Chapter 7 of 14 · 3994 words · ~20 min read

Part 7

Anton Brömmelmann spendierte deutschen Sekt zum Mittagstisch. Er stieß mit dem Sohn an und hielt eine Rede, in der er sagte: er sei zwar der Vater ... aber er müsse denn doch sagen ... und überhaupt habe Demosthenes ganz recht gehabt, wenn er das schöne Wort gesprochen, das ihm jetzt nicht einfalle ... und der große Liebig sei +auch+ ein schlechter Schüler gewesen ... und Henrik Ibsen hätte „kaum genügend“ in der Trigonometrie gehabt ... und das Leben sei zwar schwer, aber schön ... und der Name Brömmelmann lege Pflichten auf ... jawohl, das tue er ... und so hoffe er heute ... denn +das+ müsse die Jugend immer hochhalten ... und dafür könne er keinen Geringeren zitieren, als Cicero ... aber das +wolle+ er nicht ... denn er sei froh, daß er all das Zeug jetzt vergessen könne ... denn ehrlich gesagt: zum Halse sei’s ihm herausgewachsen ... und übrigens sei es Zeit, den Großvater von der Bahn abzuholen ...

Berthold bezog die Universität.

Der Vater wollte keinen Druck auf ihn ausüben. Er solle studieren, was er wolle. Theologe -- gut; aber protestantischer. Arzt -- gut; aber nicht Spezialarzt für ansteckende Krankheiten. Jurist -- gut; aber nicht „Kameralia“ dazu. +Zweierlei+ zugleich, das gehe nicht. Mit diesen Einschränkungen erlaubte Anton Brömmelmann alles. Mathematiker war nicht zu befürchten. Auch für das Sanskrit zeigte sich bei Berthold keinerlei Neigung. Alle Ermahnungen schlossen:

„Vergiß nicht, daß du mein +Einziger+ bist!“

Berthold Brömmelmann vergaß das nicht.

Als er nach dem ersten Semester seine Schulden beichtete, erwies es sich, daß er immerzu daran gedacht haben mußte, daß er der „einzige“ war. Außerdem war er „Hasso-Suebe“, trug einen farbigen Bierzipfel, einen Zwicker und eine Tiefquart im Kinn, die dickrandig und tiefrot war und an jene alten Wunden erinnerte, die eine Neigung haben „an der Bidassoa-Brücke“ aufzubrechen. Und er roch nach Jodoform wie ein ganzer Transportzug des Roten Kreuzes.

Über die Richtung seines Studiums war er sich noch nicht schlüssig geworden. In der Anatomie war ihm schlecht geworden. Bei den Pandekten noch schlechter. In der Theologie störte ihn der heilige Geist, unter dem er sich absolut nichts denken konnte. Und Mathematik kam noch immer nicht in Betracht.

Leider änderte sich dies kaum „positiv“ zu nennende Resultat seiner Studien auch fürderhin nicht. Er schickte spaßhafte Bierkarten, fidele Gruppenbilder und unbezahlte Rechnungen, begleitet von humoristischen Briefen, nach Hause. Über eine Berufswahl aber ließ er sich weiter nicht aus.

Als ihn der Vater auf Annemaries Drängen einmal besuchte, kam der alte Herr graugrün aussehend nach drei Tagen wieder. Er erinnerte sich noch deutlich vieler junger Herren mit gelben Mützen, die ihn an der Bahn empfingen und mit fast königlichen Ehren auf einen sehr merkwürdigen Aussichtspunkt kutschierten, wo man -- und hier wurden seine Erinnerungen undeutlich -- erst eine Pfirsich-, dann eine Ananasbowle trank. Es konnte aber auch umgekehrt gewesen sein. Wenn er sich nicht täuschte, hatten sie dann alle ein wunderschönes Lied mit erstaunlich vielen Versen gesungen, und dann -- -- -- ja, man konnte ihn totschlagen, aber ihm war’s, als ob dann irgend ein Fackelzug stattgefunden hätte. Es konnte aber auch eine Beerdigung oder eine Hochzeit gewesen sein. Ja selbst eine Kindstaufe hielt er manchmal für nicht ausgeschlossen. Und was die Studienpläne Bertholds anbetraf -- man war +nicht+ dazu gekommen, darüber zu sprechen ....

So war der Stolz des Hauses Brömmelmann im siebenten Semester, ohne daß sein Studium sichtbare Früchte getragen.

Da begab es sich, daß der vortreffliche Großvater in Neuenburg seinen siebzigsten Geburtstag feierte. Unglücklicherweise hatte Anton Brömmelmann sich kurz vorher den Fuß vertreten, das heißt er war mit dem linken so außergewöhnlich kräftig auf den rechten getreten, daß der Knöchel gelitten hatte.

Annemarie, die treue Seele, machte ihm kalte Umschläge und konnte nicht abkommen. Berthold fuhr also allein als bevollmächtigter Abgesandter der Familie nach Neuenburg, seiner Geburtsstadt, die er noch niemals betreten.

Als erstes Lebenszeichen kam -- eine Ansichtskarte aus Neuenburg, die der Großvater +mit+ unterschrieben.

„Zeichen und Wunder!“ sagte Anton. „Der gute alte Herr unterschreibt +Ansichts+karten. Ja, ja, das Alter macht milder.“ Und eines Zitats sich erinnernd, das er vor Jahren -- Berthold saß in Ober-Sekunda -- aus einem Spruchbuch als köstliche Perle für den schmückenden Schluß eines deutschen Aufsatzes gefischt, fügte er hinzu: „Wie sagt doch Goethe so schön: Was man in der Jugend sich wünscht, das hat man im Alter die Fülle.“

Annemarie lächelte: „Papa hat sich doch in der Jugend keine Ansichtskarten gewünscht.“

„Nein aber -- --“ Er fühlte selbst, daß er blödsinnig zitiert und versuchte hinter einem schalkhaften Lächeln tiefen Sinn zu verbergen.

„Nun +lies+ schon!“ drängte Annemarie.

Und er versuchte zu lesen, was sonst noch auf der merkwürdigen Karte stand. Aber außer den Worten „kalte Ente“ konnte er nichts herausbringen.

„Kalte Ente --“ meinte Annemarie kopfschüttelnd, „soll wohl ‚kalte Hände‘ heißen.“ ...

Anton Brömmelmann glaubte das nicht ....

Mehrere Tage hörte man nichts weiter. Weder von dem Jubilar noch von dem festlichen Abgesandten. Da plötzlich ein Brief, wahrhaftig ein +langer+ Brief Bertholds.

„Wie lieb von ihm!“ lobte die Mutter.

Anton Brömmelmann mißtraute. „Er pumpt mich an!“ taxierte er.

Und er las.

„Liebe Eltern! Ihr werdet Euch gewundert haben. ... Eltern wundern sich immer. Aber das wird noch besser kommen.“ --

„Etwas konfus, was?“ schaltete Anton Brömmelmann ein und sah über die Brille zu Annemarie; dann las er weiter:

„Ich glaube manchmal, ich habe Euch Sorge gemacht. Vor allem +Dir+, lieber Vater. Na, du hast kein Geschäft, nicht wahr? Und etwas muß der Mensch doch haben. So hattest Du +mich+.“ --

„Das ist ja eine Epistel, als sollte er gehenkt werden,“ meinte der Vater. Aber die Mutter bedeutete ihm, weiter zu lesen.

„Mit dem Studium -- darüber machen wir uns nichts vor -- war es nichts. Mündlich einmal davon. Als Papa mich besuchte, wollte er durchaus nicht davon sprechen ....“

„Nanu?“ fragte Annemarie.

Aber Anton Brömmelmann überhörte das und las weiter:

„Ich stamme aus einer Kaufmannsfamilie. Ich weiß zwar nicht, +welcher+ Art dein Geschäft eigentlich war, lieber Papa, aber es war ein Geschäft, nicht wahr? Nun, ich glaube, ich würde mich auch besser zum +Kaufmann+ eignen. Und so wirds kommen. Denn, um’s kurz zu sagen, ich bin +verlobt+.“

Das Ehepaar Brömmelmann sah sich an, als ob ein geflügeltes Krokodil im Zimmer sei. Keines brachte ein Wort heraus.

Dann ergriff die resolute Mutter den Brief und -- nun las +sie+ zu Ende; las in einem Tempo, in dem nur eine Frau lesen kann, die der größten Neuigkeit ihres Lebens auf der Spur ist.

„Ich habe das süßeste, reizendste, entzückendste Mädel von der Welt kennen gelernt .... Durch Großpapa. Der verkehrt mit den Eltern. Er sagt, Ihr kennt sie auch und lacht immer ganz verschmitzt dabei. Übrigens hat er immer noch die Marotte mit den Ansichtskarten ....“

Der Teufel hole seine Ansichtskarten! Was ist das für ein Mädel?

„Die Eltern haben ein Geschäft. Ein sehr +gutes+ Geschäft. ~NB.~ Sie ist das +einzige+ Kind, heißt Mieze -- ist das nicht reizend? Mieze +Hinzelmann+. Ihr müßt sie Euch so denken ....“

Anton Brömmelmann saß erstarrt. „Hinzelmann, doch nicht +unser+ ....?“

Der Blick der Mutter war bis zum Schluß des Briefes geflogen.

„Das Geschäft, liebe Eltern, von dem ich oben sprach, ist ja ein bißchen sonderbar. Lieber Gott, +alles+ kann nicht Poesie sein in der Welt, nicht wahr? Es gibt auch Dinge, die ... Aber der alte Herr Hinzelmann -- übrigens ein famoser Kerl; +fast+ so nett, wie +mein+ alter Herr -- der meint: Geschäft ist Geschäft. Ich hab’ mit ihm gesprochen. Er ist +sehr+ einverstanden. +Seinen+ Segen habe ich schon. Einzige Bedingung, ich muß später das +Geschäft+ übernehmen....“

Annemarie ließ den Brief sinken. Sie sah nach Anton Brömmelmann, der, ein Bild schöner aber tiefer Resignation, in seinem Sessel saß.

„Hast du gehört, Vater?“

Er nickte bloß.

Aber die treue Lebensgefährtin schien anzunehmen, daß der Schweigsame zwar gehört, aber nicht verstanden habe. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und rüttelte ihn sanft, als wolle sie ihn aus einem erst halb überwundenen Schlummer zur Wirklichkeit wecken.

„Anton -- das Geschäft -- +unser+ Geschäft -- --“

Die Züge des Versteinerten belebten sich. Den Lippen entfuhr ein Zischlaut, wie ihn ungeduldige Lokomotiven knapp vor der Abfahrt hören lassen. Dann bildete der Sprechapparat Worte, tonlos, mechanisch, wie einem Uhrwerk gehorchend und ohne seelische Beteiligung:

„Mutter +dafür+ bin ich ausgewandert, +dafür+ hab’ ich +Latein+ gelernt und die punischen Kriege und habe Kegelschnitte berechnet, damit mir ...“

„Geh’, Alter!“ Die Mutter legte ihm den Arm um den Hals. „Wenn er sie doch +gar+ so gern hat!“

Aber Anton Brömmelmann dachte in diesem Augenblick nicht an den Sohn. Er sah mit seines Geistes Augen den Vater, +seinen+ Vater voll Stolz ein Zeitungsblatt auseinander falten. Eine ganzseitige Annonce im Tageblatt: „Urteile von Hygienikern, Professoren, Künstlern über Anton Brömmelmanns weltberühmte ...“

„Wir wollen ihm telegraphieren,“ mahnte die Mutter.

„Ja, ja.“

Anton Brömmelmann ermannte sich.

„Ich will einen -- Glückwunsch aufsetzen. Gib mir ein Stückchen Porzellan -- wollt’ ich sagen: ein Stück Papier.“

Und Anton Brömmelmann sandte an die Adresse seines alten Geschäftes dem beinah studierten Sohne seinen väterlichen Segen.

[Illustration]

[Illustration: Der rote Esel

Ein lyrisches Intermezzo]

Christian Fürchtegott Gellert hat eine sehr schöne Geschichte von einen grünen Esel zu erzählen gewußt. Ich maße mir durchaus nicht an, mit Christian Fürchtegott Gellert in der Kunst zu fabulieren, konkurrieren zu können. Aber eine Geschichte von einem Esel kann ich auch erzählen.

Gewöhnliche Esel sind, wenn ich mich nicht täusche, alle grau. Christian Fürchtegott Gellerts Esel ist grün. Mein Esel aber ist rot. Das mag einem Skeptiker -- und wer ist in unserer Zeit nicht Skeptiker? -- ein bißchen unwahrscheinlich vorkommen, und Brehms Tierleben gibt seinem Zweifel in der kleinen wie in der großen Ausgabe scheinbar recht. Trotzdem ist, wie ich nachdrücklich bemerke, ein ungläubiges Lächeln meiner Angabe gegenüber äußerst frivol und tadelnswert, denn ich spreche nicht von einem wirklichen, lebendigen Esel, sondern meine Geschichte handelt von einem Gummiesel. Und wer kann der Phantasie eines Gummispielzeugfabrikanten Vorschriften machen? Warum, frage ich, soll sich ein erfinderischer Kopf nicht nach Analogie eines +grauen+ Esels auch einen +roten+ Esel denken können?

Ja, wenn ich mir die Sache recht überlege, muß ich sagen, ein roter Esel hat ebensogut seine Existenzberechtigung wie ein grauer Esel, und es erscheint mir unter gewissen Gesichtspunkten als ein Loch im Schöpfungsplan, daß diese liebreiche und gern zu Vergleichen herangezogene Tierklasse nicht auch eine rote Spielart aufwies, als sie im Paradiesgarten erschien. Doch lassen wir die theologischen Spitzfindigkeiten, die uns das Vergnügen an meiner kleinen Geschichte verderben könnten, ehe sie begonnen.

Es gibt also einen roten Gummiesel, eine kleine und zierliche Miniaturausgabe des ergötzlichen Haustiers. Dieser kleine rote Gummiesel ist vor nicht allzulanger Zeit in den Besitz meiner einzigen Erbin übergegangen, die ihre Bewunderer noch jeden Morgen empfangen darf, wenn sie selbst in der -- Badbütte sitzt und sich damit unterhält, ihre Umgebung so naß zu machen, als es sich in zehn Minuten heißen Bemühens durch heftige Bewegungen zweier runder Beinchen und zweier ebensolcher Ärmchen irgend bewerkstelligen läßt. Meine Erbin ist nämlich noch kein Jahr alt. Und das nimmt der Historie jeden unmoralischen Beigeschmack.

Der rote Gummiesel ist ein sinniges Weihnachtsgeschenk, das meiner Tochter von ihrem leiblichen Vater gemacht wurde.

Ich hatte vier Wochen vor Weihnachten angefangen, für das damals sieben Monate alte Baby ein passendes Präsent auszuwählen. Spielzeug von Holz, Stein, Wolle und Papier hatte ich schon in fünf Läden prüfend durcheinander geworfen, ohne mich für ein bestimmtes entscheiden zu können. Mein zärtliches Vatergemüt litt nämlich unsägliche Qualen unter der fixen Idee, daß diese Spielzeuge alle +abfärben+ müßten, wenn das Kind sie nach Kinderart in den Mund steckte. Daß diese Farben furchtbare Giftstoffe enthielten, war für meine Phantasie eine ausgemachte Sache; und daß ich mein Baby durch mein Weihnachtsgeschenk in Lebensgefahr bringen könnte, war ein Gedanke, der mir fortgesetzt den Hirnkasten umstülpte und den kalten Schauder über den Rücken laufen ließ.

Einmal träumte ich sogar, ich sei des verbrecherischen Versuches angeklagt, meinem Kind einen ausgestopften Vogel, an dem Arsenik klebte, in den Mund gesteckt zu haben, um das Vermögen des Onkels Ignaz allein verprassen zu können. Nun hat Onkel Ignaz zwar kein Vermögen, aber drei Kinder, die es erben würden, +wenn+ er’s hätte. Mein Traum war also so dumm als möglich. Aber, wenn schon ich am nächsten Morgen meiner Frau gegenüber mein Gestöhn in der Nacht ins Lächerliche zu ziehen suchte, gab ich doch Befehl, daß die beiden ausgestopften Möwen von dem Schrank im Eßzimmer unverzüglich entfernt und auf den Boden geschafft würden.

Meine Frau sprach zwar schüchtern die Vermutung aus, das in der nächsten Zeit unser Baby noch kaum auf den Schrank klettern werde, um an den Möwen zu lutschen, aber ich blieb fest. Die beiden Möwen kamen auf den Speicher; und ich bin erst vor einigen Tagen maßlos über die dummen Vögel erschrocken, als ich die Dachfenster schließen wollte und plötzlich die weißen, gespensterhaften Tiere unbeweglich in einer Ecke sitzen sah.

Weihnachten rückte immer näher.

Es roch schon verdächtig nach verbranntem Lebkuchen, und meine Frau duftete immer nach Zitronat, wenn ich sie küßte. Aber ein Geschenk für mein Baby hatte ich noch immer nicht. Für die Bekleidung und den Putz sorgten sicherlich die beiden Großelternpaare. Der unvermeidliche silberne Löffel war ihm auch sicher.

+Mein+ Geschenk aber sollte das Kind erfreuen, wahrhaft beglücken. Das tut doch ein silberner Löffel nicht! Es mußte etwas ganz Außergewöhnliches sein.

Ich lief sehr aufgeregt mit heißem Kopf und kalten Füßen durch die verschneiten Straßen und sann dem „Außergewöhnlichen“ nach.

Eine Peitsche -- eine Puppe -- ein Pferdelos -- ein Glasschränkchen -- eine Taschenuhr -- eine Gartenschippe -- eine Stehlampe -- ein Freßkorb -- ein Kanarienvogel -- eine Niobe -- ein Tintenfaß -- ein Album -- ein Kistchen Zigarren -- das ging doch alles nicht! Gott, was für herrliche Präsente fielen mir ein für Nichtraucher und Raucher, für alte Jungfern und hypochondrische Junggesellen, für Primaner und höhere Töchter, für Kavallerieleutnants und Urgroßmütter! Nur für mein siebenmonatiges Töchterchen fiel mir um die Welt nichts ein; und ich stand auf dem Punkte, mir selbst einige auserlesene Grobheiten zu widmen.

Da plötzlich geschah „das Wunderbare“, wie Ibsens Nora sagen würde. Das Wunderbare, um das ich mich nun seit Wochen unter ernster Gefährdung meiner Gesundheit bemühte. Mit großen, lichtvollen Buchstaben stand plötzlich über dem Chaos in meinem Gehirn der erlösende Satz: Ich schenke ihr einen roten Esel, einen roten Gummiesel!

Wie diese Erleuchtung mir so plötzlich kam? Dafür gibt es eine übernatürliche Erklärung und eine natürliche. Die übernatürliche Erklärung lautet: „Wahre Erleuchtungen kommen immer plötzlich und von oben,“ die natürliche aber besagt: „Ich hatte den roten Esel eben gesehen.“

Ja, er stand in ganzer Wildheit und Schönheit zwischen Püppchen mit kurzen Röcken, Hampelmännern, Klistierspritzen und anderem, teils erfreulichem, teils nützlichem Hausgerät im Erker eines Gummigeschäfts. Wie Romeo seine Julia liebte vom ersten Augenblick süßen Schauens an, so wußte ich vom ersten Blick, der dieses Abbild bescheidener Sanftmut gefunden: Dieser rote Esel ist das einzige wahrhaft würdige Geschenk, das ein Vater seiner einzigen und darum auch ältesten Tochter machen kann!

Als ich in dem Laden stand, erwies sich’s, daß dem liebenswürdigen Verkäufer das Hervorkramen des roten Freundes aus dem Erker viele Mühe und wenig Freude bereiten mußte. Er empfahl mir darum einen gelben Ziegenbock mit vieler Wärme, ja, er war sogar geneigt, mir zwei Gummistöpsel drein zu geben, wenn ich mein Gelüste nach dem roten Esel bezwingen und mich für den Ankauf des gelben Ziegenbocks entscheiden könnte.

Aber wer kennt die Gefühle eines Vaters, der für sein Kind den Freund gewählt hat! Ich +hatte+ gewählt und ließ mich selbst durch die glänzende Offerte dieses koulanten Geschäftsmannes, der elastisch war wie sein Gummi und beständig lächelte, wie ein Äginet, nicht umstimmen.

„Ich bitte um den roten Esel,“ sagte ich fest.

Der Jünger Merkurs kroch nun seufzend in den geräumigen Erker.

Sehr zur Belustigung der draußen versammelten Jugend fielen ihm zunächst einige bunte Kopfbälle auf den Schädel und ergingen sich dann in scherzhaften Sprüngen über den Boden. Dann trat er in eine Bettpfanne, aus der sich der Fuß nicht ohne Schwierigkeit befreien ließ, und stieß einige Rollen Linoleum gegen die Scheiben, was ihm von draußen geräuschvolle Ovationen eintrug, die er mit verächtlichen Worten ablehnte.

Ziemlich ergrimmt, mit derangierter Frisur und sehr staubigen Händen, aber noch immer lächelnd, entstieg er schließlich dem Schaukasten und brachte meinen roten Esel richtig mit.

Es stellte sich zu meinem namenlosen Entzücken heraus, daß das seltene Gummitier, dank einer sinnreichen Mechanik, wenn man ihm den Bauch einquetschte, sogar einen kurzen, pfeifenden +Ton+ von sich geben konnte, der zwar jeder Lieblichkeit entbehrte, auch den Eseln sonst nicht eigentümlich ist, aber trotzdem meinen Stolz auf dieses merkwürdige Geschenk ins Ungemessene steigerte.

Ein Siegerlächeln auf den Lippen, kam ich, meinen Schatz behutsam in ein verschwenderisch großes Stück Papier gehüllt, nach Hause.

Die Suppe schmeckte seltsamerweise heute nach Zitronat, was bei Suppen kein sympathischer Geschmack ist.

„Aber, Eduard, denke doch, vor Weihnachten!“ sagte meine Frau vorwurfsvoll, da sie mein wohl nicht allzu entzücktes Gesicht gesehen.

„Natürlich! Vor Weihnachten!“ gab ich vergnügt zurück, dachte an meinen köstlichen Gummiesel und löffelte die Suppe, die immer noch nach Zitronat schmeckte, bedächtig aus.

Weihnachten kam.

Ich hatte goldene Finger vom Nüssevergolden und ging den ganzen Tag sehr wichtig und sehr zwecklos mit dem Christbaumanzünder im Arm mit feierlichen Schritten umher, mich immer auf meine schwierige Aufgabe vorbereitend.

Eine Menge Verwandter aller Jahrgänge lief in den Zimmern eilfertig und geräuschvoll durcheinander. Sie waren alle erschienen, um zu sehen, „was Baby für Augen machen wird“. Ich sah ihnen aber an ihren Augen an, daß jedes von ihnen überzeugt war, +sein+ Geschenk werde Baby am meisten zusagen.

Ich lächelte hochmütig. Stand doch schon der rote Gummiesel bereit, und der -- das wußte ich, als ob’s im Katechismus stände -- war einfach nicht zu übertreffen, einmal durch seine ureigene Schönheit, durch die Reize von Figur und Farbe, und zum zweiten als Geschenk des leiblichen Vaters!

Die Sache kam leider anders!

Baby in langem Spitzenkleidchen auf dem Arm der Mutter ins Festzimmer eingeführt, betrachtete eine Weile mit sichtlichem Erstaunen den hohen, lichtergeschmückten Baum -- was beide Großmütter, die in atemloser Spannung, mir den Platz versperrend, dabeistanden, als ein untrügliches Zeichen unerhörter geistiger Befähigung begrüßten. Dann aber griff es seiner Mutter meuchlings in die Haare -- was sofort als Betätigung einer in so zartem Alter bewunderungswürdigen Energie gedeutet wurde. Und schließlich gewahrte es +mich+ und -- +lachte+.

Ich war natürlich sehr stolz, bahnte mir einen Weg zu dem lieben Blondköpfchen und begann ihm mit großer Beredsamkeit in zuvorkommender Weise seine Geschenke zu erläutern.

„Hier, mein Goldkind, die Windelhöschen von der Großmama, und hier die hübsche Veilchenwurzel mit silbernem Griff, auch von der Großmama. Ja, du hast eine gute -- nein, was sag’ ich, du hast +zwei+ gute Großmamas! Hier, mein Liebling, Kleidchen von der anderen Großmama. Und der Löffel, natürlich auch da, der schöne silberne Löffel. Und hier das Hütchen von der guten Mama und -- ja, jetzt paß auf, mein Schatz, sieh hier das prächtige, rote Eselchen! Das -- ist -- von -- Papa!“

Der Kreis der Verwandten nickte beifällig.

„Er hat’s ganz allein ausgesucht,“ kommentierte meine Frau.

Ein Gemurmel bewundernden Beifalls über mich und den roten Esel drang mir wohltuend ans Ohr.

Und das Baby?

Ja, das war merkwürdig mit dem Kind. Nicht einen Blick warf es auf die Herrlichkeiten, die ihm das Christkind bescherte. Es hatte auf meinem Vorhemd den goldenen Hemdenknopf entdeckt und ging auf in Bewunderung dieses merkwürdigen, glitzernden Phänomens.

Ich ließ den Esel quietschen, bis meine Damen sich die Ohren zuhielten und mein Schwiegervater mich im Namen aller Heiligen beschwor, den Unfug sein zu lassen, weil er sonst Zahnschmerzen bekäme, noch bevor er von unsern Lebkuchen gekostet. Das Baby aber hörte nicht auf die Töne, sondern beobachtete unausgesetzt den interessanten Hemdenknopf, der die Brust seines Vaters zierte.

Als ich Miene machte, mich und damit zugleich das Objekt seiner Bewunderung von dem Baby zu entfernen, begann das Kind ein jämmerliches Geschrei. Beide Großmütter fanden mein Benehmen dem Kind gegenüber „barbarisch“, eines zivilisierten Mannes durchaus unwürdig. Und die Familie ruhte erst, als ich mich und den heißgeliebten Knopf wieder vor das Kind postierte und mir von den naßgelutschten Fingerchen feuchte Bahnen über meine frische Hemdenbrust zeichnen ließ.

Hinter mir blies mein Schwiegervater die Lichter auf den Tannenzweigen aus. Was mich sehr beunruhigte, da meine Furcht vor einem Gardinenbrand so groß ist, daß sie sprichwörtlich in unserer Familie werden konnte.

Bis Baby zur Ruhe gelegt wurde, hatte es nur Sinn für meinen Hemdenknopf, den ich innerlich, obwohl er von Gold war, zu allen Teufeln wünschte. Ich hatte den verdammten Knopf schon so +oft+ getragen, ohne daß Baby geruhte, ihn zu bemerken. Und nun gerade an Weihnachten mußte dieser alberne, protzige Kerl da auf meiner Brust dem Kinde ins Auge stechen! +Zu+ dumm!

Einsam und verlassen aber stand drin im Bescherzimmer unter dem Tannenbaum mein Stolz, meine Freude, mein genialer Einfall, mein Retter aus Nöten, mein außerordentliches Festgeschenk, diese Seltenheit mit Musik: der rote Gummiesel ...

Für jeden, der logisch denken gelernt hat, ist es ganz selbstverständlich, daß ich an den folgenden Festtagen den miserablen Knopf durch eine üppige Krawatte verdeckte und das Baby nunmehr mit seinem roten Esel zu befreunden suchte. Ich ahnte nicht, welchen Schmerz mir das ungetreue Tier, das ich ins Herz meiner Tochter zu schmeicheln emsig bemüht war, noch bereiten sollte!

Baby machte in diesen Tagen die ersten Sprechversuche. Mutter und Vater lauschten verhaltenen Atems entzückt dem endlosen Kauderwelsch, das von dem lieben Kindermäulchen aus den einfachen Silben „Pa“ -- „Ma“ und „Da“ zusammengesetzt wurde. Im Wägelchen lag die Kleine unter dem Christbaum, fast selbst wie ein niedliches Christgeschenk, und übte sich ohne Ermüden in ihrer Sprache, die allerdings noch für den Satz des Fürsten Talleyrand, daß die Sprache dazu da sei, die Gedanken zu verbergen, als Beweis angeführt werden konnte.

Ich benutzte meine freie Zeit eifrig dazu, dem Baby beizubringen, die schwierige Silbe „Pa“ ohne jede Beimischung anderer phonetischer Kunststücke zweimal, nur zweimal, rasch hintereinander zu setzen, wodurch das Wort „Papa“ entstehen sollte. Leider ging das autodidaktische Bestreben des kleinen Dickkopfs lange seine eigenen Wege; entweder wiederholte das Baby die verlangte Silbe ~ad infinitum~ oder es stieß sie zum mindesten fünfmal rasch hintereinander hervor. Beides war unerwünscht.

Da ließ endlich mein erfinderischer Geist den roten Gummiesel in die Belehrung und Erziehung tätig eingreifen. Immer wenn das schöne Wort beginnen und wenn es enden sollte, ließ ich den Esel durch energisches Eindrücken seiner Bauchwände mörderisch aufquieksen, und siehe da: es ging! Baby sagte deutlich: „Pa--pa“.

Das heißt, eigentlich war die Sache so: „Quieks“ machte der Esel, „Pa--pa“ begann das Kind, „Quie--i--i--i--i--ks“ endigte der Esel. Das Baby staunte und schwieg. So ward das Wort Papa geboren!

Überrascht und hochbeglückt von dem Erfolg kam ich mit meiner Frau überein, daß die beispiellose Gelehrsamkeit unseres Kindes noch heute einem größeren Kreis von Verwandten demonstriert werden müsse. In einer Großstadt hat man seine Leute ja rasch beisammen! Wozu hat man das Telephon?

Schon nach einer halben Stunde waren, obgleich ich mich einmal irrtümlich längere Zeit mit einem Sargmagazin und ein anderes Mal mit einem Schweinemetzger, der sehr grob war, verbunden sah, so ziemlich alle Verwandten zum Tee geladen, mit Ausnahme einer alten Tante, die im gewöhnlichen Verkehr sehr wenig und am Telephon gar nichts hörte, wenn schon sie leidenschaftlich gern telephonierte. Diese Tante suchte ich per Droschke auf und auch sie versprach zu kommen.

Es war ordentlich feierlich, als wir in zwei dichten Reihen am Nachmittag gegen 5 Uhr um Babys gelben Korbwagen standen.

Ich hatte meinen Platz ganz vorne genommen und wurde von allen sehr respektvoll behandelt. War ich es doch, der dieses erstaunliche Erziehungsresultat erzielt hatte und die Vorführung leiten sollte.

Ich befahl allen durch eine gebietende Handbewegung lautlose Stille an und bat meine Frau, mir den Gummiesel vom Tisch zu reichen, den ich in meiner Vergeßlichkeit dort hatte liegen lassen.

„Der Gummiesel, wo ist der Gummiesel?“ ging es durch die Zuschauer.

Mein Schwiegervater aber machte die unnütze Bemerkung: „Braucht’s denn den roten Gummiesel, um -- Papa zu sagen?“

Ich weiß nicht warum, aber dieser Ausspruch berührte mich peinlich. Doch wurde ich rasch wieder sehr vergnügt gestimmt, als das auserlesene Kunststück über alles Erwarten prächtig gelang.