Part 12
Er knüpfte daran die lehrreiche Geschichte von einem Gasthof zweiten Ranges in der Provinz Posen, in dem vor Jahren eine plötzlich ausbrechende Typhusepidemie aus schnöder Gewinnsucht von dem gewissenlosen Wirte vertuscht worden sei. Besagter Wirt sei dann als Erster auf Nr. 13 -- ein Zimmer, das kein Gast beziehen wollte -- als Opfer der unheimlichen Seuche gestorben. Sein Geist aber sei acht Tage später dem kurz vorher gekündigten Nachtportier auf der schlecht erleuchteten Treppe, in nasse Laken gehüllt, erschienen. Die Nässe habe man denn auch tatsächlich am andern Morgen noch auf den Stufen zur ersten Etage bemerkt. Die Analyse zweier Chemiker habe leider zu widerspruchsvollen Resultaten geführt. Der eine habe Spülwasser angenommen, der andere habe eine weit unappetitlichere Erklärung empfohlen. Die Witwe habe darauf den entlassenen Portier, der überall diese gruselige Spukgeschichte erzählte, wegen perfider Geschäftsschädigung verklagt. Aber das Gericht habe drei spiritistische Sachverständige vernommen, die aus der Schilderung des schleppenden Ganges, des nassen Lakens und anderer Attribute der unheimlichen Erscheinung übereinstimmend entnahmen, daß es sich zuverlässig um ein durchaus reelles Gespenst gehandelt haben müsse; und daß die beunruhigende Wahrscheinlichkeit vorliege, das Gespenst werde sich noch des öfteren nachts auf der Treppe zu der ersten Etage ergehen. Der Nachtportier sei freigesprochen worden. Die Witwe habe Bankrott gemacht. Und auf dem Boden des ehemaligen Hotels erhebe sich jetzt das ernste und solide Gebäude der städtischen Feuerwehr, die ein furchtloser und vorurteilsfreier Mann kommandiere.
Während der Rittmeister erzählte, hatte ich beobachtet, wie Maruschka Anastasia erst die Augen schloß, als überfalle sie eine, von leichtem Frost begleitete, plötzliche unbesiegbare Müdigkeit. Dann sah ich sie die Finger auf ihrem Schoß spreizen und wieder zusammenkrallen, als treibe sie schwedische Fingergymnastik. Dazu hob und senkte sich ihre in den Linien nicht aufregende Brust in immer kürzeren Zwischenräumen; und sie schnaufte durch die geblähten, zuckenden Nasenflügel, als habe sie eben im Laufschritt einen Campanile erstiegen und müsse sich nun unbedingt Ruhe gönnen, um einem drohenden Herzschlag vorzubeugen.
Michael Monkebach, halb vom Sitz aufstehend, machte dem Rittmeister durch Handbewegungen und Gesichterschneiden allerlei Zeichen, die zweifellos die inständigste Bitte ausdrücken sollten, diese überaus grausame Geschichte nicht weiter zu erzählen im Angesicht des beklagenswerten Zustandes, in den sie offensichtlich Maruschka Anastasias sensitive Natur versetzte.
Aber der Rittmeister, der wohl auf dem einen Auge total erblindet war und sein für das andere Auge bestimmtes Monokel gerade umständlich mit dem seidenen Taschentuche putzte, erzählte die aufregende Historie ohne jegliche Unterbrechung zu Ende. Und zwar in einem so kühlen, leidenschaftslosen Ton, als ob er statt vom Hinüberspielen der Wesenheiten einer vierten Dimension in unser rätselvolles Erdenleben in Wahrheit bloß vom Einkauf einer Erbswurst oder von einem neuen Mittel, weiße Handschuhe zu reinigen, berichte.
Ich begann die unmittelbare Wirkung der Kraftnatur auf die sensitive Dichterin zu beobachten und zu begreifen; und ich war sehr gespannt, wie sich diese tiefe seelische Erregung Maruschka Anastasias endlich lösen werde.
Als der Rittmeister geendet hatte und sich mit einer nach solchen Mitteilungen geradezu erstaunlichen Seelenruhe geräuschvoll die Nase schneuzte, erhob sich plötzlich Maruschka Anastasia. Immer noch mit geschlossenen Augen und wie im Sturme wogendem Busen. Michael Monkebach stand mit halberhobenen Armen neben ihr, offenbar bereit, die Teuere aufzufangen, wenn sie sinken sollte, aber doch nicht wagend die noch aufrechtstehende Dichterin zu berühren.
Der Rittmeister betrachtete diese merkwürdige Gruppe aufmerksam, doch ohne Zeichen tieferer Erregung durch sein Monokel. Ich aber hatte -- ich weiß heute noch nicht, warum und wieso -- eine Glocke mit ziemlich schmutzigem Wasser ergriffen, in der ein einzelner Goldfisch, schon halb auf dem Rücken liegend, sein nahes, wünschenswertes Ende zu erwarten schien.
Plötzlich bewegte sich Maruschka Anastasia in knappen, zögernden Schritten vorwärts. Nach der Tür.
Der Rittmeister erhob sich schwerfällig aus dem Sessel, wie leidenschaftliche Reiter das tun, die sich auf unruhigen Pferden sehr munter und auf den allgemein üblichen Sitzgelegenheiten des Salons nur sehr mühsam bewegen.
„Es +hat+ sie wieder,“ sagte der merkwürdige Krieger, nickte Michael Monkebach verständnisvoll zu und schritt langsam, die Hände in den Hosentaschen, hinter der außergewöhnlichen Frau her. Dabei zündete er sich eine Zigarette an, was mich sehr beruhigte. Noch mehr hätte es mich allerdings beruhigt, wenn er mir +auch+ eine Zigarette angeboten hätte. Aber auf diesen gewiß unbescheidenen Gedanken kam hier niemand außer mir.
Als Maruschka Anastasia in dem Gemach ihrer Inspirationen verschwunden war, nahm mir Michael Monkebach zunächst behutsam das Glas mit dem halbtoten Goldfisch aus den Händen und stellte es wieder auf das gebrechliche Bauerntischchen unter dem Kupferstich, der die Medea in höchster Raserei darstellte. Dann drückte er mich wieder in das sehr tiefe und sehr harte Sofa und erläuterte mir mit gedämpfter Stimme die aufregende Szene, an der ich soeben vermutlich in nicht sehr geistreicher Pose und ohne das geringste Verständnis teilgenommen hatte.
„Sehen Sie,“ begann er, „nun haben Sie’s +selbst+ einmal erlebt.“
Ich leugnete das nicht; ohne mir darüber klar zu sein, +was+ ich nun eigentlich erlebt hatte.
Er begann wieder mit dem Zeigefinger das unbehagliche Spiel auf den Carreaus meiner Hose:
„Die Geschichte des Rittmeisters -- ist es nicht ein prächtiger Mensch? Habe ich zuviel gesagt? -- die Geschichte hat sie erschüttert, hat ihre poetische Psyche, ihr dichtendes Unterbewußtsein zur Tätigkeit aufgerüttelt. Während der Rittmeister -- +wie+ er das aber auch vorbrachte, nicht wahr? so unberührt von all dem Schauerlichen, so nervenstark, so kerngesund, so irdisch-gefestigt in all dem Unerklärlichen -- während der Rittmeister erzählte, hat sie bereits diesen Stoff erfaßt, umklammert, vertieft, neugestaltet, poetisch verarbeitet. Und jetzt -- das duldet keinen Aufschub bei ihr -- muß sie es sofort zu Papier bringen. Sie +muß+. Sie schreibt solche Sachen stets auf ein geripptes dunkelviolettes Papier. Man sagt, Marie Antoinette habe mit Vorliebe solches Papier benutzt. Finden Sie nicht, daß meine Frau -- im Profil, oder sagen wir: Halbprofil -- Marie Antoinette merkwürdig ähnlich sieht?“
Ich fand das nicht. Ich wurde von ihrem blassen, ziemlich gewöhnlichen Gesichtchen in der Tat mehr an den Berliner Hausvoigteiplatz, als an die Pariser Tuillerien erinnert. Natürlich behielt ich das für mich. Es waren auch andere Dinge, die mich jetzt interessierten.
„Nehmen Sie mir meine Neugier nicht übel, Herr Monkebach ...“ begann ich.
Aber schon unterbrach er mich.
„Wie sollt’ ich! Sie glauben nicht, +was+ mich die Leute alles fragen. In Beziehung auf Maruschka Anastasia. +Was+ sie ißt, wie +oft+ sie ißt, ob sie Wolle trägt, ob sie nachts gut schläft. Ja sogar -- warten Sie, ich muß den Brief noch in der Tasche haben -- gestern hat sogar ein Verehrer in Fürth, der eine Geschichte des ‚Genies in seiner Abhängigkeit von den natürlichen Lebensfunktionen‘ plant, bei mir -- per Eilboten -- angefragt, ob und wie oft Maruschka Anastasia an Verdauungsstörungen leide ...“
Ich bat ihn dringend, den indiskreten Brief nicht weiter zu suchen und mir lieber eine Frage zu beantworten: schrieb Maruschka Anastasia denn auch Balladen und Gespenstergeschichten?
Nein, das tat sie nicht. Er belehrte mich, daß jeder Stoff, der sie fessele, packe, festhalte -- wie ich das vorhin bei der wuchtigen Erzählung des Rittmeisters, der übrigens eine Kraftnatur durch und durch sei, erlebt habe, -- auf der Tiefe ihres Unterbewußtseins sich sofort in ein eigenes seelisches Erlebnis wandle. Er werde dann in ihre eigenartige Lyrik, die stets ihr Liebes- -- das heiße ihr Eheleben -- behandle, in irgend welcher sinnvollen Weise einbezogen. Ich werde es erleben, daß auch in der vom Rittmeister mitgeteilten gruseligen Erzählung nach der wunderreichen Wiedergeburt in Maruschka Anastasia’s schöpferischen Phantasie +er+, Michael Monkebach, wie ich ihn hier vor mir sehe, eine bedeutsame Rolle spielen werde. Er sei zwar nie in Posen gewesen, habe weder den verbrecherischen Wirt gekannt noch dem erwähnten Hausknecht näher gestanden, sei noch niemals von Gespenstererscheinungen im Wachen oder im Schlafe belästigt worden -- aber, ich werde das ja sehen, +er+ werde auch in dieser Dichtung als irgend eine merkwürdige Figur erscheinen, über die er freilich augenblicklich nicht einmal andeutungsweise eine Aufklärung zu geben vermöge. Denn für ihn, wie für alle, seien die Dichtungen Maruschka Anastasias stets Überraschungen, Offenbarungen, Ereignisse. Das einzige, was er wisse, sei dies: daß seine Natur offenbar so erregend simulierend, geistig befeuernd auf die unheimlich fruchtbare Phantasie dieser seltenen Frau wirke, und daß er wohl ohne Eigenlob sagen dürfe, dies einzigartige Talent sei niemals zu seiner üppigen Entfaltung gekommen ohne +seinen+, ihm selbst allerdings rätselhaften persönlichen Einfluß.
Ich weiß nicht, wie die Gedankenverbindung war, aber ich fragte ihn plötzlich:
„Und +Kinder+ -- haben sie +auch+?“
Seine Stimme bewölkte sich. „Nein, +noch+ nicht.“
„+Noch+ nicht? Sie -- haben vielleicht begründete Hoffnung?“
„Ja,“ lächelte er glücklich.
Ich reichte ihm herzlich die Hand, zog sie aber sofort zurück, als ich die verblüffenden Worte vernahm:
„Der Vater des Kindes ist ein Briefträger.“
„Der -- Vater?“
„Ja.“
Das glückliche Lächeln wich nicht aus seinem Angesicht. „Der Mann ist kränklich und kein Freund des Treppensteigens. So hatte er die gewiß tadelnswerte, aber doch menschlich nicht ganz unbegreifliche Gewohnheit, lästige Drucksachen, die ihm wertlos schienen, einfach nicht zu bestellen, sondern damit seinen eisernen Ofen zu heizen. Er ‚sitzt‘ jetzt. Für einige Jahre. Ein sehr harter Spruch. Aber er war Beamter, nicht wahr? Und schließlich: es gibt ja auch Drucksachen, deren Wert für den Empfänger ein Briefträger nicht ohne weiteres abschätzen kann.“
„Und -- von diesem verbrecherischen Briefträger ...“
„Ja. Er ist jetzt fünf Jahre alt.“
„+Wer+ ist fünf Jahre alt?“
„Nun der Junge von dem Briefträger. Die Mutter des Kindes -- sie soll einmal eine Schönheit gewesen sein, allerdings mit ausgeprägter Neigung zu einem Kropf -- diese liebreizende Frau aus dem Volke hat sich leider in einem Anfall negativer Lebensfreude erhängt, als die Verurteilung des Ehemanns erfolgte. Nun ist das hübsche Bübchen bei einer etwas versteinerten Großmutter untergebracht, einer harten, unsauberen Frau, die ich im Verdacht habe, daß sie eine alte Kohlenschaufel als einziges Erziehungsmittel benutzt.“
Ich atmete erleichtert auf. Die letzten drei Minuten hatte ich zwischen der Annahme geschwankt, daß ich hier einem ganz frivolen Unhold oder einem kompletten Narren gegenüber sitze.
„Also, wenn ich recht verstehe, werter Herr Monkebach, Sie wollen das eheliche Kind des auf Abwege geratenen Briefträgers +adoptieren+?“
„Ja. Auf die leibliche Geburt eines Kindes ihre Kräfte zu konzentrieren, wird -- nach Ansicht unseres Arztes -- Maruschka Anastasia +nie+ einwandfrei gelingen. Die Fruchtbarkeit ihrer Psyche entschädigt vollauf dafür.“
„Gewiß, ja. Aber --“
„Um uns -- oder eigentlich +mir+; denn Maruschka Anastasia hat sich noch nicht recht befreundet mit dem Gedanken -- das überaus herrliche Vergnügen zu bereiten, ein junges Menschlein wachsen zu sehen, seine Freude am Leben, seine Dankbarkeit mitzugenießen, gehen wir -- oder eigentlich: gehe +ich+ -- mit dem Plane um, das fünfjährige Bübchen des seelisch entgleisten Beamten als eigen anzunehmen und mir auch für die Stunden der Einsamkeit und des Alters -- denn Maruschka Anastasia ist durch ihre Arbeiten und ihre reiche Korrespondenz häufig von mir ferngehalten -- eine rechte Lebensfreude heranzuziehen.“
„Und haben sie nicht, wenn sie den Charakter der Eltern, vor allem des Vaters dieses Kindes prüfen, gewisse Besorgnisse, daß ...“
Er schüttelte den Kopf. „Ich lebe der heiligen Überzeugung, daß aus einem Kinde, das früh genug in diese Atmosphäre kommt, in der mein guter Wille und Maruschka Anastasias Genie sich zu seiner Erziehung verbinden, noch alles Gute zu machen ist. Und dann, sehen Sie, ich vertraue auf meinen persönlichen Einfluß.“
In dem Nebenzimmer, dem Tempel der Inspiration, vernahm man den gedämpften Ton von Stimmen, die angeregte Zwiesprache hielten.
Michael Monkebach lauschte.
„Sie +sprechen+? So ist die Dichtung beendet. Vorher redet sie nämlich keinen Ton. Sie wird gleich kommen. Nehmen Sie mir’s nicht übel, lieber Freund ...“
„Ach, ich verstehe, ich soll --?“ Ich deutete nach der Korridortüre.
Er war etwas verlegen.
„Maruschka Anastasia ist stets sehr erschöpft“, sagte er, „nach solchen besonders heftigen Anfällen ihres Talentes. Sie pflegt dann allerdings das dringende Bedürfnis zu äußern, allein zu sein. Ich selbst sogar bin ihr dann oft lästig. Nur die kräftige Vollnatur unseres lieben Vetters, des Rittmeisters, hat dann etwas wirklich Beruhigendes für sie.“
So nahm ich meinen Hut.
Michael Monkebach war gerührt. Er quetschte mir mit schmerzhafter Herzlichkeit die Hand und versicherte, seit Maruschka Anastasia’s Bild als etwas mißglückter Buntdruck dem „Marsyas“ beigelegen, habe ihn +nichts+ so sehr erfreut, wie +mein+ lieber Besuch.
Auf der Schwelle noch fiel mir das Wichtigste ein. Ich hatte doch versprochen, ein Albumblatt ...
Michael Monkebach, dem just viel darauf anzukommen schien, daß mein so erfreulicher Besuch nicht durch seine Länge die angenehme Erinnerung abschwäche, gab mir hastig ein wertvolles Versprechen.
„Ich werde“ -- sagte er -- „das soeben entstandene Gedicht sofort abschreiben -- ich schreibe nämlich +alle+ Gedichte Maruschka Anastasias ab. Sie schätzt meine Handschrift sehr. Meine stets sich treubleibende Ortographie ist die übliche, während die ihrige schwankt. Auch bin ich in der Interpunktion zuverlässiger. Nur die Gedankenstriche verteilt sie dann selbst. Das ist Gefühlsache, nicht wahr? Die erste Niederschrift Maruschka Anastasia’s selbst aber schicke ich ihnen ins Hotel. Nehmen sie das Blatt für die gewiß charmante junge Dame mit, die Sie, wie ich recht wohl fühle, besonders hochschätzen. Und sagen Sie ihr, Sie hätten in einer unvergeßlichen Stunde das seltene Glück gehabt, die Entstehung dieser Dichtung unter dem persönlichen Einfluß des Gatten der Dichterin +mit+ zu erleben.“
Er reckte sich in seinen viel zu weiten Kleidern stramm auf, als er so stolze Wort sprach, und schien den knappen Türrahmen füllen zu wollen mit seiner Persönlichkeit. Und mit einer Handbewegung, die ein König beider Sizilien nicht so hoheitsvoll und gnädig spenden könnte, entließ er mich in mein ungemütliches Hotel, in dem nach des Rittmeisters Ansicht die Pocken ausgebrochen waren ...
Ob das mit den Pocken seine Richtigkeit hat, weiß ich nicht. Jedenfalls konnte ich die ganze Nacht vor Hautjucken nicht schlafen. Ich machte wohl zehnmal Licht, um bald meine Beine, bald meine Schultern zu betrachten, die nach meinem Dafürhalten schon rötliche Flecken und Knötchen aufweisen mußten. Davon war allerdings nichts zu sehen. Hingegen entdeckte ich so gegen halb vier Uhr morgens eine ausgewachsene Wanze, die eilfertig an der schmutzigen Tapete promenierte.
Ich zog mich sofort an und verbrachte den Rest der Nacht mit dem Packen meines Koffers und der wenig anregenden Lektüre einer drei Wochen alten Zeitung, in die meine Lackstiefel eingepackt gewesen waren.
Mit dem Frühzug wollte ich abreisen.
Als ich beim Frühstück saß, das nur durch eine intensiv nach Pomade schmeckende Butter bemerkenswert war, brachte mir der Portier zwei Briefe. Einen zwölfseitigen von der Tante, in dem sie noch einmal „mit dem Umstand, den sie hatte“, betonte, daß sie unter keiner Bedingung ihre Zustimmung zu einem pekuniären Selbstmord der Familie gebe, wie ihn die sinnlose „Verschleuderung unseres Grundstücks unter seinem wahren Werte“ bedeute. Dieser „wahre Wert“ existiert bis heute nur in der Phantasie der ideal gesinnten Tante. Sie habe aber -- so fuhr der Brief fort -- gehört, in Bimmlingen sollten die Konserven so billig sein und wäre mir daher dankbar, wenn ich ihr vielleicht zwölf Büchsen Mirabellen, sechs Büchsen Pflaumen, aber geschälte, acht Büchsen Brechbohnen ...
Ich schob den Brief, ohne die weiteren Büchsen nachzuzählen, in meine Brieftasche und beschloß, daß er erst +nach+ meiner Abreise angekommen war.
Dann öffnete ich den andern Brief. Er enthielt das wertvolle Manuskript von der Hand Maruschka Anastasias. Die Karte Michael Monkebachs lag bei mit den in peinlichster Schnörkelschrift aufgeschriebenen Worten:
„Sehr werter Freund! Anbei das Versprochene. Ich halte es für das Bedeutendste, was meine liebe Frau geschrieben hat. Sie machen Ihrer Freundin ein königliches Geschenk mit diesen Blättern. Möge es Ihnen das charmante Mädchen durchs Leben danken. Der Himmel geleite Sie glücklich in die Heimat. Dieses wünscht Ihr ganz ergebener Michael Monkebach.“
Der Portier meinte, wenn ich etwa noch mit dem Omnibus mitwolle, so müsse ich mich beeilen.
Ich steckte also das Manuskript eilends ein und fuhr, immer noch von heftigem Jucken belästigt, an die Bahn. Dort hatte ich, da der Omnibus zu einem ganz andern Zug gefahren war -- noch 37 Minuten Zeit und begann nun auf dem Perron, auf meinem Handkoffer sitzend, die Dichtung zu lesen. Ich „las“ ist eigentlich nicht das passende Wort. Maruschka Anastasia hatte die Gewohnheit fast jedes Wort durchzustreichen, dieses durchgestrichene Wort durch ein anderes, noch undeutlicheres zu ersetzen, das dann häufig wieder durch ein drittes querdurchgeschriebenes abgelöst wurde. Jedenfalls liest sich eine Urkunde Karls des Dicken oder ein Liebesbrief Ottos des Großen an die burgundische Adelheid heute noch bedeutend leichter, als eine Original-Handschrift Maruschka Anastasias.
Daß die poetischen Schönheiten einer Dichtung durch ihre Unleserlichkeit erhöht werden, ist nicht zu behaupten. Ich las an dem vierseitigen Manuskript eine halbe Stunde auf dem Perron, las die zweieinhalb Stunden der Bahnfahrt daran, las weitere neun Minuten in der Droschke vom Bahnhof bis zu meiner Wohnung, las eine halbe Stunde in meinem Studierzimmer weiter und hörte erst auf zu lesen, als Herr Jädicke kam, um mich unter vielen vortrefflichen Reden über das Reisen im allgemeinen und Fragen nach meiner Reise im besonderen zu rasieren.
Der Anfang des Poëms ist mir in Erinnerung geblieben. Ich gebe ihn hier wieder ohne die unzähligen Gedankenstriche, die sich wie die gestrichelten Linien des gewissenhaften Schnittmusters für ein besonders kompliziertes Ballkleid durch die vielfach verwischten Zeilen wanden:
„Heut Nacht -- ich kam von einem Ball und Schmaus -- „Die welken Rosen hingen mir im Haare -- „Da stand -- o Gott! der Geist im Treppenhaus „Des Manns, den ich gelegt auf schwarze Bahre ...“
Ich bemerke, daß mir persönlich hier die Konstruktion mißfiel. Indem man nicht weiß, ob das Treppenhaus zu dem Geist oder zu dem Mann oder ob der Mann zu dem Treppenhaus oder der Geist zu dem Mann und dem Treppenhaus gehört. Aber ich bin schließlich nicht kompetent. Es ging dann weiter:
„Im weißen Laken -- gräßlich -- ein Gespenst, „Moder im Rauschen seiner Totenkleider -- „Er hob die Knochenhand: ‚Ob du mich kennst --?‘ „Und bebend sprach ich: Leider -- leider -- +leider+!“
Die sehr bedeutende Steigerung der folgenden Verse ist mir entfallen. Auch wurden die Rhythmen so kühn in ihrer trotzigen Unregelmäßigkeit, daß ich manchmal nicht sicher war, ob +ich+ mich verlesen oder ob +sie+ sich verschrieben oder ob das gerade die höchste Kunst der Neutöner war. +Eines+ war jedenfalls bewundernswert: Das Geschick, mit dem sie selbst in die Person des Hausknechts in Posen geschlüpft war, und die Grausamkeit, mit der der harmlose Michael Monkebach getötet, aufgebahrt und begraben, als Gespenst auf eine Treppe gesetzt und von ihr dann in Versen hitzigster Anklage über die Maßen schlecht behandelt war. Das Gedicht endete denn auch damit, daß sich der unsaubere Geist Michael Monkebachs beschämt in sein Grab zurückzog und schwur: nie wieder die Wege des endlich befreiten Weibes zu kreuzen, dem seine schmähliche Tyrannei „Wermut in alle Becher des schäumenden Lebens gegossen hatte“. Das ist mir im Gedächtnis haften geblieben, weil es mir bezeichnend schien, daß Maruschka Anastasia das schäumende Leben gleich aus +mehreren+ Bechern trank ...
Der nächste Tag war ein Freitag.
Ich nahm die teuren, in eine eigens dafür gekaufte kleine Mappe gesteckten Blätter mit in den illustren Kreis der „Schaffenden“, die mich ihres Umgangs würdigten. Sie empfingen mich mit großen Ehren. Als habe ich den schwarzen Erdteil entdeckt oder Andrées Knochen gefunden.
Ich mußte erzählen, erzählen, erzählen, bis mir der Hals trocken war.
Und da schließlich so +sehr+ viel gar nicht zu erzählen war, die märchentiefen Augen eines schweigend lauschenden Mädchens aber glücklich und begierig an meinen Lippen hingen, so tat ich etwas sehr verwerfliches. Ich +log+. Aus einer kurzen Zusammenkunft wurden drei lange, inhaltschwere Nachmittage. Aus einem Rittmeister wurde ein halbes Offizierkorps. Michael Monkebach wurde schlankweg ein Übermensch. Und ich --? O, ich hatte mich vortrefflich benommen! Der gute Eckermann hat aus dem alten Goethe in den neun Jahren von 1823 bis 1832 nicht so viel unerhörte Dinge über Welt und Menschen, über Ruhm und Unsterblichkeit herausgefragt, wie ich in diesen drei Unterredungen aus Maruschka Anastasia. Und es befriedigte mich sehr, daß alle ihre angeblichen Aussprüche bejubelt wurden. Meine persönlichen Einwendungen fand man dagegen recht unbedeutend.
Zum Schlusse küßte mich der verbotene Dramatiker auf Stirn, Mund und Wangen. Er sagte, daß er so umständlich +nie+ jemanden vor mir ausgezeichnet habe. Egon Felix Gundelmann versprach mir sein Bild.
Ein gelegentlicher Mitarbeiter des Marsyas, der auf der Redaktion gar nichts zu sagen hatte, bot mir sieben Spalten der ersten Nummer des nächsten Quartals an, um das eben Gehörte dort für alle Gebildeten niederzulegen.
Dann deklamierte der Reformator der Rezitationskunst, der seit anderthalb Stunden in einem Nebenraum das Manuskript studiert hatte, mit einer erschreckenden Grabesstimme die Gespensterdichtung. Einige weinten; andere starrten entgeistert in die Gläser.
An Maruschka Anastasia wurde dann ein enthusiastisches Nachttelegramm aufgesetzt, das sie von der tiefen, lähmenden, entkörpernden Wirkung ihrer Dichtung benachrichtigte. Ich durfte als erster unterschreiben.
Dann sprang plötzlich der durch reichlichen Lethegenuß seelisch gehobene Reformator der Rezitationskunst mit gleichen Füßen auf den ächzenden Tisch, und die Feiernden überbrüllend verkündete er: da sich gewiß niemals wieder eine +so+ herzerhebende Weihestunde finden werde, so habe er beschlossen, schon heute Nacht, jetzt gleich, in +dieser+ Minute seine Verlobung mit der Schwester seines lieben Freundes, des Neutöners und Erneuerers der deutschen Lyrik bekannt zu geben.
Mit diesen Worten hüpfte er vom Tisch und schloß die tiefblauen Märchenaugen meiner heimlichen Liebe mit den schmatzenden Küssen seines wulstigen Mundes ...
Ich bin niemals mehr zu den Freitagsfesten gegangen.
Der Reformator hat heute, glaube ich, in Merseburg ein kleines Zigarrengeschäft.
Die ferneren Dichtungen Maruschka Anastasias sind mir fremd geblieben.
Bloß Egon Felix Gundelmann sah ich in den folgenden Jahren noch zuweilen. Er hat sogar einen gewissen Einfluß auf mich gewonnen. Es ist seiner erstaunlichen Beredsamkeit gelungen, mein Leben für den Todesfall, meine Möbel gegen Feuer, mein unglückseliges Grundstück in Bimmlingen gegen Hagel und meine Winterkleider gegen Motten zu versichern. In Literatur macht er nämlich nicht mehr. Bloß in Versicherungen.
* * * * *
Michael Monkebach aber habe ich noch einmal wiedergesehen.
Ein halbes Jahr mag’s jetzt her sein, da zwang mich ein abscheulicher Platzregen -- mein Schirm fuhr gerade in einer Elektrischen allein weiter in der Richtung des Spittelmarkts -- in ein Café am Potsdamer Platz zu flüchten.
Alle Marmortischchen waren besetzt von nassen, schimpfenden Leuten, die, trostlos in einer Tasse Kaffee rührend, hinausstarrten auf die Straße, die sich langsam in einen venetianischen Kanal zu wandeln schien.
An einem Tisch zu vier Personen saßen bereits zwei Schachspieler. Behäbige, alte Herren, die schweigend und schnaufend unter Benutzung zahlreicher Zahnstocher eine Partie des königlichen Spieles erledigten; wobei der eine jedesmal, wenn der andere nach langem Besinnen eine Figur vorwärts schob, ingrimmig brummte: „+Dacht+’ ich mirs doch!“ „Ob ich’s nicht +kommen+ sah!“ Es war eines jener merkwürdigen Spiele, bei denen jeder voraus weiß, was der andere tun wird und eigentlich bloß mit sich selbst spielt. An demselben Tisch hatte noch ein Herr Platz genommen in einem sehr weiten und für die Jahreszeit reichlich warmen Mantel, wie ich ihn zuletzt bei alten Schäfern im Spessart gesehen habe. Ihm gegenüber ein hochaufgeschossener, knochiger Jüngling von etwa fünfzehn Jahren, der in seinem schon etwas verwachsenen dunklen Matrosenkostüm mit dem breit herausgeschlagenen hellblauen Kragen nicht sehr glücklich verkleidet aussah. Der Herr hielt krampfhaft eine alte rindslederne Reisetasche zwischen den Beinen und machte den Eindruck, als ob er ausschließlich zur Bewachung dieses unscheinbaren Schatzes engagiert sei. Nur ab und zu gönnte er sich einen unruhigen Blick auf eine große Taschenuhr, die er unter dem leisen Geläute vieler goldener Petschaften tief aus dem Schäfermantel hervorzog. Der Matrosenjüngling aber fing nicht ohne Kunstfertigkeit, mit der behutsam vorgeschobenen knochigen hohlen Hand sein Opfer auf der Marmorplatte überlistend, Fliegen von einem vergessenen Stückchen Zwetschenkuchen, das herrenlos zwischen den braunklebrigen Kringeln und bekluckerten Kaffeetassen lag.
An diesem Tische stand noch ein überzähliger fünfter Stuhl, den mir als einzigen, der im ganzen Lokale noch frei war, ein diensteifriger Pikkolo mit herablassender Handbewegung anwies. Ich hielt zwei feindlich drohende Blicke der gestörten Schachspieler aus, wehrte den von dem Matrosenjüngling vom Zwetschenkuchen gescheuchten Fliegen, die sich alsbald auf meinem kurzgeschorenen Haupte von dem gehabten Schrecken zu erholen trachteten, und bestellte bei einem atemlos vorüberfliegenden Kellner einen schwarzen Kaffee und einen Kognak. Dann brannte ich mir eine Zigarre an und vertiefte mich, meiner darniederliegenden Lebensfreude aufzuhelfen, in ein spaßiges Leitgedicht Alexander Moszkowskis in den „Lustigen Blättern“.
„Hast du auch deine wollenen Socken im Koffer, Karl?“ fragte plötzlich, wie von schrecklicher Ahnung belästigt, der Mann im faltenreichen Schäfermantel.