Part 8
Als nach den ersten Regentagen trockenes Wetter eintrat, hielt ich den Zeitpunkt für den Aufbruch gekommen, da oft im Anfang der Regenzeit die Niederschläge aussetzen und mehrere Tage lang schönes Wetter ist. Alles war bereit und wir konnten rasch abziehen. Die Giraffen, die auf der Farm durch die gute Pflege und durch die verhältnismäßig große Bewegungsfreiheit wieder verwöhnt geworden waren, stellten sich so bockbeinig wie möglich an und wollten nichts von gezwungener Führung wissen. Wir vermochten sie kaum aus den Kralen herauszubringen. Als aber die erste Giraffe glücklich bis zum Tor gebracht war und das offene Gelände vor sich sah, da stürmte sie unaufhaltsam darauf los und die anderen folgten nach. Ich selbst führte mit mehreren Negern und einem Ansiedler das stärkste Tier voraus; jede Giraffe wurde links und rechts an Stricken geführt, deren stärkste an einer Koppel am Halsansatz befestigt waren. Wollte man eine ungezähmte Giraffe nur vermittels eines Kopfhalfters führen, so würde gar leicht durch einen ungeschickten Ruck der Hals verrenkt werden. Trotz seiner Länge hat nämlich der Hals der Giraffe nur sieben Wirbel, wie dies bei allen Säugetieren, mit Ausnahme der Faultiere, der Fall ist. Man kann sich daher denken, wie lang ein solcher Halswirbel sein muß und wie leicht durch einen verkehrten Ruck ein Ausspringen eines Gelenkes oder eine Verzerrung der Halssehnen verursacht werden kann. Als nun, wie gesagt, als erstes das von mir geführte stärkste Tier zum Laufe ansetzte, fielen die Neger durch den Ruck zu Boden, ließen natürlich ihre Seile los und mein Begleiter und ich wurden unwiderstehlich mit fortgerissen, aber wir hielten fest. Während des rasenden Laufes strauchelte mein Gefährte an einem Wassergraben, fiel und ließ nun ebenfalls los. So wurde ich allein weitergeschleift, bis das Tier endlich erschöpft stehen blieb und mein Begleiter mir wieder zur Seite war. Als ich rückwärts blickte, sah ich, daß sich die anderen sieben Giraffen nach allen Richtungen hin in der Steppe zerstreut hatten. Da sie aber kleiner und schwächer waren als die meinige, so hatten die Schwarzen sie festhalten können. Wir bugsierten die widerspenstigen Tiere langsam wieder auf den Weg. Hier trotteten sie bald vorwärts, bald liefen sie zurück oder brachen rechts und links in den Bruch aus, so daß wir von morgens 7 Uhr bis abends 6 Uhr kaum acht Kilometer von den 150 zurückzulegenden absolviert hatten. Ich tröstete mich damit, daß der erste Tag einer Safari bekanntlich immer der schlimmste ist, da Tier und Mensch sich an den Marsch gewöhnen müssen, und so machte ich in Aruscha halt. Für die Ernährung der jungen Giraffen waren zehn Milchkühe mitgenommen worden, die der Karawane vorausgeschickt waren und unterwegs überall weideten. Wie in vielen Gegenden lassen sich die afrikanischen Milchkühe nicht melken, ohne daß ihre Kälber daneben stehen. Auch muß die Milch erst von dem Kalbe ausgesaugt werden, bevor man melken kann. Während wir uns damit abplagten, hatten die Neger nicht richtig aufgepaßt und die Kälber hatten ihren Müttern alle Milch ausgesogen. Als wir nun in Aruscha lagerten, waren die Euter leer und ich hatte keine Nahrung für meine armen Tiere. Was tun? Reine Milch zu bekommen war unmöglich, denn die in der Umgegend wohnenden Schwarzen halten die Milchgefäße nicht rein, so daß die Milch sofort säuert und deshalb den empfindlichen Giraffen nicht gereicht werden durfte. Schließlich gelang es mir, von ansässigen Europäern einige wenige Liter zu erhalten, aber bei weitem nicht genug für meine Giraffen. Da hieß es eben Milch pantschen! Ich nahm Maismehl und kochte mit Wasser und Milch eine richtige Suppe, die auch begierig von den müden und hungrigen Tieren genommen wurde. In einem Gehege beim Bezirksamt konnte ich die Tiere einstellen und endlich an mich selbst denken, nachdem ich den ganzen Tag, ohne einen Bissen zu mir zu nehmen, in beständiger Sorge und Aufregung verbracht hatte. Gerade war ich eingeschlafen, als der Regen in Strömen losbrach und meine letzte Hoffnung zunichte machte. Den folgenden Tag regnete es unaufhörlich, und auf telegraphische Anfrage in Moschi kam die Meldung, daß überall der Regen eingesetzt habe und die Flußfurten unpassierbar seien. So blieb mir nichts übrig, als schleunigst meine Tiere zur Farm zurückzubringen, wenn ich noch etwas von ihnen retten wollte, denn vier der wertvollen Giraffen waren durch die Witterungsunbilden und die Kälte bereits eingegangen. Am Nachmittage, als das Wetter sich etwas aufklärte, traten wir mißmutig den Rückweg nach der Farm an. Am Abend aber hatten wir nur wenige Kilometer zurückgelegt, da wir durch einen meiner großen Ochsenkarren, der eine ganze Menagerie trug (Nashorn, Warzenschweine, Affen, Vögel usw.), aufgehalten wurden. Auf dem grundlosen Weg war das schwere Fuhrwerk an einer Stelle bis zu den Achsen eingesunken, und die vorhandenen Kräfte genügten nicht, ihn wieder flott zu machen. Der Polizeiwachtmeister von Aruscha erbarmte sich meiner und kam mit 50 Soldaten und Sträflingen zur Hilfeleistung heran. Wir mußten den Wagen ausgraben und durch unterlegte Knüppel wieder flott machen. So konnten wir die Farm nicht mehr erreichen und mußten die Nacht wachend im Freien verbringen und die Tiere an Stricken festhalten. Um mein Unglück voll zu machen, setzte zur Zeit des Mondaufganges abermals heftiger Regen ein. Die Giraffen hatten sich niedergetan und wurden mit allen verfügbaren Decken vor dem Regen geschützt, während wir versuchten, ein Lagerfeuer zu unterhalten und uns bis zum Morgengrauen etwas zu wärmen. Erst um 10 Uhr morgens konnten wir die Tiere auf der Farm wieder unterbringen. Schweren Herzens telegraphierte ich das Mißgeschick nach Hamburg und erhielt Order, den Abtransport aufzugeben und günstigere Zeit abzuwarten.
[Illustration: ~Das Haus, in dem der Verfasser 21 Tage schwerkrank daniederlag~]
[Illustration: ~Deutsch-Ostafrikanische Masaikrieger~]
Die Regenzeit hatte nun mit aller Heftigkeit eingesetzt, und vor zwei Monaten war keine Aussicht auf besseres Wetter vorhanden. Obwohl die fruchtbringende Regenperiode von den Ansiedlern mit Freuden begrüßt wird, so hat sie doch auch ihre Nachteile. Die tage- und wochenlang anhaltenden starken Regengüsse weichen den Steppenboden derart auf, daß ein Verkehr mit Wagen in den wegelosen Gegenden unmöglich gemacht wird. Die kleinen Gebirgsbäche verwandeln sich in kurzer Zeit in unpassierbare Ströme. Die reißenden Wasserfluten führen häufig Buschwerk, entwurzelte Urwaldriesen usw. mit sich, die das Wasserbett in den Schluchten und Tälern leicht verstopfen. Ungemein schnell stauen sich dann die Wassermassen, und wehe dem Ansiedler oder Reisenden, der mit seinem Fuhrwerk zwischen zwei solche Flüsse gerät. Wochenlang kann er dadurch von der Außenwelt abgesperrt werden, und Tier und Mensch haben unter den kalten Regengüssen schwer zu leiden. Dazu treten um diese Zeit häufig Viehseuchen, wie Küstenfieber, Pferdesterbe usw. auf, die ganze Viehbestände oft in wenigen Tagen dahinraffen. Besonders die Pferdesterbe wird sehr gefürchtet, da man bis heute noch dieser Seuche machtlos gegenübersteht. Mir raffte diese Krankheit in einem Jahre vier meiner wertvollsten Reitpferde dahin.
So waren durch die Ungunst der Verhältnisse viele Mühe und große Geldopfer umsonst aufgewendet worden. Der Tierbestand war arg zusammengeschmolzen, da außer den erwähnten vier Giraffen auch noch andere Tiere eingegangen waren. Dem Rest ließ ich die beste Pflege angedeihen, aber es vergingen noch einige Monate, ehe ich daran gehen konnte, den Abtransport zur Küste in Angriff zu nehmen.
[Illustration]
Quer durch die englische Masaisteppe und das englische Wild-Reservat
Zwischen den Stationen Voi und Nairobi der Ugandabahn dehnt sich ein gewaltiger Steppenkomplex aus, den die englische Regierung zur Freistätte für das Wild erklärt hat. Jede Ausübung der Jagd ist in diesem Gebiete auf das strengste untersagt, und die Folge davon ist, daß man hier auf einen Wildreichtum stößt, wie er sich sonst heute kaum noch irgendwo in Afrika vorfindet. Der Reisende kann aus dem Fenster des durch die Steppe dahinbrausenden Zuges ungezählte Mengen der verschiedenartigsten Antilopen beobachten; außerdem bekommt er Giraffen, Warzenschweine und Strauße und, wenn ihm das Glück besonders hold ist, ein Nashorn oder einen Löwen zu Gesicht. Ansiedelungen von Europäern und Negern sind in dem Wildreservat nicht geduldet, nur mehrere Horden der hamitischen Masais, die absolut keine Jäger sind, haben dort Wohnsitze und Weideplätze für ihre Herden angewiesen erhalten. Friedlich äst das Wild inmitten der Rinder- und Ziegenherden der Masais, wohl wissend, daß ihm von seiten der Hirten keine Gefahr droht. Der Europäer, der aus einem wissenschaftlichen oder sonstigen Grunde diese Gegend betreten will, braucht hierfür die Erlaubnis des Gouverneurs von Britisch-Ostafrika, die aber nur selten erteilt wird. Um so dankbarer bin ich einem guten Geschick, das es mir vergönnte, zweimal jenes Wilddorado zu durchqueren.
Die frühzeitig und gleich so heftig eintretende Regenzeit hatte mir in Aruscha einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Einen beträchtlichen Teil meiner Tiere hatte ich durch die anhaltenden kalten Regengüsse verloren, und der Transport zur Küste war aussichtslos geworden. Um nun einerseits hier nicht monatelang untätig zu sein und andererseits den Verlust einigermaßen wieder auszugleichen, beschloß ich, mich zu Fuß durch das Wildreservat nach Nairobi in Britisch-Ostafrika zu begeben. Dort konnte ich meinem Berufe nachgehen und hatte die größte Aussicht, noch vor Sommer einen Tiertransport nach Hamburg zustande zu bringen.
Mit nur neun Trägern trat ich die Reise durch die etwa 400 Kilometer wegelose Strecke von Aruscha nach Nairobi an. Keiner meiner Leute kannte den Weg, nur Kompaß und einige Bergspitzen dienten als Wegweiser. Der einzig günstige Vorteil der Reise war der, daß wir überall Wasser fanden, denn in dieser Zeit waren auch hier Regenschauer niedergegangen. Mehrere Tage waren wir bereits unterwegs, der Longido- und der Erok-Berg lagen hinter uns, und somit hatten wir die englische Grenze überschritten. Je weiter wir aber in der unbekannten Gegend vordrangen, desto unruhiger und ängstlicher wurden meine Träger; auch war es ausgeschlossen, ein Stück Wild für sie zu erlegen, weil wir uns schon längst im Wildreservat befanden und ich auch kein Gewehr mit mir führte. Das Wild, welches hier von niemandem gestört wird und den Europäer mit seinen Feuerwaffen nicht kennt, ließ uns ganz nahe herankommen, ohne große Scheu vor uns zu zeigen. Der Wildreichtum grenzt geradezu ans Fabelhafte. Stundenlang marschierten wir oft durch große Wildherden. An einem Tage sichtete ich sieben Nashörner. Zwei kämpfende Kuhantilopen-Bullen konnte ich aus 20 Schritt Entfernung minutenlang beobachten, ehe sie uns bemerkten und flüchtig wurden. Leider war mein photographischer Apparat nicht zur Hand, um diese interessante Szene aufzunehmen.
Beim Durchwaten eines Tümpels sah ich eine handgroße, braunbehaarte Spinne. Das Tier interessierte mich, ich fing es ein und brachte es in einer Blechbüchse unter. Es war die größte Vogelspinne, die mir je zu Gesicht gekommen ist. Diese Spinnenart (~Mygale spec.~) ist äußerst räuberisch und soll sogar Mäuse, Eidechsen und kleine Vögel überwältigen. Ihr Biß ist giftig und kann auch beim Menschen Krankheitserscheinungen, bei Kindern oder schwächlichen Personen sogar den Tod herbeiführen. Dieses Tier brachte ich wohlbehalten nach Hamburg, und zwei Jahre später fand ich es noch lebend im Stellinger Insektenhaus vor.
Acht Tage waren wir in nördlicher Richtung vorgedrungen, ohne einen Menschen zu sehen. Viele Kilometer waren wir schon über Berg und Tal, abwechselnd durch Busch- und Grassteppe gezogen. Da, endlich, am neunten Tage, bemerkte ich die ersten Rinderfährten, und erleichtert atmete ich auf. Meine Schwarzen hatten schon Andeutungen gemacht, mich und meine Sachen im Stich zu lassen und auszurücken. Sie hatten sich eingebildet, ich würde Nairobi niemals erreichen und wir würden über kurz oder lang in der Steppe umkommen. Dazu konnten sie nicht begreifen, daß ich ohne Gewehr reiste und kein Wild für sie schoß. Nur meinem energischen Einschreiten war es gelungen, die Leute von ihrem Vorhaben abzuhalten. Den Rinderfährten folgend, hörten wir nach einiger Zeit das eintönige Läuten der Glocken der Masairinder. Bald darauf kamen wir zur Herde und einige Hirten zeigten uns den in der Nähe liegenden Kral. Die Mienen meiner Träger begannen sich nun langsam aufzuheitern. Vorsichtshalber hatte ich meine Leute instruiert, nicht zu sagen, wer ich sei und wohin ich gehe, denn ich wollte auf alle Fälle verhüten, daß die Masais erführen, daß ich allein reiste und nur mit einem Revolver bewaffnet war. Ich stellte mein Erscheinen so hin, als seien wir der Vortrupp einer großen Karawane. Nach langem Hin- und Herreden konnte ich für meine fleischhungrigen Träger ein Schaf erstehen. Milch brachten sie in Hülle und Fülle. Die Eingeborenen haben als echte Wilde die Gewohnheit, nur einmal des Tages zu essen, dies aber gründlich zu besorgen. Ein Träger hatte so viel Milch zu sich genommen, daß sein Bauch wie ein vollgefüllter Sack angeschwollen war. Aber es war auch für einen Wilden zu viel, und plötzlich rächte sich die Natur: in weitem Bogen kam die Milch in Käseform wieder zum Vorschein. Während meinen übrigen Trägern, die dem Waruscha-Stamm angehörten, die Mastkur bekam, konnte der genannte Nyamwesi, an Milchnahrung nicht gewöhnt, dieselbe nicht vertragen. Vielleicht hatte auch der üble Geschmack, den die aufbewahrte Milch überall bei den Masais hat, das Erbrechen verursacht. In den wasserarmen Gegenden spülen nämlich die Masais die Gefäße mit Kuhurin aus und räuchern dieselben auch noch aus.
Ein Masaikral ist gewöhnlich ovalförmig aus Dornenverhauen gebaut. Auf den beiden Endseiten befinden sich die Ein- und Ausgänge, die nachts gleichfalls mit Dornen verbarrikadiert werden. An den Längsseiten im Innern sind die Hütten erbaut, welche aus Buschwerk, Lehm und Kuhdung errichtet werden. In den Hütten wohnen nicht nur die Leute, sondern in einer Nebenabteilung werden auch die jungen Kälber und Lämmer untergebracht, während die Viehherde selbst nachts den freien Raum in der Mitte des Krales innehat. Oft leben mehr als 100 Personen in einem solchen Gehege. Nirgends sieht man in der Umgebung eine Spur von Ackerbau; nur höchstens einige Flaschenkürbisse, die den Masais als Wasser- oder Milchbehälter dienen, ranken außerhalb des Krales an dem Dornverhau empor. Hühner, Eier, ebenso auch Fische sind für den Masai ekelerregende Sachen.
Unter den Elmoran und den jungen Mädchen befanden sich schöne Gestalten mit intelligenten Gesichtszügen. Ein hervortretender Charakterzug dieses Volkes ist sein unbändiger Stolz. Hochmütig schreitet der Elmoran mit Schild und Speer bewaffnet einher. Furchtlos tritt er mit dieser Waffe dem Löwen gegenüber, dem schlimmsten Feinde seiner Viehherden. Er ist ein freier Mann und fühlt sich als Beherrscher der freien Steppe. Jede Arbeit, außer der Beaufsichtigung von Vieh, ist bei ihm verpönt und sieht er als erniedrigend an. Die Anlage von Kralen und alle anderen Arbeiten werden einzig und allein von den Weibern ausgeführt. Die Bekleidung der Männer ist äußerst einfach gehalten. Sie besteht aus einem Stück Baumwollstoff oder aus einem Fell, das Brust und Bauch bedeckt. Auf der einen Schulter wird der Lappen oder das Fell zusammengeknotet, während die andere bloß bleibt. Die Weiber hingegen bekleiden sich mit einem enthaarten Fell, das bis zu den Waden reicht und mit einem bunten Gurt über den Hüften zusammengehalten wird. Häufig sind die Säume dieses Kleidungsstückes mit farbigen Glasperlen besetzt. An den Füßen tragen beide Geschlechter aus Rinderfellen verfertigte, primitive Sandalen. Die Beine der Frauen sind von den Knöcheln bis zu den Knien mit spiralförmig gewundenem, starkem Kupfer- oder Messingdraht geschmückt. In gleicher Weise sind Unter- und Oberarme mit diesem schweren Schmuck umwunden. Als junge Mädchen schon legen sie diesen Zierat an, und man sieht deshalb bei älteren Frauen oft verkümmerte Armknochen, deren Wachstum durch diese beengende Einschnürung gehemmt wurde. Um den Hals tragen sie ebenfalls scheibenartig geringelte Kupferdrähte, die einen beträchtlichen Umfang haben und ein tellerartiges Aussehen aufweisen. Der Ohrschmuck besteht aus kleinen eisernen Ketten, die oft in solcher Anzahl getragen werden, daß sie infolge ihrer Schwere mit einem kleinen Riemen über dem Kopf zusammengehalten werden müssen, um das Ausreißen der Ohrläppchen zu verhüten. Geht ein Trupp solcher Weiber zusammen, so verursacht das Rauschen ihrer lederartigen Kleidung und das Rasseln und Klappern des metallenen Schmuckes ein Geräusch, das sich anhört, als wenn eine Anzahl Kürassiere daherkäme. Die Männer durchbohren mit einem spitzen Stock schon im Knabenalter die Ohrläppchen. Das Loch wird durch Einsetzen von immer dickeren Holzpflöcken nach und nach vergrößert. Ist das Loch ausgeheilt, so versucht der Masai dasselbe durch Anhängen von Gewichten immer noch mehr zu erweitern. Ich habe Männer gesehen, die es darin so weit gebracht hatten, daß sie große, hölzerne Ringe, ja sogar leere Milchdosen als Schmuck in ihren Ohrläppchen trugen.
Das Reinlichkeitsgefühl ist unter den Masais wenig entwickelt. Daß ein Masai sich wäscht oder badet, habe ich nie gesehen. Zum Schutz gegen das Ungeziefer reiben sie sich den ganzen Körper mit einem Gemisch von Butter, Hammeltalg und roter Erde ein, sogar ihr dürftiges Kleidungsstück wird damit eingeschmiert, so daß der Masai, von den Sonnenstrahlen beschienen, wie eine Ölsardine glänzt. Bezüglich der Haartracht besteht bei ihnen das umgekehrte Verhältnis wie bei uns Europäern. Das weibliche Geschlecht trägt den Kopf kahl rasiert, während die Männer große Sorgfalt auf ihre Frisur legen. Die Haare werden so kunstvoll geflochten, daß sie an der Stirn in drei hörnerartigen kleinen Zöpfen hervorstehen, dagegen sind die Haare des Hinterkopfes in einen einzigen Zopf zusammengeflochten. Derselbe wird, um ein glattes und gerades Aussehen zu bekommen, durch Holzstäbchen versteift und mit Rindenbast und Dornen umwickelt. Diese mühselig hergestellte Frisur wird selten gelöst und beständig mit der oben beschriebenen Fett- und Erdemischung eingerieben. Zum Schutz gegen Feuchtigkeit bedeckt der Masai seinen Kopf mit einer eigenartigen Kappe. Ein Schaf- oder Kälbermagen wird aufgeschnitten, des Inhaltes entleert, umgestülpt und noch frisch über den Kopf gezogen. Durch die Einwirkung der Sonne schrumpft die Kappe zusammen und nimmt die Kopfform an. In neuerer Zeit ist bei den Masais auch der Regenschirm in die Mode gekommen, und man sieht selten einen Mann ohne Schirm, den er aber nie benutzt. Er trägt ihn, da er in der einen Hand den Speer und mit der anderen den Schild hält, an einem Band wie ein Gewehr über den Rücken. Ferner fehlt bei keinem Manne die aus Hornspitzen verfertigte Schnupftabakdose, welche er an Kettchen von Eisen oder schmalen Riemen um den Hals trägt. Der Masai ist ein starker Schnupfer; rauchen habe ich ihn weniger gesehen. Der Masai-Schnupftabak ist äußerst stark und riecht ganz verdächtig, als ob er mit getrocknetem Ziegendünger vermischt wäre.
In der Nähe eines Masaikrals ist es vor Fliegen kaum auszuhalten. Wie ein Bienenschwarm stürzten sie auf mich los. Schwer haben die Leute unter diesen Insekten zu leiden. Ständig schlugen sie mit einem Wedel hin und her, um die Plagegeister von ihren Augen fernzuhalten. Die Säuglinge, welche von ihren Müttern in einer Umhüllung auf dem Rücken getragen werden und nur mit dem Kopfe hervorlugen, hatten das Gesicht und besonders die Augenränder über und über mit Fliegen bedeckt. Ebenfalls waren die hölzernen Eßgeschirre und Milchkalebassen wie mit Fliegen übersät. Diese Fliegenplage ist wohl der Hauptgrund, daß die Masais viel unter Augenkrankheiten zu leiden haben. Um einigermaßen vor den Quälgeistern Ruhe zu haben, zog ich es vor, mehrere hundert Meter vom Krale entfernt das Lager aufzuschlagen. Meine Leute waren bald dabei, ihren Hammel am Feuer zu rösten. Der Kralhäuptling kam in Begleitung der Ältesten herbei, um das übliche Geschenk abzuholen, und nach Erhalten desselben zog er gleich ab; einen Dank darf man von solchen Leuten nicht erwarten.
[Illustration: ~Träger am Rastplatz~]
[Illustration: ~Auf der Rast~]
Am nächsten Morgen setzte ich unsere kleine Karawane in aller Frühe wieder in Bewegung. Wir kamen an einem verlassenen Masaikral vorüber. Die Neugierde trieb mich, das Innere desselben zu besichtigen. Ich kroch in eine Hütte, um die Einrichtung in Augenschein zu nehmen. Kaum befand ich mich darinnen, als auch schon Tausende von Flöhen mich überfielen. Schleunigst zog ich mich wieder zurück und sah draußen beim Tageslicht, daß mein gelber Kakianzug derartig mit den „braunen Dragonern“ bedeckt war, daß ich sie schichtenweise abstreifen konnte.
Am Nachmittage passierten wir eine Schlucht und stießen auf einen großen klaren Wassertümpel. Freudig begrüßte ich die sich mir bietende Badegelegenheit. Die Rast benutzte ich auch, meine Zehen durch einen geschickten Neger von den vielen Sandflöhen befreien zu lassen, die sich allmählich bei mir eingenistet hatten. Diese Sandflöhe (~Sarcopsylla penetrans L.~), welche ursprünglich von Brasilien aus an die afrikanische Westküste verschleppt wurden und sich von dort innerhalb weniger Jahre fast über den ganzen schwarzen Kontinent verbreitet haben, bohren sich mit Vorliebe unter die Fußnägel ein, um hier ihre Eier abzulegen. Letztere entwickeln sich schnell und verursachen ein heftiges Jucken. Die Eingeborenen verstehen es ausgezeichnet, die erbsengroßen Gewächse mit langen spitzen Dornen unter den Nägeln hervorzuholen. Versäumt man diese Reinigung, so treten bösartige Entzündungen auf. Es ist gar nichts Seltenes, daß Eingeborene durch dieses Ungeziefer ganze Zehen eingebüßt haben.
Wir begegneten nun oft kleinen Trupps von jungen Masaikriegern, die in vollem Kriegsschmuck waren und die zerstreut liegenden Masaikrale besuchten. Überall wurden sie willkommen geheißen und aufs beste bewirtet. Ich glaube, daß die Ehemänner diesem Besuch doch mit etwas gemischten Gefühlen entgegensehen, obwohl es eine alte geheiligte Masaisitte ist, daß den Elmoran als Gästen nicht nur die Hütte, sondern auch die Insassinnen zur Verfügung stehen müssen. Solange der vor der Hütte aufgepflanzte Speer eines Elmoran im Boden steckt, sind alle Rechte, auch die ehelichen, dem Gaste übertragen und der Hausherr darf die Hütte nicht betreten.
Ich erkundigte mich bei den zuletzt angetroffenen Elmoran, wieviel Tagemärsche wir noch von Nairobi entfernt seien. Sie gaben mir die Auskunft, daß wir am nächsten Tage die Kapiti-Ebene erreichen würden, rieten aber ab, diese große, nur mit kurzem Gras bewachsene Fläche zu durchqueren. Daselbst wäre weder Holz zum Lagerfeuer, noch Dornen zum Verhau als Schutz gegen die vielen Raubtiere zu finden, und der Durchmarsch würde mindestens zwei Tage in Anspruch nehmen. Mir blieb nichts übrig, als die Kapiti-Ebene zu umgehen oder nach Osten abzubiegen, um auf die Ugandabahn zu stoßen. Ich entschloß mich zu letzterem, denn einige Masais behaupteten, daß ich in einem Tage den Schienenstrang erreichen würde. So marschierten wir angestrengt den ganzen Tag hindurch und trafen gegen Abend nochmals auf große Rinderherden und einen Masaikral. Die Hirten waren wenig freundlich und zeigten uns nur ungern ihre Wasserstelle. Ich beschloß daher, auf meiner Hut zu sein, machte vorsichtigerweise in etwa einem Kilometer Entfernung vor dem Krale halt und ließ meine neun Träger nach kurzem Imbiß sich zur Ruhe niederlegen, während ich selbst Nachtwache hielt. Gegen 1 Uhr nachts ging der Mond auf, ich weckte meine Leute und lautlos marschierten wir ab. Trotzdem wir ringsum Löwengebrüll hörten, strebten wir mit Macht vorwärts, um die Bahnlinie zu finden. Endlich vernahm ich beim Überschreiten einer Bodenwelle in der Ferne den ersten Lokomotivpfiff. Diese schon lange nicht gehörte Stimme der Kultur verscheuchte in mir augenblicklich jedes Gefühl der Unsicherheit, und die angespannten Nerven beruhigten sich. Freilich wurde ich nach wenigen Schritten noch einmal kräftig an die Steppe erinnert. Durch das Heranbrausen der Lokomotive war ein in die Nähe der Bahnlinie gekommenes Giraffenrudel aufgescheucht worden und sauste in wilder Flucht auf uns zu, ohne uns im schwachen Mondlicht zu bemerken. Wir konnten uns aber noch rechtzeitig hinter einigen, hier wieder vorkommenden Bäumen decken, und so flüchtete das riesige Wild ganz hart an uns vorbei. Ich hatte das Glück, gerade in der Nähe der Station Kiu (Durst) durchgestoßen zu sein, und fand einen Weg zum Stationsgebäude, wo wir gegen 4 Uhr morgens, durchfroren, durchnäßt vom Tau des Grases und todmüde anlangten.
Jede Station der englischen Ugandabahn besitzt eine Wellblechhütte, die als Rasthaus dem Reisenden zur Verfügung steht. Das vorgefundene Rasthaus war leer, so daß ich es beziehen und einige Stunden Schlaf nachholen konnte. Auf der Station erfuhr ich, daß ein Mister Grey, Bruder des englischen Ministers, zur Löwenjagd anwesend sei und einige junge Löwen gefangen habe. Ich suchte ihn auf und sah mir die Tiere an; es waren aber Weibchen und der geforderte Preis sehr hoch, so daß ich auf den Ankauf verzichtete. Herr Grey betrieb die Löwenjagd als Sport und fiel später seiner Leidenschaft zum Opfer. Dem kühnen Löwenjäger wurde in Nairobi ein Denkmal gesetzt.