Chapter 3 of 14 · 3933 words · ~20 min read

Part 3

Als das Mädchen am Abend kam, Flocki zu holen, berichtete sie, Eleonore friere und mache gar merkwürdige Sprüche. Der Arzt sei dagewesen und habe auf einem langen schmalen Zettel eine Medizin verschrieben. Sie sehe aus wie Himbeersaft und koste 3,50 Mk., was sie -- Dortchen -- für eine Gemeinheit des Apothekers halte. Eleonore solle alle Stunde einen Eßlöffel nehmen, und sie -- Dortchen -- müsse deshalb sofort mit Flocki nach Hause. Für die Nacht habe sie ernste Befürchtungen, da Eleonore die sonderbarsten Reden über eine Hummerschere und einen Geflügelknochen führe. Sie -- Dortchen -- gehe deshalb stark mit dem Gedanken um, den Laufburschen vom Bäcker gegenüber, der übrigens ein sehr anständiger Mensch sei und eine derartige Bitte gewiß nicht mißverstehen würde, zu ersuchen, mit ihr in der Nähe der Kranken zu wachen. Augenblicklich sei die dicke Portiersfrau bei Eleonore, eine unangenehme, geschwätzige Frau, die, wie man sich in der ganzen Straße erzähle, mit dem Portier gar nicht richtig getraut sei, sondern „bloß so“ zusammenwohne, was besonders deshalb sehr verwerflich sei, weil der Portier schon morgens früh nach Kornschnaps röche und in ganz roher Weise selbst auf die Treppen spucke, was doch allen andern im Treppenhaus Verkehrenden durch Anschlag verboten sei.

Nachdem sie alle diese interessanten Mitteilungen ohne Punkt und Semikolon gemacht hatte, entfernte sie sich sichtlich erleichtert mit Flocki und ließ Emil mit sehr violetten Gedanken unter seinen Bildern zurück.

Am nächsten Tage hörte er nichts von Eleonore. Er konnte es sich nicht verhehlen, er war ernstlich beunruhigt.

Und als es sechs Uhr abends war und er immer noch ohne Gruß und Nachricht war, ging er nach ihrer Wohnung. Erst umkreiste er in gemessenem Schritt das Haus mehrfach, bis er das Mißtrauen sämtlicher Portiers der Nachbarschaft erweckt hatte. Dann faßte er einen raschen Entschluß, trat ein und stieg die Treppen. Ein Jüngling mit vorstehenden grasgrünen Zähnen öffnete ihm die Tür und stellte sich als der Laufbursche vom Bäcker vor, der eben mal ’rübergekommen sei, um nach dem Rechten zu sehen. Dortchen, das tüchtige Mädchen, sei in der Apotheke. Es stehe schlimm mit dem Fräulein. Der Arzt sei sogar zweimal dagewesen, aber sie halte ihn unbegreiflicherweise für einen Kaminkehrer -- vielleicht weil er der vielen Trauer wegen, die sein Beruf bringe, so schwarz angezogen sei -- und wollte gar nichts von ihm wissen. Auch Flocki erkenne sie nicht mehr. Sie behaupte, er sei eine sibirische Fischotter und befehle unaufhörlich, ihn mit lebendigen Sardellen zu füttern. Was den schwarzgekleideten Doktor anbetreffe, so sei das zweifellos ein sehr gelehrter Herr, aber leider wenig mitteilsam. Er habe dem Dortchen bloß gesagt, sie solle das Rezept in die Apotheke tragen und dann schleunigst die Schwester -- nämlich von der Kranken, nicht von Dortchen, die nur einen Bruder habe -- verständigen, daß es nicht zum Besten um die Kranke stehe. Übrigens sei das Kranksein für vermögliche Leute nicht mit so vielen Unannehmlichkeiten verbunden, wie für arme Teufel. Er habe z. B. eine Tante gehabt, die sei am kurzen Atem gestorben und habe vorher herzzerbrechend gejammert und geklagt. Und er sei überzeugt, daß sich das mit dem kurzen Atem gegeben hätte, wenn die Tante zufällig mit einem Kommerzienrat im Tiergartenviertel verheiratet gewesen wäre, anstatt mit einem Chausseearbeiter in Alt-Moabit.

Gerade als der Jüngling mit den grünen Zähnen dabei war, Emil auch noch von diesem Onkel Rührendes zu erzählen, der dann als Witwer sehr interessante Erlebnisse mit einer Obstfrau am Spittelmarkt hatte, leuchtete Adelgundes kanariengelber Hut die Treppe hinauf. Hinter ihr keuchte Dortchen, die sehr erhitzt aussah und in einemfort redete, ohne zu verlangen, daß ihr jemand zuhörte.

Adelgunde war zunächst der Ansicht, daß Eleonore bestimmt gewußt habe, daß sie -- Adelgunde -- heute abend ihr Whistkränzchen bei der einäugigen Steuerrätin habe, und daß sie sich deshalb diesen Tag zum Krankwerden ausgesucht habe. Rein aus Schikane.

Als aber Adelgunde nach kurzer Zeit aus dem Krankenzimmer auf den Flur trat, wo Emil im Dunkeln auf einer hügeligen Holzkiste sitzend voll Unruhe auf ihre Mitteilungen gewartet hatte, da war sie doch recht ernst. Eleonore hatte die Schwester in ihren Phantasien für die merkwürdige George Sand gehalten, deren Lebensbeschreibung sie kurz vorher gelesen hatte, und mit Beziehung auf ihren gelben Hut gesagt, sie finde es sehr lustig, daß so eine große Schriftstellerin einen Eierkuchen auf dem Kopfe trage.

Sehr bekümmert schlich Emil davon. Er hätte so gern irgend etwas für die kranke Freundin unternommen. Aber es blieb da nichts zu tun. So ging er in sein Heim, legte sich ohne Abendessen zu Bett und warf sich den größten Teil der Nacht von einer Seite auf die andere, ohne schlafen zu können. Als er aber gegen Morgen doch noch etwas einduselte, träumte er, Flocki sitze mitten auf seiner Brust und knurre ihn, den struppigen Kopf auf die Seite gelegt, boshaft und feindselig an. Und Flocki wurde immer schwerer; schon wie ein Kalb, wie ein Pferd, wie ein Elefant. Emil spürte deutlich, wie seine Rippen im Brustkorb krachend zersprangen unter der wachsenden Last von Flockis märchenhaftem Gewicht ...

Als er um 9 Uhr aufwachte, stand der Jüngling mit den grünen Zähnen an seinem Bett. Wie er hineingekommen, bleibt ein Rätsel. Der angenehme junge Mann trug keinen Kragen und roch bedenklich, als ob er sich statt mit Kaffee mit einem nicht zu knappen Schluck Branntwein erfrischt hätte. Das Wesentlichste seines etwas verworrenen Berichtes lautete: Es gehe Eleonore sehr übel, und der schwarzgekleidete Arzt gebe wenig Hoffnung. Dortchen habe gemeint, der Herr Maler interessiere sich dafür, und so sei er rasch hergekommen. Er habe übrigens die Elektrische benutzen müssen -- auch auf dem Rückweg könne er dieses Verkehrsmittel nicht entbehren --, wodurch ihm Unkosten von zwanzig Pfennigen entstanden seien.

Emil entließ den Jüngling, der ihm antipathisch war, mit einem 50-Pfennigstück als Belohnung und zog sich rasch an. Ihm war sehr seltsam zumute. Eleonore war ihm ein lieber Kamerad gewesen, und es schien ihm, als ob er sie zu seiner Kunst brauche, wie sie ihn.

Er hatte sich an sie gewöhnt, und es hatte ihm auch geschmeichelt, daß diese selbständige, pekuniär unabhängige Dame, die schließlich Verkehr genug gefunden hätte, gerade auf sein Urteil, sein Gespräch und seine Gesellschaft besondere Stücke zu halten schien. Etwas in seinem Leben war aus dem Gleichgewicht gekommen durch ihre Krankheit; und es kam ihm vor, als ob er ihr irgendwie helfen könne und müsse.

Er konnte +nicht+ helfen.

Auf der Treppe von Eleonorens Wohnung begegnete er dem Arzt. Der betrachtete auf seine ängstliche Frage erst längere Zeit Emil aufmerksam durch seine Brillengläser, dann nicht minder aufmerksam seine eigenen Fingernägel, um schließlich mit einem: „Ja, ja, Verehrtester, +hoffen+ wir!“ an ihm vorbei die Treppe hinunter zu steigen.

Aus diesem Ausspruch, dem auch ein medizinisch besser Vorgebildeter keine klare Diagnose hätte entnehmen können, schöpfte Emil nichts weniger als Hoffnung und Zuversicht. Wenn keine Gefahr war, hätte der Doktor gewiß nicht solange schweigend seine eigenen Fingernägel betrachtet, an denen nicht die geringste anatomische oder ästhetische Besonderheit zu bemerken war.

Oben wirkte Adelgunde. Das heißt, da die Kranke selbst im Fiebertraum liegend eigentlich sehr wenig Gelegenheit gab, eine energische Wirksamkeit, die zu üben Adelgunde gekommen war und den kanariengelben Hut abgelegt hatte, zu betätigen, so beschränkte sich die Hilfreiche darauf, unzählige Gegenstände von ihrem offenbar sinnvoll gewählten Platz zu entfernen und an einen andern zu stellen. Wobei sie mit jener gedämpften Behutsamkeit zu Werke ging, die in ihrer Absichtlichkeit einen Kranken, der das Bewußtsein noch nicht ganz verloren hat, besonders heftig erregen muß.

Auch Emil mußte sofort helfend zur Hand gehn. Es tat ihm in seiner Besorgnis wohl, daß er irgend etwas in der Nähe der Kranken tun konnte, ohne allerdings recht einzusehen, warum er gerade die kümmerlichen kleinen Palmen und fast entblätterten Geranien aus dem engen Wohnzimmer auf den Vorplatz tragen und das eiserne Schirmgestell vom Vorplatz auf den bescheidenen Balkon setzen mußte. Aber Adelgundes gedämpfte Feldherrnstimme ordnete das alles mit solcher Sicherheit an, daß wohl ein tiefbedeutungsvoller Plan diesen wunderlichen Verrichtungen zugrunde liegen mußte.

Als sich Emil bei solcherlei Geschäften, immer auf den Zehen schleichend wegen der Kranken, tüchtig in Schweiß gearbeitet hatte, erwies es sich, daß es Zeit war, Flocki an die frische Luft zu führen. Eine Aufgabe, zu der sich wieder niemand besser eignete als Emil. Als er Flocki, der Veranlassung genommen hatte, am Rade eines Flaschenbierwagens sich reichlich das Fell mit Teer zu besudeln, wieder oben ablieferte, erfuhr er, daß Eleonorens Fieberthermometer unter der Achselhöhle 40,1 anzeige. Also sehr hohes Fieber.

Er hörte auch durch die halbgeöffnete Tür die kranke Freundin phantasieren. Sie erzählte in heiseren, abgehackten Sätzen, daß sie, sobald die Tage schöner würden, nach Delft zu Pieter de Hooch reisen wolle, um dem Verschmitzten seine Beleuchtungseffekte abzugucken.

„Wer ist denn das?“ fragte Adelgunde leise den Maler.

„Das ist ein Maler aus Rembrandts Schule. Mehr als zweihundert Jahre tot.“

Adelgunde nickte nur. Sie hatte vermutet, daß der Mann tot war. Nach einer Weile forschte sie weiter.

„Sie hat vorhin auch immer von einem gewissen Hundeköter gesprochen? Ich dachte erst, sie meint Flocki, aber es scheint fast -- --“

Der Maler nickte. „Ganz recht. Melchior d’Hondecoeter, der feine Geflügelmaler aus dem Haag ...“

Und als hätte sie’s gehört, schrie plötzlich die Kranke: „Ich will auch Enten malen, wie Hondecoeter. Und Flocki soll die Knochen haben. Alle Knochen soll Flocki haben -- alle!“

* * * * *

Eleonore Eikötter hat keine Enten mehr gemalt. Weder wie Hondecoeter, noch minder talentvoll.

In der Nacht ist sie eingeschlafen, so gegen drei Uhr, was die bei ihr wachende Adelgunde so sehr beruhigte, daß sie bald ebenfalls einschlief. Nur mit dem Unterschied, daß Adelgunde kurz nach sieben wieder aufwachte. Eleonore aber wachte nicht mehr auf.

Sie lag ganz blaß und mit einer seltsam zugespitzten Nase, ein wenig jenem Jugendbilde wieder ähnlich, das die Erbtante entzückt hatte, in ihren reinlichen Kissen und war bereits mehrere Stunden tot, wie der rasch gerufene Arzt konstatierte ...

Das Benehmen Flockis war durchaus pietätlos in diesen trüben Stunden.

Man erzählt, daß edle Hunde tief und ehrlich, wie Menschen, um ihren Herrn trauern, ja, daß sie keinen Bissen annehmen tagelang. Und mehr als ein Fall gilt als gutbeglaubigt, in dem so ein treues Tier auf dem frischen Hügel seines Herrn in Wind und Wetter Wache hielt und schließlich elend verhungerte. Solchen erschütternden Neigungen war Flocki durchaus nicht unterworfen. Verschiedene Kränze, die am Morgen abgegeben wurden, genierten ihn zwar sichtlich, und die scharfriechenden Tuberosen brachten ihn zum Niesen. Das war aber auch alles, was an Veränderungen an ihm zu merken war. Im übrigen war er gefräßig wie nur je, verfolgte nach wie vor den Briefträger mit seinem Haß und machte sich bei den Zimmerleuten, die wegen des Sarges kamen, angenehm, da er das Wurstfrühstück roch, das die Männer in der Tasche hatten.

Emil half Adelgunde bei all den trübseligen Verrichtungen, die der Tod eines Menschen seinem Nächsten aufbürdet.

Der zur standesamtlichen Meldung nötige Geburtsschein Eleonores war lange nicht zu finden. Adelgunde, die ein zu enges Trauerkleid gekauft hatte und die Arme nicht bewegen konnte, ohne daß es in allen Nähten krachte, bat Emil, in den tiefen Schubladen des Schreibtisches mit seinen langen und an keiner Bewegung gehinderten Armen danach zu fischen.

Während sie ernst beaufsichtigend dabei stand, zog Emil die seltsamsten Dinge aus diesen peinlich sauber mit blauem Seidenpapier ausgelegten Fächern. Fast kam es ihm wie ein Unrecht an der toten Freundin vor, daß er hier so offen ausbreitete, was sie in all ihren Gesprächen schamhaft verschwiegen. Da war das schon vergilbte Bild eines Herrn, der sich durch ein paar vorbildlich schöne Tiefquarten im hübsch ausrasierten Kinn als akademischer Bürger auswies. In der Nähe dieses Porträts, an dessen Rand eine Dedikation ausradiert schien, fanden sich ein paar getrocknete Blumen vor, die in Emils Fingern leise knisternd zu Staub zerfielen. Ein Gedichtsbändchen: Rückerts Liebesfrühling, der viel angestrichene Verse zeigte. Ein paar geknickte Tanzkarten, die in Schmuck und Druck die ganze Geschmacklosigkeit einer kleinen Stadt und in der Kritzelschrift die Autogramme vieler unbekannter Kavaliere aufwiesen ... Wieviel Freude und Weh mochte für die Tote an all diesem wertlosen Kram gehaftet haben, daß sie ihn so lange unter sauberem Seidenpapier, von bunten Bändchen umschlossen, bewahrte! Die traurig-sehnsüchtige Weise des alten Volksliedes zog Emil durch den Sinn: Lang, lang ist’s her -- lang ist’s her ...

Nebenan im Sterbezimmer aber stand die Portiersfrau im ganzen fassungslosen Schmerz solcher ungebildeten Leute, die in jedem Toten schon ihr eigenes nahes Ende beklagen, und schluchzte, während sie der Toten einen Veilchenstrauß in die kalten Finger stopfte, immer wieder: „Nein doch, nein -- jetzt -- jetzt sieht man’s erst, wie +schön+ sie einmal gewesen sein muß, das liebe Fräulein!“

Schön --? Wer weiß. Aber jung -- gewiß einmal jung. Mit allen Torheiten, Hoffnungen, Seligkeiten der Jugend, mit all den Träumen, die nicht davon wissen, daß dies Leben einmal, kaum beweint und ohne eine Lücke zu lassen, zwischen schlechten Bildern endigt. Aber weit zurück lagen die Träume ... Und als Emil den Geburtsschein endlich, in ein in lila Sammet gebundenes Konfirmationsbüchlein versteckt, gefunden hatte, las er nicht ohne Erstaunen die Jahreszahl ...

Bei dem Suchen nach dem Geburtsschein war übrigens ein anderes wichtiges Papier den beiden in die Hände gekommen. Ein mit einem Rembrandtkopf zugesiegeltes Kuvert, das ganz obenauf in der Mittelschublade lag und in Eleonorens starker Handschrift, deren Energie sogar in diesen langen Buchstaben mit einer gewissen stolzen Absichtlichkeit betont schien, die Aufschrift trug: „+Mein Testament+“.

Als alles auf dem Standesamt, mit Schreiner, Pfarrer und Blumenhändler für das Begräbnis geordnet war, fand Adelgunde dieses Kuvert auf dem Topf einer kleinen Dattelpalme wieder, wohin sie es in der Eile beim Suchen nach dem momentan wichtigeren Geburtsschein gelegt hatte.

Eine Weile betrachtete sie es unschlüssig. Dann ging sie an die Tür und rief nach Emil, den sie in diesen Tagen wie einen anstelligen Haushofmeister zu behandeln gelernt hatte, und der in den kleinen und kleinlichen Besorgungen für das Begräbnis seinen ehrlichen Schmerz betäubte und die innere Leere zu vergessen suchte, die ihm der Heimgang der einzigen Freundin seiner Person und seiner violetten Kunst hinterlassen hatte.

Emil verhandelte gerade an der Flurtüre mit einem etwas angetrunkenen Herr, der behauptete, früher Kantor an der Simonskirche gewesen zu sein, und sich eifrig erbot, mit drei andern, ebenfalls sehr talentvollen Sängern, die einen guten schwarzen Rock besäßen, für 20 Mk., worauf allerdings ein Vorschuß zu zahlen sei, und zwei Flaschen Weißwein (roten trinke er nicht) einige Quartette zum besten zu geben, ohne die eine „anständige Leiche“, wie er versicherte, „überhaupt nicht mehr bestehen könnte“.

Als Adelgunde, einen nicht zu überhörenden strengen Vorwurf im Ton, zum dritten Male rief, schob Emil den angesäuselten Quartettsänger sanft aus dem Korridor und schloß die Tür, hinter der man den ehemaligen Kantor der Simonskirche noch einige sehr kräftige, aber unhöfliche Worte sprechen hörte, ehe er einige Proben seiner Gesangskunst gratis spendend die Treppe hinunterstolperte.

„Hier ist eine merkwürdige Sache,“ meinte Adelgunde, als Emil zu ihr trat und deutete auf das Kuvert. „Lesen Sie die Aufschrift!“

Emil hatte sie schon gelesen. Er war es ja überhaupt gewesen, der das Papier gefunden hatte.

„Was meinen Sie?“

Emil meinte zunächst +nichts+. Das war so in schwierigen Fällen seine vorsichtige Gewohnheit.

„Ich denke,“ fuhr Adelgunde etwas ärgerlich über sein Schweigen fort, „Sie werden mir doch irgendeinen intelligenten Vorschlag machen können.“

Emil konnte keinen intelligenten Vorschlag machen. Sein Gesicht täuschte in diesem Moment nicht darüber. Er hatte noch nie ein Testament in der Hand gehabt und hatte sein Gehirn niemals mit ernsten Erwägungen, was etwa mit solchem wichtigen Papier nach dem Tode des Erblassers zu geschehen habe, belastet.

„Ich denke,“ sagte Adelgunde nach einer Weile, „ein Testament war hier kaum nötig. Verwandte außer mir hatte die gute Eleonore nicht. Das müßte ich wissen, da ich die Schwester bin.“

Das leuchtete Emil ein. Adelgunde +mußte+ das wissen. Das heißt ... Ihm zuckte ein Gedanke durch den Kopf. Der Herr mit den Tiefquarten im Kinn -- die zerknitterten Tanzkarten -- die staubigen Veilchen -- -- Sollte etwa irgendwo ...? Man hörte zuweilen solche verblüffenden Sachen oder las davon im „Vermischten“ der Zeitungen. Bei seiner Tante Barbara in Limburg hatte eine schwächliche Köchin fünf Jahre gedient, und niemand hatte eine Ahnung, daß diese mürrische und kränkliche Person in einem Dorf der Wetterau zwei hervorragend gesunde Jungen hatte ... Aber das war ja Unsinn. Eleonore, dieses treuherzige Wesen mit allen kleinen Eigenheiten eines späten Mädchens. Nimmermehr!

Adelgunde war, als Emil wieder zuhörte, in ihren Bemerkungen zu diesem überflüssigen Testament gerade zu einem kühnen Schluß gekommen. „Es muß vielmehr dieses versiegelte Papier irgendeinen besonderen Wunsch der Pietät enthalten. Vielleicht eine Bestimmung über die Bilder, die sie gemalt hat --“ Selbst die Trauer vermochte nicht ganz ein malitiöses Lächeln von den Lippen Adelgundens zu scheuchen, als sie vollendete: „Vielleicht hat sie nicht gewünscht, daß gerade diese Werke ihrer Hand in meinen Besitz übergehen und mich so zwingen, aus Pietät für die Tote, täglich Dinge um mich zu sehn, deren Vorbilder ich im Leben nicht zu entdecken vermag. Vielleicht hat sie die Schwäche gehabt, diese Malereien einer Galerie als Erbschaft anzubieten -- wovon wir allerdings Scherereien haben könnten -- oder sie hat bestimmt, daß ein oder das andere davon -- Ihnen ...“

„Mir?“ ...

An +diese+ Möglichkeit hatte Emil absolut nicht gedacht. Er fühlte, er war ganz blaß geworden. Für ihn war der Gedanke, im Testament irgend eines Menschen erwähnt zu sein, und sei’s auch nur mit einem mittelmäßigen Ölbild bedacht (von welchem einzigen Artikel er eigentlich reichlich genug hatte), ein so Außergewöhnliches, daß ihn die bloße Andeutung wie ein großer Schreck berührte. Wenn ihm plötzlich ein makedonischer Landgensdarm die weißbehandschuhte Rechte wuchtig auf die Achsel hätte fallen lassen und ihn angebrüllt hätte: „Im Namen des Sultans, Sie sind verhaftet!“ er hätte -- obschon sich keiner Freveltat bewußt -- nicht heftiger bis in die Knochen erschrecken können.

„Es wäre immerhin möglich,“ fuhr Adelgunde fort, indem sie das geheimnisvolle Kuvert gegen das Licht hielt, als ließe sich dadurch sein Inhalt leichter feststellen, „wäre möglich, daß sie Ihnen mindestens die zwei Bilder wieder vermacht hätte, die sie Ihnen einst abgekauft hat. Daß ich Ihren aparten violetten Geschmack nicht teile, wußte sie vielleicht --“

„Sie haben mit Ihrem Urteil ja nicht zurückgehalten,“ wagte Emil, dem die unerquickliche Szene in seinem Atelier deutlich vor Augen stand, schüchtern einzuwerfen.

Adelgunde sah ihn durchbohrend an. „Allerdings. Ich habe, wie immer, meiner Meinung zwar in schonender, aber in nicht mißzuverstehender Weise Ausdruck verliehen. Übrigens reden wir in dieser ernsten Stunde nicht von Ihren Bildern.“

Emil stimmte lebhaft zu. Da niemand sonst zu irgend einer Zeit von seinen Bildern redete, so konnte er auch Adelgundes lieblose Erwähnung in dieser Stunde entbehren.

Adelgunde wog das Kuvert in der Hand. „Es scheint ein einziger Bogen ihres gewöhnlichen Briefpapiers zu sein. Gleichviel ein Bogen oder zehn -- wir müssen die Gesetze beachten und tun, was sie vorschreiben.“

Dieser Ausspruch gefiel Emil so gut, daß er ihn, gewichtig mit dem Kopfe nickend, zweimal wiederholte. Leider stellte sich aber heraus, daß dieser von beiden gebilligte Vorsatz zunächst eine lobenswerte Theorie bleiben mußte, da sie beide nicht wußten, was nun eigentlich die zu beachtenden Gesetze in diesem Falle vorschrieben.

Unbemerkt von den beiden, die in tiefe Gedanken versunken standen, war Flocki hereingekommen, der ein gewisses Unbehagen nicht verbergen konnte, daß man sich so wenig mit ihm beschäftigte. Er war zu gewissen Stunden an kleine neckische Spiele gewöhnt, an geistige Anregungen, wie sie die vortreffliche Eleonore in ihrer unendlichen Güte immer wieder für den Liebling zu ersinnen pflegte. Die Nichtachtung, die er jetzt in diesem Trauerhause erfuhr, verdroß ihn heftig. Den Kopf auf die linke Seite gelegt, mit dem Schwanz in leiser Erregung den Boden fegend, stand er zwischen den beiden Sinnenden und schnüffelte mißtrauisch hinauf nach dem Kuvert in Adelgundens Hand.

„Aber das ist doch einfach,“ sagte plötzlich Adelgunde und sah dabei Emil strafend an, als habe sie es die ganze Zeit gewußt und nur, um seinen Scharfsinn auf eine notwendige Probe zu stellen, für sich behalten, „Sie gehen mit dem Papier sofort zu ~Dr.~ Neumann.“

Emil begriff. ~Dr.~ Neumann war der Rechtsanwalt, von dem Eleonore mehrfach gesprochen. In drei Prozessen, die ihr Flockis Ungebühr eingetragen, hatte dieser tüchtige Advokat zwei Termine versäumt und einen für Eleonore im Wortlaut sehr ehrenvollen, aber pekuniär recht schmerzlichen „Vergleich“ zustande gebracht. Aber der guten Eleonore, die eine fanatische Verehrerin des „Paragraphen“ im allgemeinen und der Rechtswissenschaft im besonderen war, vermochte er gewaltig zu imponieren durch allerlei dicke und alte Bücher, die er mit großer Fixigkeit von den Regalen nahm und nachschlug, und aus denen er ihr nicht ohne schönes Pathos sehr lange und merkwürdige Sätze vorlas, von denen sie den Anfang längst vergessen hatte, wenn der Anwalt die Stimme melancholisch zum Schlußpunkt sinken ließ. Sie war der Ansicht, das seien Reichsgerichtsentscheidungen; und sie fand es sehr scharmant von dem liebenswürdigen Juristen, daß er sich dazu hergab, ihr vorzulesen, was selbst klügere Laien als sie vermutlich nimmermehr beim ersten Male begriffen ...

Daß also dieser Dr. Neumann, der als Eleonorens Rechtsbeistand zweifellos von diesem Testament Kenntnis hatte, um Rat gefragt werden sollte, leuchtete Emil durchaus ein. Aber warum sollte gerade +er+, Emil, zu diesem Mann hingehn. Lag es eigentlich nicht näher, daß die Schwester der Erblasserin selbst -- --?

Adelgunde unterbrach seine Erwägungen mit den knappen Worten: „Ich halte das für eine reine Formsache. Geschehen +muß+ das aber. Ich fühle mich nicht wohl genug, auch noch diesen Gang zu tun. Also gehen Sie. Aber besser +gleich+. In solchen Dingen versäumt man gar leicht etwas. Also -- hier!“

Mit diesem „hier!“ wollte sie Emil das Kuvert überreichen. Die Handbewegung aber, in die sie wohl Entschluß, Energie, Vertrauen und anderes Schöne hineinlegen wollte, fiel +so+ energisch aus, daß Flocki die Sache mißverstand. Er hielt diese Handbewegung für den Beginn eines seinem Frohsinn gewidmeten Spiels; und da sich in diesen düstern Tagen eine erkleckliche Portion Übermut in ihm angesammelt hatte, so ging er mit erstaunlicher Behendigkeit auf den vermeintlichen Spaß ein. Er tat einen kleinen, aber zielbewußten Sprung in die Höhe, faßte Eleonorens Testament mit den Zähnen, riß es, ehe der verblüffte Emil zupacken konnte, der solchen Überfalls nicht gewärtigen Adelgunde aus der Hand und verschwand damit in tollen Sprüngen, die das Erwachen all seiner lang gedämpften Munterkeit bezeugten, nach dem Korridor.

Einen Augenblick standen Adelgunde und Emil wie versteinert ob solcher maßlosen Frechheit.

Dann begann über die auf dem Vorplatz ausgebreiteten Kränze, über Veilchen, Tuberosen, Farn, Efeu und Rosen eine sehr peinliche Jagd auf den miserablen Köter, der die Karikatur auf jede Pietät so weit trieb, den letzten Willen seiner Herrin wie eine tote Ratte im Maule hin und her zu schütteln und sich in Sprüngen zu gefallen, die mit der Situation im denkbar peinlichsten Widerspruch standen.

Während Adelgunde mit einem Regenschirm den unsinnigen Flocki listig in eine Ecke drängte, ihm seinen Raub zu entreißen, warf Emil durch die leicht klaffende Tür einen Blick in das Zimmer, in dem lang und schmal unter dünner seidener Decke die arme Eleonore lag. Und seinem Malerauge kam es vor, als ob ihr Gesicht in der freundlichen Umrahmung des schmalen Seidentuches, das ihr das Kinn band, im wächsernen Ton des Todes ein leises Lächeln sehen ließe. Ein Lächeln, wie es wohl, die Züge der Lebendigen zu verschönen, sich um Mund und Augen gestohlen, wenn sie von der erstaunlichen Klugheit Flockis Altes und Neues berichtete ...

In diesem Moment heulte Flocki laut auf.

Adelgundens Regenschirm war ihm unsanft über die Rückengegend geflogen.

Adelgunde, hochrot im Gesicht mit wogender Brust und krachenden Kleidernähten, hielt den übel zugerichteten letzten Willen der Schwester in der Hand.

Wut und Triumph bebten durch ihre Stimme, als sie dem winselnd über die Kränze nach der Küche retirierenden Flocki nachzischte:

„Infame Bestie!“

* * * * *

Ungefähr anderthalb Stunden hatte Emil, das unschöne Kuvert wie eine Reliquie in beiden Händen haltend, in Dr. Neumanns Schreibzimmer gewartet.