Part 11
Du böser Onkel Tom! Warum antwortest Du nicht? Jeden Tag laufe ich nach Kellys Laden und frage, ob der Brief da wäre von Neuyork. Der Mann ist schon ganz ärgerlich. Ich weiß wohl, Du kannst uns nicht helfen. Du bist selber arm. Wir wollen auch kein Geld von Dir -- nur gute Worte wollen wir, Trost und Mitleid. Wir sind so verlassen in diesem wilden, kalten Land -- so verlassen.
Ach, Onkel! Vater hat mir strenge anbefohlen, Dir die Neuigkeit ~nicht~ zu schreiben. Er war wütend, als ich ihm sagte, ich hätte Onkel Tom zwei Briefe geschrieben. Onkel Tom kann uns nicht helfen, sagte Vater, und wenn Du ihm diese Neuigkeit schreibst, ich schlag' Dich tot. Das sind seine Worte. Er hat sich schrecklich verändert seit der guten Mama Tod und Peters Tod. Er spielt den ganzen Tag Karten in der Schenke. Alles verwahrlost. Wir sind alle krank.
Wär' ich allein, ich würde ja schweigen und nichts verraten, aber meine armen Geschwister, ach! die sind so hilflos, daß ich ihretwegen reden muß, sonst wär' ich kein braver Bruder.
Lieber Onkel Tom! Wir haben eine neue Mama. Ein böses Weib. Vater hat sie geheiratet in der Schenke. Dort war sie Kellnerin. Und jetzt ist sie unsere neue Mama. Vater hat sie ins Haus gebracht vor drei Wochen und gesagt: »Kinder, das ist nun eure neue Mama, und die müßt ihr ebenso lieb haben wie die alte Mama.«
Ach, Onkel! wir können das Weib nicht lieb haben. Sie ist schlecht. Sie flucht und lügt und betet nicht. Wir wollen keine fette, große Mama, die immer bös ist. Jeden Tag sagt sie, daß wir eine Last sind und sterben sollen. -- Könnten wir doch sterben. Wir wollen ja sterben. Dann wären wir im Himmel bei der guten, einzigen Mama für immer und immer.
Onkel! wir fürchten sie sehr. Vater fürchtet sie auch und muß jetzt jeden Tag ins Bergwerk, arbeiten. Das ist noch gut. Sie läßt ihn nicht zur Schenke am Tag. Abends gehen aber beide zusammen zur Schenke, trinken und tanzen. Jeden Abend. Jetzt sind sie auch dort und darum kann ich Dir diesen Brief schreiben. Aber sei ja vorsichtig, lieber Onkel, und adressiere an mich »Willie« und nicht an Vater. Mister Kelly weiß alles von mir und wird den Brief nur ~mir~ geben. Mister Kelly ist sehr gut zu mir. Er schenkt mir Briefmarken, Papier und was ich brauche. Er sagt immer: »Willie, deine Mama ist im Himmel, aber dein Vater ist verrückt, seine Familie in diese Wildnis zu bringen. Das tut kein vernünftiger Mann.«
Wir sind auch die einzige Familie im Lager. Zwei sind wieder abgereist die erste Woche schon. Aber wir kommen nicht weg, wir sind zu arm und müssen schon bleiben, bis Gott uns Hilfe schickt.
Ach, Onkel! ich zittere so vor Angst. Ich werde doch besser tun und schließen. Die Tür hat nur einen Schieberiegel, und wenn Vater jetzt heimkäme und mich abfaßte beim Schreiben. Ich bin auch sehr müd.
Leb denn wohl! Ich bete. Gott verläßt keinen Betenden.
Willie Daly.
Die Abendsonne des letzten Maitags tauchte unter hinter dem Felsengebirge, und Schatten füllten langsam die endlich schneefreien Schluchten des Deer Lodge. Als die Röte am Horizont sich löste in farbloser Nacht und drunten im Tal einzelne Lichter blitzten, die Orte bezeichnend, wo Menschen inmitten der Wildnis wohnen, da kam ein Reiter von Buxton her in die Niederung geritten.
Offenbar war er nicht sehr in Eile, trotz der späten Stunde und des gefährlichen, holperigen Weges; vielleicht aber war er so tief in Gedanken versunken, daß ihm jeder Begriff von Tempo abhanden gekommen war und er das Allegretto nicht vom Andantino zu unterscheiden vermochte. Immerhin, das Maultier, das ihn trug, benützte diesen seltenen Fall, einen Dirigenten über sich zu haben, der sparsam mit dem Taktstock hantiert, und wählte den gemütlichsten Marsch, der noch erlaubt werden kann im Bereiche der Bewegung.
Erst als der Reiter an die erste Hütte gelangte und der Lichtstrahl aus dem Fensterchen sein Gesicht streifte, schrak er zusammen, richtete sich im Sattel auf und blickte, wie aus schwerem Schlaf erwachend, ringsum. Dann trieb er das Maultier dicht an die Hüttentür und pochte, ohne abzusteigen, mit dem Fuß. Vier bärtige, wettergebräunte Männer erschienen und tauschten mit dem Fremdling etliche Worte, die jedoch vom Gebell zweier Bulldoggen begleitet wurden. Der Fremde mußte sie doch verstanden haben, er bedankte sich und ritt dann im Trab weiter talwärts. Vor dem größten Blockhaus im Lager hielt er wieder an, sprang aus dem Sattel, warf die Zügel einem Stallknecht in die Hände und verschwand in Kellys Laden.
Schier eine volle Stunde lang konnte man ihn dort mit dem Eigentümer des Ladens gestikulieren sehen; beide nickten und schüttelten häufig die Köpfe, und beide behandelten das Thema als ein außergewöhnlich ernstes. Als er endlich wieder heraus auf den Weg trat, war er in Begleitung eines Mannes, der ihm vorausging, in die Nacht hinein. Vor einer ziemlich abseits vom Lager erbauten Bretterhütte machten sie halt. Der Wegführer empfing ein Geldstück und verschwand, dankend und pfeifend.
Sobald sich der Fremde allein wußte, kam es wie Erleichterung über ihn. Er blieb stehen, atmete auf, reckte sich. Dann zog er seinen breitrandigen Hut vom Kopf, murmelte etliche Worte, sich dabei gegen die Hütte verneigend, als wäre die Holzbaracke eine Kirche oder sonst ein heiliges Gebäude. Hierauf schritt er dicht an die Tür. Durch mehrere Ritzen drang Licht heraus. Er bückte sich und sah durch die größte in das Innere -- in die Küche. Die war eigentlich der einzige Raum und füllte beinahe die Hütte; links waren allerdings zwei Türen zu abgesonderten Räumen, die wohl zum Schlafen dienten; groß konnten sie jedoch nicht sein. Eine Zimmerdecke gab es nicht; das Dach war die Decke. Ebenso fehlte die Tünche an der Wand, der Bretterboden, das zweite Fenster und noch unzähliges mehr. Alles war rauh, flüchtig, robinsonartig zusammengeschustert zu einer Menschenwohnung, ungastlich, unheimlich im höchsten Grad.
Plötzlich kam eine Unruhe in die große, kraftvolle Gestalt des Fremden. Er sah, wie die Tür der einen Schlafkammer sich öffnete und ein Kind in die Küche heraustrat. Es war ein Knabe von etwa zwölf Jahren. Er trug in einer Hand ein Bild im Rahmen, in der anderen eine kleine Statue. Beides stellte er vorsichtig auf den Tisch neben die Lampe. Dann kniete er auf den Boden, wickelte sich eine Schnur mit Kügelchen dran um die Finger und begann laut zu beten: »Gedenke, o seligste Jungfrau! daß noch nie erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, von dir verlassen wurde --«
Der Fremde zog leise am Schieberiegel, öffnete ebenso die Tür und trat ein. Die kältere Luft von außen, die er mit hereinbrachte, störte den Knaben; er drehte sich um, und den Mann sehend sprang er rasch und erschrocken auf die Füße. Mit weitgesperrten Augen musterte er den Eindringling; zuerst dessen Gesicht; dann, heruntergleitend an der Gestalt, bemerkte er an der linken Schulter einen fehlenden -- --
»Onkel Tom!!« schrie Willie und -- --
Blitzesschnell setzte sich der Erkannte auf die Bank, riß das hingestürzte Kind vom Boden auf, warf es über die Kniee, preßte sein Gesichtchen hart an sich, rieb ihm Hände und Schläfe, Stirn und Hals, wiegte es hin und her, wie eine Mutter, wenn sie Schlummer erzwingen will. So gelang es Tom allmählich, das arme, in Konvulsionen zuckende Wesen wieder zu beleben. Ein langer, schriller Schrei entlud sich aus Willies Brust; dann kurze, pfeifende Laute, unterbrochen von Atemholen, begleitet von krampfhaftem Ballen und Öffnen der Hände, von verzweifelten Versuchen, sprechen zu wollen, Schluchzen in Worte formen zu wollen -- bis endlich, wie lang zurückgedämmte Flut, alles wiederkam. Worte über Worte, grauenvolles Klagen ... Wie das Kind gelitten, geduldet; wie es getreten und geschlagen wurde, mutterlos allein, durch Wintersnacht, durch Hungersnot; und keine Menschenseele, die diese Last, zu schwer für Riesen, mit dem Knaben teilte.
Lautes, anhaltendes Weinen, weniger und weniger von Zuckungen gestört, bildete den Schluß. Stiller und weicher wurde das Kind; wärmer, anschmiegender. Die Verzweiflung hatte sich ausgetobt, wie in einem Wolkenbruch, und der Hoffnung Sonne, der heiße Hauch des Mitleids richteten den gebeugten Halm wieder auf. Behutsam drehte Tom, nach einer Weile Wartens, des Knaben Gesicht zur Seite, um es zu betrachten. Es war blaß, langgezogen, mager. Die Augen hatten einen kranken, schläfrigen, geistesabwesenden Glanz und blickten empor, wie eben zurückkehrend aus schwerer Betäubung. Schaudernd drückte Tom das Kind wieder an sich -- seiner Schwester Kind -- und wiegte und wiegte. Summend und schaukelnd, noch fünf Minuten, und -- Willie war im Traumland.
Der Onkel entkleidete ihn jetzt. Die Schuhe fielen von selber ab. Das Wämschen war dünn, aber noch gut. Das Höschen war, von Willies eigener Hand, zum Weinen ungeschickt geflickt. Die Unterkleider -- -- Tom zitterte vor Erregung über die entsetzliche Magerkeit des Kindes, und über mehrere blutunterlaufene Hautflecken -- zweifellos Merkmale brutaler Schläge. Rasch trug er dann seinen Schützling, so gut er's vermochte, mit dem einen Arm und dem Stumpf ins Bett.
Aufatmend kam der Samariter zurück, nahm die Lampe vom Tisch und leuchtete hinein ins Schlafzimmer der Kinder. Drei Mädchen lagen zusammengenestelt am Fußende des Doppelbetts, das beinahe die Kammer füllte. Im selben Bett, aber Fuß gegen Fuß mit den Schwesterchen, schliefen die Brüder ... Der Einarmige schüttelte mehr als einmal sein traurig blickendes Gesicht. Mehr als einmal seufzte er herzbrechend. Dann drückte er geräuschlos die Kammertür zu, trug das Licht auf den Tisch zurück und setzte sich. Vor ihm stand jetzt, angelehnt an den Wasserkrug, das Bild seiner Schwester und blickte ihn an. Geschwind wendete er es um. Neben dem Krug stand eine abgegriffene kleine Statue der Muttergottes von Lourdes. Er führte sie zum Mund und küßte ihr Gesicht mit tiefernster Ehrfurcht. Er hob den Rosenkranz, der am Boden lag, auf und machte den Versuch zu beten. Er konnte nicht. Seine Zähne waren so fest aufeinander gebissen -- er konnte nicht beten.
Darauf trug er die Heiligtümer weg vom Tisch und versteckte sie im Bett der Kinder. Noch einmal sah er über die fünf Schlafenden hin, aber ohne Licht dieses Mal. Im Halbdunkel glich die Kammer so sehr einem Kerker, einem Totenhaus -- und die bleichen Gesichter glichen Leichen. Ein wildes Gefühl erwachte in Tom: die Kinder zu wecken und eins nach dem andern zu drücken, zu umarmen -- eins nach dem andern abzuküssen auf Mund, Stirne, Augen -- so lang und so feurig mit Küssen und Weinen, bis, von Liebkosungen trunken, sie alle wieder schlafen wie zuvor. -- Rasch überwand er das, schloß die Kammer, nahm den Hut -- schloß die Küche ebenfalls -- verließ das Blockhaus und trat ins Freie.
Neben der Hütte war ein kahler Sandhaufen, gegen Unwetter von überhängenden Fichten beschirmt. Spuren bezeichneten den Ort als Spielplatz der Kinder; Tom wich ihm aus. Auf dem Rasenhügel abseits warf er sich nieder und sah herum, empor. Dann wischte er sich die Stirn. Der Mond schien viertelvoll über dem Felsenpaß des Deer Lodge und war nah am Untergehen. Wolkenlos und scharfkühl war die Nacht. Grabesstille herrschte im weit auseinander gebauten Lager. Des guten Himmels Sterne weinten hernieder auf das Tal, die Hütten, die Menschen, die ihre Sünden sogar in diese felsengesperrten Täler trugen.
Tom zog seine Uhr und besah die Zeiger im Mondschein. Zwölf. Er richtete sich auf und schritt die Halde hinab zur Hütte, schloß sich in die Küche ein. Er hatte Geräusch gehört; nun kam es näher und näher. Deutlich vernahm er Lachen, Sprechen, leichtsinniges Gebaren. Jetzt zog jemand am Schieberiegel. Die Tür ging auf; Peter und sein Weib traten ein. Sofort sahen sie den Fremdling, der schweigend am Tisch sitzend sein strenges Profil von der Lampe bescheinen ließ.
Sie erschraken ein wenig, die Eintretenden; Peter mehr als sie. Tom stand auf und gab sich zu erkennen. Nun begrüßten sie ihn; herzlich sogar. Peter stellte den Schwager Tom von Neuyork seiner Gattin vor, und dann seine Neuvermählte dem Einarmigen. Darauf empfand er das Bedürfnis, eine Entschuldigung zu salbadern an den Bruder seiner ersten Frau, wegen der kurzen Trauerfrist.
Tom gab ihm die Absolution, mit dem Zusatz, daß mancher Ehmann nicht ~so~ lange warte; es komme ganz auf den Wert der Toten an. Peter fühlte sich unsäglich erleichtert nach der Freisprechung und bekundete seine Dankbarkeit durch hündisch unterwürfiges Gebaren. Tom tätschelte dem Hund den Rücken. Tom war bei allerbester Laune. Tom war zu gerieben, um mit offenen Karten zu spielen; wenn doch der Zweck seiner Reise in dieses Bärenland war: ein Geschäft abzuwickeln mit diesen zwei Leutchen. Warum sich dann Feinde machen, die, wenn sie wollen, alle seine Pläne durchreißen können?
Er ließ die strenge, unbeugsame Wahrheit im Wartezimmer und nötigte die schlüpferige Heuchelei herein. Er schmeichelte vorerst seinem gewesenen Schwager ob des feinen Geschmacks, den er beim Erwählen der neuen Frau Daly bekundet habe. Das erweckte Heiterkeit in der ganzen Küche. Dann machte er einen Schritt weiter ins gute Verhältnis und ließ alle ~die~ Vorzüge der neuen Frau Parade laufen, die dem plumpen, kurzsichtigen Blick des Gatten bisher entgangen sein mußten: denn Peters rostige, von Schmarren und Runzeln durchfurchten Züge glätteten sich wie Lumpenzeug unterm Bügeleisen und glänzten am Schluß der Lobhudelei, daß sämtliche Gegenstände der Küche Doppelschatten warfen -- vom Lampenlicht und von Peters Gesicht.
Endlich wurde es dem Heuchler selber übel zum Erbrechen; denn das Weib da neben ihm -- das wußte er schon -- war eine an Leib und Seele bankerotte Vettel, die sich nirgends mehr in Umsatz bringen kann als nur im Lager zwischen Spielern, Säufern, geistig verwahrlosten Gräbern; eine fünfzigjährige, geschwollene Kokette, die sich mit allen Mitteln der Verstellung, mit allen Farben der Falschheit übermalt, mit wohlstudierter Haltung, mit angepappter Bildung, ach! mit Herzensgüte sogar, mit des Kindes naivem Blick und Lächeln Laster übertüncht, Egoismus, Gemeinheit, und gleich der Natter, die ihr Kleid an Dornen hängen sieht, Gift spritzen möchte, eh der Fuß sie tritt. ~Ein~ unbedachtes Wort vor ~diesem~ Weib, und die Kriegserklärung ist fertig. Daß sie aus so vielen Herren des Lagers den Peter bevorzugte -- das ist für Peter nicht schmeichelhaft.
Tom siegte; siegte, wie er mußte. Er gewann die Kokette als Verbündete in sein Geschäft -- und legte aus -- erklärte, erzählte. Viel wurde zwar herumgeredet, geschachert, gefeilscht. Peter war ein halsstarriger Gegner des Plans; hauptsächlich drehte und krümmte er sich, als man auf ~Willie~ zu verhandeln kam. Schließlich glätteten sich jedoch die Widerspüche, und als die Schlacht geschlagen war, hatten alle Parteien gesiegt. Der Friedensvertrag lautete:
~Erstens~: Peter Daly ist total mittellos, sogar in Schulden. Die Reise nach Klondyke ist Peters heißester Wunsch, kostet aber ~mit~ Frau zweihundert Dollar. Peter Daly und Frau reisen also nach Klondyke.
~Zweitens~: Tom Pratt bezahlt sofort an Peter Daly und Gemahlin hundertfünfzig Dollar, und fünfzig weitere Dollar innerhalb zwei Wochen, die er aus der Bank am Hudson ziehen wird. Das, zusammen mit Peters Monatslohn, der am fünfzehnten Juni fällig wird, reicht zur Auswanderung.
~Drittens~: Peter Daly gibt alle Ansprüche auf seine noch lebenden fünf Kinder ab zu Gunsten des Tom Pratt.
Der Einarmige zog aus der Brusttasche ein schönbeschriebenes Blatt hervor, eine Feder und sogar Tinte; und während Peter und Gemahlin das Dokument lasen, zählte er hundertfünfzig Dollar in Kassenscheinen auf den Tisch.
»Woher hast du all das Geld?« fragte Peter glotzend; er hatte vorhin schon einmal gefragt.
»Ein Seestern!« antwortete Tom und lachte. -- »Nimm's nur!«
Peter unterschrieb mit zitternder Hand. Dann nahm er das Geld und gab es mit ebensolchen Händen seiner »Marianne«.
Beide Eheleute bedankten sich, und der Handel war abgeschlossen.
Eine merkwürdige Veränderung kam über Tom, als er das unterzeichnete Papier faltete und in der Brusttasche verschwinden ließ. Eisige Kälte überzog augenblicklich sein vorher freundliches, gewinnendes Gesicht. Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf, griff nach dem Hut und verließ das Haus.
Peter, todmüde von der Tagesarbeit in der Mine, vom Tanzen und Trinken in der Schenke und der Aufregung jetzt, streckte sich auf der Küchenbank aus und suchte in tiefem Schlaf Erholung. »Marianne« überzählte noch einmal das viele Geld und schmunzelte vergnügt.
Es war drei Uhr Morgens und stockfinstere Nacht. Der Mond war untergegangen. Da rollte an die Hütte ein Karren heran, mit zwei Maultieren bespannt. Ein Reiter folgte auf einem dritten; behende sprang er vom Sattel, gab die Zügel dem Fuhrmann auf dem Karren und verschwand im Schuppen. Wenige Sekunden später kam er wieder heraus. Er trug einen Knaben, in Bettzeug gewickelt und schlafend, zum Karren und legte ihn mit Hilfe des Fuhrmanns, der mit der Laterne leuchtete, ins Stroh.
Schnell wiederholte der Mann den Gang und brachte einen jüngeren Knaben heraus, in Lumpen und Laken gewickelt, und legte ihn ebenso in den kistenartigen, halb mit Stroh und Stalldecken gefüllten Karren. Das nächste Mal hatte der Räuber ein schlummerndes Mädchen, etwa fünf Jahre alt, im Besitz. Das vierte Mal trug er ein vierjähriges Mädchen in die Gefangenschaft. Das fünfte Mal -- --
»Marianne« schüttelte den schnarchenden Peter. Er schlief weiter. Endlich zerrte sie ihn von der Bank herunter und schrie ihm ins Ohr: daß seine fünf Kinder gestohlen würden von einem einarmigen Einbrecher. Halbwachend erfaßte der Unglückliche die Situation in so milder Form, daß er mit Gähnen und Gliederrecken sich darüber wegsetzte. Er glaubte sogar ein Opfer zu bringen, als er das bequeme Liegen auf der Bank in Aufrechtsitzen umänderte.
»Peter! deine Kinder nimmt er dir weg!« kreischte die Stiefmutter. »Den Willie hat er, den Tom, die Lilli, die Rose --«
Jetzt trat Tom Pratt mit Molly, der Jüngsten, und zugleich mit einem Habersack voll Schulbücher, Bilder, Hefte, Briefe und Reliquien aus der Schlafkammer und versuchte zu fliehen.
Das war unmöglich. Der Räuber hatte sich überladen und Peter gelang es, ihm den Weg zu vertreten.
»Meine Molly!« jammerte der Vater. »Mein Kind! Laß mir wenigstens eins von fünfen, eins. Den Willie laß mir!«
Beim Versuch, das schlafende Kind zu küssen, taumelte der immer noch Schlaftrunkene seitwärts -- und Tom rannte nach dem wartenden Wagen. Eilig bettete er Molly ins Stroh; der Fuhrmann hieb auf die Esel los; Tom sprang in den Sattel; und fort ging's in die Nacht hinein.
»Tom!« hörte man von der Hütte her ein klägliches Rufen; aber weiter flogen die Räuber durch Staub und Finsternis.
»Tom!« klang es noch einmal.
Dann noch einmal, jedoch so ferne, daß der ächzende Karren und die Hufschläge der Tiere es übertönten: »Tom! O, o, o!«
* * * * *
Der Morgen dämmerte in phantastischen Umrissen über Deer Lodge, als die Flüchtlinge den Hügelrücken erreichten, der es dammartig von Buxton trennt. Die Kinder waren inzwischen alle wach geworden und betrachteten sich gegenseitig; jedoch ohne sonderliches Erstaunen zu bekunden. Sie nahmen die gewiß neue Weltordnung, in welche sie über Nacht, im Schlaf sogar hineingefahren waren, als etwas ganz Selbstverständliches, als hätten sie es vorausgewußt und erwartet. Oder waren die unglücklichen Wesen durch Entbehrungen schon so stumpfsinnig geworden, daß nichts mehr sie bewegte?
Neben der Birkengruppe in dem mit der Axt ausgeschlagenen Fahrweg machte die Karawane halt. Tom stieg ab und befestigte die Zügel am Ast einer Weißrindigen. Der Fuhrmann unterrichtete ihn vom Wagensitz herunter, wie er gehen sollte. »So und so -- fünf Minuten steigen;« dabei zeigte er mit dem Peitschenstiel auf eine riesige Tanne, die das Buschwerk überragte, als das Ziel. »Dort liegt's,« sagte er. »Wenigstens nicht weit von der Rottanne liegt das Grab. Sie können gar nicht fehlgehen, Sir, wenn Sie die Tanne im Auge behalten.«
Tom verschwand in der angegebenen Richtung.
Der Mann vom Lager, der Fuhrmann, sprang nun auch vom Wagen, löste die Halfter der Maulesel, befestigte sie am Karrenrad. Dann langte er einen Sack mit Welschkorn hervor und fütterte die Tiere. Auch Toms Geduldiger bekam sein Teil zu fressen. Darauf griffen zwei barmherzige Hände nach einer Pappschachtel mit süßem Zwieback und übergaben sie den Kindern zur Vernichtung. Dieselben Hände zogen dann einen Tabaksbeutel hervor, eine Tonpfeife, stopften die Pfeife, zündeten sie an und steckten sie einem gutmütig dreinschauenden Mann ins braune, bärtige Gesicht. Der Mann belohnte die zwei Barmherzigen, indem er sofort jede Arbeit ruhen ließ, sich aufs Moos lagerte und blaue Wölkchen hinaufblies in die knospenden Birken. Jetzt war es so ruhig ringsum, so still -- man hörte nur das Kornkauen der Esel und das Knabbern guter Kinderzähne am Zwieback.
Da -- plötzlich gellte aus der Richtung, wo die große Tanne stand, ein wilder Schrei durch den Wald. Kurzes Echo gellte zurück von den Felsen. Erschrocken sprang der Fuhrmann auf und beruhigte die Tiere, die scheu zu werden drohten. Gespannt horchte er: wiederholt sich der Schrei? -- Ein wildes Tier? -- Aber nein. Es blieb still. Die Maulesel begannen ihr unterbrochenes Frühstück zu vervollständigen. Die Kinder ließen sich überhaupt nicht stören.
Jetzt kam Tom zurück. Er ging in gewöhnlichem Schritt und trug den Hut in der Hand. Totenblässe bedeckte jedoch sein Gesicht und Schweiß seine Stirn. Als der Fuhrmann ihn fragend anschaute, schüttelte Tom den Kopf.
»Fehlgelaufen, Sir?«
Statt der Antwort zog der Einarmige seinen Reisegefährten beiseite, damit die Kinder nichts hören sollten, falls sie lauschen wollten. Er redete halblaut. Es schien, als frage er viele Fragen, denn wiederholt zuckte der andere die Achseln und schüttelte den Kopf. Endlich sagte er laut: »Ich werde behilflich sein, aber nicht um Geld, Sir; nur aus Mitleid, einzig aus Mitleid. Ich hab' Kinder in Portland und weiß, wie's tut. Gott helf' Ihnen, Sir!«
Seine Pfeife ausklopfend und einsteckend, ging er zum Karren und langte den Willie, wie er war, in Decken gewickelt heraus. Tom nahm Willies Brüderchen und beide Männer schritten mit ihrer Last in die Richtung der großen Tanne und verschwanden.
Nach zehn Minuten kehrten sie zurück, nahmen dieses Mal zwei der Mädchen und trugen sie den Hügel hinauf.
Wieder kamen sie zurück. Der Mann von Portland legte sich nun lang aus ins Grüne zur verdienten Ruhe. Tom nahm die kleine Molly auf seinen Arm und bahnte sich zum vierten Mal den Weg durch Hecken hinauf.
Erschöpft trat er in die Lichtung neben der Riesenfichte, setzte die Kleine zu ihren Geschwistern und sich selber -- den Hut ab -- etwa zehn Schritte seitwärts. Da kauerten sie nun alle fünf, in Stalldecken und Bettücher eingemummt, auf dem frischgeworfenen Hügel, unter dem frischgezimmerten Kreuz, in der kühlen, frischen Tagesdämmerung.
Die Kinder hatten, obwohl keines je hier war, den Ort gleich erkannt und wußten, was der Hügel, das Kreuz, die Zeremonie der Herreise bedeute. Sogar die Kleinste wußte es und begann das Mündchen zu verziehen zum Weinen. Merkwürdig jedoch, sie weinte nicht -- und niemand. Niemand sprach ein Wort. Mit unnatürlich großen, tiefen Augen schauten die Kinder sich gegenseitig an; schauten ringsherum, mit heftigen, sogar wilden Blicken. Etliche davon trafen den armen Sünder nebenan, als hätte ~er~, der Einarmige, die Mama getötet, ihr das Grab gegraben und sie da hinuntergeschaufelt.
Dann endlich bemerkte Tom, wie drei, vier, sieben, zehn kleine Hände nacheinander aus den Lumpen und Decken krochen; und das war es wohl, auf was er sehnsüchtig gewartet hatte. Denn sofort kniete er nieder, hielt seinen verstümmelten Arm nebst dem rechten in die Höhe, neigte sein Haupt tief zur Erde, und zitternd, leise, dann lauter, glockenreiner klang im Chorus, durch Wald und Wildnis, das göttliche Gebet: »Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme zu uns. Dein Wille geschehe ...«
Und mit Strahlen auf Strahlen vom Licht der erwachenden Sonne -- durch Tannen, Birken, schwankendes Buschwerk, goldgelbe Bänder flechtend, gleichsam den Hügel und seine Heilige einspinnend in Netze himmlischer Farben -- so kam der ~Gerufene~ herab zu den Kindern.
* * * * *
Mittags kamen sie endlich in die Niederung von Buxton. Der Fuhrmann trieb sein Fahrzeug nach einem abseits in halbwildem Garten stehenden Blockhaus und hielt vor der Umzäunung. Die Herauskommenden, zwei Frauen, grüßten ihn herzlich; die jüngere seine verheiratete Schwester, die andere deren Schwägerin, eine Witwe. Die beiden betrieben ein Waschgeschäft, nebst Flickerei von alten Kleidern. Der Hausherr war, wie schier alle seines Geschlechtes in dieser Weltgegend, Bergmann.
Zwischen Tom und seinem Reisegefährten war viel vereinbart worden während der Fahrt über den Hügel; sie hatten weiter nichts mehr zu unterhandeln. Tom küßte die Kinder, redete etliche wohlwollende Worte und entfernte sich dann auf seinem Reittier in der Richtung von Buxtons einziger Straße.