Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1905 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
unterstrichen: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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_Von Kindern ○ ○ ○ und jungen Hunden_
Rudolf Presber
Von Kindern ○ ○ ○ und jungen Hunden
Erste Auflage
[Illustration]
Berlin ~W.~ 50 Concordia Deutsche Verlagsanstalt +Hermann Ehbock+
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
[Illustration]
Flocki (Die Geschichte eines merkwürdigen Hundes) 1
Das Verhängnis des Hauses Brömmelmann 103
Der rote Esel (Ein lyrisches Intermezzo) 127
Des letzten v. Birkowitz letztes Fest 145
Der Mann mit dem persönlichen Einfluß 177
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration: Flocki
Die Geschichte eines merkwürdigen Hundes]
Ich habe „Flocki“ nie geliebt. Das muß ich vorausschicken.
Um so heroischer komme ich mir nun vor, indem ich mich hinsetze, um von „Flocki“ zu erzählen. Denn -- das ist fast ein Axiom geworden in der literarischen Welt: die Lebewesen, die man so von Grund der Seele aus +nicht+ leiden mag, erwähnt man nicht in Briefen oder gar in den zum Druck bestimmten Manuskripten. Man schweigt sie einfach tot, so bemerkenswert sie anderen erscheinen mögen.
Ich hätte vielleicht auch von „Flocki“ heute und später und für immer geschwiegen, wenn nicht dieses äußerst seltsame Wesen so bedeutungsvoll und bestimmend in das Leben eines Freundes eingegriffen hätte. Eines Freundes, dessen Wert ich schätze, wennschon ich seine Schwäche im Charakter tief beklagen muß.
„Flocki“ war ein Hund. Um das gleich zu sagen: ein sehr merkwürdiger Hund.
Seine Mutter stammte aus der weitverbreiteten und durchaus beliebten Familie des ~canis genninus~. Oder kürzer und deutsch: sie war eine besonders hübsche Pudelhündin. Sie hatte den in der Familie üblichen gedrungenen Körperbau mit den langen, breiten Ohren; besaß ein lockiges, schwarzes Fell mit zwei sauber, fast kokett gezeichneten, weißen Flecken an Stirn und Brust. Diese beiden weißen Flecken waren vielleicht die Ursache, daß sie so sehr stolz auf der Straße war und sich selbst vom Milchmädchen nicht streicheln ließ. Was später aus ihr geworden ist, weiß man nicht genau. Die Köchin bei Hauptmann Weber -- sie diente einen Stock unter „Fifi“, der schwarzhaarigen Pudelhündin, -- behauptete, sie hätte sich in älteren Jahren aus einer verspäteten unglücklichen Liebe zu des Hauptmanns langhaarigem, englischem Setter, der sechzehn Ahnen hatte, damals gerade von der Staupe genas und ein sehr interessanter Rekonvaleszent war, in den Landwehrkanal gestürzt. Aber die Köchin bei Hauptmanns war überhaupt eine sehr romantische Person und wenig glaubhaft.
Piefkes selbst, bei denen „Fifi“ seit den betrübenden Zeiten, in denen ihrer ahnungslosen Jugend noch der erste Zimmeranstand beigebracht werden mußte, treue Hausgenossin war, erzählten, sie sei von einer „Elektrischen“ in der Potsdamerstraße überfahren worden. Das hat viel für sich, wenn man erwägt, daß „Fifis“ Sehvermögen stark nachgelassen hatte, und daß die „Elektrischen“ damals -- kurz nach dem Streik -- oft von absonderlichen Fahrkünstlern gelenkt wurden.
Flockis Vater aber -- und das blieb nicht ohne Bedeutung für Flockis Aussehen, wie für seine Talente und Neigungen -- war ein +Mops+ gewesen. „Schufterle“ hieß der wenig liebenswürdige Vertreter einer unschönen Rasse, die, ruhmlos und unbeweint, faul, dick und aller Tätigkeit abhold, im Aussterben begriffen ist. Er hatte einen schraubenförmig gerollten Schwanz, eine schwarze, sehr unfreundliche Maske und war von besonders bösartiger Gemütsart; als wollte er bei jeder Gelegenheit durch tückisches Benehmen den Beweis liefern, daß seine Familie nur eine Karikatur der mißliebigen Bullenbeißer darstelle. Kam hinzu, daß seine Herrin eine alte, schrullige Regierungsrätin war, die nur zwei Leidenschaften hatte: auf einem unglaublich verstimmten Klavier Chopin zu spielen und ihren dicken Mops zu verwöhnen.
Diese sonst achtbare Dame hatte alle vielleicht in dem Tiere schlummernden guten Qualitäten durch falsche Erziehung verdorben. „Schufterle“ war knurrig und ohne jede Liebenswürdigkeit. Er war gefräßig und litt infolge von Fettleibigkeit, die wiederum eine Konsequenz der mangelhaften Bewegung in freier Luft war, stark an Asthma. Seinetwegen wohnte die Regierungsrätin nur Hochparterre. Und so oft sie auch wegen ihrer Vorliebe für Chopin umziehen mußte, mehr als vierzehn Stufen mutete sie ihrem kurzatmigen Liebling niemals zu.
Wie eigentlich der Liebesbund zwischen zwei so verschiedenen Wesen, wie es „Fifi“ und „Schufterle“ waren, zustande kommen konnte, das ist mir heute noch ein Rätsel. Brehm lebt nicht mehr, den ich gern gefragt hätte; und zu den modernen Zoologen hab’ ich kein Zutrauen. Sie versenken sich nicht in die Tierseele.
„Schufterle“ hat übrigens seinen Sohn niemals gesehen. Denn „Flocki“ kam im dritten Stock zur Welt, in einer Höhe, die Schufterle niemals erklomm. Und vierzehn Tage nach der Geburt des ihm gleichgültigen Sohnes starb „Schufterle“. Die Hausbewohner, denen seine Korpulenz und sein Schnaufen bei jeglicher Fortbewegung stark mißfallen hatte, behaupteten pietätlos, er sei „geplatzt“. Einige wollten sogar den Knall gehört haben ...
Die Regierungsrätin aber machte den Briefträger für „Schufterles“ Tod verantwortlich. Ihn allein. Zwischen diesem behenden Vermittler schriftlicher Nachrichten und dem asthmatischen Mops hatte eine latente Feindschaft schon seit Monaten bestanden. Schufterle knurrte, wenn er den Briefträger sah. Und der Briefträger knurrte auch. Freilich nur innerlich. Schufterle war überzeugter Demokrat und haßte alles Uniformierte. Der Briefträger vermochte über Schufterles feindseliges Benehmen um so weniger Entzücken zu heucheln, als der Regierungsrätin das Verständnis für den Begriff eines Trinkgeldes selbst bei so feierlichen Gelegenheiten, wie Ostern oder Jahreswechsel, durchaus fremd blieb. Während sie für Schufterle eine verschwenderische Zärtlichkeit an den Tag legte, pflegte sie die herzlichsten Neujahrswünsche nur durch ebenso herzliche Wünsche zu erwidern.
So kam es, daß der sonst durchaus friedliche Briefträger kurz nach Neujahr bei einem Zusammentreffen mit Schufterle auf der Treppe die kläffende Mißbilligung des feindlichen Mopses mit einem gesinnungstüchtigen Tritt seines doppeltgesohlten Zugstiefels erwiderte. Dieser Tritt hatte, obschon er nicht mit voller Kraft und in ganz ungefährlicher Richtung geführt war, nach Ansicht der Regierungsrätin „edle Teile“ verletzt. Und als einige Wochen darauf das vorzügliche Schufterle in seinem ausgepolsterten Schlafkörbchen verschieden war, schwur die aufs äußerste erzürnte alte Dame, ihr Liebling sei an dem Tritt des rohen Staatsbeamten gestorben. Sie verkrümelte von diesem Tage an ihre bescheidene Pension in gehässigen Prozessen gegen die Postbehörde. Aber das einzige Resultat dieser fortgesetzten kriegerischen Tätigkeit war, daß sie dreimal wegen grober Beleidigung eines Beamten in erhebliche Geldstrafen genommen wurde ...
Ich hätte mich selbstverständlich weder bei „Fifi“, noch bei der Hauptmannsköchin, noch bei „Schufterle“, der Regierungsrätin oder dem Briefträger so lange aufgehalten, wenn ich nicht glaubte, daß alle diese Dinge für +Flockis+ schönes Leben in gewissem Sinne vorbedeutend und bestimmend gewesen wären.
Daß Flocki, der Sohn von Fifi, der Pudelhündin, und von Schufterle, dem asthmatischen Mops, ein +bemerkenswerter+ Hund war, muß ich leider hinzufügen. Flocki war kurzbeinig, gedrungen, und obschon sein schwarzer Kopf die mütterliche Rasse im Schädelbau deutlich verriet, zeigte er die ganze, nur in der eigenen Dummheit begründete Weltverachtung des ererbten Mopsgesichtes. Auch der schraubenförmig gedrehte Schwanz erinnerte an den asthmatischen Vater, während die lockige, grauschwarze Behaarung offenbar von der angenehmeren Mutter kam.
Ich will meiner Antipathie gegen „Flocki“ hier nicht die Zügel schießen lassen; eines aber steht für Unparteiische völlig fest: es gibt selbst unter den verwahrlosten Kötern, die die schmutzigen Straßen von Stambul so angenehm beleben, keinen, der bei mäßigen Geistesgaben so täuschend den Eindruck zu erwecken vermöchte, als habe er sich soeben in einer besonders üblen Lehmgrube gewälzt. Diesen Verdacht aber rief Flocki, wo und wann er erschien, in jedem Unbefangenen hervor; obschon es vielleicht in Mitteleuropa keine +drei+ Hunde gibt, die +soviel+ gewaschen, gebadet, gekämmt, so oft mit grüner Seife abgerieben und mit Insektenpulver bestreut wurden, wie Flocki. Diese Reinigungsprozesse waren -- um ein schiefes Bild an Stelle eines weit besseren, das mir nicht einfällt, zu gebrauchen -- die einzigen dunklen Punkte in Flockis sonst so sonnigem Leben.
Flockis Herrin war eine unverehelichte Malerin. Früher hatte sie bloß gegen den Willen ihrer Eltern gemalt. Jetzt malte sie gegen den Willen der ganzen Welt.
Die Eltern waren gestorben und hatten ihr und ihrer älteren Schwester, die genau so eifrig und auch ungefähr so schön Klavier spielte, wie die jüngere Schwester „Stilleben“ malte, ein bescheidenes Vermögen hinterlassen. Nicht gerade, um auf lautlosen Gummirädern zu fahren und den Karneval in Nizza zu verleben, aber doch um sich’s daheim behaglich zu machen, ohne auf Verdienst angewiesen zu sein. Das war auch gut, denn +Eleonore Eikötter+ hatte wohl das Talent, Bilder zu malen, die ihr selbst, ihrem Dienstmädchen und dem vorzüglichen Flocki ausnehmend gefielen; aber sie hatte leider +nicht+ das Talent, diese Bilder auch der Kritik zu empfehlen oder gar diese Kunstwerke zu verkaufen.
Das war eigentlich sehr zu verwundern. Denn es heißt immer, wir leben in einer realistischen, in einer materiellen Zeit. Und Eleonore Eikötter kam in allen ihren Werken einem gesunden Materialismus vertrauensvoll entgegen. Ihre Stilleben wiesen keine bekränzten Totenschädel auf, keine Lichtscheren, alte Gebetbücher, rostige Hufeisen oder was sonst noch diese Art von Bildern besonders reizvoll zu machen pflegt. Eleonore malte prinzipiell nur +Eßwaren+: Hummerscheeren, Marzipantörtchen, Schweinsfüße, Pastetchen und gebratene Wachteln. Und da sie mit ihren Bildern rasch fertig war, wie die Jugend mit dem Wort, und aus ästhetischen Gründen ihre Modelle nie mehr als +einmal+ benutzte, so hatte Flocki allen Grund, mit dem Schicksal zufrieden zu sein, das ihn und sein Leben so innig mit dieser Kunst verknüpft hatte, die +nicht+ „nach Brot“ zu gehen brauchte.
Flocki erhielt nämlich, sobald ein Bild vollendet war, die „Modelle“ zur Erledigung in seine mit stilisierten Lilien bemerkenswert bemalte, sehr geräumige Freßschüssel. Er hatte folglich ein nicht rein künstlerisches Interesse daran, daß die Farbendichtungen Eleonorens rasch ihrer Vollendung entgegenreiften.
Schlau und perfid, wie er leider war, hatte er gemerkt, daß seine Herrin einmal außer sich vor Entzücken geriet, als er -- eigentlich nur aus Langerweile und weil ihm die Sache diesmal zu langsam ging --, eine von ihr gemalte Schinkenstulle ärgerlich angauzte. Damals geschah es, daß Eleonore Eikötter stolz zu ihrer Schwester +Adelgunde+, die einen ihrer selteneren Besuche bei der Malerin machte, bemerkte:
„Kennst du die Geschichte von Apelles, dem Lieblingsmaler des großen Alexander? Nein? Nun, siehst du, der berühmte Apelles hat einmal Kirschen gemalt. Da kamen die Spatzen von den Bäumen und wollten die gemalten Kirschen aufpicken. +So+ natürlich waren sie. Dem Apelles aber war das Lob, das ihm die getäuschten Sperlinge zollten, wertvoller, als das Lob der Schranzen des Königs der Mazedonier. Nun, siehst du, so geht es mir auch. Flocki, mein süßer, kluger Flocki, hat die Schinkenstulle, die ich auf die Leinwand geworfen, +angebellt+. Das ist das +höchste+ Lob; das ist mir mehr wert als das Lob Alexanders des Großen!“
Die pietätlose ältere Schwester sagte bloß:
„Du bist verrückt.“
Aber Flocki, der sofort das appetitliche Modell, die Schinkenstulle, ausgeliefert erhielt, überlegte, während er die fetten Bissen gierig verschlang, daß sein lautes Benehmen vor der bunten Leinwand, der er im Grunde durchaus verständnislos gegenüberstand, offenbar diese so rasche wie erfreuliche Lösung der Problems bewirkt habe. Und er beschloß, auch fernerhin sein lautes Urteil rechtzeitig abzugeben und seiner mild gesinnten Herrin mehr Freude zu bereiten, wie Alexander der Große.
In der Folgezeit wurde er laut, sobald die ersten Farbenklexe sich auf der Leinwand zeigten und die ersten Linien erschienen, aus denen noch ebensogut ein Nilpferd, wie ein Stiefelknecht oder eine gotische Kathedrale werden konnte.
Eleonore war selig im Bewußtsein, es in ihrer Kunst bereits so weit gebracht zu haben, daß sie, wie sie sich ausdrückte, „mit wenigen Winken das Bedeutsame auszudrücken vermochte“; so deutlich und klar, daß es selbst Flocki, der bei aller Klugheit doch immerhin nur ein Hund war, nur der Sohn eines Mopses und einer Pudelhündin, erkennen und würdigen konnte.
Wenn aber dem verschmitzten Flocki die öde Malerei zu lange dauerte und die Gründlichkeit der Künstlerin in Anbetracht seiner Gelüste nach den „Modellen“ verdrießlich wurde, dann gebärdete er sich wie unsinnig vor der Staffelei und drohte unter jubelndem Gebell mitten in die künstlerische Tat hineinzuspringen.
Dann legte Eleonore Eikötter, gerührt und stolz, die Pinsel hin und belohnte den kritischen Freund mit den zärtlichsten Schmeichelnamen und mit reelleren Genüssen ...
So lebte Flocki im Atelier der genialen Pflegerin wie der große Hannibal im üppigen Capua. Er wurde dick und fett. Und wären nicht häufig kleine Verdauungsstörungen vorgekommen, peinliche Folgen seiner kritischen Verdienste und seiner bedauerlichen Gefräßigkeit, so wäre er ein vollkommen glücklicher Hund gewesen.
Die Schönheit seiner Erscheinung litt wohl unter den Jahren und der rasch fortschreitenden Korpulenz. Die vom Vater ererbte Unliebenswürdigkeit gegen alle Fremden nahm zu, und beim Treppensteigen zeigten sich auch schon zuweilen Vorboten des bösen, väterlichen Leidens, des Asthma. Aber die sorgsame Liebe seiner Herrin wuchs ins Ungemessene, wenn der dicke, häßliche Köter mit den fettigen, kleinen Augen und dem verschraubten Schwanz sich breitbasig vor ihren Pfuschereien aufpflanzte und der entzückten Eleonore Eikötter mit seinem gequetschten Gebell das Zeugnis ausstellte, daß sie eine talentvolle Künstlerin sei, eine nicht unebenbürtige Kollegin des großen Apelles aus Kolophon. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Mein Freund +Emil Steinbrink+ hatte seit einigen Monaten sein Atelier neben dem Raume, den sich Eleonore Eikötter mit allerlei Teppichen, die sie für „echte Perser“ hielt, weil sie vielfach gestopft waren, mit sehr unpraktischen, breitbeinigen Tischen und sehr staubigen Markart-Buketts zum Heiligtum ihrer Kunst eingerichtet hatte.
Emil war nicht ohne Talent. Er hatte nur eine bedauerliche Vorliebe für Violett; eine Vorliebe, die sich leider auch da nicht unterdrücken ließ, wo diese an sich milde und gewiß sympathische Farbe nicht recht hinpaßte.
Über seine Porträts war kaum zu streiten, da violette Menschen nirgends vorgekommen, und weil höchstens auf den Nasen einiger Gewohnheitstrinker sich die unbequeme Farbe zeigt, die Emil bei seinen Bildnissen bevorzugte. Aber auch seine „Landschaften“ gewannen durch das merkwürdige violette Licht, das über die Wälder, die Häuser und die Teiche flutete, ein eigentümliches Ansehen. Man vermutete immer, sie sollten einem erschrecklichen Spuck, einer Geistererscheinung oder einer gespenstischen Botschaft aus der vierten Dimension als Hintergrund dienen. Und wenn dann unter solchem Bilde ganz einfach zu lesen stand: „Frühlingslandschaft im Spessart“ oder „Herbstmorgen in der Rhön“, so schwuren die gewissenhaften Kenner deutscher Gebirge, dergleichen weder in der Rhön noch im Spessart, noch im Schwarzwald, im Taunus oder in der sächsischen Schweiz jemals wahrgenommen zu haben. Ja, ein Weltreisender, mit dem ich einmal in den versteckten Kunstsalon zusammentraf, in dem Emil seine Werke vor den Augen der gemeinen Menge so ziemlich verborgen auszustellen pflegte, versicherte mir, auch der Himalaja, der Kaukasus und die Roky Mountains seien gänzlich frei von solchen violetten Stimmungen.
Nur der Portier des Hauses, in dessen fünftem Stock Eleonore Eikötter und Freund Emil Wand an Wand künstlerisch wirkten, behauptete steif und fest, als Kind in seiner Heimat -- er war aus Schopfheim -- derartige wunderliche Farbenstimmungen häufig und mit innigem Genuß beobachtet zu haben. Seine sonst wohl interessanten Mitteilungen verloren an Wert dadurch, daß der alte Herr früher als Weichensteller bei der Hessischen Ludwigsbahn angestellt war und dann wegen plötzlich eingetretener Farbenblindheit entlassen werden mußte.
Dieser Weichensteller a. D. und jetzige Portier eines herrschaftlichen Hauses mit zwölf Etagen, vier Kellern und fünf Ateliers hieß +Erasmus Schellenkopf+ und wurde in seinen Pflichten als Hausbesorger unterstützt von einer ebenso dicken wie asthmatischen Frau, seiner ihm ehelich angetrauten Lebensgefährtin. Frau +Emma+ Schellenkopf blickte zu dem Kunstverständnis ihres Eheherrn mit erfreulicher Ehrfurcht empor, seit ihr Emil, der Meister in Violett, einmal erklärt hatte: Das Gerede von der Farbenblindheit ihres Mannes sei ein Unsinn und ein Quatsch, und man könne aus den Augen ihres Gatten durchaus ausreichende Gesichtsorgane für zwei Dutzend Akademieprofessoren herstellen.
Frau Emma Schellenkopf trug sich nach dieser Unterredung sogar wochenlang mit dem Plan, auf Grund eines solchen fachmännischen Gutachtens nachträglich einen Prozeß gegen die Hessische Ludwigsbahn anzustrengen. Allein der Friedensliebe ihres verständigeren Gatten war es zu danken, daß die Justiz nicht mit der Beamtenlaufbahn des Herrn Schellenkopf weiter befaßt wurde.
Erasmus Schellenkopf war für Freund Emils Schaffen ungefähr das, was Flocki, der vorzügliche Hund, für Eleonore Eikötters Werke in Öl war. Er war der Ansporn, die Aufmunterung, das anregende und treibende Element. Wenn er morgens die fünf Treppen heraufkam, die schmutzigen Pinsel zu waschen und die Aschbecher auszuleeren, eine Arbeit, die er mit der pedantischen Umständlichkeit eines alten Professors ausführte, so sprachen die beiden, der Maler und der kunstsinnige Portier, ein Langes und ein Breites über die deutsche Kunst und benachbarte Gebiete. Es war ein „Dialog in Violett“ ... Und nebenan im Atelier der Stilleben malenden Eleonore hörte man von Zeit zu Zeit den kunstbegeisterten Flocki bellen und vor der Staffelei seiner Herrin in wildem Enthusiasmus umherhüpfen. Dazwischen Eleonorens freudig bewegte Stimme, die den Liebling nicht ohne Stolz in die gebührenden Schranken zurückwies ...
Als Emil das Atelier bezog, hatte er Eleonoren einen nachbarlichen Besuch abgestattet.
Sie hatte ihm einige Dutzend ihrer Bilder gezeigt, die auf ihn -- er aß aus Sparsamkeitsgründen an einem bescheidenen Mittagstisch der Altstadt für 65 Pf. „mit Bier“ -- einen peinlich appetiterregenden Eindruck machten. Dann hatte sie mit noch größerem Stolz Flocki, den gestern erst gewaschenen und bereits heute wieder sehr schmutzigen Flocki in Freiheit vorgeführt.
Es traf sich, daß Flocki gerade an diesem Tage, da er einen alten Mallappen aus Langeweile aufgefressen hatte, an einem akuten Magenübel erkrankt war, das durch praktische Verwertung der Modelle seiner Herrin nicht besser geworden war. Das liebenswürdige Tier mußte deshalb sehr häufig die fünf Treppen heruntergeführt werden, um sich an der frischen Luft eine Weile zu ergehen.
Emil, immer galant, erbot sich in diskretester Weise, zuweilen die kleine gesundheitliche Exkursion Flockis zu leiten und mit Umsicht zu überwachen. Diese angenehme, zarte Aufmerksamkeit gewann ihm das Herz dieses späten Mädchens im Sturm.
Schon am nächsten Tag machte sie ihm einen anderthalbstündigen Gegenbesuch in seinem Atelier; und nachdem sie ihn mit längeren, ziemlich verworrenen Plänen einer Romreise, für die sie die richtige Jahreszeit schon seit sieben Jahren nicht hatte finden können, gelangweilt hatte, kaufte sie eine seiner violetten Landschaften, die nun schon ins fünfte Atelier mit umgezogen waren ...
Der Verkehr zwischen den beiden Ateliers wurde rasch lebhafter und freundschaftlicher. Daran trug im Grunde weniger die Seelenübereinstimmung des nachbarlichen Paares, als das Verhältnis Flockis zu Emil die Hauptschuld. Aus gänzlich unaufgeklärten Gründen beglückte Flocki den neuen Freund, so oft er ihn traf, mit seinen ehrenden Vertraulichkeiten. Saß Emil, so sprang Flocki unaufgefordert auf seinen Schoß, was, besonders wenn es draußen geregnet und Flocki bereits eigensinnig den Weg durch mehrere Pfützen genommen hatte, für Emils Kleidung gerade nicht von besonderem Vorteil war. Aber er ertrug es; denn Eleonore sprach schon mit bescheidenem Augenaufschlag davon, gelegentlich aus dem Schatze der violetten Landschaften noch ein passendes Pendant zu dem von ihr gekauften Bilde auszuwählen. Sie ging dabei wohl von dem nicht ganz unrichtigen Gesichtspunkte aus, daß man solche violette Landschaften erst glaubt, wenn +mehrere+ beisammen hängen und gewissermaßen die eine die andere bestätigt.
Leisten konnte sich’s Eleonore Eikötter übrigens. Von ihren Eltern hatten die Schwestern ja nur ein bescheidenes Vermögen geerbt, das der alte Eikötter einer von ihm erfundenen und mit großem Geschick vertriebenen Fruchtmarmelade verdankte. Dann aber war eine Tante gestorben, die im Leben durch Besuche niemals lästig gefallen war, die Schwester der Mutter. Diese merkwürdige alte Dame hatte sich in ein Kinderbild Eleonorens in der Weise verliebt, daß sie ihr fünfundzwanzig Jahre später, nachdem das Bild wirklich nicht mehr ähnlich war, mit Übergehung der älteren Schwester Adelgunde ihr ganzes Vermögen vermachte. Das war in soliden Staatspapieren angelegt und brachte immerhin eine Rente von 3000 Mk., ohne der Besitzerin durch Schwankungen im Kurs den Schlaf der Nächte zu rauben.
Adelgunde hatte nun zwar die Schwester durchaus nicht im Verdacht der Erbschleicherei. Sie kannte auch die Geschichte von der berückenden Wirkung des Kinderbildes auf das Herz der alten Tante. Aber sie fühlte sich zurückgesetzt. Ein paar tausend Mark, die ihr die gutmütige Eleonore als Geschenk und als Trost überlassen wollte, wies sie hochmütig zurück und lebte von nun an von dem Ertrag weniger Klavierstunden und der kleinen Rente, die das elterliche Vermögen abwarf.
Als aber Eleonore angefangen hatte, mit Eifer zu malen, wurde das Verhältnis noch gespannter. Denn Adelgunde hatte schlechterdings für diese Stilleben, auf denen nichts vorkam, wie lauter eßbare Dinge, die später in Flockis stilisiertes Freßnäpfchen wanderten, aber auch gar nichts übrig. Sie war mehr für die große historische Schule, Piloty, Kaulbach und die andern, und verachtete derartige Malereien, in denen kein Mann, kein Weib und kein Held eine Rolle spielte.
So malte Eleonore nicht nur für sich. Sie +lebte+ auch für sich. Sie malte für sich und Flocki. Nur die Besuche des benachbarten Strebensgenossen, der die ganze Welt violett sah, brachte einige Abwechslung in ihr Dasein.
Ihr Tagewerk war äußerst regelmäßig. Früh um sieben Uhr erhob sie sich, nahm ein Bad, kleidete sich halb an und badete Flocki, für den dieser Anfang des Tagewerks nicht den geringsten Reiz besaß. Häufig kroch er sogar unter Eleonorens Bett, was die betrübte Künstlerin -- nicht ohne dabei heftig zu erröten und das kurze und allgemein übliche Wort für ihre jungfräuliche Lagerstätte zu umschreiben -- dem Freund und Nachbar gesprächsweise mitteilte.
Emil hatte zuweilen gute Einfälle. Nicht allzu häufig, aber doch öfter, als die Leute glauben mochten, die nur seine Bilder kannten. So riet er der bekümmerten Besitzerin des merkwürdigen Hundes nach einigem Besinnen, die vier Beine ihres Bettes, von dem er, ohne es gesehen zu haben, annahm, daß es aus Holz gebaut sei, einfach absägen zu lassen. Sie werde dann allerdings beträchtlich tiefer liegen, aber das habe nach den Erfahrungen der Ärzte keinen Einfluß auf Schlaf und Wohlbefinden. Die berühmten französischen Betten seien sogar, wie man ihm mitgeteilt habe, alle +sehr+ niedrig.
Eleonore unterbrach hier errötend seine warmherzigen Ausführungen über die französischen Betten, für die sie sich weniger interessierte. Sie dankte ihm aber herzlich für seinen guten Rat; denn die sich immer häufiger wiederholenden Unterredungen mit dem unter dem Bett sich verkriechenden Flocki, der nicht gewaschen sein wollte, waren frühmorgens oft recht kraft- und zeitraubend.
Sie ließ nun wirklich, wie der Freund geraten, die vier unnützen Beine ihres Bettes absägen und gewann durch diese Kriegslist, die dem überraschten Flocki höchst perfide erschien, durchschnittlich jeden zweiten Morgen eine gute halbe Stunde.
Um acht Uhr unternahm sie dann einen Spaziergang mit Flocki durch die Anlagen der Stadt, wobei sie weniger auf die Reize der Natur als darauf zu achten hatte, daß Flocki nicht durch seine Wißbegier in den künstlich angelegten Beeten Übles stiftete. Mit den Angestellten der Stadtgärtnerei, denen Flocki wohlbekannt und tief verhaßt war, lebte Eleonore in ewiger Fehde. Die jüngeren Gärtnerburschen fanden bedauerlicherweise ihre neckische Freude daran, einen kräftigen Strahl aus den wasserspendenden Rasenschläuchen, wenn’s irgend ging, auf den weltvergessen botanisierenden Flocki zu lenken, der dann mit unsäglichem Geheul über dieses zweite unbestellte Bad quittierte. Für die Beschwerdebriefe Eleonorens an die Stadtgärtnerei rächten sich wiederum die Parkaufseher durch Anzeigen, wenn Flocki, was leider häufig vorkam, unter dem kleinen Geländer, das die gelben Fußwege von den weichen Rasenflächen trennte, durchkroch, um sich im Grünen oder unter Tulpen und Hyazinthen zu ergehen.
Um 9½ Uhr kam Eleonore gewöhnlich von ihrem Spaziergang, der ihr mehr seelische Erregung als Erholung zu bringen pflegte, zurück. Sie teilte dann mit Flocki, der merkwürdig gern gut gezuckerte Schokolade trank, ihr Frühstück und trat mit dem Glockenschlag zehn Uhr in einer erstaunlich verklexten Malschürze vor ihre Staffelei.
Um zwölf Uhr klopfte Emil gewöhnlich an ihre Tür. Sie rief „Herein“ und zeigte jeden Mittag dieselbe freudige Überraschung über den unerwarteten Besuch.
Dann sprachen sie eine halbe Stunde über Kunst. Über Böcklin, dessen geniale Verwendung der violetten Farben Emil nicht genug rühmen konnte; über die Niederländer Snyders, Hondecoeter und van Streek, in denen Eleonore die Großen +ihrer+ Kunst verehrte, die Meister, die es verstanden, das Kleine groß zu sagen und dem an sich Unbedeutenden, -- einer Jagdbeute, einem Küchenstück, einer Tafel ohne Gäste -- geistige Bedeutung und Poesie zu leihen.
Sie sprachen ohne Leidenschaft, wie zwei gute, wohlerzogene Kameraden. Eins ließ das andere ausreden, ob es gleich ganz genau wußte, was es nun sagen werde. Denn der Gedankengang in diesen ästhetischen Besprechungen war stets der gleiche. Und da nie ein Widerspruch von der andern Seite erfolgte, so war auch eine dialektische Verteidigung des Standpunktes, eine Vertiefung der Begründung, eine Vermehrung der Argumente durchaus unnötig.