Part 7
Alle diese Bedingungen können nur von gewissenhaften Leuten durchgeführt werden, und vor allen Dingen ist eine große Tierliebe erforderlich. Nur durch Güte und mit Ruhe gewöhnt man diese Sprößlinge der Wildnis an sich. Wenn man dabei einmal einen Schlag oder einen Tritt abbekommt, so darf man keinesfalls etwa mit der Nilpferdpeitsche dem Tiere gegenübertreten und es strafen oder es roh behandeln. Leute, die so handeln, sind nicht zum Tierfang und zur Zähmung zu gebrauchen. Große Beihilfe in der Pflege der Tiere fand ich in meiner Frau, die während meiner Abwesenheit die Pfleglinge treu versorgte und keine Mühe und Arbeit scheute. Ihr habe ich es zum großen Teil zu verdanken, daß ich so große Erfolge bei der Aufzucht der Tiere hatte und es mir deshalb vergönnt war, die ersten deutsch-ostafrikanischen Giraffen, Oryx- und Elenantilopen, Erdferkel und viele andere Vertreter der dortigen Fauna mehr, lebend und gesund nach Deutschland zu bringen.
Der Giraffenfang, wie ich ihn eben geschildert habe, verläuft natürlich nicht immer so glatt und programmäßig. An Reiter und Pferd werden große Anforderungen gestellt. Die Schnelligkeit der Pferde genügt noch nicht allein. Dieselben müssen auch mit dem Wilde vertraut sein und den Geruch der Giraffen vertragen können. Manche Pferde sind absolut nicht an Giraffen heranzubringen. Gewandtheit und Geistesgegenwart dürfen den Reiter bei einem derartigen tollkühnen Ritt keinen Augenblick verlassen, denn der Boden bietet dort viele Hindernisse. Umgestürzte Bäume, Büsche mit Schlinggewächsen, Dornen, Erdferkellöcher, Baue der Steppenschliefer (~Heterohyrax mossambicus Ptrs.~) und dergleichen mehr können das Pferd leicht zum Sturz bringen. Auf meinen Jagden bin ich selbst im vollen Galopp viermal mit dem Pferde koppheister gegangen, ohne glücklicherweise ernstlichen Schaden zu nehmen. Hinter einer Giraffe im hohen Grase herjagend, stürzte einmal einer meiner Begleiter kaum fünf Meter vor mir. Sein Pferd war mit den Vorderbeinen in ein Erdferkelloch geraten, überschlug sich, und Pferd und Reiter kollerten am Boden. Ehe ich mein Pferd abwenden konnte, sprang es in gewaltigem Satze über beide hinweg. Der Gestürzte blieb wie tot am Boden liegen. Nach einigen Minuten brachte ich ihn wieder zur Besinnung. Zum Glück konnte ich feststellen, daß er ohne schwere Verletzungen davongekommen war. Anstatt eine Giraffe hieß es nun sein scheugewordenes Pferd einfangen. Nach vierzehntägiger Pflege war mein Begleiter wieder so weit hergestellt, daß der Fang von neuem beginnen konnte. Ein anderes Mal war ich selbst der Leidtragende. Ich jagte mit dem Pferde hinter einem jungen Gnu. Den Lasso schon zum Wurf bereithaltend, flüchtete plötzlich das Tier über eine Steppenschlieferkolonie. Mein Pferd setzte über mehrere Löcher hinweg, brach aber mit beiden Vorderbeinen auf einmal in den Boden ein, so daß es regelrecht auf den Kopf zu stehen kam und sich überschlug. Hierbei wurde ich im Bogen aus dem Sattel geschleudert. Glücklicherweise schlug das Pferd nach der anderen Seite um. Der Sturz lief noch soweit gut ab; außer schweren Knieabschürfungen kam ich mit dem Bruche des rechten Mittelhandknochens davon. Wieder ein anderes Mal passierte es, daß Roß und Reiter in eine alte, von Eingeborenen angelegte Nashorngrube gerieten und beide so festgeklemmt saßen, daß sie buchstäblich ausgegraben werden mußten. Nicht allein Bodenhindernisse bereiten Schwierigkeiten, sondern auch Bäume mit herabhängenden Ästen können den Reiter leicht vom Pferde streifen; auch die mit Hackedorn und Sansivieren bestandenen Gelände erschweren den Fang ganz außerordentlich.
Ist man in ein Giraffenrudel hineingeritten, so heißt es sich sehr vorsehen, um von den gigantischen Tieren nicht überrannt zu werden. Zu Pferde sitzend kommt man sich neben einer ausgewachsenen Giraffe wie ein Zwerg vor. Bei einem Ritt in ein Rudel passierte es mir einmal, daß ich an die Seite eines alten 18 Fuß hohen Bullen kam, der neben mir dahinstürmte. Ich versuchte an dem Riesen vorbeizukommen, da bog der Bulle plötzlich seitwärts aus und streifte mich mit seinem langen Hals beinahe vom Pferde; nur durch ein schnelles Ducken und indem ich mich an Sattel und Mähne festhielt, blieb ich oben. Dazu erhielt mein Pferd von dem Vorderlauf der großen Giraffe einen Schlag auf die Hinterhand, daß es beinahe zusammenbrach.
Ich kann mich zu den wenigen Europäern rechnen, die es unternommen haben, Giraffen zu Pferde einzufangen. Wohl nur wenige Tierfänger werden auch in der Zukunft solche Fangzüge ausführen können, denn in den meisten anderen Gegenden, wo Giraffen zahlreich vorkommen, herrscht die Tsetse-Plage, die eine Jagd mit Pferden unmöglich macht.
Aus diesen kurzen Schilderungen wird der Leser ersehen, daß beim Fang lebender Tiere ganz andere Faktoren in Frage kommen als bei der Jagd mit der Büchse, für welche ich, soweit Giraffen dabei in Frage kommen, überhaupt nicht viel übrig habe. Ich halte es für keine große Tat, eine Giraffe aus purer Mordlust zu erlegen, und ich habe es auch nie übers Herz gebracht, meine Büchse auf dieses vornehme und harmlose Wild zu richten, obwohl ich jahrelang den großen Jagdschein besaß und somit das Recht hatte, jährlich zwei dieser Tiere abzuschießen. Für mich gibt es keinen größeren Genuß, als das Wild in der Freiheit zu beobachten, junge Tiere lebend und unversehrt in meinen Besitz zu bekommen, sie zu pflegen und aufzuziehen, damit sie in den zoologischen Gärten der Wissenschaft und der Förderung der Volksbildung solange als möglich erhalten bleiben können. Leider sind die Giraffen in den meisten zoologischen Gärten in so enge Gehege eingepfercht, daß der Beschauer ihre eigenartigen, natürlichen Bewegungen wohl kaum zu Gesicht bekommt. Die Folge davon ist, daß die Tiere mangels Bewegungsfreiheit verkommen. Wer in Ostafrika auf unserer Tierzuchtfarm die Giraffen in den großen ausgedehnten Gehegen bei ihren Spielen und Sprüngen bewundern konnte, dem werden diese Bilder unvergeßlich in der Erinnerung bleiben. Wohl manchem Direktor eines zoologischen Gartens würden vor Schreck, die wertvollen Tiere könnten bei ihrem tollen Spiel Hals und Beine brechen, die Haare zu Berge gestanden sein.
Einen unvergeßlichen Anblick gewährt es, ein Giraffenrudel durch die freie Steppe mit donnerndem Gepolter über den von der Sonne hartgebrannten Boden flüchten zu sehen. In mehreren meterweiten Sätzen, dabei den langen Hals wellenförmig auf und nieder senkend, sausen die Riesen dahin. Durchqueren sie ein niedriges Buschgelände, so wird man unwillkürlich an Boote erinnert, die auf wellenbewegter See auf und nieder schaukeln.
Viele Abbildungen, die mir zu Gesicht gekommen sind, zeigen die flüchtende Giraffe mit ausgestrecktem Wedel. Dies ist grundfalsch. Ich habe stets beobachtet und genau festgestellt, daß die sich zur Flucht wendende Giraffe zuerst ihren, unten mit einer langen schwarzen Haarquaste versehenen Wedel fest seitwärts auf ihre Hinterkeule legt und denselben während ihrer Flucht dort festhält. Nie habe ich bemerkt, daß eine Giraffe auf der Flucht mit dem Schwanze peitschend um sich schlägt, wie zum Beispiel die Gnus es tun. Oft bin ich beim Fange minutenlang neben flüchtenden Giraffen geritten, und immer hatten die Tiere, und selbst ihre Jungen, den Wedel fest auf den Oberschenkel gepreßt.
In vorliegendem Abschnitt sind einigemal Erdferkellöcher erwähnt worden. Diese für den Reiter so gefährlichen Löcher werden von einem Tiere bewohnt, dem sogenannten Erdferkel (~Orycteropus wertheri Mtsch.~) -- siehe Bild --, das trotz seines Namens absolut nichts mit einem Ferkel zu tun hat, sondern zur Ordnung der zahnarmen Tiere (Edentaten) gehört. Das mausgrau gefärbte Erdferkel ist dünn behaart, besitzt große löffelartige Ohren, einen starken langen Schwanz und erreicht ein Gewicht bis zu 200 Pfund. In der rüsselartigen langen Schnauze befindet sich eine wurmartige, weit hervorstreckbare Zunge. Das Erdferkel ist ausschließlich ein Nachttier und Höhlenbewohner. Die außerordentlich stark bekrallten Vorderfüße ermöglichen es dem Tiere, sich schnell in die Erde zu vergraben und auch in die fast steinharten Termitenhaufen einzudringen, deren Bewohner seine Hauptnahrung bilden. Mit der langen schleimigen Zunge leckt es in den zertrümmerten Bauen der Termiten herum, wobei die Insekten an der Zunge kleben bleiben. Eigentümlich an dem Tiere ist auch sein charakteristischer Mäusegeruch. Es vermag sich nur mit den krallenbewachsenen Vorderbeinen zu verteidigen, ist aber sonst ein sehr harmloses Tier. Zu beißen vermag es überhaupt nicht, da es keine Zähne, sondern nur einen Schmelz besitzt. Die Schnauze kann es nur ganz wenig öffnen. Tagsüber ruht das Tier tief in seinem Bau versteckt und kommt erst nach Einbruch der Dunkelheit zum Vorschein. Es ist aus seinem Bau sehr schwer herauszugraben, da es sich, will man seiner habhaft werden, immer tiefer einbuddelt. Jedoch gelang es mir, einen Vertreter dieser Spezies in meinen Besitz zu bekommen und es lebend und wohlbehalten nach Europa zu bringen. Die Pflege und Wartung ist nicht so schwierig, da das Tier Milch, rohe Eier und feingeschabtes Fleisch gern aufnimmt. Zur Wohnung muß es einen Kasten mit zwei Abteilungen bekommen, von denen eine, seiner nächtlichen Lebensweise entsprechend, vollkommen dunkel gehalten sein muß. In der Mittelwand befindet sich in halber Höhe ein großes Loch, das dem Bewohner ermöglicht, in die Futterabteilung zu gelangen. Pünktlichkeit und Sauberkeit müssen am Platze sein; das Futter wird abends und morgens dem Tiere vorgesetzt und darf auf keinen Fall so lange stehen, daß es säuert. Daß das Erdferkel so selten in unsere zoologischen Gärten gelangt, liegt wohl zum größten Teil an der Unkenntnis in der Futterpflege.
Genau dieselbe Pflege und Behandlung erfordern die zu derselben Ordnung gehörenden Schuppentiere (~Manis temmincki Smuts~). Auch diese habe ich mit der gleichen Futtermethode gesund und wohlbehalten nach Europa gebracht.
Schon nach wenigen Tagen waren wir im Besitze zweier junger, kräftiger Giraffen, die bereits eine Höhe von drei Metern aufwiesen. Wir verlegten jetzt unser Standlager etwa 30 Kilometer näher der Bruchstufe zu. Nachdem wir unsere Beobachtungsposten auf erhöhten Hügeln eingenommen hatten, begann für uns die Arbeit von neuem. In dieser Gegend stellte ich das besonders häufige Auftreten der Giraffengazelle (~Lithocranius walleri Brooke~) fest. Durch das Glas sah ich oft Rudel von 5-8 Stück an einem Busche äsen. Hierbei stellen sich die Tiere in possierlicher Weise auf die Hinterläufe, um mit dem langen ausgestreckten Hals die hochsitzenden Blätter zu erreichen. Die Giraffengazelle ist eine mittelgroße, sehr schlank gebaute Antilope. Nur die Männchen tragen Hörner, welche stark geringelt und leierförmig gewunden sind. Die Tiere kommen vorzüglich in der dornbewachsenen Steppe vor. Sie sind äußerst flink und gewandt und deshalb nicht mit dem Pferde einzufangen. Später, im Jahre 1914, gelangte ich im Somalilande doch in den Besitz einiger Giraffengazellen. Leider verhinderte mich der Ausbruch des Krieges, dieselben nach Europa zu bringen. Der Stellinger Tierpark kann sich rühmen, die so seltenen Gazellen schon im Besitz gehabt zu haben.
[Illustration: ~Schwieriger Flußübergang, Kikafu~]
[Illustration: ~Durchquerung des Kikafu mit Ochsenfuhrwerk~]
Nachdem wir das Standlager noch einige Male verlegt hatten, stellten wir den weiteren Fang von Tieren ein. Wir waren bereits im Besitze von acht Giraffen, und ich konnte mit dem Resultat wohl zufrieden sein. Natürlich konnte das anstrengende Jagen nicht täglich ausgeführt werden, die Pferde mußten ab und zu ihre Ruhetage haben und auch die Witterungsverhältnisse machten uns mitunter einen Strich durch die Rechnung. Namentlich möchte ich der hier so häufig mit großer Stärke auftretenden heftigen Gewitterstürme Erwähnung tun. Besonders eine Nacht wird mir nicht aus der Erinnerung kommen. Wir hatten eine frisch gefangene Giraffe in unser provisorisch hergerichtetes Lager eingebracht, als bei Einbruch der Dunkelheit ein furchtbares Gewitter losbrach. Es folgte Schlag auf Schlag, die ganze Gegend schien von den zuckenden Blitzen wie in ein Flammenmeer gehüllt. Um das junge Tier zu schützen, holte ich es schnell entschlossen aus dem noch ungedeckten Kral, fesselte es und legte es unter das Sonnensegel vor dem Zelt. Ich mußte mit einigen Schwarzen die ganze Nacht hindurch den Kopf der Giraffe festhalten, damit das geängstigte und zitternde Tier, welches sich natürlich zu befreien versuchte und mit dem langen Hals hin und her schlug, sich nicht verletzte. Das furchtbare Gewitter in Begleitung von wolkenbruchartigen, kalten Regengüssen hielt an und wollte nicht weichen. Mit Sehnsucht erwartete ich den Anbruch des Morgens, denn meine beiden weißen Begleiter lagen im Innern des Zeltes krank darnieder. Der eine hatte einen schweren Fieberanfall, während der andere an einer Vergiftung litt, die er sich dadurch zugezogen hatte, daß er unwissenderweise Zitronensäure in seine verzinnte Wasserflasche gegossen und davon getrunken hatte. Endlich ließ das Unwetter nach und der langersehnte Morgen brach an. Der in der Nähe des Lagers befindliche Wassertümpel hatte sich in der Nacht in einen kleinen See verwandelt und überall tummelten sich Sporengänse und Wildenten auf seiner Oberfläche.
Ein andermal wurden wir in der Nähe des Merus von einem heftigen Gewittersturm mit starken Hagelböen überrascht. Wir befanden uns in freiem Gelände. Nirgends auf der weiten Fläche war Schutz zu finden und nur mit großer Mühe vermochten wir die ängstlichen Pferde zu halten. In wenigen Minuten war, so weit das Auge reichen konnte, alles weiß mit Hagel bedeckt. Nach einer Stunde aber war die Winterlandschaft verschwunden und die Sonne schien wieder warm auf uns durchfrorene Reiter herab.
Die Ruhetage der Pferde verbrachten wir mit der Jagd. Gewöhnlich pirschten wir auf einige Stunden in der Umgebung des Lagers umher. Bei einem solchen Pirschgang sahen wir uns plötzlich einem kapitalen Nashornbullen gegenüber. Derselbe machte Miene, uns anzunehmen, und es gab kein Ausweichen mehr. Ein wohlgezielter Kopfschuß ließ ihn auf der Stelle verenden. Die herbeigeeilten Schwarzen zerwirkten die unerwartete Beute und das Wildbret wurde ins Lager gebracht. Ich begnügte mich mit den Hörnern als Jagdtrophäe, aber auch eine Suppe aus Nashornfleisch verschmähte ich nicht. Ein solches Gericht aus würfelförmig geschnittenen Fleischstückchen wird ohne Wasserzugabe mit Zwiebel, Pfeffer und Salz gedämpft. Genossen wird nur die Brühe, die ich vorzüglich fand. Die ausgedämpften Fleischstücke sind zu zähe. Dagegen schmeckt das Fleisch der am Feuer gerösteten Rippen ausgezeichnet.
Nun erwartete mich eine weitere mühselige Arbeit. Die Tiere mußten aus den zerstreut liegenden Kralen geholt werden, um sie alle auf der Farm, dem Ausgangspunkt der Expedition, vorläufig unterzubringen. Zu diesem Zwecke begab ich mich mit einigen Schwarzen zu dem am weitesten abgelegenen Kral bei Engaruka an der Bruchstufe, um die beiden dort befindlichen Giraffen abzuholen. Die Tiere befanden sich daselbst unter der Aufsicht einiger Masais. In Engaruka angekommen, konnte ich wieder einmal deutlich sehen, was es heißt, gefangenes Wild unter der Obhut von Schwarzen zurückgelassen. Obwohl sechs Kühe genügend Milch lieferten, so sahen die Tiere recht mager und heruntergekommen aus, desto wohlgemästeter aber waren ihre schwarzen Wärter. Anstatt die Milch den Giraffen zu geben, hatten sie es für besser befunden, sie selbst zu trinken. Die Masais sind zwar tüchtige Viehzüchter und große Haustierfreunde, für Wild aber haben sie gar kein Interesse. Ich machte mich daran, den Giraffen Halfter anzulegen, was begreiflicherweise die scheuen und ängstlichen Tiere sehr erregte. Sie schlugen dabei mit ihren Vorder- und Hinterläufen derart um sich, daß es gar manchen Schlag und Tritt absetzte.
Es ist keineswegs leicht, gehalfterte Giraffen zu führen, da sie bald hartnäckig stehen bleiben, bald langsam trotten und manchmal zum rasenden Galopp ansetzen oder gar kehrtmachen und zurücklaufen. Man hat dabei seine Mühe und Not, in der wegelosen Steppe die Richtung einzuhalten. Für die kurze Strecke von 10 Kilometer brauchten wir einen ganzen Tag. Die folgende Nacht mußten wir wohl oder übel unter freiem Himmel verbringen und die Tiere an den Leitseilen festhalten.
Bei Anbruch des Morgens ereignete sich noch ein heiterer Zwischenfall. Ein Teil meiner Leute hatte sich todmüde um das Lagerfeuer am Boden zur Ruhe hingestreckt. Ich hielt mit den übrigen Schwarzen die Giraffen, welche in kurzer Entfernung vom Lager ästen, an den Leitseilen fest. Plötzlich ertönte aus dem Lager der Ruf: „Simba! Simba!“ (Löwe! Löwe!). Noch nie habe ich schlafende Neger so schnell hochkommen sehen wie an diesem Morgen. Ich sah im Dämmerlicht in der Richtung, wo die Schwarzen hindeuteten, weiter nichts als meinen Hund, der um uns herumstreifte und jetzt wieder in gerader Richtung auf das Lager zulief. Der Hund sah allerdings in den aufsteigenden Bodendünsten bedeutend größer aus, wie er in Wirklichkeit war, und konnte deshalb von einem schlaftrunkenen Neger leicht für einen Löwen gehalten werden. Unter allgemeiner Heiterkeit fing der vermeintliche Löwe an zu bellen und die Sache war aufgeklärt.
Die Morgenkühle ausnützend, zogen wir weiter und erreichten das Lager am Nachmittage. Den beiden Giraffen ließ ich ganz besondere Pflege angedeihen, und zu meiner Freude erholten sie sich bald.
Nachdem wir nach und nach alle gefangenen Tiere zusammengeholt hatten, konnte der Abmarsch zur etwa 60 Kilometer entfernt liegenden Farm beginnen. Auf dem Marsche konnte ich zwei der sonst selten zu Gesicht kommenden Honigdachse (~Mellivora sagulata Hollister~) beobachten. Ich war vom Pferde gestiegen und suchte einen Lagerplatz für die nachkommende Karawane. Da hörte ich in allernächster Nähe ein eigentümliches Geknurre und sah, wie sich zwei afrikanische Vettern unseres heimischen Grimmbartes balgten. Anscheinend befanden sie sich in der Ranzzeit. Es war höchst interessant, diese auf den Rücken hellgrauen, an den Seiten mit weißen Längsstreifen versehenen Tiere bei ihrem Spiele zu beobachten. Indessen kam mein Begleiter heran und ich machte ihn auf die beiden Dachse aufmerksam. Kaum hatte er die Tiere erblickt, da rief er mir laut zu: „Passen Sie auf, die beißen!“ und sprang auf sein Pferd. Durch dieses laute Rufen wurden die Dachse auf mich aufmerksam und tatsächlich kam der eine auf mich zu. Ich merkte nun, daß die Sache ernst wurde und gab einen Schuß mit Vollmantel auf ihn ab. Die Kugel durchschlug die eine Vorderpranke und die Brust, trotzdem kam er noch einmal auf mich zu, so daß ich ihm noch einen Schuß geben mußte. Inzwischen war der andere herangekommen und machte gleichfalls Miene, mich anzunehmen; auch dieser erhielt einen Schuß, der gleichfalls glatt durchging, jedoch keine tödliche Wirkung hatte. Zum Glück waren inzwischen zwei meiner Hunde herangelaufen, die sich so lange mit den zählebigen Gesellen herumbalgten, bis meine Schwarzen kamen und sie mit Knüppeln totschlugen. Die Buren behaupten, daß jeder Dachs den Jäger ohne weiteres annehme und ihn an der Ferse zu fassen suche, um die Sehnen durchzubeißen. Daher hatte auch mein Begleiter sein Heil in der Flucht aufs Pferd gesucht.
Nach achttägigem Marsch durch die Steppe trafen wir endlich mit all den Tieren wohlbehalten auf der Farm wieder ein. Während der fast zweimonatigen Abwesenheit hatten wir 8 Giraffen, einige junge Zebras, Oryx- und Elenantilopen und verschiedene andere Tiere gefangen. Ich konnte mit dem Ergebnis des Fangzuges wohl zufrieden sein. Wie der Leser aus diesem Resultat ersieht, sind die Giraffen lange nicht so selten, wie häufig in den Büchern geschrieben und auch sonst wohl behauptet wird, zumal ich doch nur ein verhältnismäßig kleines Gelände durchstreifte. Viele Giraffenrudel kamen mir zu Gesicht, die ohne Begleitung von Jungen waren, denn die Giraffen sind Tiere, die nicht an eine bestimmte Paarungszeit gebunden sind und infolgedessen auch keine bestimmte Setzzeit haben.
Die gefangenen Tiere sollten sich von dem überstandenen Marsche erholen, daher ließ ich sie frei in ihren geräumigen Gehegen herumlaufen. Viele meiner Leute, die mich auf dem Fangzug begleitet hatten, wollten in ihre Dörfer zurückkehren und ich mußte sie entlassen. Die neu angeworbenen Wärter waren leider noch nicht mit dem Wilde vertraut und zeigten sogar Furcht vor den Giraffen. Es bedurfte geraumer Zeit, bis diese Neulinge angelernt waren und mit ihren Pflegebefohlenen umgehen konnten.
Als die Tiere sich genügend erholt hatten, gedachte ich den Transport zunächst nach der etwa 150 Kilometer entfernten Station Kahe an der Usambarabahn zu bewerkstelligen, aber heftige Regengüsse verzögerten meine Absicht mehrmals. Die Anzeichen der Regenzeit hatten sich in diesem Jahre etwas verfrüht eingestellt. Trotzdem hoffte ich, den Tiertransport noch bis zur Küste zu bringen. Nun sollte ich aber auch einmal erfahren, daß das Glück wandelbar ist, und wenn mir bisher vieles geglückt war, so mißlang mir diesmal alles. Ich hatte Pech, schwarzes Pech! Welchen Aufwand von Energie, Muskel- und Nervenkraft, welchen Kapitalwert und welches Risiko ein solcher Transport bedingt, wurde mir hier wieder einmal richtig klar.