Part 6
Um des Heiligen Aufmerksamkeit zu wecken, begann ich halblaut zu husten. Die Wirkung war -- entsetzlich. Der heilige Mann schnellte wie von Skorpionen gebissen senkrecht in die Luft und starrte mich an mit verglasten Augen. Ebenso schnell jedoch kam er wieder ins Gleichgewicht und setzte sich. Er zuckte zwei-, dreimal mit der Schulter, schüttelte den Kopf, und legte dann sein linkes Bein, vom Knie an abwärts, wagerecht übers rechte. Und -- jetzt erst ging mir ein Licht auf über das, was ich vorher an der zusammengekauerten Gestalt für ein Nachmittagschläfchen hielt: der Heilige beschnitt sich die Zehennägel mit einem Federmesser.
»Bist du sehr in Eile?« frug er mich, halb mürrisch, halb gleichgültig, und seine Beschäftigung wieder aufnehmend.
»Nicht sehr, heiliger Petrus,« gab ich zur Antwort.
»Dann laß mich diese drei Nägel noch abschneiden.«
»Hundert, wenn's Euch beliebt!« -- Ich war so verwirrt, daß ich ganz vergaß, daß der Menschenkörper nur zwanzig solcher Dinger besitzt.
»Wo kommst du her?« frug mich der Apostel wieder nach einer Pause, aber bedeutend leutseliger dieses Mal.
»Von der Erde unten,« erwiderte ich.
»Das kann ich riechen, haha! -- Von welchem Land oder Königreich, will ich wissen.«
»Von keinem Königreich, von einer Republik komme ich.«
»Von Transvaal?«
»Von Amerika.«
»Von Amerika?!« -- Der Alte schüttelte den Kopf und seufzte. »Und woher in Amerika, wenn ich fragen darf?«
»Von Neuyork.«
»Neuyork? Neuyork? Hm -- wo liegt das Ding?«
»Bei Long Island,« gab ich zurück, immer noch gepreßt.
»Long Island! Ah, jetzt erinnere ich mich. Neuyork -- Long Island -- das ist eine schlimme Weltgegend. In zehn Jahren bist du erst der zweite, der hier vorspricht.«
»Und wer ist der andere?« frug ich naseweis.
»Ingersoll.«
Ich schrie förmlich auf: »Ingersoll! Robert Ingersoll, der Ketzer?!«
»Und?« -- Sankt Peter schaute von feiner Arbeit auf und mir ins Gesicht. »Und?«
»Ingersoll, der Atheist!«
»Und?«
»Der Gottesleugner!«
»Und?«
»Der Religionsspötter, Seelenvergifter, Teufelsagent, der ein Menschenleben lang die Bibel zerfetzte wie alte Zeitungen!«
»Und?«
»Und?! -- ~Den~ habt ihr in den Himmel 'reingelassen?«
»Wenn ich so genau wollt' richten,« erwiderte der Heilige trocken, »dann könnt' ich überhaupt die Bude schließen und die Schlüssel wegwerfen. Im Buch steht nichts, daß er Menschen geschunden hat und meinen Herrn und Meister verkauft; und ich halte mich ans Buch -- nur ans Buch.«
Ich mußte lachen. »Wieso kann er den Herrgott verkaufen, wenn er gar nicht an den Herrgott glaubt?«
»Ach was, glaubt, glaubt, glauben. Was gibt der Ewige für euern Glauben -- er pfeift euch auf euern Glauben. Gute Werke will er sehen; Brüderlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit.«
Hier interessierte sich der Apostel mit einem Mal so für seine unterbrochene Beschäftigung, daß ihm das welterschütternde Thema Null war gegenüber dem Nagel am Zehen. Es war der große Zehennagel. Der Nagel war, wie man zu sagen pflegt, ein eingewachsener Nagel. Ein solcher Nagel verlangt ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit, Geduld und Kunst. Man muß mit Leib und Seele bei der Sache sein. Man darf da weder Übereilung noch Ängstlichkeit zeigen, noch an etwas anderes denken darf man.
Jetzt war es sterbensstill ringsum. Fernweg hörte man das Harfenspielen der Engel, aber kaum so laut wie das Summen der Glocken, wenn der Küster längst den Strang verlassen.
Und da saß er nun vor mir -- und wie?
Das also ist der heilige Petrus, der Schiffer und Fischer, der die Segel reffte auf dem Galiläischen Meer vor neunzehnhundert Jahren. Das ist der biedere, grade, natürliche Arbeiter, den der Heiland auf den ersten Blick so lieb und sympathisch fand, daß er ihn zu seinem Stellvertreter erwählte. Das ist der Charakterkopf, der die Wucht und Größe einer welterlösenden Religion erfaßte. Das sind die schwieligen Hände, die Netz und Ruder zogen -- und dann durchnagelt wurden am Kreuz. Das sind die Füße, die Palästina durchwanderten vom himmelblauen See Genezareth bis zum Toten Meer, vom Berg Tabor bis zum Ölberg, von der heiligen Stadt Jerusalem bis zur ewigen Stadt Rom -- und dort durchnagelt wurden am Kreuz.
Unsägliches Mitleid mit dem Märtyrer ergriff meine Seele. Unwiderstehlich zog es mich drei Schritte näher. Aus Mitleid, und mehr noch um den Mann wieder reden zu hören, frug ich: »Wie geht's Geschäft, heiliger Petrus?«
Er wies mit der messerhaltenden Rechten nach der Himmelspforte, gleichsam den Staub und die Spinnenweben dort auffordernd, mir die Antwort zu geben.
»Da sieht nicht aus wie überlaufen,« erwiderte ich.
»Das sieht aus, als ginge die ganze Welt zum Teufel!« schrie Sankt Peter plötzlich, und so rasch sein Temperament verschiebend, daß er mit dem letzten Wort im Satz zu spät kam und es wegließ bis aufs »T«. Kirschrot vor Aufregung wurde er im Gesicht, seine Augen schossen Blitze; seine Skalpierkunst am Zehen wurde abgebrochen; das Federmesser schnappte zu und verschwand im Faltenhemd. »Wär' ich der Allmächtige, ich pumpte alles Wasser des Universums auf die Menschenbrut hinunter, daß sie schwimmen müßten bis an den Mond, um Land zu finden. Sind dass Menschen? Ebenbilder Gottes? Christen, erkauft mit dem Blut? -- Und wenn der Teufel tausend Jahre lang an einem einzigen Halunken seine ganze Wissenschaft verschwendet, er kriegt keinen Schuft zu stande, wie ihn die Gesellschaft produziert im Handumdrehen, ohne Müh' und Kraftverlust! -- -- Ach was --«
Hier kühlte sich des Heiligen Zorn und wie resignierend setzte er hinzu: »Es ist eben ein Fehlschlag. Die ganze Schöpfung ist ein Fehlschlag. Es ist wahr, jeder kann hin und wieder mal sein Pech haben mit der Arbeit, aber ~so~ den Stoff verpfuschen, das ist zum Weinen. Man hätt' was Herrliches draus machen können mit Überlegung und Zeit; aber so in der Eile sein und in sechs Tagen die Welt machen wollen, wozu man von Rechts wegen die Ewigkeit nehmen sollt'. Jetzt ist's geschehen -- und alles Dranrumflicken und Pflastern macht's nicht vollkommen.«
Er reckte sich gähnend, nahm den Rettich aus dem Körbchen, betrachtete ihn eine Weile und legte ihn wieder zurück. Dann machte er ein paar Schritte von der Bank weg, wo das goldene Pantöffelchen im Grase lag, und warf es im Bogen über die Mauer. »Die Rangen, ihre Flügel werden sie sich noch abreißen nächstens.«
»Das ist allerdings traurig, lieber, heiliger Mann,»stöhnte ich, wie betäubt von dem Gehörten und Gesehenen.
»Zum Verzweifeln ist es!« erwiderte der Apostel und setzte sich abermals. »Mein Herr und Meister sagt es selber, daß es zum Verzweifeln ist. Erst vorige Woche war er hier außen bei mir auf ein Stündchen; dort saß er, wo das Krügerl steht, und hier saß ich. ›Peter,‹ sagte der Herr zu mir, und er war sehr traurig. Er ist immer traurig, aber ~den~ Abend war er auffallend traurig. ›Peter, jetzt feiern sie da unten das neue Jahrhundert; hörst du den Spektakel? Ein solcher Lärm war nicht, seit der Michel den Himmel säuberte von den Aristokraten. Auf drei Plätzen haben sie Krieg, auf zehn haben sie Massakres, auf hundert Schlachthäuser im Betrieb für ihre Brüder. Mord, Meineid, Lüge, Raub, Betrug, Trunksucht, Faulheit, Neid, Geiz, Hochmut, Heuchelei, Schändung -- das Menschengeschlecht badet sich in Todsünden wie ein krätzig Tier im Morast. Den Reichen verfault ihr göttlich Teil im Prassen und Schwelgen, den Armen versiecht die Seele in Jammer und Verzweiflung; und keine Sonne am Himmel und kein Gott im Himmel ist den Menschen so warm und heilig wie Geld und Geld. Der alte Mann im Vatikan, mit seiner dreimaligen Krone, hat nicht die blasse Idee von dem Kommunismus, für den wir uns kreuzigen ließen. Mit seiner Politik, Peter, wär' ich Hohepriester geworden, du und Paulus römische Senatoren; und Judas -- ah, der Schelm hat mich doch wenigstens nicht blamiert und hat seinen Preis verlangt; die Kuttenmänner aber verkaufen mich für zehn Cent, und nicht ~einer~ hängt sich auf vor Scham und Reue -- nicht ~einer~. Peter, ich zähle auf dein Prinzip, laß mir ja keinen durchschlüpfen, der nach Geld und Banknoten riecht!‹«
Der Alte erhob sich. »So, jetzt wollen wir zur Examination schreiten. Hoffentlich bestehst du sie. Es ist viel Platz im Himmel und (hier schnalzte der Heilige mit der Zunge und blinzelte schelmisch) verd...t gemütlich, seit das Radfahren aus dem Sündenregister gestrichen wurde.«
Ein Fieberfrost überlief mich bei dem Wort »Examen«, und kaum weiß ich, in welcher Tonart ich stotterte: »Lieber, heiliger Herr! Wollt Ihr das Essen kalt werden lassen meinetwegen und das Bier sauer? Ich bin rein gar nicht in der Eile, lieber, heiliger Herr.«
»Erst das Geschäft, dann das Vergnügen. Dass Bier kann 's Stehen vertragen, 's ist Anhäusers.«
Sankt Peter lachte und das ermutigte mich einigermaßen. Dann schloß er das Pförtchen auf und schritt hindurch. Ich blieb außen. Bald darauf öffnete er ein Schiebefenster neben dem Pförtchen. Ich verfolgte jede seiner Bewegungen. Er hob ein schweres, ledergebundenes, vergriffenes Buch aufs Gesimse. Ich verwandte kein Auge von ihm. Er setzte eine Brille mit Hornbeschlag auf die Nase, und das gab ihm ein zwischen Komik und Ehrwürdigkeit balancierendes Aussehen. Die Brille war alt und trug die Geschäftsmarke: »Levi u. Söhne, Esaustraße, Kapharnaum.« -- Jetzt frug er mich nach Tauf- und Zunamen.
Ich antwortete: »Tom Pratt.«
Er blätterte im Register. »Tom Platt.«
»Um Himmels willen!« schrie ich, »Tom Pratt! -- nicht Platt.«
»Tom Pratt -- Pratt -- Tom Pratt --«
Mit Todesangst hafteten meine Augen an des Alten Gesicht. Das geringste Stirnrunzeln bedeutet ewige Verdammnis. Das geringste Lächeln auf seinen Lippen heißt ewige Seligkeit.
Plötzlich verzerrten sich seine Züge wie die fluchende Fratze eines Ketzerrichters. Hochrot, blau, violett wurde die Hautfarbe seines Gesichts; Beulen, Klumpen schwollen heraus, förmliche Würste; Krampfknoten wie Trauben und kalifornische Zwetschgen. »Schwindler!« schrie er, »eine solche Unverschämtheit ist mir noch nicht begegnet seit der Himmelfahrt! Du lebst ja, du bist ja noch gar nicht tot! Den Himmel willst du haben bei Lebzeiten?« -- Er griff nach dem dreipfündigen Schlüssel und -- mir flog etwas an den Schädel, daß mir Sterne, Planeten und Saturnusringe vor den Augen flammten.
-- -- Ich wachte auf. Neben dem Küchenfenster sitzend war ich eingeschlafen, und im Schlaf fiel mir der Kopf aufs Fensterbrett -- schwer wie Blei.
Tom.
* * * * *
Brooklyn, den 1. Dezember 1900.
Teure Schwester!
Es gibt Augenblicke im Menschenleben, die nur verglichen werden können mit dem Reißen einer Wolke nach langer, trüber Regenzeit, wenn plötzlich augenblendend die Sonne leuchtet in die Finsternis. So, gleichsam durch Tränen lachend, war die gottgeschickte Stunde, die ich und meine Eva gestern morgen erleben durften.
Es war ein Regentag. Ich stand wie gewöhnlich auf, und weil es regnete und stark regnete, blieb ich im Haus.
Um acht Uhr pfiff der Briefträger nach »Tom Pratt«.
»Eva, ein Brief von Pilot Knob!« rief ich und rannte hinunter, ihn abzuholen. Es war kein Brief von »Jennie Dear« -- sondern ein Schreiben war's von meinem ehemaligen Prinzipal in Neuyork. Keine Sekunde vermochte ich zu warten auf den Inhalt und riß den Umschlag in Fetzen -- überflog die Zeilen. »Arbeit!« schrie ich, »Arbeit! ich habe Arbeit!« Und so laut schrie ich und so hastig lief ich die Treppen hinauf, daß ich in der Küche war, eh' mein Weib, durch mein Lärmen erschreckt, die Tür erreichte.
»Eva! Arbeit! Platz! Ich hab' eine Anstellung! Tom hat eine Anstellung -- zwölf Dollar die Woche -- -- lies doch -- hier sieht's schwarz auf weiß:
»Werter Herr Pratt!
Ich habe Ihnen nach langem Bemühen eine passende Stelle gefunden, die Sie jedoch sofort antreten müssen. Gehen Sie nach 700 Mercer Street. Mister Rouß ist unterrichtet von mir und wird Sie anstellen als Nachtwächter in seinem Lagerhaus. Gehalt zwölf Dollar. Zu arbeiten brauchen Sie nicht, aber ehrlich, nüchtern, wachsam, zuverlässig in jeder Art müssen Sie sein -- und das sind Sie --«
Weiter kam ich nicht im Lesen. Mein Weib fiel mir laut weinend um den Hals; ich fiel ihr um den Hals; und dann fielen wir beide zusammen auf das Sofa. Dann erschien Bertie, aufgeweckt von dem Spektakel, im Nachthemdchen, und das Freudenschreien mißverstehend heulte er ebenfalls, und am allerlautesten, und vermehrte den Menschenhaufen mit seiner Persönlichkeit.
Es war jetzt ein so wirrer Knäuel auf dem Sofa, ein Schluchzen, Küssen, Lachen, Sprechenwollen, daß Minuten vergingen, eh' wir Alten vernünftig wurden und das Kind beschwichtigten. Das war höchste Zeit, wollten wir nicht die Nachbarschaft alarmieren oder gar die Feuerwehr.
Dann zog Papa seine Sonntagskleider an, Schuhe, weißes Hemd -- derweil Mama das Kind küßte unter immerwährendem Schluchzen und Lachen, daß Bertie erstickt wär', hätt' ich Eva nicht weggerufen, mir die Halsbinde zu knüpfen.
Unter strömendem Regen trat ich meinen Weg an nach Neuyork. Eine Stunde später trat ich ins Kanzleizimmer des Mister Rouß.
Es war Tatsache: ich soll den Platz sofort antreten -- das heißt, sofort nach sechs Uhr Abends. Das ist die Zeit, wo das Geschäft geschlossen und der Nachtwächter (das heißt: ich) eingeschlossen wird. Buchstäblich eingesperrt. Stündlich hat er das Gebäude abzupatrouillieren. Diebe, Feuer und Ratten sind die Hauptfeinde, auf die er seine Findigkeit konzentrieren soll.
Also den Nachtwächterposten hab' ich; »aber« -- --
Noch nie in meinem Leben wurde ich von vier Buchstaben so überrumpelt wie von diesem »Aber«.
»Aber,« sagte Mister Rouß, »sollte Pat (Pat ist mein Vorgänger im Amt) -- sollte Pat gesund werden, was wir alle sehnlichst hoffen, muß ich selbstverständlich als Geschäftsmann und Mensch ihm seinen Platz zurückgeben. Er ist Familienvater von elf Kindern und zudem ein alter, treuer Diener der Firma. Stirbt er, dann allerdings haben Sie die Stelle permanent. Kommen Sie heute abend um sechs zum Dienst. Instruktionen erhalten Sie jetzt sofort vom Aufseher.«
Der Herr winkte mir, zu gehen, und Tom zog die Kanzleitür ins Schloß, von außen. Vom Aufseher erfuhr ich ohne Zugpflaster (denn er ist ein solcher Schwätzer, daß er 's Maul nicht hält im ~Barbierstuhl~ und sich durch sein ewiges Schwätzen eine Papageienphysiognomie erworben hat, die nur stellenweise von blauer Brille und Zigarrenstummel verdeckt wird), daß Pat vierzehn Jahre lang Nachtwächterdienste tut fürs Haus, daß er vom Gliederreißen viel geplagt wird, daß seine Frau viel doktert und -- trinkt, daß seine Kinder alle klein sind, daß er seit drei Wochen schwer krank an Erkältung das Bett hütet, daß seither abwechslungsweise Angestellte der Firma Nachtwächterdienste versahen für den kranken Pat. »Wohl denn,« sagte der Schwätzer zum Schluß, »verlieren wir den Pat, bekommen wir also einen Pratt. Hoffentlich ist der Unterschied zwischen Ihnen und ihm so klein wie im Namen, denn Pat ist ein sehr zuverlässiger Mann, ein sehr ehrlicher, zuverlässiger Mann. Adieu!«
Für meine Handlungen nach dieser aufregenden Stunde bin ich nicht verantwortlich. Die helle Freude, dann das trübe »Aber«, dann die vielen Zwerge, die an diesen zwei schwarz-weißen Riesen herumkrabbelten, erfüllten meine ohnehin nervöse Phantasie so mit beängstigenden Bildern, daß ich wie von Gespenstern gehetzt Hilfe suchte, irgendwo. Eine Kirche stand offen. Dort taumelte ich hinein, sank auf die Kniee, und so heiß, wie nur gebetet werden kann, betete ich dem Vater der Armen ein Dankgebet für die Erlösung aus der Hölle der Arbeitslosigkeit.
Daß ich meine Augen schloß; daß ich naß, kalt, müde und hungrig war und mein fieberndes Gehirn Bilder sah; mein Weib und Kind neben mir knieen sah, dann noch mehr arme, zerlumpte Menschen sah, die beteten und die Kirche füllten, daß ich dann plötzlich einen Mann aus der Menge die Hände aufheben sah und laut zu Gott schreien hörte um Brot für seine elf Kinder; daß ich unwillkürlich an Pat dachte, mein Traum aus, mein Gebet aus, meine Ruhe aus, alles, alles aus war -- die ganze Himmelsharmonie von vorhin ausgellte in so schrille, wilde, nervenzerreißende Mißakkorde, wie das Chaos der heutigen Weltordnung -- --
O Jennie! Ich kann nicht beten noch danken, ohne Gott zu lästern. Sünde wird mein Flehen, Fluch mein Danken, Brudermord mein Dasein. Was ich erbettle -- ist meinem Bruder genommen. Was ich genieße, ist meinem Bruder geraubt. Meinen Bruder zerre ich unter Wasser, wenn ich schwimmen will. Meinen Bruder muß ich bestehlen, überlisten, würgen, totwürgen -- so will es die Ordnung hier auf Erden.
Und ich bin für Ordnung.
Tom.
* * * * *
Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.
Mein Bruder!
Der Himmel hat mir den rettenden Gedanken geschickt. Ich habe nächtelang darum gebetet. Hier ist er: Versuche mit Kopfarbeit Dein Brot zu verdienen! Tausende leben, und viele sogar im Wohlstand, die mit der Feder produzieren. Eine Hand genügt dazu, und die hast Du noch; und Gehirn und Herz hast Du erst recht. Allerdings bist Du nur ein rußiger, staubiger Fabrikarbeiter, der keine höheren als Volksschulen genossen hat; aber wenn ich Deine außergewöhnlichen Geistesgaben bedenke und Deine ergreifenden Briefe lese -- -- ~Versuch's!!~
War nicht unser Vater (Gott hab ihn selig), wenn auch nur ein hartarbeitender Erzgräber, der klügste Mann im Minendistrikt, Ingenieur und Verwalter mitinbegriffen. Und »Mütterchen unser« so seelenvoll. Bruder! Mut! Der Genius steckt uns im Blut. Was andere mühsam aus der Tinte saugen müssen, haben wir schlafend in der Muttermilch getrunken. O, hätt' ich Zeit und nur Zeit, ich wollte schier selber eins dichten, das zum -- Weinen wär' -- hahaha! -- --
Nochmals, Bruder! Versuche es mit Geist und Gemüt; wähle ein Thema, ein Problem aus dem Leben, aus der Geschichte, aus der natürlichen, übernatürlichen, aus der Hexenwelt -- irgend eins. Schreib einen Aufsatz: wie man ledig bleibt, wenn man sich verheiratet wünscht. Wie man verheiratet bleibt, wenn man sich ledig wünscht. Wie man runzlig wird vom Ausschweifen und rund vom Keuschsein, oder umgekehrt. Wie man reich wird durch Ehrlichkeit und arm durch Betrug und Schwindel, oder umgekehrt. Wie man zum Himmel kommt durch Frommsein und zur Hölle durch Fluchen, oder ~nicht~ umgekehrt.
Du liebe Zeit! so plaudere ich und drei Kübel voll schmutziger Wäsche stehen wie das Schwarze Meer unterm Nußbaum. Ich bin freilich ein Waschweib. Fort, Feder -- Seife her.
Bruder, das für heute. Ein meilenlanger Brief zum nächsten Mal.
Jennie.
* * * * *
Pilot Knob, den 1. Dezember 1900.
Teure Schwägerin!
Mit Zittern und Zagen schreibe ich diesen Brief an Dich. Tom darf ihn nie zu Gesicht bekommen, hörst Du -- nie! Dieser Brief ist nur an Dich und für Dich. Wenn Tom ihn in die Hand kriegt, ist alles verloren.
Ach, es ist vermessen, zwischen Dich und Deinen Mann, zwischen Euer grenzenloses Vertrauen diese Wand zu schieben; -- aber Notwendigkeit, Liebe und alle guten Geister gebieten mir, so zu handeln. Eva -- mir graut vor der Zukunft Deines Gatten -- meines Bruders. Nicht, weil er seine Hand verloren hat, seine Arbeitsgelegenheit und Euer schönes Heim zerstört werden kann -- mir graut vor Toms Seele. Ich fürchte und sehe, wie meines unglücklichen Bruders Geist sich umnachtet -- sein schöner, großer Geist. Eva, Du kennst Deinen Gatten, aber ich kenne meinen Bruder. Er ist heroischer als andere Männer, aber auch kleinmütiger. Er ist gleichgültiger, phlegmatischer, stoischer als andere Männer, aber auch empfindlicher, weicher, gewissenhafter. Er ist geistreicher als andere Männer -- aber kurzsichtiger, beschränkter auch. Er ist, leider Gottes, viel zu viel in ~einer~ Seele.
Es ist nicht wahr, daß große Seelen am meisten ertragen können -- gemeine Seelen können alles tragen. Eva! Schwester! wir müssen Tom betrügen -- um ihn zu retten.
Immer wilder, unbändiger, irrsinniger werden seine Anklagen gegen Gott und Menschen. Wo kann er Halt machen, wenn er Ruhe sucht und keine findet? Das treibt so hin, und abwärts. Hoffnung! Hoffnung! Ein Licht in der Nacht, einen Stern im Raum muß der Unglückliche haben, und das zuerst, einzig und allein -- vorläufig.
Schwester! ich habe Deinem Gatten ein Schreiben geschickt, gleichzeitig mit diesem an Dich, und ihm ein Heilmittel angepriesen gegen Verzweiflung. Er wird's Dir vorlesen, dann weißt Du's. Das ist neu für Tom. Das lenkt seine Grübeleien auf neue Bahnen. Das gibt ihm Hoffnung, etwas zu werden. Und wenn es gar keinen Zweck hätte, als sein überfülltes Gehirn entladen zu helfen -- was er denkt und leidet, auszutoben mit der Feder aufs Papier -- schon das ist viel gewonnen.
Daß Tom mir viel und oft schreibt seit dem Unglücksfall, ist gut -- aber gar nicht gut, daß er einseitig immer das nämliche wiederkäut. So einseitig, zweck- und maßlos die Menschen kritisieren, das leitet zum Menschenhaß, zum Pessimismus, zur Versteinerung, zum Wahnsinn. Fernblick muß der Menschengeist haben, mit einem Auge muß er Gott sehen, mit dem andern Auge den Wurm, wie er sich tummelt im Staub. Fernblick verleiht dem Menschen Ausdehnung, Freiheitsdrang, Willen. Hat er das nicht mehr, ach! dann ist er nur Sklave der Umgebung. Die Seele wird zum tickenden Gewerke -- die Erscheinungen der Welt ziehen durch die Seele wie magnetischer Strom, unverstanden von ihr.
Eva, laß diese Worte nie Deines Mannes Ohr erreichen. Sag ihm nie, was ich hier schreibe. Nichts ist gefährlicher für einen Mutlosen als die Warnung vor Wahnsinn. Ermutige Tom zum neuen Streben und Leben. Mach ihn glauben, seine Schriftstellerei bringe Glück, Ehre, Wohlstand. Laß Dir vorlesen von ihm. Kritisiere, lobe, tadle, lache, weine. Derweil er dichtet und hofft, wird sich doch irgend eine Anstellung finden, mit der er das Hauswesen retten kann; -- denn aufrichtig gesprochen: ich zweifle, daß Tom mit Schriftstellern sein Brot verdienen können wird. Die Gelehrten haben ~auch~ ihre Angst und Not mit Konkurrenz. Es ist eine fürchterliche Welt, in der wir hausen. Alles lebt im Krieg. Einer reißt den andern weg vom Platz. Wann, o wann wird es besser kommen? -- Unsere armen Kinder! -- Die Nächte sind lang, auch hier im Süden. Es will nicht Morgen werden, wenn man Sorgen hat. Die Stunden vor zwölf -- die Stunden nach zwölf -- das Ticken der Uhr -- wie Wassertropfen Eimer füllen, so monoton, langsam verdrängt's die Schatten. Man hört das Atmen der Schlafenden um sich -- draußen vielleicht das Bellen eines Hundes, dass Rütteln des Windes am Fensterladen, das Regnen auf dem Hüttendach -- keine Mutter könnt's ertragen und am Morgen noch ein Lächeln übrig haben für die erwachenden Kleinen -- ohne Glauben an guter Geister Gegenwart.
~Ich~ habe ~ein~ Kreuz zu tragen -- das für Jennie. Sechs mehr von meinen Kindern -- das für die Mutter. Peter legt auch noch Holz auf meine Schultern -- das für die Gattin. Das schwerste aber, das mich schier erdrückt, ist das Kreuz, das mein armer Bruder der Schwester aufbürdet.
Ach, Eva! ich weiß, Du leidest wie ich -- ebenso geduldig, stumm, gottergeben -- und darum wollen wir uns umarmen als Leidensgefährten, als Märtyrer für eine Religion der Aufopferung, Aufopferung, Aufopferung.
Dann muß ich Dich noch etwas fragen, Schwester. Glaubst Du, es wäre Euch möglich, den Haushalt abzubrechen, zu verkaufen, was Ihr habt, und hierher zu reisen, wieder in Toms Heimat? Sechzig Dollar sind notwendig. Ein paar Dollar kann ich auch erübrigen und zulegen. Gott! So wäret Ihr doch wenigstens bei mir -- und tothungern lassen wir Euch nicht. Sag das Tom.
Blut möchte ich weinen vor Weh, Euch nicht helfen zu können und so weit weg zu sein, so weit weg.
Dann muß ich Dich ~noch~ etwas fragen, das ich immer vergeß beim Schreiben. Wie geht es Deinem Leiden? Ich erfahre rein gar nichts mehr von meiner kranken Schwägerin, seit ihr Mann alles Interesse absorbiert. Hast Du noch immer Atemnot, Blutspucken? Arme Dulderin!
Küß mir Bertie und sei tausendmal gesegnet von Deiner Dich ewig liebenden Schwägerin, Schwester
Jennie Daly.
* * * * *
Brooklyn, den 4. Dezember 1900.
Liebe Schwägerin!
Gott ist mit uns. Tom hat den Brief nicht bekommen. Er schläft bei Tag weil er den Platz hat bei Nacht. Er kommt am Morgen von Neuyork. Dann ißt er Frühstück und geht zu Bett. Nach Mittag steht er auf. Der Briefträger kommt immer am Morgen. So hat er den Brief nicht bekommen. Nur seinen eigenen Brief. Das ist gut.