Chapter 4 of 14 · 3998 words · ~20 min read

Part 4

In dem Zimmer war eine schreckliche Atmosphäre. Es schien hier nie gelüftet zu werden. Der jüngere der beiden Schreiber hatte sich zum Überfluß an diesem Tage die Haare schneiden lassen und trug den Kopf mit einer billigen Pomade gesalbt, die einen unerträglichen Geruch nach ranzigem Fett ausströmte. Der ältere Schreiber schien taubstumm zu sein -- er hatte wenigstens den höflichen Gruß Emils nur mit mürrischem Kopfnicken erwidert und die Antwort auf die Fragen: ob der Herr Rechtsanwalt anwesend sei und ob wohl Aussicht sei, ihn zu sprechen, dem pomadisierten Jüngling überlassen. Auch die Arbeit schien er durchaus dieser jüngeren Kraft zuzumuten. Er schob dem Pomadisierten von Zeit zu Zeit ein Aktenbündel über den hohen Pultaufsatz zu, niemals ohne dabei die weiße Streusandbüchse umzuwerfen. Seine eigene Tätigkeit bestand ausschließlich darin, daß er sich mit einem in Zeitabständen von etwa zehn Minuten neugespitzten Hölzchen umständlich die Fingernägel reinigte und die Zähne stocherte. Dazwischen sah er zu seiner Erfrischung zum Fenster hinaus und schien nach seinem sich plötzlich in breitem Grinsen erhellenden Gesichtsausdruck zu schließen, zarte Beziehungen zu irgend einem weiblichen Wesen an irgend einem Küchenfenster des nächsten Hinterhauses anzuknüpfen.

Von Emil nahm nach Erledigung der ersten Fragen niemand mehr die geringste Notiz. Nebenan hörte er zuweilen eine sehr erregte Frauenstimme und dann eine gedämpfte Männerstimme. Offenbar berieth ~Dr.~ Neumann in diesem Raume eine nervöse Klientin. Emil hatte den dringenden Wunsch, daß der Fall nicht allzu verwickelt liegen möge. Denn die Aussicht noch eine weitere Stunde hier den Pomadengeruch auszuhalten und an des Bureauvorstehers sorgfältigen Toiletteverrichtungen teilzunehmen, hatte nichts Verlockendes.

Endlich hörte man nebenan Stühle rücken und die Türe nach dem Korridor gehn.

Emil faßte den letzten Willen Eleonorens fester in beide Hände und wartete. Es dauerte immerhin noch einmal eine starke Viertelstunde. ~Dr.~ Neumann mußte sich wohl von dem Besuch erholen.

Endlich flog die Verbindungstür nach dem Allerheiligsten des Anwalts auf, und ~Dr.~ Neumann winkte mit einer Kopfbewegung: „Der Nächste!“

Da Emil der einzige war, der wartete, so hatte er wohl ein Recht, das unbedenklich auf sich zu beziehn, sah sich aber zur Vorsicht noch einmal um, ob nicht etwa einer der Schreiber ... Der Pomadenkopf lag tief über den Akten; und auch der Bureauvorstand hatte sein Hölzchen hingelegt und verglich zwei mit vielen Stempeln und Unterschriften gezierte Papiere mit einem Eifer, als habe er auf der Welt kein anderes Interesse, als den Inhalt dieser merkwürdigen Blätter bis aufs letzte Pünktchen in sich aufzunehmen.

Emil saß ~Dr.~ Neumann in seinem Arbeitszimmer gegenüber.

Der Anwalt war nicht gerade ein schöner Mann. Aber er hatte, wie Emil sich gestand, einen interessanten Kopf. Der Hinterkopf wuchs aus einem bescheidenen Kränzlein schwarzer Haare spiegelblank und in der Form eines Straußeneis. Die Nase saß ein bißchen nach links geneigt und konnte sich bei leicht ironischen Bemerkungen zu einem merkwürdigen Bogen ziehen, wobei der Mund eine listige Stellung annahm, als ob er pfeifen wollte.

„Ich erkenne Sie sofort wieder,“ sagte ~Dr.~ Neumann, indem er wohlgefällig, sich seines vorzüglichen Physiognomiengedächtnisses freuend, nickte. „Sie sind der Herr, dem im vorigen Jahre der Blumentopf in der Lietzenburgerstraße auf den Kopf fiel.“

Emil verneinte. Ihm sei Gott sei Dank noch nie etwas auf den Kopf gefallen. Sein Name sei -- -- --

Aber schon unterbrach ihn der Rechtsanwalt, der den Widerspruch zunächst stirnrunzelnd angehört hatte. Sein Gesicht hellte sich auf, als er Emil abwehrend mit schöner Vertraulichkeit aufs Knie schlug und meinte:

„Pardon, nein. +Nun+ weiß ich’s. Sie waren im Vorjahre bei mir wegen des Wasserklosetts. Richtig! Nun, hat unser gepfefferter Brief an den Hauswirt genützt, was?“

Emil beteuerte, auch mit dem Wasserklosett nicht dienen zu können. Sein Name sei Emil Steinbrink. Von Beruf Maler. Er käme auch eigentlich nicht in einer eigenen Angelegenheit, sondern ...

„Wegen des Kegelklubs?“

Nein, er kegele leider nicht, oder doch so schlecht, daß sich ein Klub schwer dazu verstehen würde, ihn aufzunehmen. Die Sache sei vielmehr die: Seine vortreffliche Freundin, -- er dürfe sie wohl so nennen -- Eleonore Eikötter sei plötzlich gestorben ...

Dr. Neumann schlug sich mit beiden flachen Händen heftig auf die Schenkel. Vielleicht, daß dies seine Art war, tiefe, schmerzliche Anteilnahme zu bezeugen. Vielleicht auch, daß er nur damit ausdrücken wollte: „Ist’s die Menschenmöglichkeit! +So+ was kommt vor!“

Emil sprach weiter. Er erzählte von seiner Bekanntschaft mit der vortrefflichen Eleonore, rühmte ihr schönes Talent, ihren Seelenadel, ihr echt weibliches Empfinden und ging, da dieser Teil seiner Erzählung den Anwalt nur mäßig zu interessieren schien, auf ihren plötzlichen Tod über, auf sein und Adelgundes Wirken in der Wohnung und kam schließlich auf den zufälligen Fund des merkwürdigen Kuverts mit dem letzten Willen.

„Wie war doch der werte Name?“ fragte der Anwalt und putzte seinen Kneifer.

Emil wiederholte den werten Namen sehr langsam und deutlich.

Das Angesicht des Anwalts hellte sich auf, wie vorhin, als er Emil zweimal „erkannt“ hatte. In Emil stieg die leise Befürchtung auf, es werde als ganzes Resultat seiner wohlgesetzten Erzählung etwa eine neue Erkennungsszene mit Verwechslung stattfinden. Aber zu seinem Erstaunen schlug sich der Anwalt wieder mit beiden flachen Händen auf die Schenkel -- eine Bewegung, die ihm offenbar zum Ausdruck vieler und widersprechender Gemütsbewegungen diente -- und wiederholte, als ob ihm damit eine ungemein köstliche Erleuchtung aufgehe: „Steinbrink -- richtig: Emil Steinbrink!“

Da Emil nicht recht wußte, was er nun sagen sollte, verbeugte er sich höflich und reichte dem Anwalt das Testament.

Der aber legte es achtlos auf die Tischplatte und indem er Emil fixierte, als wolle er ihn hypnotisieren, fragte er:

„Sie kennen natürlich den Inhalt?“

„Ich? Nein.“

„Wirklich nicht?“

„Ich wußte nicht, daß ein solches Testament überhaupt existiert. Fräulein Eleonore und ich sprachen meist nur über Kunst.“

„Nur über Kunst -- natürlich.“ ~Dr.~ Neumann lächelte ein wenig ironisch, wie es Emil vorkam, als er dies „natürlich“ zweimal mit Nachdruck wiederholte. Entweder er hielt von der Kunst nicht viel oder gar nichts von Emils Aufrichtigkeit.

„Und, mein verehrter Herr Steinbock --“

„Bitte, Steinbrink.“

„Richtig, ja. Also, mein verehrter Herr Steinbrink, wenn ich Ihnen nun sage, daß Fräulein Eleonore Eikötter dieses Testament erst ganz kurz vor ihrem Tode gemacht hat. Vor ein paar Tagen erst. Hier bei mir. Unter meinem Beistand. Am -- warten Sie.“ Er kramte in einer Schublade und holte einen gefalzten Kanzleibogen heraus: „Hier haben wir’s: am 24. Mai gemacht. Nachmittags. Fräulein Eikötter kam sehr erregt zu mir und bestand darauf, sofort ein rechtskräftiges Testament aufzusetzen. Hier ist das Duplikat.“ ~Dr.~ Neumann versenkte interessiert seinen Blick in das Papier. „Und hier -- richtig -- ich irre mich +nie+ in solchen Dingen -- hier steht’s --“ Er sah wieder auf von dem Blatt: „Sie also sind dieser Herr Emil Steinbrink.“

Emil wurde verlegen. Es war klar, von +ihm+ mußte etwas in diesem Testament geschrieben stehen. Was denn wohl? Er faßte sich ein Herz.

„Hat Fräulein Eikötter vielleicht -- --“ er tippte sich fragend auf die Brust ... „vielleicht auch +meinen+ Namen?“

„Allerdings, mein verehrter Herr Steinbrink.“

„Es handelt sich wohl um ein -- ein Bild.“

„Nicht bloß um ein Bild“.

Emil fühlte, daß ihm die Kehle trocken wurde.

„So. Hm. Also um -- mehrere Bilder.“

„Die Bilder sind natürlich einbegriffen.“

„Verzeihen Sie, Herr Doktor, was heißt, das ‚einbegriffen‘. In +was+ einbegriffen?“

„Nun in die Erbschaft.“

„Aha. Das heißt -- verzeihen Sie, ich bin darin Laie -- in +meine+ Erbschaft.“

~Dr.~ Neumann schlug sich nun gleich mehrmals rasch hintereinander auf die Schenkel, was ein ziemlich beträchtliches Getöse gab.

„Aber, verehrtester Herr Steinbrink, wissen Sie das nun wirklich nicht? Fräulein Eleonore Eikötter hat sie unterm 24. Mai unter Übergehung ihrer Schwester, die nur Kleider und Schmuck, das Bett und den Nachtschrank erben soll und zur Hälfte die von ihr gemalten Bilder -- zum Haupterben eingesetzt.“

„+Mich+?“

Wenn dem guten Emil in diesem Augenblick ein aus der Wand herausspringender herkulisch gebauter Neger gemeldet hätte, S. M. der Kaiser von Abessynien habe ihn zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt und bitte ihn einstweilen als Zeichen seiner Gunst ein halbes Dutzend junger Leoparden als Geschenk anzunehmen, -- gewundert hätte ihn das weiter auch nicht mehr.

Er -- ein „Erbe“. Er -- ein „Haupterbe“.

„Das heißt,“ ~Dr.~ Neumann zog wieder das Papier zu Rate, „ganz so einfach ist die Sache nicht.“

Emil hatte die Sache keinen Augenblick für „ganz einfach“ gehalten. Er saß mit maßlosem Erstaunen da und wartete, wie sich die Angelegenheit komplizieren sollte.

„Es muß da ein Köter sein -- ein Hund, nicht wahr? Ein Hund männlichen Geschlechts?“

Emil nickte: „Flocki.“

„Richtig, Flocki. So ist er auch hier bezeichnet.“ Wiederum steckte ~Dr.~ Neumann die merkwürdige Nase in das Papier, dann las er -- mehr zu seiner Information, wie es schien, als für seinen mit offenem Munde lauschenden Hörer das Folgende vor:

„Da ich die unverständige und unedle Lieblosigkeit meiner älteren Schwester Adelgunde meinem Liebling Flocki gegenüber, der lange mein bester und einziger Freund war, genugsam kenne, und da ich dieses herzige Tier, das an Verstand und Güte manchen Menschen beschämt, auch nach meinem Tode zum besten betreut wissen will, so bestimme ich hierdurch: daß als mein +Haupterbe+ der mir befreundete Kunstmaler Emil +Steinbrink+ zu betrachten sein soll. Und zwar soll genannter Kunstmaler Emil Steinbrink die Nutznießung der Zinsen meines Gesamtvermögens, dessen Kapital nicht angegriffen werden darf, so lange haben, als mein Hund +Flocki+, den ich seiner sorgsamen Pflege anvertraue, +am Leben ist+. An dem Tage, an dem mein guter Flocki stirbt, gehört das Kapital zur Hälfte meiner einzigen Schwester Adelgunde, zur andern Hälfte soll es der Kunstgenossenschaft zufallen mit der Auflage, alljährlich von den Zinsen einen hierfür besonders begabten Stipendiaten nach Holland zu schicken, um die herrlichen Werke von Melchior d’Hondecoeter, Jan Davidy de Heem, Rachel Ruysch und Jan Weenix mit Fleiß zu studieren.“

* * * * *

Wie Emil aus dem Zimmer des Anwalts herausgekommen war, das wußte er selbst später nicht mehr zu sagen. Selbst daß er in der Verwirrung vom Kleiderhaken im Vorzimmer einen falschen Hut abgehängt hatte, dem Geruch nach offenbar die fettige Kopfbedeckung des pomadisierten Schreibers, merkte er erst einen Tag später.

Sein Herz strömte über von Dankbarkeit. Haupterbe -- Zinsen -- Nutznießung -- all diese neuen Begriffe wirbelten ihm nur so im Kopf herum. Er wußte, Eleonore war so gestellt gewesen, daß sie ganz behaglich leben konnte, auch ohne je eins ihrer Bilder zu verkaufen. Das würde also jetzt +sein+ Los sein. Ein Nabob! Nun konnte er die +ganze+ Welt violett sehn, so lang es ihm paßte. Das heißt ...

Sinnend stand er an einem Laden still. Es war zufällig ein ganz bescheidenes, kleines Käsegeschäft und eigentlich an den aufgestapelten runden und eckigen Käsen nicht viel zu sehen. Emil wollte auch durchaus nicht seine Schaulust befriedigen. Nur nachdenken wollte er, ungestört. Er bohrte seinen Blick in einen großen Holländer Käse und überlegte. Lebenslänglich war die „Nutznießung“ nicht. Nur solange Flocki ... Hm. Flocki war gesund. Gewiß. Gesundheit war eigentlich seine einzige Tugend. Sofern man diesen naturgemäßen Zustand eine Tugend nennen kann. Na ja. Flocki konnte alt werden, ein Hundegreis, ein Patriarch des Viertels. Er hatte von Hunden gehört, die zwanzig Jahre alt geworden waren. Allerdings, sie waren taub und blind und rochen sehr übel. Aber schließlich -- sie +lebten+. Darauf kommt’s an. Normal war freilich ein solches Alter nicht. Was war wohl das normale Alter eines gesunden Hundes. War das bei den einzelnen Rassen verschieden, oder --?

Der Besitzer des Käseladens hatte mit Interesse den seltsamen Mann vor seinem Erker stehen sehen, der nun schon seit zehn Minuten den starren Blick in den Holländer Käse bohrte. Er war behutsam in die Ladentür getreten und, entschlossen dem offenbar Unschlüssigen die Entscheidung zu erleichtern, erläuterte er im herzlichen Ton:

„Echter Edamer. Kann ich Ihnen sehr empfehlen. Darf ich Ihnen vielleicht ein Viertelchen --?“

Emil fuhr jäh aus seinen Meditationen auf. Er konnte sich nicht ohne weiteres in die nüchterne Wirklichkeit zurechtfinden und fragte verwirrt: „Edamer -- was ist Edamer?“

Der Händler lachte. „Nu der Käse da, den Sie die ganze Zeit so verliebt anstarren. Soll ich Ihnen ein Stück abschneiden?“

In diesem Augenblick kam ein sehr ruppiger schwarzer Spitz aus dem Laden und rieb sich leise knurrend am Bein seines Herrn.

Wie hypnotisiert starrte Emil auf den Köter. Langsam, wie unter einem unerklärlichen Zwang, kam es von seinen Lippen:

„Käse -- nein. Aber -- -- aber können Sie mir vielleicht sagen, wie +alt+ ein gesunder Hund werden kann?“

* * * * *

Etwa ein halbes Jahr nach diesem denkwürdigen Nachmittag traf ich zufällig mit Emil zusammen. Wir waren Schulkameraden gewesen und ein gemeinsamer tiefer Haß gegen die Mathematik hatte uns einander näher gebracht. Wenn trigonometrische Klassenarbeiten geschrieben wurden, war ich sein Trost und er der meine. Und die Note 5 in Verbindung mit einer Stunde Arrest war uns +beiden+ sicher.

Später hatten wir uns aus den Augen verloren. Ich hatte in Süddeutschland studiert, er hatte in Norddeutschland gemalt. In einem „Salon der Zurückgewiesenen“ hatte ich mal zufällig ein Bild von ihm gefunden, das mir durch eigentümlich violette Kühe auffiel. Dann war sein Name wieder zurückgesunken in den Nebel, der tausend Dinge und Menschen umspinnt, die uns einmal etwas bedeutet haben, ja vielleicht lieb und teuer waren.

Und nun stand er plötzlich leibhaftig vor mir. In der Potsdamerstraße vor einem unscheinbaren Geschäft, in dem Vogelfutter und Hundekuchen unter einem Haufen schmutziger Käfige mit ruppigen Waldvögeln, denen man noch die rohen Griffe der Fallensteller ansah, aufgestapelt lagen.

Es war ein nicht übler Herbsttag, und Emil hatte, dem freundlichen Sonnenschein Rechnung tragend, sich sehr hell gekleidet. Er sah überhaupt in seinem modischen dunkelgelben Herbstpaletot, dem blanken Zylinder und den rostroten dänischen Handschuhen elegant, ja fast stutzerhaft aus. Jedenfalls so, wie man einen Maler, der violette Bilder anfertigt, ohne zunächst den Geschmack des zahlungsfähigen Publikums für seine Nuance zu gewinnen, nicht häufig trifft. Sogar einen sehr ausgeprägten Kneck trug er in den diskret karrierten Hosen, und seine schmalen amerikanischen Knopfstiefel zeigten spitze spiegelnde Lackkappen.

„Emil, alter Junge, wie geht’s denn?“

„Na ich danke, so pflaumenweich. Man lebt so.“

„+Gut+ lebt man, scheint’s, lieber Sohn. +Sehr+ gut, was? Du bist ja auf deine alten Tage ein veritabler Dandy geworden.“

„Ach geh! Man kann doch schließlich nicht den ganzen Tag im bekleckerten Sammetkittel herumlaufen, um der Welt zu zeigen, daß man ein sogenannter Künstler ist.“

„Du bist wohl verheiratet, Emil?“

„Ich? Ach nein. Du meinst wegen ... Das täuscht. Ich bin bloß ... ich habe bloß ... Aber findest du nicht, daß es hier +zieht+?“

„Na, ein Mailüfterl kannst du schon nicht verlangen. Wir sind ja schließlich nicht an der Riviera und schreiben seit ein paar Tagen November. Übrigens du siehst doch blühend gesund aus. So ein bißchen Herbstwind -- --“

Emil lächelte etwas verlegen. „Ach ja. +Ich+ schon. Es ist auch nicht meinetwegen, verstehst du. Es ist wegen -- --“

Ich folgte seinem besorgten Blick und entdeckte jetzt erst einen Hund, den Emil an einer aus feinen Lederstreifchen geflochtenen gelben Führleine befestigt hatte.

„Ach, du hast einen Hund?“

„Ja. Ich habe -- ich habe einen Hund.“

Das kam etwas gepreßt heraus, fast als wollte er sagen: Ich wollte, +du+ hättest den Hund und nicht ich.

„Wie heißt er denn?“ forschte ich teilnahmsvoll.

„Flocki.“

„Du, weißt du, ich hätte ihn doch schon anders genannt. Flocki -- das klingt so verdächtig nach einer alten Jungfer.“

„+Ich+ hab’ ihn auch nicht so genannt. Er heißt nun einmal so. Ich finde den Namen ja selbst gräßlich. Zum Übelwerden. Aber ich fürchte, wenn ich das Tier plötzlich umtaufe -- nun ist es doch schon so sehr daran gewöhnt -- er könnte am Ende Schaden nehmen -- z. B. denke dir: ich hätte ihn Nero genannt, sagen wir Nero: Und nun gehe ich mit ihm auf der Leipzigerstraße und sehe, daß so ein gräßlicher Omnibuskasten -- sagen wir ‚Lützowplatz-Rosentaler Tor‘ -- dabei ist, mit seinem Riesenrad den Hund zu zerquetschen. Er ist unvorsichtig, verstehst du. Ich rufe also: Nero! Nero! Aber er -- er ist’s noch nicht gewöhnt, Nero gerufen zu werden. Er bezieht es durchaus nicht auf sich. Er hört’s nicht. Rrrrtsch -- das Riesenrad Lützowplatz-Rosentaler Tor geht mitten über seinen Bauch hinweg. Maria und Josef! Ich darf’s gar nicht +aus+denken!“

Ich hatte mit wachsendem Befremden dieser lebhaften Phantasie des Freundes gelauscht. War er so nervös? Er schien das Schreckliche schon wie eine Fata Morgana vor sich zu sehen und den schmerzlichen Grimassen nach zu urteilen, die er schnitt, verursachte ihm diese Erzählung geradezu seelische Qualen.

Mein Blick ruhte auf dem Köter, dem diese offenbar innige Liebe galt. Ich sah einen kurzbeinigen, gedrungenen Hund, in dessen schwarzem Kopf Ähnlichkeiten mit einem Mops und mit einem Pudel unverkennbar waren, ohne daß man gewagt hätte, sich für eine von beiden Rassen zu entscheiden. Der schraubenförmig gedrehte Schwanz war durchaus Mops; die lockige grauschwarze Behaarung wies hingegen wieder auf die aristokratische Familie der Pudel. So stellte er sich meinem Empfinden als eine sehr unglückliche Kreuzung von Mops und Pudel dar, mit welcher Vermutung ich ja, ohne Kynologe zu sein, so ziemlich das Richtige getroffen hatte.

„Es ist jetzt unsere Stunde zur ersten Abendmahlzeit,“ unterbrach Emil meine stillen Beobachtungen. „Wir essen nämlich immer in Abständen von drei Stunden eine kleine Mahlzeit --“

„Wir -- wer ist das ‚wir‘?“

„Nun -- Flocki und ich. Das ist viel gesünder als eine größere Mahlzeit, bei der man alles so gierig mit hinunterschlingt, Knochen und all so was, sagt der Arzt.“

„Ja, ums Himmels willen, welcher Arzt kommt auf den Gedanken, daß man Knochen ...“

„Der Tierarzt natürlich. Weißt du, ich -- ich bin gottlob gesund und bei der Hand. Das bißchen, was +mir+ mal fehlt, da kann schließlich der Tierarzt auch raten. Ein sehr netter Mann. Er kommt -- Flockis wegen -- wöchentlich zweimal.“

Er sah auf die Uhr und verfärbte sich. „Teufel noch mal! Es ist schon ein Viertel über 5 Uhr. Bis wir zu Hause sind, ist es bestimmt halb sechs. Wenn ihm das nur nichts schadet. Er ist seit zwei Tagen mit der Verdauung nicht ganz in Ordnung.“

„Flocki?“

„Natürlich. Der Arzt sagt zwar, es hätte nichts auf sich. Aber weißt du, ich bin da sehr mißtrauisch. Eine Stiefschwester meines Vaters hat mit sechzig Jahren ... Aber weißt du, das könnten wir alles bei mir zu Hause besprechen. Du hast doch nichts Wichtiges vor? Nein? Also komm’, wir nehmen ’ne Droschke ... He, Kutscher, +Sie+ da, Kutscher!“

Emil hatte einen Taxameter herangewinkt.

Flocki war der erste, der hineinsprang mit der behenden Fröhlichkeit eines Hundes, der dieses angenehme Verkehrsmittel sehr wohl kennt und schätzt.

Als letzter stieg Emil ein. Er saß sehr unbequem, da er seine Beine fast an den Leib ziehen mußte, um Flocki, der behaglich zur Kugel gerollt auf dem Boden des Wagens lag, nicht zu inkommodieren.

Es dauerte nicht lange, so erklang vom Wagenboden ein abscheuliches sägendes Geräusch. Flocki schlief fest und schnarchte.

„Er schläft sonst erst +nach+ der Mahlzeit,“ meinte Emil besorgt. Und da er meine vielleicht belustigte Miene sah, so fügte er zögernd hinzu: „Er ist ein so sonderbarer Hund, weißt du, +so+ sonderbar. Und dann für +mich+ -- schließlich, er ist nicht wie ein anderer Hund. Manchmal --“

Schien es mir nur so oder flammte wirklich ein leichter Ingrimm in diesen Augen, die auf den schlafenden Flocki gerichtet waren, als der Freund den unterbrochenen Satz wie im Traum vollendete: „Manchmal möchte ich fast lieber einen robusten Geißbock am Bändel haben, als diesen sonderbaren Hund!“

* * * * *

Zu Hause hatte mir Emil die ganze Geschichte erzählt von Leonore, von Flocki und ihm selbst.

Er wohnte jetzt am Viktoria-Luisenplatz. In einem Gartenhaus allerdings. Drei Treppen, aber sehr behaglich. Ein Atelier, vier hübsche Zimmer, das größte und schönste war das Schlafzimmer. In der Ecke ein Körbchen mit violetter Seidendecke; offenbar für Flocki.

„Schläft er bei dir im Zimmer?“

„Ja. Der Tierarzt sagt, ihm schadet’s nicht. Und mir -- das ist ziemlich egal. Ich höre dann besser, wenn er hustet und all so was. Auch träumt er zuweilen recht lebhaft. Ich stehe dann auf und massiere ihm die Vorderpfoten.“

Der ganze Haushalt war für Flocki eingerichtet. An allen Fenstern eiserne Gitterstäbe in halber Manneshöhe, wie sie ängstliche Mütter wohl in den Kinderstuben anbringen lassen.

„Flocki könnte auf so ein Fensterbrett springen, verstehst du, und dann das Übergewicht bekommen und in den Hof stürzen. Das wäre ...!“

Wieder betrachtete ich, wie vorhin im Taxameter, die schreckliche Erregung, die sich des Freundes bemächtigte bei der Erwägung solchen möglichen Unglücksfalles, den seine rastlose Phantasie ausspann.

„Ja, warum ziehst du denn nicht parterre?“

„+Hab+’ ich gewohnt. Getrennt vom Atelier. Erst im Vorderhaus. Da regte sich Flocki furchtbar über jeden vorübergehenden Hund auf. Dann im Gartenhaus. Da neckten Bäcker und Metzger und die rüden Schätze der Dienstmädchen im Haus und was sonst da vorüberkam und Zeit hatte, das arme Tier so sehr, daß ich, ohne den Kontrakt auszuhalten, wegzog.“

„Ja, Lieber, da bist du eigentlich, genau besehen, der Sklave deines Hundes.“

„Viel anders ist’s schon nicht,“ seufzte Emil. „Ich kalkuliere so. Wenn er gut gepflegt wird und rationell lebt -- er hat einen ganz kleinen Herzfehler --, so kann er, sagt der Tierarzt, noch zehn bis zwölf Jahre leben. In zwei, drei Jahren aber schon hoffe ich mein großes Bild fertig zu haben; und dann wird es mich in weiteren zwei, drei Jahren bekannt machen. So erreiche ich die pekuniäre Unabhängigkeit von Flocki. Und dann --!“

Wieder leuchtete ein ingrimmiger, fast grausamer Zug in des Freundes sonst so mildem Gesicht. So mögen die Sklaven um Spartacus gelächelt haben, als sie in den Kellern der Fechtschule zu Capua sich heimlich versammelnd von dem furchtbaren Blutbad träumten, in dem ihre römischen Unterdrücker ersaufen sollten.

„Und was stellt das Bild dar?“

„Die wilde Jagd. Den wilden Jäger auf dem Gespensterroß, hinter ihm die Meute über niedrig hängende Wolkenfetzen fegend. Alles bei Mondbeleuchtung.“

„Natürlich violett?“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe mal vor Jahren Kühe von dir gesehen. Daraus war eine gewisse Vorliebe zu erkennen -- --“

„In diesem Bild der wilden Jagd ist sie aber berechtigt.“

„Kann man’s mal sehen?“

„Ja eigentlich ...“ er wurde verlegen, „es steckt noch ganz in den Anfängen. Aber wenn du dir eben das Nötige dazu denkst.“

Das versprach ich, und so nahm er einen sehr schönen, leicht violett getönten Lappen von einer respektablen Leinwand.

Das erste, was ich sah, war -- +Flocki+. Flocki nicht in einer, sondern in dreißig, vierzig Gestalten. Die ganze Meute hinter dem anatomisch sehr merkwürdigen Gespensterroß war Flocki und Flockis Geschlecht.

„Du, Emil, weißt du -- die Hunde ...“

„Ja? Fällt dir das +auch+ auf. Es ist mir so gekommen. Ich weiß nicht wie. Ich wollte natürlich Jagdhunde malen, Bracken. Hatte auch mal ein Modell hier. Aber Flocki hat sich wie wahnsinnig angestellt hinter der Tür dort. Dann hab ich eben mehr aus dem Kopf ... Nun ist das Unglück, verstehst du, ich beschäftige mich innerlich soviel mit Flocki -- er bedeutet mir soviel, +muß+ mir soviel bedeuten -- daß unwillkürlich seine Züge und seine Eigenart ... Es ist mir im Grunde gräßlich. Soll das Malefizvieh mir auch noch meine Kunst ruinieren!! Satanspest noch einmal!“

Wie ein Sturm der Leidenschaft war’s plötzlich über ihn gekommen. Er griff eine Handvoll Pinsel aus einer alten Blechdose und warf sie wütend wider die Wand. Dann setzte er sich auf einen in kräftigen Farben leuchtenden kleinen Gebetsteppich, der einen alten Diwan deckte, vergrub seinen Kopf in die Hände und schien nicht übel Lust zu haben, zu weinen.

Ich wußte in meiner Überraschung nicht recht, was ich machen oder sagen sollte. Schließlich fand ich den mir selbst nicht sonderlich einleuchtenden Trost: „Mein Gott, vielleicht findet man das sehr originell. Die Rasse ist wenig bekannt.“

„Schöne Rasse,“ knirschte Emil aus seiner Ecke. „Ist gar keine Rasse, ist eine Gemeinheit, ist eine Parodie auf das Hundegeschlecht. Himmel, wie mir das wohltut, mich einmal gehen lassen zu dürfen! Flocki schläft, und du bist ein ehrlicher Kerl. Immer diese Komödie der Zärtlichkeit. Und die Freiheit beim Teufel. Und die Kunst beim Teufel. Und der Mut beim Teufel; der Mut, diese faule, träge, dumme, widerliche Bestie persönlich am Griebs zu packen und in den Landwehrkanal zu werfen mitsamt der verdammten Rente von sechstausend Mark, die mir das lebendige Scheusal trägt.“

„Sechs-tau-send Mark. Donnerwetter! Das ist allerdings ..!“