Chapter 4 of 13 · 3640 words · ~18 min read

Part 4

Auf dem Rufidji verkehrt zweimal im Monat der kleine Regierungsdampfer „Tormondo“, und zwar auf der Strecke von Salale an der Küste bis in die Nähe der großen Pangani-Fälle. Daher richteten wir es so ein, daß wir ihn zu unserer Reise wenigstens ein Stück weit bis Kilindi benutzen konnten. Auf dieser kurzen Fahrt hatte ich die Gelegenheit, den Fluß und die hier auftretende Tierwelt zu beobachten. Der ganze Rufidji ist von Flußpferden belebt, und an den hochgelegenen Uferstrecken sieht man deutlich, wie ihre Wechsel in tiefen Rinnen bis zum Flusse führen. Die Tiefe dieser Rinnen ist dadurch bedingt, daß sie täglich von den schweren Dickhäutern benutzt werden. Kann man sich unbemerkt vor Sonnenuntergang an eine Gruppe von Flußpferden heranschleichen, wenn sie eben das Wasser verlassen haben, so erlebt man ein hübsches Schauspiel: Die Tiere sind sehr mißtrauisch, sie sichern stets beim Heraustreten aus dem Wasser und verlassen nur ganz langsam und vorsichtig das nasse Element. Fällt nur ein Schreckschuß, so machen sie schleunigst kehrt und flüchten wieder so rasch wie möglich in das Wasser zurück. Urkomisch ist es dann zu sehen, wie die Kolosse, die schon oben an der Rinne angelangt sind, laufend und rutschend auf der schiefen Ebene plumpsend in das Wasser sausen, wo sie minutenlang untertauchen. Ihre Nüstern sind zu diesem Zwecke verschließbar wie eine Ventilklappe. Tauchen sie dann wieder auf, so stoßen sie den lang angehaltenen Atem mit starkem Drucke aus, so daß das Wasser hoch aufspritzt. Während des Tages liegen die Tiere meistens träge im Wasser, nur die Schädeldecke, Ohren und Nasenlöcher ragen über die Oberfläche heraus. Man sieht keine Bewegung, als hier und da ein schnelles Kreisen der kurzen Ohren. Bisweilen, namentlich in den oben erwähnten Tümpeln, findet man ganze Herden bei munterem Spiel. Dabei bringen sich die Tiere mit ihren schrecklichen Hauern oft große Verwundungen bei, wie manchmal an den Wunden der gefangenen und erlegten Stücke festzustellen ist. Zur Brunstzeit, wenn die mächtigen Bullen untereinander kämpfen, muß es wohl gefährliche Wunden absetzen. Aus den mächtigen Hauern werden von den Indern wunderschöne Schnitzarbeiten gemacht. Es ist Elfenbein, aber mit einer sehr harten Glasur überzogen. Für einen guten Schützen ist es keine Kunst, an einem Tümpel von sicherem Versteck aus beliebig viel Exemplare zu erlegen, aber kein weidgerechter Jäger wird sich dieses zweifelhafte Vergnügen machen, sondern höchstens sogenannte Aasjäger, deren es leider auch gibt.

Oft habe ich die Strecke Panganya-Utete in einem Einbaum zurückgelegt. Unterwegs tauchten häufig in allernächster Nähe Flußpferde auf. Waren wir dicht genug herangekommen, so verschwanden sie wieder unter Wasser. Mitunter fuhr das kleine Fahrzeug direkt darüber hinweg. Die Neger zeigten darüber nur wenig Angst. Allem Anschein nach sind Tiere und Menschen hier sehr miteinander vertraut. Für mich war es natürlich kein angenehmes Gefühl, in solch einem wackeligen Boot über die riesigen Dickhäuter hinzufahren.

Daß die Flußpferde mitunter recht bösartig und angriffslustig werden können, habe ich selbst einigemal erlebt. In Kilwa hatte ich seinerzeit 6 Flußpferde, die sich in einem Gehege mit Bassin befanden. Ich war damit beschäftigt, die Dickhäuter mit List in ihre Transportkästen zu locken, was mir auch bei 4 Stück nach einigen Tagen gelang. Die beiden anderen Tiere, besonders aber das eine von ihnen, ein starker Bulle, machte mir andauernd Schwierigkeiten. Acht Nächte hatte ich schon bei großer Moskitoplage auf den Kästen zugebracht. Der Bulle war so schlau, daß er nur so weit in den Kasten hineinging, um das Futter ergreifen zu können, dasselbe dann herauszerrte und draußen verzehrte. Ich kam also nie dazu, die Falltür herunterzulassen. Die Zeit drängte, denn der Dampfer, welcher den Transport mitnehmen sollte, war in den nächsten Tagen fällig. Da besuchte mich, vom Rufidji kommend, Herr Petersen. Er meinte, es sei am besten, er ginge in den Kral, um das Tier aus dem Wasser zu treiben, vielleicht laufe es dann in den Kasten. Gesagt, getan! Ich hielt die Schiebetür hoch und mein Freund begab sich in den Kral. Kaum war er in der Mitte angelangt, als das Tier aus dem Wasser mit offenem Rachen auf ihn zustürzte. Natürlich ergriff Herr Petersen schleunigst die Flucht und lief auf meinen Kasten zu. Ich ließ die Schiebetür fallen, und meinem Zugreifen gelang es, den Bedrohten noch mit knapper Not in Sicherheit zu bringen. Jetzt war das Tier natürlich so aufgeregt, daß ich mich schon mit dem Gedanken trug, es für den nächsten Transport zurückzulassen, aber in der Nacht hatte einer meiner Boys meinen Posten für einige Minuten eingenommen und in dieser kurzen Zeit den wilden Satan gefangen. Im allgemeinen überläßt man solche Arbeit Negern nicht, denn ein zu frühes Herunterlassen der Falltür kann das Tier schwer verletzen und dessen Verlust herbeiführen.

Einen zweiten ähnlichen Vorfall erlebte ich in Stellingen beim Ausladen der Flußpferde. Ein 1,17 Meter hoher Bulle wollte durchaus nicht aus dem Transportkäfig. Wir halfen natürlich etwas nach. Einer der Wärter, der die Schiebetür zum Bassin öffnen wollte, kletterte rittlings auf der Mittelwand des Kastens entlang. Das Flußpferd, welches auf der gegenüberliegenden Seite an der Wand stand, bemerkte dies, stürzte mit offenem Rachen auf den Mann zu und schnappte nach dessen Bein, indem es förmlich an der Wand hochsprang. Der Wächter konnte sich nur durch das schnelle Hochziehen des Beines vor einem schweren Unfall retten. Auch Herr Petersen erzählte mir von einem Unglücksfall, bei welchem ein wütendes Flußpferd einen Neger glatt durchgebissen habe.

Bei Kilindi verließen wir den Dampfer und hatten noch drei Stunden bis Mohoro zu marschieren. Auf diesem Wege kamen wir durch zwei Negerdörfer, wo uns merkwürdige Baumhütten auffielen. Auf jedem stärkeren Baum befand sich etwa 2-3 Meter über dem Boden eine Art Plattform aus Ästen und Zweigen hergestellt und ringsum von Wänden aus Flechtwerk umgeben. Wir sahen, daß die Neger ihre Ziegen und Schafe die Nacht über hier unterbrachten, um sie gegen Löwen und andere Raubtiere zu sichern. In Mohoro konnte ich von einem Europäer einen zweirädrigen Transportkarren ausleihen. Dieser Mann erzählte mir ebenfalls, daß in der ganzen Umgebung große Löwenplage herrsche und ihm erst kürzlich aus einem Kral zwei Ziegen von Löwen geraubt worden seien. Leider fand ich in Mohoro das für meine Transportkästen nötige Material nicht, konnte aber von hier aus in Daressalam alles telegraphisch bestellen, mit der Weisung, sämtliche Sachen mit dem Hauptdampfer nach Salale zu schicken, von wo sie der zurückkehrende kleine Flußdampfer bis oberhalb Utete herauf transportieren konnte. Herr Petersen und ich konnten die 14 Tage bis zur Rückkehr des Dampfers nicht nutzlos verlieren und kehrten daher in dreitägigem Marsche direkt nach Utete zurück. Zugtiere waren für meinen Karren nicht zu haben; so mußten eben meine Träger herhalten, die sich bei der ihnen ungewohnten Arbeit möglichst ungeschickt anstellten, so daß ich meine liebe Not hatte und der Marsch in dem wegelosen Gelände stark verzögert wurde. Wie ich schon vorher erwähnt, herrschte in der ganzen Gegend Löwenplage, und wir trafen auf dem Wege zwei von ihren Bewohnern gänzlich verlassene Negerdörfer. Anstatt ihr Dorf zu befestigen, hatten die Eingeborenen vorgezogen, in eine andere Gegend zu ziehen. Am dritten Tage kamen wir durch eine Landschaft, wo überaus viele Mangobäume in voller Reife standen. Die Früchte und Zweige dieses Baumes bilden eine Lieblingsnahrung der Elefanten, von deren Anwesenheit viele niedergebrochene Äste und verstümmelte Bäume Zeugnis ablegten. Der Elefant trägt zur weiteren Verbreitung des Mangobaumes bei, weil die Keimkraft der verschluckten Fruchtkerne durch die Verdauungssäfte des Riesen nicht beeinträchtigt wird.

Mit der Losung kommen die Kerne zur Erde, werden oft von den Tieren selbst in den Boden getreten, und an allen Stellen, wo dies geschieht, fangen in der Regenzeit die Kerne an zu keimen, so daß allenthalben Mangobäume hervorwachsen. Fast überall, wo die nötigsten Lebensbedingungen da sind, findet man in unserer Kolonie den Mangobaum, dessen Frucht eine große Rolle in der Volksernährung spielt.

Erst spät am Abend des dritten Tages langten wir in Utete an. Leider waren während unserer Abwesenheit durch die Nachlässigkeit einiger Wächter mehrere der gefangenen Tiere eingegangen. Wir schafften energisch Ordnung und eilten nach dem zweiten Tierlager in Jaroilo, etwa 5-6 Stunden von Utete entfernt. Der Weg dahin führte an mehreren Tümpeln vorbei, in welchen überall Flußpferde vorkamen. In einem größeren Gewässer konnte ich bis 60 Stück zählen, deren Spiel ich, im Busche gedeckt, während unserer ganzen Rastzeit beobachten konnte. Will man ein Exemplar erlegen, so muß es durch Genick- oder Kopfschuß geschehen, was für einen geübten Jäger vom festen Lande aus kein Kunststück ist. Sitzt der Schuß richtig, so sinkt das verendete Stück sofort unter, um erst nach geraumer Zeit durch den Auftrieb der Zersetzungsgase wieder an der Oberfläche zu erscheinen. Nun gibt es ein großes Fest für die Neger, eifrig überwachen sie die Wasserfläche, und sobald das tote Tier auftaucht, stürzen sie hinein und ziehen den Kadaver ans Land, wo nun das Zerlegen beginnt. Was von dem Fleisch nicht gleich verzehrt werden kann, wird durch Räuchern oder Trocknen konserviert, das Fett wird ausgebraten und in Kalebassen (Kürbisschalen) gefüllt. Sowohl Fleisch wie Fett sind auch für einen Europäergaumen genießbar. Ich begnügte mich mit der Erlegung eines starken Bullen, von welchem ich den Schädel mit seinen gewaltigen Hauern sowie die schwere Schwarte als Trophäe behielt. Das Wildbret überließ ich unseren Negern, die denn auch mit aller Gründlichkeit daran gingen, sich den leckeren Braten zu Gemüte zu führen. Was dann noch übrigblieb, räumten Aasgeier und Marabus auf. Interessant war es immer, das kluge Gebaren der Marabus zu beobachten. In würdevoller Ruhe stehen diese Philosophen abseits der schreienden und sich um die Beute streitenden Aasgeiergesellschaft. So oft nun ein Fleischfetzen beiseite fliegt, stelzt der nächste der großen Kropfstörche rasch hinzu, faßt den Brocken, wirft ihn hoch und fängt ihn mit seinem Schnabel wieder auf, um das Stück im Kropf verschwinden zu lassen.

[Illustration: ~Vom Verfasser importierte Flußpferde in Carl Hagenbecks Tierparadies~]

[Illustration: ~Verfasser mit zwei jungen Nashörnern in Mombasa~]

[Illustration: ~Bob und Marianne mit einem Masai~]

Am Lagerplatz in Jaroilo stellten wir ebenfalls die etwas gelockerte Ordnung wieder her und ruhten uns von den Strapazen der letzten Tage aus. Die hungrigen Schwarzen baten um Wild, und wir gedachten am nächsten Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertage, einen Festbraten zu schießen. Trotz der vielen Ratten, die in der Jagdhütte auf den Mattendecken unserer Moskitonetze die ganze Nacht herumtanzten, schliefen wir fest und ungestört. Der Feiertag zeigte am Morgen ein trübes Gesicht; es regnete, so daß wir keine rechte Lust hatten, bei der Nässe auf die Jagd zu ziehen. Als jedoch der Regen nachließ, meinte Herr Petersen, wir müßten Fleisch haben, in der Nähe der Hütte wäre Wild genug und wir hätten höchstens eine Stunde zu gehen. Er war seiner Sache so sicher, daß er mir sogar abriet, die Büchse mitzunehmen; er selbst versah sich mit seiner 9,3-Büchse, während ich nur eine leichte Vogelflinte mitnahm. Wider Erwarten hatten wir nach einer Stunde Marsch weder einen der sonst so häufigen Wasserböcke, noch anderes Wild angetroffen, und als wir in eine Lichtung kamen, in der ein Tümpel lag, beschlossen wir uns zu trennen und das Wasser rechts und links zu umgehen. Als wir uns wieder trafen, war unsere Verwunderung groß, denn weder mein Gefährte noch ich hatte ein Stück Wild zu Gesicht bekommen, nicht einmal einen Vogel hatte ich angetroffen. Nun schlug Herr Petersen vor, in einem großen Bogen zurückzukehren, an einem anderen Tümpel sei sicherlich Wild zu finden, wenigstens doch ein Wasserbock oder eine Schwarzfersenantilope. Wir waren noch keine 20 Schritte in der angeschlagenen Richtung gegangen, als einer der uns begleitenden Neger uns leise anrief und lautlos auf einen dunklen Punkt unter einem Baume deutete. Infolge des Nebels konnten wir nur erkennen, daß dort ein Stück Großwild stand. Herr Petersen glaubte ein Johnston-Gnu vor sich zu haben, legte an und schoß. Das Tier zeichnete stark, sprang gleich wieder auf und flüchtete. Wir eilten an den Anschuß, wo die Fährte auf einen mächtigen Büffel deutete. Herr Petersen frohlockte und meinte, es könne nur ein alter Einzelgänger sein, der außer einem prachtvollen Braten in seinem Schädel und Gehörn eine wundervolle Jagdtrophäe abgäbe. Wir verfolgten die Fährte, und ich war der festen Überzeugung, daß dies gefahrlos sei, denn mein Kamerad hatte sich stets als ein erfahrener Jäger und sicherer Schütze gezeigt. Endlich sichteten wir den Bullen in 150 Meter Entfernung, aber sobald er uns eräugte, schlug er einen Haken in dem Moment, wo Petersen die Büchse zum zweiten Schuß anlegte. Der Büffel verschwand im Busch. Wir gingen ihm nach in der Meinung, daß das schwerkranke Stück sich in der Nähe ins Wundbett legen würde. Ich war etwa 100 Meter vorausgelaufen und sah mich um, als plötzlich der Büffel, der unbemerkt hinter dem Busch zurückgekommen war, in wütendem Angriff mich seitlich annahm und, ehe ich die geringste Bewegung machen konnte, überrannte, so daß mir sekundenlang die Sinne vergingen. Glücklicherweise hatte das angeschweißte Tier sich im Anlauf verrechnet und mich nur gestreift. Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich unter dem stillstehenden Büffel zwischen dessen Hinter- und Vorderläufen, -- eine keineswegs beneidenswerte Situation. In einem raschen Sprung suchte ich in den Busch zu entkommen. Sofort drehte sich mein Gegner um und drückte mich mit seinem Hinterteil in den Busch hinein, wo ich mit den Händen einen kleinen Baum erreichen konnte und im instinktiven Selbsterhaltungstrieb hinaufkletterte. Der Baum war höchstens armdick, und seine kleine Krone, deren Zweige ich herabbiegen konnte, verbarg mich nur unvollkommen; ich hing an dem Baume wie an einer Turnstange und hatte keinen Ast als Stütze. Herr Petersen mochte etwa 40-50 Schritte hinter mir geblieben sein; ich hatte ihm, als ich plötzlich den Büffel erblickte, zugerufen: „Hier ist er, schieße!“ Ob er nun, als ich vom Büffel überrannt wurde und auf Sekunden die Besinnung verlor, schoß oder nicht, kann ich nicht sagen. Ich fand nur später in seinem Gewehr eine leere Patronenhülse, ein Zeichen, daß er nicht repetiert hatte. Sei es, daß Petersen in der Aufregung diesen für einen erfahrenen Jäger unverzeihlichen Fehler begangen hat, sei es, daß er beim Angriff des wütenden Tieres auf die kurze Entfernung keine Zeit mehr dazu fand, ist ebenfalls unaufgeklärt geblieben, da wir später den schwerkranken Büffel nicht mehr finden konnten. In dem Augenblick, wo ich auf den Baum kletterte, sah der Bulle, als er sich drehte, Petersen und stürzte sich in rasender Wut auf ihn. Die Szene, der ich nun von meinem Zufluchtsorte aus wehrlos und hilflos zuschauen mußte, ist das Schrecklichste und Schauderhafteste, was wohl einem beherzten Manne zu sehen beschieden sein kann. Der Büffel warf Petersen nieder und suchte ihn auf seine Hörner zu bringen, indem er ihn am Boden hin und her schob, den ganzen Platz aufwühlend. In wenigen Sekunden hingen dem Ärmsten die Kleiderfetzen vom Leibe. Glücklicherweise schien er die Besinnung verloren zu haben, denn ich hörte nichts als das laute Schnaufen des Büffels. Endlich ließ dieser von dem anscheinend leblosen Körper ab und blieb etwa in 20 Meter Entfernung von mir stehen. Es war tatsächlich ein alter Einzelgänger mit einem prachtvollen Kopf und kapitalen Gehörn. Nun dachte ich: „Jetzt kommt die Reihe an dich,“ doch der Büffel nahm mich in meinem Versteck nicht wahr. Eine merkwürdige psychologische Tatsache, die mir allerdings erst später auffiel, war die, daß ich, obwohl ich den sichern Tod vor Augen sah, keinerlei Furcht empfand, sondern nur eine grenzenlose Wut, ohne Waffe zu sein und meinen Freund nicht rächen zu können. Unsere beiden schwarzen Gewehrträger waren natürlich spurlos verschwunden, was meinen Ingrimm noch erhöhte. Ich konnte aber nichts machen, als mich ganz stille zu verhalten, um die Aufmerksamkeit der Bestie nicht auf mich zu lenken; denn, wenn der Büffel mich bemerkt und den Baum auch nur gestreift hätte, wäre ich heruntergefallen und ihm wehrlos preisgegeben gewesen. Während letzterer schnaufend hartnäckig mir gegenüber stehen blieb und mir von der Anstrengung des Festhaltens am Baum die Glieder anfingen einzuschlafen, überlegte ich, was zu tun sei. Hinter mir, etwa 10 Meter entfernt, befand sich ein hoher bewachsener Termitenhügel, und hinter diesem ein großer Baum. „Kannst du den Hügel erreichen, ohne daß dich der Büffel bemerkt, so bist du gerettet!“ So überlegte ich. Wie ich freilich allein von da in der mir unbekannten Gegend mich zu unserem Lager zurückfinden sollte, von wo wir morgens im Nebel weggegangen waren, wußte ich nicht. Die Sonne brannte mir unbarmherzig auf den bloßen Schädel und die von dem Büffel getroffenen Stellen meines Körpers schwollen an und schmerzten; ich merkte, daß ich es nicht mehr lange in der schrecklichen Lage aushalten könne. Da sah ich plötzlich Petersen, der ganz nackt und wie tot dalag, sich aufrichten und sich gegen einen Baum schleppen, wo er niederkauerte. Mit schwacher Stimme rief er: „Schulz, schieß’ ihn tot!“ Der Arme wußte nicht mehr, daß ich gänzlich ohne Waffe selbst hilflos dem Büffel preisgegeben war. Welche Verzweiflung mein Herz durchwühlte bei dem Flehen meines todwunden Freundes, können Worte nicht schildern. Gerade wollte ich ihm zurufen, er solle sich ruhig verhalten, als der Bulle ihn wiederum erblickte und mit neuer Wut auf ihn zustürzte. Er schleuderte ihn seitlich vom Baume weg und mit einer blitzschnellen Drehung nahm er ihn auf die Hörner, warf ihn hoch und fing ihn dicht an meinem Baume mit dem Kopfe wieder auf. Das Krachen der zerbrechenden Knochen ging mir durch Mark und Bein. Es war zum wahnsinnig werden; ich klammerte mich an den einen Trost, daß der Arme nicht mehr leiden könne, sondern tot sein müsse. Der Büffel warf den toten Körper ein zweites Mal im hohen Bogen durch die Luft in einen Busch abseits meines Baumes und ließ seine Wut von neuem an ihm aus. Diesen Augenblick benutzte ich, glitt rasch vom Baume herab und lief hinter dem Busch nach dem erwähnten Termitenhügel, wobei ich über einen lang im hohen Grase liegenden Schwarzen stolperte, der sich lautlos und zitternd in demselben versteckt hatte. Mein erstes Wort war: „Schnell, such’ die Gewehre!“ Doch der Neger weigerte sich, vor Furcht zitternd, sie zu holen, während er mir die Termiten von den Kleidern ablas, die ich in meiner Aufregung gar nicht bemerkt hatte. Ich erkletterte den Termitenhügel und hielt Umschau. Der Büffel war nicht mehr zu sehen und schien sich entfernt zu haben. Jetzt kroch ich auf allen Vieren zu der Unfallstätte zurück, um selbst die Gewehre zu holen, die dort liegen mußten. Nach kurzem Suchen fand ich sowohl mein Gewehr als auch die Büchse Petersens und einen Speer nebeneinander auf dem Boden liegend. Sofort ergriff ich die Büchse und repetierte, wobei, wie schon oben bemerkt, eine leere Patrone herausfiel. Es waren noch zwei Patronen im Magazin, so daß ich zu der Ansicht kam, daß, wie gesagt, Petersen entweder keine Zeit mehr gefunden hatte zu schießen, oder aus Furcht, mich selbst zu treffen, in dem kritischen Moment nicht geschossen hatte. Ich kehrte auf den Termitenhügel zurück in der Hoffnung, den Büffel noch zu schießen, aber weit und breit regte sich nichts. Der Bulle hatte seine Wut erschöpft und war offenbar in das Wundbett gewechselt, denn ich hatte deutlich gesehen, daß er stark aus der Hüfte schweißte. Nun befahl ich dem ganz verstörten Schwarzen, seinen Kameraden herbeizurufen, was er durch Nachahmen eines Vogellockrufes tat. Einen der Neger schickte ich sofort nach dem Lager zurück, um meine eigene Büchse und Leute mit einer „Kitanda“ (Negerbettstelle) als Tragbahre für den Leichnam Petersens herbeizuholen. Inzwischen hielt ich auf dem Termitenhügel traurig die Totenwache und vertrieb die bereits in Scharen herankreisenden Aasgeier durch einen Schuß. Nie im Leben werde ich diesen traurigsten aller Weihnachtstage vergessen. Endlich kamen die Schwarzen mit der Tragbahre an und wir machten uns auf die Suche nach dem Leichnam. Als Petersens Diener beim Zurückbiegen eines Busches plötzlich die Leiche seines Herrn erblickte, verzerrte sich sein Gesicht vor Entsetzen. Der teilweise zerfetzte Körper bot einen fürchterlichen Anblick. Wir legten die Überreste meines armen Kameraden auf die Tragbahre, bedeckten sie mit Zweigen und langsam bewegte sich der traurige Zug nach dem Lager zurück. Sofort verfaßte ich einen Bericht an die deutsche Regierung und sandte ihn durch Eilboten nach Mohoro. Überallhin hatten die Neger bereits durch Trommelschlag das Unglück in die nächsten Dörfer gemeldet, und die Eingeborenen strömten massenhaft im weißen Kanzu, ihrem Feierkleide, zur Leichenfeier herbei. Wegen der tropischen Hitze mußten wir den Toten rasch begraben, denn es trat schon nach wenigen Stunden Verwesung ein. Ich wusch die Leiche und wickelte sie in Bettlaken ein. In der Nähe der Jagdhütte ließ ich ein tiefes Grab ausheben, in welches wir meinen armen Freund zur ewigen Ruhe betteten. Da kein Sarg vorhanden war, deckten wir einige Strohmatten über die Leiche und schaufelten die Erde wieder auf, während die Schwarzen nach ihrer Sitte in einer mir unverständlichen Weise sangen und tanzten. Das Grab ließ ich mit Dorngebüsch einzäunen zum Schutz gegen Schändung durch Hyänen und Schakale. Später ließ ich von Utete Steine holen und baute eine Pyramide mit einem schlichten Holzkreuz über der Ruhestätte auf. Ringsherum pflanzte ich Mangobäume und beauftragte den Dorfältesten des nächsten Dorfes mit der Beaufsichtigung des Grabes.

Von den an Beinen, Brust und Hals erlittenen Quetschungen durch den Büffel fühlte ich mich zerschlagen, dazu kam die Nachwirkung der seelischen Erregungen, so daß ich in einen Zustand völliger körperlicher und moralischer Erschöpfung verfiel. Mein Zustand war begreiflich, saß ich doch hilflos und allein, meines Gefährten beraubt, in der afrikanischen Wildnis, selbst kaum einige Worte der Eingeborenensprache kennend und meilenweit von jedem Europäer entfernt. Das Pflichtgefühl allein half mir über alles hinweg. Ich mußte und wollte den begonnenen Fangzug beenden. So raffte ich mich denn auf und machte mich an die Arbeit. An verschiedenen Orten warteten die gefangenen Tiere auf den Abtransport nach Europa. Der Dampfer, der sie nach Salale bringen sollte, war für den 17. Januar fällig, und ich mußte das Problem lösen, ohne Petersens Hilfe die ganze Arbeit des Kistenbauens und des Transportes aus den Tierlagern nach dem Flusse mit meinen wenigen Suaheliworten in der kurz bemessenen Zeit allein zuwege bringen. Hätte ich diesen Flußdampfer verpaßt, so hätte mein Tiertransport auch den Europadampfer nicht mehr erreicht und wäre während der drohenden Regenzeit überhaupt nicht mehr zum Abtransport gekommen. Das ganze Unternehmen wäre verloren gewesen, weil die Plätze, wo unsere Tierkrale lagen, zur Regenzeit vom Rufidji überschwemmt werden. So raffte ich meine letzte Energie auf und machte mich ans Werk.