Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1926 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Auf Großtierfang für Hagenbeck
Auf Großtierfang für Hagenbeck
Selbsterlebtes aus afrikanischer Wildnis
von
Chr. Schulz
Mit über 80 Illustrationen nach Original-Aufnahmen
Fünfte Auflage
[Illustration]
Verlag Deutsche Buchwerkstätten, G. m. b. H., Leipzig
[Illustration]
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
Frau Kommerzienrat Carl Hagenbeck
in herzlicher Verehrung
gewidmet
Inhaltsverzeichnis
Seite
Zur Einführung 9
I. Kapitel. Für Carl Hagenbecks Tierpark in Ost-Afrika 11
II. Kapitel. Jagd- und Fangzug am Rufidji 34
III. Kapitel. Giraffenfang im Meru-Gebiet 76
IV. Kapitel. Quer durch die englische Masaisteppe und das englische Wild-Reservat 106
V. Kapitel. Auf unserer Tier- und Straußenzuchtfarm 128
VI. Kapitel. Fang von wilden Straußen, Zebras, Antilopen und Raubtieren 146
Alle Rechte vorbehalten
~Amerikanisches Copyright 1926 by Verlag Deutsche Buchwerkstätten G. m. b. H., Leipzig~
Zur Einführung
Das vorliegende Buch stellt in seiner Art eine Neuerscheinung auf dem bereits so reichhaltigen Gebiete der über ostafrikanisches Wild und seine Jagd vorhandenen Literatur dar. In ihm wird nicht die Jagd mit der Büchse behandelt, sondern wir lernen die Leiden und Freuden eines Tierfängers, sein Leben in der Steppe und auf dem Tiertransport, sowie die Art und Weise kennen, wie er es fertig bringt, mitten in der Wildnis die Tiere zu fangen, die wir als Zierde unserer zoologischen Gärten bewundern. Die Methoden des Tierfanges sind dem großen Publikum durchweg unbekannt, was wohl in erster Linie darauf zurückzuführen ist, daß wir über diesen speziellen Gegenstand nur eine äußerst dürftige Literatur besitzen. Kein Wunder! Wer monatelang sein Leben im dichten Urwald oder in weiten Steppen verbringt, hat durchweg eine begreifliche Abscheu vor der engen Schreibstube. So haben nur wenige Tierfänger dürftige Notizen über ihre Erlebnisse veröffentlicht. Sehr bedauerlich, denn gerade diese mit Natur und Wild in stetem und innigem Kontakte stehenden Männer hätten uns vieles Interessante mitteilen können, das über den Rahmen gewöhnlicher Jagdgeschichten hinausgeht und dem Wissenschaftler oft wertvolles Material in biologischer oder zoogeographischer Hinsicht hätte liefern können.
Um so mehr ist das Erscheinen des vorliegenden Buches zu begrüßen. Der Verfasser, Herr Christoph Schulz, war lange Jahre mit großem Erfolg als Vertreter der Firma Hagenbeck-Stellingen in West- und später in Ostafrika tätig. Dort habe ich ihn vor Jahren in Aruscha kennengelernt, und das Schicksal führte uns später in Malta, in englischer Kriegsgefangenschaft, wieder zusammen. Hier übergab er mir eines Tages das Manuskript seiner „Ostafrikanischen Erinnerungen“ mit der Bitte, dasselbe einer Durchsicht zu unterziehen. Ich kam diesem Wunsche um so lieber nach, als mir die Gebiete, in denen Herr Schulz tätig war, zum großen Teil aus eigner Anschauung, teils von früheren Jagdzügen, teils aus der Kriegszeit her bekannt sind. Mit hohem Interesse habe ich die mir übergebenen Blätter gelesen und den Verfasser auf seinen Fangzügen auf Nashorn und Flußpferd, Giraffe und Zebra begleitet. Vor dem geistigen Auge des ehemaligen „Afrikaners“ tauchen sie wieder auf, die weiten, von Tausenden von Gnus belebten Steppen am Manyara-See, die majestätischen Bergriesen des Kilimandjaro und Meru und die gelben, träge sich dahinwälzenden Fluten des Rufidji mit seinen Sandbänken, seinen Flußpferden und Krokodilen. Von tiefer Sehnsucht nach jenen herrlichen Jagdgründen wird das Herz erfüllt. Aber auch wer Ostafrika nicht kennt, kommt bei der Lektüre des vorliegenden Buches auf seine Kosten, da aus jeder Zeile die dem Weidmann so sympathische Liebe zum Wild und zur Natur spricht, in schlichtem Stile, aber dennoch warm und gemütvoll.
Hinweisen will ich noch darauf, daß uns der Verfasser mancherlei Beobachtungen mitteilt, die neu oder doch noch wenig bekannt und auch ihrerseits geeignet sind, das Material zur Kenntnis der afrikanischen Tierwelt, ihrer Verbreitung und ihren Lebensbedingungen zu vermehren.
+Malta+, November 1919 +Eduard Elven+, Zoologe
[Illustration]
Für Carl Hagenbecks Tierpark in Ost-Afrika
„Bliev gesund, mien Jung, un bring mi ’n por lüttje Nashörner mit, denn mokst mi ’ne groote Freud!“ Mit diesen halb ernsten, halb scherzenden Worten und mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete mich der biedere alte Herr Hagenbeck zu meiner ersten Reise nach Ostafrika. Ich war erst kürzlich mit einem Transport von wilden Tieren in Hamburg eingetroffen und hatte den Stellinger Tierpark wiederum um eine Anzahl Vertreter der westafrikanischen Fauna bereichert. Das der Wissenschaft bisher nur aus den dürftigen Berichten Mortons und den wenigen von Büttikofer nach Europa gebrachten Häuten und Skeletten kaum bekannte Zwerg-Flußpferd (~Choeropsis~), dem ich schon lange auf der Spur war, befand sich zu meinem lebhaften Bedauern nicht darunter. Im Hinterland der Republik Liberia war ich auf die Fährte des sozusagen unbekannten Tieres gestoßen, und ich hatte all meinen Ehrgeiz daran gesetzt, um in den Besitz dieses pygmäenhaften Vetters des gewaltigen Hippopotamus zu gelangen, da wurde ich dicht vor dem Ziel plötzlich von einem hartnäckigen Sumpffieber befallen. So mußte ich wohl oder übel von meiner Pionierarbeit ablassen und sah mich zur Wiederherstellung meiner Gesundheit gezwungen, in die Heimat zurückzukehren. Daselbst hatte ich mich bald wieder erholt, frische Lebenskraft beseelte mich und begann mich zu neuer Tätigkeit anzuspornen. Nun sollte ich auf dem kürzesten Wege über Italien nach Ostafrika reisen, um auch aus diesem Gebiet verschiedene Wildarten für die weltbekannte Firma zu beschaffen. Mein Chef wußte wohl, wie schwer es ist, Nashörner, diese bislang so selten in die zoologischen Gärten gelangten Dickhäuter, einzufangen.
Auf der Durchreise besuchte ich in Rom den nach dem Stellinger Muster angelegten Tierpark, der, obwohl noch unvollendet, an Größe und an Schönheit alle meine Erwartungen übertraf.
In Neapel schiffte ich mich auf dem Dampfer „Kronprinz“ der Deutschen Ostafrikalinie ein. Die Reise führte durch das Mittelmeer, den Suezkanal, das Rote Meer und den Indischen Ozean. Nach 19tägiger Fahrt legten wir in Kilindini-Mombasa in Britisch-Ostafrika an. Es ist dies der Haupthafen der englischen Kolonie und er hat einen lebhaften Schiffsverkehr.
In halbstündiger Fahrt bringen kleine überdachte Trolleys, von Negern geschoben, den Reisenden samt Gepäck nach Mombasa, der eigentlichen Stadt. Die Fahrt durch das prächtige Grün ist für den, der 19 Tage auf der großen Wasserwüste verbracht hat, ein wahrer Hochgenuß, und besonders zur Blütezeit, wenn der herrliche Duft die Luft erfüllt, wirkt das Ganze geradezu berauschend.
Mombasa macht im Europäerviertel, wo moderne Hotels, Post und Telegraphengebäude, Schulen, Kirchen und Geschäftshäuser stehen, den Eindruck einer europäischen Stadt. Ruinen einer Burg aus dem 15. Jahrhundert sind die letzten Spuren früherer portugiesischer Herrschaft, und hohe arabische Steinhäuser künden von der ebenfalls entschwundenen Macht der Araber. Zwar flattert über dem Kastell noch immer die rote Flagge des Sultans von Sansibar, aber sie ist nur ein Zeichen der diplomatischen Courtoisie Großbritanniens. Zwei schmale saubere und gutgehaltene Straßen führen durch das Geschäftsviertel und berühren das Auge des Europäers angenehm; dagegen zeigen die von Indern und Negern bewohnten Viertel mit ihren engen, unebenen, schmutzigen, jegliche Hygiene entbehrenden Gassen so recht das Gegenteil.
Fast alle größeren Geschäftshäuser sind in den Händen von Europäern oder Indern, nur die kleinen Kaufläden sowie der Markt werden ausschließlich von Indern, Arabern und Suaheli-Negern betrieben. Ein buntes orientalisches Farbenspiel tritt uns hier auf dem Markt von Mombasa vor Augen. Die verschiedenartigsten Menschenrassen tummeln sich da zwischen den mannigfaltigsten Naturprodukten des In- und Auslandes. Berge von Maniokknollen, Bataten, Zuckerrohr, Kokosnüssen, Ananas, Orangen, Zitronen, riesigen Mangofrüchten usw. liegen neben den vom Hochland kommenden europäischen Gemüsen; Hühner, Tauben, Enten, frisches Rind- und Hammelfleisch werden neben allen möglichen Gewürzen Indiens und Arabiens verkauft.
Inmitten von all dem erheben sich notdürftig eingerichtete Geschäftsbuden. Hier hat ein indischer Barbier, der die Negerköpfe blank schabt, seinen primitiven Laden errichtet, dort steht ein arabisches Café neben dem Verkaufstisch, hinter dem ein Suaheli Fische feilbietet. Ein unbeschreibliches Durcheinander von Düften schwebt über dem Ganzen, die Nase des Europäers beleidigend, wohingegen sein Auge durch ein Bild von Farbentönen entzückt wird, wie es kaum die kühnste Malerphantasie sich träumen ließe.
So ohne weiteres konnte ich allerdings nicht auf Fang ausziehen, sondern mußte mir zunächst von den Behörden die notwendigen Papiere, Jagderlaubnis usw. verschaffen und mich mit den Landesverhältnissen vertraut machen, was mir auch in kurzer Zeit gelang. Unerwartet schnell sollte der sehnliche Wunsch des alten Herrn Hagenbeck in Erfüllung gehen. Erst kürzlich war ein Ansiedler aus dem deutschen Gebiet mit zwei jungen Nashörnern in Voi an der Ugandabahn eingetroffen und hatte in der Nähe der Station sein Lager aufgeschlagen. Auf diese Nachricht hin beschloß ich sofort mit dem nächsten Zuge dorthin zu reisen, um die beiden Dickhäuter für den Stellinger Tierpark zu erwerben.
Die Fahrt auf der Ugandabahn bietet dem Reisenden viele abwechslungsreiche Bilder. Der Zug rollt zunächst durch einen herrlichen Palmenwald, der sich wie ein Gürtel die Küste entlang hinzieht. Eingeborenendörfer, deren Hütten im Schatten dunkelgrüner Mangobäume liegen, tauchen auf. Krausköpfige, nackte Negerkinder werden durch das Heranbrausen der Lokomotive aus ihren Spielen aufgeschreckt und laufen schreiend und winkend dem Zuge nach. Vereinzelt sieht man hier und da einige Ziegen grasen. Rinder bekommt man selten zu Gesicht, denn in diesem Landstrich herrscht die Tsetse-Plage, welche eine Großviehzucht unmöglich macht.
Die Station Machakos ist erreicht. Hier ist dem Passagier die letzte Gelegenheit geboten, sich mit Ananas, Bananen, Orangen und anderen Früchten für die Weiterreise durch die Steppe zu versorgen. Der Palmengürtel liegt nun hinter uns, das Landschaftsbild hat den Charakter der typischen Parklandschaft angenommen. Hier und da stehen einige mächtige Affenbrotbäume (Boabab) und dazwischen vereinzelt große Schirmakazien. Unangenehm macht sich der vom Zuge aufgewirbelte rote Staub bemerkbar, der durch die feinsten Ritzen der Türen und Fenster eindringt. Gegen das grelle Sonnenlicht werden graublaue Schutzfenster heruntergelassen. Nach etwa sechsstündiger Fahrt erreichen wir die Dornbuschsteppe. Sie ist charakterisiert durch dichten, fast undurchdringlichen Dornbusch, verwachsen mit Sansivieren und hohen Euphorbienarten. Gegen sieben Uhr abends ist die Station Voi erreicht.
Am nächsten Morgen in aller Frühe begab ich mich zum Lager des Ansiedlers. Wie jauchzte mir das Herz vor Freude, als ich im provisorisch hergerichteten Kral zwei prächtige Dickhäuter vor mir sah. Es war ein Pärchen etwa zweijähriger Doppelnashörner, und beide schon stark entwickelte Exemplare. Als Tierfänger konnte ich mich leicht in die Erzählung des Ansiedlers hineindenken; manche Strapazen und Gefahren hatte er zu überstehen gehabt, bis er die beiden Dickhäuter glücklich im Kral hatte. Gehört doch schon die Jagd auf Nashörner zu den gefährlichsten ihresgleichen; wieviel mehr steht das Leben des Jägers auf dem Spiel, wenn er diese kampfbereiten Tiere lebend in seine Gewalt bringen will. Sehr oft gerät der Tierfänger beim Fang in schwierige und lebensgefährliche Situationen. Auch ich habe in dieser Hinsicht manche kritische Episode erlebt, wie der Leser aus folgenden Kapiteln ersehen wird.
Wir wurden bald handelseinig, und so konnte ich nach Hamburg telegraphieren: „Schon im Besitz zweier Nashörner.“ Wenige Stunden später lief die Antwort ein: „Gratuliere, Hagenbeck!“ Da auf der Ugandabahn wöchentlich nur zwei Züge verkehrten, so nützte ich meinen Aufenthalt in Voi zu einigen Streifzügen in die Ebene aus, um die Tierwelt zu beobachten. Vorherrschend war in jenem Gelände die Dornbuschsteppe, aus der sich einige hohe Berge erhoben. Überall konnte ich ein reiches Tierleben feststellen; verschiedene Antilopenarten, Giraffen, Nashörner, Löwen und Leoparden, Wildschweine, Affen und eine Menge Vogelarten halten sich in der Steppe auf. Zahlreiche Wildwechsel und Fährten führten zum Voifluß, an den das Wild zur Tränke zog.
Der Transport der beiden Nashörner zur Küste bot keine besonderen Schwierigkeiten, da die Eisenbahn zur Beförderung der Tiere in Anspruch genommen werden konnte. Nicht immer so leicht wie hier gestaltet sich ein Tiertransport durch das wegelose Innere. Da muß mitunter in unwirtlichen Gegenden erst Schritt für Schritt der Weg gebahnt werden, über den sich die Karawane mühselig hinschlängelt. Solche Tierfang-Expeditionen verschlingen große Geldsummen, ohne daß sich dabei der Tierfänger dem Luxus mancher modernen Sportsjäger und Afrikareisenden hingibt; Extravaganzen sind für ihn von vornherein ausgeschaltet. Hier heißt es das Wild in der Natur zu beobachten und zu studieren, die Tiere lebend und unverletzt in seine Gewalt zu bringen, in Augenblicken der Gefahr entschlossen zu handeln und oft als erster mit Lebensgefahr für andere einzuspringen. Doch nicht genug damit: der Tierfänger soll seine Beute auch gesund und wohlbehalten zur Küste und von da in zivilisierte Länder bringen. Um dieses bewerkstelligen zu können, muß er reichliche Erfahrung in seinem Fache gesammelt haben. Die Pflege und Aufzucht exotischer Tiere ist eine Wissenschaft für sich, die nur ein ausgezeichneter Tierfreund sich anzueignen vermag. Jedes Tier muß individuell behandelt werden, soll dasselbe, das von einem Rudel oder Muttertier abgesprengt wurde, nicht zugrunde gehen. Auch steckt den meisten Tieren die ausgestandene Angst vom Einfangen noch in den Gliedern, und das Neue ihrer Umgebung versetzt sie zuweilen in einen solchen Zustand der Erregung, daß sie am Herzschlag tot zusammenbrechen. Allem diesem wird ein geschickter Tierfänger Rechnung tragen und seinen Pfleglingen alle Liebe und Sorgfalt angedeihen lassen. Eine Karawane wird auch stets eine Anzahl von Milchkühen, Ziegen sowie Milchvorräte mit sich führen, damit die Tier-„Babies“ genügend Nahrung bekommen. Ist aber eine wasserarme Gegend zu durchqueren, so muß reichlicher Wasservorrat auf den Lasttieren oder auf den Köpfen der Träger mitgeschleppt werden; dabei hat der Karawanenleiter auch sein Päckchen Sorge zu tragen, damit es den Tieren, aber noch mehr den Menschen an nichts gebricht. Die Anhänglichkeit vieler Tiere an Menschen, die ihr Vertrauen gewonnen haben, sowie ihr Gedächtnis für gute Behandlung ist mitunter ganz erstaunlich. Dies sind die Freuden des Karawanenleiters, die ihm über alle Sorgen und Strapazen hinweghelfen.
[Illustration: ~Kommerzienrat Carl Hagenbeck~ †]
[Illustration: ~Der Bahnhof nach seiner Vollendung (1913)~]
[Illustration: ~Haus des Bezirksamtmanns der Grenzstation Taveta (Britisch-Ostafrika)~]
Die beiden Nashörner, Bob und Marianne, brachte ich mit ihren Wärtern, zwei Masais, zur Küste. Dies war bei der Anhänglichkeit der Dickhäuter an ihre zwei schwarzen „Nurses“ äußerst einfach. Bis zur Bahnstation liefen Bob und Marianne wie Hunde ihren Wärtern nach. Sie folgten ihnen auch willig über die Rampe in den Bahnwagen, und fort ging die Reise nach Mombasa. Ein in der Nähe der Stadt liegender Platz mit wilder Vegetation war wie geschaffen zum Aufenthalt meiner beiden Nashörner. Der Besitzer dieses Platzes, ein liebenswürdiger Österreicher, der hier ein Hotel baute, stellte ihn mir gerne zur Verfügung und zeigte selbst das lebhafteste Interesse für meine Pfleglinge. Für die Bewohner von Mombasa war die Ankunft der beiden Nashörner ein außergewöhnliches Ereignis; alt und jung lief herbei, um die beiden Dickhäuter anzustaunen. Natürlich bekam ich von den Eingeborenen sofort den Namen „Bwana Kifaru“, die Suaheliworte heißen auf deutsch: Herr Nashorn. Die Schwarzen haben nämlich die eigentümlichen Gewohnheiten, jeden Europäer nach irgendeinem ihnen auffallenden Merkmale zu benennen und die europäischen Namen ganz zu ignorieren.
So anhänglich und sanft Bob und Marianne gegen ihre Wärter und auch bald gegen mich waren, so abweisend und grob konnten sie gegen allzu zudringliche und neugierige Besucher werden, und einige der letzteren machten trotz gutgemeinter Annäherungsversuche unangenehme Erfahrungen. Einer der ersten hierunter war der Eigentümer des Platzes selbst. Er pflegte, sooft er den Bau seines Hotels besichtigte, bei den Tieren vorzusprechen und ihnen Leckerbissen zu reichen. Eines Tages wollte er Bob kraulen, aber das Nashorn verstand die Handbewegung falsch und senkte prustend das Horn gegen ihn. Der Herr suchte sein Heil in schleunigster Flucht. Von Bob verfolgt, rettete er sich auf einen aufgeschütteten Sandhaufen, dessen lockeres Material dem schweren Nashorn glücklicherweise nicht erlaubte nachzukommen. Auch Marianne stürzte herbei und unterstützte ihren Gefährten, den Herrn auf dem Sandhaufen zu bewachen. Erst das Eintreffen des Wärters machte der tragikomischen Szene ein Ende. Willig folgten die Tiere dem Masai und ließen von ihrem erschreckten Opfer ab.
Da ich die beiden Nashörner gut untergebracht hatte und in angemessener Pflege wußte, konnte ich ohne Sorge mich nach weiteren Tieren umsehen. Zunächst reiste ich mit dem Dampfschiff von Mombasa nach Tanga in Deutsch-Ostafrika, weil mir von dort verkäufliche Tiere gemeldet wurden. Der Wechsel aus einer englischen in eine deutsche Kolonie ist sofort fühlbar. Während z. B. auf englischem Gebiet an der Ugandabahn aufwärts weite Strecken noch unbebaute Steppen sind und erst über 300 Meilen von der Küste entfernt bei der Hauptstadt Nairobi Farmbetrieb beginnt, sieht man auf deutschem Boden, wie Arbeitslust und Methode schon von der Küste an die Natur zur Produktion zwingt. Gleich bei Tanga fährt die Bahn durch Kokospflanzungen, bald aber wechseln diese mit Kautschukplantagen ab, welche aus prächtigen Bäumen bestehen, so daß man glauben könnte, durch einen wohlgepflegten deutschen Laubwald zu fahren. Dann folgen wieder meilenweit Sisal-Pflanzungen usw., kurz, wo man hinsieht, trifft man auf verständige Ordnung und methodische Arbeit. Auch fällt dem Besucher bei der Ankunft in Tanga, wenn er vorher das englische Mombasa besucht hat, das gesetzte und ruhige Benehmen der Bevölkerung wohltuend auf gegen das unverschämte lärmende und streitsüchtige Gebaren der Eingeborenen in Mombasa. Tanga ist ein sehr hübsch gelegenes Städtchen mit breiten baumbepflanzten Straßen und prächtigen Gebäuden, villenartigen Wohnhäusern, guten deutschen Hotels; ein vorzüglich eingerichtetes Hospital, Post- und Telegraphenamt nebst stattlichem Bezirksgebäude, verschiedene christliche Kirchen und Schulen, Banken und Geschäftshäuser geben Zeugnis von dem Aufblühen der Stadt. Die schwarzen Beamten der Post sprechen deutsch nebst Suaheli, der Landessprache. Der Dampfertag ist immer ein Festtag für die Bewohner der Stadt und wird abends durch ein Konzert der Negerschülerkapelle auf dem Bismarckplatz gefeiert. Alles kommt zu diesen Konzerten, um bei einem Glase Bier heimatlichen Weisen zu lauschen.
Von Tanga aus unternahm ich einige Streifzüge in das Usambaragebirge und an den Panganifluß. Hier konnte ich einen rechten Einblick gewinnen, welchen Schatz an Wild unsere Kolonie besitzt. Wohl wenige Länder der Erde haben einen derart reichhaltigen und verschiedenartigen Wildbestand aufzuweisen. In dem sich längs des Flusses hinziehenden Buschgelände tummeln sich die flinken und drolligen Meerkatzen. Diese meist auf Bäumen lebende Affenart ist dem Pflanzer bei weitem nicht so unsympathisch, wie die so schädlichen Paviane, welche in den Feldern durch Herausreißen und Vernichten der Kulturen große Verheerungen anrichten. Ein anderes dem Pflanzer verhaßtes Tier ist das Flußschwein. Diese Schweineart richtet ebenfalls in den Mais- und Maniokfeldern ungeheuren Schaden an. Nicht genug, daß sie sich vollfressen, zerwühlen und verwüsten sie alles, was ihnen in den Weg kommt. Der Pflanzer geht diesen Schädlingen zuleibe, wo er nur kann. Löwe und Leopard sind die einzigen Tiere, die unter den Schwarzkitteln aufzuräumen verstehen, weshalb die beiden sonst so gefürchteten Raubtiere vielfach den Schutz des Ansiedlers genießen.
An Großwild konnte ich einen prächtigen Kaffernbüffel aus dem Schumewalde, ~Bubalus caffer rufuensis Zukowsky~, erstehen. Das kraftstrotzende schwarzbraune Tier, mitten in einer Rinderherde äsend, repräsentierte mit seinem starken Gehörn, dunkeln Lichtern, zottiger Decke und langbehaarten Ohrrändern so recht die Stärke und das bösartige Aussehen seiner Sippe. Der Büffel wurde nebst anderem afrikanischen Wild zur Küste transportiert. Ich bestieg in Tanga wieder das Schiff, und nach 24stündiger Fahrt über Sansibar ankerte der Dampfer in Daressalam.
Daressalam, die Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas, der Sitz des Gouverneurs, ist nicht nur die schönste Stadt der Kolonie, sondern hat auch den besten Hafen der ganzen Ostküste. Von Norden kommend, nähert sich das Schiff dem weißen Strande der Küste. Zwei vorgelagerte Inseln heben sich deutlich vom Hintergrunde ab. Palmengruppen und weiße Gebäude beleben das Bild. Das Schiff fährt links an den besagten Inseln vorbei und läuft durch eine ungefähr 150 Meter breite Einfahrt in den Hafen. Ein herrliches Panorama entfaltet sich plötzlich: prachtvolle Kirchen, Regierungsgebäude, Villen und andere Baulichkeiten der Europäer schimmern mit ihren weißen Mauern und roten Dächern durch den grünen Gürtel der Kokospalmen.
Der Eindruck am Lande entspricht dem Bilde, welches man vom Schiffe aus sieht. Saubere, breite, mit Akazienbäumen bepflanzte Straßen führen durch die Stadt. Denkmäler erinnern an die Verdienste unserer Helden in Kolonie und Heimat. Überall herrscht reges und geselliges Leben. Durch die Straßen flitzen flinke Rikschas, die man sonst nur im fernen Osten sieht, jene leichten zweirädrigen, von Farbigen gezogenen Wagen. Hotels, Klubs, Geschäftshäuser, eine Brauerei, eine Eisfabrik und sonstige Betriebe sorgen für die Bedürfnisse der Europäer. Auch im Eingeborenen- und Inderviertel herrscht trotz der bunten Abwechslung Ordnung und Reinlichkeit. In der Umgebung der Stadt wechseln Palmenhaine mit saftigen Rasenflächen und gut gepflegten Pflanzungen ab. Die Stadt befindet sich im vollen Aufblühen. Handel und Verkehr haben sich in den letzten Jahren über Erwarten gut entwickelt.
Allerdings finden wir hier an der Küste nicht die gleich günstigen klimatischen Verhältnisse, wie solche im Innern auf den Hochländern im Norden herrschen. Der Europäer kann aber auch hier bei entsprechender Tätigkeit (schwere körperliche Arbeit ist hier selbstverständlich für den Weißen ausgeschlossen) lange Jahre leben, ohne an seiner Gesundheit Schaden zu erleiden, sofern er nur die wenigen leicht zu befolgenden sanitären Vorsichtsmaßregeln beachtet (Chinin-Prophylaxis, Mäßigkeit im Alkoholgenuß usw.). Selbst die früher so gefürchtete Malaria hat infolge des heutigen hohen Standes der modernen Tropenhygiene fast alle ihre Schrecken verloren. Man kann ruhig sagen, daß die gewöhnlich auftretenden Tropenkrankheiten, von denen auf die Dauer wohl kein Kolonist gänzlich verschont bleibt, bei weitem nicht so gefährlich sind, wie man meistens anzunehmen pflegt.
Hier in Daressalam begünstigte mich das Glück. Unser Stellinger Tierpark besaß zwar einige indische Elefanten, hatte aber noch keinen afrikanischen aufzuweisen. Ein solches Tier konnte ich hier auf sonderbare Weise erwerben. „Jumbo“, ein etwa anderthalbjähriger Elefant, war mit Beschlag belegt und stand in Obhut des Polizeiwachtmeisters Fritz. Um den Hals trug der Dickhäuter ~nolens volens~ ein schwarz-weiß-rotes Band mit dem bekannten Siegel, welches der Gerichtsvollzieher an gepfändete Sachen anzulegen pflegt.
Auf der Boma (Bezirksamt), woselbst er untergebracht war, wurde Jumbo als Wasserpumper abgerichtet. Freilich war er so schlau, gleich aufzuhören, wenn er genügend Wasser für sein eigenes Ich heraufbefördert hatte. Das vollkommen zahme Tier wurde auch zu allerhand anderen Diensten, z. B. als Plakatträger, verwendet. Auf seinen Gängen durch die Stadt plünderte er oft genug die Marktkörbe der Neger, was jedesmal ein großes Hallo gab; als echter Afrikaner hatte Jumbo ebenfalls eine besondere Vorliebe für Pombe (Bier der Eingeborenen), aber auch für europäisches Bier. Deswegen trieb er sich am liebsten vor den Hotels herum, um dort die Bierreste auszutrinken. Er nahm es auch gar nicht so genau, gelegentlich seinen Rüssel über den Kopf eines ahnungslosen Gastes hinweg in dessen frisch gefülltes Bierglas hineinzustecken; ehe sich’s nun der erschreckte Gast versah, war sein Glas bis auf den Boden leer. Obwohl Jumbo unter polizeilicher Aufsicht stand, brachte es diese doch nicht so weit, ihrem Schutzbefohlenen den Unterschied von Mein und Dein beizubringen. So ohne weiteres konnte ich allerdings nicht in den Besitz des Elefanten gelangen; erst nach Hinterlegung der festgesetzten Summe und durch die unermüdliche Unterstützung eines Rechtsanwaltes war es mir möglich, Jumbo bei dem bald folgenden Abtransport der erworbenen Tiere noch mitnehmen zu können. Inzwischen war ich noch im Morogoro-Gebiet tätig gewesen und konnte dem schon recht ansehnlichen Transport noch eine Anzahl Buschböcke, Hyänenhunde und andere Tiere hinzufügen. Das Einsetzen der Regenzeit machte einen erfolgreichen Fangzug vorläufig unmöglich. Dazu lief noch von der britischen Regierung ein Verkaufsangebot für einen indischen Elefanten ein, weshalb ich mich wieder in das englische Gebiet begab. Dieser Elefant war vor einem Jahre von der Kolonialregierung als Lasttier in das Ugandagebiet importiert worden. Der Versuch hatte aber den Erwartungen nicht entsprochen, und so konnte ich das Prachtexemplar erwerben.
Zwischen dem indischen Elefanten (~Elephas indicus L.~) und dem afrikanischen (~Loxodonta africana Blbch.~) besteht ein großer Unterschied. Der afrikanische Elefant hat bedeutend größere Ohren als der indische. Die Stirn des afrikanischen Elefanten ist flach, während sie beim indischen gewölbt ist. Die Stoßzähne des Afrikaners sind stärker entwickelt als die des Inders. Beim ersteren tragen beide Geschlechter Elfenbein, während bei dem letzteren solches den Kühen fehlt, bei den Bullen häufig auch nicht vorhanden ist. Die Rückenhöhe des afrikanischen Elefanten ist bedeutend höher als die des indischen.