Part 12
Jetzt ereignete sich etwas Unerwartetes. Kaum war Tom verschwunden, so ergriffen die drei andern die Kinder, schleppten sie hinter das Haus in den abgelegensten, verwachsensten Winkel und zogen die hilflosen Wesen aus, splitternackt, setzten sie so nebeneinander, dem Alter nach: Willie, dann weiter, auf ein rohes Brett und Holzklötze. Dann bewaffneten sich die beiden Weiber und ebenso der Fuhrmann mit scharfen Scheren, stürzten sich über die Mädchen, dann über die Knaben her und begannen sie völlig glatt zu scheren. Alles, was Haar hieß, schnitten sie herunter, so gründlich, daß die Opfer der Prozedur nach dem Angriff aussahen wie geschorene Schafe und keines das andere erkannte.
Sie ließen es sich aber schweigend gefallen.
Nach dieser Tortur kam der zweite Foltergrad: die Kinder wurden paarweise in warme Seifenbrühe gelegt, unbarmherzig gebürstet, getaucht und abgerieben mit Tüchern, und wieder gebürstet und abgerieben.
Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
Damit nicht genug: jetzt wurden alle die abgerissenen Unterkleider und Bettlaken, nebst den argverschnittenen Haarlocken, auf einen Haufen gekehrt und -- zu Asche verbrannt.
Auch das ließen sie sich schweigend gefallen.
Jetzt schürten die Weiber den Herd mit frischem Holz, das der Portlander herbeischleppte, und stellten Bratpfannen auf. Als es so aussah, als sollten die Gefolterten in der Pfanne elendiglich gebraten und geröstet, mit Schweinefett und Zwiebeln vermischt und jedenfalls dann gefressen werden -- da erschien als rettender Engel ~Tom~. Er schleppte einen großen Pack unter dem Arm und ließ ihn neben der Küchenbank fallen, auf die man die Kinder gesetzt hatte.
»Ach, Onkel Tom!« klagten die kleinen Nackten, »wir sind schier nicht mehr da! Schau doch! schau!«
Der Einarmige lachte und wischte sich den Schweiß. Die Kinder lachten auch, die Folterknechte ebenfalls. Es war die erste heitere Szene.
Tom schnitt dem mitgebrachten Pack den Bauch auf, und lauter neue, schöne, reine Kleider und Schuhe und Strümpfe platzten heraus. Schnell, mit Hilfe der Frauen, wurden die Sachen verteilt und den nackten Gliederchen umgehängt. Schier alles paßte; und was nicht eben paßte, wurde so lange gelobt, bis es dann doch paßte. War das eine Freude! Das erste frohe Lachen seit Monaten kam aus der Kinder Innerstem. Die Mädchen hatten niedliche Kapuzen, die ihre geschorenen Köpfe verdeckten; Rose eine rote Kapuze, Lilli eine weiße, Molly eine blaue. Die Knaben hatten Jockeikappen, die ein Gleiches taten. Alles schillerte in Farben und Flitter.
Nun setzte sich die Gesellschaft an den Tisch; die Pfannen wurden auf die Teller umgeschüttet, und zu essen gab es. Und gegessen wurde mit einem Appetit, der -- unterhalb des Polarkreises nicht wohl überboten werden kann.
Nach der Mahlzeit blieben Onkel Tom, der Fuhrmann, die beiden Frauen am Küchentisch, während die Kinder durch den Garten zogen und ihre neuen Kleider mit den wilden und gezähmten Blumen verglichen, sehr zum Nachteil der Blumen. Am Küchentisch wurden nun Rechnungen gemacht und beglichen, Schulden bezahlt. Viel Geld mußte Onkel Tom auslegen, viel Geld. Ohne Murren noch Seufzen zahlte er jedoch alles auf den Tisch. Endlich war er frei -- und atmete auf.
Dann nahmen sie Abschied; Tom mit den fünfen einerseits, der Fuhrmann mit den zweien anderseits. Wie doch das Unglück Menschen rasch verbrüdert: dem bärtigen Karrenmann stand das Wasser in den Augen, als er dem Einarmigen die Hand drückte. »Sir!« sagte er, »leben Sie wohl, und glückliche Reise! Werd' auch bald nachreisen, nach Portland wieder. Das Geschäft geht miserabel schlecht in Deer Lodge; wird bald ganz aufhören über Sommer.«
Die beiden Frauen küßten die Kinder der Größe nach; die eine von unten nach oben, die andere umgekehrt. »Viel Glück! viel Glück!« riefen sie noch und schwenkten die Taschentücher, als Tom mit seinen Schützlingen schon fast verschwunden war zwischen Hecken und Büffelgras, auf dem Pfad zum Bahnhof.
Schon eine halbe Stunde wartete der Zug, und als die Reisenden eingestiegen waren in die nur schwachbesetzten Wagen, wartete er abermals eine halbe Stunde. Buxton ist Endstation; der Zug ist überhaupt der einzige täglich, der mit Butte City verkehrt, und das Dienstpersonal macht wohlverdiente Ruhepause hier.
Da saßen sie nun endlich im Eisenbahnwagen, fertig zur Abreise nach dem Osten, in die Zivilisation wieder, in die hoffentlich sonnige Zukunft. Tom stützte seinen verkrüppelten Arm auf das Gesimse des offenen Fensters und bedeckte sich mit der Rechten die Stirn, als hätte er Kopfweh oder sonst ein schweres Leiden. Er war seit dem Einsteigen plötzlich wieder tief traurig geworden und niedergeschlagener als je zuvor.
Ihm gegenüber saß Molly, das Gegenteil von Trauer und Niedergeschlagenheit. Vertieft in die Farben und Schönheiten ihrer neuen Kleider, schwelgte die dreijährige Kokette in Glückseligkeit. Abwechslungsweise hoch und höher zog sie ihr Röcklein und betrachtete mit schattenloser Befriedigung die blaubestrumpften, trotz aller Not rund gebliebenen Beinchen.
Neben der Molly saß Lilli -- schneeweiß wie ihr Name. Die Unterlippe hatte sie ein wenig eingezogen; ebenso, nur fester, die Daumen in die innere, halbgeschlossene Handfläche. Mit tiefliegenden Augen, die von krankhaftem Blau unterstrichen waren, starrte das Kind unverwandt den großen, fremden Mann an, der sie von Deer Lodge hiehergebracht hatte. Wie sehr das notwendig war, und beinahe zu spät, bewies ein ungewolltes, erbarmungswertes Seufzen, das jede Minute wiederkehrend ihre kleine, abgemagerte Form erschütterte wie ein Schreck.
Rechts am anderen Fenster unterhielten sich Willie, Tommy und Rose heimlich miteinander. Ziel und Zweck der Reise war das Thema, und Willie zeigte eine an Allwissenheit streifende Prophetengabe.
Ah! jetzt zog die Lokomotive an, mit dem bekannten Ruck. Die Wagen bewegten sich. Die Station ging vorüber, vorüber der angrenzende Schuppen, der Schwellenhaufen, das Wasserfaß, die ärmlichen, verdrückten Blockhütten der Ansiedlung ... Jetzt -- o jetzt -- Tom schaute auf und hinaus. Seine Blicke trafen den Horizont, den waldbewachsenen Hügelrücken, der Buxton trennt von Deer Lodge; sie erkannten die Riesentanne auf dem Hügel, die gleich einem von der Abendsonne vergoldeten Finger gen Himmel zeigte.
Donnernd rasselte der Zug vom offenen Feld in eine Felsenspalte, und das Bild war fort, verschwunden auf Nimmerwiederkehr.
Jennie! dachte Tom, dem die Tränen aus den Augen stürzten. Und dort liegst du nun in alle Ewigkeit allein; niemand, der dein Grab besucht, als das Tier der Wildnis. O, daß es so enden mußte mit dir! Steine statt Blumen; Hagel statt Tränen; statt der lieben Kinder Weinen werden Wölfe heulen. Jennie! Meine Jennie!
Mit schaurigem Gepolter stürzte sich der Zug in den mitternächtigen Tunnel -- wie ein Sarg ins Grab.
Krampfhaftes Schluchzen schüttelte Tom, Tränen auf Tränen rieselten heiß über seine Wangen. »Jennie! Schwester!« hörte man ihn nur hin und wieder seufzen. »Jennie! Schwester!«
Als es wieder heller wurde, und die letzten Abendstrahlen hereinleuchteten in den dahinschießenden Zug, saß er seitwärts gelehnt mit dem Haupt in die Wagenecke -- und schlief.
* * * * *
Ein Sommernachmittag an den Jerseygestaden des Atlantischen Meeres.
Da rollen sie wieder heran und werden nicht müde, die schhaumgekrönten, grünen Wogen der See. In kühlen Armen schaukeln sie die Fischerboote, Ruderboote, Jachten und eisenschweren Dampfer, und werden nicht müde. Ist es die blaue Welt dort oben, die das Meer so harmonisch sekundiert und weiße Wolken, Himmels Segelschiffe, treiben läßt von Land zu Land, gleich der See? Ist es der Südwind, der palmenduftend die Küstenländer streicht und Wiesengras und Weizenhalme wogen macht in langen Reihen, gleich der See? Ein Gefühl ist's vielleicht, wie es unerklärlich, geisterhaft durch die Natur sich webt: wenn Schönheit auf die Bühne tritt, dann überkommt das Haus ein Verlangen, in dem Andacht und Wollust zusammenschmelzen. Das uralte Meer ist kindisch heut und spielt mit lachenden, jauchzenden Kindern am Strande, den ganzen, lieben langen Tag, und wird nicht müde.
Schon früh eh der Morgen graute wusch die Flut, des Meeres Magd, den Strand. Mit Wasser auf Wasser schwenkte sie, so weit ihr Eimer reichen konnte, Sand und Schilf und glättete der Dünen meilenlange, silberweiße Bank zum Spielplatz willkommener neuer Gäste. Und lange eh die Gäste kamen, trocknete des Himmels Licht und Wärme, freudestrahlend, das triefende Ufer. So oft und grimmig sie sonst sich stritten, des Himmels und des Meeres Mächte -- mit Donnerrollen, Wogenbrüllen sich den Krieg erklärten -- der Himmel seine Keulen breit schlug auf des Meeres höckerigem Rücken -- und das Meer in blinder Raserei dem Blitz in seine Feuerpfanne spie -- heute war Friede zwischen den Gegensätzen auf Erden. Heute war Versöhnungstag, Auferstehungstag.
Jetzt kamen sie! Sie kamen! Die Luft zitterte vor Erwartung; des Meeres lange Wogenreihen reckten ihre Hälse, eine die andere überschauend. Und Molly trat zuerst, barfüßig und das Röcklein hoch, in die sprudelnden Wasser. Jetzt folgten Rose und Lilli und hielten ihre nackten Spindelbeinchen hin als Wellenbrecher. Tommy und Klein-Bertie Pratt versuchten das wunderliche, fremde Bad. Und kecker wurden sie von Augenblick zu Augenblick.
»Onkel Tom, wie das kitzelt!« jauchzten die Mädchen, »wie das kitzelt!«
»Und kühlt!« schrieen die Knaben.
»Ach, Onkel Tom! ist das Meer immer so groß wie heute?« riefen die Mädchen.
»Ach, Onkel Tom! -- Papa! lieber Papa! -- Ist das Meer immer so schön wie heute?« lachten Bertie und sein Vetterchen vom Westen und liefen hin und her, in unbändiger Lust Luft atmend, Freiheit saugend.
Und melodisch schwatzte das Meer mit den Kindern, ihnen Märchen erzählend. Das ungeheure Meer, das Stahlkolosse wirft wie Bälle, sich auf Klippenküsten stürzt, bis die Felsen wanken, und bäumend nach des Himmels grauer Decke schnappt -- liebkosend wusch es ihre Beinchen, so dünn und schwach, spülte durch die Zehen, spritzte neckend Schaum in ihre Gesichter, zog schelmisch den Sand weg unter ihren Sohlen und hüpfte vor Lust, wenn die wilden Gäste fielen.
O, Meer und Kind!
Sie hatten sich noch nie gesehen, und gleich erkannt und gleich geliebt, und gleich die Verwandtschaft herausgefühlt, daß ~ein~ großer, guter Vater, der des Kindes Busen hebt und senkt, des Meeres Flut und Ebbe will.
Und jetzt kommen die Wasser näher. Ein neues Paar haben sie entdeckt und drängen heran und winken und rufen. Dort sitzt, etwas weiter ab vom nassen Strand, ein schönes Weib und hält auf ihrem Schoß einen schönen Knaben. Sie kann nicht seine Mutter sein, dafür ist sie doch zu jung. Aber die gleichen hellen, nordischen Locken haben beide; die gleichen, wohlgeformten Züge und ach! das gleiche, kranke Blaß der Wangen, mit dem Anflug von Rot, den des Meeres Odem eben angehaucht. Der gleiche engelhafte Friede schaut aus beider Aug' ... Ja, ~das~ kann nicht beschworen werden, denn der Knabe schläft. Gleichmäßig atmet er mit dürstenden Zügen die Salzluft ein, im Traum der Wirkung unbewußt; aber bald wird sein müder Körper stark in dieser Pflege, und bald wird er gesund sein und auch spielen dort unten bei der schäumenden Brandung der See, mit den andern; und so seine Hüterin, die schöne Frau.
Jetzt führt sie mit der rechten Hand ein Buch, in dem sie las (derweil ihr linker Arm den Schützling umschlingt), an die Lippen und küßt es lang, süße Schmeichelworte stammelnd zwischen Küssen und Lächeln.
Jetzt legt sie das Buch beiseite auf den Dünensand und greift nach dem offenen Schirm und hält ihn über sich und den Schlafenden. Sprunghaft schier war die Sonne wieder aus der Wolke getreten; die Licht- und Lebenspenderin versuchte nun schon zum zehnten Mal, mit überraschender List ihren Zweck zu erhaschen, sich satt zu weiden, oder wenigstens mit ~einem~ heißen Kuß die Krankenstubenwangen dieses stillen Paars zu erwärmen. Aber abgeschlagen rollt das Licht vom aufgespannten Schirm herab auf das Buch im Sand; und gierig schier, als wäre dieses Buch und nicht die Leserin der Zweck des Niedersteigens aus der Himmelshöhe, beginnt die Königin zu buchstabieren:
»Der Seestern. Roman von Tom Pratt. (Sechstes bis zehntes Tausend).«
Und wie glühendes Entzücken zieht es hinauf und herunter -- auf Sonnenfäden wie ein Weberschifflein auf- und abwärts, durch die Natur und tote Körper seelische Gefühle webend.
Plötzlich pfeift der Seewind ins aufgeschlagene Buch und schüttelt die Blätter zausend und zerrend durcheinander, gleich einem losen, wilden, schadenfrohen Buben Sand und Muschelscherben darüber streuend; und die gekränkte Sonne verbirgt ihre Enttäuschung hinter Wolkenhaufen.
Und wieder greift die schöne Frau nach dem Buch und senkt den Schirm zu Boden. Aber diesmal liest sie nicht. Suchend schweifen ihre Blicke meerwärts zu der Gruppe lachender, jauchzender Kinder, die sich dort in der Brandung tummeln, und haften fest an dem einarmigen Mann, der bei ihnen steht als Beschützer und Belehrer. Und dieser Mann ist der Dichter des herrlichen Buchs, das sie in der Hand hält; das sie liest und wieder liest, wie man Vaterunser betet unzählige Male. Ja, dieser einarmige Krüppel, dieser arme, tiefgekränkte Bettler hat, wie man Funken schlägt aus kaltem Stein, mit Gottvertrauen aus der Verzweiflung sprühendes Feuer gehämmert, das die Empfänglichkeit zur Flamme schürt und Wärme geben kann an das kälteste, gefrorene Herz. Und dieser einarmige Dichter ist ihr Gatte, ihr teurer, teurer Tom! -- Ein kindischsüßes Lächeln spielt um ihre Lippen und zieht durch die bleichen Wangen aufwärts; -- ein weher Schatten zieht von ihrer Stirn niederwärts. Auf halbem Weg treffen sich die Gegner, und der armen Eva himmelblaue Augen zittern unter dem Druck der streitenden Gäste und heiße Tränen tröpfeln auf den Sand, die Kleider, des Knaben Locken, auf das Buch, das ihr und sein und aller Erlöser wurde.
Als sie ausgeweint hat und mit der letzten Träne jenes Seufzen, fiebergleich doch wohltuend, ihren Körper schüttelt, das den Übergang bildet vom Sturm zur Ruhe -- da ist es ihr, als sei noch nie im Leben diese Welt so schön gewesen wie in dieser Stunde. Weit, so weit ihr Auge reicht, dehnt sich das Meer, und Meer und Himmel, wie zwei ausgespannte Arme, schlingen sich um ~ihn~ und sie und diese lieben Kinder. Was die Wogen rauschen, klingt wie das Reden wohllautender Stimmen. Was die Wasser singen, ob Kinderjauchzen oder Plätschern der Brandung -- alles ist ein einzig herrliches, liebes, oft gehörtes Lied in ihren Ohren, und die Wolken formen sich zu teuren Wesen und Gestalten, und der Schaum der Brandung zu Gesichtern, und jedes Ding ist verschönerte Verklärung.
Da liegt sie endlich tot und ausgetobt, die Angst und Sorge; die Vergangenheit wie eine schwere, schwere, schrecklich lang durchwachte Nacht. Mit Gefühlen, wie der Auferstandene sie haben mag am ersten Tag im Himmel, denkt sie jetzt zurück ans ferne Vaterland im kalten Norden -- an der Heimat hohe Berge, wilde Wälder -- an das Wanderlied, das ihre Eltern lockte übers Meer ins breite Tal des Mississippi -- an die Leiden und Mühen der Armen in dem fremden Land -- an Vaters jähen Tod -- der Mutter frühes Sterben -- die Verlassenheit der Waisenzeit -- die Nächte, die sie mit Gottes Engeln durchbetete im stillen Kämmerlein -- an die schaurigen Gefahren, die Schlangenringen gleich sich legen um ein Mädchenbild, so jung und so wohlgeformt und so bettelarm -- an den Sonntag auf dem Kirchhof in St. Louis -- an Toms Geständnis -- an das erste Licht nach langer Finsternis -- ans Paradies der Liebe -- an der Vermählung Doppelfrucht -- höchstes Glück auf dieser Erde -- -- ach! an Elfies Sterben -- an des Gatten gräßliche Verstümmelung -- Tränen -- Elend -- Hunger und Verzweiflung. Lawinengleich bricht jetzt das Verderben über Haus und Heim. Und dahinein gellt ein Schrei von außen: Jennie ist erfroren in Montana -- der Jennie Kinder verderben -- die Welt geht unter, und es gibt keinen Gott!
Da, o da -- mit welcher Voraussicht hat der große Geist gerechnet! Das gräßlichste Geschehnis wird zum Heil: die abgesägte linke Hand zwingt die verwaiste Rechte zur Selbständigkeit, und verwirrt in ihrer neuen Stellung, greift sie gleich zum Allerhöchsten, was die Menschenhand erreichen kann: Verkörperung von Idealen ... So schreibt sie dem Krüppel Tom sein erstes Buch: »~Der Seestern~.«
Und Glück auf! es gefällt. Die Leser wollen mehr. Und Tom Pratt wird weiterdichten -- ~muß~ weiterdichten; aus Pflicht für Weib und Kinder, aus Dankschuldigkeit gegen Gott, seinen Schöpfer, aus unbändigem Verlangen nach dem Kuß der Musen.
Auch die allerlängsten Nächte haben ihre Morgen!
O, warum wir leiden, leben müssen? Um sterben zu dürfen? -- Nein, um auferstehen zu können! -- Leiden schmieden, Hammerschlägen gleich, die Ketten der Zusammengehörigkeit ums ganze menschliche Geschlecht. Gäb's hunderttausend Wege aus dem Nichts zum Sein, aus Verwilderung zur Veredlung, aus diesem Kampf ums Dasein zur Glückseligkeit und zu Gott, ~keiner~ führt vorbei und ~jeder~ durch die salzigbittere Wüste: ~Schmerz~.
Doch haben die Tränen längst den kürzesten entdeckt. Und der sicherste der Führer bleibt die ~Sehnsucht~ ...
Schon seit einer Weile ist der Knabe wach und schaut empor. Er sieht das Wolkentreiben droben und das grenzenlose tiefe Blau der Welt, hört der Brandung geisterhaftes Rauschen, des Meeres röchelndes Atmen, und alle die Wunder drücken seine Nerven mit Ermüdung.
Jetzt kommt die schöne Frau zurück zur Gegenwart und blickt in die offenen Augen ihres Schützlings. Freude füllt ihre Brust. Dann, sich tief herabbeugend und des Knaben Stirn küssend, haucht sie: »Guten Morgen, Willie! Hast du gut geschlafen?«
Ein selig Lächeln ist die Antwort.
»Und darf ich wissen, was mein Liebling schönes träumt, derweil ihm das Meer die Schlummerlieder singt?«
Hier verändert sich des Knaben Aussehen. Abwehrend, tiefe Schwermut zeigend, senkt und öffnet er die Lider.
»Nicht?« klagt die Frau. Aber plötzlich schrickt sie zusammen -- weicht zurück -- langsam vergrößern sich die Pupillen in ihren Augen und bleiben so.
Zweimal nickt der Knabe, wie ein doppelt Ja.
Die schöne Frau nickt auch.
Sie hatten sich verstanden; das Kind war dort und hat's besucht. Was? Das verschollene Grab.
[Illustration]