brust: Natur; und dann -- -- ist Schlafenszeit.
»Vater, ich liebe dich!«
Ob ich unsterblich bin? -- Unwiderruflich, ja! ~wenn ich will~.
Ob mein Endziel höchste Glückseligkeit wird sein? -- Unwiderruflich, ja!
O, meine Eva! meine Eva! Auf halbem Weg zu der Vollkommenheit erst, und deiner Küsse Seligkeit!
Dank, Dank, Allgütiger! Ich danke dir, vom ersten Werden bis hierher und ewig. Vater unser, der du bist! Ich verbleibe grenzenlos dankend
Dein liebes
Kind.
* * * * *
Pilot Knob, den 1. Januar 1901.
Lieber Bruder mit Weib und Kind!
Heute ist Neujahr. Mit ungezählten Segenswünschen beginne ich diesen Brief. Möge Gott Euch die Vergangenheit vergessen machen im Rausch einer fröhlichen Zukunft. Möge alles, was er zurückhielt an Freud' und Wohlergehen, hundertprozentig Euch ausbezahlt werden.
Das war ein böses, rauhes Jahr, das vergangene. So ein paar mehr noch könnten selbst dem Leichtsinn graue Haare wachsen machen. Wir armen Menschen -- wir armen Leute!
Also, Neujahr.
Als ordnungsliebende Hausfrau -- (lieber Bruder! Du hast in sämtlichen Briefen seit Deinem Unglückstag so viel Unverdauliches zusammengebraut und gebraten, daß unbedingt hausbackene Kost auf den Tisch muß zur Abwechslung, oder wir werden noch alle krank. Trockenes Brot -- hier ist es:) Als ordnungsliebende Hausfrau nehme ich jetzt, gleich einem guten Geschäftsführer, die Warenaufnahme vor und beginne mit dem Hauptartikel der Haushaltung -- mit Peter.
Mein Peter ist heute vierzig Jahre alt und vier Wochen. Er kam also herausgekrochen zu einer Jahreszeit, wo andere Bären sich verkriechen in ihre Höhlen zum Winterschlaf. Er machte auch hierin die eigensinnige Ausnahme, wie immer und überall. Wenn's schneit und friert, geht er in Hemdärmeln spazieren. Im Sommer ist ihm am wohlsten im schweren Rock, und -- die Pelzmütze ist ihm buchstäblich auf dem Kopf verlaufen wie ein zu stark gebrühter Waschlappen, sonst hätt' er sie nicht abgelegt ums Verzweifeln. Daß Peter schlafen kann sitzend, stehend, mit dem Kopf nach unten, die Füße hoch, das hab' ich Dir schon früher berichtet. Ich zweifle nicht, daß er über die Waschleine gehängt wie ein nasser Strumpf ebensogut träumt und schnarcht wie im Federbett. Er ist das Ausnahmegesetz. Fahren die Bergleute zur Grube, ist Peter immer der letzte, der hinuntergeht, und Abends der erste, der 'raufkommt. Gelt, Bruder, das dünkt Dich ein fauler Arbeiter. Aber Peter ist nichts weniger als faul; er ist der längste Bergmann in der Schicht, und fährt der Fahrstuhl zur Tiefe, so verschwindet sein geliebtes, teures Bild zuletzt; und Abends erscheint sein Grizzlischädel schon, wenn seine Kameraden noch weit unten im finsteren Schacht atmen -- hahaha!
Sonst ist Peter ja schon recht. Er kaut allerdings fürchterlich viel, raucht aber weniger und trinkt noch weniger, und fleißig ist er für drei. Er hat das ganze Jahr über keinen Arbeitstag versäumt (den Streik ausgenommen). Das ist abermals eine Ausnahme, verglichen mit andern Bergleuten, jedoch eine so gute Ausnahme, daß ich Gott danke und bitte, mir meinen Gatten noch viele, viele Jahre zu erhalten.
Nach dem Vater kommt von Rechts wegen die Mutter im Haushalt. Und geht's dem Alter nach, bin ich ~noch einmal~ Nächstes; ich bin schier dreiunddreißig alt. Weil Ihr beide jedoch stark im Waschgeschäft interessiert seid und ich ebenfalls (ich wasche außer meiner Hauswäsche für zwei Dutzend ledige Miner, die nebenan in Kost sind), so möchtet Ihr am Ende denken, ich trommle Reklame für meine Popularität und versuche Euch Kunden wegzuschnappen; darum werde ich Jennie vollständig ignorieren und die Ware, anstatt dem Alter nach, der Größe nach vornehmen.
Ich bin jetzt nur mehr die dritte Größe im Haus. Ja, ja, 's geht abwärts mit mir. Zwischen meinem Mann und mir, oder besser gesagt: zwischen dem alten Peter und mir, steht der junge Peter. Der junge Peter ist mein Ältester. Trotzdem er der Älteste ist, ist der ~andere~ der Älteste. Der Älteste ist also nicht mein Ältester, sondern mein Alter, und der Jüngere ist mein ältester ~Sohn~.
Lieber Tom, Du siehst wie ich närrisch werde vor Freud', komm' ich auf meine Kinder zu sprechen. Und warum auch nicht; sie sind mein Leben, mein Leib und Seel', mein alles. Sie glücklich machen ist meiner Liebe allerhöchstes Ziel, mein schier einziges Gebet zu Gott.
Also noch einmal der Peter. Damit die Verwechslung aber endgültig aufhört, sage ich: der ~kleine~ Peter. Der kleine Peter ist größer als ich!
Er ist jetzt vierzehn Jahre alt -- und seines Vaters Ebenbild. Er hat ganz die niedere Stirn, die braunen, phlegmatischen Augen -- aber auch die undurchkämmbaren Borsten auf dem Dickschädel und den Knochenbau des Alten. Er wird noch ein Riese werden. Oft erfaßt mich eine Wut wider die Natur, die mit einer geradezu eselsgeduldigen Pünktlichkeit sich abgemüht haben muß, die beiden Peter so gleich zu machen wie -- Billardbälle. Es gibt doch so viele und gefälligere Modelle.
An meinem Sohn kann man aber ersehen, was Erziehung macht aus dem Menschen. Peterchen ist ein Kind und wird's noch lange bleiben. Groß, schier wie ein Mann, und kräftiger als manche Männer, ist das Kind so weich und still, innig, gefühlvoll. Schauen wir uns an -- es dünkt mir oft, es lese der armen Mutter Sehnen, Weh und Klagen aus ihren Augen. Ja, ja, und oft drängt es mich zum Weinen beim Kuß und »gute Nacht«. So war einmal der Jennie Traumbild gewesen, als sie ihr blutjunges Leben opferte -- einem Wahn.
Im neuen Jahr nun muß Peterchen zur Grube. Der Alte will's. Meine Angst wird dann verdoppelt: Vater ~und~ Sohn; denn Bergmannsleben ist ein gefährliches Leben. Ach!
Nach dem Peter kommt der Willie. Der ist elf Jahre alt. Den Zeitraum zwischen Peters und Willies Erscheinen (Du weißt es selber) füllte die Vorsehung aus mit dreijähriger Prüfung an mir. Schier war es zu viel und zu lang für mich armes Weib; und daß ich herauskam aus der Angst und Qual, der Ratlosigkeit, Trostlosigkeit, Armut, Entbehrung, Enttäuschung -- sag' ich es gerade heraus -- aus der markverzehrenden Reue, einen Mann geheiratet zu haben, so rasch und leichtsinnig, wie ein weltunerfahrenes Mädchen es fertig kriegt, wenn es schwärmt, träumt, träumt -- --
Das war ein Tag, als meines Mannes erstes herzloses Wort mich aufschreckte vom Träumen und mich stehen ließ in kalter Hütte der Not, getrennt von Mutter, Vater, Bruder, Jugend -- ungeliebt. Daß ich ~das~ überleben konnte und stärker, besser noch herauskam aus der Schule, das zeugt, denke ich, von großer Kraft der Seele. -- Ich bin also auch eine Riesin und stärker noch als Peter!
Begreiflich, wo solche Kräfte existieren und produzieren, muß das Resultat ein Wunder werden. Und Willie ist das Wunder! Willie ist das Wunderkind, das Zauberkind, ist meiner Wünsche Erfüllung, meines Himmels hellster Stern. Mir scheint, der Allgütige habe mich entschädigen wollen, belohnen wollen für mein Stillhalten auf der Folterbank des Lebens und schenkte mir Willie.
Mein Kind! Mein Kind! Kann so viel Segen, Seligkeit, Harmonie, Himmel zusammengehäuft werden in diese kleine, schwache Form -- Gott! wie muß dein ~Ganzes~ sein, ein Sonnenmeer!
Soll Willies Hoffnung erfüllt werden, dann wird er Priester. Das ist sein heißer, schier einziger Wunsch. Meiner auch. Wenn ich diese Freude erleben darf, mein Kind stehen sehen vor dem Hochaltar als Priester -- -- Aber ich will nicht sündigen, guter Gott -- ich will nicht zu viel verlangen. Gott, du weißt, es ist nur die fieberphantasierende Mutterliebe, die solch verwegene Bitten richtet an dich. Verzeih mir's, Gott. -- Aber ich wär' sehr glücklich, sehr, sehr.
Willie ist der beste Schüler in der Klasse und der Lehrerin Liebling. Talent und Fleiß eroberten ihm diese Stellen. Dann ist Willie noch Ministrant in der Kirche. Dann ist er noch der Liebling des Herrn Pfarrers. Er ist überall und aller Menschen Liebling; sogar meiner, hahaha!
Bruder, jetzt muß ich Dir die Geschichte doch erzählen. Eine Weihnachtsgeschichte. Ich wollte sie eigentlich nie erzählen. Wie einen am Weg gefundenen Schatz wollte ich's verbergen, verstecken, heimtragen und die öden Räume meines armen Herzens damit schmücken, und damit spielen in traurigen Stunden. Jetzt aber will ich Dich einweihen und zugleich meine überschäumende Mutterfreude erleichtern.
Elf Uhr Nachts. Um zwölf begann die Messe. Willie und Mama wickelten sich so warm wie möglich in Kleider und verließen still die Hütte. Peter und die Kleinen schliefen. Der Weg zur Kirche ging talwärts und kostete uns kaum die halbe Zeit, die wir hatten. Dünner, frischgefallener Schnee deckte Flur und Feld, Sternenpracht die Berge und Wälder, Ruhe alles.
In der Kirche angelangt, nahmen wir Abschied. Das Kind verschwand oben im Chor, die Mutter unten links, im hintersten Winkel.
Dort kauerte ich nieder und zitterte ein wenig. Ich hatte Kopfweh und kalte Füße. Dann schloß ich müde meine Augen.
Als ich sie wieder öffnete, brannten die Kerzen auf dem Hochaltar und Lichter ringsum. Die Orgel begann harmonische Laute durch den Raum zu wälzen -- geisterhaft wie Sturmesklagen in der Waldesnacht -- anschwellend, zurücktretend, donnernd laut, flüsternd, wehmütig flehend, auf jedem Pfad der Möglichkeit den Eingang suchend in das Menschenherz -- die müden Geister aufzuwecken zum Gebet, zum Lieben, Hoffen.
Und wieder schloß ich meine Augen.
Da -- o Gott! Ein Lied, eine Stimme, süß, engelrein, meine Sinne so ergreifend, die Seele mir aussaugend, zitterte herab zu mir:
»Stille Nacht! heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht Nur das traute, hochheilige Paar --«
O, das Lied! ich kenne es. Der Engel, der es singt! ich kenne ihn -- er ist mein Kind! mein Kind! -- -- O, der Mutterfreuden höchster Berg, den ich erstiegen habe -- nur ein Schritt vom Himmel -- nur noch sterben.
Allmächtiger! Darum meine Dornenpilgerreise durch das Leben. Darum diese lange Kette von Schmerzen, Sorgen, Enttäuschungen. Vom Schlaf in der Wiege bis hierher, die tausend ungestillten Tränen, unerfüllten Wünsche zagender Bescheidenheit. Darum dieses dunkle, wirre, rätselvolle Erdenwallen; der Zickzackgang zum Grab, das Hoffen, Harren, Hasten, Hängenbleiben, das Suchen nach der Ruh', das Grauen vor der Ruh'. Darum mußte Jennie geboren werden dort am Berg in Armuts Armen, in der Bettlerhütte. Von einer Mutter, reich nur im Entsagen, im Mut, den Kampf zu wagen gegen Hungers Not. Hungrig zur Schule gehen, barfuß zur Kirche -- die ungestillte, verkrüppelte Lernbegierde mir ausartend zur wilden Sucht und Schwärmerei. Darum mußte die arme Jennie, die Waise -- und der Bruder ihr so fern -- sich anklammern an den Mann, der jetzt ihres Kindes Vater ist -- -- Gott! wenn das der Plan war, dann lob' ich das Schicksal und bet' es an!
Ein Kuß weckte mich aus meiner Träumerei. Willie lag mir in den Armen und lächelte: »War's schön, Mama?«
Siehst Du, Bruder Tom, ich war ~auch~ für ein Stündchen in des lieben Herrgotts Werkstatt und durfte sehn, wie die Räder laufen.
Dann verließen wir Gottes Haus ebenfalls. Wir waren die letzten. Draußen lag der frischgefallene Schnee. Leichentuchartig deckte er die Erde, ein Bild der Vergänglichkeit. Der ~Himmel~ zeigte durch zerrissener Wolken Schleier das Bild der ~Unvergänglichkeit~. Zwischen beiden schwebten wir der Heimat zu; bergauf.
Willie ging voraus, mit trippelnden Schritten, leichtfüßig wie die Jugend. Und die Mutter folgte, schwerfällig wie das Alter.
»Willie!« sagte ich, als wir den Steg über den Bach hinter uns hatten, »hast du viel Angst gehabt beim Solosingen in der Messe?«
»Gar nicht, Mama.«
»Willie!« sagte ich, als wir an der Hütte des Murphy vorüberschritten, »hat der Herr Pfarrer Gute Nacht gewünscht, als du weggingst?«
»Sollt's meinen, Mama.«
»Willie! hast du dein Mäntelchen ausgezogen in der Kirche?«
»Ja, Mama.«
»Willie! friert's dich?«
»Nein.«
Der Weg wurde steiler und ich hatte Not, dem Knaben zu folgen. »Willie! kannst du langsamer gehen, ein wenig?«
»Ja, Mama.«
»Nur ein wenig. So. -- Willie?«
»Mama?«
Ich blieb stehen. Der Knabe blieb auch stehen -- und wendete sich um nach mir. Sein Gesicht glühte hochrot von Blut und Lebenswärme. »Willie!!« schrie ich auf einmal. Ein Windstoß wehte weiße Schleier kalten Schnees auf mich und ihn und versuchte uns zu trennen -- aber ich lag auf den Knieen vor dem Kind und hielt es heftig an mein Herz gedrückt. »Warum so kalt und leer zu mir mit Ja und Nein, den Blick nach oben? Sind die Sterne dir schöner als deiner Mutter Augen? Küß mich, Kind! Lieb mich! O, lieb mich -- bitte -- bitte!«
Und da, vor Gott allein, getrennt von dieser Welt durch eine Wolke Schnee, die tausendfältig glitzernd uns verhüllte, wie Glorienschein die Seligen -- da lag er mir am Herzen, glühend heiß mich küssend, liebkosend: »O Mama! Mama! so lieb!« -- --
Tom! male weiter, wenn du willst -- ich muß schwenken. Die wilde Jagd kommt: die Kinder kommen von Potters Farm mit Weihnachtsgeschenken, und Klein-Molly hat sich so müde gewirtschaftet, daß Peterchen sie tragen muß. Jetzt weg mit Tinte und Feder. Juchhe! meine Plagegeister. O, ich bin übernatürlich glückselig. Wirklichkeit ist doch schöner als schönstes Träumen!
Jennie.
* * * * *
Brooklyn, den 14. Januar 1901.
Liebe Schwester!
Ich bin also abermals arbeitslos. Die meisten Stunden des Tages sitze ich in meiner warmen Küche zu Brooklyn, und schreibe ich nicht, dann gaffe und gähne ich durchs Fenster auf die winterliche Straße hinunter und zähle die Pflastersteine.
Letzten Samstag morgen passierte ich die Linie, die im Ausbeuterdialekt »Überflüssig« benannt wird, oder verständlicher gesagt: ich wurde mit einem Tritt auf den Hintern ehrenvoll entlassen.
Der Pat, der unverschämte, gewissenlose Irländer, wollte mir den Gefallen nicht tun und -- -- nein, den Tod wünsch' ich ihm gerade nicht -- aber -- aber -- ja, hier ist guter Rat teuer, was ich dem armen Mann mit seinen elf Kindern wünschen soll. Eine Million Silberdollar wünsche ich ihm und Gesundheit dazu. Basta! Amen!