Chapter 2 of 13 · 3978 words · ~20 min read

Part 2

Die Behörde sandte mir laut Vereinbarung den indischen Elefanten „Futki“ mit seinem Mahut (indischen Wärter) nach Mombasa. Dieser Riese war entschieden das verwöhnteste und kostspieligste Tier unter meinen Schützlingen. Außer 20 Pfund Reis pro Tag verschlang er noch große Mengen von Zuckerrohr und Bananenstauden und brauchte täglich sein Bad. Tagsüber bestreuen sich die Elefanten mit Erde und Sand, um sich gegen die Fliegen zu schützen. Zusammen mit der Hautfeuchtigkeit bilden diese Erde- und Sandteilchen allmählich eine richtige Borke auf der Haut, die durch Wasser und kräftiges Scheuern wieder abgerieben wird. So wurde Futki täglich in Mombasa an einen Brunnen in der Nähe des deutschen Konsulats geführt, dort kniete er nieder: einige Schwarze schöpften Wasser aus dem Brunnen und schütteten es über den Koloß, während der Wärter auf ihm stehend die Haut mit einem Besen richtig abschruppte. Ich hatte für Futki einen günstigen Platz bekommen, und zwar in allernächster Nähe des Aufenthaltsortes meiner Nashörner. Ein mächtiger Mangobaum stand da, an den das große Tier angebunden wurde und wo es Schutz vor der brennenden Sonne fand. Natürlich war der Platz beständig von Gaffern umlagert, besonders von den Indern der niederen Klasse. Nach einem alten indischen Glauben gibt das Durchkriechen unter dem Leib eines Elefanten dem Weibe Fruchtbarkeit. Viele Inder brachten deshalb schleunigst ihre vermummten Weiber herbei und ließen sie unter den Elefanten durchkriechen, so daß beständig ein Unglück zu befürchten war; auch die Elefantenlosung wurde säuberlich von den Indern weggeholt. Wahrscheinlich war auch hier irgendein religiöser Grund mit im Spiel.

Einige Wochen später konnte ich den beiden Nashörnern „Bob“ und „Marianne“ noch einen Stammesgenossen zugesellen, dem sein natürlicher Suaheliname „Kifaru“ (Nashorn) beigelegt wurde. Es war ein junger Bulle und ein wenig kleiner als Marianne. Seine Unterkunft verursachte eine interessante Szene. Der Neuankömmling wurde von Bob und Marianne mit lautem Gepruste begrüßt und zunächst mit einem Angriff beehrt. Nachdem einige tüchtige Rippenstöße als gegenseitige Begrüßung ausgewechselt waren, befreundeten sich die Tiere rasch, und schon am Abend schliefen sie in friedlicher Eintracht nebeneinander.

Es war erstaunlich, wie flink und gelenkig sich die drei Tiere trotz ihres schweren und plumpen Körpers beim Spiele zeigten. Stundenlang ergötzten sich die Besucher an ihrem Treiben. Zu den ständigen Besuchern zählte auch ein Pater aus der benachbarten Missionsstation. Der Hochwürdige trat eines Morgens, als die Wärter nicht zugegen waren, in das Gehege der Nashörner ein, um seine Lieblinge zu besuchen. Auf einmal wandten sich Bob und Marianne schnaubend gegen den verdutzten Herrn, dem nichts anderes übrigblieb, als mit hochgeschürzter Soutane Reißaus zu nehmen. Das Komische des Auftrittes erhöhte sich noch, als der Pater auf dem Wege der Flucht an einem Ehepaar vorbeilief, auf welches nun die beiden Nashörner zustürzten. Der zärtliche Ehemann ergriff mit seinen langen Beinen schleunigst die Flucht und ließ seine Lady stehen, die nichts weiter tun konnte, als ihren grellen Sonnenschirm als Schutz vor sich zu halten. Die herbeieilenden Wärter erschienen gerade noch zu rechter Zeit, konnten die Tiere beruhigen und die Dame aus ihrer peinlichen Lage befreien.

[Illustration: ~„Futki“ der große indische Elefant in Mombasa unter einem Mangobaum~]

[Illustration: ~„Jumbo“ auf seinen Spaziergängen in Daressalam~]

Es war nun die höchste Zeit geworden, die vielen verschiedenen Transportkästen für die Reise nach Hamburg herzustellen. Große Mengen von Nahrungsmitteln aus dem Tier- und Pflanzenreiche mußten für die verschiedenen Tiere beschafft werden. Alles dieses erforderte große Umsicht und war mit vielen Unkosten, Mühe und Arbeit verbunden.

Nach Eintreffen des Überseedampfers „Herzog“ bewegte sich die ganze Karawane nach Kilindini, woselbst die Tiere in ihren bereitgehaltenen Transportkästen auf das Schiff verladen wurden; nur der indische Elefant Futki konnte in seiner Riesenkiste nicht transportiert werden. Er wurde an den Kai geführt und mit einem angelegten Bauchgurt durch einen Kran auf den Leichter hinabgelassen. Der Leichter wurde längsseit des Dampfers bugsiert und auf gleiche Weise wurde hier der große Dickhäuter mittels Schiffswinden an Bord befördert, wo sein Transportkasten bereit stand. Während des ganzen Verschiffungsvorganges saß der indische Wärter auf dem Nacken des Elefanten, um das Tier zu beruhigen. Trotz dieser Vorsichtsmaßregeln ließ sich der Riese die Schwebefahrt nicht ohne energischen Widerstand gefallen. Besonders beim Übernehmen auf den Dampfer, als ihn einige Male die Kranketten unsanft berührten, und er mit dem Kopf gegen die Bordwand stieß, geriet er in Wut und begann ein ohrenbetäubendes Trompeten. Das aufgeregte Tier schlug mit dem Rüssel und mit den Beinen um sich, und es bedurfte der ganzen Geschicklichkeit des Mahuts, ihn einigermaßen zu beruhigen. An Bord wurde dem Elefanten der Bauchgurt abgenommen, worauf er mit großer Mühe in seinen Transportkasten gebracht wurde. An völlige Bewegungsfreiheit gewöhnt, begann der Dickhäuter, sobald der Kasten geschlossen war, mit all seinen ungeheuren Kräften sein Gefängnis zu sprengen. Trotzdem er an Vorder- und Hinterbeinen gefesselt war, und trotz der starken Konstruktion des Kastens, gelang es ihm, seinen Käfig teilweise zu zertrümmern, so daß uns nichts anderes übrigblieb, als das aufgeregte Tier zu befreien und ihm einen isolierten Platz an Deck zu suchen, wo seiner erwachten Zerstörungswut jeder Gegenstand fehlte. Endlich konnte ich aufatmen, denn während des ganzen Verladungsvorganges war ich in beständiger Furcht, daß jemand aus den umdrängenden schaulustigen Fahrgästen von dem erregten Tier verletzt werden könnte.

Jetzt kamen noch die Nashörner zur Verladung. Auch diese waren sehr aufgeregt und gebärdeten sich wie toll in ihren Kästen. Um die Tiere etwas zu beruhigen, wollte ich die beiden schwarzen Wärter bis zur Abfahrt des Dampfers mit an Bord nehmen. Dies stellte sich aber als das schwerste Stück Arbeit der ganzen Verschiffung heraus. Waren die beiden aus dem Innern stammenden Wilden schon von maßlosem Staunen erfüllt, als sie das erstemal das unendliche Meer und die darauf schwimmenden Riesenschiffe sahen, so wollten sie um keinen Preis ein solches Zauberschiff besteigen. Es bedurfte meiner ganzen Überredungskunst und Autorität, um die wie Kinder vor Furcht weinenden Männer ins Boot und auf den Dampfer zu bringen. Vielen Spaß machte uns allen das Benehmen der beiden Masais an Bord. Furcht, Neugierde und Erstaunen wechselten in ihrem lebhaften Mienenspiel. Alles für sie Unbegreifliche, besonders die elektrische Beleuchtung und das einfache Ein- und Ausschalten derselben jagte ihnen eine abergläubische Furcht ein. Nachdem die beiden Schwarzen zum letztenmal ihre Pfleglinge, die Nashörner, gefüttert und beruhigt hatten, entließ ich sie reich beschenkt in ihre Heimat.

Es ist schon schwer auszudrücken, welche Sorgen einem Transportbegleiter auferlegt werden, wenn er die der Wildnis entrissenen Tiere gesund nach Europa bringen will. Ganz abgesehen davon, daß die meisten derselben an ein ihnen fremdes Futter gewöhnt werden müssen, hat das Wild in den nur wenig Raum gewährenden Transportkisten und unter den klimatischen Einflüssen schwer zu leiden. Das Rollen des Schiffes übt auch auf die meisten Tiere seine Wirkung aus. Sie werden seekrank und können durch Nahrungsverweigerung leicht eingehen. Gerade deshalb, weil an den Tieren beim Transport nicht die richtige Sorgfalt und verständnisvolle Pflege angewendet worden ist, sind so manche Exemplare nicht lebend nach Europa gekommen. Auch ich hatte meine liebe Not mit der Aufwartung aller meiner Pfleglinge, bei welcher mir der mitgenommene Mahut und einige Leute eifrigst zur Hand gingen. Manchmal hieß es entschlossen zuzugreifen, um Unheil vorzubeugen. Der Postdampfer „Herzog“ war wirklich wie in eine Arche Noah verwandelt. Außer den Elefanten und Nashörnern waren viele Kästen mit Antilopen, darunter eine prächtige Elenantilope, Busch-, Ried- und Sumpfböcke, ein Kaffernbüffel, Affen, Krokodile, Schlangen, Strauße und Vögel aller Art teils an Deck und teils in den Schiffsräumen untergebracht. Am meisten Sorge machte mir ein Colobusaffe. Diese Affenart ist wegen ihrer Empfindlichkeit gegen Nahrungswechsel äußerst schwierig zu transportieren. Das Tier gelangte aber wohl und gesund in Hamburg an.

Die kritischsten Stunden waren für mich dann, wenn wir einen Hafen anliefen. Der Verkehr und Tumult an Deck, sowie das Rasseln der Winden und Ketten beim Ein- und Ausladen der Frachtgüter versetzte die Tiere stets in große Aufregung. Ich war daher froh, wenn wir wieder auf See waren und die Tiere dann sich allmählich beruhigt hatten. An kleinen Zwischenfällen, teils ernster, teils heiterer Art, sollte es auch auf dieser Fahrt nicht fehlen.

Es gab eine komische Szene, als unsere beiden Elefanten sich beim Morgenspaziergang an Deck einander begegneten. Da der große indische Elefant ein sehr gutmütiges Weibchen war und Jumbo ein junger Bulle, so war keine Feindseligkeit zwischen beiden Tieren zu befürchten. Jumbo näherte sich dem großen Elefantenweibchen und beschnüffelte es, wollte sich aber weiter nicht mit der indischen Gefährtin abgeben. Futki aber schien von der mangelnden Galanterie des jungen Herrn nicht erbaut zu sein, sondern wünschte offenbar nähere Bekanntschaft zu machen; als ihm Jumbo daher die Kehrseite zudrehte, packte Futki ihn mit dem Rüssel am Hinterbein, worauf Jumbo vor Schreck in ein jämmerliches Trompeten ausbrach. Darauf brummte Futki verächtlich und ließ den kleinen Afrikaner laufen. Derselbe nahm Reißaus und wollte nichts mehr von der großen Dame wissen.

Jumbo war auf dem Vorderdeck untergebracht. Die Schiffsmannschaft mußte, um in ihre Räume zu gelangen, jedesmal an ihm vorübergehen. Der Elefant streckte jedem Vorübergehenden zutraulich den Rüssel entgegen, denn er wußte aus Erfahrung, daß jedermann ihm etwas zu geben pflegte. Er wurde auch hier von den Matrosen mit Zuckerstücken, Brot und Früchten reichlich versehen. Eines Tages aber warf ihm ein boshafter Araber ein Stückchen Eis in den aufgesperrten Schlund. Da die kolbenförmige Zunge des Elefanten es ihm unmöglich macht, einen Gegenstand, der einmal zwischen die vorgestreckte Zunge und den Schlund geraten ist, wieder auszuspeien, so mußte Jumbo den Eisbrocken verschlucken und erschrak mächtig durch das unbekannte, vom Eisstückchen erzeugte Kältegefühl. Er merkte sich aber den Missetäter, und eines Morgens, als wir Jumbo etwas herumlaufen ließen, kam ihm gerade der bewußte Araber mit einem Teekessel in den Weg. Jumbo entriß ihm denselben und goß sich ohne weiteres den Inhalt in den Rachen. Der zu heiße Trank verbrannte ihm aber das Maul, und wütend schleuderte er den Teekessel zu Boden. Da er an eine neue Tücke des Arabers glaubte, stürzte er sich wütend auf denselben, und nur dem Umstand, daß der Mann sich blitzschnell auf eine in der Nähe befindliche Treppe flüchten konnte, verdankte er seine Rettung vor dem Rüssel Jumbos. Dieser Vorfall veranlaßte mich, den Elefanten auf dem Achterdeck unterzubringen, damit er nicht ganz verdorben würde und kein weiterer Unfall vorkäme. So gutmütig die klugen Tiere sind, so bösartig können sie durch stetes Necken und Quälen werden. Dabei haben sie ein ganz außerordentliches Gedächtnis sowohl für gute als auch für schlechte Behandlung. Ein anderes Mal hatte ich nach einem recht anstrengenden Tage mich gerade zu Bett begeben, als der Steward mich mit den Worten heraustrommelte: „Kommen Sie schnell, Jumbo ist los und läuft an Deck herum!“ Auf einen solchen Fall vorbereitet, griff ich aus dem Zuckerpaket eine Handvoll Zuckerstücke und brachte ohne Mühe Jumbo, der in den Speisesaal eingedrungen war, auf seinen Platz zurück. Mit Hilfe einiger Leute der Schiffsmannschaft baute ich nun rasch eine Art Kral, um dem Tiere ein wenig Bewegungsfreiheit zu lassen, es aber am Herumlaufen zu hindern. Wir schleppten die schweren Transportkisten der Nashörner, des Büffels usw. heran und stellten sie um Jumbo herum auf, im Glauben, daß sie mit ihrem lebenden Inhalt schwer genug seien, um den Elefant als Zaun zu dienen. Gerade war ich wieder am Einschlafen, als ich zum zweitenmal geweckt wurde. „Jumbo ist wieder los!“ Wieder ging’s an Deck, wo mir Jumbo freudig entgegengrunzte und mir mit Hilfe des zu erwartenden Zuckers wieder gehorsam an seinen Platz folgte. Diesmal wurde er aber mit Tauen gefesselt. Bei diesem Ausbruch hatte Jumbo den ersten Schiffsingenieur, der in tiefem Schlafe in seiner Kabine lag, zu Tode erschreckt. Bei seiner Entdeckungsreise war der Elefant nämlich an dessen Kabine vorbeigekommen und hatte seinen Rüssel durch das offene Fenster hineingestreckt und im Dunkeln herumgetastet. Der Ingenieur, einen warmen Luftzug über seinem Gesicht fühlend, hatte instinktiv die Hand erhoben und war in Berührung mit dem Rüssel gekommen. Blitzschnell kam ihm der Gedanke, eine der Riesenschlangen befinde sich in seiner Kabine, und voller Schrecken fuhr er aus seinem Bett. Jumbo aber war durch die Berührung mit seiner Hand selbst erschreckt und trompetend abgezogen, während dem Ingenieur klar wurde, mit wem er es zu tun hatte.

Da in der Freiheit die Elefanten nachts äsen, so ist es erklärlich, daß sie besonders gern während der Nacht Unfug anstellen. Auch Futki trieb manchmal Allotria. Eines Nachts fiel ihm ein, die zum Schutze gegen die Sonne aufgespannten Segeltücher zu zerreißen; ein anderes Mal machte er sich an einer Winde zu schaffen. Er ergriff einen Hebel und bog die Stange krumm, als wenn sie Draht gewesen wäre. Der Schiffsschmied hatte eine Stunde Arbeit, um sie wieder auszurichten. Das ging aber Futki gegen den Strich, er ergriff die Stange zum zweitenmal und brach sie mit einem kräftigen Ruck in der Mitte entzwei. Es blieb nichts anderes übrig, als ihn beständig zu überwachen und ihn von Zeit zu Zeit spazieren zu führen. Dies geschah zur Freude der Passagiere, die den Riesen mit allerlei Leckerbissen bedachten. Besonders hatten die Kinder eines mitreisenden Oberstabsarztes mit Futki Freundschaft geschlossen, so daß ich bei der Gutmütigkeit des Tieres dem sehnlichen Wunsch der Mädchen, auf dem Elefanten spazieren zu reiten, nachkommen konnte.

Die drei Nashörner waren durch die lange Seefahrt oft sehr erregt, so daß ich sie nur selbst füttern konnte. In ihrer ärgerlichen Stimmung boxten sie mir manchmal den Futternapf aus den Händen, so daß die kostbare Milch über den Boden floß. Dies bereitete allerdings den zusehenden Passagieren ein großes Vergnügen, bekam aber mir und meinen Kleidern weniger gut.

Je mehr wir uns der nordischen Heimat näherten, desto kühler wurde es, und die an die afrikanische Wärme gewöhnten Tiere mußten gegen das rauhe Klima geschützt werden. Da war es nun ein schwieriges Problem, in dem beschränkten Raum des Schiffes geschützte Stellen für alle Tiere zu finden. Wir hatten unsere liebe Not, aber dank des freundlichen Entgegenkommens von Kapitän und Offizieren wurde Rat geschaffen. Am empfindlichsten gegen die Kühle zeigte sich der indische Elefant. Wir mußten ihn daher im Zwischendeck unterbringen. Da es auf den Seiten zu niedrig für die Höhe Futkis war, so richteten wir ihm einen Platz auf der Ladeluke her, deren Deckbretter mit Segeltuch überzogen wurden. Während der Nacht zerriß der Elefant dieses Segeltuch in Fetzen und begann die einzelnen Planken der Ladeluke aufzuheben und in den Raum zu werfen. Als mich der erschreckte Mahut morgens um vier Uhr herbeigeholt hatte, stand Futki nur noch auf drei Beinen auf den übriggebliebenen Planken, mit dem vierten pendelte er in der Luft. Jeder Fehltritt hätte das Tier in die drohende Tiefe befördert. Schleunigst ließ ich den ersten Offizier in Kenntnis setzen, und erst nach mehrstündiger Arbeit gelang es wieder, alles in Ordnung zu bringen. Ich blieb zur Beobachtung in der Nähe, und als der Elefant wiederum am Rande seines Standplatzes nach einem Segeltuchzipfel suchte, um sein Zerstörungswerk fortzusetzen, erhielt er einen kräftigen Schlag auf sein Greiforgan. Nachdem ich nun wußte, wo er anfing, ließ ich den ganzen Rand seines Standplatzes von dem Mahut mit der Losung des Elefanten belegen. Das half prompt, denn sobald das Greiforgan, das zugleich ein sehr empfindliches Riechorgan ist, die Losung berührte, fuhr es mit Abscheu zurück. Nach mehreren gleichen Erfahrungen in allen Richtungen gab das Tier endlich die Zerstörungsversuche auf.

Nach 28tägiger Seereise liefen wir in die Elbmündung ein. Ich hatte den Verlust nicht eines einzigen Tieres zu beklagen. Alle waren wohl und gesund. Dies meldete ich telegraphisch von Cuxhaven aus meiner Firma, damit sie alle Vorbereitungen zum Abtransport treffen konnte. Inzwischen ließ ich alle Transportkästen an Bord bereitstellen, jedoch verspätete sich unsere Ankunft in Hamburg, und ehe der Dampfer am Amerikakai festlag, war es bereits dunkel geworden. Der alte Herr Hagenbeck, der schon längst unsere Ankunft erwartet hatte, kam sofort an Bord und begrüßte mich aufs herzlichste. Er gab seiner Freude über den schönen Transport dadurch Ausdruck, daß er mir wiederholt die Hand drückte, und seine schlichten Worte: „Bis doch en ganzen fixen Kerl!“ waren mir lieber als alle anderen Anerkennungen, die mir gezollt wurden.

Das Ausladen der Tiere konnte wegen der vorgerückten Stunde nicht mehr vor sich gehen. Der Nachtkühle wegen mußten sie wieder an ihre geschützten Plätze gebracht werden. Dabei wäre uns beinahe der indische Elefant verunglückt. Beim Herablassen in den Laderaum versäumte der die Winde bedienende Mann die kleine Übersetzung der Bremse einzuschalten. Als nun beim Ausschalten der Zahnräder die Last abgelassen werden sollte, war die Bremswirkung nicht stark genug, und das gewaltige Tier sauste mit großer Geschwindigkeit in die Tiefe. Hätte es nicht instinktiv seinen Kopf und seinen Rüssel eingezogen, so wäre ihm letzterer von der scharfen Kante der Ladeluke glatt abgeschnitten worden. Es war wirklich ein Glück zu nennen, daß der Elefant unverletzt ankam und nur durch das starke Aufprallen auf seine Beine heftig erschreckt wurde, was zur Folge hatte, daß er die ganze Nacht sehr aufgeregt blieb und von Bauchgurt und Kran nichts mehr wissen wollte. Am nächsten Morgen begann das mühevolle Ausladen. Waren die Tiere schon durch die Veränderung ihrer Plätze gestört worden, so wurden sie noch mehr erregt und gereizt durch die fremde Umgebung und die unzähligen Zuschauer, die sich unaufhörlich herandrängten und uns die Arbeit erschwerten. Namentlich bis wir Jumbo und Futki glücklich aus dem Schiffe hatten, wurde mancher Schweißtropfen vergossen. Futki war von den vorher gemachten Erfahrungen über Bauchgurt und Winde derart erbost, daß es lebensgefährlich wurde, ihm nochmals damit zu kommen. Durch unsere Geduld und Geschicklichkeit gelang auch dieses Kunststück, und bald bewegte sich eine große Karawane von Transportkästen nach Stellingen.

[Illustration: ~Verladen eines Tiertransportes~]

[Illustration: ~Ein Transport auf der Usambarabahn~]

Die nächsten Tage machte ich noch die zugewiesenen Wärter mit den Eigentümlichkeiten der einzelnen Tierarten in bezug auf Futter, Gewohnheiten und Charakter vertraut. Nur bei genauer Kenntnis dieser Dinge ist es möglich, Erkrankungen zu verhüten, die meist durch zu raschen Futterwechsel hervorgerufen werden.

Als ich zum ersten Male in das Gehege der Nashörner trat, senkte Kifaru zur Begrüßung prustend den Kopf. Mein äußerlich veränderter Mensch schien ihm nicht zu gefallen, und erst als er meine Stimme hörte, erkannte er mich als seinen Freund. Am meisten war ich überrascht über den Feinschmecker Futki; ich fand ihn inmitten seiner indischen Kameraden große Mengen von Steckrüben und Schwarzbrot vertilgen, ein Futter, das er auf dem Schiffe beharrlich und stolz verschmäht hatte. Offenbar hatte das gute Beispiel seiner Kameraden und ihre Gesellschaft seinen Sinn gemildert. Jumbo, der Afrikaner, zeigte sich jedoch unverträglich und wurde isoliert, auch gewöhnte er sich nur langsam an die neue Umgebung und das neue Futter. Es sei noch erwähnt, daß Jumbo der erste aus Deutsch-Ostafrika importierte Elefant war, der nach Deutschland gelangte.

Liebe alte Bekannte sah ich wieder, auch meinem berühmt gewordenen westafrikanischen Schimpansen „Moritz“ stattete ich einen Besuch ab. Ich dachte kaum, daß er mich nach so langer Abwesenheit wiedererkennen würde. Doch wie ich ihn beim Namen rief, flog er mir grunzend an den Hals. Lange sollte ich jedoch nicht in der Heimat weilen. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog es mich zurück zum schwarzen Kontinent, um in den Urwäldern und Steppen Ostafrikas große Tierfangzüge zu unternehmen, die ich im folgenden schildern werde.

[Illustration]

Jagd- und Fangzug am Rufidji

Ehe man in einem Gebiet wie Deutsch-Ostafrika auf Jagd und Fang auszieht, muß man sich zunächst einmal über die dort herrschenden, von den europäischen gänzlich verschiedenen Landes-, Lebens- und Verkehrsverhältnisse klar sein. Hier spielen zum Erfolge einer Jagd ganz andere Faktoren mit als in Europa. In den zivilisierten Ländern zieht man ganz einfach mit Jagdschein, Büchse, Patronen, Jagdhund, Jagdtasche usw. los, fährt womöglich mit der Bahn, bequemen Jagdwagen oder Automobilen an Ort und Stelle, fährt abends nach Hause zurück oder bleibt schlimmstenfalls in einem Dorfe über Nacht, ohne Sorgen um Unterkunft, Nahrung und Sicherheit des Lebens. Nicht so in der afrikanischen Wildnis! Hier gibt es Steppengebiete, die wohl nie vom Fuße eines Europäers betreten wurden. Hunderte von Quadratkilometern sind gänzlich unbewohnt, denn bei höchstens 8 Millionen Einwohnern hat Deutsch-Ostafrika die doppelte Bodenfläche Deutschlands. Hier gibt es viele Meilen weit keinen Weg und keinen Steg, keine Eisenbahn, keine Post und keinen Telegraphen. In ganz Deutsch-Ostafrika gibt es bis jetzt nur zwei Bahnlinien mit einigen 100 Kilometern und ohne Abzweigungen im Betriebe, die von Tanga nach Moschi und an den Kilimandjaro führende Usambarabahn im Norden und die Mittellandbahn, welche die Verbindung zwischen Daressalam und dem Tanganikasee vermittelt. So heißt es denn marschieren! Man muß zu einer solchen Expedition Trägerkarawanen ausrüsten. Auf dem Marsche trifft man bald auf undurchdringlichen Urwald, bald auf dornige Buschsteppe, bald auf endlose Grasflächen, und plötzlich steht man dann wieder vor tiefen Tälern ohne Abstieg, oder steile Gebirgsrücken versperren den Weg. Da kann man keinen Bauer oder Wanderer nach Weg oder Richtung fragen, denn stunden-, ja tagelang trifft man keinen Menschen. Man ist allein und nur auf Kompaß und Karte angewiesen. Weite Strecken gibt es noch, die auf der Karte als weiße Flecken und unbekanntes Gebiet verzeichnet sind, weil die Gegenden von berufenen Forschern noch nicht betreten und infolgedessen auch noch nicht kartographiert worden sind.

Einen Jagdzug von mehreren Wochen in die afrikanische Wildnis zu unternehmen, heißt unter diesen Umständen zuerst einmal tief in den Geldbeutel greifen und eine gehörige Summe für das Unternehmen vorsehen, dann eine vollständige Karawane organisieren und für jedes Bedürfnis sich bis auf das Letzte und Kleinste zu versorgen. Ist man erst einmal mitten in der Wildnis, so ist die Möglichkeit, Vergessenes noch zu besorgen oder Verbrauchtes zu ersetzen, stets mit großem Zeitverlust verbunden. Nur wer selbst solche Jagdreisen mitgemacht hat, kennt die Schwierigkeiten, die sich bei einem derartigen Marsche bieten. Glücklich ist wohl der, welcher als Regierungsbeamter mit Polizeisoldaten oder Askaris reist und wenigstens sicher sein kann, auch im Innern Träger zu erhalten. Anders ist es jedoch bei dem Privatmanne, der ganz vom guten Willen der Dorfältesten und deren Stammesgenossen abhängt. Damit bin ich nun bei der Hauptschwierigkeit eines Jagdunternehmens in Ostafrika angelangt, nämlich bei der Trägerfrage.

Daß man in wegelosen Gegenden keinen Wagen zum Transport verwenden kann, ist ohne weiteres einleuchtend. Die Verwendung von Packtieren ist in einigen Landstrichen allerdings möglich, in den meisten jedoch deshalb nicht angängig, weil fast überall in den unter 1000 Metern Meereshöhe gelegenen Regionen die Tsetse-Fliege (~Glossina morsitans~) vorkommt und dort weder Zwei- noch Einhufer gehalten werden können, da der Stich dieser Fliege fast jedes Haustier infiziert und tödlich wirkt. Bis jetzt ist es der Wissenschaft noch nicht gelungen, ein sicheres Mittel gegen diese Landplage zu finden, und so können nur auf den Hochplateaus und in einigen wenigen anderen tsetsefreien Gegenden Rinder, Pferde und andere Haustiere gehalten werden.

Zur Fortschaffung von Lasten, Waren und Gepäck von der Küste nach dem Innern bleibt daher, abgesehen von den beiden genannten Bahnlinien, nur der Eingeborene als Träger übrig. Man muß sich also Neger vertragsmäßig dingen, um mit Gepäck ins Innere des Landes reisen zu können. Jeder Träger trägt im Maximum etwa 30 Kilogramm. Das Gepäck ist also in diesem Gewicht entsprechende Lasten zu zerlegen. Schwerere Gegenstände, die nicht auseinandergenommen werden können, müssen mit Tragstangen von zwei oder mehreren Trägern geschleppt werden. Da aber auch die Nahrung der Leute, Reis, Hirse oder Maismehl mitgeführt werden muß, und man pro Kopf und Tag etwa ein Kilo davon rechnen muß, so ist es klar, daß ein Marsch um so kostspieliger und schwieriger wird, je mehr Gepäck man mitnimmt und je weiter man sich von bewohnten Gegenden entfernt.

In Daressalam stellte ich nun meine Ausrüstung für die Reise nach dem Rufidji zusammen. Ich warb Träger an und besorgte den nötigen Proviant. Die Konserven werden für den Karawanentransport in Ostafrika in kleinen verschließbaren Kisten verpackt. Hierzu verwendet man mit Vorliebe die leeren Petroleumkisten, die sich zu diesem Zwecke vorzüglich eignen, da sie sehr leicht und handlich sind. Ein Träger wird immer eher zu einer vollgepackten Petroleumkiste greifen als zu einer größeren Last, selbst wenn letztere viel leichter ist. Sachen, die sich nicht in Kisten verpacken lassen, werden mit Sackleinwand und wasserdichtem Stoff umwickelt und dann mit Kokosstricken umschnürt.

Während meiner Reisevorbereitungen machte ich die Bekanntschaft eines Herrn, der als Leiter einer großen Baumwollplantage im Rufidji-Gebiet tätig war. Derselbe schlug mir vor, gemeinsam zu reisen, was ich auch annahm. Außerdem hatte ich mir bereits für meine Zwecke einen landeskundigen, mit den Eingeborenen und der Gegend am Rufidji vertrauten Mann, Herrn Petersen, gesichert, der mich im Utete-Bezirk erwartete.