Part 13
Ein anderes Ereignis war folgendes: Am Kikafu, am Fuße des Kilimandjaros, der von den niedergegangenen Regengüssen schon sehr angeschwollen war und nur eine passierbare Furt, aber keine Brücke hatte, hatten wir die größte Mühe, Wagen und Tiere an das andere Ufer zu bringen, doch ging alles glücklich vonstatten. Dagegen hatte ein Bur, der uns dort mit seinem schwer mit Petroleum beladenen Wagen begegnete, weniger Glück. Als der Burenwagen auf dem der steilen Böschung folgenden Weg zur Furt hinabfuhr, glitten bei einer Wegbiegung die gebremsten Räder auf dem lehmigen, vom Regen aufgeweichten Boden ab, der schwere Wagen rutschte über den Weg hinaus, überschlug sich und sauste mitsamt der Ladung und den Zugochsen in den Fluß. Der Bur konnte noch von Glück sagen, uns hier getroffen zu haben. Wir machten sofort halt und halfen ihm seinen Wagen wieder aus dem Flusse herausziehen. Allerdings waren einige Kisten Petroleum verschwunden, die von der Strömung weggerissen worden waren. Die Ochsen dagegen waren unverletzt geblieben.
Aber auch uns sollte hier noch ein kleines Mißgeschick widerfahren. Wir hatten unser Lager an einem der Negerpfade aufgeschlagen. Die Tiere waren in schnell hergerichteten Kralen untergebracht worden, und wir dachten weiter an nichts Böses. Natürlich hatte der ungewohnte Anblick einer solchen Karawane einige Neger angelockt, welche die Tiere betrachteten und ihre Bemerkungen darüber machten. Wie wir ja zu Hause in jedem Tiergarten beobachten können, hat stets ein Teil des verehrlichen Publikums die Neigung, die Tiere zu necken. So auch hier. Einer der Schwarzen trat dicht an die Giraffen heran und spannte mit einer plötzlichen Bewegung seinen Schirm auf. Sofort gerieten die Giraffen in einen panischen Schrecken, durchbrachen die Umzäunung und verschwanden in eiliger Flucht in eine in der Nähe gelegene Kautschukpflanzung. Mit unserer Ruhe war’s nun vorbei. Zuerst wurde von unseren Leuten dem schwarzen Mitbruder, der das ganze Unheil verschuldet hatte, eine ordentliche Lektion erteilt, bei welcher auch der Schirm in die Brüche ging; sodann machten wir uns daran, die Ausreißer wieder einzufangen, was uns auch nach einigen Stunden gelang.
Eine weitere interessante Szene erlebten wir beim Überschreiten des Weru-Weru. Über denselben führte bereits eine schöne Eisenbrücke mit Holzboden. Sobald aber unsere Gnus diesen ihnen unbekannten Holzboden betraten, wurden sie durch das Klappern ihrer eigenen Hufe und derjenigen der Esel so erschreckt, daß sie in großen Sprüngen die Brücke entlangliefen. Nur ein alter Bulle blieb unschlüssig vor der Brücke stehen und verlieh seinem Unbehagen und Mißtrauen vor diesem ungewohnten Wege durch lautes Blöken Ausdruck. Kaum hörten dies die anderen Gnus, als sie im Galopp über die Brücke zurückeilten. Es dauerte lange Zeit, bis wir die Tiere glücklich zum zweiten Male über die Brücke bringen konnten.
In einem großen Schuppen und einem Lagerraum des Kilimandjaro-Hotels in Neu-Moschi, dicht bei der Station, fand ich Unterkunft für meine Schützlinge. Wir waren froh, daß wir sie unter Dach und Fach hatten, denn während der Nacht prasselte ein starker Regen herab. Aber nun konnte ich endlich einmal ohne Sorgen eine Nacht in einem wirklichen Bette schlafen.
Frühmorgens bei Sonnenaufgang war ich munter und stand auf der Veranda des Hotels, in der vom Regen erfrischten Landschaft bei klarster Luft das wunderbare Panorama des Kilimandjaro bewundernd. Die schneebedeckte Kibo-Kuppe ragte im hellsten Sonnenlicht durch einen Wolkenschleier hindurch, einen herrlichen Anblick gewährend. Tief versunken in das Betrachten dieser wunderbaren Landschaft, wurde ich plötzlich durch ein Krachen und Splittern unter mir in die Wirklichkeit zurückgerufen. Hier befand sich der sogenannte Lagerraum, in dem die Gnus untergebracht waren. Zur Vorsorge hatte ich die Fenster von innen mit einigen Latten vernageln lassen, damit die Tiere die Scheiben nicht beschädigen konnten. Das eindringende Morgenlicht hatte auch die Gnus lebendig gemacht und zur Freiheit gelockt. Hierbei gerieten zwei Bullen in Kampf, und da die Tiere nur die Fenster als Ausweg sahen, sprang eines in mächtigem Satz auf das Fenster los, Latten, Scheiben und Fensterkreuz durchbrechend, und sauste ins Freie; ihm nach, schneller, als ich es erzählen kann, folgten die anderen 21 Stück. In toller Flucht rasten sie dahin bis zum Platz vor dem Bahnhofsgebäude und fingen dort ruhig zu äsen an. Zuerst war ich vor Schrecken gelähmt und glaubte sie für mich verloren. Als ich sie aber in der Ferne friedlich äsen sah, schickte ich rasch die Schwarzen mit den Eseln zu ihnen, und so ließen sie sich am Abend wieder in den Stall zurückbringen. Bis zur Abfahrt nach Tanga ließ ich die Tiere jeden Tag zur Weide führen, dasselbe machte ich auch mit den Nashörnern.
Hier in Moschi mußte ich einen längeren Aufenthalt nehmen, denn es galt jetzt für die größeren Tiere die zur Bahnfahrt zur Küste und später zur Dampferfahrt nach Hamburg notwendigen Transportkästen zu machen. So einfach auch dem Beschauer ein solcher aus mehr oder minder starken Brettern erbauter Transportkasten erscheint, so gehört doch viel Erfahrung und Beobachtungsgabe dazu, ihn richtig zu konstruieren. Selbst ein einziger falsch geschlagener Nagel kann den Insassen verletzen und den Verlust desselben verursachen. Unrichtig angenagelte Latten werden oft den gehörnten Antilopen zum Verhängnis, weil den Tieren leicht ihre zwischen die Latten geratenen Hörner abbrechen. Ein brauchbarer Transportkasten soll, wie gesagt, den unumgänglichen Raum für eine gewisse Bewegungsfreiheit des Tieres, das oft mehrere Wochen darin verbleiben muß, besitzen. Der Kasten muß gut zu lüften und bequem zu reinigen sein, außerdem dem Wärter die Möglichkeit bieten, das Tier leicht zu füttern und zu tränken. Ferner soll er jedem Ausbruch des Tieres widerstehen und auch fest genug sein, um beim Ein- und Ausladen die unvermeidlichen Stöße auszuhalten; endlich muß er mit Schiebetüren versehen sein, um das Herein- und Herausschaffen der Tiere möglichst leicht zu machen. Dazu kommen oft noch ganz ungeahnte Faktoren beim Transport in Betracht. Als ich z. B. Giraffen von Moschi nach Tanga transportierte, mußte ich den Umstand bedenken, daß die Bahn über eine niedrige, oben geschlossene Brücke fährt, weswegen ich die Giraffenkästen so einrichten mußte, daß die obere Hälfte in die untere verschiebbar war, wodurch die Giraffen gezwungen waren, während der Durchfahrt ihre langen Hälse in wagerechte Stellung zu bringen.
Begreiflich ist, daß die Tiere aus ihrer Gefangenschaft heraus möchten und alles anstellen, um dem engen Behälter zu entfliehen. Je höher entwickelt die Intelligenz des Tieres ist, desto komplizierter muß die Schließvorrichtung gemacht werden. Affen und Elefanten sind unter allen Tieren die schlimmsten Ausbrecher. Mein berühmt gewordener Schimpanse „Moritz“ wußte sogar aus einem Schlüsselbund den einzigen zu seiner Tür passenden Schlüssel herauszufinden und war imstande, sich die Tür selbst aufzuschließen.
[Illustration: ~Kikuyu~]
[Illustration: ~Weihnachtsfest in der Steppe, nahe Oldonje-Sambu~]
[Illustration: ~Nachmittagskaffee auf der Farm~]
Für den kleinen Ort Moschi war die Anwesenheit einer so großen Tierkarawane natürlich ein Ereignis, und sowohl die weiße wie auch die schwarze Einwohnerschaft schenkte meinen Pflegebefohlenen reges Interesse, oft mehr, als mir lieb war. So manche kleine Episode mit allzu zutraulichen Beschauern und Neugierigen hatten mich stets fürchten lassen, daß irgendwelche Unfälle vorkommen könnten. Eines Tages kam z. B. gerade an der Stelle, wo die Nashörner „Liesel“ und „Lola“ ästen, eine Trägerkarawane aus dem Innern mit ihren Lasten auf dem Kopfe ahnungslos daher. Der durchtriebene schwarze Wärter gedachte sich mit den aus dem Innern kommenden Landsleuten einen guten Spaß zu machen. Er lockte die beiden Nashörner und lief vor ihnen her, als ob er von ihnen verfolgt würde, laut schreiend durch die Karawane hindurch. Kaum sahen die Träger die auf sie zukommenden Nashörner, als sie blitzschnell ihre Lasten wegwarfen und in voller Flucht in die Büsche verschwanden. Wir konnten von der Veranda des Hotels aus die Szene sehen und mußten über die wilde Flucht der schwarzen Träger herzlich lachen. Hier war die Sache nur komisch, öfters aber waren Liesel und Lola ungemütlich; das erfuhren mehrere Europäer, die den Tieren Leckerbissen reichen wollten und allzuoft zum Dank für ihre Liebenswürdigkeit mit kräftigen Stößen belohnt wurden.
Wer die so plump aussehenden Nashörner in den Tiergärten sieht und sie für unbeholfen und wenig intelligent hält, irrt sich gewaltig. Über die Behendigkeit der jungen Nashörner hat der Leser genügend beim Nashornfang erfahren; aber auch die alten Nashörner sind rasch und gewandt, ihr Lauf im freien Gelände ist außerordentlich leicht und elastisch. Ebenso können sie trotz des schweren Körpers sich blitzschnell drehen und wenden. Auch ihre geistigen Fähigkeiten sind nicht geringer als die der anderen Vertreter ihrer Sippe mit Ausnahme des Elefanten, der ja bekanntlich zu den intelligentesten Tieren gehört. Überhaupt ist es unrichtig, die wilden Tiere nur nach den in den zoologischen Gärten gemachten Beobachtungen zu beurteilen. Genau wie der Mensch in der Gefangenschaft ein anderes Wesen hat als in der Freiheit und seiner selbstgewählten Umgebung, so ist es auch mit den Tieren; sie ändern in der Gefangenschaft ihren Charakter und sind nicht mehr dieselben wie in freier Wildnis. Dies konnte ich in den wenigen Wochen hier in Neu-Moschi wieder so recht deutlich beobachten, als die Tiere, nachdem die Ankunft des Europa-Dampfers in Tanga gemeldet war, in ihre Transportkästen gebracht worden waren. Selbst unsere zahmsten Tiere wollten in den ersten Tagen ihrer engeren Gefangenschaft von ihrem eignen Herrn nichts mehr wissen.
Bevor ich nun meine Erlebnisse auf dem Weitertransport erzähle, gestatte mir der freundliche Leser vorerst noch ein wenig über das Thema: „Nashörner“ zu plaudern. Sind es doch gerade diese soviel verstaunten und geschmähten Dickhäuter, denen ich stets mein besonderes Interesse zugewendet hatte und denen ich auch meinen afrikanischen Spitznamen „Bwana Kifaru“ verdanke. Meine beiden jungen Nashörner verlangten schon aus dem einen Grunde eine besonders sorgfältige Behandlung, weil sie, gerade so wie ihre in Freiheit lebenden Artgenossen, sehr von Zecken zu leiden hatten, welche sich hauptsächlich an den Weichteilen festsetzten. So mußten denn zwei Neger täglich diese lästigen Plagegeister von den Nashörnern ablesen. Letzteren war dieser Liebesdienst hochwillkommen. Man brauchte die Tiere nur ein wenig am Bauche oder an der Seite zu scheuern, so legten sie sich nieder und streckten die Beine hoch, um so ihren Wärtern die Arbeit zu erleichtern. In der Wildnis haben die Rhinozerosse die Gewohnheit, sich ihrer Quälgeister in der Weise zu entledigen, daß sie durch dichtes Gebüsch laufen, um so das Ungeziefer abzustreifen. Auch suchen sie sich vielfach dadurch von den Zecken zu befreien, daß sie sich mit dem Bauche an großen Steinen scheuern, die dann wie mit einer Blutkruste überzogen aussehen. Durch dieses Verfahren zieht sich das Nashorn vielfach wunde Stellen zu, die von Fliegen und Bremsen zur Eiablage benutzt werden. An allen erlegten Nashörnern konnte ich solche Wunden sowie Narben feststellen, ja bei einem Exemplar war der ganze Bauch sozusagen eine einzige, über und über mit schmarotzenden Insekten bedeckte Wunde. Von solchen in den wundgescheuerten Stellen sich entwickelnden Maden sowie auch von den Zecken wird das Nashorn vielfach von einem weißen, starähnlichen Vogel, dem Madenhacker (Buphaga africana L.), befreit, den man manchmal in mehreren Exemplaren auf dem gewaltigen Dickhäuter antreffen kann. Wir haben es also mit einem typischen Fall von Symbiose, oder, um mich konkreter auszudrücken, von Mutualismus zu tun, d. h. dem zeitweiligen, auf gegenseitigem Nutzen basierenden Zusammenleben zweier verschiedener Tierarten. Das Rhinozeros wird durch den Madenhacker von seinen Quälgeistern befreit, während der Vogel auf seinem großen Gefährten stets eine wohlgedeckte Tafel vorfindet. Da nun in der einschlägigen Literatur (Jagd- und Reiseberichte) sehr oft auf dieses Zusammenleben von ~Diceros~ und ~Buphaga~ hingewiesen wird, so entsteht beim Leser leicht der Eindruck, daß der Mutualismus zwischen beiden genannten Arten als eine regelmäßige Erscheinung aufzufassen sei. Hierzu möchte ich das Wort ergreifen, da ich auf Grund langjähriger Beobachtungen zu der Ansicht gekommen bin, daß diese Auffassung nicht stichhaltig ist. Zunächst kenne ich in Ostafrika manche Gegenden, in denen das Nashorn häufig anzutreffen ist, während der Madenhacker gänzlich fehlt. In diesem Falle scheidet also eine Vergesellschaftung der beiden Tiere von selbst aus. Anderswo tritt nach meinen Beobachtungen das Nashorn häufig, der Vogel selten auf. So waren von etwa 20 Nashörnern, die ich während einer Zeit von vier Monaten im Iraku-Bezirk antraf, nur zwei bis drei von Madenhackern begleitet.
Vielfach wird auch darauf hingewiesen, daß das Nashorn von dem Zusammenleben mit dem Madenhacker insofern noch einen weiteren Nutzen zöge, als es durch das Benehmen der Vögel vor drohender Gefahr gewarnt würde. Hierzu sei folgendes bemerkt: das Nashorn windet zwar ausgezeichnet, äugt aber dafür desto schlechter, mit anderen Worten, es ist ein ausgesprochenes „Nasentier“. Nähert sich ihm nun ein Feind unter dem Winde, und als ernsthafter Gegner kann für ein ausgewachsenes Exemplar im allgemeinen wohl nur der jagende Mensch in Frage kommen, so ist es letzterem leicht möglich, auf ziemlich kurze Distanz an den Dickhäuter heranzukommen. Befinden sich aber Madenhacker auf demselben, so werden die Vögel als „Augentiere“, namentlich wenn das Terrain wenig Deckung bietet, das Herannahen eines Feindes schon verhältnismäßig frühzeitig wahrnehmen. Sie pflegen dann unter lautem Geschrei davonzufliegen, und hierdurch wird dem Nashorn klar, daß in seiner Umgebung etwas nicht in Ordnung ist. Solche Fälle sind von einwandfreien Zeugen mehrfach beobachtet worden. Ob man sie aber als feste Regel aufstellen kann, ist mir auf Grund einer Episode, die ich gelegentlich einer kinematographischen Aufnahme in der Nähe des Manyara-Sees erlebte, denn doch zweifelhaft geworden. Hier pirschten mein Assistent und ich uns mit dem Apparat an ein ruhendes Nashorn, auf dem mehrere Madenhacker an der Arbeit waren, bis auf etwa 20 Meter Abstand heran. Der Apparat wurde aufgestellt und in Tätigkeit gesetzt. Als ich einige Meter Film abgekurbelt hatte, wurde das Rhino unruhig und kam langsam auf uns zu, wohingegen die Madenhacker von unserer Anwesenheit zunächst keine Notiz nahmen, sondern ruhig auf dem Dickhäuter verblieben. Erst als dieser auf etwa neun Meter herangekommen war und nun prustend seitwärts an uns vorbeiraste, flogen die Vögel mit lautem Gekreisch davon. Da der ganze Vorfall kinematographisch festgehalten worden ist, so bin ich in der Lage, ihn Interessenten jederzeit wieder vorzuführen. Schließlich möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß man die Madenhacker auch häufig als Begleiter von Giraffen und Antilopen antrifft und daß sie sich auch mit Vorliebe in den Viehkralen der Masais aufhalten, wo sie dann natürlich jede Scheu vor dem Menschen abgelegt haben.
Nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Biologie bitte ich den Leser, wieder nach Moschi zu kommen und mich auf der Weiterreise zu begleiten.
In einem Extrazuge ging meine Tierkarawane nach Tanga ab; als Wärter fungierten zehn Masais, die ich für die Reise nach Europa mitnahm. In Tanga war alles vorbereitet, so daß die Einschiffung mit Ausnahme eines tragikomischen Vorfalles glatt vonstatten ging. Ein gewichtiger Neger, der die Tierkästen an die Krankette anzuhaken hatte, sprang, ahnungslos über den Inhalt der Kisten, von Bord des Schiffes auf den Leichter, und zwar direkt auf die Decke eines Gnukastens. Die Decke brach durch und der Schwarze saß auf den Hörnern eines starken Gnubullen; rascher wie er hineingekommen war, hatte ihn der Nyumbu (Gnu) wieder aus dem Kasten hinausbefördert. Die Sache sah sehr gefährlich aus und ich befürchtete schwere Verletzungen des Mannes; aber mit einigen Hautabschürfungen war die Sache abgetan.
Gerade hatte ich die Tiere auf dem Dampfer wohl untergebracht und gedachte an die Freude, die Herr Hagenbeck sen. diesmal an dem schönen Tiertransport und den wundervollen Kinoaufnahmen haben würde, als ich das Telegramm mit der Nachricht seines Ablebens erhielt. Nun war meine ganze Freude in tiefe Trauer umgeschlagen, denn ich hatte den außergewöhnlichen Mann, der mir stets ein freundlicher Lehrmeister gewesen war, lieb gewonnen wie einen Vater. Auch ließ er es sich nie nehmen, mit seinen beiden Söhnen bei Eintreffen der Tiertransporte in Hamburg das betreffende Schiff zu erwarten, um mich noch an Bord willkommen zu heißen. Und wie wert ich ihm war, erfuhr ich erst später. Er hatte ausdrücklich die letztwillige Verfügung getroffen, daß ich vor allen anderen das erste Telegramm mit der Todesnachricht erhalten solle. Während der ganzen 22 Monate, die ich diesmal in Deutsch-Ostafrika ununterbrochen verbracht hatte, waren wir in stetem schriftlichen Verkehr gewesen. Es war rührend, wie er, trotzdem er schon schwer leidend war, mit dem größten Interesse alle meine Jagdzüge verfolgte, überall, nicht allein das geschäftliche Interesse, sondern auch rein menschliche Teilnahme zeigte.
Während der ganzen Reise waren wir von herrlichem Wetter begünstigt. Kapitän und Offiziere, sowie die Besatzung unterstützten uns nach bestem Können. Für die Raubtiere hatte ich einige Ochsen an Bord, welche von unseren Masais geschlachtet wurden. Jedesmal, wenn ein Ochse geschlachtet wurde, war es für die schwarzen Herren ein großes Fest. Die Hauptsache dabei war für sie natürlich der Genuß des warmen Blutes.
Das Schlachten der Ochsen vollführen sie mit einer, ich möchte beinahe sagen bewundernswerten Eleganz. Der Ochse wird mit einem Speer genickt. Hierauf wird das Fell an der Wamme aufgeschnitten und gelöst, und zwar so weit, daß es sich zu einer Schale ausziehen läßt, die von einem von ihnen gehalten wird. Dann erst wird die Ader angeschnitten, und die oben erwähnte Schale füllt sich mit Blut. Nun folgt der Hauptakt: Jeder Masai, einer nach dem anderen, säuft dieses warme, rauchende Blut direkt aus der Hautfalte heraus. Dann erst wird das Tier enthäutet und zerteilt. Ein besonderer Leckerbissen für die Masais sind die Markknochen, die entweder am Feuer geröstet oder auch roh ohne jede Zutat von Salz ausgesogen werden. Für die Schiffsbesatzung war dies Schauspiel immer ziemlich ekelerregend, aber interessant.
Welche unglaublichen Mengen so ein Masaineger verdauen kann, beweist die Tatsache, daß einmal zwei Mann eine ganze Ziege von 28 Pfund in einer Mahlzeit verdrückten. Und dabei aßen sie nicht nur das Fleisch, sondern auch Herz, Leber, Milz usw. alles am Feuer gebraten.
Mit Ausnahme des Verlustes einiger kleinerer Tiere kamen wir im Mai mit dem ganzen Tiertransport wohlbehalten in Hamburg an und wurden von den Herren H. und L. Hagenbeck, den jetzigen Inhabern der Firma, empfangen. Alles stand in voller Blüte, und der Stellinger Tierpark mit seinen prachtvollen Gehegen bot ein wunderbares Bild, dessen Mannigfaltigkeit durch Einreihung unserer Neuankömmlinge aus der afrikanischen Steppe noch erhöht wurde.
Gar mancher meiner Leser wird den Stellinger Tierpark schon besucht haben, und wohl allen wird er mehr oder minder durch Beschreibung und Illustrationen bekannt geworden sein. Dies von dem großen Tierfreund Carl Hagenbeck unter tätiger Mitarbeit seiner beiden Söhne geschaffene „Tierparadies“ hat bereits für die Neuanlage von zoologischen Gärten -- ich erinnere an München und Rom -- als Vorbild gedient. Die hier vertretene Methode, die darauf ausgeht, den gefangenen Tieren gewissermaßen ein Stück ihrer verlorenen Heimat wieder künstlich zu ersetzen, hat auch auf dem Gebiete der Tierhaltung bahnbrechend und vorbildlich gewirkt. Alle die vielen Anziehungspunkte, die der Garten bietet, aufzuzählen, ist hier nicht der Platz. Ich erwähne nur außer dem reichhaltigen und gutgepflegten Tierbestand das ständige Kommen und Gehen neuer Tiertransporte, die große im Hauptrestaurant befindliche Geweih- und Gehörnsammlung, die von Herrn Joseph Pallenberg ausgeführten Rekonstruktionen von Dinosauriern, die Vorführung von Tierdressuren, Vertretern exotischer Völker und Kinoaufnahmen aus Urwald und Steppe, Wüste und Eismeer. Ein solches Unternehmen mußte in jeder Hinsicht sich einen Weltruf erringen, und es ist kein Wunder, daß die jährliche Besucherzahl des Gartens bis über eine Million gestiegen ist. Daß die Anlage zu einem Anziehungspunkt für Künstler und Wissenschaftler werden mußte, ist ja wohl zu verstehen; aber auch sonst haben ihr hervorragende Persönlichkeiten aus den verschiedensten Gesellschaftskreisen und Berufen stets ein reges Interesse dargebracht. Auch der deutsche Kaiser, der ja als großer Tier- und Jagdfreund bekannt war, kam alljährlich gelegentlich der Kieler Woche mit Gefolge nach Stellingen. Bei seinem Besuche im Jahre 1913 wurde mir die Ehre zuteil, durch Herrn Heinrich Hagenbeck Sr. Majestät vorgestellt zu werden. Der Kaiser zog mich in ein halbstündiges Gespräch, das sich hauptsächlich um Wild und Jagd in Ostafrika, aber auch um die wirtschaftlichen Verhältnisse der Kolonie drehte. Besonderes Interesse zeigte Se. Majestät für die beiden jungen Nashörner „Liesel“ und „Lola“ sowie für die von mir mitgebrachten zehn Masais, die in vollem Kriegsschmuck ihre heimischen Waffentänze zur Vorführung brachten.
An diesen Tag, an dem ich unserem früheren Herrscher Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, denke ich stets mit Stolz zurück, aber auch mit Wehmut. Wie hat sich seit wenigen Jahren alles geändert! Der einst so mächtige Imperator lebt in fremdem Lande in der Verbannung und die deutsche Fahne weht nicht mehr über unserem lieben Ostafrika. Wie lange hat es gedauert, bis das deutsche Volk einsehen lernte, welchen Schatz es in dieser Kolonie besessen hat. Die Erkenntnis ist zu spät gekommen. Das Kapitel Weltgeschichte, das von den Tagen eines Peters und Wissmann bis zu denen eines Lettow-Vorbeck unter afrikanischer Tropensonne geschrieben wurde, trägt für uns die Überschrift:
„Ein verlorenes Paradies!“
[Illustration:
Skizze zum Fangkral Oldonje-Sambu.
]
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