Part 6
Zunächst begab ich mich mit der britischen Ugandabahn nach Voi, um von hier aus über eine etwa 70 englische Meilen weite wasserlose Strecke an die Grenze und in das deutsche Meru-Gebiet zu gelangen. Da zu jener Zeit die deutsche Usambarabahn noch nicht bis in diese Gegend vorgebaut war, so wurden alle Waren, die für das deutsche Kilimandjaro- und Meru-Gebiet bestimmt waren, in Mombasa ausgeschifft und mit der englischen Ugandabahn nach Voi befördert. Von dort mußten sie mit Eselfuhrwerken quer durch die Steppe transportiert werden. Die bequemen und sicheren Ochsenfuhrwerke der Buren konnten dazu nicht benutzt werden, weil auf dieser Strecke Tsetse-Gefahr herrschte. Esel sind zwar auch nicht sicher vor der Tsetse-Infektion, aber weit weniger empfindlich als Ochsen und Pferde. Ein Inder war auf die gute Idee verfallen, mit einem Lastauto die Beförderung von Gütern durch dieses Gebiet zu unternehmen. Ich machte mir dies zunutze und sicherte mir bei dem Chauffeur, einem Deutschen, gegen Geld und gute Worte einen Platz neben dem Führersitz. Der Wagen war angefüllt mit indischen Kaufleuten, Banjanen, Fundis (Handwerker), deren Familien und ihren Waren. Bequem hatten es diese Passagiere gerade nicht; Männer, Frauen und Kinder saßen auf und neben den Gepäckstücken wie Heringe zusammengepreßt. Das Auto fuhr frühmorgens um sechs Uhr ab, und bis zum Voi-Fluß ging alles ohne Unfall. Aber dort auf dem weichen Boden genügten die Kräfte des Benzinkastens nicht mehr, wir mußten absteigen und durch Schieben und Ziehen die fehlenden Pferdekräfte ersetzen, um die steile Böschung zu überwinden. In holperiger Fahrt ging es wieder weiter bis in die Nähe von Bura, wo die erste Haltestelle sein sollte. Kurz vor Bura, wo sumpfiges Gelände vorherrschte, war eine Art Damm aus Sand aufgeschüttet, auf dem das Auto dahinfuhr. Unter der Last des schwerbepackten Wagens gab der Damm auf der einen Seite nach, und ehe wir uns versahen, schlug der Karren um und die ganze Reisegesellschaft mit sämtlichem Gepäck lag im Sande. Glücklicherweise war kein Unglück geschehen, und trotz des erlebten Schreckens mußte ich herzlich lachen über den Anblick, wie die Inder und ihre vermummten jammernden Weiber und Kinder unter den Gepäckstücken hervorkrochen. Nun galt es, unser Fahrzeug wieder aufzurichten; dazu reichten aber unsere Kräfte nicht aus. Es wurden einige Inder in das nahe Dorf geschickt, um Schwarze zu Hilfe zu rufen. Wenn es schon für verständige Europäer nichts Leichtes ist, ein mehrere Tonnen schweres, umgestürztes Auto ohne Hebezeug wieder auf die Räder zu bringen, so war dies mit den ungeschickten Negern erst recht ein schweres Werk. Bewunderungswert war die Kaltblütigkeit unseres Chauffeurs; als sein Fuhrwerk auf dem Rücken lag, hatte er nur die lakonischen Worte: „So, da liegt er, ich mach’s auch so“; sprach’s und ließ den Worten die Tat folgen. Da ich ungeduldig war, vorwärtszukommen, machte ich mich allein mit den Indern und herbeigeeilten Negern daran, das Auto wieder aufzurichten. Mit Hilfe von Ästen und Baumstämmen gelang es nach vieler Mühe, den Wagen wieder in seine natürliche Stellung zu bringen. Er war so solide gebaut, daß der Chauffeur zu unserer Freude feststellen konnte, daß gar kein Schade geschehen war.
In Bura nahmen wir genügend Wasser auf, da wir jetzt die wasserlose und unbewohnte Serengeti-Steppe zu durchqueren hatten. Die Fahrt ging, alten Fahrrinnen folgend, durch das sanft ansteigende wellenförmige Gelände. Abwechselnd durchfuhren wir Dorn- und Buschsteppe, Einöden und weite Grasflächen. Unbarmherzig brannte die tropische Sonne auf das kleine, nur wenig Schutz bietende Segeldach des Autos herab. Der aufwirbelnde Staub, der Benzingeruch, dazu die schreckliche Hitze machten die Fahrt zur Last. Durch das herankommende Auto aufgeschreckt, sauste das Wild in hohen Fluchten über die Steppe.
In diesem Gebiete, das sehr wildreich ist und welches von der britischen Regierung zum Wildreservat erhoben wurde, fiel mir die häufig in Herden auftretende Kuhantilope, hier Kongoni genannt, besonders auf. Diese Antilope (~Bubalis cokei Gthr.~) hat die Größe eines kleinen Rindes, besitzt einen außergewöhnlich langen Kopf mit merkwürdig doppeltgekrümmten Hörnern und einen nach hinten zu abfallenden Rücken. Der Oberkörper ist hellbraun gefärbt, während die Unterseite hell hervorleuchtet. Für mich waren es interessante und abwechslungsreiche Bilder, diese Kongonis in ihren eigenartigen, hohen Sprüngen über die weiten Flächen flüchten zu sehen. Auch andere Wildarten kamen fortwährend zum Vorschein, um bald wieder zu verschwinden. Unter dem ihnen eigentümlichen Gekreische stoben ganze Ketten von Perlhühnern und Frankolinen vor unserem Auto in die Höhe. Gegen Abend hatten wir bereits eine höherliegende Region erreicht. Nach Einnahme eines einfachen Mahles und den nötigen Sicherheitsvorkehrungen gegen vierbeinige Räuber hüllten wir uns in unsere Decken und verbrachten die in dieser Höhenlage schon kalte Nacht unter freiem Himmel.
Am nächsten Morgen wurde ich bei Anbruch der Dämmerung durch ein prachtvolles Naturschauspiel überrascht. Alles war noch in Dunkel gehüllt, da sah ich in weiter Ferne die beiden schneebedeckten Gipfel des Kilimandjaro, den Kibo und Mawenzi, unter den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten. Wie gebannt stand ich und genoß das herrliche Bild. Allmählich wurde es heller und die Umrisse des imposanten Bergriesen wurden immer deutlicher sichtbar. Weithin schimmerten die beiden Gipfel, welche hoch über eine Wolkenschicht hinausragten. Zum ersten Male sah ich den Giganten der afrikanischen Berge und das Herz jauchzte mir vor Seligkeit über die überwältigende und zauberhafte Pracht, welche mir dieser Anblick bot. Dort drüben lag also das deutsche Gebiet, und mit Freuden begrüßte ich den König der deutsch-ostafrikanischen Bergwelt, der am vergangenen Tage noch durch einen Dunstschleier verdeckt gewesen war.
[Illustration: ~Masaihäuptlinge~]
[Illustration: ~Masaifrauen~]
Nach Einnahme eines frugalen Frühstücks setzten wir die Fahrt fort. Die warmen Sonnenstrahlen taten unseren durchfrorenen Gliedern recht wohl. In schlangenförmigen Windungen näherten wir uns immer mehr und mehr dem Kilimandjaro und somit der deutschen Grenze. Endlich, am Nachmittag, erreichten wir die britische Grenzstation Taveta, das Endziel unserer Autofahrt. Hier mietete ich für den Weitertransport meines Gepäcks einige Eselkarren und ließ sie unter Aufsicht meiner Schwarzen weiterfahren. Ich selbst fuhr auf meinem mitgebrachten Fahrrad bis zu einer in der Nähe des Himoflusses liegenden Ansiedlung voraus, wo ich in einer aus Baumstämmen und Lehm errichteten Hütte, dem „Hotel zum blauen Affen“, übernachtete. Hier trafen auch mehrere Buren aus Aruscha mit ihren eigenartigen Ochsenwagen ein. Sie besorgten den Frachtverkehr von Buiko, der damaligen Endstation der Usambarabahn, nach Aruscha. Die Buren sind groß in der Kunst, ihre Ochsen mit Wort und Peitsche zu leiten. An einen ihrer sogenannten „Treckwagen“ sind mindestens vierzehn oder mehr Ochsen gespannt. Jeder Ochse hat seinen Namen und kennt ihn ganz genau. Der Führer trägt eine ungeheuer lange, aus Giraffenhaut gefertigte Peitsche und ruft jedes lässige Tier an, diese Aufmunterung jeweils mit einem wohlgezielten Peitschenhieb unterstreichend. Einer dieser Buren hatte sich derartig heiser geschrien, daß er kein lautes Wort mehr hervorbringen konnte, und ich hatte Gelegenheit, ein merkwürdiges Hausmittel gegen Heiserkeit angewendet zu sehen. Der Bur verschluckte nämlich einige Löffel Petroleum mit Zucker und versicherte mir, daß diese den Frachtfahrern allgemein bekannte Medizin absolut sicher wirke. Das Hausmittel half auch wirklich. Hier in der Wildnis, wo auf weite Strecken weder Arzt noch Apotheke zu finden sind, ist es gut, wenn der Reisende oder Ansiedler einige medizinische Kenntnisse mitbringt und ebenso über eine kleine, richtig zusammengestellte Hausapotheke verfügt.
Die Eselkarren, welche mein Gepäck weiterführten, trafen gegen Morgen ein und letzteres wurde von einem Buren gegen Erlegung von 10 Mark pro 100 Pfund zur Weiterbeförderung nach Aruscha übernommen. Dieser hohe Frachtsatz ist bedingt durch die schlechten Straßenverhältnisse und weiterhin durch das Risiko des Zugtierverlustes infolge des Vorkommens der Tsetse-Fliege. Mir selbst ging das Ochsenfuhrwerk zu langsam, weshalb ich trotz der schlechten Wege bis Moschi, dem Sitze eines Bezirksamtes, wiederum das Stahlroß benutzte.
Unterwegs schon bemerkte ich, wie sich das Landschaftsbild zusehends veränderte. Drüben auf dem englischen Gebiet noch die dürre Grassteppe und hier üppige Vegetation! Überall traten Pflanzungen und Niederlassungen auf, besonders am Fuße des Kilimandjaros reihte sich eine Ansiedlung an die andere. Die dem Bergriesen vorgelagerte Hochebene gehört zu den fruchtbarsten und gesundesten der Erde. Bis zu 1500 Meter, den erloschenen Vulkan-Giganten hinauf, erstrecken sich ganze Wälder von Bananen, der Hauptnahrung der dort ansässigen Wadjagga-Neger. Die höher gelegenen Urwälder und ebenso die nachfolgende Bambuszone bieten einer großen Anzahl von Elefanten, Büffeln, Elenantilopen, Buschschweinen, Leoparden, Servalen und vielen anderen Tierarten sicheren Aufenthalt und reichliche Nahrung. Die buntgefiederte Vogelwelt ist außerordentlich reich vertreten, gleichfalls die in vielen prächtigen Arten vorkommenden Insekten, kurzum, wir fanden hier ein wahres Tierparadies, einen richtigen Naturpark, wie ihn die Regierung nicht besser zum Wildreservat bestimmen konnte.
In Moschi angekommen, stieg ich im Hotel von ~Dr.~ Förster ab und machte dem Bezirksamtmann meine Aufwartung. Auch traf ich einen Herrn, der gleichfalls den etwa 100 Kilometer langen Weg von Moschi nach Aruscha zu Rade zurücklegen wollte. So hatte ich angenehme Gesellschaft, und wir fuhren gemeinsam am nächsten Tage ab.
Auf dem anfangs wunderschönen, wenngleich etwas ansteigenden Wege kamen wir bei dem herrlichen, kühlen Wetter rüstig vorwärts. Wir passierten den Kikafu-Fluß, das Dorf Boma Nja-ngombe und machten am Sanja-Fluß kurze Rast. Unterwegs begegneten wir großen Schaf-, Ziegen- und Rinderherden, die von Masai-Hirten gehütet wurden; auch zahlreiche wilde Strauße sowie Herden von Zebras und Antilopen sahen wir äsend über die üppige Grassteppe ziehen. Nach und nach wurde der von den schweren Burenwagen zerfahrene Weg für uns immer schwieriger. Stellenweise machte die verwitterte Lavamasse, in welche wir bis zu den Knöcheln wie in Mehl einsanken, das Fahren mit dem Rad gänzlich unmöglich. Der aufwirbelnde aschenartige Staub bildete auf der schweißigen Haut eine graue Kruste und erschwerte uns auch das Atmen und Sehen. Wir näherten uns dem Meru-Berge. Nachmittags erreichten wir den Maji ya Tchai (suah. = Teewasser). Einige dort mit Transportwagen rastende Buren bewirteten uns mit einer Tasse Kaffee. Nach kurzem Aufenthalt ging es weiter zum Flusse Nduruma. Wir mußten dabei allerdings wiederum unsere Stahlrosse schleppen und konnten nur kurze Strecken fahren. Von hier waren nur noch etwa 25 Kilometer bis zu unserem Ziel (Aruscha) zurückzulegen. Es bot sich die günstige Gelegenheit, uns am Flusse von der Aschenkruste zu befreien und uns durch ein Bad zu erfrischen. Eben damit fertig, hörte ich Pferdegetrappel und plötzlich meinen Namen rufen. Von Moschi aus war nämlich meine Ankunft telegraphisch nach Aruscha gemeldet worden. So war nun die anstrengende Radtour glücklich zu Ende, da mir ein Wirt aus Aruscha mit zwei Maultieren entgegengeritten war. Nach einer guten Stärkung, die sich in der Satteltasche vorfand, ritten wir im scharfen Trabe Aruscha zu und trafen daselbst am Abend ein.
Am nächsten Tage hatte ich einen Fieberanfall. Offenbar hatte ich mich auf meinem Jagdzug am Rufidji mit Malaria infiziert und bei meiner Radtour mich überanstrengt. Ich sollte einige Tage das Bett hüten, mochte aber nicht stilliegen, und so raffte ich mich auf, um die Vorbereitungen zum Giraffenfangzug zu treffen. Der Ritt zu einer etwa 10 Kilometer entfernt liegenden Burenfarm griff mich derart an, daß ich Schwindelanfälle bekam und, an meinem Ziele angekommen, die Besinnung verlor. Die guten Farmersleute brachten mich zu Bett und pflegten mich in rührender Weise 21 Tage lang, bis ich wieder ganz hergestellt war. Durch frische Milch, bekömmliche Nahrung und die herrliche Luft gelangte ich bald wieder zu Kräften. Jetzt galt es das Versäumte nachzuholen. Vor allen Dingen hieß es nun, die Expedition zusammenzustellen. Die erwähnte Farm wurde der Ausgangspunkt für den Giraffenfangzug. Auf ihr wollte ich die gefangenen Tiere zähmen und futterfest machen, denn ein frisch gefangenes Exemplar besteht selten die Seereise nach Europa. Zu diesem Zwecke wurden einige Gehege und Schutzdächer für die einzufangenden Tiere errichtet. Der ganze Fangzug war auf etwa sechs Wochen berechnet.
Was es heißt, eine solche Tierfangexpedition auszurüsten und zusammenzustellen, wird sich wohl mancher Leser kaum vorstellen können. Vor allen Dingen braucht man tüchtige und zuverlässige Leute sowie gute und schnelle Pferde. Wagen, Gespanne, Milchkühe und Ziegen für die einzufangenden jungen Tiere, Fanggeräte, Ausrüstung, Zelte, Proviant, Waffen und vieles andere mehr muß angeschafft werden, und alles dies ist mit großen Geldopfern verknüpft, ja mitunter sogar in manchen Gegenden überhaupt nicht zu beschaffen. Unter Mitwirkung meines Wirtes und dessen geländekundigen Freundes, welche beide am Fangzug teilnehmen wollten, konnte ich meine Vorbereitungen in kurzer Zeit vollenden.
Als Fanggebiet war die Gegend zwischen dem Meru-Berg und der ostafrikanischen Bruchstufe ausersehen. Die Entfernung zwischen ihnen beträgt etwa 100 Kilometer. Das Gelände weist mehrere isoliert stehende Bergkegel, wie z. B. Kitumbin und Mondul (Rascha-Rascha) auf. Vorherrschend in diesem Gebiet ist die typische Gras- und Buschsteppe, in der eingesprengt sich ausgedehnte Parklandschaften befinden. Diese Parklandschaften mit ihren großen Mimosenbeständen sind die Aufenthaltsplätze der Giraffen.
An einem Nachmittage setzte sich der ganze Troß, die nordöstliche Richtung einschlagend, in Bewegung. Wir bestiegen unsere Pferde und ritten der Karawane nach. Etwa 20 Kilometer von unserem Ausgangspunkt entfernt bezogen wir an einer Wasserstelle das erste Lager. Wir befanden uns in einer Höhenlage von etwa 1400 Metern, und die Nachtkühle machte sich deshalb stark bemerkbar. Der Unterschied der Temperatur zwischen der hiesigen Gegend und der am früher beschriebenen Rufidji-Fluß im Süden ist ein ganz gewaltiger. Hier das schöne kühle und moskitofreie Gelände, dort unten am Fluß die dumpfe, feucht-heiße Luft mit der schrecklichen Moskitoplage.
Am anderen Morgen in aller Frühe begann der Weitermarsch. Diesmal ritten wir der Karawane voraus. Ein wahrer Hochgenuß ist es, im taufrischen Morgen in die freie, unabsehbare Steppe hineinzureiten. Das Herz geht einem auf, wenn man nach den ersten Sonnenstrahlen von den hundertfältigen Stimmen der erwachenden Natur begrüßt wird. Soweit das Auge reicht, erstreckt sich die unendliche Gras- und Buschsteppe, belebt von vielen Vogelarten. Dicht vor uns auf dem Grasboden laufen große Ketten von Perlhühnern und rebhuhnfarbigen Frankolinen, hin und wieder sieht man einzeln oder auch zu mehreren die großen sowie die kleinen Trappen (~Otis kori Burch.~ und ~Otis melanogaster Rüpp.~) herumstolzieren. Kibitze steigen laut kreischend in die Höhe, um bald wieder in die Steppe einzufallen, auch der langbeinige Sekretär oder Schlangengeier (~Serpentarius serpentarius Miller~) ist schon eifrigst auf der Nahrungssuche. Öfters sieht man auch den kahlköpfigen Marabu stolz einherschreiten. Viele Singvögel lassen ihr Lied und Gezwitscher in den Morgen hinein ertönen. Auf dem Boden nach Würmern suchend oder auch in den Akazien sitzend, fallen besonders die Silberglanz-Stare durch ihr prächtiges Gefieder ins Auge. Witwenvögel, deren Männchen im schwarzen Hochzeitskleide prangen, flattern in kurzem, wellenförmigem Fluge über das hohe Steppengras. Weißwangige, graue Mausvögel klettern im Geäste der Bäume. Noch viel anderes gefiedertes Volk erfreut das Herz des Naturfreundes durch seine Stimmen, Farbenpracht und anmutigen Bewegungen. Die gesamte Vogelwelt nimmt von uns Reitern kaum Notiz und zeigt fast keine Scheu.
Die ganze Steppe ist kreuz und quer von vielen Wildwechseln durchfurcht, und man wird unwillkürlich in den Glauben versetzt, große Rinder-, Schaf- oder Ziegenherden hätten das Gelände durchzogen. Manche Wechsel sind ganz tief ausgetreten. Die vielen Oryx-, Elenantilopen- und Gnufährten verraten uns schon den großen Wildreichtum dieser Gegend; auch die dreizehigen Nashornfährten finden sich vor, und an den verbissenen Büschen sieht man, daß erst vergangene Nacht so ein Dickhäuter hier geäst hat. Nun zeigt sich das erste Wild. Wir reiten an großen Zebraherden vorüber, die uns alle den Kopf zudrehen und uns anäugen, ohne jedoch die Flucht zu ergreifen. Kleine Rudel von Thomsongazellen stellen sich uns spitz gegenüber und äugen nach uns herüber, während sie ihren Wedel fortwährend in possierlicher Weise hin und her bewegen. Da sehe ich am Boden einen länglichen, großen Tritt, die erste Giraffenfährte! Bald sehen wir mehrere, und wir haben unser Tätigkeitsgebiet erreicht. Ich war wieder in meinem Element und die herrliche Natur ließ mir nach überstandener schwerer Krankheit das Leben doppelt schön erscheinen.
In der Nähe eines großen Wassertümpels errichteten wir am Nachmittage unser Standlager und bauten in diesem Tierparadies einige Krale für die zu erwartende Beute. Vor allen Dingen hieß es nun zuerst die vor uns liegende Gegend zu erkunden, denn es gab in dem flachen Gelände viele versteckt liegende weitklaffende Erdrisse und steilwandige Schluchten, die dem jagenden Reiter, der das Gebiet nicht kennt, leicht verhängnisvoll werden konnten. Ein Sturz von Roß und Reiter in eine Tiefe von 15 Meter wäre wohl mit dem Tode gleichbedeutend. Indem wir an diesen Schluchten entlangritten, orientierten wir uns genau über deren Lage. Bei einem derartigen Erkundungsritt sichteten wir das erstemal ein Rudel von 11 Giraffen. Die Tiere waren aus der Parklandschaft herausgekommen und wechselten an dem Walde entlang. Es waren alles ausgewachsene Stücke, und ich genoß den herrlichen Anblick, die Riesen der Steppe nur auf wenige hundert Meter entfernt in ihrem wiegenden Paßgang vorbeiziehen zu sehen. Durch kleine Tritte im Sand wurde ich auf das Vorhandensein von Jungtieren aufmerksam, und ich war davon überzeugt, daß in dem vor uns liegenden Buschgelände auch Rudel mit solchen vorhanden sein mußten.
Nachdem wir alles vorbereitet und uns gut orientiert hatten, wählten wir einen Hügelrücken, von wo wir eine vorzügliche Übersicht über die ganze Gegend besaßen, zum Ansitz. Die Pferde wurden in Deckung hinter dem Hügel bereitgehalten. Mit scharfen Gläsern beobachteten wir den Buschwald. Die langhalsigen Tiere sind in einem baumbewachsenen Gelände mit bloßem Auge äußerst schwer auszumachen, besonders wenn die Sonne im Zenit steht und das Wild sich im Schatten der Bäume befindet. In der heißen Tageszeit, etwa von 9 bis 3 Uhr, stehen oder liegen die Giraffen gewöhnlich im Schatten hoher Akazien. Dies ist die günstigste Beobachtungszeit. Stundenlang kann man mitunter sitzen, bis eine Giraffe den Kopf über den Baumkronen bewegt, wodurch man erst auf den Standplatz des Rudels aufmerksam gemacht wird. Zum Fang selbst ist aber die beste Zeit frühmorgens oder nachmittags, weil die Tiere um diese Zeit ihre Standplätze wechseln und durch freies Gelände ziehen.
Nun haben wir ein Rudel mit Kälbern gesichtet und es beginnen die spannendsten Momente. Schnell geht es an die Pferde, das Sattelzeug wird nachgesehen und so leicht als möglich bekleidet aufgesessen. Hinter Bäumen und Büschen stets in Deckung bleibend, geht es immer in abgekürztem, leisem Trab so nahe als möglich an die Tiere heran. Wir befinden uns 200 Meter von dem Rudel, und das zu fangende Jungtier ist schon genau auszumachen. Deutlich sehen wir es neben seiner Mutter an einem Busche äsen. Die Spannung steigert sich, jeder Nerv ist angespannt. Noch wenige Meter weiter herangekommen, da eräugen uns die Giraffen und die ganze Gesellschaft wendet sich zur wilden Flucht. Jetzt gibt es kein Halten mehr, die Pferde bekommen die Sporen, alles ist vergessen und die Gedanken und Augen sind einzig und allein auf die junge Giraffe gerichtet. Mitten in das Rudel sprengen wir hinein und versuchen das neben der Mutter flüchtende Junge von seinen Gefährten abzutrennen. Links und rechts sausen wir an den großen Tieren, über Hindernisse hinwegsetzend, vorbei und bald haben wir das Jungtier in ein offenes Gelände gedrückt; das Rudel flüchtet weiter und die Fangschlinge saust über den Kopf der jungen Giraffe. Sobald die Schlinge sitzt, versucht man mit dem Pferde vor die noch immer in voller Flucht sich befindliche Giraffe zu kommen und somit das Tier zum Stehen zu bringen. Schnell sind wir vom Pferde gesprungen, der zweite Reiter ist inzwischen auch herangekommen, und noch ein weiterer Fangstrick wird dem Tier über den Kopf geworfen. Die Giraffe zeigt sich jetzt zunächst völlig verdutzt, merkt aber bald ihre Lage, und unter lautem Blöken vollführt sie die tollsten Sprünge und versucht sich zu befreien. Sie schlägt mit Vorder- und Hinterläufen nach uns, und es heißt äußerst vorsichtig sein, daß man von den ersteren nicht auf den Kopf getroffen wird. Es ist mir vorgekommen, daß halsstarrige junge Bullen direkt auf mich losgingen und mit den Vorderläufen nach mir schlugen. Einmal wurde mir der Tropenhelm glatt durchgeschlagen. Vorsichtshalber habe ich mir später immer den Korkhelm mit Gras ausgefüllt. Die junge Giraffe darf nur mit sanfter Gewalt behandelt werden. Ein unvorsichtiger Ruck kann dem Tier leicht den langen Hals ausrenken oder gar brechen. Eine Giraffe muß innerhalb 3-4 Minuten gefangen sein, da sie sonst zu Tode gehetzt wird. Daß hierzu ausgezeichnete schnelle Pferde die erste Bedingung sind, braucht wohl kaum erst erwähnt zu werden. Die Giraffe ist ein überaus schnelles Tier und vermag auf der Flucht 8-900 Meter in der Minute zurückzulegen.
[Illustration: ~Weiber der Lembwa, ein mit den Masais vermischter Stamm~]
[Illustration: ~Die Masai zeichnen sich teilweise durch intelligente Gesichtszüge aus~]
Inzwischen ist weitere Hilfe herbeigeeilt und wir versuchen allmählich unseren Gefangenen nach dem Standlager zu führen. Hierbei stößt man mitunter auf große Schwierigkeiten, denn die Tiere sind häufig so störrisch, daß es unmöglich ist, sie von Ort und Stelle zu bringen. In derartigen Fällen wird das Tier gefesselt, auf einen Wagen geladen und zum Lager gefahren. Dabei kommt es aber allerdings auch vor, daß man sich mit einem gefangenen widerspenstigen Tier meilenweit vom Standlager entfernt befindet und von der Nacht überrascht wird. Der nachfolgende Wagen hat unsere Fährten verloren und kann uns infolge der einbrechenden Dunkelheit nicht mehr auffinden. Dann heißt es eben, das Tier die ganze Nacht über abwechselnd festzuhalten, während der eine oder andere für einige Stunden, den Sattel als Kopfkissen benutzend, sich auf den Steppenboden hinstreckt. Das sind Nächte, welche man erlebt haben muß und die zu den Freuden und Leiden des Tierfängers gehören. Manchmal aber gelang es uns, die gefangenen Giraffen ohne große Schwierigkeiten ins Lager zu führen. Der Charakter der Tiere ist eben gerade so verschieden wie beim Menschen. Das gleiche konnte ich auch im Lager beobachten, einige nahmen sofort die ihnen dargebotene Milch willig an, während andere tagelang jede Nahrung eigensinnig verweigerten. Welche Tricks man öfters anwenden muß, um die Tiere zur Aufnahme von Speise und Trank zu bewegen, ist schwer zu beschreiben.
Ein mir bekannter Herr war im Besitz einer jungen Giraffe. Dieser, unkundig wie er das etwa 2½ Meter hohe Tier zum Saugen bringen konnte -- Gummilutscher hatte er nicht zur Hand --, war ratlos. Da kam er auf die Idee, die Giraffe an Ziegen saugen zu lassen. Zu diesem Zwecke errichtete er in einem Akazienbaume eine Stellage, in welche er die Ziege hinaufbefördern ließ, damit das langhalsige Geschöpf bequem an das Euter kommen konnte. Er brachte das Tier auch wirklich zum Saugen, trotzdem ging dasselbe aber bald ein. Die von mir gefangenen Giraffen habe ich nie an einem Gummilutscher saugen lassen. Es ist vorgekommen, daß eine junge Elenantilope das Sauginstrument verschluckt hatte und später in Hamburg daran einging, wie die nachträgliche Sektion erwies. Alle meine Tiere lehrte ich aus Schüsseln trinken. Dies ist eine recht mühselige Arbeit, und wahre Geduldsproben hatte ich dabei zu bestehen. Vorsichtig mit hochgehobenen Milchschüsseln nähert man sich dem Kopf der Giraffe. Endlich riecht sie die Milch und steckt natürlich das Maul so tief hinein, daß die Flüssigkeit in die Nasenlöcher dringt und das Tier sprudelnd und prustend den Inhalt über den Kopf und das Gesicht des Schüsselträgers ergießt. Das junge Tier kann noch nicht selbständig trinken und vollführt mit dem Kopf, ähnlich den Rinderkälbern, die saugenden und stoßenden Bewegungen. Man darf keine Mühe scheuen und es sich nicht verdrießen lassen, die Versuche immer wieder zu erneuern, will man seinen Pflegling am Leben erhalten. Alle Stunden muß wieder von vorne angefangen werden. Nach und nach werden die Versuche endlich von Erfolg gekrönt sein. Natürlich wird der zu entwöhnende Säugling dabei immer noch seinem Pfleger einige Sprudel Milch über den Kopf und das Gesicht schleudern. Aus Dankbarkeit wird einem auch manchmal die Giraffe mit ihrer langen, schleimigen Zunge über das Gesicht fahren. Auch ist es mir vorgekommen, daß, während ich die Schüssel hochhielt und ein Tier tränkte, die schon getränkten Stücke zudringlich herankamen und eines mich sogar mit seinen großen feuchten Lippen am Ohr packte und dort zu saugen versuchte. Sind die Giraffen einmal an die Milchschüssel gewöhnt, so wissen sie gar bald, wann ihre Futterzeit da ist. Hören sie nur die Schüsseln klappern, so stehen sie auch schon bereit und jede drängt sich vor, um die erste zu sein. Reinlichkeit, Mäßigkeit und Pünktlichkeit bilden die drei Hauptfaktoren bei der Aufzucht dieser sehr empfindlichen Geschöpfe. Eine Überfütterung ist leicht geschehen und das Tier kann davon schwer erkranken. Nicht bekömmliches Futter kann seinen Tod herbeiführen.