Part 1
Anmerkungen zur Transkription
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Begierde 20. Tausend
B e g i e r d e
Ein Berliner Roman
von
Jolanthe Marès
[Illustration: Signet]
16. bis 20. Tausend
Wilhelm Borngräber Verlag Berlin
Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vom Verleger gewahrt.
In dem eleganten kleinen Teeraum der Pension Mohrmann lag Miß Webb tief in einen der bequemen Sessel geschmiegt, rauchte ihre Zigarette und gab ihrem Erstaunen über Deutschland im allgemeinen und Berlin im besonderen Ausdruck.
»Oh, ich muß Ihnen sagen, Miß Wunsch, daß ich sehr erstaunt bin über alles, was ich hier in Deutschland sehe. Ich habe immer gehört, die deutsche Frau ist nicht elegant und versteht sich nicht zu kleiden. Sie ist nur Hausfrau, hat viele Kinder, kocht, wäscht und besorgt im Haushalt alles selbst. Und nun sehe ich, daß es ganz anders ist. Die deutsche Frau ist eine elegante Dame. Sie kleidet sich nach der Mode, hat Schick und versteht zu flirten. O nein, ich finde die ›Deutsche Hausfrau‹ nicht.«
Lachend warf die der Sprecherin gegenübersitzende Lotte Wunsch den Rest ihrer Zigarette in den Aschenbecher, schlürfte langsam ihren Tee und erwiderte spöttisch: »Auf Ihren Wegen werden Sie auch die deutsche Hausfrau schwerlich finden, Miß Webb.«
»Ich bin sicher, daß es einige gibt. Aber was will das sagen im Vergleich zu den vielen?«
»Geht man nachmittags zum ~five o’clock tea~, man trifft viele Damen, Frauen, die Haus und Kinder haben. Abends in den Restaurants, alles Familien! Ich sehe, es ist nicht richtig mit Ihren drei K -- Kirche, Küche, Kinder -- ich finde, man amüsiert sich sehr viel bei Ihnen.«
»Man arbeitet aber auch bei uns.«
»Das ist wahr. Ich habe es bemerkt. Die Herren bei Ihnen arbeiten viel, beinahe so viel wie bei uns. Es gibt viele Frauen in Deutschland, die einen Beruf haben und die sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Das imponiert mir sehr. Aber Zeit für Amüsement haben sie trotzdem. Oh, ich denke lange in Berlin zu bleiben ~to amuse myself~.« Miß Webb zündete sich eine neue Zigarette an, warf den Kopf weit zurück, schlug die Beine übereinander, daß die schlanken, in spinnwebfeinen schwarzen Seidenstrümpfen steckenden Beine sichtbar wurden, und den Rauch der Zigarette in leichten Wölkchen in die Luft blasend, fragte sie: »Haben Sie auch den Schrei nach dem Kinde gehabt, Miß Wunsch?«
Fräulein Wunsch starrte auf ihr Gegenüber: »Ob ich was?«
»Nun -- ob Sie auch den Schrei nach dem Kinde haben? Man sagt bei uns, die deutsche Frau mit einem Beruf will sehr oft ein Kind, aber keinen Mann, sie will Mutter sein, ohne zu heiraten. Ist das richtig? Wie kann man wünschen, ein Kind zu bekommen? Kleine Kinder sind schrecklich. Niemals möchte ich Kinder haben, sie sind lästig und machen so viel Mühe.«
Mit einem energischen Ruck warf sie den Oberkörper nach vorn, setzte die Füße fest auf den Boden und fragte eindringlich zu Fräulein Wunsch hinüber: »Wollen Sie ein Kind?«
»Es wäre wirklich schade, wenn Ihre Mutter ebenso gedacht hätte wie Sie. Im übrigen scheinen Sie aus Schlagwörtern Ihre Kenntnis der deutschen Frau herzuleiten. Ich würde Ihnen auch raten, länger hierzubleiben, um Ihr Wissen an der Quelle zu vervollständigen.«
»Oh, Sie sind böse, weil ich das gefragt habe, das müssen Sie nicht sein. Ich frage nicht aus Neugierde, ich habe viel Interesse für die deutsche Frau, ich suche sie zu studieren. Ich weiß, die Deutschen haben viel Herz, oder sagen Sie Gemüt? Ich kann es wohl verstehen, daß man wünscht, Kinder zu haben, wenn man verheiratet ist, aber wie eine Frau, die nicht verheiratet ist, sich ein Kind wünschen kann, das begreife ich nicht. Sagen Sie, Mrs. Holm, wünschen Sie sich ein Kind?«
»Ich wäre unendlich glücklich, wenn mir in meiner Ehe ein Kind beschieden wäre.«
»~Well~, Sie waren verheiratet. Aber Sie, Fräulein von Wangenheim, wie denken Sie darüber?« Die lebhaften braunen Augen wandten sich gespannt und voller Neugierde der ihr zur Rechten sitzenden jungen Dame zu.
Ein flammendes Rot überzog die zarten bleichen Wangen, kühle, abweisende Blicke trafen die Augen der Fragenden: »Aber -- ich bitte --«
Erstaunt blickte die Amerikanerin sie an: »Ich denke, Sie sind Künstlerin und wollen zur Bühne gehen? Da darf man nicht prüde sein, Fräulein von Wangenheim, da werden Sie noch ganz andere Dinge zu hören bekommen.«
»Ich will nicht zur Bühne gehen, ich will Konzertsängerin werden.«
»Einerlei. Nicht wahr, Sie studieren bei Professor Sommer?«
»Jawohl.«
»Es soll ein sehr interessanter Mann und guter Lehrer sein. Ich habe viel von ihm gehört. Ich wollte auch Gesang studieren. Sie müssen wissen, wir Amerikaner lieben die Musik sehr. Aber ein Studium nimmt viel Zeit. Ich bin zu praktisch, ohne Vorteil Geld auszugeben. Ich habe keine Zeit zum Studieren, ich liebe es mehr, mich zu amüsieren.«
»Ja, das Studium kostet viel Geld.«
»Die Ausbildung Ihrer Stimme ist eine Kapitalsanlage, die Ihnen später Zinsen bringen wird, vorausgesetzt, daß Sie wirklich Stimme haben.«
»Der Professor hat mir große Hoffnungen gemacht.«
»Waren Ihre Eltern denn mit Ihrer Ausbildung einverstanden? Sie sind aus einer Offiziersfamilie, Ihr Vater ist, wie ich gehört habe, Oberstleutnant. Ist man in diesen Kreisen nicht etwas ablehnend gegen das Künstlertum, wenigstens wenn es die eigene Familie betrifft?«
Ein leichter Zug der Pein huschte über die jetzt wieder bleichen Züge Fräulein von Wangenheims, aber sich bezwingend erwiderte sie:
»Im allgemeinen wohl, Miß Webb. Auch ich hatte einen Kampf zu bestehen, ehe mir die Einwilligung meiner Eltern zuteil wurde, aber -- wie Sie sehen -- ich bin siegreich aus dem Kampf hervorgegangen und -- der Oberstleutnant mußte sich dem Rekruten ergeben.«
»Also: Siegerin. Sie werden auch hier siegen, glauben Sie mir --« und ein so prüfender Blick flog über Gerda von Wangenheim, daß ihr wieder das Erröten kam.
»~Good Evening~, Mr. Winkelmann, es ist nett, daß Sie kommen, um mich zu entführen. Ach, wie wohltuend wirken Sie in diesem bunten Raum und unter uns farbenfreudig gekleideten Damen!«
»Als dunkler Punkt,« warf Lotte Wunsch dazwischen.
»Wirklich, ich wurde schon ganz nervös. Schauen Sie dieses Schwelgen in Farben, Sie in Ihrem Smoking bringen etwas Ruhe hinein, Sie wirken direkt dekorativ.«
»Sollte ich nicht auch noch anders wirken?«
Kurt Winkelmann neigte sich über die ihm entgegengestreckte Hand der Amerikanerin, begrüßte kameradschaftlich Lotte Wunsch und verbeugte sich verbindlich vor Ebba Holm.
»Und hier, unsere jüngste Mitpensionärin, Fräulein von Wangenheim.«
Kurt Winkelmann war eine schlanke und vornehme Erscheinung mit schmiegsamen, lässigen Bewegungen. In dem bartlosen Antlitz saß eine kühne, etwas scharf hervorspringende Nase und dunkle, von langen Wimpern beschattete Augen. Volles, kastanienbraunes Haar fiel in die hohe klare Stirn. Es war sein Sport, der bestgekleidetste Weltmann zu sein und als der schickste und eleganteste Lebemann der Welt zu gelten.
Sein geübtes weltmännisches Auge, das sich nur mit Schönheit und Eleganz beschäftigte, nahm die neue Erscheinung in sich auf. Sie ist sehr schön, das ist wahr. Die Haare, die Haut, der zarte Teint, die Figur, alles ist herrlich! Und dennoch -- sie war nicht mit dem Schick angezogen, ohne den eine moderne Frau in seinen Augen ein Unding war. Ihr Kleid hatte nicht den tadellosen Schnitt, es war nicht der letzten Mode entsprechend. Das Haar von jenem schönen rötlichen Blond, welches wie Gold schimmert, war zu wenig gelockert, ihm fehlten die von der Mode vorgeschriebenen Wellen. Alles in allem eine eigenartige Schönheit von außergewöhnlichem Reiz, aber -- keine elegante Frau nach seinem Geschmack.
Leicht hatte sie das Haupt geneigt und einen flüchtigen Blick über den Ankömmling gleiten lassen, dann plauderte sie ruhig weiter. Sie schien nicht das Interesse für ihn zu empfinden, das er gewöhnlich im Entgegenkommen aller Frauen fühlte, denen man ihn vorstellte. Eine Persönlichkeit wie er, Weltmann vom Scheitel bis zur Sohle, und diese junge, provinzialisch angezogene Person war gar nicht neugierig, ihn kennenzulernen?
»Mr. Winkelmann, wo werden Sie mich hinführen? Bitte, sagen Sie, Sie hatten mir einen besonders netten Abend versprochen.«
»Erst werden wir ein Konzert besuchen, in welchem die Hempel singt.«
»Oh, ~wonderfull~,« sie klatschte in die Hände -- »und dann --«
»Ja, das ist eine Überraschung, kann ich noch nicht verraten.«
»Aber bin ich auch richtig gekleidet, ~look at me~?« Sie war aufgesprungen, stellte sich in die Mitte des Zimmers und drehte sich langsam gleich einer Mannequin herum.
Ihren schlanken zierlichen Körper umspannte gleich einer Haut ein weicher, grasgrüner Seidenstoff, jede Linie scharf abzeichnend. Der schlanke Hals, um den eine dreifache Perlenschnur gewunden war, tauchte gleich einer Lilie aus dem grünen, zarten Gewebe, welches den spitzen Ausschnitt umgab, hervor.
Übermütig blitzten ihm die braunen Augen aus dem leicht gepuderten, pikanten Antlitz entgegen.
»Immer ~allright~, Miß Webb.«
»Eigentlich hätten Sie dieses Konzert auch besuchen müssen, Fräulein von Wangenheim, so etwas sollten Sie sich nicht entgehen lassen.«
»Gnädiges Fräulein interessieren sich für Musik?« und er neigte sich zu Gerda von Wangenheim.
»Ich studiere Gesang.«
»Ah -- also angehende Künstlerin --« und er heftete einen seiner verschleierten und heißen Blicke auf sie.
»Fräulein von Wangenheim wird Karriere machen,« rief die Amerikanerin, indem sie sich von dem eintretenden Zimmermädchen den Mantel um die Schultern legen ließ.
»~I’m ready~, Mr. Winkelmann.« -- -- --
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»Naseweis und frech wie ein Spatz.«
»Sagen Sie lieber gänzlich unerzogen, Fräulein Wunsch.«
»Nein, das möchte ich nicht sagen, Frau Holm. Ich habe schon zuviel gut erzogene junge Damen ein schlechtes Benehmen zeigen sehen, daß ich nicht auf dem Standpunkt stehe, daß schlechtes Benehmen stets eine Folge schlechter Erziehung ist.
Was hier zutrifft, weiß ich nicht. Im allgemeinen wird den amerikanischen jungen Damen eine sehr gute, sogar strenge Erziehung zuteil. Allerdings genießen sie im Umgang mit jungen Männern eine große Freiheit, wobei ›drüben‹ gar keine Gefahr besteht, denn die Frau genießt ja in Amerika einen ganz andern Schutz als hier bei uns. Sie ist dem Manne tatsächlich ein Wesen, dem man Achtung schuldig ist und dem kein Mann wagen wird, sich unehrerbietig zu nahen.«
»Sie können doch im Ernst nicht behaupten wollen, daß ein gut erzogenes junges Mädchen unserer Kreise sich derartig benehmen kann, wie es diese Dame tut?«
»Unter Umständen noch viel schlimmer. Sie kennen unsere Großstadtluft nicht -- die zersetzt. Man ist so vielen Einflüssen ausgesetzt. Es gehört schon Charakter dazu, sich rein zu halten und den verwilderten Elementen fern zu bleiben. Glauben Sie mir, ich spreche nicht so obenhin. Seit zwanzig Jahren lebe ich hier, stehe mitten im Leben, habe viel wohlerzogene Töchter guter Familien an mir vorüberziehen sehen. Viele sind bergab geschritten -- moralisch -- denn der Weg bergab führte oft zur Höhe des gesellschaftlichen Lebens -- zu Ruhm und Glanz.«
»Sie wollen uns schon verlassen, Fräulein von Wangenheim?«
»Ich habe mich heute mit dem Studium überanstrengt. Ich möchte die Stunde bis zum Abendessen zum Ruhen benutzen.«
Gerda von Wangenheim stand in ihrer schlanken Höhe vor den beiden Damen, reichte ihnen die Hand und schritt schwebenden Schrittes aus dem Zimmer.
»Eine herrliche Erscheinung.«
»Und eine gut erzogene junge Dame, Frau Holm. Ob sie nach einem Jahre noch so wirken wird?«
»So lassen Sie doch Ihren Skeptizismus aus dem Spiel. Man muß an das Gute im Menschen glauben; das wäre ja entsetzlich, wenn man allen Menschen nur das Schlechte und Gemeine zutrauen wollte. Sie sind ein ganz unglücklich veranlagtes Wesen, wenn Sie bei den Menschen nur die Anlage zum Bösen sehen.«
»Keine Veranlagung, Frau Ebba, das Leben hat mich so denken gelehrt! Glauben Sie mir, als ich mit achtzehn Jahren hier einzog, in die große Stadt, an die Quelle des pulsierenden Lebens, da lag es vor mir, das Leben, voll eitel Sonnenschein, da glaubte ich an die Menschen, die Glückbringer. Mit ausgestreckten Händen stand ich da: gebt, was gut und schön ist in euch, um euch. Auch ich will euch beschenken, ich bringe meine Jugendkraft, mein heiliges Glühen für alles Schöne und Edle, helft mir schaffen, genießen -- leben. Ich war jung, Frau Ebba, da hat man noch Blütenträume!«
»Das Leben erfüllt uns selten die Blütenträume.«
Lotte Wunsch nickte. »Und es ist gut so. Wir Künstler brauchen Bitternisse, Hindernisse! So erst kommen wir zum Schaffen. Die große Enttäuschung im Leben einer Frau ist gewöhnlich der Mann. So war es auch bei mir.
Mit achtzehn Jahren kam ich nach Berlin, um mich der Kunst zu widmen. Nach den Studienjahren in der Kunstschule ging ich in das Atelier des Professor Stein, um unter seiner Leitung zu arbeiten. Ich war eine eifrige Schülerin und, wie mir der Professor versicherte, sehr talentvoll. Er mochte ausgangs der Fünfziger gewesen sein, als ich bei ihm arbeitete. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter, von denen die eine mit einem Offizier verlobt war. Er sprach wenig während der Arbeit, liebte es aber, sich in den Pausen und nach Schluß der Arbeitszeit mit mir zu unterhalten. Wir saßen dann gemütlich in der Plauderecke des Ateliers und rauchten Zigaretten. Ab und zu tranken wir auch wohl ein Glas Wein zusammen. Wir sprachen über Kunst und Theater. Er erzählte mir auch mal einen derben Atelierwitz und amüsierte sich, wenn ich darüber in Verlegenheit geriet. Er meinte: daran müssen Sie sich gewöhnen, Kleine, das ist Atelierton. Ich hatte auch weiter keinen Arg, war er doch mein Lehrer und in meinen Augen der alte Herr mit zwei erwachsenen Töchtern. Das ging nun so eine Weile. Eines Tages, als wir wieder saßen, plauderten und rauchten -- er hatte hastig drei Gläser Wein hinuntergestürzt -- sah er mich scharf an und sagte: ›Du mußt übrigens ein vorzügliches Aktmodell abgeben.‹ Ich erschrak. ›Zieh dich einmal aus.‹ Ich sprang entsetzt in die Höhe. Da fing er unbändig an zu lachen und schrie mich an: ›Willst eine Künstlerin sein und tust so zimperlich? Weißt doch, daß wir den menschlichen Körper studieren, wo wir ihn finden. Brauchst doch selbst die Leiber der anderen für deine Zwecke, also herunter mit dem Firlefanz, ich will Studien machen an dir -- weiter nichts.‹
Zitternd und bebend war ich in eine Ecke geflüchtet. Er war an den großen schwarzen Sammetvorhang getreten, dessen Falten er ordnete. Jetzt wendete er sich und sah mich stehen. Er kam auf mich zu, streichelte mir das Haar und sagte: ›Kind, ich tue dir doch nichts, du als Künstlerin mußt mich doch verstehen. Ich suche wochenlang nach einem Körper wie der deine, tue mir den Gefallen und sträub’ dich nicht, du weißt doch, du dienst der Kunst damit. Komm, hier, trink noch ein Glas, und dann laß uns arbeiten.‹
Ebba Holm -- eine Stunde habe ich vor dem Vorhang gestanden -- es waren Qualen der Hölle, die ich erlitt. Ich schwor mir zu, der Kunst zu entsagen und nie, nie mehr den Meißel anzurühren. Und kehrte wieder des anderen Tags und arbeitete wie eine Rasende. Und nach der Arbeit stand ich wieder eine Stunde vor dem schwarzen Vorhang und diente seinem Werk. Als ich ging, flüsterte er heiser vor Aufregung: ›Nur noch morgen, Kind, ich danke dir.‹
Und als ich kam, bat er: ›Laß heut deine Arbeit, wir wollen gleich anfangen.‹
Ich stand -- stand und krampfte den emporgestreckten rechten Arm in die Falten des Vorhanges -- so war die Stellung -- da -- da sah ich zwei gierige, lüsterne Augen, hörte ich stöhnen -- ich wollte schreien -- doch schon umkrampften mich seine Arme, bedeckten brennende Küsse meinen jungen Leib -- ich wehrte mich wie eine Rasende -- immer fester umschlang er mich -- wir stürzten zur Erde -- im Fallen riß ich den Vorhang herunter -- das war meine Rettung. Er verwickelte sich und suchte sich zu befreien -- dabei mußte er mich loslassen -- ich entschlüpfte und stürzte nach meinen Sachen. -- Als ich, in Eile bekleidet, forteilen wollte, kam er zitternd auf mich zu: ›verzeih‹ -- ich spie ihm ins Gesicht, ging -- und kam nie wieder -- -- --
Da starb, was edel ist, in den Menschen, da versank die Schönheit des Menschengeschlechts. Nur noch die Begierde sah ich nackt und häßlich, wie sie die Menschen beherrscht.
Ich lernte sehen. Ich sah nicht nur das, was mir geschehen -- nein -- ich sah auch, was um mich war -- was in meiner Umgebung geschah. Im Taumel der Lust, im Begehren nach Gold und Sinnenreiz sah ich die Menschen. Vor meinen Augen war der Vorhang des Idealismus gesunken. Ich sah die Menschen nackt -- sah sie so, wie sie sind. Ich habe das Vertrauen zu den Menschen verloren.«
»Sollten Sie nicht ungerecht urteilen?«
»Es gibt Ausnahmen -- aber daß es eben Ausnahmen sind, ist gewiß.«
»Und -- haben Sie nie jemand liebgehabt?«
»Ich konnte nicht. Verschüttet war mir der Weg zur Liebe, Ebba Holm. Wohl streckte sich manche Hand aus, wollte mich führen und deutete glückverheißend auf das geöffnete Tor -- aber -- auf dem Weg lag ein Gespenst -- zwei gierige, lüsterne Augen -- ich konnte nicht an ihnen vorbei -- ich fand nicht den Mut, einzutreten in das Land der Liebe -- ich hatte sehen gelernt.«
»Sie Arme!«
»Nein, nicht arm -- zum starken, willensfesten Menschen hat mich das Schicksal geformt -- ich habe meine Arbeit, meine Kunst. Meine Arbeit, meine Aufgaben haben mich ausgefüllt.«
»Sind Sie ganz befriedigt, sind Sie ganz glücklich?«
»Darauf hat, glaube ich, kein Mensch berechtigten Anspruch. Auch Sie sind nicht glücklich, Frau Ebba, und hatten doch die Liebe zur Seite.«
»Sie haben recht, vom Glücklichsein träumt man nur.«
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Das Läuten zum Abendessen klang durch das Haus.
Lotte Wunsch fuhr empor aus ihrer Gedankenwelt. Jetzt unter Menschen -- unter viele Menschen -- schwatzen -- lachen -- oberflächliches Zeug reden -- nein -- sie verzichtete lieber auf das gemeinschaftliche Abendessen.
Sie streckte sich auf den Diwan und schloß die Augen.
Vom Glücklichsein träumt man nur!
Wovon sollte sie träumen? Konnte sie mit ihren achtunddreißig Jahren überhaupt noch träumen? Sie ein Verstandesmensch? Sie, die das Denken über das Fühlen stellte!
Wo suchte sie ihr Glück?
In der Arbeit.
Nein -- nein -- das ist nicht wahr -- die Arbeit allein, sie brachte nicht das Glück.
Ihrer Kunst, ihrem großen Ziele hatte sie sich hingegeben mit Eifer und Glut, alles andere von sich gewiesen. Die hohe Aufgabe, die sie sich gestellt, hatte sie ganz erfüllt, und der Erfolg, sich als tüchtige, gefeierte Bildhauerin zu sehen, hatte ihr große Befriedigung gebracht -- und doch, und doch dieses Verlangen -- wonach? Wie kam es, daß sie oft ein Gefühl ängstlichen, ungestillten Sehnens schmerzlich erfaßte, ein Gefühl der Leere, des Bangens sie beschlich?
War dieses, durch Arbeit und Erfolg im Beruf glücklich sein, nicht ein kühles Verstandesglück, das mit dem eigentlichen Glück gar nichts gemein hat?
Was fehlte ihrem Leben? -- -- --
Sie lebte ein Leben ohne Liebe, das war es -- ein verfehltes Leben für eine Frau.
Ihr war das Schicksal etwas schuldig geblieben -- noch konnte sie fordern -- oder -- --
Sie sprang empor und lief zum Spiegel. Noch war sie nicht alt, aber schon im Stadium unbarmherzigen Welkens, jenes frühen Welkens, das in einem Verlöschen aller Farben, in einem Rücktritt jeglicher Frische besteht. Nie hatte sie etwas für ihren Körper, für ihren Teint getan. Das glatt gebürstete, im Nacken zu einem Knoten zusammengedrehte Haar gab ihrem Antlitz einen strengen, scharfen Ausdruck, machte sie älter, als sie in Wirklichkeit war. Wenn es nach Liebe war, wonach sie hungerte, wie kam es, daß keiner von denen, die sich ihr genaht, ihr Liebe eingeflößt hatte? Keiner ihr Herz angezogen, ihre Sinne in Wallung gebracht?
Die Begierde hatte sie erschreckt, hatte das, was Liebe hatte werden können, erstarren lassen. Wohl hatte sie dieses Erlebnis, diese Enttäuschung auf ihrem Lebensweg für die Kunst reifen lassen, aber den Glauben an die reine, tiefe Liebe hatte sie verloren.
Sie nennen es Liebe und ist doch nur Sinnlichkeit -- das, was sich anzieht. -- --
Nein -- nicht nach dem Manne stand ihr Verlangen, nicht nach dem Rausch der Sinne -- das Kind war es, das sie begehrte, und darum mußte die Liebe rein sein -- rein, ohne Begehrlichkeit -- das war das Glück. Dieses vorlaute, dreiste Wesen dort drüben im Teezimmer hatte die Glocke in ihrem Herzen zum Schwingen gebracht, und nun läutete sie, läutete: ich sehne mich -- oh, wie sehne ich mich -- ich habe noch nicht das Glück genossen -- -- und ich sehne mich so namenlos danach -- --
Es klopfte.
»Darf ich ein bißchen zu Ihnen kommen?«
»Herzlich erfreut, Frau Ebba, kommen Sie herein und lassen Sie uns gemütlich weiterplaudern, es ist gut, daß Sie da sind -- sehr gut -- und jetzt spüre ich auch wahrhaftig Hunger -- einen Wolfshunger. Ich lasse mir noch etwas kaltes Fleisch bringen, mache uns eine Tasse Tee, und dann erzählen auch Sie mir von Ihrem Blütentraum.«
Sie eilte geschäftig im Zimmer umher, ordnete das Gerät des Teetisches, schob zwei bequeme Sessel an den Kamin, entzündete die Spiritusflamme unter dem kleinen silbernen Teekessel, gab dem eintretenden Mädchen ihren Auftrag und bot sich niederlassend Ebba die Zigarettendose.
»Arg vom Sturm zerzaust sind diese Blüten.«
»Es werden Ihnen neue erstehen, Sie sind noch jung, Frau Ebba.«
»Was nutzt mir die Zahl der Jahre, wenn Erlebtes mich alt macht? Ich bin eine Frau ohne Heim, ohne Pflichten, ein vom Wind verwehtes Blatt.
Ich deutete Ihnen an, was mir geschehen. Wir liebten uns, er, der junge, elegante Rechtsanwalt, und ich, die reiche Fabrikantentochter. Unserer Heirat stand nichts im Wege, nur daß ich eigentlich noch zu jung war. Mit achtzehn Jahren sollte man noch nicht heiraten. Doch gleichviel, wer weiß, ob ich, wenn ich später geheiratet, nicht dieselben Erfahrungen gemacht hätte -- möglicherweise mit einem anderen Mann auf andere Art, es sollte wohl so sein -- Schicksalsbestimmung, -- ich glaube daran. Wir lebten sehr glücklich und zufrieden. Mein Mann gehörte zu den gesuchtesten Rechtsanwälten Hamburgs. Wir hatten einen großen geselligen Kreis. Ich wäre restlos glücklich gewesen, wenn in mir nicht die Sehnsucht nach einem Kindchen, einem kleinen lieben Ding, welches mein ureigenstes Mein gewesen wäre, gelebt hätte.
So vergingen drei Jahre, da fing ich an, bei meinem Manne ein unstetes, flackerndes Wesen zu beobachten. Von mir aufmerksam gemacht, wurde er noch nervöser. Ich beobachtete ihn und hielt ihn für überanstrengt in seiner Arbeit. Er schonte sich nicht, arbeitete oft bis spät in die Nacht hinein, wie ich meinte. Er wurde aufgeregt und mißtrauisch, weil er sich beobachtet wußte. Es kam zu Szenen zwischen uns, in welchen er sich die Spioniererei verbat. Genug, ich kam dahinter, daß mein Mann ein leidenschaftlicher Spieler war. In seinem Büro, welches nicht mit unserer Wohnung in Verbindung stand, fanden nachts Zusammenkünfte statt, bei denen wahnsinnig gespielt wurde. Mein Mann verlor. Er verspielte sein ganzes nicht unbedeutendes Einkommen und hatte bereits mein eingebrachtes Vermögen verspielt. Mein Vater stellte ihn zur Rede -- er zeigte Reue und gab sein Ehrenwort, keine Karte mehr anzurühren. Er hat sein Ehrenwort gebrochen. Nach zwei Monaten war er verschwunden, nach Unterschlagung ihm anvertrauter Depots. -- -- --
Da haben Sie meine Blüten.
Ich löste meinen Haushalt auf, Sie können sich wohl denken, daß ich nicht mehr sein mochte, wo alle mein Unglück kannten. Das Mitleid, die bedauernde Neugierde, sie machten mich elend, und so siedelte ich nach hier über.«
»Und warum gerade nach hier?«
»Weil hier mein Bruder mit seiner Familie lebt, so habe ich doch wenigstens einen Anhalt und Menschen, die mir nahe stehen. Sie wissen, die Pensionszeit hier ist nur ein Übergang, ich will wieder mein eigenes Heim haben, meine eigene Häuslichkeit. Und Sie, Lotte Wunsch, müssen recht, recht oft zu mir kommen. Lassen Sie uns Freunde sein.«
»Mit tausend Freuden. Ich bin Ihnen in treuer Freundschaft zugetan und will es bleiben.«
Und mit kräftigem Druck nahm sie die ihr entgegengestreckte Rechte.
»Wissen Sie, daß ich Angst um Sie habe, Ebba?«
»Inwiefern?«
»Jung, schön, reich, alleinstehend -- in jeder Gestalt wird die Versuchung an Sie herantreten: Fangarme werden sich nach Ihnen ausstrecken. Aber, Sie haben einen Tugendwächter -- ehe der nicht zur Strecke gebracht ist --«