Chapter 13 of 14 · 3991 words · ~20 min read

Part 13

„Aber +ja+, Papa“, antwortete der Mückenfänger unwirsch und tat mit sicherer Hand einen gewaltigen Fang.

„Ich nehme jetzt Ihren weißen Läufer“, meldete der eine Schachspieler.

„Ob ich mir’s nicht +gedacht+ habe!“ zischte der andere ingrimmig.

Dann war wieder eine Weile tiefe Stille an unserem Tisch. So eng wir saßen, er war eine Oase der Ruhe in dem Lärm und Getriebe des verrauchten, unruhigen Lokals.

„Du hast doch hoffentlich deine Zahnbürste nicht vergessen, Karl?“ Aus der Tiefe des Schäfermantels kam die bekümmerte Frage.

„Aber nein, Papa“, gab der Matrose ärgerlich zurück und köpfte mit einem Zahnstocher eine Gefangene auf dem Tellerrand, was sehr unappetitlich anzusehen war.

„Ich sage jetzt: Schach der Königin. Mit dem Springer“, meldete der eine Schachspieler.

„Ob ich das nicht +kommen+ sah!“ brummte der andere und schob wütend sein Kaffeebrettchen in den blauschillernden Zwetschenkuchen.

Dann war’s wieder stille.

Plötzlich -- ich war gerade auf die Pointe meiner Lektüre sehr neugierig -- beugte sich der Mann im Schäfermantel vertrauensvoll zu mir herüber:

„Verzeihung, wenn ich Sie störe ...“

„Bitte.“

„Wie lange fahren wir wohl mit der Droschke nach dem Lehrter Bahnhof?“

... Es gibt merkwürdige Momente im Leben; Momente, in denen man sich von einer sanften Riesenwelle erfaßt glaubt und sich weit, weit zurückgeschleudert fühlt in längst verrauschte Strudel der eigenen Vergangenheit. Die Seele schlägt ihre großen, erstaunten Augen auf, sieht sich um und erkennt Menschen, die sie längst in einem Gedächtniswinkel begraben hatte; Dinge, die seit Jahren zerbeult und zerschlagen und unkenntlich in einer andern Gedächtnisecke beim wertlosen Gerümpel lagen; Situationen, die wie groteske neblige Gespenster froher, heller Erlebnisse aus einem fernen, fernen Frühling wirken.

Solch ein Moment war es, als ich in ganz mechanischer Arbeit meines Sprechapparates dem Fragenden erwiderte: „Bis zum Lehrter Bahnhof fahren Sie mit einem Kutscher, der nicht betrunken ist, ungefähr fünfzehn Minuten.“

Und dabei sah ich unverwandt in dieses fragend auf mich gerichtete Gesicht, in dem es jetzt auch wie aufzuckende Erinnerung zu wetterleuchten begann ... Ganz so dicht bei diesem fremden Manne, dessen Gliederbau der viel zu weite Schäfermantel wie eine schwarze Glocke verbarg, mußt’ ich schon einmal irgendwo gesessen haben. Bestimmt an einem Tische, tafelnd, lächelnd, konversierend. Auf seiner linken Seite, wie jetzt. Aber damals hatten keine alten Herren Schach spielend uns gegenüber gesessen. Auch kein Matrosenjüngling fing damals Mücken. Damals -- damals -- Und plötzlich +wußt+’ ich’s wieder. Damals saß uns eine dicke Dame gegenüber, eine Rentiere aus Stettin mit einem pfundschweren Bernsteinschmuck und neben ihr im funkelnagelneuen Zivil, das ihn wie einen Zuschneider am Sonntag erscheinen ließ, der Rittmeister, der sich so gern reden hörte und dazu so erstaunliche Quantitäten Moselwein trank. Damals im Bade an der ~Table d’hôtes~ -- --

„Herr Michael Monkebach -- nicht wahr?“

„Das ist aber eine Freude, +lieber+ Herr Doktor. Ihr Gesicht kam mir doch gleich so bekannt vor. Erst dacht’ ich an einen Stationsvorsteher auf der Strecke Weimar-Apolda, der mich mal so furchtbar grob angefahren hat vor sechs Jahren -- natürlich, wie konnt’ ich nur ... Wie ist’s Ihnen denn ergangen? Sind sie noch an der Stuhlbeinfabrik in Heiligenstadt beteiligt, ja? Geht sie noch immer so glänzend?“

Da ich niemals an einer Stuhlbeinfabrik in Heiligenstadt beteiligt war, so konnte ich ihm darüber keinerlei Auskunft geben. Aber er schien auch gar keine Antwort zu erwarten. Seine Fragen waren lediglich nervöse Entladungen seiner Freude; waren rethorische Vergnügungen seines frohbewegten Herzens. So erkundigte er sich noch, ob ich noch immer Karlsbader Wasser trinke, ob ich mir die Zigaretten nach wie vor direkt aus Kairo kommen lasse, ob ich noch so leidenschaftlich Briefmarken sammle und ob ich noch immer als Wanderredner des Vereins für Feuerbestattung tätig sei. Lauter Dinge, an die ich nie in meinem Leben gedacht habe.

Einen Augenblick schöpfte er Atem, um dem Matrosenjüngling einen pantomimischen Verweis zu geben, weil ihn sein Jagdeifer in bedenkliche Nähe des Schachbrettes gebracht hatte und der eine Spieler, nach den Störenfried hinblickend, seine dicken Finger schon seltsam aggressiv bewegte. Diesen Moment benutzte ich, dem Wiedergefundenen zu versichern, daß er mich zwar richtig wiedererkannt habe, was mir natürlich äußerst schmeichelhaft sei, daß er mich aber in Bezug auf meine Lebensgewohnheiten offenbar mit einem, wahrscheinlich sogar mit mehreren seiner Bekannten verwechsle.

Michael Monkebach rieb sich nachdenklich die nicht unbedeutende Nase. Der vergrämte Zug, den ich früher schon zuweilen bemerkt hatte, kehrte unter diesen Strichen seiner nervösen Finger, tiefer, melancholischer wieder.

„Sie müssen schon entschuldigen,“ sagte er. „Was so im Laufe der Jahre alles uns besuchen kam ... Es war wirklich ... Ich erinnere mich eines Ungarn, der kein Wort deutsch sprach, der zwei Tage lang, eigentlich unaufgefordert, zu Tisch blieb, immer nur Maruschka Anastasia anstarrte und schließlich von ihrem Schreibtisch ein Falzbein aus Elfenbein mit großem, leider unverständlichem Wortschwall, offenbar als ‚Erinnerung‘ einsteckte. Ich entsinne mich eines kleinen, krummbeinigen Polen, der uns durch seine französische Konversation viel Mühe machte. Er hatte Maruschka Anastasias Gedicht ins Polnische übersetzt und deklamierte uns zwei Stunden lang seine Übertragungen vor. Es klang sehr merkwürdig, war aber doch ein bischen langweilig, da wir ja keine Silbe verstanden. Er regte sich furchtbar auf dabei, der Gute. Und wir mußten ihm später viel Rotwein einflösen, damit er einen Anfall von Herzschwäche überwand. Einer der letzten war ein sehr blasser und schweigsamer Herr aus Chemnitz, der künstlerische Dichterporträts -- als Amateur -- aufnahm. Er brachte einen großen Apparat mit, auch eine sehr eigentümliche Vorrichtung für Blitzlicht. Mit dieser Vorrichtung, die seine Erfindung war, hat er uns die Gardinen in Brand gesteckt. Wir hatten einen großen Schrecken. Und das übelste war, auf dem Bilde hat Maruschka Anastasia später zwei Köpfe.“

„Wie geht es ihrer verehrten Frau Gemahlin?“ unterbrach ich den Strom seiner Erinnerungen.

„Wie es ...“ Er sah zerstreut auf die Uhr. „Ich denke gut. Ich hoffe es. -- Fünfzehn Minuten sagten Sie? Dann werden wir wohl ... Karl, laß doch die Fliegen in Ruh! Du genierst die Herren da.“

„Ich nehme ihren Turm mit der Königin,“ annonzierte der eine Schachspieler und warf dabei einen wütenden Blick nach dem unentwegten Mückenfänger.

„Ob ich das nicht die ganze Zeit +kommen+ sah!“ hohnlächelte der andere, als ob ihm sein Gegner einen großen ingrimmigen Spaß mit dieser Mitteilung gemacht habe.

„Um fünf Uhr dreizehn geht nämlich unser Zug nach Hamburg,“ sagte Michael Monkebach, indem er einen vorüberhuschenden Kellner an seiner weißen Jacke festhielt, daß sie in allen Nähten krachte. „Bitte, laufen Sie nicht +wieder+ vorbei! Also ich habe eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Hörnchen, -- eigentlich nur ein halbes, denn es war eine Schwabe darin eingebacken -- der Junge hat drei Tassen Schokolade und drei Stück Zwetschenkuchen. Es waren doch drei, Karl?“

„Vier“, korrigierte der tapfere und gewissenhafte Esser.

„Pardon, ja -- +vier+,“ entschuldigte sich Michael Monkebach, der unter dem ungnädig strafenden Blick des Kellners errötete.

Dann fand eine sehr merkwürdige und sehr unleserliche Addition auf der Marmorplatte statt. Der Kellner wechselte sein Silberstück, dankte kühl und verschwand eilfertig nach dem Buffet, schon von weitem eine umständliche Bestellung brüllend.

Michael Monkebach schüttelte den Kopf, während er die wenigen Nickelstücke in sein Portemonaie zurücklegte. „Hatte ich ihm nicht ein Fünfmarkstück hingelegt? Mir war’s doch so als ob ... Er hat mir nur auf einen Taler herausgegeben.“

„So rufen Sie ihn doch zurück“, mahnte ich. „Ich hatte +auch+ den Eindruck, daß es ein Fünfmarkstück war.“

„Zurückrufen? Ach nein.“

Es war, als ob Michael Monkebach körperlichen Schmerz beim Ausdenken dieser gefährlichen Eventualität empfinde. Er war noch der Alte, zutraulich, hilflos, ängstlich, ein prädestiniertes Versuchsobjekt für alle kleinen Spitzbübereien einer verschlagenen Menschheit. Alt war er geworden. Ganz grau an den dickgeäderten Schläfen. Sein Gang hatte den letzten Rest von Elastizität eingebüßt. Er bewegte sich mühsam und müde, als ob der faltenreiche Schäfermantel mit Bleistücken gefüllt sei, die ihn sacht aber unaufhaltsam niederzögen.

„Wenn Sie erlauben, begleite ich Sie,“ schlug ich vor. „Drei haben ja bequem im Taxameter Platz.“

„Ich steige auf den Bock“, entschied der Jüngling, indem er, die Hände in den Hosen, seinem Vater die Reisetasche überlassend, sehr laut und sehr falsch pfeifend voranschritt.

„Du -- --“ Michael Monkebach wollte offenbar diese verwegene und gefahrvolle Unternehmung nicht zugeben; aber er sah die unwirsch aufgeworfenen Lippen des trotzigen Bubengesichts und änderte alsbald seinen strengen Entschluß: „Du -- mußt dich aber +fest+halten, mit beiden Händen,“ sagte er. „Ich werde dem Kutscher auftragen, daß er gut acht gibt und nicht zu rasch fährt.“

„Also kommen Sie.“

Es hatte aufgehört zu regnen. Der Platz lag wie eine einzige, spiegelnde Riesenpfütze da.

Wir nahmen uns einen Taxameter. Michael Monkebach gab dem Kutscher so ausführliche Anweisungen, als ob es sich um eine Reise durch die entlegensten Teile der Mandschurei und nicht um eine Fahrt vom Potsdamer Platz nach dem Lehrter Bahnhof handele. Er bat ihn auch, dem jungen Herrn alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Insbesondere den Zoologischen Garten und das Schloß.

„Soll ick vielleicht über Potsdam fahren?“ gab der Kutscher als einzige Antwort zurück, nahm dem bereits auf den Bock gekletterten Jüngling die Peitsche aus der Hand, klatschte ermunternd über den nassen Rücken des melancholischen Fliegenschimmels und fuhr halblaut vor sich hinmurmelnd die Königgrätzerstraße entlang.

„Sie werden Ihre Frau Gemahlin in Hamburg treffen --?“

Michael Monkebach wäre beinahe aus dem Wagen gefallen vor Schreck. „Ich werde -- meine ...? Wieso? Ist sie dort? Haben Sie Nachrichten von Maruschka Anastasia?“

Nun war die Reihe der Verblüffung an mir. „+Ich+? Wieso -- ich? Ich meinte blos, ob Ihre Frau Gemahlin ...“

Er lächelte verlegen und mit dem Zeigefinger diskret auf den auf dem Bock hin- und herschaukelnden Jungen deutend dämpfte er seine Stimme zu einem säuselnden Flüstern, das er nur zu einigen eingestreuten Ermahnungen für den Sohn erheblich verstärkte.

„Sie müssen nämlich wissen, lieber Freund, ich habe mich von Maruschka Anastasia -- ja, wie sag’ ich doch gleich -- getrennt. Das ist wohl das rechte Wort. Oder eigentlich +sie+ hat sich von +mir+ getrennt. Ganz kurz nach Ihrem lieben Besuch damals -- ich entsinne mich jetzt sehr wohl, wann das war. Maruschka Anastasia hat damals jenes schauerlich-schöne Gedicht geschaffen, in dem ich ihr als Wasserleiche -- nein doch, das war vorher -- ich weiß schon: in dem ich ihr als nachtwandelndes Gespenst erschien.“

„Ganz recht. Durch eine Erzählung des Rittmeisters ...“

Michael Monkebach machte eine Bewegung, als ob er einen Schüttelfrost erwarte. Er zog den Schäfermantel fester um seinen Leib und sah nun ganz aus wie ein schwarzer Sack, auf dem als unscheinbarer Knopf und verunglückter Zierrat das blasse Haupt eines schlechtrasierten alten Herrn angebracht ist. Ich erinnere mich, in meiner Jugend solche Lichthütchen im Hause eines frommen Onkels gesehen zu haben.

„Der Rittmeister“, sagte der Kopf auf dem schwarzen Sack, „ja sehen Sie, er war doch eigentlich +keine+ Vollnatur. Es war ein Blender, ein im Grunde genommen sittlich +nicht+ hochstehender Mensch. Ich denke mir, der ständige, fast ausschließliche Umgang mit Pferden und rassereinen Foxterriers -- er hatte drei Stück, die uns viel Last machten -- hat das Edle, Reinmenschliche in ihm -- Karl, sitze +ruhig+, halte die Beine +bei+ dir! -- was wollt’ ich sagen? Ja so, das Reinmenschliche hat der Rittmeister im Stall wohl verloren. Sie glauben nicht, was er für rohe, unzarte Briefe schrieb.“

„An Sie?“

„An mich? Aber nein. Wie sollte er wohl an mich ...? An Maruschka Anastasia natürlich. Ich fand diese odiösen Blätter durch einen Zufall -- Karl, das ist das Brandenburger Tor, sieh es dir genau an, mein Sohn, hier links geht es in den Tiergarten -- Ja, durch einen Zufall. Mein Gott, Maruschka Anastasia war sorglos, wie ein Kind. Das war eine ihrer liebenswürdigsten Eigenschaften. Sie hat auch nie gemerkt, wenn uns eine Köchin betrog. Und ich denke, +jede+ Köchin betrog uns. Sie gab mir selbst die Mappe, in der einige von diesen Briefen offen lagen. Ich sollte ein sehr langes Gedicht von ihr abschreiben -- das ist der Reichstag, Karl, Begas hat ihn gebaut --“

„Walloth, bitte,“ verbesserte ich.

„Richtig ja, Walloth. Sieh ihn dir genau an, mein Sohn, da werden die Gesetze gemacht -- -- Ja, ja die Gesetze!“ Er lächelte sonderbar vor sich hin. „Maruschka Anastasia hielt nicht viel von Gesetzen. Als ich damals die Briefe gefunden und gelesen hatte -- sie lagen ganz offen in der Mappe und die Überschriften waren so sonderbar -- da sagte ich: Maruschka Anastasia“, sagte ich, „das ist doch wider alles Gesetz und alle Ordnung. Du beschimpfst mich in deinen Gedichten, schön. Ich weiß ja doch, daß du es nur in deiner herrlichen Phantasie tust, und daß es in unserem Vaterlande viel Leute gibt, die das gerne lesen. Also warum soll ich der Literatur meinen bescheidenen Anteil weigern? Ich gebe sogar zu, das ich +stolz+ darauf bin, einen gewissen persönlichen Einfluß auf die moderne Dichtung zu gewinnen, obschon mir selbst das Talent versagt ist. Auch daß ich dir als Gespenst erscheine, ist aus solchen Gesichtspunkten gewiß in Ordnung. Obschon es vielleicht nicht jedem angenehm wäre, sich selber als Gespenst zu sehen. Aber daß du dir von dem Rittmeister solche Briefe schreiben läßt, Briefe, wie sie ein verliebter Hausknecht -- Wir fahren jetzt über die Spree, Karl, sieh sie dir genau an. Es ist kein reißender, aber ein sehr bedeutsamer Fluß -- Ja, +so+ sprach ich ungefähr zu Maruschka Anastasia.“

„Und sie?“

„Ja -- sie! Es ist eine merkwürdige Frau. So impulsiv, so ganz und gar unberechenbar. Man könnte eine Sphinx, könnte mehrere Sphinxe aus ihr machen. Was glauben Sie, was sie tat! Sie zitierte einen nicht ganz klaren Ausspruch -- ich glaube von Schopenhauer, er kann aber auch von Macchiavelli gewesen sein; und dann nahm sie plötzlich einen japanischen Aschenbecher und warf ihn nach mir. Ich bückte mich rasch, fiel über den immer vollen Papierkorb. Als ich mich wieder erhob, war Maruschka Anastasia aus dem Zimmer gegangen.“

„Und dann?“

„Ich habe Maruschka Anastasia -- -- Was ist das doch für ein Theater?“

„Das Lessingtheater.“

„Richtig, ja. -- Karl, sieh es dir genau an, es ist das Lessingtheater -- Ja. Ich habe Maruschka Anastasia +nie+ wieder gesehen. Sie hat, +wie+ sie war, mein Haus verlassen und ist dem Rittmeister -- er befand sich damals mit seinen Terriers auf einem von den Zeitungen sehr gerühmten Distanzritt -- entgegengereist. Der Rittmeister hat mich einige Tage später auf Pistolen fordern lassen. Meine Freunde haben mir gesagt, es hätte das eigentlich umgekehrt sein müssen. Nun, es war ja auch +so+ gut.“

„Sie haben sich -- geschossen?“

„Aber das war doch unmöglich. Gleich nachdem Maruschka Anastasia ihre Möbel durch den Spediteur holen ließ -- +einen+ Tag nach ihrer Flucht -- schloß ich doch mit Frau +Benzmann+ ab.“

„Sie haben sich -- wieder verlobt?“

„Gerechter Himmel -- ich +denke+ nicht daran! Frau Benzmann ist Karls Großmutter -- ich denke, ich erzählte Ihnen damals -- eine vortreffliche, nur etwas, sagen wir: etwas zu energische Frau.“

„Ach, die alte Dame mit der -- Kohlenschaufel? Der Junge ist also ...“

Michael Monkebach sprach so leise, daß ich ihn nur noch verstehen konnte, wenn ich mein linkes Ohr dicht unter seine Nase hielt. Das tat ich. Denn die verwickelten Schicksale des Mannes mit dem persönlichen Einfluß interessierten mich sehr.

„Durch die Adoption erwuchsen mir doch Verpflichtungen, nicht wahr? Ich konnte mich doch jetzt nicht von jedem beliebigen Rittmeister, der meine weitgehende Gastfreundschaft, drücken wir uns milde aus: mißbraucht hatte, über den Haufen schießen lassen. Sie begreifen das? Ich habe Frau Benzmann, -- sie trinkt leider stark und ist als Verwandte recht lästig, -- dem Jungen und mir selber versprochen, ein guter Vater zu sein. +Nur+ ein Vater. Man muß etwas sein und das ganz. Ich wollte meinen ganzen persönlichen Einfluß geltend machen, wollte dieses Menschheitspflänzchen zu herrlicher Blüte zu -- Karl, wirst du augenblicklich dem Kutscher die Peitsche zurückgeben? Au-gen-blick-lich!“

Auf dem Bock hatte sich so etwas wie ein Kampf entsponnen, den der neckisch aufgelegte Gaul dazu benutzte, uns in einem harten, stoßenden Galopp bald nach links bald nach rechts unsanft an eine Bordschwelle zu fahren.

„Du sollst die Peitsche hergeben!“ Halb aufstehend kniff der ergrimmte Michael Monkebach den renitenten Pflegesohn in eine seinem Arm erreichbare besonders fleischige Körperstelle.

Der Junge gab schrill aufquietschend die Peitsche zurück. Und die genußreiche Fahrt nahm einen friedlicheren Verlauf.

„Und haben Sie denn nun rechte Freude an +die+sem Sohn?“

Michael Monkebach umging die direkte Antwort.

„Es war nicht immer ganz leicht,“ sagte er. „Es meldeten sich störende, kleine Atavismen -- Sie wissen, sein armer Vater, der ehemalige Briefträger ... Der Bedauernswerte ‚sitzt‘ jetzt wieder. Er machte als Kassenbote -- ich hatte ihm die Kaution gestellt -- eine unangemeldete Erholungsreise und vergaß, zuvor einen der Firma gehörigen Tausendmarkschein abzugeben ... Übrigens, ich möchte nicht schlecht sein, aber, ehrlich gesagt, mir ist’s für alle Teile fast lieber, er ist auf solche Weise aufgehoben. Seine Besuche waren nicht sehr angenehm. Er hetzte den Jungen auf. Ich glaube, es war auch +sein+ Gedanke, daß Karl zur +See+ gehen sollte. Er dachte mich wohl damit am empfindlichsten zu treffen.“

„Sie lassen den Jungen zur +See+ gehn?“

„Mein Gott, ich ‚lasse‘ --? was will ich machen? Wenn nun einmal sein junges, törichtes Herz daran hängt. Und in der Schule -- unter uns: er ist leider nicht sehr begabt. Wenigstens nicht für Unterrichtsgegenstände. Zuweilen hat er wohl ganz überraschende Geistesblitze, aber die sind immer mit einer gewissen Tücke verbunden. Sie könnten zum Exempel Erdbeermarmelade verstecken, +wo+ Sie wollten -- er würde sie finden. Aber im schlichtesten Aufsätzchen eine Kuh zu beschreiben oder eine Mühle oder einen Storch -- er bringt’s nicht fertig. Nun hab’ ich ihn also angemeldet als Schiffsjungen in Hamburg. Der Kapitän ist ein Schulfreund von mir. Er nimmt ihn dort schon an der Bahn in Empfang. Gleich die erste Fahrt ein hübsches Stückchen Wasser ... Nach Valparaiso. Es soll gute Zucht sein auf dem Schiff. Auch über das Essen habe ich mich vergewissert. Na, natürlich nicht gerade Erdbeermarmelade; aber kräftig und reichlich.“

„Ist da nun nicht ein trauriger Gedanke, einen Sohn zu haben und doch wieder +keinen+ Sohn zu haben?“

„Gewiß, gewiß. Aber, was wollen Sie, sein Herz hing daran, nicht wahr? Er wäre mir verbummelt, verbittert zu Hause. Und +so+ -- ich denke, ich kann doch für ihn sorgen. Lächeln Sie nicht, das ist doch etwas, ist ganz viel. Ich kaufe ihm warme Unterwäsche, wenn er nach Spitzbergen fährt, und ich suche ihm leichte Sommersachen aus, wenn er nach dem Äquator steuert. Ich habe mir einen neuen großen Atlas gekauft -- meinen schönen alten Kiepert hat Maruschka Anastasia irrtümlich unter ihren Sachen mitgenommen. Und so kleine Fähnchen hab’ ich in einem Papierladen erstanden, wissen Sie, so lustige bunte Wimpelchen an Stecknadeln, wie sie die großen Dampfschiffahrtsgesellschaften auf ihre Karten stecken. Genau solche. Das hab ich ihnen abgesehen. Und so mache ich auf der Karte alle Fahrten mit ihm; und abends lese ich die Berichte von den Seewarten. Und aus jedem Hafen -- das hab ich schon ausgemacht mit meinem Schulfreund, dem Kapitän -- bekomme ich ein ausführliches Telegramm. Sehn Sie, mich hat das Leben gelehrt, es ist gar nicht so wichtig, daß man immer +körperlich+ bei den Menschen ist, die man liebt, die man halten und schützen und fördern möchte. Maruschka Anastasia zum Beispiel -- ich habe sie +nie+ wieder gesehn. Aber es freut mich doch an jedem Ersten im Monat, wenn ich, die Hand auf der Brusttasche, die Bückeburger Straße hinaufgehe und ihr das Geld auf ihr Konto bei der Deutschen Bank einzahle.“

„Was -- Sie -- Sie -- unterstützen Ihre geschiedene Frau noch --?“

„Das +muß+ ich doch. Ich bin ja der schuldige Teil, nicht wahr? Heißt das: vor der Welt. Wir haben das ganz hübsch so eingerichtet. -- Und dann hat ihr Verleger Bankrott gemacht. Und der Rittmeister hat doch selbst nichts, nicht wahr? Er verkauft manchmal einen Wurf Foxterriers -- aber mein Gott, jetzt sind wieder die schottischen Schäferhunde Mode. Er hat Unglück der Mann, wirklich, er tut mir leid.“

Wir waren am Lehrter Bahnhof und stiegen aus.

Der Zug stand schon bereit. Michael Monkebach eroberte für den Jungen einen Eckplatz, Rücksitz am Fenster. Er dachte an alles, brachte die Reisetasche im Gepäcknetz unter und erprobte umständlich auf mehrere sinnreiche Arten, ob sie nicht etwa dem Daruntersitzenden auf den Kopf fallen könnte. Er kaufte ihm noch ein paar Orangen und zwei fingerdick belegte Brote; er belehrte ihn noch über die wohlgesetzten Begrüßungsworte, die er dem Kapitän bei der Ankunft in Hamburg widmen sollte, ermahnte ihn dringend, auf die Reize der Aussicht ein Augenmerk zu haben und sich ja nicht aus dem Fenster zu beugen, weil einem da leicht kleine Kohlenstäubchen ins Auge fliegen könnten, was sehr fatal und schmerzhaft sei. Und mit einer unnachahmlich diskreten Handbewegung auf eine dunkle Verbindungstür nach einem kleinen Kabinett weisend, flüsterte er: „Und -- du weißt, lieber Karl, für alle Fälle ... +Genier+’ dich nicht, Junge! Solche Dinge sind menschlich. Die vornehmste Dame ist nicht frei davon.“

Ich hielt mich bescheiden etwas zurück, den Abschied nicht zu stören.

Daß der Jüngling von Sentimentalitäten überwältigt werden könne, schien er nicht zu befürchten. Er betastete neugierig den blanken Griff der Notbremse und prüfte die geheimnisvolle Plombe, was Michael Monkebach sehr in Verwirrung setzte. Er drehte die Heizungskurbel, las die ausführlichen Bestimmungen über „verlorene und gefundene Gegenstände“ mit lauter Stimme von einem angeschlagenen Blättchen ab und bat schließlich seinen Vater, dem Mathematiklehrer zu bestellen, daß er ihn nie habe ausstehen können und für einen ekelhaften Esel halte.

Das war der letzte Gruß des künftigen Seefahrers an die Heimat, an die Vergangenheit, an das Festland.

Der Zug setzte sich in Bewegung.

Michael Monkebach zog mit nervöser Hast ein sehr sauberes Taschentuch, reichlich so groß wie eine Kinderwindel; und er winkte mit der ganzen Kraft seines Armes, so lange der Zug in Sicht war, wobei er im Überschwang der Gefühle am äußersten Ende des Perrons herlief und beinahe den diensttuenden Stationsvorsteher auf die Schienen geworfen hätte.

Als wir langsam die Treppe herunterstiegen, blieb er plötzlich stehen, legte mir die Hand auf den Arm und sagte:

„Ist es nun nicht ein wunderbarer, ein, möchte ich sagen, erhebender Gedanke, daß der Junge vielleicht in drei Monaten in Kapstadt vor Anker geht, oder in sechs Monaten in den Hafen von Habana einläuft oder in Montevideo an Land klettert oder in Melbourne? Und ich in meinem stillen Landstädtchen, der ich nur noch seine ziemlich schlechten Bilder und sein zerbrochenes Kinderspielzeug und seine zerpflückten Schulbücher habe als Erinnerungen an so viele Sorgen und Hoffnungen und gern erfüllte Pflichten, ich weiß: daß er unter Kaffern und Indianern, unter Grönländern und Indiern und unter lauter seltsamen Menschen, die eine fremde Sprache reden und fremden Sitten gehorchen, plötzlich etwas sagen, etwas tun wird, daß er nur von +mir+ hat, nur von +mir+ haben kann. Er wird sich plötzlich auf eine Lehre besinnen, die ich ihm gab; wird ein Wort, eine Sentenz anwenden, die er mich oft gebrauchen hörte. Und bewußt oder instinktiv wird er ein winziges Spürchen Kultur, die Kultur von +meiner+ Kultur ist, unter die Feuerländer und Kanibalen, unter die poesielose Hafenbevölkerung des schmutzigen Ostens, unter die armen Fischer im Eis des hohen Nordens tragen. Und so dünn und klein diese Fäden auch sein mögen, +mein+ persönlicher Einfluß, den ich auf sein Kindergemüt übte, umspannt auf solche Weise in ein paar Jahren vielleicht die ganze Welt. Ein Späßchen, das +ich+ einmal gemacht, erzählen sie sich vielleicht am lodernden Wachtfeuer am Amazonenstrom. Eine Handbewegung von mir, wenn ich abends den Tee bereitete, wird vielleicht in Lappland von einem schmierigen Eingeborenen als fremde Kulturblüte nachgeahmt. Ein gutes Wort, daß ich gelegentlich aus dem Gedächtnis nach einem deutschen Dichter falsch zitierte, klingt vielleicht in derselben irrigen Version in einem Tempel bei Nagasacki wieder. So hat alles Trübe sein Fröhliches, jeder Schmerz seine Heilung in sich selbst. Ich verliere, sehn Sie --“ Er stockte einen Augenblick, dann sprach er mit wehmütigem Lächeln weiter: „Ich verliere einen Jungen an die große Welt da draußen; und mein Haus wird still und einsam. Aber ein Stückchen, ein Spürchen, ein Gruß von mir passiert mit +ihm+ den Äquator, fährt mit ihm durch die Wendekreise. Und auf all das Fremde, Große, Schöne da draußen, das ich mit eigenen Augen nie sehen werde, habe ich ganz heimlich und ganz bescheiden durch die Fahrten meines Adoptiv-Kindes einen gewissen persönlichen Einfluß.“