Chapter 10 of 14 · 3995 words · ~20 min read

Part 10

Der Organismus Michael Monkebachs quittierte über all diese Anfeindungen mit einem chronischen Magenleiden. Er beschloß, das Geschäft zu verkaufen, und war glücklich, als er einen Reflektanten fand, der ihm für die Hälfte des vollen Wertes die Fabrik mitsamt den zwei verderblichen Patenten und den 50000 nach verdorbenem Fett riechenden Filzhüten abnahm. Leider zahlte der Käufer die bedungene Summe zur Hälfte in Bergwerksaktien, die eigentlich nur noch für den Sammler kolorierter Drucke einen Wert hatten. Ein entrüsteter Protest hatte die Folge, daß dem Geschädigten als Ausgleich die 50000 Filzhüte angeboten wurden, die Michael Monkebach, dem beim bloßen Gedanken an ihren Geruch schon übel wurde, schaudernd zurückwies. Was ihm blieb, war ein Kapital, groß genug, daß er als Junggeselle sehr behaglich davon leben und sich im Sommer eine lange und durch unzählige ärztliche Vorschriften komplizierte Kur für sein chronisches Magenleiden gönnen konnte.

Als er hier angekommen war -- die Kanzleirätin, die das erzählte, war damals seine Zimmernachbarin, später zog sie wegen der Mäuse um -- sah er verhältnismäßig besser aus. Der Anzug, der jetzt seine Glieder umschlotterte, paßte ihm damals ganz gut. Aber, um diesmal den teuren Badearzt zu sparen, der für jede mit einer Frage nach dem werten Befinden verbundene Unterhaltung über diesen Sommer und über die Reize des Badeortes zehn Mark nahm, hatte er seine Kur nur nach den Anweisungen seines Hausarztes eingerichtet. Dabei hatte er unseligerweise die Viktoria-Quelle mit der Augusta-Quelle verwechselt und sieben Wochen lang, anstatt das für den Magen zuträgliche Wasser zu trinken, täglich sechs Becher jener berüchtigten Quelle eingeschlürft, deren Gebrauch als die radikalste Entfettungskur galt und mit vielen Unbequemlichkeiten und beschleunigten Spaziergängen, besonders nachts, verbunden war.

Schließlich -- vor einigen Tagen -- war er in seiner Herzensangst, von dem Gespenst der Cholera gefoltert, +doch+ noch zu einem Badearzt gegangen und hatte ein Goldstück bezahlt für den guten Rat, allen Quellen weit aus dem Wege zu gehen, tüchtig Haferschleim zu essen und alle drei Stunden fünfzehn Opiumtropfen auf Zucker zu nehmen; ein Mittel, das ihm aus seligen Jugendtagen nach dem Genuß von unreifem Obst wohlbekannt war, und für dessen nicht seltene Verordnung seine gute Mutter niemals ein Goldstück genommen hatte.

Durch diese Erzählung der Kanzleirätin gewann ich Interesse für den vom Pech und den Menschen verfolgten Filzhutfabrikanten a. D. Und mit der langsamen Besserung seines Leidens wurde er auch gesprächiger. Wir kamen uns menschlich näher.

Ein harmloser, liebenswürdiger Mensch, von fast mädchenhafter Schüchternheit, die sich auch in den stets erstaunt blickenden Augen und den verlegenen Handbewegungen ausdrückte, ging er umher als der Typus jener menschgewordenen Versuchung für alle pfiffigen Profitmacher und skrupellosen Gauner. Wenn er mit einem Fünfmarkstück zahlte, bekam er stets nur auf einen Taler heraus. Wenn er eine Droschke mittags um zwölf Uhr benutzte, hatte er stets die +Nacht+taxe zu bezahlen. Wenn er ein Scheibchen Schweizerkäse zu sich genommen, fand er bestimmt einen halben Camembert auf der Rechnung. Wenn er sich ein Berliner Abendblatt am Bahnhof kaufen wollte, war es sicherlich die Mittagsnummer der Magdeburger Zeitung vom Tage zuvor. Und wenn er seinen Hut vertauschte -- ja, da ist’s ihm doch passiert, daß er in einem Restaurant des Badeortes, hundert Kilometer entfernt von seiner ehemaligen Fabrik, seinen schönen, neuen, silbergrauen Wiener Filzhut an den Garderobenhalter hängte und beim Weggehen einen der gräßlichen, nach ranzigem Fett riechenden Hüte eigener Fabrikation vorfand. Einen der +ganz+ wenigen, die damals durch ein Versehen in den Handel gekommen waren.

Durch peinliche Häufung solcher Erlebnisse war Michael Monkebach auf melancholische Gedanken gekommen, die sich vom Haferschleim nicht verscheuchen ließen. Er fühlte, daß da mit tröstlichen Redereien von Pech und Zufall nichts zu machen sei; daß es ihm vielmehr an Qualitäten des +Charakters+ fehlen müsse, die ihren Besitzer ein für allemal vor solchen an Verhöhnung grenzenden Angriffen schützen mußten.

Da hatte er eines Tages, als es in Strömen regnete und ihm gerade sein neuer Regenschirm gestohlen worden war, beim Auf- und Abwandeln in den gedeckten Kolonnaden beim Buchhändler zwei Bücher entdeckt, die ihn durch ihre Titel lockten. „Wie wird der Mensch energisch“ hieß das eine, und „Wie erlange ich die Macht des persönlichen Einflusses“ das andere.

Mittags im Lesezimmer -- er hatte natürlich den einzigen +un+gepolsterten Stuhl erwischt -- sah ich ihn eifrig bald in dem einen, bald in dem andern Buch lesen. Und als sich gegen Abend das Wetter aufhellte und er in fremden Gummischuhen -- die seinen waren ihm gegen zwei, merkwürdigerweise unter sich verschiedene, ihm viel zu große Überschuhe vertauscht worden -- neben mir her durch die Pfützen des Kurparks schritt, sprach er hochbefriedigt von seiner Lektüre.

Er sehe jetzt ein, daß es ihm eigentlich nur an „Persönlichkeit“ gefehlt habe, äußerte er in schöner Offenheit. Die „Persönlichkeit“ aber sei durchaus nichts Angeborenes, das wisse er jetzt, sondern etwas Erwerbbares, etwas Erlernbares. Vor allem müsse man sich gewöhnen, die Dinge und Menschen mit festem Blick ins Auge zu fassen.

Indem er so sprach, übte er den Blick an verschiedenen Laternen des Kurparks, die ungerührt weiter ihr spärliches Licht in die Regenluft streckten ...

Als ich am nächsten Morgen an seinem Zimmer vorbeikam, hörte ich Michael Monkebach singen. Falsch aber laut und mit einer gewissen trotzigen Freudigkeit. Das war gegen seine Gewohnheit.

Ich klopfte an, steckte den Kopf durch die Tür und fand ihn, nur mit Hose und Hemd bekleidet, sehr merkwürdige und nie gesehene Freiübungen mit einer gefüllten Waschkanne machen.

„Ein Stuhl ist mir doch zu schwer dazu,“ erklärte er, „aber sehen Sie nur, wie mir diese Übungen schon gelingen. Erst Kniebeuge -- sehen Sie: +so+ -- uff, mein Kreuz -- jetzt -- jetzt: leichtes Zehenwippen und Strecken des Rumpfs und nun wieder, passen Sie auf -- eins -- zwei -- Kniebeuge -- drei -- vier Vorstoßen der Wasserkanne.“

Er stieß so energisch vor, daß ihm die Wasserkanne aus den Händen glitt, fiel und zerbrach, wobei auch seine Beinkleider durchnäßt wurden.

Während er sie mit einem Handtuch trocknete, rief ich das Stubenmädchen. Sie hieß Adele, hatte rote, selten gekämmte Haare und war weder schön, noch höflich. Mit Michael Monkebach war sie aber direkt grob, was mir auffiel. Sie wußte offenbar noch nichts von seiner neugewonnenen „Persönlichkeit“.

Als die rothaarige Adele gegangen war, fragte ich ihn, warum er sich diesen Ton nicht verbeten und die Kecke kräftig angehaucht habe.

„Das lohne nicht“, meinte er, „bei Untergebenen.“ Aber bei Gleichgestellten -- na, ich werde ja sehen! Man müsse den „Mut zum Widerspruch“ haben und um der „Persönlichkeit“ willen „verharren“ -- nämlich auf der einmal eingenommenen Stellung -- sie geistig verteidigen, wie eine Festung und dabei die Macht des persönlichen Einflusses spielen lassen durch das Auge.

„Es ist der Trick aller Dompteure,“ sagte er zuversichtlich, „die fixieren die Bestie; und das Tier, instinktiv die Macht der Persönlichkeit fühlend, duckt -- und gehorcht.“

Beim Mittagstisch saßen wir -- Michael Monkebach und ich -- einem Rittmeister in Zivil gegenüber, der sich gern reden hörte und dazu erstaunliche Quantitäten billigen Moselweins trank.

Michael Monkebach schien von dieser hellen Kommandostimme aufgeregt zu werden. Er wippte auf dem Stuhl hin und her, nahm sich fünf Stücke Schweinebraten, den ihm der Arzt strengstens verboten hatte und den er auch liegen ließ; fertigte Brotkugeln, die er dann in der Zerstreuung aß, und fühlte dazwischen nach der Brusttasche, aus der ich den majonnaisegelben Umschlag des interessanten Werkes „Wie wird der Mensch energisch“ feindlich hervorlugen sah.

Der Rittmeister hatte gerade an der Hand eigener, sehr aufregender Manövererlebnisse einer dicken Rentiere aus Stettin, die sich Tag und Nacht nicht von einem pfundschweren Bernsteinschmuck zu trennen schien, den unvergleichlichen Nutzen der Kavallerie für den Aufklärungsdienst erläutert, da vernahm ich Michael Monkebachs fremdartig schrill klingende Stimme, die hervorstieß:

„+Ich+ bin der Ansicht -- bin der Ansicht, daß beim nächsten Krieg die Kavallerie einfach eine +tote+ Waffe sein wird.“

Er war sichtlich stolz auf den unsinnigen Ausdruck „tote Waffe“ und sehr erregt. Schweiß stand in reichen Perlen auf seiner Stirn.

Ich begriff, es war die „Energie“-Probe.

Ich sah seinen Blick starr, als wolle er ein Huhn hypnotisieren, auf den Rittmeister gerichtet, der schweigend sein Monokel einklemmte, ein Lächeln verbiß und dann sehr höflich sagte:

„Der Herr ist ohne Zweifel Kavallerist gewesen?“

„Nein, ich bin -- bin Landsturm -- ja wohl Landsturm +mit+ Waffe. Aber meine Ansicht ist deshalb +doch+ wohlbegründet. In einem Zukunftskrieg nämlich -- in einem Zukunftskrieg --“ Seine Vorstellungen über den Zukunftskrieg schienen leider doch nicht so klar und übersichtlich geordnet, wie es für diese Unterhaltung wünschenswert gewesen wäre. Plötzlich aber verbreitete sich ein Ausdruck der Entrüstung über sein nervöses, blasses Gesicht und die sieghaften Worte überstürzten sich schier: „Die Pferde werden totgeschossen, ja. Und die Reiter -- und die Reiter -- liegen +unter+ den toten Pferden ...“

Der Rittmeister glaubte es offenbar mit einem gelinde Verrückten zu tun zu haben. Er ließ das Monokel in die hohle Hand fallen und wandte sich ruhig zu seiner bernsteingeschmückten Nachbarin.

„Sie müssen sich vorstellen, meine Gnädige ...“

Michael Monkebach ließ das starre Auge -- er dachte offenbar an den „Dompteur“ und fühlte die Wichtigkeit des Augenblicks dieser Probe -- nicht von dem Rittmeister, der nach einer Weile den stierenden Blick unbehaglich empfand, sein Monokel wieder einklemmte und eine merkwürdig ernste Falte über dem Nasenrücken sehen ließ. Die kerzengerad aufliegende Falte, die wie eine Fortsetzung des nur durch die recht knapp bemessene Stirn unterbrochenen Scheitels aussah, gab dem Gesicht etwas Hartes, Drohendes.

Ich fühlte: die Katastrophe nahte.

Die Rosinen und Krachmandeln wurden gerade herumgereicht -- es waren immer dieselben, da niemand jemals davon aß -- und die alte Engländerin am Kopf der Tafel erhob sich, lang und dürr wie eine entlaubte Pappel im Winter, und schritt, wie immer als die Erste an dem galant die Tür aufreißenden Oberkellner vorbei nach dem Lesezimmer, wo sie täglich ihre sieben bis neun Stunden an dem einzigen Schreibtisch saß und mittels einer goldenen Füllfeder geheimnisvolle Briefe in Riesenbuchstaben schrieb.

Die Tafel leerte sich.

„Kommen Sie, Herr Monkebach,“ flüsterte ich besorgt, da mir für den Filzhutfabrikanten unbehaglich wurde, „+gehen+ wir schon!“

Ich suchte durch eine besonders liebenswürdige Verbeugung gegen die Bernsteindame aus Stettin und den Rittmeister die Aufmerksamkeit von Monkebach ab und auf +mich+ zu lenken:

„Mahlzeit.“

„Mahlzeit!“

Der Rittmeister schmetterte es heraus, als ob er eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte, etwa: „Hol euch der Henker!“ oder so etwas.

Wir waren noch nicht im Vestibül, da kam der Rittmeister hinter uns her:

„Pardon, wenn ich die Herren störe. Ich möchte Herrn Fabrikanten Monkebach -- ich irre mich doch nicht? -- um zwei Worte unter vier Augen bitten.“

Er sagte das mit einer sehr höflichen Verbeugung nach mir hin; und ich beeilte mich zu versichern, daß ich die Herren in ihrer privaten Besprechung keinesfalls zu stören wünsche.

Als ich mich empfahl, schweifte mein Blick über Michael Monkebachs Angesicht. Er sah aus, als habe er seit drei Tagen seine Beerdigung hinter sich. Die Rechte krampfte sich in die Brustseite, wo der Rock das köstliche Buch mit allen schönen Lehren über die „Persönlichkeit“ verhüllte. Die Beine aber, die ihn hinter dem vorausschreitenden Rittmeister nach dem Rauchzimmer, dem Ort der Unterredung, trugen, knickten und tänzelten und schlenkerten, als ob sie durchaus nicht mehr von der Zentrale des Nervensystems eines ~homo sapiens~ zweckentsprechend dirigiert würden, sondern vielmehr einer Puppe im Kasperletheater angehörten, deren schlotternder Leib voll Sägespäne und deren zerbeulter Kopf von lakiertem Holz ist ...

Zwei Stunden später ging ich zu Michael Monkebachs Zimmer hinauf.

Die gesprächige Kanzleirätin hatte mich mit Mitteilungen über einen mir gänzlich unbekannten Baron Montecatanio aufgehalten, der, allen Gästen unsichtbar, die teuersten Zimmer im Hotel bewohnte und früher, wie sie behauptete, in ganz verwerflicher Weise mit Sklaven am Kongo gehandelt, dann in Alexandrien eine berüchtigte Spielbank gehalten haben sollte. Lauter Dinge, die gewiß sehr unschön und tadelnswert, mir aber im Moment furchtbar gleichgiltig waren.

Ich traf Michael Monkebach beim Packen der Koffer, eine Tätigkeit, der er mit einer fast fanatischen Hast oblag.

„Schließen Sie die Tür hinter sich -- den Riegel, bitte, auch,“ rief er mir flehend zu. „Danke. Sie müssen wissen, der Rittmeister -- übrigens ein +prächtiger+ Mensch! -- wollte mich fordern -- auf Pistolen. Haben Sie schon mal eine Pistole in der Hand gehabt? -- Ich nicht ... Wenn es schließlich noch Säbel gewesen wären. Ich hatte eine Leidenschaft für Säbel -- als Kind. Aber gleich -- wo sind denn die Socken! aha, hier unter dem Nachttisch -- aber gleich: Pistolen! -- Ich bin -- bin -- Himmel, jetzt habe ich eine Fußbank eingepackt! -- ich bin unter +Filzhüten+ groß geworden. Mein Vater -- wollen Sie mir mal die Zahnbürste reichen? Danke -- ist auch -- ist +auch+ unter Filzhüten groß geworden. Mein Großvater -- --“

Da ich fürchtete, daß noch +viele+ des Geschlechts „unter Filzhüten“ groß geworden seien, so lenkte ich ab.

„Haben Sie denn eine Entschuldigung schroff abgelehnt --?“

„Den Teufel hab’ ich! Ich habe gesagt, daß ich unter +Filzhüten+ groß geworden bin, und daß mein Vater ...“

„Unter Filzhüten groß geworden ist, ich weiß. Und war er von diesen Filzhüten, wollt’ ich sagen: von diesen Erklärungen befriedigt?“

„Das schon. Aber wer weiß, er besinnt sich vielleicht wieder anders. Gott, so ein Kavallerist. -- Das Handwerk verroht, nicht wahr? ... Eine Tante von mir hatte ein Dienstmädchen, die hatte bei einem Scharfrichter gedient ... nein, was die für Sachen erzählte, nicht zum Wiedergeben. Ich hab’ sie übrigens auch vergessen. Aber +das+ ist sicher: es gibt Berufe, die das Gemüt verkümmern lassen ... Und dann wissen Sie, +ich+ bin nicht für die ‚Persönlichkeit‘ geboren. Und das mit der Erziehung zur Persönlichkeit --“

Er riß plötzlich das majonnaisegelbe Buch, das ihm beim Bücken immer in die Achselhöhle stach, zornig aus der Tasche und schleuderte es in die Ecke -- „das ist Unsinn. Wenn man unter Filzhüten groß geworden ist -- -- Sehen Sie nur --“

Er hielt plötzlich inne und zeigte mir die bereits quittierte Rechnung des Hotels: „Was hab’ ich eigentlich +hier+ bezahlt?“

Er zeigte mit dem Finger auf einen unleserlichen Posten. „Ich kann’s nicht lesen, der Oberkellner kann’s nicht lesen, Adele kann’s nicht lesen -- aber es macht zwölf Mark.“

„Und Sie haben --?“

„Bezahlt! Natürlich. Lieber Herr Doktor, ich +bin+ eben keine ‚Persönlichkeit‘. Ich will fort, nach Hause -- Haferschleim kann ich dort +auch+ essen, nicht wahr? Und Kavallerie-Rittmeister lade ich mir ganz bestimmt nicht ein ... Würden Sie mir die Gefälligkeit erweisen, +mit+ zur Bahn zu fahren? Das vorige Mal ist mir der Kutscher so grob geworden -- ich habe dann gern jemand bei mir.“

Am Bahnhof spendierte sich Michael Monkebach ein Billett +erster+ Klasse. Wegen der Nerven.

Als der Zug ankam -- er hatte Verspätung, und alles mußte sehr eilig gehen -- erwies es sich, daß das +einzige+ Coupé erster Klasse für einen Erzbischof mit Bedienung belegt war. Die zweite Klasse aber war durch den Andrang zu einem Sängerfest in der Umgegend total überfüllt. So fuhr Michael Monkebach mit seinem teuer bezahlten gelben Billett in einer dritten Klasse mit fünf jüdischen Viehhändlern, von denen einer einen struppigen, unappetitlichen Bullenbeißer bei sich hatte, der einen ungewöhnlich starken Hundegeruch ausströmte.

Noch als sich der Zug in Bewegung setzte, rief ich Michael Monkebach zu:

„Sie sollten sich beschweren -- ihr Geld zurückverlangen.“

Ich sah noch sein schmerzliches Lächeln hinter dem Fenster, das, vom Regen gequollen, nur halb herunterzulassen war:

„Lieber Gott, +ich+ und -- +beschweren+. Dazu gehört Per--sön--lich--keit. Wenn man, wie ich ...“

Ich hörte nichts weiter, da einer der Viehhändler, auf dessen Fuß Michael Monkebach wohl unabsichtlich getreten war, ihn sehr hart anließ. Aber ich ahnte, was er hatte sagen wollen: „Wenn man, wie ich, unter Filzhüten groß geworden ist ...“

* * * * *

Ich hatte dann jahrelang nichts mehr von ihm gehört. Auch nichts von seinen Filzhüten.

Menschen, die unter anderen Dingen groß geworden waren, hatten mein Interesse erweckt. Es waren wohl auch Damen darunter. Kurz, ich vergaß ihn. Vergaß ihn so sehr, daß ich mich sogar seines Namens nicht mehr entsann, als er in merkwürdigem Zusammenhang, allerdings nur so als Appendix, als Mitläufer, zuerst wieder an mein Ohr schlug.

Ich verkehrte damals viel in einem Kreise junger Literaten, die sich gegenseitig sehr gut gefielen und jeden Freitag in dem Hinterstübchen eines Restaurants im Westen zusammenkamen, um sich über die Gemeinheit niedriger Lohnschreiber, die schnödes Geld mit ihren Büchern verdienten, und über die lächerliche Talentlosigkeit aller nicht zu ihrem Kreise Gehörigen aufgeregt zu unterhalten. Ich hatte mich nicht als Mitglied aufnehmen lassen, da ich -- ohne den Rausch an sich hochmütig zu verwerfen -- nie ein Freund davon war, mir mit geschwollenen Redensarten Herz und Hirn zu füllen. Aber als Schwester eines fanatischen Neutöners, der in seinen Gedichten niemals auch nur das bescheidenste Satzzeichen anbrachte und deshalb von Heine, Lenau und Mörike wie von sitzengebliebenen Schulbuben aus der Hilfsklasse für Schwachsinnige sprach, nahm häufig ein sehr schönes Mädchen an diesen denkwürdigen Sitzungen teil.

Sie redete weder klug, noch töricht. Sie war +da+, das genügte. Denn die Schönheit braucht eben nur vorhanden zu sein, um ohne weitere Anstrengung Besonderes zu wirken.

Sie bereitete sich dünnen Tee, während die andern meist geschmierten, billigen Wein tranken; lauschte den donnernden Tiraden des alle Erfolge aus der Hochburg seiner Unbekanntheit verachtenden Bruders und seiner hohnlächelnden, umstürzlerischen Sippe und schlug zuweilen ein paar große sanfte Kinderaugen zu mir auf, blau und tief, wie ein Märchen.

Wie ein kleiner, zarter Paradiesvogel im ruppigen Krähennest kam sie mir vor. Und ich begriff es völlig, daß gut die Hälfte aller sogenannten Gedichte, die diesem kraftgenialischen Kreise entstammten, an ihre stillen, blauen Augen gerichtet waren. Ich glaube, ich selbst habe damals ... Aber das gehört nicht hierher. Denn meine Gedichte reimten sich und gaben zuweilen, wenn man sie aufmerksam las, einen Sinn. Zwei Eigenschaften, die sie in diesem erleuchteten Kreise dem grimmigsten Hohn preisgegeben hätten.

Diese künstlerische Vereinigung hatte auch einige durch Akklamation gewählte und durch Nachtdepeschen, die diese stolze Ehrung meldeten, erschreckte „korrespondierende Mitglieder“. Deren Briefe ähnelten sich alle darin, daß sie sehr schlecht auf gelbe Notizbuchblätter, zerknitterte Telegrammformulare oder benutzte Papiermanschetten geschrieben waren und eigentlich weniger von den idealen Angelegenheiten der Poesie und Kultur als von momentanen ärgerlichen Verlegenheiten, peinlicher Geldnot, schmerzlicher Untreue einer Kellnerin und solchen Dingen handelten.

Nur +ein+ korrespondierendes Mitglied schien sich in leidlich geordneten Verhältnissen zu befinden.

+Maruschka Anastasia+ nannte sie sich in ihren Liedern. Sie war es, die sich einer ganz erstaunlichen Wertschätzung in diesem Kreise erfreute. Die Freiheit des Weibes wurde in ihren Gesängen gepredigt, gefordert, gedroht; die Revolution der Ehe, die geharnischte Auflehnung gegen uralte entehrende Sklaverei.

Diese heftigen Gedichte wurden häufig an den Freitagsabenden vorgetragen. Ein ziemlich verwahrloster, dicker, kleiner Mann, der, wie er sagte, an einer „Reformation der Rezitationskunst“ arbeitete, bestieg dann einen Stuhl, knöpfte umständlich den obersten Knopf seines Hosenbundes und die beiden untersten Knöpfe seiner originell karierten Weste auf, „damit die Bauchmuskulatur beim Vortrag nicht gehemmt werde“, faltete die fettigen Hände über der eingedrückten Brust, schloß die unschönen verschwommenen Augen, um tiefste seelische Konzentration zu markieren, röchelte, als ob ihm ein D-Zug über beide Beine gefahren wäre, und schrie plötzlich unter heftigen Zuckungen die Nächstsitzenden an:

„Nehmt mir die blut’gen Ketten aus dem Fleische, Reißt mir die welken Rosen von der Stirn ...!“

Und dann gab er wohl zehn Minuten lang mit ungeheurem Gebrüll noch unzählige Aufträge ähnlichen Inhalts, deren nähere Beschaffenheit ich vergessen habe. Alles in wilden, bluttriefenden Versen. Wenn er unter dem demonstrativen Jubel der Versammlung geendet hatte, stieg er, sichtlich ermattet, dem Beifall mit den fetten Händen wehrend, verächtlich lächelnd vom Stuhl, machte sich kalte Umschläge um die Stirn und trank ein sehr bemerkenswertes Gemisch von rohen Eiern, Kognak, Rotwein, und Benedektiner, das er „Lethe“ nannte.

Wenn er sechs bis acht Glas Lethe getrunken hatte, nahm er sich einen Taxameter, gab ihm geheimnisvolle Weisung und fuhr „in die Einsamkeit“, wie er sagte. Die Mitglieder des Bundes nährten die Überzeugung, der große Künstler ließe sich dann jedesmal bis zum Waldrand fahren; dort steige er aus und erwarte schweigend, das Haar dem Spiel der Morgenwinde preisgegeben, den ergreifenden Anblick des Sonnenaufgangs, die einzig wahre Sensation, die ihm dies schale Leben noch zu bieten habe. Seit ich ihn aber einmal, wenige Stunden nach solcher Sitzung, nach Vortrag und reichlichem Lethegenuß in den Arkadiasälen mit einer strohblonden Dame sehr heftig und sehr ungraziös Cake Walk tanzend getroffen habe, war meine ehrfürchtige Bewunderung für das genialische Einsamkeitsbedürfnis des dicken Lethekonsumenten stark erschüttert. Und an die Sonnenaufgänge glaubte ich nicht mehr.

Es waren immer Gedichte von Maruschka Anastasia, die der Reformator der Rezitationskunst vortrug. Mir kamen sie wie lauter gereimte Beschimpfungen des Mannes vor; und ich hätte, selbst wenn ich ihren poetischen Gehalt an Bildern, schönen Wendungen, Blüten der Phantasie höher eingeschätzt hätte, nicht recht begriffen, warum sich diese Gesellschaft von flaumbärtigen Literaten just daran berauschte, ihr eigenes Geschlecht vom Geifer des Hasses einer exaltierten Dame emsig bespien zu sehn.

Eines Abends -- der Lethetrinker saß nach getaner Arbeit gerade wieder mit einer kalten Kompresse um die Reformatorenstirne in der Ecke und rührte mit stimmungsvollem Ernst eine halbe Pulle rubinroten Rotwein an drei verklepperte Eier -- sprang mir eine neugierige Frage auf die Lippen.

„Sagen Sie, liebes Fräulein“ ich wandte mich an die schweigend neben mir mit dem Teekessel hantierende Besitzerin der blauen Märchenaugen, „heißt Ihre Lieblingsdichterin -- ich muß sie doch wohl so nennen -- diese Maruschka Anastasia nun +wirklich+ Maruschka Anastasia oder ...“

Der Lethemischer unterbrach alsobald seine rührende Tätigkeit und stand plötzlich einen sehr lieblichen Geruch nach Kognak und Rotspohn verbreitend neben mir:

„Das wissen Sie wirklich nicht? Aber, Mensch, wo +leben+ Sie? Maruschka Anastasia ist eine Frau, nicht fern dem Ende der zwanziger, man kann schon sagen Anfang der dreißiger. Eine verheiratete Frau --“

„Natürlich +un+glücklich verheiratet?“ warf ich ein.

„Na--tür--lich.“

Und irgendwoher aus dem Zigarettenrauch kam eine müde Stimme:

„Haben Sie überhaupt schon einmal eine +glückliche+ Ehe gesehen?“

„Nun -- ich dächte zum Beispiel meine Eltern ...“

Der Lethemischer roch mitleidig lächelnd an seinem Glase:

„Es liegt mir fern, die Ehe Ihrer geschätzten Eltern hier auf die von Ihnen behauptete Trivialität untersuchen zu wollen. Wäre ja auch eine fruchtlose Bemühung. Ich kenne von dieser Ehe auch nichts, als ihr Produkt: +Sie+. Im Anblick dieses Produkts kann ich mich aber -- ohne ihren vielleicht verborgenen Qualitäten nahetreten zu wollen -- +nicht+ zu dem freudigen Glauben durchringen, daß die dazu nötige Ehegemeinschaft eine glückliche war.“

„Danke,“ ich verneigte mich. „Aber auf meine belanglose Person wollte ich wirklich das durch Ihre gütige Mitwirkung so interessante Gespräch nicht bringen. Ich fragte in aller Bescheidenheit nach den näheren Verhältnissen der hier so geschätzten Dichterin Anna Maruschka. Fragte, weil es mich interessiert, ob da persönliche Erlebnisse vielleicht den Grund zu dieser düsteren Lebensanschauung gelegt haben, oder ...“

Jetzt nahm der kleine Egon Felix Gundelmann das Wort. Ein äußerst merkwürdiger Jüngling, den ich, so lang ich ihn kenne, nie etwas anderes habe betrachten sehen, als seine eigenen Fingernägel; ohne daß er aus dieser Betrachtung einmal das naheliegende Bedürfnis geschöpft hätte, diese Objekte seiner ungeteilten Aufmerksamkeit zu reinigen. Er fiel durch eigene Produktion in diesem Kreise niemals lästig. Aber er war, um mit Hamlet zu reden, so etwas wie der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters. Allerdings Spiegel und Chronik ganz im Sinne der anregenden Gesellschaft, die seine mehr auf Sammeleifer als auf Gedanken beruhende Weisheit umgab. Er hatte ein geradezu phänomenales Gedächtnis für Namen und Zahlen, war wegen dieser letzteren Eigenschaft bei den Kellnern sehr unbeliebt, erschien aber als der geborene Literaturhistoriker, ein wandelndes Nachschlagewerk. Wann der oder jener giftige Vierzeiler auf der 387sten Seite der Zeitschrift „Marsyas“ rechts oben in der Ecke gestanden hatte; wieviel an Honorar die genannte Zeitschrift -- der anerkannte Sammelpunkt der „Jüngsten“ -- dem oder jenen Neutöner für seine tiefempfundenen „Elegien in freien Rhythmen“ schuldig geblieben war; wie hoch die unheimlichen Saarweine, die der Lethefreund vor drei Jahren in die Frühlingsbowle geschüttet hatte, auf der Karte notierten und mit welchem Aufschlag sie der verbrecherische Kellner in Rechnung gestellt hatte -- all solche schwierigen Fragen und erstaunlichen Gedächtniskunststücke bewältigte Egon Felix Gundelmann spielend. Sobald Namen, Taten, Zahlen in Frage kamen, blickten aller Augen fragend und wißbegierig auf ihn. Die seinen aber verweilten nach wie vor auf seinen unsauberen Fingernägeln, und aus diesen unschönen Ausläufern seiner Persönlichkeit schien er all sein verblüffendes Wissen mühlos herauszulesen.