Chapter 5 of 13 · 3989 words · ~20 min read

Part 5

Zunächst besuchte ich die Tierkrale, lehrte die Neger, wie sie die Tiere pflegen müssen und ging auch an den zweiten Platz bei Utete, um die dortigen Tierkrale zu revidieren und die inzwischen durch den Flußdampfer herbeigebrachten Materialien für die Transportkästen vom Flußufer nach dem Lagerplatze schaffen zu lassen. Ich fand einen jungen Neger, der ein weniges von der Schreinerei verstand, ließ auf den Köpfen der Träger alles nach dem Lager schleppen, und hier wirkten wir tagelang von morgens bis abends mit Säge und Hammer, bis alles Material verarbeitet war. Dabei stellte sich heraus, daß ich bei weitem nicht genügend Holz hatte, um Transportkästen für alle Tiere zu bauen. Ich half mir damit, daß ich für die kleinen Tiere hohe Körbe aus Lianen flechten ließ und nur den Boden derselben aus Brettern herstellte. Diese Körbe dienten bis zum Abtransport der Tiere den Wächtern, welche die Feuer gegen Raubgesindel unterhalten mußten, als Nachtlager, da sie sich in ihnen selbst vor Löwen sicher fühlten. Kaum war die Arbeit fertig, als mir die Wächter des Flußpferdkrales von Utete meldeten, daß der Fluß bereits bedenklich steige und daß sie fürchteten, die Flußpferde möchten über die Einfriedigung entkommen. Sofort brach ich nach dorthin auf. Die Nacht überraschte uns, und nicht nur den Schwarzen, sondern auch meinen erregten Nerven wurde es unheimlich in der von Großwild und Löwen belebten Gegend. In stockdunkler Nacht kamen wir an der dem Lager gegenüberliegenden Seite des kleinen Sees an, von wo aus der Flußpferdkral mit einem Einbaum zu erreichen war. Dröhnend schallte der zum Überholen verabredete Schuß über die Seefläche. In demselben Augenblick stürzten dicht neben uns zwei starke Flußpferde, die am Ufer geäst hatten, ins hochaufspritzende Wasser, uns einen gehörigen Schreck einjagend. Es dauerte lange, bis das Boot herüberkam, und als der Fährmann von den zwei aufgestörten Dickhäutern hörte, die sich in den See geflüchtet hatten, bekam er Angst und weigerte sich zurückzufahren; aber ich wollte hinüber und er mußte sich fügen. Die Überfahrt ging denn auch ganz glatt vonstatten. Es stellte sich heraus, daß die schwarzen Wärter übertrieben hatten, und ich sah, daß die Einfriedigung der Flußpferde ganz gut noch einige Zeit selbst bei weiterem Steigen des Sees zum Festhalten der Hippos genügte, so daß ich beruhigt zum ersten Tierlager zurückkehren konnte. Der erste Europäer, der mir wieder zu Gesicht kam, war ein Regierungsbeamter, Herr H., der, in amtlichen Geschäften auf einer Plantage weilend, von dem Tode Petersens gehört hatte und nun kam, um den Tatbestand aufzunehmen, wodurch mir eine große Last vom Herzen fiel. Herr H. übernahm auch die Regelung der Hinterlassenschaft und ließ Petersens Effekten abtransportieren. Einige Tage später traf Herr Regierungsrat Graß, der bei einem Jagdausflug ebenfalls von dem Unglücksfall gehört hatte, bei mir ein. Ich schilderte ihm meine Lage und er überließ mir in liebenswürdiger Weise zwei Polizisten (Askaris). Es waren gute und treue Leute, die mir sehr zustatten kamen und die Schwarzen in gehörigem Respekt hielten. Komisch war anzusehen, wie sie mit Wasser und Glasstückchen ihre Kopfhaare abrasierten. Herr Regierungsrat G. und ich hätten gerne den Unglücksplatz aufgesucht, um nach dem Verbleib des Büffels zu forschen. Es war mir aber unmöglich, die Stelle wiederzufinden, und die Schwarzen weigerten sich in abergläubischer Furcht, den Ort zu zeigen und ihn zu betreten. Herr Regierungsrat Graß schoß ein kapitales Gnu und zog dann weiter, nachdem er den beiden Askaris eingeschärft hatte, jedem meiner Befehle nachzukommen. Mit Hilfe der handfesten Unterstützung dieser beiden Askari ging alles wie am Schnürchen. Ich brachte alle meine Tiere in die Kästen und ließ sie mit den nötigen Instruktionen für Pflege und Fütterung in den Händen der schwarzen Wärter, diese wieder unter Aufsicht eines Askaris zurück. Hierauf eilte ich nach dem zweiten Lagerplatz bei Utete und bereitete auch dort alles zum Abtransport vor. Nun war die Frage, wie ich die zum Teil sehr schweren Kisten bis zu der etwa eine Stunde entfernten Anlegestelle des Dampfers bekäme. Die kleineren Kisten wurden samt ihrem lebenden Inhalt auf Tragstangen und auf den Schultern der Neger zum Einladeplatz an das Flußufer gebracht. Die Beförderung der schweren Flußpferdkasten dagegen hätte ungeheure Mühe gekostet, da der Weg über felsiges Gelände ging. Ich fand eine bequemere Route. Der See hatte einen kleinen Abflußgraben nach dem Rufidji zu, der aber mit Rohrbinsen und hohen Papyrusstauden verwachsen und während der Trockenzeit nicht befahrbar war. Jetzt aber, wo das Wasser stieg, dachte ich mir, daß die Boote der Eingeborenen nach dem Abhauen des Schilfes durchkommen könnten. Flugs nahm ich einen Einbaum, fuhr vom Flußpferdkral gerade über den See in den Abfluß hinein und ließ von den Schwarzen mit den Buschmessern einen Weg bahnen. Als wir uns nach zwei Tagen glücklich durchgearbeitet hatten und an einer Stelle, wo der Abfluß sich gehörig verbreitert hatte, zum Flusse durchstießen, wollte ich sehen, ob wir leicht an das Flußufer herankommen könnten, und ließ die beiden jungen Schwarzen, die den Einbaum paddelten, in die Strömung hineinfahren. Diese war aber so stark, daß die Ruderer die Herrschaft über das Boot verloren und wir mitten in ein Rudel spielender Flußpferde hineintrieben. Hätten wir eines der Tiere angerannt, so wäre es uns wohl schlecht ergangen. Schließlich gelang es unseren gemeinschaftlichen Anstrengungen, aus der Strömung und der gefährlichen Nähe der Dickhäuter herauszukommen und die gesuchte Sandbank, die Anlegestelle für den Dampfer, zu erreichen. Somit hatte sich meine Idee, die Flußpferde auf dem Wasserwege zum Einladeplatz des Dampfers zu bringen, als ausführbar erwiesen, und wir machten uns sofort ans Werk, dieselbe in die Praxis umzusetzen. Natürlich mußte zuerst die Schilfwildnis mit dem Buschmesser auf der ganzen Länge des Abflusses in einen breiten Weg gelichtet werden; sodann wurden drei Einbäume zusammengebunden und die Flußpferdkästen auf ihnen durch die schmale Wasserstraße des Seeabflusses bis zu der Sandbank am Rufidji gebracht. An einem Sonnabendnachmittag hatten wir endlich alle Tierkästen auf der Sandbank gelandet, und sie verblieben hier unter der Aufsicht der Wärter und eines Askaris.

[Illustration: ~Der vom Verfasser importierte, berühmt gewordene Schimpanse „Moritz“~]

[Illustration: ~Affenfelsen in Carl Hagenbecks Tierpark~]

Die Wärter hatten während der Nacht sich zum Schlafen oben auf die schweren Flußpferdkästen gelegt. Am nächsten Morgen revidierte ich die Leute und sah zu meinem Erstaunen, daß die Sandbank eine Menge frischer Flußpferdfährten aufwies. Erschrocken darüber und in der Meinung, daß vielleicht die Gefangenen ausgerückt seien, lief ich schnell zu den Kästen, fand aber meine beiden Dickhäuter ruhig schlafend vor. Die Schwarzen erzählten, daß in der Nacht einige Flußpferde auf das laute Grunzen der eingesperrten Dickhäuter hin auf die Sandbank und ganz dicht an die Kästen herangekommen seien, diese beschnuppert hätten und unter Grunzen abgezogen seien. Diese Besuche wiederholten sich auch in den folgenden Nächten.

Nun kehrte ich zu der leeren Jagdhütte zurück und machte unterwegs eine prächtige Jagdbeute. Ich schoß einen Edelreiher (~Herodias alba L.~), dessen Schmuckfedern die außergewöhnliche Länge von 48 Zentimeter hatten und später der vielbeneidete Hutschmuck meiner Frau wurden.

Auffallend war, daß mit dem Steigen des Wassers alle Fische aus dem See verschwanden, und somit verzogen sich auch die fischfangenden Neger mit ihren Familien. Die ganze Zeit hatte das Wasser einen derartigen Fischgeschmack, daß es für mich fast ungenießbar war und ich mir von den in der Nähe befindlichen heißen Quellen Trinkwasser holen ließ. Am Sonntagmorgen hatte ich alles zum Aufbruch hergerichtet, um an das obere Tierlager zurückzukehren und auch dort die Kästen zum zweiten Anlegeplatz des Dampfers zu bringen, als mein Diener einen Europäer meldete. Ich lud ihn ein mit mir zu frühstücken, wobei er mir erzählte, er sei auf der Elefantenjagd und bei der Verfolgung eines starken Bullen auf meine Jagdhütte gestoßen. Ich konnte aus den wenige Meter hinter meiner Hütte vorbeigehenden frischen Spuren ersehen, daß der Elefant tatsächlich in der Nacht kaum vier Schritte hinter meiner Hütte haltgemacht hatte und dann vorbeigewechselt war. Der Jäger war so ermüdet, daß er die Verfolgung aufgab und nach seinem Zeltlager im nächsten Dorfe zurückkehren wollte. Dasselbe lag auf meinem Wege, und er lud mich zu einem Nachmittagskaffee ein. Wir besahen noch zusammen meinen Tiertransport und fuhren über den See und durch den angelegten Wasserweg. Nachdem der Herr die Tiere bewundert hatte, verabschiedeten wir uns und ich trat am Nachmittage meinen Marsch nach dem vier Stunden entfernt gelegenen Tierlager an, wo ich alles unter der treuen Aufsicht des Askaris in Ordnung fand.

Bei meiner Ankunft an Petersens altem Standlager hatte ich mehrere Male bei den Dorfältesten der umliegenden Ortschaften den Wunsch geäußert, einige Exemplare der dort häufig vorkommenden Hundsaffen (~Papio cynocephalus L.~) lebend zu bekommen. Nichts konnte den Schwarzen willkommener sein, als mir diesen Wunsch zu erfüllen. War ihnen doch damit nicht nur die Gelegenheit geboten, die frechsten Diebe ihrer Hirsepflanzungen zu bestrafen, sondern es winkte ihnen noch der Vorteil, für das unverschämte Gesindel bare Münze zu bekommen. Als ich nun diesmal am oberen Tierlager anlangte, mußte ich trotz meiner traurigen Stimmung herzlich lachen über den komischen Anblick, der mich da erwartete. Überall standen Körbe mit grunzenden und schreienden, sich wie toll gebärdenden Pavianen. Die Neger hatten sie in Netzen gefangen und einzeln oder zu mehreren in hohen Stabkörben herbeigebracht. Gerade kam wieder eine Karawane mit diesen Unholden an. Sie wurden in ihren Käfigen mit Tragstangen herbeigeschleppt. Da diese Käfige weder solide noch praktisch waren, so mußte ich alle Affen umquartieren; dabei entwischte uns mindestens ein Dutzend, die aber beim Lager blieben, weil sie da reichlich Futter fanden. Sie schwatzten unaufhörlich mit ihren gefangenen Kameraden, so daß der Lärm und der Unfug, den die ausgebrochenen Biester machten, unerträglich wurde. Außerdem kam zu meinem Entsetzen immer neue Zufuhr, und bald hatte ich über 100 Stück beisammen. Etwa 80 davon bevölkerten später den Affenfelsen des Stellinger Tierparkes. Nachdem die Affen alle untergebracht waren, ging am nächsten Tage frühmorgens der Abtransport dieses Tierlagers nach dem Rufidji los, wo der Dampfer nach Übereinkunft an einem bestimmten Platze anlegen sollte. Trotz der großen Anzahl von aufgebotenen Trägern wurde es nachts drei Uhr, bis das letzte Stück an Ort und Stelle war. Wir hatten als Weg zum Fluß einen Flußpferdwechsel benutzt und die schweren Tiere auf dem entliehenen Karren hinuntergebracht. Bevor ich den Unglücksplatz verließ, besuchte ich das Grab meines armen Freundes Petersen, durchlebte in Gedanken nochmals die schrecklichen Augenblicke und nahm stillen Abschied von ihm.

Die letzte Karrenladung bestand aus meinen persönlichen Effekten; ich folgte zu Fuße nach. Dabei wurde mir klar, wie mühselig der Transport der Tiere mit diesem Karren bei dem fürchterlich schlechten Wege gewesen sein muß und warum meine Leute so lange Zeit dazu gebraucht hatten: Zur Regenzeit, wenn der Boden weich ist, treten die schweren Flußpferde tiefe Löcher in den Boden, so daß der Weg sehr holperig und uneben wird. Der vor mir fahrende Karren schwankte beständig hin und her und drohte mehr als einmal umzukippen.

Am Flusse ließ ich mein Zelt unter einem Mangobaum aufschlagen, und meine Schwarzen besorgten das nötige Futter für die Tiere, wie Mais, Kürbisse, Süßkartoffeln, Hirse, Mangos und Bananen. Ich erhielt alles aus den nächsten Dörfern gegen Bezahlung prompt geliefert. Da an dieser Stelle der Fluß ein ziemlich hohes Ufer hat, ließ ich zum Einschiffen eine schiefe Ebene nach dem Wasser bauen. Während dieser Arbeit bemerkte ich eine von den Zweigen des Mangobaumes herabhängende, in herrlichem Grün schillernde Schlange. Sie glitt vom Zweige auf den Boden, und mit raschem Griff konnte ich sie am Genick fassen und in eine leere Blechdose stecken. In Hamburg erfuhr ich später, daß sie zur giftigsten ihrer Sippe gehörte. Als der Dampfer mit seinen beiden Leichtern am Einladeplatz anlegte, ging die Verladung infolge der vorhandenen schiefen Ebene ziemlich rasch vonstatten, da wir bis spät in die Nacht hinein bei hellem Mondschein arbeiten konnten. Am nächsten Morgen fuhren wir an die zweite Einladestelle bei Utete, wo die Flußpferde und die anderen Tiere an Bord genommen wurden. Beim Überzählen der Tiere fehlte ein Wasserbock, der nach der Aussage eines Schwarzen eingegangen war. Wohl oder übel mußte ich so tun, als ob ich an dieses Märchen glaube. Ich war aber fest davon überzeugt, daß meine getreuen Neger den Bock während meiner Abwesenheit in ihren Magen hatten verschwinden lassen. Der zur Aufsicht zurückgelassene Askari dürfte dabei sein schwarzes Gewissen durch Teilnahme an dem Mahle beruhigt haben. In aller Frühe des nächsten Tages fuhr der Flußdampfer mit seinen beiden zu Menagerien umgewandelten Leichtern ab. Wir hatten an Bord: 2 Flußpferde, 15 Wasserböcke, 2 Johnston-Gnus, Schwarzfersenantilopen, mehrere Zwergantilopen, verschiedene Vogelarten, etwa 100 Hundsaffen und einige Kisten mit Jagdtrophäen. Langsam fuhr der Dampfer mit den schwerbeladenen Leichtern flußabwärts, den Windungen folgend und sorgsam die zahlreichen Sandbänke meidend. Letztere waren belebt von vielen Krokodilen, zum Teil riesigen Tieren. Sie rutschten bei Annäherung des Dampfers langsam in die Flut. Eine Menge Reiher und fischender Vögel belebten ebenfalls die Ufer und die Sandbänke und ließen sich wenig stören. Auch an Gruppen friedlich dahintreibender Flußpferde kamen wir vorbei. Die vordersten tauchten vor dem Dampfer unter und kamen nach kurzer Zeit hinter dem Rade wieder zum Vorschein. Einen hübschen Anblick gewährten die Kühe mit ihren Jungen auf dem Rücken. Wenn das Junge im Wasser müde geworden ist, klettert es zum Ausruhen auf den Rücken der Alten. Es war für mich eine wahre Erholung, einmal in Ruhe alle meine Tiere auf einem Platz vereinigt zu haben und, von keiner Sorge gelenkt, den Tierfreund auf der Flußfahrt zu seinem Recht kommen zu lassen.

In Kilindi mußte der Dampfer auf die Post warten und auch Holz als Brennmaterial aufnehmen. Es war drei Uhr nachmittags, und ich benutzte ein Fahrrad, um nach dem drei Stunden entfernten Mohoro zu fahren, woselbst ich meiner Firma telegraphisch meldete, daß der Tiertransport glücklich unterwegs sei. Bei dem schlechten Wege und bei der brütenden Hitze brauchte ich 1½ Stunde bis zu genannter Ortschaft. Die weiße Bevölkerung bestand nur aus fünf Köpfen; auch befand sich dort ein Indier, der in seiner „Duka“ (Laden) außer europäischen Konserven auch deutsches Flaschenbier führte. Sein Laden, oder besser gesagt, seine Hütte, wurde von den wenigen Deutschen mit dem bezeichnenden Namen „Zum schmierigen Löffel“ benannt. Unter einem großen prächtigen Mangobaume vor der Hütte, dem Stammtisch der Europäer, ließen wir es uns beim Glase Bier wohl sein. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um die Löwenplage. Erst vor wenigen Tagen, während die Herren ihren gewohnten Abendschoppen unter diesem Mangobaum einnahmen, lief ein Löwe an ihnen vorbei in das Dorf hinein. Das Tier wurde noch in derselben Nacht in einer von dem Dorfältesten gestellten Falle gefangen und von den alarmierten Europäern bei Fackellicht getötet. Infolge der Warnung dieser Herren trat ich den Rückweg zum Dampfer nicht in der finsteren Nacht an, sondern wartete den Mondaufgang ab. Der Weg, den ich nach Kilindi per Rad zurückfuhr, war zum größten Teil auf beiden Seiten mit mannshohem Schilf und Gestrüpp bewachsen. Nur langsam kam ich vorwärts; der an und für sich nur spärliches Licht spendende abnehmende Mond wurde dazu noch öfters durch Wolken verdunkelt. Es mochte gegen vier Uhr morgens gewesen sein -- den halben Weg hatte ich bereits hinter mir --, als ich seitwärts im Schilf ein Rascheln hörte, welches immer näher kam. Ich war der Meinung, eines der hier so häufig vorkommenden Wildschweine verursache das Geräusch. Um das Tier zu verscheuchen, läutete ich heftig mit der Radklingel, indem ich vorsichtigerweise meine Fahrt verlangsamte. Plötzlich sprang aus dem Schilf, nur wenig Schritte vor mir, ein großer Leopard auf. Ich schrie das Tier an; es war dadurch wohl ebenso erschrocken wie ich selbst. Einen Augenblick blieb das Raubtier vor mir stehen und verschwand dann in wilder Flucht ins Gestrüpp. Mir waren infolge der unverhofften Begegnung vor Schreck die Haare zu Berge gestiegen, denn ich war vollkommen unbewaffnet. Hätte ich nicht mein Fahrtempo verlangsamt, so wäre ich wohl mit dem Leoparden direkt zusammengestoßen und hätte dabei sicherlich den kürzeren gezogen.

An Bord angelangt, erzählte ich dem Schiffsführer von meiner Begegnung. Er spottete über die übertriebene Gefährlichkeit dieser Katzen und behauptete, in dieser wildreichen Gegend sei für den Menschen überhaupt keine Gefahr vorhanden, namentlich nicht für den Europäer. Er habe gerade diesen Weg nach Mohoro schon dutzende Male ohne jeden Unfall zu Fuß gemacht. Kaum einen Monat später wurde eben derselbe Herr auf dem gleichen Wege von Löwen angefallen und getötet.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Übernahme der Post weiter. Der Fluß wurde immer breiter und links und rechts begannen die Mangrovenwälder, und die feuchttropische Hitze wurde fast unerträglich. Wir erreichten noch am Nachmittage Salale, gingen mitten im Flusse vor Anker und erwarteten dort die Ankunft des großen Ozeandampfers.

Der Fluß ist an dieser Stelle über einen Kilometer breit und führt Brackwasser. Infolgedessen hatte ich große Schwierigkeiten, das für meine Tiere notwendige Süßwasser zu bekommen. Ich mußte es von einem Brunnen vom Lande herholen lassen. In Salale wohnte der Förster Dankert nebst Familie, der die Aufsicht über die Mangrovenwälder führte. Er hatte bereits von dem Unglück gehört, wußte aber nicht, wer von uns beiden das Leben verloren hatte und beglückwünschte mich zu meiner Rettung.

Als der große Dampfer eintraf, fuhr der Flußdampfer längsseits an ihn heran. Die Transportkisten wurden nun auf den Ozeanriesen gebracht und weiter ging es nach der Insel Mafia. Ich hörte, daß dort ein junges Flußpferd zu kaufen sei und fuhr mit dem Zollboote an Land, um das Tier zu besichtigen. Leider war der Eigentümer verreist. Das Tier gefiel mir außerordentlich und ich sandte einen Boten mit Kaufangebot dem Besitzer nach. Da ich entschlossen war, das Flußpferd zu kaufen, kehrte ich auf den großen Dampfer zurück und bat den ersten Offizier, mir vom Schiffszimmermann, einem Inder, eine Transportkiste machen zu lassen. Ich gab dem Manne die Maße und erklärte ihm die Konstruktion des Kastens mit Hilfe einer Kreidezeichnung und feuerte außerdem seinen Eifer durch ein entsprechendes Trinkgeld an. Nach wenigen Stunden erhielt ich denn auch die Meldung, die Arbeit sei getan. Aber was mußte ich sehen! Der schlaue Inder hatte nicht bedacht, daß seine Werkstätte nur mit einer schmalen Tür versehen war und daß daher die Notwendigkeit vorlag, die einzeln fertiggestellten Teile des Käfigs draußen zusammenzusetzen. So erblickte ich denn einen prachtvollen Transportkasten, der leider nur den Fehler hatte, nicht durch den engen Ausgang geschafft werden zu können, während der braune Zimmermann mit einem verlegenen Grinsen neben seinem Meisterwerke stand. Hier konnte man wirklich einmal sehen: Langes Haar, kurzer Sinn! Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Kiste in zwei Teile zu zerschneiden und sie am Lande wieder zusammenzusetzen. Hier aber machte uns der Wärter des Nilpferdes Schwierigkeiten. Er wollte nicht zugeben, daß das Tier in den Kasten gebracht werde. Erst durch meine Versicherung, daß die Antwort des Besitzers in kurzer Zeit eintreffen müsse und mit Nachhilfe einiger Rupien versuchte ich den Schwarzen umzustimmen. Widerspenstiger als der getreue Diener erwies sich jedoch das muntere junge Flußpferd. Trotz aller List und Mühe wollte uns der Einfang nicht gelingen; es wurde Nacht und die Zeit drängte. Endlich riß mir die Geduld und ich sprang über die Umzäunung in den Kral, um mit Gewalt meinen Willen durchzusetzen. Bei der herrschenden Dunkelheit geriet ich ins schlammige Wasserbassin; aber das erschreckte Hippo flüchtete nach dem Ausgang und schlüpfte hierbei glücklich in den Kasten, so daß ich schnell hinzueilen und die Schiebetür herunterlassen konnte. Ich hätte das Tier gern sofort abtransportiert, aber ich mußte erst die Antwort auf mein Kaufangebot abwarten. Wohl oder übel blieb mir nichts anderes übrig, als in meinen durchnäßten und schlammbedeckten Kleidern, von lästigen Moskitos umschwärmt, zu warten. Erst um zwei Uhr nachts traf der Bote mit der bejahenden Antwort ein und ich konnte die Kiste nach dem Zollamt bringen, um dort die nötigen Formalitäten zu erledigen. Inzwischen war aber einer jener starken Gewitterstürme, wie solche in ihrer elementarsten Gewalt häufig in den Tropen vorkommen, losgebrochen, und wir hatten harte Arbeit, den schweren Kasten auf einem Boote zum Dampfer zu bringen. Bei dem starken Gegenwind dauerte es über zwei Stunden, bis wir den Dickhäuter an Bord hatten.

In Kilwa-Kiwindji erwarteten mich weitere sechs Flußpferde in Kästen. Es war der 27. Januar, und an Land hatte ich Gelegenheit, vor der Weiterreise noch Kaisers Geburtstag im Kreise lieber Landsleute mitzufeiern. Nach zweitägiger Fahrt legten wir in Daressalam an, woselbst ich einen von der Firma Hagenbeck gesandten Kollegen vorfand, der diesmal den Tiertransport nach Hamburg bringen sollte. In Daressalam hatte ich 32 Strauße in Pflege gegeben, wovon leider während meiner Abwesenheit mehrere eingegangen waren. Sie waren für Deutsch-Südwest bestimmt und sollten über Hamburg dorthin gebracht werden. Als wir die Vögel in die bestellten Transportkästen bringen wollten, sah ich zu meinem Schrecken, daß letztere nicht nach meinen Angaben konstruiert und aus viel zu leichtem Holz gebaut waren, somit für eine Europareise nicht genügten. Es blieb nichts übrig, als in Hast Zimmerleute zu nehmen und alle Kisten umzubauen. Nachdem dies geschehen war und ich die Tiere glücklich im Zollamt hatte, erklärte mir der Zollvorsteher, daß das Verladen der Strauße auf den Dampfer ohne besondere Erlaubnis des Gouverneurs nicht gestattet werden könne. Trotzdem ich diese wichtige Erlaubnis besaß und die für die Ausführung der Strauße geforderte Summe von 9000 Mark ordnungsgemäß hinterlegt hatte, verweigerte mir der Vorsteher die Verladung. Die Zeit drängte und das Versäumen der Abfahrt des Dampfers hätte mir großen Schaden verursacht. Es blieb also nichts anderes übrig, als schnell eine Rikscha zu nehmen und, wie ich war, in schneller Fahrt zum Regierungsgebäude zu fahren. Der Gouverneur, Freiherr von Rechenberg, war abwesend; ich mußte also warten. Gegen ½9 Uhr abends hörte ich, daß Exzellenz anwesend, aber gerade beim Abendessen sei. In meiner Not ließ ich mich trotzdem melden. In liebenswürdiger Weise ließ mich Seine Exzellenz rufen und schrieb mir eigenhändig ein paar Zeilen an den Zollamtsvorsteher. Mit diesem kostbaren Briefe eilte ich zum Zollamte zurück und nun ging alles flott vonstatten. Um sechs Uhr morgens konnte ich meine Strauße einladen, und bald fuhr der Dampfer über Sansibar nach Tanga, wo wiederum Tiere unserem Transport zugefügt wurden. In Mombasa übernahmen wir noch das telegraphisch bestellte Futter für unsere Menagerie. Trotzdem es beschämend für uns Deutsche ist, möchte ich doch nicht verfehlen, hier die Erklärung zu geben, warum ich das Futter in Mombasa und nicht in Tanga oder Daressalam einkaufte. Das Futter für meine Tiere, wie Luzerne, Hafer, Heu, Zuckerrohr usw. kommt aus dem Innern. Auf den englischen Bahnen kostet dasselbe aber an Transportkosten nur ein Drittel dessen, was die deutschen Bahnen verlangen; das machte bei den großen Mengen, die ich brauchte, einen für meine Tasche fühlbaren Unterschied aus. Es ist ganz natürlich, daß man dort kauft, wo die Ware bei derselben Güte um vieles billiger ist. Nachdem nun auch die Magenfrage meiner Schützlinge in befriedigender Weise gelöst war, konnte ich meine Arbeit als beendet ansehen. Ich übergab also den Transport der Obhut meines Kollegen, der ihn auch glücklich nach Hamburg brachte, während ich selbst mich nach dem Norden der Kolonie begab, wo neue Aufgaben meiner harrten.

[Illustration]

Giraffenfang im Meru-Gebiet

Der Dampfer „König“ hatte in Mombasa noch einige Tiere an Bord genommen und fuhr nun mit meinem großen Rufidji-Transport unter Aufsicht meines Kollegen nach Hamburg ab. Erleichtert atmete ich auf. Alle Tiere waren wohl und gesund an Bord untergebracht und befanden sich unter guter Obhut. Ich begab mich in mein Hotel zurück und legte mir meinen bereits ausgearbeiteten, neuen Plan nochmals zurecht, um sobald als möglich an die Ausführung desselben gehen zu können.

Lange schon war in mir der Gedanke gereift, einen großen Giraffen-Fangzug im Norden unserer Kolonie zu unternehmen. Bisher war die ostafrikanische Giraffe noch nie lebend nach Europa importiert worden. Die damals in den zoologischen Gärten vertretenen Giraffen stammten ausschließlich aus dem Sudan. Die Sudan-Giraffe weist mit ihren fahlgelben, gradlinigen Flecken auf hellem Untergrunde bei weitem nicht die frische Farbentönung auf wie die ostafrikanische Giraffe mit ihren kaffeebraunen, weinblattartigen Fleckenzeichnungen auf hellgrauem Grunde. Deutlich treten bei diesem schönen Tier der buntgefleckte Kopf, die weißgrauen Ohren und die gesprenkelten Beine hervor, während ihre sudanesische Schwester mehr monoton gefärbt ist. Ohne mich hervorzuheben, erfüllt es mich mit Stolz, als Ergebnis dieses Fangzuges die ersten Exemplare der ostafrikanischen Giraffe, und zwar der in der Masai-Steppe vorkommenden Art (~Giraffa tippelskirchi Mtsch.~) lebend nach Europa gebracht zu haben. Zum Fang selbst hatte ich mir das Meru-Gebiet, ein Dorado der Giraffen, ausersehen. Bemerken möchte ich noch, daß die in der Küstenregion lebende Giraffe (~Giraffa schillingsi Mtsch.~) nach Prof. Matschie eine besondere Spezies darstellt.