Chapter 6 of 14 · 3969 words · ~20 min read

Part 6

Er markierte Verlobungswonne in geradezu vorbildlicher Weise. Er kaufte Buketts, Lyrik, Marzipan. Er trug zu enge Stiefel und zu hohe Kragen. Er sann auf zarte Überraschungen und las nachts im Bett eine gräßlich langweilige Biographie von Johann Sebastian Bach, den Adelgunde sehr verehrte. Von Kontrapunkt und Fuge sprach er jetzt so viel, wie er früher von Flocki und seinen Magenverhältnissen gesprochen hatte. Eines Tages erwarb er in einer Versteigerung bei Lepke sogar ein sehr mäßiges Ölbild, das den großen Meister darstellen sollte, das sich aber leider später als das Porträt seines Vaters, des Hof- und Ratsmusikus Johann Ambrosius Bach erwies.

Mit der Ungeduld eines Romeo drängte Emil auf Beschleunigung der ehelichen Verbindung. Blos standesamtlich wünschte Adelgunde. Emil war einverstanden.

Ich war Emils Trauzeuge. Adelgunde hatte sich für die feierliche Handlung ihren Hauswirt mitgebracht. Dieser brave Mann, in seinem Privatleben ein Schneidermeister, dessen Anzüge eine gewisse Berühmtheit genossen, weil sie jedem Besteller die Figur ihres Verfertigers gaben, hatte leider zur Vorfeier des Tages sehr heftig gefrühstückt und kämpfte während der Zeremonie so tapfer wie vergeblich gegen einen Schluckser. Adelgunde hielt dies mühsam gedämpfte Geräusch für einen Ausdruck tiefer, seelicher Ergriffenheit und hat später dem Gatten gestanden, daß diese Feierlichkeit den lange von ihr gehegten Verdacht als begründet erwiesen habe; daß nämlich der ehrsamliche Schneidermeister selbst ein Auge auf sie geworfen habe, ohne den Mut zu finden, zu tun, was Emil getan hatte ...

Im Separatzimmerchen eines kleinen aber guten Restaurants der Potsdamerstraße war das festliche Frühstück, das dem standesamtlichen Akt folgte. Nur wir vier. Und ein sehr diskreter Kellner, der die Speisen immer erst brachte, wenn sie kalt waren.

Ich hielt eine kleine Rede auf das Brautpaar, sprach von der ehelichen Liebe, die das Leben adelt, jede Freude erhöht, jeden Schmerz gemeinsam tragen lehrt -- kurz ich gab, der Situation angemessen, eine Anzahl von Gemeinplätzen zum besten, die jedem lateinischen Übungsbuch für Quinta Ehre gemacht hätten.

Dann erhob sich der Trauzeuge Adelgundes. Er erzählte mit etwas schwerer Zunge sehr merkwürdige Dinge, die nur leider keinen rechten Zusammenhang mit der festlichen Veranlassung dieses gemeinsamen Mahles zeigten. Er sagte unter anderem, er sei bei einer alten Tante erzogen worden, die ihm früh den Spruch eingeschärft habe: Üb’ immer Treu und Redlichkeit -- bis an dein kühles Grab. So gedenke er’s auch zu halten. Die Wohnung im dritten Stock seines Hauses habe früher 1000 Mark gekostet. Nun aber habe er die Toilette neu tapezieren und den Herd umsetzen lassen. Auch sei ihm eine Hypothek gekündigt worden, was ihn sehr verdrieße. Vom nächsten Quartal an müsse er 1100 Mark für diese Wohnung verlangen, was er als Ehrenmann heute schon ankündigen wolle. Zumal da in einem fort darin Klavier gespielt werde; was zwar immer noch nicht so schlimm sei, wie Waldhorn. Was die Ehe anbetreffe, so habe darüber der Apostel Paulus ein sehr gutes Wort gesagt, das ihm jetzt nicht einfalle. Und wenn die Pute nicht so kalt werden solle, wie der Rehrücken leider vorhin gewesen, so müsse er seine Rede jetzt schließen.

Diese letzte Wendung wurde von uns als Scherz gedeutet. Wir riefen hoch und stießen an. Der Meister war sehr geschmeichelt und nahm drei Bruststücke von der Pute.

Nach dem Eis erhob sich Adelgunde und verabschiedete sich von uns mit einem verschämten Lächeln, das ihr gar nicht übel stand. Mit diesem Lächeln konnte sie für fünfunddreißig gelten. Sie fuhr in einem Taxameter nach Hause, um ein Reisekleid anzulegen, da eine kurze Hochzeitsreise nach Potsdam beschlossen war.

Als Adelgunde gegangen war, offerierte Emil mit dem strahlenden Lächeln, das ihm selbst bei des Trauzeugen Rede nicht verlassen hatte, sehr schwarze Zigarren mit sehr roten Leibbinden.

„Sagen Sie, lieber Herr Steinbrink“, fragte der Meister, indem er sich drei Zigarren auswählte und neben seine Kaffeetasse legte, „was wird nun eigentlich aus ihrem +Hund+, solange sie auf der Reise sind -- --? Es ist wegen der Wohnung. Ich bin da etwas unruhig. So ein Vieh ruiniert leicht mancherlei, nagt und schabt und kratzt -- --“

Emils Gesichtsausdruck verlor an Fröhlichkeit. Und der meine war in diesem Augenblick kaum sehr intelligent.

„Ja, erlaube mal, Emil“, warf ich ein, „hast du denn noch niemand gefunden, den du -- -- Ich meine die Witwe, von der du sprachst, die kinderlose Witwe ...“

Emil wurde sehr verlegen. Er pickte nervös an dem Bändchen seiner schwarzen Zigarre herum und, ohne mich anzusehn, sagte er kleinlaut: „Die Sache ist +die+, Lieber. Ich und Adelgunde -- Adelgunde und ich -- wir haben’s uns eben überlegt. Eine fremde Pflege ist doch nicht so sicher. Du weißt, es gehen uns dreitausend Mark verloren, wenn Flocki stirbt. Das ist schließlich keine Kleinigkeit.“

„Tausend noch mal!“ bestätigte der Meister und knüpfte seine Weste auf.

„Na und siehst du, so kamen wir eben nach reiflichster Überlegung überein, Flocki zu +behalten+. Gott, er hat ja auch seine Vorzüge. Und dann: man gewöhnt sich. Es ist merkwürdig, +wie+ man sich gewöhnt. Während wir in Potsdam sind, wird Lisette -- du weißt, wir übernehmen sie in den jungen Hausstand. Und wenn wir zurückkommen -- Gott, Adelgunde hat eine so glückliche Hand in der Pflege. Du sollst mal sehen, wie die Blumen gedeihn an ihrem Fenster -- und haben doch fast keine Sonne.“

„Erlauben Sie,“ fiel der Meister ärgerlich ein, „das muß ich denn doch besser wissen. Vom Mai bis Ende September hat das Fenster von Mittags zwölf bis nach zwei Uhr Sonne. Wenn’s nicht regnet, natürlich. Aber dann hat kein Mensch Sonne und kein Fenster.“

Emil hörte ihn nicht. Die erloschene Zigarre im Munde stierte er in tiefem Sinnen in den riesigen Aschbecher. An seines Geistes Augen mochte das ganze Martyrium dieser Erbschaft vorüberziehen, das Martyrium, das hinter ihm lag, das Martyrium, das seiner wartete ...

Wir beiden andern schwiegen und rauchten.

Plötzlich fuhr Emil aus seinen Träumen auf und sah nach der Uhr.

„Himmel, ich muß fort. Höchste Zeit. Entschuldigt die Plötzlichkeit, Kinder, aber wir versäumen sonst den Zug. Ich muß Adelgunde abholen ...“

„Aber es ist ja noch reichlich anderthalb Stunden. Und zum Potsdamer Bahnhof habt ihr nur sieben Minuten.“

„Hm. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß man zu zweien immer +mehr+ Zeit braucht, als allein.“

Der Meister rechnete angestrengt an den Fingern: „Und zweimal sieben macht vierzehn -- nicht wahr? Und eine Stunde und eine halbe macht neunzig Minuten, und neunzig weniger vierzehn macht sechsundsiebzig ...“

Es war nicht recht einzusehen, warum er sich in die Mühseligkeiten dieser Rechenaufgaben stürzte; denn von uns beiden hörte ihm keiner zu. Selbst dann nicht, als er durch eine sehr schwierige und rätselhafte Division sich tief in die Gefahren der Bruchrechnung verstrickte, die er dann mit einem befriedigten „Na, und überhaupt!“ abschloß.

Emil hatte seinen Paletot angezogen, den der Meister mit kritischem Blick maß. Der Reisefertige reichte mir die Hand zum Abschied; und mir war’s, als legte er eine ganz besondere Bedeutung in sein Abschiedswort:

„Du hast Recht, wie schon manchmal, lieber Freund. Aber wir müssen vorher noch Adieu sagen. Adelgunde besteht darauf, daß wir +Flocki+ noch einmal sehen, ehe wir ihn für ein paar Tage verlassen. Schließlich -- +er+ hat uns doch zusammengeführt! ...“

[Illustration]

[Illustration: Das Verhängnis des Hauses Brömmelmann]

Er hatte nur unter den größten Schwierigkeiten eine Frau bekommen. Es ist lächerlich, zu behaupten, daß das an seiner Persönlichkeit lag. Es lag am Namen.

Gewiß, er war nicht schön. Die unansehnliche Figur, die etwas Verbogenes, Geknicktes an sich hatte, sah in dem langen schwarzen Gehrock, den er immer trug, nicht gut aus. Er erinnerte, wenn er so daher kam mit dem schief nach links über den altmodischen Kragen nickenden Kopf und den lang herabhängenden Armen, die immer die Knie kratzen zu wollen schienen, an einen jener dressierten Urwaldbewohner, die, ein Zylinderchen auf dem Kopf, auf ein geduldiges Ponychen mit heimlichen Riemen festgebunden, als erste Nummer unter dem Jubel der Kinderwelt in melancholischem Galopp die „Abend-Gala-Elite-Vorstellung“ der Affentheater einzuleiten pflegen. Auch waren seine Füße unverhältnismäßig groß und erweckten beim Gehen den Eindruck, als ob jeder von ihnen eigensinnig just auf denselben Fleck treten wolle, den der andere gerade inne hatte; und dies mit solcher Vehemenz, daß es ein wahres Wunder genannt werden mußte, wenn +Anton Brömmelmann+ sich bis zu seinem fünfundvierzigsten Jahre noch nicht die Zehen abgetreten hatte auf seinen Geschäftsgängen.

Denn zum Vergnügen ging er nie. Das Geschäft war ihm alles. Er arbeitete dafür den ganzen Tag; er erholte sich davon, indem er abends in alten Geschäftsbüchern blätterte und alte Geschäftsbriefe im Kopierbuch las; und er träumte davon in der Nacht. Das Geschäft war sein Glück -- denn es blühte. Und es war sein Unglück -- denn es hatte seinem Namen einen wenig seriösen Klang gegeben. Und just um dieses Klanges willen hätte Anton Brömmelmann beinahe keine Frau bekommen.

Eine geschickte Reklame des Vaters -- der auch schon Anton geheißen und den Ruhm des Geschäftes begründet hatte -- war dem Namen Brömmelmann verhängnisvoll geworden; insofern als er diesen nicht sinnverwirrend schönen aber auch nicht ohne weiteres verwerflichen Geschlechtsnamen braver kleiner Beamten und Pastoren plötzlich laut, heftig und dauernd mit -- ja, es muß schon gesagt werden: mit Wasserklosetts in Verbindung brachte.

„Anton Brömmelmanns Wasserklosetts für Privatwohnungen, Klubs, Hotels, Spitäler, Kasernen und Gefängnisse“ waren weit über Neuenburg hinaus eine Berühmtheit. Durch unzählige Annoncen in den Tagesblättern hatte er sie -- wenn das so auszudrücken erlaubt ist -- dem Herzen des Publikums eingeschmeichelt. Er hatte Gutachten über ihre Diskretion im Geräusch und Wasserverbrauch und über ihre Unentbehrlichkeit im Großbetrieb fleißig gesammelt und veröffentlicht; hatte enthusiastische Zustimmungen von Hygienikern, berühmten Schauspielern, Anstaltsdirektoren, ja sogar von zwei wirklichen Geheimen Räten mit dem Prädikat Exzellenz seinem Katalog anheften können. Und so hatte er mit der Wahrhaftigkeit, wie sie nur die Todesstunde verleiht, auf dem Sterbebette seinem einzigen Sohn feierlich und nicht ohne Genugtuung versichern dürfen, daß es in und um Neuenburg, wenigstens in menschlichen Wohnstätten, die etwas auf sich hielten, keinen geheimen Ort, den ein guter Mensch betrat, gebe, der nicht an bescheidener Stelle auf weißem Porzellangrund den Namen „Anton Brömmelmann“ rühmend dem nachdenklichen Beschauer nenne.

Das aber war das Fatale. Welches junge Mädchen von sittlichem Gefühl verliebt sich in einen Mann, der mit so unentbehrlichen, aber doch so ungern genannten Gebrauchsgegenständen handelt? Welches wohlerzogene Bürgerstöchterlein tauscht froh und reulos seinen mehr oder minder wohlklingenden Vatersnamen gegen einen Namen, den immer und immer wieder Annoncen in den Tagesblättern in solch merkwürdige Erinnerung bringen; der immer und immer wieder von weißem Porzellangrund abzulesen ist? ...

Wenn Anton Brömmelmanns Ahnherr im Dreißigjährigen Krieg nachweislich gehängt worden wäre; wenn sein Großvater beim Rastatter Gesandtenmord eine üble Rolle gespielt und seine Großmutter im berüchtigten Hirschpark von Versailles zeitweise unrühmlichen Aufenthalt genommen hätte -- das wäre alles kein so trauriges Ehehindernis für Anton Brömmelmann gewesen, als der fatale Umstand: daß sein fleißiger und rechtlicher Vater gar so viel Lobendes über seine vortrefflichen Fabrikate veröffentlicht hatte.

Und außerdem: mitten in der Hauptstraße, zwischen der appetitlichen Konditorei von Grötschel und der poesievollen Blumenhandlung der stets in tiefe Trauer gekleideten Witwe Schwiebus -- die drei verletzend naturalistischen Riesenerker des Brömmelmannschen Geschäfts! Welche Frauenseele in jenem glücklichen Alter, da man sich Verse von Lenau ins Album schreibt und mit Leutnants tanzt und Lieder von Schumann singt, bebte nicht scheu zurück vor einem noch so braven Mann, der ein so absonderliches Geschäft sein eigen nennt?

Anton Brömmelmann hätte von den Körben, die er sich seufzend in guten Bürgerfamilien geholt, ganz bequem einen Korbhandel eröffnen können. Aber er sah mit Goethe, den er übrigens nicht las, in der Ehe „Anfang und Gipfel aller Kultur“; und er war betrübt, ja niedergeschlagen, daß gerade +ihm+ weder Anfang noch Gipfel beschieden sein sollte, obschon oder gerade +weil+ er als Geschäftsmann just der Sohn seines Vaters und ein Kulturträger von nicht zu unterschätzender Bedeutung war.

Endlich aber fand er in Annemarie Bickebach doch noch ein weibliches Wesen, das großherzig genug war, über die ganzseitigen Annoncen und die Riesenerker in der Hauptstraße und schließlich auch über manche negativen Vorzüge seiner Erscheinung mit ihren leidlich hübschen Augen hinwegzusehen.

Annemarie war die Tochter eines Oberpostsekretärs, der pensioniert werden mußte, weil sich in ihm die fixe Idee entwickelte, er müsse der Welt die Unsinnigkeit der Ansichtspostkarte beweisen; und der in diesem Sinne eine Reihe von Broschüren im Selbstverlag erscheinen ließ und zahlreiche Eingaben an den Reichstag und „Offene Briefe“ an die vorgesetzte Behörde richtete. Das langaufgeschossene, magere Mädchen war zweimal verlobt gewesen. Einmal mit einem melancholischen Bergassessor, der leider bald darauf mit einer Dame vom Variété nach London gegangen war; und einmal mit einem sommersprossigen Predigtamtskandidaten, der ihr eines Tages eine „frivole Auslegung paulinischer Briefe“ vorgeworfen, ihren Ring, zwei gestickte Schlummerrollen und einen gebrannten Haussegen zurückgeschickt und drei Monate später eine vermögliche aber reizlose Witwe aus Kottbus standesamtlich und kirchlich geheiratet hatte.

Annemarie hatte das stille Wesen aller Mädchen, die zweimal verlobt waren und einmal am Variété und einmal an den paulinischen Briefen gescheitert sind. Sie sah zwar, daß Anton Brömmelmann keineswegs eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem jungen Griechengott, nicht einmal mit einem melancholischen Bergassessor zeigte; aber er war schließlich ein Mann, der seine hübschen Einnahmen hatte und dessen mit der Erinnerung an zahlreiche Körbe belastetes Herz die Unzartheit nicht besitzen würde, sie an ihr entschwundenes Liebesglück zu erinnern. Und sie hatte es satt, immerzu „Eingaben an eine hohe k. k. Oberpostdirektion“ ins reine zu schreiben.

Der Oberpostsekretär a. D. machte seine Einwilligung zur Verehelichung davon abhängig, daß Anton Brömmelmann sich eidlich verpflichte, niemals in seinem Leben eine Ansichtskarte zu benützen. Ein Schwur, den Anton Brömmelmann um so eher ablegen und halten konnte, als er überhaupt keine privaten Mitteilungen ernsten oder neckischen Inhalts jemals zu Papier brachte, sondern +nur+ Geschäftsbriefe schrieb und im Geschäftsverkehre die Ansichtskarte für durchaus unstatthaft hielt. Der Oberpostsekretär holte übrigens für diese Gelegenheit seinen alten Galadegen aus dem Schrank, eine sehr merkwürdige Waffe, die nach halbstündigem sorgsamen Einfetten und anstrengendem Ziehen endlich auch aus der Scheide fuhr. Auf die rostige Klinge mußte Anton Brömmelmann feierlich die Schwurhand legen und den vom Oberpostsekretär persönlich vorgesprochenen ebenso umständlichen als konfusen Eid mit lauter Stimme wiederholen. Dann erst bekam er von der tief errötenden Annemarie den Verlobungskuß und jenen gebrannten Haussegen, den der sommersprossige Predigtamtskandidat unbegreiflicherweise verschmäht hatte.

Die Ehe war nicht unglücklich.

Annemarie hielt ihren Haushalt gut in Ordnung; und wenn Anton Brömmelmann aus dem Geschäfte kam, so war sie bereit, seinen gehabten Ärger mit aufmerksamer Teilnahme anzuhören, und schmierte ihm Käsebrötchen dazu.

Jeden Sonntag aß der Oberpostsekretär a. D. bei den beiden zu Mittag. Es gab dann „falschen Hasen“ -- weil dem Oberpostsekretär die Vorderzähne fehlten -- und der Geladene würzte das bescheidene Mahl durch heftiges Schimpfen auf die k. k. Regierung, die keine seiner Eingaben, die er nun selber schrieb, jemals beantwortete.

Als er an einem Sonntag im Herbst wieder zum falschen Hasen kam, teilte ihm Anton freudestrahlend mit, daß sie beide heute +allein+ essen müßten, da Annemarie ihn heute morgens durch die Geburt eines Sohnes erfreut habe und noch der Schonung bedürftig sei.

Obgleich der Oberpostsekretär, wie er sich recht wohl erinnerte, bei der Eheschließung der beiden mit einer solchen Möglichkeit gerechnet hatte, kam ihm die Nachricht nun, da er, mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, die natürlichen Anzeichen des kommenden Ereignisses völlig übersehen hatte, doch sehr überraschend. In der Freude seines Herzens ging er eiligst einen notwendigen Einkauf zu machen; und da er nicht recht wußte, was zu dieser Gelegenheit am passendsten erscheinen könnte, kam er eine halbe Stunde später wieder mit einer Mandeltorte und einem Bilderbuch, das für den ersten Leseunterricht sehr zweckentsprechend eingerichtet war. Dieses Buch legte die Wartfrau, die wenig von Pietät hielt, unter das Gestell der Kinderbadewanne, das einen zu kurzen Fuß hatte. Die Mandeltorte aber teilte sie mit der Hebamme, die zufällig gerade, wie dies bei Hebammen das übliche ist, ihren Geburtstag hatte.

Im Nebenzimmer aber saß der Oberpostsekretär, dämpfte seine Stimme zu einem diskreten Piano, das kaum mehr hörbar war, und fragte den glücklichen Vater, der sehr wichtig und sehr zwecklos bald eine Zuckerdose, bald einen Aschenbecher umhertrug:

„Anton, +wem+ sieht’s ähnlich?“

„Die Wartfrau meint: +mir+,“ gab Anton schüchtern zurück.

Er mochte nicht gestehen, daß er persönlich bei einer ersten Begegnung mit seinem Sohn, die allerdings im Halbdunkel der Wochenstube stattfand, keinerlei Ähnlichkeit hatte wahrnehmen können, vielmehr den Eindruck gewonnen, anstatt eines Kopfes eine runzliche, nicht mehr ganz frische Tomate auf dem Kissen zu sehen.

Die Hebamme, die aus unbekannten Gründen immer heftig nach altem Rotwein roch, kam herein und verkündete:

„+Neun+ und ein Viertelpfund! Eben gewogen. Es ist ein Mordskerl!“

„Das soll er erst +werden+!“

Anton Brömmelmann hatte dieses vortreffliche Wort gefunden und damit stolz und tüchtig ~in nuce~ ein ganzes Erziehungsprogramm entrollt.

Das +eine+ stand bei Anton Brömmelmann fest: der Junge sollte es mal in jeder Beziehung +besser+ haben, wie er; sollte sich nicht selbst die Zehen abtreten beim Gehen, keine lächerliche Figur in einem schwarzen Gehrock spielen und seinen Namen nicht am Tage wie eine Last und nachts wie einen Alp tragen. Das Geschäft -- Gott behüte! -- das war nichts für den Jungen. Diese Überzeugung stand schon bei Anton Brömmelmann fest, wenn er des Abends, aus dem Comptoir heimgekehrt, zusah, wie im Soxhletapparat die sechs appetitlichen Fläschchen für Nacht und Morgen hergerichtet wurden. Immer ein Strich Milch und zwei Striche Wasser. Und jedesmal setzte seine besorgte Frage ein:

„Kriegt der Junge auch nicht zu wenig Milch und zu viel Wasser?“

Berthold wurde er getauft.

Niemand in der Familie hieß so. Der Erfinder des Schießpulvers, Berthold Schwarz, war der einzige dieses Namens, den Anton Brömmelmann -- natürlich nicht persönlich -- kannte. Aber das war’s gerade: Der Junge sollte einen +aparten+ Namen haben. Und wer konnte das wissen -- die Sache mit dem Schießpulver! ... Der Junge konnte ein verdammt kluges Gesichtchen machen und hatte eine Art, das rosig marmorierte Fäustchen in den Mund zu stecken, die +hohe+ Intelligenz bewies. Und das +Geschäft+ sollte ihm nicht den schönen Namen und das schöne Leben verderben -- das war immer der Schluß von Anton Brömmelmanns reiflichen Erwägungen. Und damit all dieses nicht geschehe, sollte der Bub’ keine Ahnung davon haben, welcher +Art+ seines Vaters Geschäft war. Bis er dann zur Schule kam, würde man schon sehen.

Von nun an dachte Anton Brömmelmann nur daran, sein Geschäft zu verkaufen.

Er trat sich im Nachdenken noch emsiger auf die Füße, schlenkerte noch heftiger mit den Affenarmen als früher und wechselte bogenlange Briefe mit Reflektanten.

An der verlangten Kaufsumme scheiterte es nie. Er hatte genug geerbt und zurückgelegt und forderte einen Betrag, der für das flottgehende Geschäft ein Spottpreis genannt werden mußte. Eben erst hatte der Landtag eine größere Bestellung gemacht, und mit einer anonymen Gesellschaft, die das öffentliche Wohl im Auge hatte, stand er in Verhandlung.

Aber +eines+ schreckte die Bewerber: Anton Brömmelmann stellte die Bedingung, daß innerhalb fünf Jahren die +Firma+ geändert werden und +sein+ Name mithin von Firmenschild, Briefbogen und Porzellan +verschwinden+ müsse. Hier lag der Haken. Denn die Firma „Anton Brömmelmann“ war eben als solche weit berühmt; und ob die Änderung des Namens nicht einen beträchtlichen Rückgang des Geschäftes bedeuten würde .... Zudem -- man hatte das zum Beispiel bei Johann Maria Farina erlebt -- es könnte eine Konkurrenz plötzlich einen Strohmann Namens Brömmelmann auftreiben, der nun die Früchte jahrelanger Reklame anderer mühlos pflückte....

Schließlich aber wurde der Verkauf +doch+ perfekt.

Ein Herr Heinrich +Hinzelmann+ hatte, wie er schrieb, „eine weitläufige Tante beerbt“ und strebte, sich selbständig zu machen. Er glaubte das nicht besser tun zu können, als indem er das Geld der weitläufigen Tante in Anton Brömmelmanns weitberühmte Fabrikate steckte.

Am fünften Geburtstag Bertholds wurde der Vertrag unterschrieben. Es war ein großer Moment. Anton Brömmelmann war ganz heiser vor Aufregung und schrieb unter das wichtige Schriftstück zum erstenmal in seinem Leben seinen eigenen Namen falsch; nämlich mit nur +einem+ „m“ in der Mitte. Annemarie stand neben ihn und bürstete in tiefer seelischer Verlorenheit Herrn Hinzelmanns Zylinder sorgfältig +gegen+ den Strich, was der Besitzer des Hutes mit großem Unbehagen mit ansah. Doch wagte er es nicht, sie auf das Sinnlose und Unzweckmäßige dieser Betätigung aufmerksam zu machen, da er befürchtete, irgendeine nicht auf das Geschäft bezügliche Äußerung könne ihm noch in letzter Stunde den ganzen vorteilhaften Handel verderben. So schlug er im Geiste den Preis für einen neuen Zylinder mit auf die Kaufsumme und schwieg.

Im Nebenzimmer aber saß der Oberpostsekretär, das Geburtstagskind auf den Knien, und las die Korrekturen einer geharnischten Eingabe „an die k. k. Regierung, betreffend die durch den submissest unterzeichneten Verfasser eklatant erwiesene Volksverdummung durch die Ansichtskarte“.

Anton Brömmelmann atmete auf. Ihm war zumute wie einem unter dem Verdachte schweren Raubmordes Verhafteten, der eben sein Alibi lückenlos beigebracht hat.

Nun galt es noch sein Haus verkaufen -- das tat er mit kleinem Verlust -- und den Wohnort wechseln. Er zog nach Rasselsheim, einem Städtchen ohne jeglichen landschaftlichen Reiz, das ihm nur dadurch aufgefallen war, daß es -- wie aus einer Statistik hervorging -- die geringste Kindersterblichkeit aufwies. Ein Gymnasium war auch da. Sogar ein „humanistisches“, was Anton Brömmelmann für eine besondere, vom Staat verliehene Auszeichnung hielt. Also!

Bei der Wohnungssuche benahm sich Anton Brömmelmann etwas sonderbar. Er besichtigte zunächst immer ein geheimes Kabinett und erweckte durch die merkwürdig peinlichen Untersuchungen den Eindruck, als ob er hier die reichsten und köstlichsten Stunden seines Lebens zu verbringen gedenke.

Mit heimlicher Freude konstatierte er, daß die Rasselsheimer Wohnungen nur in seltenen Fällen +seine+ Fabrikate mit dem verräterischen Namen aufwiesen; und er mietete mit ingrimmiger Genugtuung eine Wohnung, für die, wie das Porzellan an der betreffenden Stelle meldete, seine einst gefürchtete Konkurrenz das unentbehrliche geliefert hatte ...

Berthold wuchs heran.

Der glückliche Vater ging völlig auf in den Jungen. Er zahnte mit ihm, er fieberte persönlich, als der Bub die Masern hatte, ja er machte -- und nicht nur in der Einbildung -- mit ihm den Keuchhusten durch, konsumierte als leuchtendes Beispiel für den Jungen den abscheulichen Schneckensaft und war stolz darauf, wenn er, blaurot im Gesicht vom Husten, die Versicherung des Arztes hörte: das sei ein außerordentlich seltener Fall, daß ein Erwachsener zum +zweitenmal+ vom Keuchhusten befallen werde.

Peinlicher als der Keuchhusten war das Latein.

Anton Brömmelmann, der es nie recht vertragen hatte, lernte es mit dem Sohn, +für+ den Sohn. Er stand mit dem absolutem Ablativ auf und träumte vom Akkusativ cum Infinitiv; er übte Vokabeln und konsultierte heimlich Eselsbrücken, war dem Sohn immer um drei Lektionen voraus, kurz, er tat alles, um die fromme Täuschung aufrecht zu erhalten, daß er alles das schon +wisse+, was der Sohn unbedingt lernen müsse, um ein edler Mensch und ein tüchtiger Bürger zu werden. Wenn Berthold längst seinen gesegneten Kinderschlaf schlief, mußte die mitleidige Annemarie den unglücklichen Gatten die Punischen Kriege überhören und die entsetzlichsten, von den Karthagern verübten Greuel über sich ergehen lassen. Und Sonntag zog sich Anton Brömmelmann in sein Studierzimmer zurück, um über den „Frühling“ nachzudenken oder über die „Freuden des Eislaufs“, kurz über lauter Dinge, die seinem früheren Leben sehr fern gelegen hatten und die jetzt als Aufsatzthemata des Sohnes seine späten Mannesjahre erschreckten.

+Zweimal+ waren sie sitzen geblieben.

+Sie.+ Pluralis. Denn der Vater blieb +mit+ sitzen, fühlte sich +mit+schuldig; obschon er die Tanzstunde, die an der Zerstreutheit des Sohnes die Hauptschuld trug, nicht mitgenommen hatte und die Zigaretten, die dem armen Berthold nicht bekamen, persönlich ganz gut vertragen konnte.

Endlich kam das Maturum.

Berthold, der ein hübscher, schlanker Bengel geworden war, nicht gerade strotzend von Intelligenz, aber in seiner gesunden Frische ein ganz lieber Kerl, ging in das Examen mit einer Siegermiene, als könne ihm nichts passieren. Der Vater aber saß zu Hause und seufzte:

„Die Mathematik -- die Mathematik bricht uns den Hals. Du wirst sehen, Annemarie, die Mathematik!“

Und er verlangte Papier und berechnete Kegelschnitte stundenlang und löste Gleichungen mit drei Unbekannten, die -- wenn die Sache fertig war -- noch immer so gut wie unbekannt blieben, und ließ sich von all den Aufgaben foltern, die der Sohn vielleicht ...

Aber der Sohn kam nach Hause, strahlend, eine Rose im Knopfloch und sichtlich erhitzt von einem kleinen Frühschoppen. Er hatte bestanden. Nicht gerade glänzend, aber was lag daran?