Chapter 10 of 13 · 3982 words · ~20 min read

Part 10

Im November 1911 reisten wir von Deutschland unter Mitnahme eines deutschen Assistenten ab. Gleichzeitig nahmen wir schon einen Teil der Zuchttiere mit, während der Rest nach Fertigstellung der erforderlichen Einrichtungen später nachkommen sollte. Auch die notwendigsten landwirtschaftlichen Maschinen, Ackergeräte, Werkzeuge, Drahtgeflechte für Tiergehege usw. waren bereits verladen. Hoffnungsfreudig traten wir die Seereise an, und nach einer prächtigen Fahrt liefen wir wohlbehalten in Tanga ein. Tiere und Sachen wurden hier an Land geschafft. Ich selbst reiste mit meiner Frau nach Daressalam weiter, um dort bei der Regierung meine Angelegenheiten betreffs der Tierzuchtfarm zu erledigen. Als dies geschehen war, mußten wir noch 14 Tage dort verweilen, ehe sich eine Gelegenheit zur Rückreise bot. Gerade am heiligen Abend trafen wir wieder in Tanga ein. Schon an Bord des Dampfers hatte eine fröhliche Weihnachtsstimmung geherrscht, die sich abends am Lande noch steigerte, als die alten Weihnachtslieder unter dem lichterglänzenden Tannenbaum erklangen. Was? -- Tannenbäume in Ostafrika? ruft vielleicht so mancher ungläubig aus. Und doch hat es damit seine Richtigkeit, liebe Leser. Wohlverwahrt in den Kühlräumen des Ozeanriesen kommen die Kinder des deutschen Waldes herüber zum Palmengestade, dem heißen jungen Sonnenlande den Weihnachtsgruß der alten schneebedeckten Heimat zu überbringen.

Nach den Feiertagen wurden die Zuchttiere und die mitgebrachten Sachen nach Neu-Moschi verladen und unter Aufsicht meines Assistenten vorausgeschickt. Mit dem nächsten Zuge reisten auch meine Frau und ich in das Innere. Trotz der tropischen Hitze ist es ein Genuß, die interessanten Landschaftsbilder während der Fahrt vorbeigleiten zu sehen. Wie durch einen grünen Tunnel fährt der Zug unter Kokospalmen dahin. Dazwischen liegen die Felder der Eingeborenen, auf welchen Mais-, Bananen-, Mohogo-, Süßkartoffelpflanzungen angelegt waren. Bald wechseln Kautschuk- und Sisal-Pflanzungen in bunter Folge miteinander ab. In gleichem Abstande stehen die Reihen der Gummibäume sowie die der Sisalagaven voneinander entfernt, und wie lange Strahlen scheinen die einzelnen Reihen am Zuge vorüberzuhuschen. Überall Ordnung, Leben und Arbeit. In den geschlossenen Beständen der dichtbelaubten Kautschukbäume, durch deren Kronen nur wenig Sonnenstrahlen durchdringen, sieht man geschäftig Neger den weißen Saft aus den Stämmen zapfen und den erstarrten Kautschuk in Ballen rollen. In den jungen Anlagen wird gereinigt, das heißt, mit breiten Hacken wird das üppig wuchernde Gras und Unkraut entfernt. In den Sisalpflanzungen schneiden die Arbeiter mit langen Messern die reifen Blätter, welche, zu Bündeln geschnürt, auf Feldbahnwagen der Fabrik zur Aufbereitung zugeführt werden. Die Wege sind meistens mit schattigen Mango- oder Eisenholzbäumen bepflanzt. Auf einer Anhöhe, aus dem Grün heraus, leuchtet hell und freundlich das Wohnhaus des Pflanzers. Vom Bahnhof Ngomein aus sieht man die blauen Berge Ost-Usambaras herüberwinken, zu deren Füßen die nächste Station, Muheza, in dem fruchtbaren und reichbevölkerten Bondeland liegt. Jedem Durchreisenden muß es hier auffallen, in welch großen Mengen Früchte an den Zug gebracht werden; goldgelbe Apfelsinen, Mandarinen, herrlich duftende Ananas, schwere Trauben von gelben, roten und grünen Bananen, Papayen, Melonen, Kürbisse, dicke Bündel Zuckerrohr u. a. m. liegen hier aufgestapelt und werden zum Verkauf angeboten. Schaulustig drängt sich die eingeborene Bevölkerung an den Zug heran, um Freunde oder Bekannte zu begrüßen oder wohl selbst auf der so beliebten „ngari ya snoschi“ (Eisenbahn) eine Strecke zu fahren. Ein buntes Leben und Treiben! Die Weiber in ihren farbig bedruckten Tüchern, mit goldglänzenden, langen Ketten um den Hals, machen einen sauberen Eindruck. Auch manche Schöne ist darunter, sie wiegt sich anmutig in den Hüften und würde wohl von vielen unserer Modedamen um ihre Figur und natürliche Grazie beneidet werden. Die Männer tragen meistens lange Kanzu oder baumwollene Hemden und um die Hüften das buntgesäumte Lendentuch, dazu die typische weiße Suahelimütze oder einen roten Fez. Träger, die Lasten zur Station bringen oder solche holen, kauern, nur mit einem Lendentuch bekleidet, um das Stationsgebäude herum. Um den Kopf haben sie turbanartig ihre Schlafdecke gewunden. Ein umgehängter Topf, ein Messer und eine Kürbisflasche vervollständigen ihre Reiseausrüstung. Ein Pfiff, und unser Zug setzt sich unter Tücherschwenken und Trillern der Weiber wieder in Bewegung. Weiter geht es durch üppige Felder und Pflanzungen, und näher an die Bahn treten die bewaldeten Berge Usambaras heran, in die bei der Station Tengeni eine Schmalspurbahn hinauf nach Sigi, nahe dem schönen Amani, abzweigt. Weiter eilt unser Zug, um bei Mauri den Pangani zweimal zu kreuzen, und nach sechsstündiger Fahrt ist die Station Mombo erreicht, wo das Mittagsmahl eingenommen wird.

Gegen Abend kamen wir in Buiko an. Hier blieb der Zug liegen, da damals der Nachtverkehr noch nicht eingerichtet war. Wir begaben uns in das dortige kleine Hotel, wo fröhliche Stimmung bis spät in die Nacht hinein herrschte. Die Temperatur war schon merklich gefallen. Nach erquickendem Schlafe und Einnahme des Frühstücks setzten wir am nächsten Morgen die Weiterreise fort. Nur wenige europäische Fahrgäste befanden sich noch in dem Zuge, der größte Teil war in Mombo ausgestiegen, um von dort nach Wilhelmstal oder in das Usambaragebirge zu gelangen. Das Landschaftsbild hat sich allmählich vollständig geändert. Zur Rechten steigen die steilen und kahlen Berge des Paregebirges auf, während sich zur Linken durch savannenartige Steppe der Pangani hindurchschlängelt. Auf den Gräsern und Sträuchern der sonnenbestrahlten Steppe glitzern wie Diamanten die Tauperlchen des Morgens. Ab und zu erblickt man einige Antilopen und Strauße. In der Buschsteppe hausen, dem Auge verborgen, Nashörner, Giraffen und viel anderes Wild. Jedoch kann der Reisende, ähnlich wie an der Ugandabahn, Wasser- und Riedböcke, Kongonis und sonstige Vertreter der afrikanischen Fauna vom Zuge aus beobachten, da das Wild sich auch hier bereits an den Bahnverkehr gewöhnt hat. Die hiesige Gegend ist von der Regierung zum Wildreservat erklärt worden. An Bedeutung steht dasselbe allerdings dem großen englischen Reservate an der Ugandabahn weit nach. Es soll mitunter vorkommen, daß sich Giraffen auf das Geleise legen und sich nur durch schrille Pfiffe der Lokomotive des langsam fahrenden Zuges unwillig aus ihrer Ruhe stören lassen. Ein Lokomotivführer erzählte mir, daß sogar einmal ein Nashorn den Kampf gegen die Lokomotive aufnehmen wollte. Das Tier rannte gegen die Maschine an, wurde von ihr zur Seite geschleudert und sah, nachdem es einige Purzelbäume geschlagen hatte, ganz erstaunt seinem dampfenden und feuerspeienden Gegner nach. Man braucht diese Erzählung durchaus nicht in das Reich der Fabel zu verbannen, zumal wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Nashörner Geschöpfe von äußerst cholerischem Temperament sind. Häufig hatte ich selbst auf meinen Streifzügen Gelegenheit gehabt, die Launen dieser unberechenbaren Tiere kennenzulernen. Öfters sieht man auf Nashornwechseln herausgedrehte Bäume und Büsche, sogar aus ihrer Lage gebrachte mächtige Steine, an denen das Nashorn mit seinem Horn, sei es nun aus Übermut oder aus Wut, sein Mütchen gekühlt hat. Es würde zu weit führen, wollte ich alle derartige Einzelheiten beschreiben.

Gegen Mittag erreichten wir die Endstation Neu-Moschi. Wir befinden uns hier wohl an einem der schönsten und interessantesten Punkte Afrikas. Von einer üppigen tropischen Vegetation umgeben, blickt man hinauf in die ewige Schnee- und Eisregion des Kilimandjaros. Leider standen zu dieser prachtvollen Natur die Unterkunfts- und Verpflegungsverhältnisse, welche wir hier vorfanden, in keinem Verhältnisse. Das damalige „Grand-Hotel“ war eine schmierige Lehmbude mit einigen Abteilungen, teils mit, teils ohne Wellblechbedachung. Der Eigentümer war ein Grieche, und ebenso armselig wie seine Behausung war seine Küche. Jedenfalls war der Ort im damaligen Zustand so recht geeignet, meiner Frau alle Illusionen über Afrika auf das richtige Maß herabzusetzen. So primitiv auch alles war, mußte doch jeder, der keine eignen Zelte und Träger mitführte, froh sein, bei der Ankunft in Neu-Moschi in besagter Lehmbude Unterkunft zu finden.

Einige Tage später trafen die für uns und unser Gepäck bestimmten Ochsenfuhrwerke aus Aruscha ein. Wir hatten jetzt den letzten, aber auch den schlimmsten Abschnitt unserer Reise vor uns. Neunzig Kilometer waren noch zurückzulegen. Die Fahrt auf einem Ochsenwagen über Berge, durch Schluchten und Flußbetten ist gerade kein sonderliches Vergnügen, besonders nicht für eine Frau, die frisch aus Europa kommt. Die mannshohen Räder gehen oft über meterhohe Felsbrocken, so daß der nicht verstaute Inhalt des Wagens bald nach links, bald nach rechts geworfen wird. Zu diesem nicht verstauten Inhalt gehört selbstverständlich auch der Passagier. Ferner wirkten gerade jetzt in der trockenen Jahreszeit die Hitze und der von 30 Ochsen aufgewirbelte Staub, der den Wagen in eine dicke Staubwolke hüllte, fast unerträglich.

Am Sanga-Flusse rastend, wollte ich meinen von Deutschland mitgebrachten Zuchtgänsen das schon lange entbehrte Bad gönnen. Wir ließen die Vögel aus ihrem Käfig heraus und freuten uns herzlich, wie sie sich lebhaft in den klaren Fluten tummelten. Plötzlich tauchte ein Krokodil auf, erfaßte eine Gans und war im nächsten Momente mit seinem Raub verschwunden. Schnell liefen wir mit den Gewehren hinzu und ich sah im klaren Wasser an der steilen Uferwand deutlich einen weißen Flecken auf dem etwa zwei Meter tiefen Grunde. Ich zielte dorthin, wo ich den Kopf des Krokodils vermutete. Kaum war der Schuß gefallen, als die Gans wieder auf der Oberfläche erschien, allerdings mehr tot als lebendig. Da sie nicht mehr zu retten war, wurde sie sofort in einen Braten umgewandelt. Froh war ich, daß das Krokodil nicht meinen einzigen Gänserich erwischt hatte, da sonst die ganze Gänsezucht in Frage gestellt worden wäre. Die hier verbreitete Ansicht, daß im oberen Sanga-Fluß keine Krokodile vorkämen, war somit aufs schlagendste widerlegt.

Der Kühle halber reisten wir nachts und brauchten so unsere Tiere nicht der Tageshitze auszusetzen. Wir hatten den Domberg bereits hinter uns, und ich hatte Zeit und Gelegenheit, einiges Wild für unsere Küche zu erlegen. Ein Riedbock war das erste afrikanische Wildbret, das meine Frau zu kosten bekam.

[Illustration: ~Der Kibo, der Hauptgipfel des Kilimandjaro, 6010 m hoch~]

[Illustration: ~Mittagsruhe der Gnus auf der Farm des Verfassers~]

Nach sechstägiger Fahrt langten wir an unserem Ziele an. Vorläufig wohnten wir in Zelten. Für die mitgebrachten Tiere mußten provisorische kleine Gehege mit Schutzdächern errichtet werden. Es gab Arbeit in Hülle und Fülle. Für das Wellblechwohnhaus war ein Platz auf einem Hügelrücken ausersehen. Die großen Laufgehege für die Strauße wurden ausgemessen und eingefriedigt. Schwarze Arbeiter waren damit beschäftigt, Bambus und Holz aus dem nahen Urwalde zu holen oder Bausteine heranzubringen, um zu behauen. Fundis (Handwerker) bauten provisorische Stallungen für die Tiere und Hütten für die Schwarzen. Andere Arbeiter rodeten das zu Kulturzwecken gewählte Land, und bald zog der ochsenbespannte Pflug zum ersten Male seine Furchen durch den jungfräulichen Boden. Wassergräben wurden gezogen, Luzerne- und Maisfelder angelegt, Kartoffeln und Gemüse gepflanzt, und in wenigen Wochen prangte alles in üppigem Grün. Reges Leben herrschte überall, und mit zäher Energie und Ausdauer wurde jedes Fleckchen Erde verteidigt, denn die Natur sucht jedes Stückchen abgerungenes und unter Kultur gebrachtes Land fortwährend wieder an sich zu reißen.

Trotz der Abgeschlossenheit von der Außenwelt und der harten Pionierarbeit fühlte sich meine Frau doch bald heimisch, und mit Freude sahen wir das angefangene Werk aufblühen. Ein erhabenes Gefühl überkam uns, wenn wir von unserem noch primitiven Haus aus bei untergehender Sonne unsere Farm überblickten. Von den letzten Strahlen der Abendsonne beleuchtet, liegt der 4630 Meter hohe Merukegel in all seiner majestätischen Pracht vor uns. Deutlich kann man noch mit dem Glase die Urwaldregion von den höher liegenden Zedern- und Bambuswäldern unterscheiden. Aus den ganz unten liegenden Bananenhainen steigt der Rauch aus einigen Negeransiedlungen empor. Im Westen, nur wenige Stunden von uns entfernt, ragt der dunkel bewaldete Gebirgsstock des Rascha-Rascha empor; in scharfen Linien hebt er sich vom Horizonte ab. Nach Süden zu liegt die große offene Masaisteppe vor uns, aus der in weiter Ferne einige Höhenrücken emporsteigen. Die am Meru-Berge wohnenden Waruscha ziehen mit ihren Viehherden, von der Weide kommend, nach den im Urwald liegenden Behausungen. Eine feierliche Abendstimmung liegt über allem; der rote Sonnenball taucht allmählich am Horizonte unter, und nach einer kurzen Dämmerung senkt sich die Nacht herab. Es wird merklich kühl, und die Grillen und Frösche beginnen ihr nächtliches Konzert.

Für die Entbehrungen, die man mit in Kauf nehmen muß, wird hier der Naturfreund aufs reichlichste entschädigt. Täglich gab es Neues und Interessantes zu beobachten. Die Vogelwelt zeigte fast gar keine Scheu vor uns. Goldgrün schillernde Nektariniden (Honigsauger) kamen dicht an das Haus heran, um aus den Blumenkelchen den süßen Saft zu saugen; unzählige, buntgefärbte Bienenfresser haben ihre Brutplätze in den Uferböschungen des Flusses. In einem Baume dicht am Hause hatte eine Kolonie Webervögel Hunderte von Nestern gebaut und waren eifrigst dabei, ihre Nachzucht zu pflegen. Bachstelzen, Schwalben und Störche erinnern uns an die deutsche Heimat. Zwischen den Pferden und Rindern stolzieren Trappen und Schlangengeier herum, und man kann bis auf wenige Meter an sie herangehen; denn sie wissen, hier wird ihnen nichts zuleide getan. Scharenweise treiben sich am Gewässer unter lautem Gekreische die Kiebitze herum. Natürlich fehlen auch die gefiederten Räuber nicht. Ständig umkreisen Sperber, Habichte, Milane und weißnackige Raben unseren Hühnerhof, aber ohne Erfolg, denn der Kückenhof ist mit Drahtgeflecht überdacht. Große Scharen buntgefärbter Körnerfresser verheeren die Weizenfelder. Zur Reifezeit müssen fortwährend Feldwachen tätig sein, um die Vögel zu verscheuchen. In den reifenden Kulturen stellen sich aber auch bald vierbeinige ungebetene Gäste ein. Ein Paar Stachelschweine kamen regelmäßig nachts in den Kartoffelacker. Obwohl ein großes Kartoffelfeld vorhanden war, suchten sie sich gerade die beiden Reihen aus, wo ich eine bestimmte, importierte Sorte gepflanzt hatte. Alles Fallenstellen war vergeblich; beinahe hatten sie mir schon die wertvolle Aussaat vernichtet, als ich als letztes Mittel den Selbstschuß versuchte. Gleich in der ersten Nacht brachte sich ein Stachelschwein selbst zur Strecke und wurde von meinen Wanyamwesi-Negern am nächsten Morgen gebraten und verspeist. In der darauffolgenden Nacht fiel abermals ein Schuß, und ich freute mich schon, daß ich am nächsten Morgen den zweiten Übeltäter finden würde; aber zu meinem Erstaunen sah ich, daß ein Schakal das Pech gehabt hatte, sich in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Höchstwahrscheinlich hatte er sich durch den Schweiß des erlegten Stachelschweines anlocken lassen, wobei er mit seinem Fange die Abzugsleine berührt und so den tödlichen Schuß ausgelöst hatte. Die am Fluß hausenden Wildschweine hatten auch bald die Maisfelder ausgefunden und richteten an dem beinahe reifen Mais großen Schaden an. Diesen Tieren steht man fast machtlos gegenüber. Gute Hunde und Wächter mit Blechtrommeln sind wohl noch die besten Abwehrmaßregeln. Gegen kleineres Raubzeug, das es hauptsächlich auf das Geflügel abgesehen hatte, wie Ichneumons (Pharaonsratte), Bandiltisse, Schakale usw. bewährten sich die Kastenfallen ausgezeichnet. Sogar zwei Dachse hatten sich einmal darin verirrt. Die Abteilungen für das Kleingetier begannen sich allmählich zu füllen. Dazu brachten die Schwarzen aus dem nahen Urwald braune Meerkatzen, die hier am Meruberg sehr zahlreich auftreten, sowie Erdhörnchen, Stachelschweine, Igel, silberglänzende Wurzelratten und viele Vögel.

In den Volieren vollführte die buntgefiederte Vogelwelt ein nicht gerade angenehmes Konzert. Klangvolle Stimmen und liebliches Gezwitscher wurden durch Gekrächze, Gekreisch, Geschrei und alle möglichen anderen Tierstimmen übertönt. Vögel von prachtvollster Farbentönung bis zum einfachen Grau flatterten, kletterten und liefen in den Käfigen bunt durcheinander, darunter grüne Turakos, weißnackige Raben, Glanzstare, kleine und große Waldtauben, Webervögel aller Arten, dazwischen der rote Feuerweber, graue Mausvögel, Witwenvögel, große Hornraben, Ibisse, Sporengänse, Frankoline und viele andere mehr.

Kleine erfolgreiche Tierfangzüge in unmittelbarer Umgebung der Farm lieferten auch bald Bewohner für die Großtiergehege. Giraffen, Zebras, Oryxantilopen, Ried- und Buschböcke, alte und junge Strauße bevölkerten nach und nach die eingegatterten Flächen. Hinter dem Hause, in einem buschigen Gelände, hatten mehrere Rudel Riedböcke ihren Standplatz. Einer dieser Böcke hatte herausgefunden, daß in unserem Gehege eine zahme Ricke gehalten wurde. Fast jede Nacht kam er an das Gitter und suchte durch laute Pfiffe das Weibchen an sich zu locken. Ich ließ das völlig zahme Weibchen, das mit der Flasche aufgezogen worden war, zuweilen auch außerhalb des Geheges äsen, und eines schönen Tages war es mit seinem Kavalier auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

An dem angelegten Rieselgraben hatte ein Nashorn eine neue Tränkestelle gefunden. Seiner Fährte folgend, fand ich einige Kilometer vom Hause entfernt in einem dichten Busch mehrere dieser Dickhäuter vor. Ich ließ die Tiere in Ruhe, in der Hoffnung, daß sie mir fangbare Junge liefern würden. Die Rhinozerosse haben sich auch wenig um uns bekümmert, und 1914 waren sie noch alle vorhanden.

Vor dem Hause dehnten sich die 1½ Kilometer langen und 100 Meter breiten Laufkrale der Strauße aus, die bereits von 30 Stück dieser Riesenvögel bevölkert waren, welche ich schon früher von einem Farmer übernommen hatte. Sie waren ganz zahm und zutraulich. Wenn die Arbeiterglocke ertönte, kamen die Strauße in vollem Laufe herangerannt, denn sie wußten ganz genau, daß dies gleichzeitig ihr Signal zum Füttern war. Jeder Strauß erhielt pro Tag (abgesehen von der Nahrung, die er sich tagsüber auf der Weide suchte) als Zugabe noch einige Pfund Kraftfutter, wie Mais, Getreide usw.

Eine Straußenzucht rentabel zu betreiben, ist durchaus keine leichte Sache. Der Strauß wird nur seiner Federn wegen gezüchtet, die einen hohen Handelswert besitzen. Die schwarzen und weißen Federn stammen von den Hähnen, wohingegen die Hennen graue Federn liefern. Verwertet werden in erster Linie die an Flügeln und Stoß sitzenden großen Schmuckfedern. Die Federn der wilden Strauße stehen an Schönheit und Güte weit hinter denen ihrer zahmen, hochgezüchteten Verwandten zurück.

Am erfolgreichsten ist die Straußenzucht bis jetzt in Südafrika betrieben worden, jedoch bin ich der Ansicht, daß im Laufe der Jahre bei richtiger Zuchtwahl der an und für sich schöne und große ostafrikanische Strauß (~Struthio masaicus Neumann~) sich zu einem konkurrenzfähigen Federlieferanten heranziehen läßt. Unkenntnis in der Aufzucht und Behandlung der Vögel haben wohl dazu beigetragen, daß viele ostafrikanische Farmer der angefangenen Straußenzucht wieder überdrüssig wurden. Es würde weit über den Rahmen dieses Buches hinausgehen, wenn ich hier eine längere Abhandlung über den rationellen Betrieb einer Straußenfarm schreiben wollte. Es liegt über dieses Thema bereits eine gute und ziemlich umfangreiche Literatur vor, so daß ich mich darauf beschränken kann, einige maßgebende Gesichtspunkte hervorzuholen.

Der Strauß bedarf zu seinem Wohlergehen großer geräumiger Gehege, auf denen er dieselbe Nahrung findet, wie sie ihm die freie Steppe bietet, also vor allen Dingen genügend Grünfutter. Sodann muß der Boden reichlich kleine Steinchen enthalten, die der große Vogel zur Förderung seiner Verdauung gern aufnimmt, wovon man sich bei der Sektion eines Straußenmagens immer wieder überzeugen kann. Auch sonstige Fremdkörper, wie z. B. kleingehackte Knochen oder Muscheln, werden von den Vögeln gern verschluckt. Sehr wichtig ist es ferner, daß die Strauße in ihren Laufkralen Gelegenheit zu Sandbädern haben, die zur Erhaltung ihrer Gesundheit unbedingt erforderlich sind. Auch sonst muß man auf letztere ein wachsames Auge haben und den Tieren öfters Medikamente verabfolgen, da sie häufig von Schmarotzern, namentlich von Eingeweidewürmern geplagt werden. Gegen Nässe sind sowohl die ausgewachsenen Strauße als auch die Kücken außerordentlich empfindlich. Bei drohendem Gewitterregen, welche hier ganz plötzlich auftreten, hatte meine Frau, die mir die Sorge für das Federvieh abgenommen hatte, stets alle Hände voll zu tun, um die Tiere schleunigst unter Dach und Fach zu bringen. Über die Fütterung habe ich schon oben gesprochen, möchte aber noch ergänzend bemerken, daß neben dem erwähnten Kraftfutter vor allem Luzerne eine wichtige Rolle bei der Ernährung spielt, welche Futterpflanze namentlich für die gedeihliche Entwicklung der Kücken unentbehrlich ist. Für Straußenzüchter ist also die Anlage großer Luzernefelder eine ~conditio sine qua non~. Die Gesamtfuttermenge, welche man einem ausgewachsenen Strauß täglich verabreichen muß, kommt der Tagesration eines Pferdes gleich. Wie man hieraus ersieht, läßt sich der Betrieb ohne ein genügendes Anlagekapital nicht durchführen.

Im vierten Jahre erreicht der Strauß die Geschlechtsreife. Rückt die Paarungszeit heran, so werden die für die Nachzucht bestimmten Vögel in besonderen Abteilungen untergebracht, und zwar gesellt man einem Hahn 2-3 Hennen zu. Bei ersterem verfärben sich Hals und Ständer in ein schönes hellfarbiges Rot, und dumpf rollend und dröhnend läßt er seinen weithin hörbaren Balzruf ertönen. Die Hennen legen die Eier in ein gemeinschaftliches Nest. Das Brutgeschäft wird von beiden Geschlechtern ausgeführt. Nach etwa sechs Wochen schlüpfen die Kücken aus. Ihre Aufzucht ist keine leichte Sache. Sie bedürfen sorgfältigster Pflege und Aufsicht, sind aber sehr zutraulich und bereiten ihrem Züchter viele Freude. Stundenlang kann man zusehen, wie die hühnergroßen, schwarzgelb gefärbten Tierchen in ihrem stacheligen Kleid im Luzernefeld die Blätter abzupfen. Schnell wachsen die jungen Vögel heran, und nach etwa sechs Monaten sind sie schon imstande, die ersten Federn zu liefern, die aber nur einen geringen Handelswert besitzen.

Über die Federnernte, das Endziel der ganzen Bemühungen, ist kurz folgendes zu bemerken: Bei guter Pflege und Fütterung können die Federn alle sechs Monate geschnitten werden. Zu diesem Zwecke werden die Strauße in ein kleines Gehege getrieben, dort einzeln herausgegriffen und bekommen dann einen Strumpf oder Kapuze über den Kopf gezogen, die ihnen die Augen verdeckt. Sodann wird der Vogel in ein dreieckiges Gestell geschoben und festgehalten; die Flügel hängen über das Gestell hinaus, und die reifen Federn, welche man an den harten, trockenen Spulen erkennt, werden mit einer Schere abgeschnitten. Nach 4 bis 6 Wochen muß sich der Strauß diese Prozedur nochmals gefallen lassen, und jetzt werden ihm die vertrockneten Spulen, soweit er sie noch nicht selbst herausgepickt hat, mit einer Zange entfernt, damit die nachwachsenden neuen Federn nicht verkrüppeln. Hierbei muß man äußerst vorsichtig zu Werke gehen, und das Herausziehen der Spulen ist sofort zu unterlassen, sobald sich noch ein Bluttröpfchen an der Spitze der Kiele zeigt. Gerade Unkenntnis in der Ausübung des Federschnitts kann den Strauß für eine weitere Federproduktion vollständig wertlos machen. Schließlich möchte ich noch bemerken, daß die zur Nachzucht bestimmten Vögel einige Monate vor der Brutzeit ihrer langen Flügelfedern nicht mehr beraubt werden dürfen, da sie ohne dieselben das Brutgeschäft nur noch schlecht ausführen können.

Nach und nach waren weitere europäische Zuchttiere eingetroffen, und zwar: Schweine, Pferde, Esel zur Maultierzucht sowie zwei Bullen und zwei Kühe der bekannten Zebukreuzung von der kaiserlichen Domäne Cadinen. Füllen, Kälber und junge Esel freundeten sich derart mit Gnus und Elenantilopen an, daß sie gemeinsam auf die Weide getrieben werden konnten. Es gab sehr interessante Bilder, die afrikanischen und europäischen Haustiere friedlich neben dem eingefangenen Wilde weiden zu sehen oder sie in ihren munteren tollen Sprüngen und Spielen zu beobachten.

Durch den ständigen Umgang mit dem Menschen gewöhnen sich die Tiere bald an diesen, verlieren ihre Furcht und Scheu und werden sogar anhänglich. Die Grundbedingung hierfür ist eine ruhige, liebevolle Behandlung, durch welche der Pfleger sich in erstaunlich kurzer Zeit die Zuneigung der Tiere erwirbt, die ihn bald von anderen Personen zu unterscheiden wissen. Ein Füllen und eine junge Elenantilope, die unzertrennlich Freundschaft geschlossen hatten, verfehlten nie, morgens und abends an die Tür des Wohnhauses heranzukommen, um sich einen Leckerbissen abzuholen. Die jungen Nashörner waren natürlich bedeutend frecher; sie kamen ungeniert in das Haus, und wehe, wenn meine Frau nicht da war, um ihnen ein Stück Zucker zu verabfolgen. Stühle und Tische wurden einfach umgestoßen, und dabei ging einmal unsere einzige Tischlampe in Brüche. Meine Hunde waren mit allen Tieren vertraut und ließen sie ruhig gewähren.

Eine solche Aufzucht ist mit einer Kinderstube zu vergleichen. Große Sorgfalt, Umsicht und Verständnis sind erforderlich, um den Tieren ihre Freiheit zu ersetzen und sie am Leben zu erhalten. Jedes Stück muß individuell nach seinem Charakter und seinem Futterbedürfnis behandelt werden. Soviel wie möglich werden vorerst den Tieren ihre bisherigen Lebensbedingungen gelassen, um sie nach und nach an ein anderes Futter zu gewöhnen, das man auch auf die Reise mitnehmen kann. Nur auf diese Art und Weise ist es möglich, gesundes und lebenskräftiges Material für die zoologischen Gärten heranzuziehen.

[Illustration: ~Strauße im Gehege~]

[Illustration: ~Straußenküken~]

[Illustration: ~Strauße auf der Farm, Struthio masaicus (O. Neumann)~]

Trotz der harten Arbeiten und Entbehrungen der ersten Monate verminderte sich unsere Begeisterung für das herrliche Stück Erde nicht. Der fruchtbare Lavaboden brachte reiche Erträgnisse. Ohne Dünger gediehen alle europäischen Gemüse, wie Kartoffeln, verschiedene Kohlarten, Salate, Karotten, Radieschen, Gurken, Melonen, Kürbisse, Tomaten, Rhabarber, Erdbeeren, Bohnen und Erbsen aufs prächtigste und in solcher Fülle, daß ich den Bedarf für uns und den Tierbestand aus den Erträgnissen der eignen Kulturen reichlich decken konnte. Ferner wurden Fruchtbäume, wie Pfirsiche, Baumtomaten, Feigen, Apfelsinen, Zitronen, Mandeln, Kapstachelbeeren, Äpfel- und Pflaumenbäume, Weinstöcke und Bananenstauden angepflanzt. Die Gehege und Wege ließ ich mit schattenspendenden Bäumen, wie Gerbakazien, Eisenholzbäumen, Eukalyptus u. a. m. bepflanzen. Die Gebäude wuchsen aus dem Boden, und zu Pfingsten siedelten wir vom Zeltlager in unser Wellblechwohnhaus über.

Nach und nach hatte ich mir einen Stamm schwarzer Arbeiter herangezogen. Am brauchbarsten für Land- und Farmarbeiten erwiesen sich die Wasukumaleute, dagegen fand ich unter den Wameru ganz intelligente Menschen, die sich für den Umgang mit den Tieren gut eigneten, trotzdem sie sonst unzuverlässig und faul sind.