Part 2
Zuletzt sprach man immer -- von Flocki, der, sobald er seinen Namen hörte, in seinem mit weichen bunten Lappen ausgelegten Körbchen faul mit dem Schwänzchen wedelte, ohne sonst irgendeinen Muskel seines Körpers an der freudigen Bewegung teilnehmen zu lassen, ja meist ohne die Augen nur zu öffnen.
Dann kam man überein, zusammen zu Mittag zu essen. In dem bescheidenen kleinen Restaurant in der Nähe, das Eleonore entdeckt hatte, und in dem sie, obschon sie keine geistigen Getränke zu sich nahm, auf deren Verkauf die Wirte sonst angewiesen sind, als Stammgast mit Aufmerksamkeit und Respekt behandelt wurde.
Auch dieses gemeinsame Diner schien jeden Mittag das Resultat einer ganz plötzlichen Erwägung zu sein. Man zeigte sich jedesmal wieder aufs neue erfreut, die fesselnde Unterredung über Böcklin, über die Niederländer und Flocki bei Tisch fortsetzen zu können. Und niemals wäre es Einem von beiden eingefallen, etwas Seltsames darin zu finden, daß sie ohne Verabredung, ohne Übereinkunft oder Abonnement schon seit Monaten jeden Mittag um ein Uhr gemeinsam in das freundliche Gastzimmer der „Goldenen Eidechse“ eintraten.
Der Pikkolo, der eine aus dem alten Frack des Oberkellners umgebaute, in der Fasson sehr merkwürdige Jacke trug, die an Flecken der Malschürze Eleonorens nicht nachgab, kam ihnen jeden Mittag mit derselben theatralischen Verbeugung entgegen. Den pomadisierten Kopf zwischen die Schultern ziehend, wie eine gekitzelte Schildkröte, wies er mit huldvoller Bewegung der roten Hand, die aus der spiegelnden Gummimanschette wie der breite Schaufelfuß eines Maulwurfs kam, nach dem für zwei Personen gedeckten Tischchen in der Ecke:
„Die Herrschaften, bitte, +hier+!“
* * * * *
Auch Eleonorens Schwester, die selten erscheinende Adelgunde, hatte Emil einmal bei der befreundeten Künstlerin getroffen.
Es war kein besonders günstiger Tag, um sie kennen zu lernen. Sie hatte sich am Vormittag einen Vorderzahn ziehen lassen, und die Zunge war noch nicht recht gewöhnt daran, daß gerade an der Front des Kiefers eine Lücke in die Zahnreihe gebrochen sei. Demgemäß „lispelte“ Adelgunde in einer befremdlichen Weise, und die Aussprache gewisser Konsonanten ergoß sich wie feiner Sprühregen auf den Partner der Unterhaltung.
Eleonore fand es furchtbar komisch. Sie hatte gleich beim Eintritt der Schwester zu lachen angefangen. Sie hörte gar nicht auf zu lachen; und je mehr sie ihrer humoristischen Laune die Zügel schließen ließ, desto ärgerlicher wurde die Schwester. Schließlich kamen die beiden in Streit, ohne die Anwesenheit Emils, der sich nach einer ersten Begrüßung, verlegen in alten Skizzenmappen blätternd, an den Wänden herumdrückte, weiter zu beachten. Sie sprachen recht deutliche Töne über den kleinen körperlichen Schaden Adelgundens, der Eleonore so sehr amüsierte.
„Nimm mir das nicht übel, Eleonore, aber ein Gänschen“ -- sie sprach das „s“ sehr scharf, fast zischend -- „ein Gänschen von fünfzehn Jahren benimmt sich nicht törichter, wie du. Und, wie alt bist du doch?“
„Fünf Jahre jünger als du,“ gab Eleonore prompt zurück.
„Richtig. Aber du benimmst dich wie ein Kind. Das steht dir wirklich nicht besonders, die Naivenrolle mit dem Backfischgekicher.“
„Ja, das mag ja sein, meine Liebe, aber du sprichst auch zu komisch. Sag’ doch bitte noch einmal, Gänschen -- Gänsz-schen -- es klingt gar zu drollig.“
Diesen Gefallen tat ihr Adelgunde nun zwar nicht, aber sie belehrte die Schwester:
„Wenn du die Folgen eines Zahngeschwürs, das mich acht Tage lang gemartert hat, ‚drollig‘ findest, so kann ich deiner Schwesterliebe das nicht verwehren. Ihr Künstler seid immer äußerst originell in eurer Auffassung fremder Gefühle; und du bist ja -- wenigstens +deiner+ Auffassung nach -- eine Künstlerin.“
Eleonore überhörte die Bosheit und fragte teilnehmend:
„Du wirst dir doch einen andern Vorderzahn einsetzen lassen?“
„Nein!“
Das Nein kam so scharf und eisig heraus, als wollte Adelgunde damit ihrer Schwester einen Hieb versetzen.
Emil sah verstohlen von seinen Skizzenbüchern auf, die Eleonorens zeichnerische Gedanken über verschiedene, durchaus gewöhnliche Hausgeräte enthielten. Er prüfte Adelgunde mit den Kenneraugen des Malers. „Schönheit ist nicht die Falle ihrer Tugend,“ dachte er. Es ist ja nun einmal von der Natur bestimmt, daß die Töchter Evä einen kurzen Unterkörper und langen Oberkörper besitzen, und man hat sich allmählich daran gewöhnt, daß dem so ist. Aber so kurz, wie bei Adelgunde, brauchen schließlich die Beine auch nicht zu sein; besonders wenn der Oberkörper so lang und eckig gebaut ist, wie hier.
Er erinnerte sich, mal als Junge auf einem Jahrmarkt einen sogenannten „Rumpfmenschen“ gesehen zu haben. Der Ärmste saß in einem hellblauen Seidenwams auf einem wulstigen Kissen; und der Knabe ging damals mit Staunen und Schauder um den hockenden Fleischklotz, in dem nur die Augen zu leben schienen, herum und suchte die Beine. An diesen Rumpfmenschen erinnerte ihn Adelgundens wenig glückliche Erscheinung. Durch ihre Angewohnheit, die Arme stets unbeweglich dicht an den Körper gepreßt zu halten, als ob unter den Achseln die Naht ihres Kleides geplatzt wäre und sie das durchaus nicht sehen lassen wollte, gewann die grausame Illusion noch an Wahrscheinlichkeit.
Und dann die Toilette! Das Kleid, das sie trug, war weder alt noch schäbig; aber wann sein wunderlicher Schnitt jemals modern gewesen wäre, das konnte kaum festgestellt werden. Ihren Hals schmückte ein himbeerfarbener Seidenschlips, auf dem eine dicke goldne Spinne mit einem perlenbesetzten Hinterleib als Nadel saß. Auf ihren schlechtgebrannten Haaren vom fadesten Blond, durch das sich schon silberne Streifchen zogen, wallte ein unförmiger kanariengelber Hut, der einem Fieberkranken im Traume erscheinen konnte.
Gewiß, Eleonore war ja auch keine ~beauté~, und auf einer Schönheitskonkurrenz hätte sie -- selbst in ihrer bereits überwundenen Blütezeit -- verteufelt wenig Aussicht auf eine „lobende Erwähnung“ gehabt. Aber sie kleidete sich wenigstens einfach und hatte in ihren Bewegungen nichts Unweibliches. Diese Adelgunde aber war einfach furchtbar. Selbst wenn sich Emil den kanariengelben Hut und den fehlenden Schneidezahn „rekonstruiert“ dachte; selbst wenn er die himbeerfarbene Krawatte durch eine in Gedanken und Farbe bescheidenere, die besser zu ihrem farblosen, unreinen Teint paßte, ersetzte und sich das Mißverhältnis von Ober- und Unterkörper durch eine zweckmäßige Kleidung gemildert vorstellte, blieb das Gesamtbild noch immer unerfreulich.
So etwas zu heiraten, das muß doch furchtbar sein, beendigte der betrübte Maler seine stille Prüfung. Und er versuchte, sich den Armen vorzustellen, der etwa zu Adelgunde passen könnte. Einen Lebenden, der dieser Aufgabe gewachsen wäre, kannte er nicht. Und indem er dies konstatierte, empfand er es als eine seelische Befriedigung, wie ein großes Kompliment für das ganze männliche Geschlecht. Wenigstens vom Standpunkte des Malers.
Flocki hatte sich mittlerweile persönlich aus seinem Körbchen bemüht und hatte die ihm äußerst unsympathische Schwester seiner gütigen Herrin zunächst und von der Ferne durch feindliches Knurren begrüßt. Dann hatte er sich, eingeschüchtert durch eine drohende Gebärde Adelgundens, zu Emil begeben, an dessen Hosenbein er sich mit ehrender Zutraulichkeit und großer Energie das Fell rieb.
Als Adelgunde den mißvergnügten Köter bemerkt hatte, erhellten sich ihre Züge. Sie wußte, an welcher Stelle sie ihre Schwester kränken konnte.
„Da ist ja auch der häßliche Butz,“ sagte sie, einen horngefaßten Kneifer aufsetzend, der sie um nichts schöner machte.
„Ich habe dir schon mindestens zwanzigmal gesagt, daß der Hund nicht Butz, sondern Flocki heißt,“ belehrte Eleonore, aufgebracht über die Mißachtung, der ihr Liebling begegnete.
Flocki verstand, daß von ihm die Rede war. Er hörte sofort auf, sich an Emils Hosenbeinen zu schaben und sah mit schiefgelegtem Kopf und mißtrauischer Aufmerksamkeit nach Adelgunde.
Und richtig, die Kampflustige setzte ihre bedauerlichen Beleidigungen fort:
„Solche Köter, die gar keiner Rasse angehören und gar keinen Charakter haben, sollten immer ‚Butz‘ heißen. Butz schlechtweg. Niemals anders. Und nun gar +der+! Ich begreife nicht, wie du mit deinem ewigen Schönheitsgefühl dieses abscheuliche Tier um dich dulden kannst. Freilich, er lobt ja deine Bilder. Der Gute, der Uneigennützige! Das gibt ihm einen durchaus einzigen, unbestreitbaren Platz in deinem Herzen. Du brauchst jemanden, der deine Bilder lobt. Aber das dürfte dich doch nicht blind machen, daß er geradezu der Thersites unter den Hunden ist. Und immer schmutzig.“
„Bitte, heute erst gebadet.“
Adelgunde ignorierte diese entrüstete Berichtigung. Sie wendete sich nun direkt an Emil, der ziemlich geniert auf einem groben Melkstuhl saß, den Eleonore einmal vor Jahren aus einer bescheidenen Sommerfrische auf einer Schweizer Alm als sinnige Erinnerung mitgebracht hatte.
„Haben Sie schon einmal einen zweiten Hund gesehen, der immer aussieht, als sei er in eine Lehmgrube gefallen?“
Emil wich der direkten Antwort auf diese Frage aus.
„Flockis Fell nimmt merkwürdig leicht Staub an,“ entschied er, „aber ich bin Zeuge, daß er fast täglich gebadet und sehr häufig am Tag gebürstet wird.“
„Ja, +Sie+ sind Zeuge?“ lächelte Adelgunde spitz. „Sie sind wohl der pädagogische und medizinische Beirat bei Flockis leiblicher und seelischer Erziehung.“
„Im Hauptberuf,“ sagte Eleonore rasch und enthob dadurch den ob solcher Anzapfung sichtlich verlegenen Emil der Antwort. „Im Hauptberuf ist Herr Emil Steinbrink, wie ich dir vorhin schon erklärte, liebe Adelgunde, Maler. Also ein Kollege von mir. Sogar ein Kollege, von dem ich sehr viel halte.“
„Sogar!“ Adelgunde verbeugte sich mit leichtem Spott.
„Jawohl, meine Liebe, sogar! Er ist Landschafter und hat die Welt mit den Augen des Poeten betrachtet. Daß er, wie die meisten ästhetisch Veranlagten und wie alle +guten+ Menschen“ -- sie legte auf die „guten“ Menschen einen bedeutsamen Nachdruck -- „nebenbei ein großer Hundefreund ist, hat mir seine kollegiale Freundschaft noch wertvoller gemacht.“
„+Noch+ wertvoller?“ Adelgunde schien das ironische Echo der Schwester geworden zu sein.
Emil beschloß der peinlichen Szene ein erträgliches Ende zu geben. Er erhob sich von seinem Melkstuhl und sagte mit einer linkischen Handbewegung:
„Hier nebenan ist mein Atelier.“
„Hier -- +nebenan+?“
Adelgundens Gesicht nahm einen Augenblick den Ausdruck beleidigter Tugend an.
„Ja, er ist ein sehr angenehmer Nachbar,“ kommentierte Eleonore boshaft, „er spielt niemals Chopin, keine Trauermärsche und nichts anderes, was ähnlich klingt.“
Emil begriff, daß Adelgunde nun wieder an der Reihe war für eine bissige Bemerkung. Er beeilte sich also zu sagen: „Interessiert es Sie vielleicht, mein Atelier zu sehen? Ich muß doch eben noch eine halbe Stunde hinüber.“
Er hatte erwartet, daß Adelgunde ablehnen würde. Vielleicht mit ironischem Dank, vielleicht gar mit einer beleidigenden Bemerkung.
Aber in der unangenehmen Dame schien die Neugier gesiegt zu haben. Sie erklärte sich sofort zur Besichtigung bereit.
Jedenfalls kam er auf diese Weise hier los.
Die folgende Viertelstunde gehörte zu den wenigst genußreichen in Emils Leben.
Es ist zwar nicht anzunehmen, daß Adelgunde überhaupt was von Bildern verstand; in der Beurteilung von Emils Werken nahm sie jedenfalls einen nüchtern ablehnenden Standpunkt ein. Sie behauptete, daß die violette Farbe in der realen Welt sehr selten vorkomme. +Wenn+ sie aber vorkomme, dann sehe sie nach ihren Beobachtungen anders aus, als Emil sie wiedergab.
Sie sprach dann von seiner Vorliebe für Violett, wie von einem schmerzlichen Sehfehler und diskutierte mit ernster Teilnahme die Möglichkeit, dieses Gebrechen durch einen operativen Eingriff in das Sehnetz zu heben. Sie kenne einen Augenarzt, der die merkwürdigsten Operationen mache. Eine sehr distinguierte Dame, mit der sie früher vierhändig Klavier gespielt habe, sei von dem unglücklichen Fehler behaftet gewesen in allen hellen Dingen einen dunklen Punkt zu sehen. Einen Punkt von der Gestalt und Farbe einer Baumwanze. Diese Baumwanze habe ihr der Doktor aus dem Auge herausgeschnitten. Es sei natürlich keine wirkliche Baumwanze gewesen, sondern, wie sie vermute, ein häßlicher Fleck in der Pupille. Die distinguierte Dame sei nach der wohlgelungenen Operation sehr glücklich gewesen, habe vier Wochen nach Vorschrift im dunklen Zimmer gesessen zur Nachkur und sei leider in der fünften ganz plötzlich gestorben. Ein sehr trauriger Fall, der aber niemanden abschrecken dürfe, eine Operation zu wagen. +Sie+ z. B. würde in Emils Fall lieber heute als morgen ihre Zuflucht zur Operation nehmen. Es müsse doch geradezu schauderhaft sein, die ganze Welt, den Himmel, die Bäume, die Menschen, alles violett zu sehen. Auch der Wahnsinn beginne sehr häufig, wie sie aus sehr ernst zu nehmenden Büchern wisse, mit solchen Gesichtsstörungen ...
So plauderte sie in ihrer gewinnenden Weise noch vieles, das den Verfertiger der violetten Bilder ähnlich sympathisch berühren mußte.
Dann empfahl sie sich, nicht ohne Flocki aus Versehen auf die Pfoten getreten zu haben; eine Ungeschicklichkeit für die der davon Betroffene mit dem ihm eigenen maßlosen Geheul quittierte.
Vollständig mit der Untersuchung und der Pflege des Patienten beschäftigt nahm die empörte Eleonore keinerlei Notiz davon, als die Schwester davonrauschte.
Emil begleitete sie bis zur Treppe und empfing dort ihre letzte dringende Ermahnung, lieber so lange +nicht+ mehr zu malen, bis die empfehlenswerte Operation vorgenommen sei.
Sie war schon auf der Treppe, da raffte Emil, der bis dahin mit der Geduld eines Märtyrers die Freuden dieses Besuches, der ihm eigentlich gar nichts anging, ertragen hatte, zu einer kleinen, bescheidenen Bosheit auf.
„Alles, liebes Fräulein,“ sagte er, „+alles+ sehe ich nun doch nicht violett. Zum Beispiel ihren schönen Hut empfinde ich durchaus gelb.“
„So. Empfinden Sie ihn gelb?“ sie lächelte ihm geschmeichelt zu. „Nun, sehen Sie, ich kann Ihnen versichern: er +ist+ auch gelb. Ein kräftiges Kanariengelb. Ich liebe überhaupt das Kräftige.“
Und damit stieg die freundliche Dame, die das Kräftige liebte, mit dem kanariengelben Hut die Treppe hinunter.
Das war am Abend des 24. Mai.
Emil ahnte nicht, welche Bedeutung einmal für ihn dieses Datum gewinnen sollte. Und als er in sein Atelier zurücktrat und Eleonore zwischen all den violetten Bildern mit finster verkniffenen Lippen in seinem antiquarisch gekauften Sicherheitstriumphstuhl sitzend fand, immer noch den wimmernden Flocki betreuend, da konnte ihm nimmermehr der Einfall kommen, daß diese Stunde in der Freundin einen Entschluß gereift habe, der ihn sehr nahe anging.
Ihr Urteil über die Schwester aber faßte Eleonore, ehe sie mit Flocki ging, nur in die knappe Charakteristik zusammmen:
„Es ist eine +widerliche+ Person!“
Emil war zu höflich, zu widersprechen.
* * * * *
Am andern Mittag saßen sich Emil und Eleonore schweigsam bei ihrem bescheidenen Mahl gegenüber.
Die Schweigsamkeit des Menschen kann sehr verschiedene Ursachen haben. Hier zwei Beispiele. Emil schwieg, weil das Menü sehr minderwertig zusammengesetzt war. Es gab Erbsensuppe mit Schweinsohren, für die Emil sein Leben gelassen hätte, wenn sie gut gewesen wäre. Sie war angebrannt. Und dann Brathecht mit grüner Sauce. Die Suppe beschäftigte sein enttäuschtes Gemüt; der Hecht, den er minder schätzte, wandte sich mehr an seine Intelligenz und nahm mit seinen Gräten seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Um so mehr, als Fischessen eine Kunst und ein Probierstein guter Erziehung ist und er sich vor Eleonore keine Blöße geben mochte.
Eleonore aber schwieg, weil ihr vielerlei im Kopfe herumging und das Herz bewegte. Vielerlei, das mit der Erbsensuppe und dem Brathecht in gar keinem Zusammenhange stand.
Plötzlich legte sie die Gabel hin, sah Emil ernst und fest in die Augen und fragte mit einer Stimme, der man tiefe, seelische Erregung leicht anmerken konnte.
„Wenn ich +stürbe+, mein lieber Freund, würden Sie wohl dem armen Flocki ein Vater und Versorger sein?“
„Wenn Sie -- +was+?“ Emil war froh, besonderes Interesse an der Unterhaltung heuchelnd, den Brathecht beiseite schieben zu können, dessen Todestag, wie ihm schien, schon etwas ferne lag.
Eleonore wiederholte mit genau demselben schwermütigen Tonfall ihre ernste Frage.
„Aber natürlich, Fräulein Eleonore. Sie wissen doch, mein Herz -- Pikkolo nehmen Sie doch endlich den Brathecht weg! -- mein Herz hängt an dem Tier. Ich habe mich so an ihn gewöhnt und --“
Eleonore reichte über den leeren Brotkorb dem Freunde die Hand. Sie war gerührt. Tränen standen in ihren Augen, und ihre Nasenspitze war elfenbeinweiß und zuckte leise, was stets bei ihr ein Zeichen besonderer seelischer Erschütterung war.
„Ich +danke+ Ihnen,“ sagte sie, in jedes Wort eine Fülle glückseliger Empfindung gießend, als habe er ihr soeben Holländisch-Indien als souveränes Fürstentum geschenkt.
Emil empfand die Feierlichkeit peinlich. Er liebte das Feierliche überhaupt nicht in öffentlichen Lokalen. Am wenigsten, wenn ein unerzogener Pikkolo in der Nähe stand, der seine schaufelförmig abstehenden Ohren ausgiebig zur aufmerksamen Teilnahme an den Gesprächen der Gäste benutzte.
„Aber, liebes Fräulein,“ wehrte der Maler geniert und halblaut ab, „nein wirklich, wie können Sie jetzt vom Tode -- heute gerade vom Tode reden! Sie -- in der Blüte der Jahre, in der Fülle der Kraft, in der -- in der -- --“
„Nehmen die Herrschaften Obst oder Käse?“ fragte der Pikkolo.
Emil war ihm dankbar für die Störung. Denn seine Beredsamkeit hatte ihn in eine lichtlose Sackgasse geführt. Er bestellte den steinharten Käse, den man hier, weil er etwas altes Stanniol auf der Oberfläche zeigte, „Chamambert“ nannte.
Aber Eleonore kam mit der ganzen Zähigkeit des Frauengemüts auf den ihr lieben Gedanken zurück.
„Wenn Sie wüßten, wie mich das beruhigt. Es gibt mir geradezu das seelische Gleichgewicht wieder, das ich verloren hatte --“
Emil ließ einen Grunzton hören, der immerhin ein Bedauern und ein Befremden über das verlorene Gleichgewicht bedeuten konnte.
„Ich weiß, +Sie+ verstehen mich,“ fuhr Eleonore fort, während sie Flocki, der einen Gast am Nebentisch einen Geflügelknochen behandeln sah und unschöne Zeichen einer durchaus mißgünstigen Stimmung an den Tag legte, beruhigend an sich zog. „+Sie+ ganz allein. Ruhig, Flocki, nicht heulen! Als gestern meine Schwester ging, stand mein Entschluß fest, felsenfest, wie die Mauer von Jericho.“
Eleonore liebte solche kühnen Vergleiche, die zu denken gaben. Emil überlegte, daß sie außer der Mauer von Jericho auch den Käse, den er hilflos zwischen den Kiefern umherschob, ganz gut zum Vergleich für die Festigkeit ihres Entschlusses hätte heranziehen können. Aber worin dieser Entschluß bestand, das erforschte er weder durch emsiges Nachdenken, noch erfuhr er es an diesem Tage aus Eleonorens Munde.
Flocki, tieferregt über den Herrn mit dem Geflügelknochen, hatte Händel an dem Nebentisch gesucht und dafür einen Tritt bekommen. Sein Schmerz über diese unwürdige Behandlung machte sich in kläglichen Lauten Luft.
Eleonore, schon seelisch erregt durch die ernsten Erwägungen ihres Todesfalls, gebrauchte alsbald heftige Ausdrücke gegen „miserable Tierquäler“, „mitleidlose Barbaren“ und „unerzogene Menschen“. Bemerkungen, die der Herr mit dem Geflügelknochen leider auf +sich+ beziehen mußte. Er wischte sich denn auch sofort die fetten Finger an der Serviette ab, sah durch eine sanftblaue Brille die erzürnte Dame von der Seite an und gab ihr -- natürlich ohne sich vorzustellen -- den wohlmeinenden Rat, ihren Köter besser zu erziehen.
Eleonore, die gerade auf Flockis Erziehung sehr stolz war, setzte leider, aufs neue gereizt, das unersprießliche Gespräch durch die spitze Bemerkung fort, daß es mehr unerzogene Geschöpfe auf +zwei+ Beinen, als auf vier Beinen gebe. Und obschon Eleonore, als sie diesen allgemeinen Vorwurf aussprach, dem Herrn mit dem Geflügelknochen dicht am Ohr vorbei sah, bezog dieser ungemütliche Mann die Äußerung doch wiederum auf sich. Er nannte nunmehr Flocki „eine unglückliche Kreuzung von einer Fischotter und einem Schaukelpferd“ und sprach den Verdacht aus, daß diese Mißgeburt beträchtliches Ungeziefer habe. Seine von keinerlei Sympathie getragenen Betrachtungen über Flocki und Flockis Geschlecht gipfelten in dem mit apodiktischer Sicherheit abgegebenen Spruch, derartige Geschöpfe gehörten in keine anständigen Lokale, und es sei noch zweifelhaft, ob man den Wirten, die sie zur Unbequemlichkeit ihrer Gäste dennoch hereinließen, nicht juristisch und strafrechtlich beikommen könne.
Das war der Moment, in dem der Wirt sich in das Gespräch mischte.
Nicht eigentlich in den Streit. Denn das Gebot solonischer Weisheit, daß der Athener in jedem Streit zwischen Zweien Partei ergreifen müsse, schien ihm außerhalb des alten Athens keine Geltung zu besitzen. Oder er kannte es überhaupt nicht. Er beschränkte sich also darauf, milde, beruhigende Worte an Eleonore zu richten und ähnliche Ermahnungen an den Herren mit dem Geflügelknochen.
Als dieser ihn aber ärgerlich einen „alten Trottel“ nannte, ohrfeigte er unverzüglich den Pikkolo, der sich an dieser häßlichen Bemerkung des Herrn mit dem Geflügelknochen unziemlich erfreut hatte. Dann ging er nach dem Büfett, um das rothaarige Büfettfräulein anzuschreien, was ihm die am meisten ungefährliche Art erschien, seinen Ärger los zu werden, ohne dabei einen zahlungsfähigen Gast zu kränken.
In Emils Seele wallten während dieser Szene allerlei ritterliche Gefühle. Von dem Entschluß, dem Herrn mit dem Geflügelknochen Ohrfeigen anzubieten, hielt ihn die kluge Einsicht zurück, daß dieser unangenehme Mensch einen geradezu athletischen Körperbau zeigte. Eine Pistolenforderung schien ihm aussichtslos. Und dann, er hatte niemand zur Hand, der sie überbracht hätte. Auch wußte er nicht, ob der Herr mit dem Geflügelknochen nicht etwa ein Kunstschütze war. Und da er nun so gar nicht ahnte, was er in dieser peinlichen Situation unternehmen sollte, machte er sich wichtig und umständlich mit Flocki zu schaffen, der sich immer noch in der Rolle des Gekränkten gefiel.
„Gehen wir,“ sagte Eleonore plötzlich. Und Emil war herzlich froh, daß die unerquickliche Unterhaltung zu Ende war.
Der Pikkolo, der an seinen Tränen schluckte, riß ihnen die Türe auf. Und hinter der wie eine siegreiche Königin einherschreitenden Eleonore gewann Emil sehr zu seiner Erleichterung die freie Luft. Eine neugierige Wendung hatte ihm noch gezeigt, daß der Feind, der sie vertrieb, bereits seinen Geflügelknochen wieder ergriffen hatte und an ihm herumnagte, als sei gar nichts geschehen.
Eleonore war schweigsam auf dem Weg zu den Ateliers. Nur einmal machte sie plötzlich die, wie es schien, mehr für sich selbst als für Emil bestimmte Bemerkung, sie habe vor drei Jahren in der Schweiz am Genfer See einen Herrn aus St. Gallen an der Table d’hote getroffen, der das zarte Geflügelfleisch so unmanierlich von dem Knochen abgelutscht habe, daß sie sowohl, wie zwei alte holländische Damen die Pension gekündigt hätten. Aber noch in Basel habe sie von diesem Menschen und seiner barbarischen Art, zu essen, geträumt.
Emil, der froh war, daß ein Gespräch in Fluß kommen sollte, wollte die spaßhafte Geschichte erzählen vom Schah Nasr-eddin, der beim Galadiner in London die Spargelreste hinter sich warf. Aber Eleonore belehrte ihn mit einem strengen Blick, dies sei eine Geschichte, die nicht hierher passe. Sie rede von europäischer Flegelei und von Geflügelknochen. Einem asiatischen Despoten verzeihe sie viel, einem Mitteleuropäer wenig.
Und Emil dachte im Weitergehn darüber nach, wie dieses milde Urteil Eleonorens wieder einmal den alten Erfahrungssatz bestätige, daß die Stellung eines asiatischen Despoten ihre großen Annehmlichkeiten habe.
Nur Flocki hatte sichtlich alle trüben Erinnerungen von seiner Seele geschüttelt und war von erfrischender Spaßhaftigkeit. Er erschreckte artige Schulkinder durch Sprünge und unmotiviertes Gebell bis zu Tränen, begleitete eine gelbe Postkutsche eine Strecke weit mit beträchtlichem Lärm durch viele Pfützen, interessierte sich für die an einem Laden in Körben ausgelegten Schellfische mehr, als dem Besitzer lieb war, und mischte sich dann arglos unter das Publikum.
Im Atelier, als ihn Eleonore streicheln wollte, erwies es sich, daß er auch Zeit gefunden hatte, an einer offenbar frischgestrichenen Laterne zu rasten und daß ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner linken Körperseite dick mit grüner Ölfarbe bestrichen war.
* * * * *
Am folgenden Tag kam Eleonore nicht ins Atelier.
Der Portier, der bereits wieder bewundernd vor einem erst angefangenen aber schon sehr violetten Bilde in Emils Malerwerkstatt stand, als der junge Künstler, ein wenig verkatert von einem üblen Trunk, den er am Abend zuvor getan, die Türe öffnete, überbrachte ihm ein Billettchen der Freundin. Ein halbwüchsiges Mädchen, das in der kleinen Privatwohnung Eleonorens die Aufwartedienste tat und in Erfüllung dieser Obliegenheiten für dreimal soviel Geld zerschlug, als ihr Lohn ausmachte, hatte das Briefchen gebracht. Es war mit Bleistift geschrieben und enthielt nur diese wenigen Zeilen:
„Lieber Freund!
Ängstigen Sie sich nicht. Mir ist nicht wohl. Vielleicht war es die Aufregung gestern. Aber ich fühle, daß ich fiebere und habe häßliche Gliederschmerzen. Ich will einen Tag im Bett bleiben und denken, es macht sich rasch wieder. Vielleicht nehmen Sie Flocki heute mit zum Mittagessen?
Das Mädchen wird Sie pünktlich um ein Uhr mit dem lieben Tier vor der Haustür erwarten. Sie holt ihn dann gegen Abend bei Ihnen im Atelier ab. Aber wenn’s Ihnen Mühe macht oder Verdruß -- dann natürlich nicht.
Lüften Sie bitte ein bißchen in meinem Atelier. Und seien Sie schön bedankt und gegrüßt von Ihrer
Eleonore Eikötter.“
An diesem Tag also aß Emil mit Flocki allein zu Mittag.
Es war ein trübseliges Diner. Er kam sich ganz vereinsamt vor. Um so vereinsamter, als Flocki viel an andern Tischen hospitierte. Auch der Herr mit dem Geflügelknochen war wieder da. Er aß aber diesmal Sardellenklopps, was die Situation erleichterte.