Chapter 5 of 12 · 3995 words · ~20 min read

Part 5

Dann ging's heimwärts. Halb träumend vor Mattigkeit schwankte ich dem Flusse zu. Viel und vielerlei sah ich noch, das den Himmel über sich hat und die Hölle unter sich. Vielerlei, das den Himmel unter sich hat und die Hölle in sich. Manches, das einen Hypochonder zum Lachen und einen Luftibus zum Weinen treiben kann. Manches, das sich schämen sollt' vor ausgelöschtem Licht, und spazieren geht im Mittagsonnenschein auf breiter Straße. Manches, für das ein Gott geblutet hat und das jetzt im Rinnstein liegt. Verwahrloste Kinder sah ich, auf dem Weg zum Laster. Feingeschultes Schoßhündchen sah ich spazierenfahren in silberbeschlagener Karosse mit Madame, Kutscher und Lakaien. Zerlumpte, barfüßige Menschen sah ich -- und ganze Warenhäuser voll Schuh und Kleider verderben vom langen Liegen. Hungrige Menschen sah ich, und ganze Warenhäuser voll Delikatessen verfaulen vom langen Liegen. Todmüde Menschen sah ich, vom Suchen nach Arbeit schier umsinkend. Todmüde Menschen sah ich, vom Überarbeiten schier umsinkend. Menschen, die auf dem Kopf stehen, sah ich nicht, aber eine ganze Menschheit, die auf dem Kopf steht, das sah ich. Ein Monster-Riesennarrenhaus, das sah ich.

Ein tintenschwarzes Meer. Sternenlose Nacht. Blinde regieren das Steuer, die Segel. Narren stehen am Kompaß. Wie ~das~ Schiff den Hafen finden kann -- das seh' ich nicht.

Urwaldgrüne Finsternis. Greller Sonnenschein auf heißem Wüstensand. Des Mondes Schatten auf gefrorenem Schnee. Veilchenduft am Wiesenbach. Im hohen Norden Mitternacht. Harmonie der Schöpfung -- das seh' ich.

Ein rauchendes Schlachtfeld voll zuckender, stöhnender Leiber. Wetterleuchtend grollt's herab vom Himmel. »Mord!« brüllt's hinauf zum Himmel. Millionen wetzen die Messer. Harmonie der Menschen -- das seh' ich nicht.

Ein wimmernd Kind auf kranker Mutter Schoß. Hohl sind ihre Augen, ihre Wangen. Kalt ihre Lippen. Kalt die Kammer. Leer der Tisch. Leer dass Herz. Der letzte gute Engel fürchtet sich, zu bleiben. Armut, Menschenelendsgrenzen -- das seh' ich.

Ein Hundebazar. Pferdeschau. Die Riesenhalle schwillt von Reichtum, Pracht, Verschwendung, Lichtern, Farben, Musikrauschen, Modekram, Perlen und Juwelen. Spitze, Pudel, Bullenbeißer, Dachse, Läufer, Affenpinscher, vollgefreßne Möpse, vom großen Bernhardiner bis herab zum geilen Rattenfänger -- und Pferde, mehr im Wert als tausend Arbeitswochen eines armen Tom -- sie alle führen hier ein Schwelgerleben wie im Paradies. Und Herren von der reichsten Sorte und Ladys von der feinsten herzen und liebkosen hier das wohlgepflegte Vieh. Aber ~eine~ Träne nur aus so vielen, vielen Augen, einen Tränentropfen aus der ganzen Menschenwolke, dem grausenvollen Jammer armer Leute geweint -- das seh' ich nicht.

* * * * *

Schwester!

Ich kann den Brief nicht so wegschicken. Beim Durchlesen des Geschriebenen schauderte mir über die Wildheit, in der ich phantasiere, wenn ich allein gelassen bin. Jetzt steht ein Schutzengel neben mir, mein teures Weib, und diktiert die Zeilen.

»Man muß hoffen,« sagt der Engel, »man muß Gott vertrauen! Der liebe Gott prüft die Menschen im Unglück, und das ist der Weg zum Himmel. Der liebe Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder. Alles hat Gott so eingerichtet, wie es ist, und wenn es die Menschen nicht sehen, Gottes Weisheit sieht es. Wenn es Reiche gibt und Arme, Satte und Hungrige, Traurige und Freudige, Gott weiß, warum es so ist und so sein muß. Einmal hat das Leid ein Ende und nachher kommt die Glückseligkeit. Vater unser, der du bist im Himmel.«

O süßer Glaube! der Lasten trägt auf steilster Bahn der Leiden.

~So~ darf ich schließen, Schwester. Leb wohl!

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 22. Oktober 1900.

Meine Schwester!

Du hast mir nicht geantwortet auf mein letztes Schreiben -- und das ist vollkommen recht von Dir. Solche Ungeheuer von Briefen können nur mit stillschweigender Verachtung erwidert werden. Das setzt der Wut den Dämpfer auf.

Ja, ja, je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird es mir, daß ich mich ändern muß -- total ändern. Nicht reformieren, sondern revolutionieren muß ich mich. Daß ich das begreife, ist ein Fundament wenigstens, auf das sich bauen läßt.

Dann, liebe Jennie, wird es nicht verlangt, daß Du mir ebensooft schreiben sollst wie ich Dir. Du hast Arbeit über Arbeit und wenig Zeit; ich hab' so viel Zeit, daß ich sie totschlagen muß, um einen Ausblick zu bekommen. Zudem kosten Dich Deine Briefe Porto und mich die meinen nichts.?. Das ist auch eine von den Miniaturausgaben göttlicher Vorsehung, die wir kurzsichtigen Weltbürger nicht begreifen, wenn es geschieht. Zu Ostern bekam ich neunzig Cent in Briefmarken von einem früheren Arbeitskollegen in St. Louis. Ich wetterte damals über die Gemeinheit, eine Schuld mit Postmarken abzugleichen, und über den Geiz, den Dollar nicht voll zu machen. Jetzt sind mir die Dinger der reinste Segen. So geht's.

Von meinem Prinzipal ist immer noch keine Nachricht eingetroffen. Er kann eben auch nichts finden. Beschäftigung finden für einen gesunden Menschen, ist heutigentags schier die Unmöglichkeit; für einen Krüppel aber -- der Himmel helf!

Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, zahm zu werden. Das Unglück soll sich austoben an mir, das Elend sich glatt reiben an mir, das Verderben alles Pulver verschießen. Ich lebe in der Hoffnung und werde soviel Geduld gebären -- eine kleine Armee. Dann werde ich die Armee bewaffnen mit Mut und Standhaftigkeit und -- selber angreifen. Jeden Tag schon mache ich Felddienstübungen nach Neuyork hinüber. Kommt das Unglück nicht auf den Gedanken, mich auszuhungern, dann schlag' ich jeden seiner Stürme ab. Vorige Woche gelang mir ein Ausfall und glaubte ich schon die Zernierungslinie gebrochen zu haben. Ich bekam eine Anstellung als Bücheragent. Was das ist: Bücheragent, weiß das lilienunschuldige Pilot Knob schwerlich.

Schwester, von Morgens bis Abends, vier Tage lang von Haus zu Haus, von Straße zu Straße, von Billy zu Jack quälte sich Dein Bruder ab, den Irving, Elliot, Holms, den Longfellow anzupreisen wie ein Krämer Käs und Kartoffeln. Ach, mit Schuhwichse hausieren am Kongo ist einträglicher als -- -- ich glaub', ich wär' verhungert, hätt' ich den Bücherhandel nicht aufgegeben am fünften Tag.

Dann hatt' ich für zehn Stunden eine Anstellung, wo das Verhungern ausgeschlossen blieb. Eine kuriose Anstellung, eine Erfindung der Großstadt und total unbekannt bei Euch im Hinterwald. Diese Anstellung besteht im Abtreten. Man tritt sie ab, sowie man sie antritt. Das Abtreten beginnt beim Eintreten. Das Austreten beim Abtritt. Es ist also halbwegs eine Abtrittanstellung. Pardon, Schwester! ich kann das Roß nicht zähmen und wenn ich's sieben Wochen lang mit Verzweiflung füttere -- es schleift mich fort am Halfter.

In großen Städten wie Neuyork, St. Louis ist es gebräuchlich, lebende Anzeigen laufen zu lassen. Irgendwelchem Schlucker, der nichts zu schlucken hat, aber möchte, dem wird eine Tafel mit Anzeigen auf die Brust gebunden und eine ditto auf den Rücken. Der also Beladene muß das Straßenpflaster abtreten. Die Passanten können die Anzeigen auf seiner Oberfläche studieren, der Anzeigenträger kann oberflächlich die Passanten studieren. Beim Eintritt zum Antreten kriegt der Schlucker das Versprechen zu einer saftigen Belohnung, beim Abtritt erhält er sie, aber so dürr bemessen, daß man keinen Hund zweimal aus dem Stall lockt damit.

Ich spazierte auch einen Tag so auf und ab in der Bowery, vor einem billigen Speiselokal. Auf die Brust (eigentlich auf die Tafel vor der Brust) hatten sie mir ein schäumendes Bierglas gemalt. Ich konnt's beinah, mit ausgereckter Zunge sogar bequem betupfen. Unterm Bierglas stand, gerade außerhalb meines Magens, ein Teller mit Suppe, etlichen Kartoffeln und Brötchen. Hinten hatte ich Schinken, Würst' und Schweinefüß'.

Das war ein demütigender Tag für mich. Jeden Augenblick fürchtete ich erkannt zu werden von Vorübergehenden, und zog, um das zu verhindern, die greulichsten Grimassen. Gefressen werden mit samt der Speisekarte am oberen Nil und Aruwimi ist nicht halb so abschreckend wie dieses Spießrutenlaufen meines Ehrgefühls, für armselige Küchenabfälle als Bezahlung.

Eva war ernstlich böse, daß ich eine solche (beschämende, sagte sie) Stellung überhaupt nur denken konnte, und so verlor ich auch diesen Platz durch Hausarrest am folgenden Tag.

Daß ich nächtelang von dem Abenteuer träumte, wirst Du begreiflich finden; Du kennst meine Empfindlichkeit. Jede Nacht (im Traum) trage ich die vermaledeiten Speisezettelbretter die Straßen entlang. Manchmal verwandeln sich die Bretter in alle nur denkbaren andern Dinge. Einmal waren es zwei riesige Heringe, dann zwei gerupfte Hühner, dann zwei lebende, jämmerlich schreiende Ferkel; sogar Türen, Fensterläden, Grabsteine. Letzte Nacht hatte ich die Pflicht, dem Moses seine Gesetzestafeln spazieren zu tragen; eine hing mir vorn, die andere hinten.

Es war höchste Zeit, daß Eva mich aus dem Platz vertrieb. Allerdings bekommt sie und Bertie keine Stullen und Würste, wenn ich Abends heimkehre; dafür aber werd' ich etliche Wochen ~später~ wahnsinnig -- und das ist auch was wert.

Dann war noch eine Anstellung, die ich verlor, eh' ich sie hatte. Mein Weib erbettelte sie mir bei ihrem Seelsorger. Eine Hilfsmesnerstelle ist es, mit wenig Arbeit und noch weniger Bezahlung. Als der Pfaffe jedoch auskundschaftete, ich gehöre weder seiner noch sonst einer Kirche an, wurd's »bumm!« Ein Schafskopf bekam die Anstellung, und -- 'raus mit dem Bock! --

So geht's halt und wird's gehen, weil's immer so gegangen ist. Amen!

Mittlerweile wiederkäue ich die Hoffnung, von der ich einen Vorrat besitze, daß er mir schier verfault. Gott, ist das ein Fressen für die unruhige Seele, so ohne Salz und Schmalz -- -- aber ich will nicht murren. Geduld, Tom, Geduld! Schwester, es kostet mich übermenschliche Zurückhaltung, nicht auf die Straße zu laufen und zu brüllen wie ein toller Stier -- aber Tom ist nicht verrückt.

Eva hat neben der Wäsche künstliche Blumen übernommen. Ich bin ihr Laufbursche. Wir vertragen uns gut. Bertie ist im Hof und macht Kuchen von Dreck -- wir werden nicht verhungern.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 3. November 1900.

Teure Schwester!

Weißt Du auch schon, daß Arbeitslosigkeit der kürzeste Weg ist zur Hölle? Hat der Arbeitslose Charakter, Ehrgefühl, ein Herz für seine Familie, dann -- brät er schon hier auf dieser Erde in der Pfanne. Hat er kein Herz und kein Ehrgefühl, dann wird er des Teufels so gewiß, als er hungrig wird beim Fasten.

Ich bin erst zwei Monate beschäftigungslos und wate schon bis über den Hutrand in Todsünden. Ich bin neidisch auf jeden, der arbeiten kann, und neidisch auf jeden, der zwei Hände hat und faulenzen kann. Es gab eine Zeit, wo ich niemanden beneidete, nicht einmal einen Beneidenswerten, und heute bin ich's gegen jeden Lump und Schuft. Der Lump hat keine Pflichten, keine Sorgen, kein Weib zu kleiden gegen Winterskälte, kein Kind zu füttern, ausreißen darf er vor dem Unglück bis nach Kalifornien und Kairo, ohne Heimweh fürchten zu brauchen oder nagendes Gewissen.

Dann könnte ich jetzt schon manches Mal, ohne mich sonderlich aufzuregen, einen Menschen totschlagen, nur weil er lacht und lustig ist oder kein Krüppel.

Heute saß ich auf der Vortreppe eines leeren Hauses und betrachtete meine übriggebliebene Hand. »Was kann ich mit dir jetzt anfangen?« frug ich das faule fünffingerige Glied. »Arbeit vertrauen sie dir keine an. Brot verdienen kannst du nicht. Weib und Kind vom Verderben retten kannst du auch nicht -- -- aber stehlen kannst du -- stehlen -- sogar schwören, einen falschen Eid schwören -- einem reichen Protzen die Kehle abschneiden, wenn er schnarcht, und seine Taschen leeren -- die ganze Stadt in Brand und Feuer setzen und zuschauen, wie andere ~auch~ verzweifeln.«

Siehst Du, Schwester, wie mich der Erzfeind gepackt hat. Das kommt vom Müßiggang. Der Teufel hol die Arbeitslosigkeit.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 12. November 1900.

Teure Schwester!

Es ist doch ein gnädigeres Geschick, nur ~eine~ Hand zu haben, als nur ~einen~ Fuß. Wenn mich die Leute fragen: »Wie ~geht's~, Mister Pratt?« so kann ich aufrichtig antworten: »Gut.«

Das wäre gelogen, hätt' ich nur einen Fuß. Dann müßten sie mich schon fragen: »Wie ~steht's~, Mister Pratt?«

Aber vorsichtig sind die Menschen, wenn sie einem Unglücklichen begegnen; dass hab' ich längst gemerkt. Sie hüten ihre Interessen mit einer Sicherheit, einer Schlauheit, mit einer so raffinierten Berechnung, die dem Kronenträger der Schöpfung Ehre machen könnte -- wär's nicht purer Instinkt. Sie fragen nie: »Was machen Sie, Mister Pratt?« Sie wissen wohl, daß ich nichts mache, nichts machen kann mit einer abgesägten Hand; und ein Krüppel, der nichts macht, verdient nichts; und verdient er nichts, dann -- nun ja, dann hört alles auf!

Ein Mensch, der Gefahr läuft, von innen heraus aufgefressen zu werden, ist im stande und verwildert zum ~Bettler~. Der Bettler aber ist das Greulichste, was den Leuten den Weg vertreten kann. Mit nichts können diese gottesfürchtigen, frommen Christenkinder so in Verlegenheit gebracht werden als mit Anbetteln. Ich zweifle sehr, ob sie den Straßenräuber mehr verwünschen als den Bettler. Ist der Bettler ein Fremder, dann geht's noch. Der leiseste Ruck am Sehnerv genügt und der volle Hutladen rechts ist merkwürdiger als der leere Hut des Krüppels links. Ist der Bettler sehr herabgekommen, abgestanden, abgenutzt, verwittert, fadenscheinig, vom Schicksal durch die Walze gezogen, vom Unglück durch den Rinnstein -- dann macht die christliche Barmherzigkeit vor solchem Jammer den Purzelbaum und stellt sich auf den Kopf. Aus dieser Lage betrachtet sieht dann selbstverständlich die Geschichte anders aus, als sie in Wirklichkeit ist. Der arme Lazarus sieht aus wie ein Lump. Die Ursache seiner Armut sieht aus wie leichtsinniges Selbstverschulden. Seine vor Erschöpfung unsichere Gangart -- das kommt vom Saufen! -- Ist der Bettler jedoch ein Bekannter, ein Freund, ein Blutsverwandter gar, dann -- ja, hier beginnt der Eiertanz, der zwischen Geiz und Gewissen getanzt wird vom Witz des Menschen. Schau ihn an, den Jammermann, wenn er angebettelt wird, wie er schrumpft, schwitzt, errötet, stöhnt, knurrt, klagt, wimmert -- ~lügt~. Wie er herumschielt nach Erlösung von dem Bettler -- nach einem Wagen, dem er ausweichen muß -- nach einem Regentropfen, dem er entfliehen muß -- nach einem irgend Etwas -- nach einem scheuen Gaul -- tollen Hund. Wie er (um alles zu bekräftigen, was er ~lügt~) mit der Hand die Herzgegend reibt -- als hätt' er eins -- -- --. Mephisto! Wenn bei dieser Heuchelei, Verlogenheit, Unverschämtheit, Grausamkeit der Teufel nicht lachen muß, daß ihm der Ziegenbart wackelt wie ein Staubwedel, dann hat der Alte keinen Sinn mehr fürs Detailgeschäft. Fertig!

Ich kann dieses Kapitel nicht ausschreiben -- mir ekelt.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 15. November 1900.

Liebe, gute Schwester!

Ich habe schwer gesündigt in meinem Urteil über die Menschen im letzten Brief -- und werde abbitten.

Heute saß ich im Navy Park auf einer Bank und betrachtete meine Schuhe. Ein vorübergehendes altes Mütterchen drückte mir zehn Cent in die Hand. Ich kaufte dafür einen Apfel fürs Kind, eine Orange für die Mutter und einen Laib Brot für uns drei.

Danke, danke, edle Geberin! Wer du auch seiest -- Gott wird dich finden und belohnen. Du hast die Hungrigen gespeiset.

Es gibt doch noch gute Menschen.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 20. November 1900.

Liebe Schwester!

Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist eine Schule, in der mehr gelernt und gelehrt wird als sämtliche Professoren der Welt zusammenstudieren.

Ich bin sicher, daß Newton hundert Gesetzfälle entdeckt hätte anstatt des einen Fallgesetzes, würd' er diese Musterschule besucht haben. Darwin hätte nicht den Unsinn geplaudert: der Mensch sei die veredelte Abstammung von der Bestie, sondern umgekehrt, wie's richtig ist. Galilei hätte den Zusatzt beschworen: »Sie bewegt sich doch -- aber rückwärts.« Dem unerschöpflichen Shakespeare wäre der Spiritus vertrocknet, hätt' er, statt seines Shylock, als Arbeitsloser den Mordskerl »Kapital« studiert. Der Dulder von Gethsemane hätt' zu fühlen bekommen, daß Menschenerlösung das allerundankbarste Geschäft unterm Himmel ist. Archimedes könnte rechnen lernen, wie man eine zehnköpfige Familie ernährt mit neun Dollar Wochenlohn -- oder gar keinem Lohn. Diogenes könnte Bekanntschaft machen mit dem Mietzinszahlen für seine Tonne. Mit der Laterne braucht' er den Mietsherrn nicht zu suchen, wenn der Monat fällig ist.

Es bleibt Tatsache: die Welt wird immer besser und schöner! Ein Arbeitsloser, mit der Hungerpeitsche durch die meilenlange Schulbank (Straße) gepeitscht, bis er das »Einmalkeins« und das »Ach--O--Weh« so im Schädel hat, daß er's schreit im Schlaf -- ~der~ weiß, wie schön die Welt ist und wie sie herrlicher und besser wird von Tag zu Tag!

Häuser bauen sie wie Zauberschlösser aus »Tausend und eine Nacht«. Und der Arbeitslose hat das unantastbare Privilegium, daran vorbeizuspazieren, im Regen, Schneegestöber, Sonnenbrand, und Betrachtungen anzustellen über das Wohlbehagen der Insassen. Musentempel bauen sie, Sommergärten, Feengärten, Paläste -- daß sich die Engel schämen beim Abstauben der himmlischen Möbel, über des Herrgotts altmodischen Krempel. Der Arbeitslose hat das unantastbare Recht, daran vorbeizuspazieren im Regen, Schneegestöber und Sonnenbrand ...

Im Park stehen Bänke unter schattigen Bäumen; der Arbeitslose darf sitzen dort, ausruhen, abkühlen, Luft ein- und ausatmen, herumschauen, auf und ab. Ist er durstig -- dort steht ein Wassertrog für ihn, ein Blechkessel hängt am Kettchen; Wasser trinken darf er, bis sein Magen plantscht wie ein halbgefülltes Trinkhorn. Ist er hungrig -- zahllose Schaufenster stehen ihm zur Verfügung mit gekochten und ungekochten Leckerbissen; die darf er angaffen mit allen Gefühlen, vom Ekel an die Leiter hinauf zum Verlangen, Sehnen, Schmachten, Gier, Heißhunger, Wolfshunger, bis ihm das Kinn tröpfelt wie ein kleiner Niagara.

Braucht der Arbeitslose Abwechslung, Unterhaltung, Zerstreuung -- am Rennweg fahren die Protzen, die Reichen spazieren für ihn den ganzen Tag. Der Arbeitslose darf -- stehen darf er nicht dort -- sitzen auch nicht lang' -- aber scheu durch die Hecken blicken und sehen: wie's geht, wenn's fährt. Sehen, was die Herren für reinliche Wäsche tragen mit Manschetten und Stehkragen; Krawatten mit Diamantennadeln; Handschuhe vom rarsten Ziegenleder; Stiefelchen wie geleckt; Höschen, Rock und Weste gebügelt, gemodelt von Schneiders kundiger Hand. Die Damen wie sie blühen, wenn sie glühen; wie sie schmachten, wenn sie trachten; wie sie faul sind vom Nichtstun; wie sie müde werden vom Faulenzen; wie sie verwöhnt werden von höfischer, kriechender, dienerischer Umgebung. Wind und Wetter werden ausgewählt, die Sonnenstrahlen gezählt, Wolken gewogen, eh' Fräuleins Haut oder Madames Hut das Wagnis wagt, spazierenzufahren in Gottes herrlicher Natur. Pfeilschnell fliegen die Renner durch die schattigen Alleen. Kühl fächelt der Wind die wohlgepflegten Gesichter; ist es kalt, die kostbarsten Pelze hüllen die Glieder ein wie warme Betten.

Und um und um drehen sich die Räder.

Oooo! Wie viele tausend halbgefütterte Mädchen und Mütter, Söhne und Väter der Armen müssen sich todmüde rackern, diesen Prassern ihren Tisch zu decken, ihre Häuser zu bauen, ihre Zimmer zu dekorieren, ihre Kleider zu weben, Unterhaltung zu schaffen, allen Launen einer verwöhnten, überfaulen, egoistischen Gesellschaft Leckerbissen zu streuen -- bis Erbrechen folgt?

Bei solchen Studien kann es vorkommen, daß der Arbeitslose wahnsinnig wird, heimrennt und Bomben gießt. Der Unglückliche bildet sich dann ein, die runden Dinger seien Brotlaibe. Und wenn er sie abbrennt und knallen hört, denkt er, das sei der vierte Juli, der Tag der Unabhängigkeitserklärung. -- Aber die Gesellschaft kann sich schützen gegen solche Narren. Der Anarchist wird per Strick am Hals zum Teufel geführt -- der gibt ihm doch wenigstens gebratenes Fleisch zu riechen.

Ja, ja, es ist eine majestätische Weltordnung! Man möchte »Viktoria« schreien -- oder besser noch hinaufsteigen irgendwo, auf den Chimborasso, und herunterpfeifen auf das ganze Eldorado.

Tom.

* * * * *

Brooklyn, den 25. November 1900.

Schwester!

Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Wir hatten uns viel zu erzählen. Ich erzählte ihm vom Leben und Leiden in der Werkstatt; wie es staubt und stinkt in der Fabrik; wie man hustet, keucht, schwitzt, schwindsüchtig wird, und wenig verdient, und Weib und Kind schier nicht mitschleppen kann auf steiler Bahn.

Er erzählte mir vom Geisterreich, vom Schöpfungsplan, von Welten, die er machen wird und machte, von den Lichtern, die wir sehen jede Nacht, bis ganz hinten, tief, wo Sonnen frieren und die Allmacht Grenzen wünscht und keine findet.

Ich klagte über meine Not.

Über die Menschen ~er~.

Ich betete ihn an.

Er hauchte mich an.

Wir gelobten uns ewige Treue.

So still das Wiesental, der Fluß. So halbdunkel, gespenstisch die Hügelwand mit Waldesschatten. So klar die Sternenwelt dort oben -- wie nur das müde, schlafende Pilot Knob in warmer Sommernacht es geben kann.

Was der Nachtwind den lauschenden Fichten klagt; die Riesen nicken: »ja« -- die Riesen schütteln: »nein«.

Was der Nachtwind abgehorcht dem Grollen der Donner, dem Rauschen der See, dem Krachen der Gletscher, dem Dünensand, dem Wüstensand, dem Hüttenraum der Armen, dem Prunkgemach der Reichen. Was der Nachtwind den Bergen erzählt: die Felsen überziehen sich mit Immergrün und Blütenstaub; die Felsen überziehen sich mit Eis -- und weinen Wasserfälle.

Was der Wiesenbach den Blumen erzählt, was er sah und fühlte auf der Reise von der Quelle abwärts durch das Tal zum Meer -- und auf Wolken wieder aufwärts bis zur Quelle -- hin und her. Die Blumen hauchen ihre Seelen aus vor Lust und Sehnen -- die Blumen weinen Tau -- die Blumen sinken sterbend auf das Wasser, treiben mit der Flut zum Meer -- und nimmer wieder.

Zwischen Nichts und erstem Werden. Durch jene Ewigkeit der Nacht, als Gottes Seele schlief und träumte noch, von Zukunft, Welt und mir -- -- mit einer Sehnsucht, Funken zu schlagen aus dem Nichts -- mit einer Liebe, die Welt zu schwellen mit Wollust -- mit Sonnen -- Sonnen -- -- Sonnen -- -- --

Plumps! Ausgerutscht! Da liegt der Tom.

Nein, Schwesterchen! mit diesem Absprung komm' ich nicht an die Himmelstür, viel weniger hinein, zum Herrn der Heerscharen. Es geht nicht und geht nicht mehr. Ich hab's versucht. Oben kannst Du's, schwarz auf weiß, bemitleiden, wie ich mich anstrengte, mich ins Geschirr legte, einen Schwung machte ums Zentrum herum, daß die Zentrifugalkraft die Anziehungskraft förmlich sitzen ließ wie ein tanzwütiger Schwerenöter die alte Jungfer.

Ich bin nicht mehr Tom, der Dichter im Schurzfell. Tom, der mit den Seraphs Harfen spielte -- mit den Cherubs Abendspaziergänge machte über blutgesäumte Wolken. Tom, der, wenn er nur wollte, dem lieben Gott auf die Schulter klopfen durfte und plaudern mit ihm wie ein Kind.

Ach! Ach! Dahin! Dahin! -- --

Letzte Nacht war ich lang und innig im Gespräch mit Gott. Der Tag vorher war bis zum Abend -- ein Waschtag. Eva legte sich, müde von der Arbeit, früh zu Bett. Bertie auch. Ich setzte mich ans offene Fenster in der Küche und betrachtete die Nacht. Sie war schwer und herbstlich; ich war still und traurig.

Seltsam -- ich starrte eine Weile auf die Sternengruppe der Andromeda und -- erschrak über die merkwürdige Veränderung der Lichter. Die wohlbekannte Milchstraße schien mir plötzlich eine weiße, endlose Wand, Mauer -- eine Gartenmauer. Sie kam mir näher, oder ich ihr. Mit einem Mal dachte ich's und da war es so: die endlose weiße Wand war die Mauer um das Paradies. Ich hörte Singen, Lachen, Harfenspielen über der Mauer drüben. Ich sah fruchtbeladene Palmen, gewiegt von blumenduftenden Winden. Ich roch Weihrauchwolken, die aufstiegen wie Feuerwerke. Ich war tatsächlich dem Himmel so nah, daß mir nur das Loch in der Mauer fehlte zum Seligwerden. Ich trottete auf gut Glück entlang und sucht's.

Die Umgebung des Paradieses ist auch ein Paradies (mit ~eines~ Wunsches Unterschied); Blumen und Fruchtbäume und wundervoll grünes Gras bedecken den von magischem Licht verklärten Boden; aber alles Bewegliche neigt sich verlangend nach der Mauer hin -- ein Zug, der auch mich erfaßte. Ich wußte keine Ruhe hier außen, auch in diesem idealen Zauberpark nicht, den ich doch, wie ich merkte, ungeteilt bewohnen durfte. Qual und Sehnsucht verzehrten mich.

Da -- gewahrte ich eine Öffnung an der hellen, glatten Wand, und o Himmel! es war das Pförtchen -- der tausendfach gelobte, geschilderte, besungene Eingang in das Paradies.

Als ich, durch Blumen watend, näherkam, bemerkte ich einen weißgekleideten, weißhaarigen Greis. Er saß auf einer rohgezimmerten Holzbank neben dem Pförtchen und schien zu schlafen. Das war unzweifelhaft der heilige Petrus. Er trug ein ziemlich reines, grobgewirktes, ungeheuer weites, weißes Nachthemd mit Matrosenkragen. Der Heiligenschein schwebte in Gestalt eines rotglühenden Kübelreifs über seinem Haupt. Die Himmelsschlüssel lagen nebenan auf der Holzbank, und ebenso ein Körbchen mit einer im Winde flatternden, blutroten Atlasschleife am Korbhenkel. Säuberlich hineingebettet ruhten im Körbchen zwei riesige Pflaumen, zwei Butterstullen, ein gesalzener Rettich und ein verblüffend demokratisches Bierkrügerl. Im Gras, nicht weit von der Bank, bemerkte ich ein goldenes, niedlich kleines Pantöffelchen, die Sohle nach oben. Das ließ erraten, daß die Engelein dem alten Mann sein Vesperbrot heraustrugen und sich dann im Gras herumjagten, wie's ja die Kinder lieben überall.