Chapter 9 of 14 · 3862 words · ~19 min read

Part 9

Die verspätete Kindlichkeit, die der jungen Frau einen entzückenden Schimmer von Naivität gegeben, und die nun noch immer nicht von der Zurechtgemachten und Gemalten weichen wollte, mischte in ihr Wesen eine reichliche Portion Albernheit. Sie fühlte selbst, daß jetzt manchmal ihre Gäste nicht mehr +mit+ ihr sondern +über+ sie lachten. In krampfhafter Angst, etwas von dem geräuschvollen Drum und Dran ihres ganz auf Äußerlichkeiten gestellten Lebens zu verlieren, verstärkte sie jetzt die Genüsse, die der opulente Haushalt zu bieten vermochte. In dem Maße, als ihre Jugend sich minderte, ihre Schönheit verblich, ihre Anmut kokette Maske wurde, verfeinerten sich jetzt die Tafelfreuden, die musikalischen und theatralischen Aufführungen in ihrem Hause. Man trank bei den Proben schon französischen Sekt. Man aß bei den kleinsten Diners nicht unter fünf Gängen. Man erfreute sich der teueren Delikatessen der Saison nirgends früher, als an der Tafel, der Klaus Joachim, längst mit einem chronischen Magenübel kämpfend mit ledergelbem, wenig vergnügtem Gesicht präsidierte.

Klaus Joachim sah täglich unzählige Leckerbissen vorbeitragen, die ihm aufs strengste verboten waren. Er sah junge Leute in schönen Uniformen und ältere Herren mit Halsorden an seinem Tische, ohne sich ihre Namen merken, für ihre Geschichten interessieren zu können. Er sah lebende Bilder gestellt von blühenden Menschen, deren Geburtsanzeige er -- so kam’s ihm vor -- doch neulich erst gelesen. Er sah zappelige Virtuosen und dicke Sänger an seinem Flügel, die er innigst nach Pernambuco wünschte. Und abends spät, wenn er -- den silbernen Leuchter schon in der etwas zittrigen Hand -- nach vererbter Familiensitte seiner Frau galant die Hand küßte und prüfend in das abgespannte Gesicht mit den mühsam weggeschminkten Fältchen um die müden Augen blickte, sah er auch, daß die Lebensgefährtin trotz verzweifelter Gegenwehr wurde, was kein Tobby in seinem Hause werden durfte: +alt+.

Seine Familie hatte sich längst in das solide Erbbegräbnis und in gesunde Metallsärge zurückgezogen. Die Tante Reichsgräfin und der Onkel Exzellenz erschienen nur noch als mythische Personen in Ethels Erzählungen. Aber der Sagenkranz, der sich langsam um sie bildete, (oder eigentlich: den Ethel persönlich um die verklärten Häupter der teueren Verstorbenen legte) erhielt mit jedem Jahre neue strahlende Blüten. Und wer den leise bebenden Herzenston vernahm, mit dem Ethel die Namen dieser Heimgegangenen aussprach, der konnte unmöglich eine Ahnung gewinnen von der durch Harthörigkeit bedingten Absonderlichkeit der seligen Exzellenz und der Unleidlichkeit der geizigen und boshaften Reichsgräfin. Vor dem ebenfalls längst zu seinen Vätern versammelten Onkel Oskar freilich, der einst als Kommis des Hauses Seligsohn den alten Fürsten Lichtenstein geduzt hatte, machte der Totenkultus Ethels Halt. Sein Name wurde seltsamerweise nur von Klaus Joachim, der den Lebenden wenig geschätzt hatte, zuweilen erwähnt und -- das muß gesagt werden -- eigentlich nur, wenn er, überreizt von den ewigen Festen in seinem Hause, einmal das nervöse Bedürfnis hatte, Ethel zu ärgern.

Einige Male hatte er ja versucht, seine Gicht vorzuschützen, um den festlichen Veranstaltungen zu entgehen, die sein Haus zum Tummelplatz fremder Leute machten, die seinen Sekt tranken, seine Zigarren rauchten und von ihm eigentlich nur Notiz nahmen, wenn sie ihn wegen des kürzesten und verstecktesten Weges nach einem geheimen Ort um seinen Rat fragten. Aber an Schlafen wäre bei dem Lärm auch nicht zu denken gewesen, wenn die Lohndiener nicht, lieber Gewohnheit folgend, alle fünf Minuten in sein Schlafzimmer gestürzt wären, um die merkwürdigsten Dinge hier zu suchen, die sich noch niemals in einem Schlafzimmer befunden haben. So erschien er denn resigniert, auf seinen Stock gestützt, wieder in den Salons und heuchelte höflich eine freudige Anteilnahme an einen neuen amerikanischen Tanz, bei dem der Bauch herausgestreckt wurde, an dem Klaviervortrag eines sechsjährigen Wunderkindes, das allerdings spielte als ob es vierzehn wäre, oder an der Soloszene einer talentvollen Bühnennovizen, die aus unbekannten Gründen plötzlich händeringend in gereimten Versen jammerte, daß sie ihr Kind erwürgt habe, weil es dem Vater ähnlich sah.

In solchen Lustbarkeiten waren bald fünf Jahrzehnte hingegangen.

Man hatte vorübergehend mal für irgend einen Kriegsschauplatz heftig Charpie gezupft und um irgend einen Fürsten in der Weise getrauert, daß man -- die Damen in geschlossenen Kleidern -- bei Birkowitzens sechs Wochen lang nur Kammermusik, Harmoniumstücke und ernste Balladenvorträge anhörte.

In sonsten hatte sich nicht viel verändert.

Tobby XIII ein knochiger Rattler von großer Munterkeit belebte Klaus Joachims einsame Morgenstunden, wenn er seine Exlibris ordnend und klebend am Erkerfenster saß und den stillen Wunsch nährte, Ethel, die im Coupé Besuche machte, möge +alle+ zu Hause treffen, denen sie die Freude ihres Gespräches zugedacht. Tobby XIII litt nur, als echter Sohn seiner Rasse, unter dem durch nichts bestätigten Vorurteil, daß Mäuse in der Wohnung sein müßten. Er erschreckte wohl ein Dutzend mal im Vormittag seinen Herrn aufs heftigste dadurch, daß er plötzlich einen ganz unmotivierten Luftsprung machte, mit beiden Vorderpfoten schwer auf irgendeine Stelle des Teppichs schlug und emsig zu scharren begann; als müsse er unter der dunkelroten Blume des Persers unbedingt ein Mauseloch finden.

Da Klaus Joachim seit einiger Zeit Anzeichen eines Herzleidens spürte -- Sie haben zuviel „gefeiert“, hatte der Hausarzt gesagt und Klaus Joachim hatte nicht ohne Bitterkeit gelächelt -- so war die fixe Idee Tobbys XIII für seinen Herrn doppelt störend. Aber da dieser den amüsanten und liebenswürdigen Hund sonst lieb hatte, so schickte er sich seufzend in seine aufregende Eigentümlichkeit; ja er hielt sie vor seiner Frau geheim, die sonst vermutlich auf schleunigen Ersatz Tobbys XIII durch Tobby XIV gedrungen hätte, da die Zahl Dreizehn ihr sowieso unbehaglich war.

Und gerade jetzt war sie bemüht, alles Unbehagliche von sich und Klaus Joachim fernzuhalten, denn die Vorbereitungen zu dem größten Fest ihres Lebens, zu dem Fest, in dessen Mittelpunkt nur +sie+ -- natürlich +mit+ Klaus Joachim -- verständigerweise stehen konnte, nahmen sie völlig in Anspruch. Ihre goldene Hochzeit nahte. Und mit dem Näher- und Näherkommen dieses weihevollen Tages nahm dieser fast siebzigjährigen Frau wunderbare Elastizität, die in den letzten Jahren ein ganz, ganz klein wenig nachgelassen hatte, von Tag zu Tag wieder zu.

Sie fühlte, daß das der Glanzpunkt ihres Lebens werden mußte.

Man würde Szenen aufführen, Reden halten, Trinksprüche ausbringen, alles ihr zu Ehren. Berühmte Dichter, die oft bei ihr gegessen hatten, würden eigens für diesen Tag wundervolle Lieder schreiben, in denen ihr Name von einem Blütenkranz unsterblicher Gedanken umrahmt erschien. Zukunftsreiche Maler, die +ebenfalls+ oft bei ihr gegessen hatten, würden lebende Bilder stellen aus ihrer Jugendzeit. Bedeutende Komponisten, die +ebenfalls+ oft bei ihr gegessen, würden sich ans Klavier setzen. Und +sie+ würde, in ihre schneeweißen Haare (ein bischen half ja der Puder nach) die goldene Myrthe gesteckt, neben Klaus Joachim sitzen -- wenn er nur nicht einschlief! -- und die feierlichen Deputationen empfangen von all den Vereinen, für die bei ihr gegessen, getrunken, geredet, musiziert, Charpie gezupft und getanzt worden war in einem langen, halben Jahrhundert. Und die Zeitungen würden -- Gott, Herren von der Presse hatten ja auch bei ihr gegessen -- sympathische Artikel bringen, im „Vermischten“ oder an der Spitze des Lokalen; würden sie mit der Madame de Rotschild vergleichen, am Ende gar mit der Fürstin Metternich und würden das Bild „der noch immer schönen Frau von Birkowitz“ in einer sinnigen Phantasieumrahmung von Lorbeer und Myrthen bringen. Natürlich Klaus Joachim daneben. Und Bilder ihres „Heims“ werden in den Wochenschriften gezeigt. Die Ecke im blauen Salon mit den Vasen, die ihr der Vizekönig Ching-Chung-Gho, der die Fischgräten unter den Tisch spuckte, geschenkt. Die Wand im Speisezimmer mit den ehrwürdigen Ahnenbildern der Reichsgräfin und des Onkels Exzellenz. Der Kamin im Gobelinzimmer mit dem laubfroschgrünen seidenen Wandschirm, auf dem die steinalte Prinzeß Binzheim-Sprendlingen die gräßlichen, roten Levkoyen eigenhändig gemalt. Und das mußte alles in Fußnoten gesagt werden ...

Ethel von Birkowitz war wieder ganz jung, wenn sie an diverse Fußnoten dachte.

+Und+ an die Geschenke! Denn darin war sie ein Kind geblieben. Sie liebte es sich beschenken zu lassen. Weniger der Gabe wegen, als wegen des Namens des Spendenden. Und wenn nur der kleinste Teil der Zelebritäten, die gut und viel bei ihr gegessen, sich an ihrem Ehrentage mit einem sinnigen Präsentchen einstellte, so hatte sie aus dem Gothaschen Kalender, aus dem Kürschner, aus dem Bühnenalmanach und aus dem städtischen Adreßbuch -- kurz aus jedem Namensammelbuch von einigem Kulturwert mit Ausnahme des Verbrecheralbums -- die herrlichsten Stichproben. Ethel von Birkowitz schwamm im Glück der Hoffnung.

Klaus Joachim sah dem festlichen Tage mit geringerer Lust entgegen. Ganz davon abgesehen, daß sein neues Gebiß ihm den Unterkiefer wund rieb, wenn er es während eines langen Diners im Munde behalten mußte, hatten sich letzter Zeit, nicht unbeeinflußt von Tobby XIII phantastischen Jagdvergnügungen heftige Herzaffektionen bei ihm gezeigt. Schwächeanwandlungen waren häufig; und mehrfach war er mitten in Ethels interessanten Mitteilungen über das Programm des Festes und über die Plätze für den Bürgermeister und den Polizeipräsidenten und den berühmten X. und die noch berühmtere Y. eingeschlafen. Und beim Erwachen hatte er minutenlang geglaubt, er sitze an der Saline in Nauheim. Oder hatte mit schwacher Stimme Weisung gegeben, man solle das Halbblut nicht verkaufen. Sein Lieblingspferd aus der Leutnantszeit, das seit vier Jahrzehnten gewiß in dem Pferdehimmel war, an den die Araber glauben.

Zwei Tage vor der goldenen Hochzeit besserte sich Klaus Joachims Zustand.

Er konnte den neuen Frack probieren und der Ansprache Ethels an die fünf Lohndiener beiwohnen.

Als er aber an dem Morgen seines Ehrentages in denselben Frack geschlüpft war, um ans Fenster zu treten und dem Choral der Regimentsmusik zu lauschen, die der Oberst, der lieber gut aß als Felddienstübungen leitete, in Dankbarkeit zur Überraschung gesandt hatte, befiel ihm eine kleine Schwäche. Und gerade als er sich, von Ethel gestützt, die schon in großer Toilette war, auf das Sopha niedergelassen, unternahm Tobby XIII mit plötzlichem Siegesgeheul einen plötzlichen Jagdausflug unter einen ehrwürdigen friesischen Schrank, der sich zu knacken erlaubt hatte.

Klaus Joachim erschrak heftig, griff mit den langen, immer noch aristokratischen Fingern der linken Hand nach der Herzgegend, verdrehte die Augen, fragte, ob er in der Neujahrsnacht zum Bleigießen aufbleiben müsse, erkundigte sich dann mit leiser werdender Stimme ob die Seitenlinie derer von Rorschach-Kitzingen berechtigt sei die Freiherrnkrone zu führen, gab, als die erschreckte Ethel ihre Unwissenheit gestand, stockend die Anweisung, darüber sogleich telegraphisch das Heroldsamt in Berlin zu befragen, lächelte sonderbar, bekam eine ganz spitze weiße Nase und -- war tot.

Unten spielte die Regimentskapelle den Pilgerchor aus dem Tannhäuser.

Ein Lohndiener steckte den glattrasierten Kopf herein und meldete: der Koch lasse fragen, ob der Fasan +nach+ dem Wildschwein serviert werden solle oder +vor+ dem Wildschwein.

Ethel zuckte zusammen, warf einen Blick auf die seltsam gespitzten Lippen Klaus Joachims, von denen kein Atem mehr kam und die pfeifen zu wollen schienen, und entschied:

„+Nach+ dem Wildschwein.“

Es war ein außergewöhnliches Fest. In jeder Beziehung.

Die Gratulanten kamen in dichten Scharen.

Honoratioren in vortrefflich sitzenden Fräcken, Deputationen in minder sehenswürdigen Gehröcken, Künstler in fliegenden Kravatten, Damen der Aristokratie in kostbaren Pariser Roben, Konservatoristinnen in phantastischen Fähnchen. Die Diener in Eskarpins mit silbernen Ketten und dem Gönnerlächeln ihres wichtigen Standes.

Im Blauen Salon zwischen den beiden Vasen des Vizekönigs Ching-Chung-Gho stand Ethel, im weißgepuderten Haar die goldene Myrthe, den Smaragdschmuck derer von Birkowitz am immer noch präsentablen Hals, die wundervollen Rosen des Prinzen Kux-Beckenried in der Hand, der mit seinem Freund, dem ~Dr.~ v. Heiduck -- in Wahrheit war es sein Arzt, der Prinz war seit Jahren entmündigt -- als Erster gekommen war.

Jetzt hielt er sich, töricht vor sich hinlächelnd, im Gobelinzimmer unter dem Bild von Onkel Exzellenz auf und konsumierte das vierzehnte Kaviarbrödchen; wozu ~Dr.~ Heiduck nachdenklich den dem Prinzen verbotenen Sherry trank.

Im kleinen gelben Salon aber stand die Türe auf, die nach dem Ankleideraum neben dem Schlafzimmer Klaus Joachims führte.

Eine rotseidene Schnur war, den Eintritt wehrend, in Kniehöhe im offenen Türrahmen gespannt. Durch das halbdunkle Ankleidezimmer hindurch sah man in das noch um eine Nuance dunklere Schlafzimmer. Von dessen Tür nicht weit saß Klaus Joachim von Birkowitz in einem dunkelgrünen Sessel aus der Biedermeierzeit, den Kopf leicht an die linke Seitenklappe der hohen Rücklehne gelehnt.

Er saß aufrecht im Frack und hatte, das konnte man gut erkennen, ein blühendes Sträußchen in der blassen rechten Hand, die unbeweglich auf der leichten bunten italienischen Decke lag, die seine Beine verhüllte. Im Knopfloch trug er einen Myrthenbüschel ...

Alle Kommenden mußten durch diesen gelben Salon. Allen Kommenden wiederholte der Diener an der Türe mit diskreter Stimme:

„Herr von Birkowitz befindet sich nicht ganz wohl. Er hat sich bei den ersten Gratulationen in der Frühe überanstrengt. Der Herr Baron ist deshalb in seinem Zimmer geblieben. Die Frau Baronin empfängt im Blauen Salon. Wenn die Herrschaften vielleicht dem Herrn Baron einen Gruß zunicken wollen ...“

Und die Herrschaften wollten das. Und sie nickten durch das halbdunkle Zimmer dem befrackten Manne zu, der dort im Sessel saß.

Einige wollten beobachtet haben, daß er freundlich wieder genickt habe. Andere hatten nichts dergleichen wahrgenommen.

Alle waren einig darin, daß es nicht gut um den alten Herrn stehe, und daß er vielleicht doch schlauer zu Bett gegangen sei.

Aber Ethel von Birkowitz im blauen Salon zwischen den beiden Vasen des Vizekönigs Ching-Chung-Gho versicherte:

„Er hat’s nicht anders haben wollen. Wenigstens aus der Entfernung wollte er sich mit uns freuen.“

Und der Polizeipräsident, der besonders scharfe Augen hatte bemerkte dazu:

„Und, meine Gnädige -- er +freut+ sich. Als ich ihm zunickte, spitzte er die Lippen -- ich sah es deutlich -- als ob er +pfeifen+ wollte. Vermutlich: ‚Freut Euch des Lebens‘ -- -- oder so was.“

„So tut er immer, wenn er vergnügt ist“ lächelte Ethel.

Einer aber war nicht vergnügt. Tobby XIII.

In die Schuhkammer neben der Küche eingesperrt heulte er. Heulte unaufhörlich, obschon ihn die dürre Kochmamsell, die sehr nervös war, unter Zuhilfenahme eines Birkenholzkochlöffels eindringlich vermahnt hatte. Heulte laut und kläglich.

Und das Spülmädchen, das vom Lande und sehr blond und sehr dumm war, sagte zu dem Konditor, der das Pastetenhaus brachte:

„Bei uns zu Haus heulen die Hunde so, wann mer e Leich’n hab’n.“

An dem Diner nahm Klaus Joachim +nicht+ teil.

Sein mit Myrthen bekränzter Platz wurde nach dem Fisch von einem aufgeräumten Konsistorialrat eingenommen, der viel Rauentaler trank und drei verschiedene Reden hielt, von denen die erste keine rechte Veranlassung, die zweite keine Pointe und die dritte überhaupt keinen Sinn hatte.

Zwischen dem Wildschwein und dem Fasan ging Ethel hinaus, um nach Klaus Joachim zu sehen, der sich nur von ihr betreuen ließ und keine Bedienung sehen wollte.

„Welch eine Ehe,“ rühmte der Konsistorialrat als sie ging.

Und „pfeift er noch?“ fragte der gutgelaunte Polizeipräsident, als sie wiederkam.

Ethel war etwas blaß.

Der Besuch bei dem Gatten schien sie angestrengt zu haben. Aber sie erinnerte sich sofort wieder ihrer Pflichten als Mittelpunkt und Hausfrau und dem Polizeipräsidenten über die volle Obstschale zunickend lächelte sie:

„Ja, er pfeift noch ...“

Am Abend des nächsten Tages erschien in allen Blättern eine breit schwarzumränderte Anzeige, daß es in der Nacht nach seinem schönen Fest dem Allmächtigen gefallen habe, den vielgeliebten Herrn Klaus Joachim von Birkowitz und so weiter ... Tiefe Ergriffenheit sprach schon aus dem Konstruktionsfehler dieser Annonce. Denn nach +ihr+ war es der liebe Gott, der das schöne Fest gefeiert hatte.

Der Konsistorialrat aber, der an diesem Tag heftigen Kopfschmerz hatte, äußerte, daran erkenne er wieder die große Gnade des Himmels, daß dieser wahrhaft christliche Mann noch habe das herrliche Fest mitansehen dürfen, ehe er von hinnen ging.

Nur Tobby XIII wußte Bescheid.

Er hatte die ganze Nacht geheult. Selbst als ihn das sehr blonde und sehr dumme Spülmädchen gegen Morgen mitleidig in sein Bett nahm, hatte er immerzu leise weiter gewinselt.

Tobby wurde deshalb auch dem Milchmann geschenkt.

Gerade als dieser brave Mann den heftig Widerstrebenden an einer Zuckerschnur die Hintertreppe hinunterzerrte, wurden die sechs riesigen silbernen Leuchter gebracht, die den Katafalk flankieren sollten.

Sie waren umflort und mit armdicken Kerzen besteckt und sahen wirklich festlich aus.

Das Beerdigungsinstitut „Pietät“ hatte sie geliehen.

Sie brannten am anderen Morgen bei einer kleinen Hausandacht, die der Konsistorialrat abhielt, zwischen den ebenfalls umflorten Vasen des Vizekönigs Ching-Chung-Gho.

[Illustration]

[Illustration: Der Mann mit dem persönlichen Einfluß]

Es ist meine heilige Überzeugung, daß es sonst sehr achtbare, ja vortreffliche Menschen gibt, in deren Gebaren und Gesichtszügen eine ununterbrochene heimliche Aufforderung für alle großen und kleinen Gauner liegt, sie als geschätzte „Versuchsobjekte“ ihrer unsympathischen Kunst zu behandeln; schlicht gesagt: sie zu betrügen.

Ohne die flehendste Bitte des schönsten Gebets: „Führe uns nicht in Versuchung ...“ erfüllen zu wollen, scheint der liebe Gott solche merkwürdigen Leute hilflos in seine sonst so hübsch ausgedachte Schöpfung gestellt zu haben. Sie wandeln umher, freundlich und zutraulich, aber als fleischgewordener Fallstrick des Bösen. Und am Ende sind diese Guten von allem, was sie unternehmen, enttäuscht; denn sie haben bei jeder ihrer von besten Absichten geleiteten Unternehmungen mehr Lehrgeld bezahlt, als jeder andere; haben bei jedem Mißgeschick einen größeren Schaden besehen, als irgendwo sonst und finden -- und das ist vielleicht das Betrübendste -- mit den Erzählungen ihres Mißgeschicks statt inniger Teilnahme oft nur jenes durchaus pietätlose Gelächter, wie es böse Menschen, die keine Lieder haben, im Anblick fremder Ungelegenheiten anzustimmen lieben ...

Ein Musterbeispiel für diese meine aus sorgfältiger und liebevoller Betrachtung der Zeitgenossen gewonnene Lehre scheint mir noch heute der ehemalige Filzhutfabrikant Michael Monkebach zu sein, den ich vor einer Reihe von Jahren in einem süddeutschen Bade kennen lernte.

Schon die Art der Bekanntschaft war seltsam.

An der Mittagstafel in der „Quisisana“ saß ein Herr in mittleren Jahren neben mir, dem sein in Stoff und Schnitt sonst die Herkunft aus einer nicht billigen Schneiderwerkstatt verratender Anzug durchaus nicht zu passen schien. Das Tuch schlotterte an ihm herum, als habe er Rock und Weste von einem vermögenden Verwandten geerbt, der ihn an Leibesfülle ums Doppelte übertraf. Ein gewisser vergrämter Zug um die nicht unbedeutende Nase sowie ein traurig verschleierter Blick ließen mich erraten, daß es sich um einen der Schwerkranken, die sonst in diesem ziemlich harmlosen Bade selten waren, handeln müsse.

Ich reichte ihm deshalb bei den Mahlzeiten die Schüsseln mit besonderer Freundlichkeit; ja, ich ertappte mich auf der edlen Anwandlung, ihm, wenn der Braten mir zuerst angeboten wurde, die weniger knorpligen Stücke des Hammels zu lassen, der hier einen unerläßlichen Bestandteil des mehr zeitraubenden als sättigenden Diners bildete.

Einem Gespräch schien mein scheuer Nachbar auszuweichen. Einige -- wie ich zugebe -- nicht allzu geistreiche Bemerkungen über die fluchwürdige Unbeständigkeit des Wetters, mit denen sich eine elegantere Konversation einzuleiten dachte, beantwortete er nur mit dem Hinweis darauf, daß er im Besitz von Gummischuhen sei und von mir das gleiche hoffe. Auf eine bescheidene Anfrage, ob er das Kurtheater häufig besuche, und wie er es finde, entgegnete er ausweichend, er habe jüngst einer Vorstellung des „Tropfens Gift“ beigewohnt, aber schon nach dem zweiten Akt den Saal verlassen, da er seinen Platz unmittelbar neben dem Eingang zu den Toiletten erhalten habe und durch eine fehlerhafte Konstruktion des Türschlosses die Verbindungstür nach diesen minderwertigen Räumen sich fortwährend von selbst geöffnet habe.

Eine alte Kanzleirätin aus Bückeburg gab mir nähere Aufschlüsse über den betrübten Tischnachbar.

Ich war mit der körperlich gebrechlichen Dame, die ein großes Mitteilungsbedürfnis besaß, dadurch bekannt geworden, daß sie meine Zimmernachbarin war und unter der fixen Idee litt, Mäuse in ihrem Zimmer zu haben. Die Klingel, die angeblich dazu bestimmt war, bei einmaligem Läuten den Zimmerkellner, bei zweimaligem Läuten das Mädchen, bei dreimaligem Läuten aber den Hausknecht zu zitieren, funktionierte leider so mangelhaft, daß weder der Kellner, noch das Mädchen, +noch+ der Hausknecht kam; und so war die alte Dame darauf verfallen, sich vertrauensvoll an +mich+ zu wenden, wenn sie wieder den bestimmten Eindruck gewonnen hätte, daß Mäuse unter ihrem Bett oder hinter ihrem Schrank ihr neckisches Spiel trieben.

Da ihr selbst das Bücken vom Arzt verboten war -- eine Vorschrift, an die sie sich, immer von der Furcht vor einem Schlaganfall gewarnt, aufs strengste hielt --, so durfte +ich+ mir durch Herumkriechen unter ihrem Bett, Abrücken der Schränke usw. Bewegung machen und wurde von der Kanzleirätin „dirigiert“. Der Erfolg war immer negativ. Wenigstens was die Mäuse anbetraf. Dafür labte mich die alte Dame mit einem von ihr sehr geschätzten, selbstgebrauten Nußlikör, den sie in vielen Flaschen mitgebracht haben mußte, und der mit anderen mir bekannten Spirituosen nicht die geringste Geschmacksverwandtschaft zeigte und mir im wesentlichen aus Kandiszucker, Wasser, Lakritz und altem Leim zu bestehen schien.

Nach jeder vergeblichen Mäusejagd unterhielt mich die vortreffliche Dame von den Gästen des Hotels aufs anregendste.

Sie wußte, daß die Baronin über mir gar keine Baronin war, sondern eine gewöhnliche Adlige mit einer ziemlich neuen Fünfzackigen. Sie sei in einen jungen Badearzt verliebt und lasse sich deshalb auf Ischias behandeln. Die Kanzleirätin war ferner darüber orientiert, daß die Ehe des Rechtsanwalts auf Nr. 17 sehr unglücklich sei, weil der Schwiegervater heute, zehn Jahre nach der Hochzeit, noch immer nicht mit der Mitgift herausgerückt sei und die junge Frau eine verhängnisvolle Neigung habe, jede versöhnliche Annäherung ihres Gatten mit der Geburt von Zwillingen zu beantworten. Sie hatte auch in Erfahrung gebracht, daß der Tenor auf Nr. 39, der angeblich der Liebling des kunstverständigen Publikums von Pernambuco war, Amerika niemals gesehen habe, auch nicht demnächst an der Wiener Hofoper Probe singe, sondern nächsten Winter vermutlich, wie schon die beiden vorhergehenden, in Berlin in obskuren, rauchigen Kabarets das Lied von der Leiche im Landwehrkanal zur Negergitarre vortragen werde. Es sei denn, daß die dicke Witwe aus Smyrna, die im Vorjahre ihren mit kandierten Datteln reich gewordenen Gemahl an einem Leberleiden verloren habe, doch noch auf diesen Tenor hereinfalle, der übrigens nicht verhungern könne, da er immer einen Knödel im Hals habe ...

Dies alles, wie gesagt, wußte die beredte Kanzleirätin aus Bückeburg in ihrer charmanten, nur etwas weitläufigen Art zu berichten. Jedes Mißverstehen meinerseits war übrigens ausgeschlossen, da die alte Dame viele Jahre -- bis zu seinem Ende -- ihren schwerhörigen Gatten gepflegt hatte und aus alter Gewohnheit auch die +nicht+ mit dem Leiden ihres Seligen Behafteten mit ihrer hellen Stimme anschrie, daß es zunächst schier zum Entsetzen war.

Auch über Michael Monkebach wußte sie das Nötige.

Er hatte vom Vater eine Filzhutfabrik geerbt. Die erste selbständige Handlung Michael Monkebachs bestand darin, daß er ein neues patentiertes Verfahren ankaufte, den gewalkten, geformten und gesteiften Hut anstatt mit Schellack oder Leim mit einer wunderbaren Flüssigkeit zu „glänzen“, deren Zusammensetzung ein streng bewahrtes Geheimnis des Erfinders, eines angeblichen Chemikers aus der Bukowina, war. Als ungefähr 50000 Filzhüte in diesem Verfahren „geglänzt“ waren, erwies es sich, daß die Fabrikate allerdings einen recht hübschen, spiegelnden Glanz hatten, aber schon nach einigen Wochen einen unleidlichen und unbekämpfbaren Geruch nach verdorbenem Fett ausströmten, der sie unverkäuflich machte. So war Michael Monkebach im Besitz eines wertlosen Patents und 50000 übelriechender Hüte, die er nicht loswerden konnte, und hatte einen hübschen Batzen Geld verloren. Der angebliche Chemiker aus der Bukowina war längere Zeit unauffindbar, bis ihn Monkebachs tüchtiger, aber nicht billiger Anwalt in einem Zuchthaus der Rheinprovinz auftrieb, wo er sich gerade aufhalten mußte, weil er einen Geldbriefträger meuchlings in eine Senkgrube geworfen hatte.

Das zweite üble Geschäft, das Michael Monkebach leider machte, bestand im Ankauf des Patents einer neuen Haarblase- und Mischmaschine, die zwar außerordentlich schlecht funktionierte, aber den zwei daran beschäftigten Arbeiterinnen gleichzeitig die kleinen Finger der rechten Hände verstümmelte. Michael Monkebach wurde in beiden Fällen zur Zahlung einer lebenslänglichen Rente verurteilt und hatte außerdem noch unter unausgesetzten Angriffen verschiedener Blätter zu leiden, die das geschehene Unglück als Folge einer verwerflichen Knauserei und reine niedrigen Profitwut darstellten.