Part 3
Gemeinsam mit dem erwähnten Herrn brach ich eines Nachmittags von Daressalam auf. Die Karawane bestand aus 40 Trägern. Im Gänsemarsch ging es vorwärts, und bald hatten wir die Stadt hinter uns. Der Weg war gut und führte durch Palmenhaine und niedriges Buschwerk. Trotz der kühlen Seebrise herrschte doch eine drückende Hitze, so daß unsere Kakihemden bald durchgeschwitzt waren. Um die Träger an die Lasten und die Marschordnung zu gewöhnen, legten wir an diesem Tage nur wenige Kilometer zurück, dann hieß es: „Halt.“ Unter Kokospalmen wurden die Zelte aufgeschlagen, Brennholz herangeschleppt, „poscho“ (Tagesration der Neger) ausgegeben; bald prasselten lustige Feuer, auf denen sich die Schwarzen ihr Essen zubereiteten. Erfrischt nach einem Bade und eingenommener Mahlzeit setzten wir uns vor unsere Zelte und genossen noch für kurze Zeit den Anblick des prächtigen nächtlichen Tropenhimmels. Es war inzwischen stockfinster geworden. Eine Unmenge von Glühwürmchen begannen ihre Reigen und boten unseren Augen ein wundervolles Schauspiel. Die Zikaden verübten ihr lautes Konzert. Die verschiedensten Arten von Insekten wurden von dem Licht unserer Lampen angezogen, aber auch die Moskitos fingen an lästig zu werden. Die Wachen wurden aufgestellt und ihnen eingeschärft, die Wachtfeuer zu unterhalten und uns am Morgen rechtzeitig zu wecken. Bald lag alles im tiefen Schlaf.
In aller Frühe, gegen 3 Uhr, weckte mich der Koch: „Bwana kahawa tajari“ -- Herr, der Kaffee ist fertig --. Schnell ging es hoch. Die Leute waren schon dabei, ihre Lasten zusammenzuschnüren, und nach Verlauf einer halben Stunde war die Karawane schon wieder auf dem Marsche, weil wir die Morgenkühle ausnutzen wollten. Es war noch dunkel, und nur einzelne Vogellockrufe zeigten an, daß sich der Morgen näherte. Ehe man sich versieht, ist’s heller Tag, denn die Dämmerung in den Tropen ist nur sehr kurz. Jetzt wird es in den Büschen und Bäumen lebendig. Bunte Vögel aller Art fliegen unter lauter Entfaltung ihrer Stimme umher; Webervögel, die ganze Baumkronen mit ihren kunstvollen Hängenestern bebaut haben, sind schon fleißig bei der Arbeit. Plötzlich ertönt ein lautes, langgezogenes „fai--fa“. Unwillkürlich bleibt man stehen und glaubt, irgendein Mensch habe gepfiffen, bis man inne wird, daß es eine Vogelstimme ist. Dann hört man wieder den Ruf einer Taubenart -- tüh -- tüh -- tüh -- usw. immer schneller und im Tone tiefer fallend. Sogar der Ruf des Kuckucks ertönt, man fühlt sich unwillkürlich in einen deutschen Frühlingsmorgen versetzt. Doch bald wird man eines anderen belehrt. Die Sonne steigt immer höher und höher, denn jetzt ist es hier Hochsommer, und glühend heiß sendet die Sonne ihre Strahlen auf uns nieder. Mittlerweile ist es 9 Uhr geworden, wir haben unseren ersten Rastplatz erreicht und lagern unter schattigen Bäumen. Die Temperatur steigt beständig und macht gar bald ihren erschlaffenden Einfluß auf Mensch und Tier geltend. Sogar die Vogelwelt hat ihr Konzert eingestellt. Ein jeder sucht sich ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen, denn um 3 Uhr soll weiter marschiert werden. Nach der Rast begann der Weitermarsch, und als wir schließlich unser Nachtlager bezogen, hatten wir eine Tagesleistung von 40 Kilometern hinter uns.
Am zweiten Tage erreichten wir ein Negerdorf, wo wir vom Dorfältesten mit frischen Kokosnüssen bewirtet wurden, wie es allgemein üblich ist. In Europa kennt man nur die reife Kokosnuß, die nur selten etwas Kokosmilch enthält. Aber wer nach stundenlangem Marsche in tropischer Hitze eine frische Kokosnuß zur Labung erhält, weiß erst den Wert dieser Frucht zu schätzen. Das Innere der unreifen grünen Frucht ist noch mit dem flüssigen Kernsaft angefüllt, und gerade dieser Saft bietet den herrlichen, kühlen Trank mit dem teils herben, teils süßlichen Geschmack. Eine frisch geköpfte Kokosnuß enthält bis zu einem halben Liter Milchsaft; derselbe ist völlig keimfrei und also das Unschädlichste für einen Europäer, das er zu sich nehmen kann. Fügt man gar eine Dosis Whisky oder Kognak bei, so hat man einen wahren Göttertrank, der dem Magen vorzüglich bekommt.
Bei unserer Ankunft im Negerdorfe hatte der Dorfälteste unter mächtigen, schattigen Mangobäumen als Sitzgelegenheit eine „kitanda“ -- Bettstelle -- für die hohen Gäste herbeischleppen lassen, und ich wollte mich gerade darauf niederlassen, als mich mein Begleiter noch rechtzeitig beim Ärmel erwischte und mich von meinem Vorhaben abhielt. Warum er dies tat, sollte ich sofort erfahren. Er hieb mit einem Stocke mehrere Male auf die „kitanda“, wobei ein wahrer Regen von Wanzen niederging.
Nachdem wir einige Stunden Rast gehalten hatten, begaben wir uns auf die Pirsch, um ein Stück Wild zu erlegen. Die hier so häufig vorkommenden Rappen-Antilopen bekamen wir zwar oft zu Gesicht, leider aber nicht zum Schuß. Die Rappen-Antilope -- ~Hippotragus niger Harris~ -- ist eine große, gedrungen gebaute, dunkelbraun bis schwarz gefärbte Antilopenart. Beide Geschlechter tragen große, säbelförmig nach hinten gedrückte Hörner, die beim Männchen stärker sind als beim Weibchen. Die Tiere leben in Rudeln in dem lichten Baumsteppengürtel, der sich von der Küste an etwa 100 Kilometer weit ins Innere erstreckt.
[Illustration: ~Transport am Rufidji~]
[Illustration: ~Lager am Rufidji~]
[Illustration: ~Auf dem Marsche (links der Verfasser)~]
[Illustration: ~Ein Labetrunk auf dem Marsche~]
Am nächsten Nachmittag ging ich der Karawane voraus, eine dieser Rappen-Antilopenfährten verfolgend, und stieß dabei auf eine Herde Paviane -- ~Papio cynocephalus L.~ --, von denen ich einige abschoß. Im Begriffe, zur Karawane zurückzukehren, bemerkte ich, daß ich durch das Kreuz- und Querlaufen in der Buschsteppe die Richtung verloren hatte. Ich stand nun ohne Karte und ziemlich ratlos da; es begann zu dunkeln und meine Lage wurde unangenehm. Glücklicherweise hatten einige Schwarze die Schüsse gehört und waren in der Hoffnung, ich habe ein Stück Wild erlegt, auf die Suche nach mir gegangen. Sie trafen mich und wir kehrten zur Karawane zurück, welche in einem naheliegenden Dorfe bereits Lager geschlagen hatte. Ermüdet von der Jagd, pries ich mich glücklich, daß es gute deutsche Konserven gab, und tat mich an einer Dose Frankfurter Wurst und einer Flasche Rotwein gütlich. Während wir noch aßen, erschien ein Bote mit einem Briefe für meinen Begleiter, der ihm die Nachricht brachte, daß einer seiner europäischen Angestellten heftig erkrankt sei, und ihn bat, möglichst rasch auf der Pflanzung zu erscheinen. So beschlossen wir sofort aufzubrechen und die Nacht durchzumarschieren, um gegen Morgen auf der Pflanzung einzutreffen. Den Trägern, die aus der Gegend der Plantage stammten, war es sehr recht, früher nach Hause zu kommen, und ich hatte, trotz meiner Müdigkeit, auch nichts dagegen, Zeit zu gewinnen. Wie gewöhnlich, marschierte ich der Karawane voraus und stieß plötzlich im Dämmerlicht auf frische Löwenfährten. Gerade bückte ich mich, um dieselben näher zu prüfen, als neben mir im Busch ein Löwe in großen Sätzen davonsauste. Ehe ich mich vom Schreck erholt hatte, war das Tier verschwunden. Ich erwartete die Karawane und teilte meinem Begleiter das Geschehene mit. Er bestätigte mir das Vorkommen von Löwen in dieser Gegend und war überzeugt, daß ich vorhin einen solchen verjagt hätte. So war ich ohne mein Zutun dem ersten afrikanischen Löwen in Freiheit begegnet. Unsere Neger hatten ebenfalls die Fährten schon bemerkt und waren voller Furcht, da es vorkommt, daß Löwen eine Karawane vorbeiziehen lassen, um sich auf die Nachzügler zu stürzen. Dagegen fühlen sich die Träger sicher, wenn ein Europäer mit der Büchse neben ihnen marschiert. Wir zündeten daher zwei Sturmlaternen an; mein Gefährte nahm mit seinem Gewehr die Spitze des Zuges und ich die Nachhut. Beim Weitermarschieren hörten wir das Gebrüll mehrerer Löwen in der nächtlichen Stille, und dies hatte zur Folge, daß die furchtsamen Träger beieinander blieben und feste vorwärts marschierten, so daß wir um 2 Uhr nachts auf der Plantage meines Begleiters eintrafen, wo wir uns todmüde der wohlverdienten Ruhe hingaben. Wir hatten von Montag nachmittag bis Sonntag vormittag einen Marschrekord von über 200 Kilometern aufgestellt. Am Morgen zeigte mir der Pflanzungsleiter seine Baumwollplantage und lud mich ein, einen Ruhetag zu machen; aber es drängte mich, zu Herrn Petersen zu gelangen, dessen Standquartier ich von hier aus in wenigen Marschstunden erreichen konnte. So verließ ich denn die Pflanzung „Panganya“ und setzte über den hier 500 Meter breiten Rufidji. Ein Einbaum, das ist ein Boot aus einem einzigen Baumstamm hergestellt, brachte das Gepäck und die Träger hinüber.
Der Rufidji mündet in einem dicht mit Mangrovenwald bewachsenen Delta gegenüber der Insel Mafia in den Indischen Ozean und ist der größte Fluß Deutsch-Ostafrikas. Seine Nebenflüsse bringen ihm alles Wasser von etwa ein Viertel der Oberfläche des Landes zu, so daß er die Gebiete Uhehe, Ubena, Usangu, Mahenge, einen großen Teil des Wagoni-Plateaus, Ussagara, Ujansi und Ukimbu entwässert. Wenn daher zur Regenzeit sein mächtiger Nebenfluß, der Kilomberu-Ulanga, der sein Wasser zum größten Teil aus den den feuchten Südostwinden am meisten ausgesetzten Ostabhängen des Randgebirges empfängt, seine Fluten heranwälzt, dann schwillt der Rufidji an und tritt weit über seine Ufer. Stellenweise wird er nun zum mächtigen See und gleicht dem Nil Ägyptens, monatelang große Gebiete überschwemmend; nur die höchsten Termitenhügel ragen dann gleich kleinen Inseln über die Wasserfläche empor und dienen oft Wasserböcken und anderem Wild als letzte Zuflucht, wenn sie von den Fluten überrascht werden.
In der Trockenzeit ist natürlich der Fluß viel niedriger; aber in den überschwemmt gewesenen Gebieten bleiben größere und kleinere Tümpel sowie seenartige Becken übrig, die zum Teil durch kleine Kanäle oder Gräben mit dem Flusse in Verbindung stehen; vorzügliche Laichplätze für die Fische und beliebte Tränkstellen für allerlei Wild.
Leider ist der Fluß nur auf 24 Kilometer Tallänge, von seiner Mündung aufwärts gerechnet, schiffbar, sodann stößt man auf die mächtigen Panganifälle und eine Reihe größerer und kleinerer Stromschnellen, die sich auf etwa 100 Kilometer Länge flußaufwärts hin erstrecken. So wird kaum jemals eine gute und billige Wasserstraße hergestellt werden können. Da der Strom eine große Menge Erde und Sand führt, so bilden sich häufig wechselnde Sandbänke, so daß zur Trockenzeit nur kleinere Heckraddampfer mit geringem Tiefgang auf dem Unterlauf verkehren können. Der ganze Fluß ist von Flußpferden belebt und infolge seines Fischreichtums von vielen Krokodilen bevölkert. Bei unserem Übersetzen waren die Eingeborenen ziemlich ängstlich, da, wie sie erzählten, vor kurzem erst ein Flußpferd ein Boot angegriffen und zertrümmert habe, wobei ein Insasse ertrunken sei. Jedoch gelangten wir ohne Unfall hinüber. Herr Petersen hatte sein Jagdlager an einem Bache errichtet. Der Weg dorthin führte durch Dörfer und Baumwollpflanzungen der Eingeborenen, und wir erreichten es erst nach einem dreistündigen Marsch. Petersen selbst war nicht zu Hause, aber ein zurückgelassener Brief benachrichtigte mich, daß er in einigen Tagen zurückkehren werde. Ich benutzte die Zeit, die Wildfauna zu beobachten und machte verschiedene Streifzüge. Enten, Gänse, Wasserhühner, Strandläufer, Reiher, Scharen von Pelikanen bedeckten das Wasser und die Sandbänke. An Großwild waren vorhanden: Elefanten, Flußpferde, Büffel, Rappenantilopen, Gnus, Kuhantilopen, Schwarzfersenantilopen, Warzenschweine, Buschböcke und Wasserböcke (~Cobus ellipsiprymnus Ogilby~). Der Wasserbock ist eine hirschgroße Antilope von dunkelbrauner Farbe mit weißen Streifen an den Hüften. Das Männchen trägt 80 Zentimeter lange, von den Wurzeln an zunächst nach hinten, später nach vorn gebogene Hörner. Von weitem gesehen erinnert diese Antilope, namentlich das Weibchen, außerordentlich an das heimische Rotwild. Für Küchenzwecke erlegte ich eine Schwarzfersenantilope oder ~Impala aepyceros suara Matsch~. Diese mittelgroße Antilopenart ist hellbraun gefärbt und hat am Hinterlauf an Stelle der fehlenden Afterzehen schwarze Stellen. Die Männchen tragen lange leierartig geschwungene Hörner. Die hauptsächlich in lichter Buschsteppe rudelweise lebenden Tiere fallen dem Beobachter durch ihre oft über 2 Meter hoch ausgeführten Fluchten auf.
Nach zwei Tagen kehrte Herr Petersen zurück und wir trafen unsere Vorbereitungen zu einem großen Fangzug. Zu diesem Zwecke hatte Herr Petersen an einem Gewässer, dem Lukongo-See, bei der Ortschaft Utete eine zweite Jagdhütte aus Ästen, Flechtwerk und Lehm nach Art der dortigen Negerhütten errichtet und mit Palmwedeln bedeckt. Wir ließen uns vom Dorfältesten (Jumben) 20 Neger zur Verfügung stellen und zogen in vierstündigem Marsche nach Utete. Als wir den See erreichten, bot sich uns ein überraschender Anblick: Hunderte von Negern waren an einer Seite des Sees versammelt, damit beschäftigt, unglaubliche Massen von Fischen korbweise aus dem See herauszufischen, während ihre Weiber und Kinder die Fische langsam am Feuer rösteten. In flachen Schüsseln ließen sie die Eingeweide der Fische aus, um das darin enthaltene Fett zu gewinnen und füllten dies in mitgebrachte Kalebassen (Flaschenkürbisse). Der Lukongosee bildet eine der eben erwähnten Wassertaschen des Rufidjis, von dem der eine Abfluß während des niedrigen Wasserstandes trocken lag und so für die Fische einen geschützten Laichplatz darstellte. Zu bestimmten Zeiten des Jahres sind daher in solchen Wassertaschen unglaubliche Mengen von Fischen vorhanden, und da die Eingeborenen dies wissen, so kommen sie mit Weibern und Kindern von weither, um sich Vorräte von getrockneten Fischen und Fischfett zu bereiten. Aber auch die fischfressenden Vögel machten sich diesen Umstand zunutze, und Tag und Nacht hörten wir das Geschrei der vielen Schreiadler, Milane u. a. m. In dieses Konzert mischte sich des Abends das unheimliche Gelächter der Hyänen, sowie das Kläffen der Schakale. Die ganze Umgegend des Sees ist zu dieser Zeit verpestet von dem Geruch der Fische und der faulenden Abfälle.
Diese Negeransammlung kam uns für unsere Jagdzwecke sehr gelegen, denn wir konnten ohne Mühe 200 Mann als Treiber und Arbeiter mieten. Die Leute begleiteten uns um so lieber, als sie wußten, daß sie Gelegenheit bekamen, auch öfters Dörrfleisch zu bereiten, da wir ihnen von Zeit zu Zeit einige Stück Wild abschossen. Zunächst bauten wir für die zu fangenden Tiere Krale. Ein solcher Kral wird in der Art errichtet, daß man auf einem freien Platz ringsum die Erde etwas aufwirft und einen festen Zaun mit eingesteckten Ästen, Lianen und Dorngestrüpp macht. Fanggruben wurden ausgehoben und mit dünnen Ästen und Laubwerk verblendet. Um Tiere wie Antilopen lebend in unsere Gewalt zu bringen, hatten wir von den Eingeborenen große Netze aus Kokosfasern entliehen. Die zwei Meter hohen Netze wurden aneinandergeknöpft und morgens lange vor Sonnenaufgang in einem weiten Halbkreis aufgestellt. In einem großen, dem Netzbogen entgegengesetzten Halbkreise fingen nun unsere Treiber an, die Tiere mit Händeklatschen zu erschrecken und gegen die Netze zu treiben. Nach kurzer Zeit stürmten einige Wasserböcke gegen die Netzwand, die sie in ihrer Aufregung natürlich nicht sahen, und verfingen sich mit ihren Läufen und Hörnern in dem Hindernis. Sobald ein Tier sich verwickelt hatte, sprangen wir zu, fesselten es und brachten es auf Tragbahren in den nächsten Kral. Es war eine wildbewegte Jagd, gar mancher Stoß oder Schlag traf den einen oder anderen; die gefangenen Tiere stießen und schlugen wie rasend um sich, aber größere Unfälle ereigneten sich nicht; bis Mittag hatten wir bereits 11 Wasserböcke in unserer Gewalt. Nach kurzer Mittagsruhe erbeuteten wir noch 4 Wasserböcke, worunter sich ein alter befand, dessen Hinterschenkel durch eine Bleikugel vollständig vereitert war, weshalb er den Schwarzen als Nahrung geopfert wurde. Ich untersuchte die Wunde und fand die Bleikugel, die sich als deutsches Militärgeschoß Modell 71 erwies. Unser ausgezeichneter Jagderfolg gab Zeugnis von dem ungeheueren Wildreichtum dieser Gegend. Wir jagten bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Sees. Günstig für den Fang war der Umstand, daß der See ringsum von Busch- und Baumsteppe umgeben war. Um den langen Weg um den See herum abzukürzen, benutzten wir öfters einen Einbaum. Der riesige Reichtum an Fischen hatte natürlich auch eine Unmenge Krokodile angezogen. Als wir einmal um die Mittagszeit in brennender Sonnenhitze mit dem Einbaum über den See fuhren, konnte ich während der Fahrt nicht weniger als 27 Krokodile auf der kurzen Strecke zählen. Glücklicherweise waren die Tiere so vollgefressen und träge, daß sie kaum von uns Notiz nahmen und nur die nächsten beim Herannahen des Bootes untertauchten. So harmlos sind diese Panzerechsen nicht immer, namentlich nicht, wenn sie hungrig sind. Herr Petersen erzählte mir, daß erst kürzlich ein Herr auf dem Rufidji ein böses Abenteuer mit einem solchen Tiere erlebt habe. Er fuhr mit einem schmalen Boot ziemlich rasch mit der Strömung; vorn an der Spitze befand sich ein Schwarzer, der mit einem kurzen Ruder paddelte; in der Mitte saß der Europäer und am hinteren Ende einige Neger. Plötzlich tauchte ein Krokodil seitlich auf und schnappte nach dem vordersten Manne. Das Tier hatte nicht mit der Schnelligkeit des Bootes gerechnet; es stieß an die Bootswand an und wurde beiseite geschleudert, und so kamen alle mit dem Schrecken davon.
Zunächst mußten wir nun die gefangenen Wasserböcke jeden einzeln in einen Kral bringen, denn die Tiere sind kurz nach dem Fang derartig aufgeregt, daß sie, sobald man mehrere zusammen läßt, sich gegenseitig anrennen und verletzen. Es galt ferner, der gefangenen Beute Futter und Trank zu verabreichen. Gras mußte geschnitten werden, primitive Holztröge als Trinkgefäße wurden ausgehauen, die Kralzäune ausgebessert und überwacht, kurz, es gab Arbeit in Hülle und Fülle. Auch mußten jeden Tag sämtliche Fanggruben nachgesehen werden.
Durch Zufall hatten sich darin zwei Gnus gefangen. Die Gnus (~Connochaetes~), von den holländischen Ansiedlern am Kap auch als „Wildebeest“ bezeichnet, bilden eine der zahlreichen Gattungen in der großen Familie der Antilopen. Die gedrungen gebauten Tiere haben die Größe eines jungen Rindes. Beide Geschlechter tragen Hörner, die in ihrem Aussehen an diejenigen der Büffel erinnern. Eigenartig sind der langbehaarte Schwanz und die pferdeartige Mähne. Mir waren bisher von dieser Gattung in Deutsch-Ostafrika nur zwei Arten bekannt, nämlich das Streifengnu (~C. taurinus Burch.~) und das Weißbartgnu (~C. albojubatus Thos.~). Das erstere findet sich in zumeist stärkeren Rudeln im Süden der Kolonie, das letztere schweift in oft riesigen Herden durch die Masaisteppe, bis zum Athi-River in Britisch-Ostafrika, der die Nordgrenze seines Verbreitungsbezirkes darstellt. Während nun die Decken der beiden genannten Arten einen blaugrauen Farbenton aufweisen, fiel mir bei meinen Gefangenen, zwei ausgewachsenen Bullen, auf, daß die Grundfarbe ihres Haarkleides mehr ins Bräunliche überging. Charakteristisch war ferner ein etwa fingerbreiter weißer Streifen, der sich quer über das Nasenbein hinzog und der sich von dem tiefschwarzen Vorderkopf besonders scharf abhob. Somit hatte ich berechtigten Grund zu der Annahme, daß es sich hier um eine neue, das heißt wissenschaftlich bisher für Deutsch-Ostafrika noch nicht nachgewiesene und beschriebene Spezies handle. Und mit dieser Vermutung sollte ich auch Recht behalten, denn als die Tiere später im Stellinger Park von Fachmännern untersucht wurden, wurden sie als Rufidji-Johnstongnu (~Connochaetes johnstoni rufijianus~) identifiziert, welche Art bis dahin nur in Britisch-Nyassaland bekannt war. Das Rufidji-Johnstongnu unterscheidet sich durch mehrere, sehr bezeichnende Merkmale von seinen südlichen Vettern. Der Leser wird es mir nachfühlen können, daß ich heute noch Genugtuung und Freude über diesen Fang empfinde, der es mir ermöglichte, auch meinerseits ein Scherflein zur Erweiterung unserer Kenntnisse der Zoographie des tropischen Afrikas beizutragen.
In kurzer Zeit hatten sich in den oben erwähnten Fanggruben zwei Flußpferde (~Hippopotamus amphibius L.~), die von den Eingeborenen „Kiboko“ genannt werden, gefangen. Die Fanggruben für diese Tiere legt man am besten auf ihren Wechseln selbst an, wenn man wirklich Erfolg haben will. Sie müssen für diese mißtrauischen Geschöpfe ganz unauffällig angelegt sein, und zwar nicht nur für ihre Augen, sondern auch für ihren feinen Geruchssinn. Bei der geringsten Veränderung des Weges scheut das Tier zurück und schlägt eine andere Richtung ein. Bei der Anlage meiner Fanggruben machte ich mir außer diesem auch noch folgende Erfahrung zunutze: Das Flußpferd hat eine außergewöhnliche Art, seine Losung abzugeben; es stellt sich dabei so, daß es rückwärts gegen einen Busch steht, und während es den Darm entleert, schlägt es in rasender Bewegung mit dem kurzen Schwanzstummel hin und her, so daß die Losung über den ganzen Busch und die nächste Umgebung geschleudert wird. Hierbei hatte ich bemerkt, daß die Tiere mit Vorliebe an ein und denselben Plätzen mehrmals ihre Losung abgeben. Infolgedessen legte ich die Fanggruben stets da an, wo neben dem Wechsel ein solcher Busch stand, denn durch den Geruch der eigenen Losung war es dem Tiere nicht möglich, eine fremde Witterung zu bemerken.
Nachdem wir also die zwei ersten Flußpferde, ziemlich ausgewachsene Exemplare, in den Fanggruben hatten, trat die wichtige Frage auf, wie diese gefährlichen und schweren Tiere ohne jede Hebevorrichtung in den vorher hergerichteten Tierkral an den See zu bringen seien. Den Flußpferd-Kral hatten wir sehr praktisch am See selbst angelegt, indem wir ein Stück Wasser nebst dem dazugehörigen Seerand durch fest eingerammte Palisaden eingefriedet hatten, um somit den Tieren möglichst ihre natürlichen Lebensbedingungen zu lassen. Es hieß also, wie gesagt, die Kolosse schnell aus den Fanggruben heraus- und in den vorbereiteten Kral hineinzubringen.
[Illustration: ~Tiertransport an Bord eines Dampfers~]
[Illustration: ~Idyll auf dem Transportdampfer, im Vordergrund ein Marabu~]
Ich habe in Europa am Biertisch öfters Ingenieuren das Rätsel aufgegeben: „Wie bekommen Sie ein etwa 2000 Pfund schweres Flußpferd aus einer 2½ Meter tiefen Grube ohne Hebewerkzeuge, ohne Stricke und ohne daß die Leute das Tier anfassen, heraus?“ Da habe ich von den meisten die Antwort bekommen, das gehe nicht und sei unmöglich. Es ist aber doch möglich und genau so einfach wie das Ei des Kolumbus. Man braucht nur Leute, Beil und Buschmesser, das sonstige Material liefert die Wildnis. Zuerst fällt man in der Nähe der Fangstelle Bäume und läßt aus deren Ästen etwa 2½ Meter lange Pfähle zurichten. Die geraden und langen Pfähle benutzt man zum Bau eines Kastens, mit den krummen und dem Buschwerk umgibt man die Grube mit einem starken Zaun, in welchem, dem Kopfe des Tieres gegenüber, eine Öffnung freigelassen wird. Nach Fertigstellung des Transportkastens, dessen einzelne Teile durch Rindenbast fest miteinander verbunden sind, wird derselbe mit seiner Öffnung vor das erwähnte Loch in der Umzäunung gestellt und durch einige Pfähle und Baststricke festgehalten, damit er beim Hineinschlüpfen des Flußpferdes nicht verschoben wird und kein Unglück passieren kann. Nunmehr kommt die Hauptsache: Man läßt von den Schwarzen Erde in die Fanggrube werfen. Das Tier, durch die herabfallenden Schollen getroffen, schüttelt und bewegt sich und stampft dabei die hineingeworfene lockere Masse fest. Nach und nach füllt sich die Grube an, das Hippo kommt immer höher und höher, sieht die Öffnung und stürmt in den Transportkasten hinein. Im selben Augenblick werden schon vorher bereitgehaltene Stangen durch die Rückseite des Kastens gesteckt und das Tier sitzt gefangen und wehrlos in demselben. Auf diese Art und Weise brachten wir auch die eben genannten Dickhäuter in unsere Gewalt. Soweit war alles gut, aber bis zum Flußpferdkral waren 4 Kilometer zurückzulegen. Da wir aber weder Wagen noch Hebezeuge, noch sonstige Transportmittel hatten, blieb nichts anderes übrig, als die schweren Lasten mit langen, unter dem Kasten durchgelegten Stangen durch die Muskelkraft unserer 200 Neger zu befördern. Es bedurfte vieler Stunden, mancher Schweißtropfen und etlicher Kreuzdonnerwetter, bis wir unsere Beute an Ort und Stelle hatten. Einmal im Krale, der ihren Bedürfnissen gemäß angelegt war, gewöhnten sich die Tiere bald ein und schienen sich bei der Leichtigkeit, mit der sie auch Futter, nämlich Gras, Hirse usw. an Ort und Stelle fanden, ganz wohl zu fühlen. Vielfach wird in Büchern behauptet, daß die Flußpferde nur in der Nähe des Wassers äsen. Ich habe jedoch des öfteren Flußpferde viele Kilometer weit von jeder Wasserstelle entfernt äsend angetroffen; allerdings führten von diesen Plätzen tief ausgetretene und stets wieder benutzte Wechsel zu den Tränken hin.
Das Fangergebnis von wenigen Wochen in diesem Revier war folgendes: 2 Flußpferde, 15 Wasserböcke, 2 Johnston-Gnus, 1 Kuhantilopenbulle, 20 Schwarzfersenantilopen und mehr Paviane als uns lieb waren. Alle diese Tiere hatten wir natürlich nicht an einem und demselben Platze gefangen, sondern in verschiedenen Gegenden erbeutet. Auch an der ersten Jagdhütte Petersens hatten wir Krale angelegt und die Tiere auf die beiden Lagerplätze bei Utete und bei Jaroilo verteilt.
Bei dem fabelhaften Wildreichtum dieses wohlgewählten Fangplatzes hatte ich in kurzer Zeit die Tiere, die ich dort hatte fangen wollen, beieinander und konnte sie in den zweckentsprechenden Kralen verläßlichen Leuten zur Pflege übergeben. Es hieß nun, sich die nötigen Bretter, Werkzeuge und Nägel zu besorgen, um regelrechte Transportkästen für die Europareise herzustellen. Dies ist mitten in der Wildnis eine schwierige Sache, da weder Bahnen noch Straßen das Herbeischaffen der Sachen erleichtern. Da Herr Petersen eine Reise nach Mohoro zu machen hatte, so begleitete ich ihn, in der Hoffnung, vielleicht dort zu finden, was ich brauchte.