Chapter 12 of 14 · 4000 words · ~20 min read

Part 12

Wie ein Fieber war es über sie gekommen. Gesehen werden -- von sich reden machen! Sie, die bisher eine kühle Reserviertheit allen fremden Menschen gegenüber gezeigt hatte, war jetzt von einer gewinnenden Liebenswürdigkeit. Hatte für jeden ein freundliches Lächeln und verbindliche Worte. Ihr Antlitz lächelte, aber ihr Inneres lachte. Lachte und höhnte. Ich brauche euch, daß ihr es nur wißt -- Maske mein Lächeln, Lüge meine Worte -- Mittel zum Zweck! Sprossen meiner Stufenleiter seid ihr mir, nichts weiter. Hinauf zum Ruhm und Glanz. Sie begann sich auffällig zu kleiden. War sie durch ihre Trauer auch an die schwarze Farbe gebunden, so verstand sie es doch, durch irgendeinen raffinierten Halsausschnitt, durch ein Arrangement ihres funkelnden Haares, die Aufmerksamkeit auf ihre Person zu lenken. Sie brachte sich zur Geltung, aber -- sie wirkte stets vornehm. Sie besuchte mit Winkelmann zusammen die Konzerte. Ließ sich von ihm in Restaurants führen, wo sie gesehen wurden. Sie setzte sich dem Gerede aus, als Winkelmanns Geliebte zu gelten. Das war ihr gleichgültig. Sie lachte darüber. Sie brauchte einen Kavalier, und Winkelmann war ihr gerade recht dazu. Im übrigen war sie ihm auch zu Dank verpflichtet. Er ermöglichte es ihr, weiter zu studieren, er machte sie bekannt, mit Menschen, die ihr nutzen konnten -- genug, sie brauchte ihn. Und er war glücklich, vor der Welt als ihr Geliebter gelten zu dürfen; daß er es in Wirklichkeit werden würde, davon war er überzeugt.

Auch heute wollten sie zusammen in die Oper gehen. Gerda erwartete ihn. Sie hatte versprochen, vorher mit ihm zusammen eine Tasse Tee zu trinken. Sie saß an dem nett arrangierten Teetisch, rauchte und lächelte. Der arme Reitzenstein! Er war tief unglücklich. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß sie sich öffentlich mit Winkelmann zeigte. ›Wenn er schon Ihr‹ -- er begann zu stottern -- ›wenn er schon -- Ihr -- Ihr Geliebter ist -- so brauchen Sie das nicht allen Menschen ins Gesicht zu schreien.‹

›Ich habe keine Ursache, mich oder mein Tun und Treiben zu verbergen, Herr von Reitzenstein.‹

›Aber warum mußte gerade er es sein?‹

Gerda lachte: ›Warum nicht Sie?‹

›Ja, warum nicht ich?‹

›Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Herr von Reitzenstein, weil Sie gar so unglücklich aussehen, Herr Winkelmann ist nicht mein Geliebter.‹

›Nicht??‹ hatte er ungläubig gefragt. Dann hatte er ihr stürmisch die Hände geküßt und war davongestürzt. -- -- --

»Ach, die wundervollen Rosen, ich danke Ihnen, Herr Winkelmann.«

Winkelmann hielt ihr einen herrlichen, dunkelroten Strauß Rosen entgegen.

»Ein wundervoller Duft! Ich liebe die tiefdunklen Rosen. So -- und nun ist Ihr Wunsch erfüllt, Sie befinden sich in meinem ureigenen Reich. Ein etwas wirres Durcheinander, wie Sie sehen. Eben ein Pensionszimmer, mit Möbeln, die nicht mir gehören, zwischen denen die paar Stücke, die mein Eigentum, sich als fremde Gesellen ausnehmen.«

Sie legte den Rosenstrauß in ihren Schoß, zog eine Rose heraus und begann sie zu zerpflücken. Einzeln löste sie Blatt um Blatt und zerstreute die Blätter über den Tisch.

»So, und nun schenken Sie uns den Tee ein. Sie sehen, es steht alles bereit.«

Winkelmann goß den Tee in die japanischen Schalen, legte ihr kleine Kuchen auf und bestrich die gerösteten Brotscheiben mit Marmelade. Es war das erste Mal, daß er dem schönen Mädchen in ihrem eigenen Wohnraum gegenübersaß. Hatte das Zimmer auch nichts Persönliches, so war es doch der Raum, in dem sie lebte, die Möbel, die sie täglich benutzte, all die Gegenstände, die sie umgaben. Das Zimmer war erfüllt von ihrem Duft. Dort, hinter dem Schirm, stand ihr Bett. Er war in dem Zimmer einer jungen Dame, in welchem sie schlief, studierte, und ihre guten Bekannten empfing.

Eine Beklemmung überkam ihn. Wie lange sollte dieses Spiel noch dauern? War er toll, sich so am Gängelband führen zu lassen? Warum nahm er sie nicht einfach in seine Arme und zwang sie zu sich? Warum nicht heut? -- jetzt gleich? Sie mußte doch wissen, daß sie ihm verfallen war!

Er sah zu ihr hinüber.

Sie trug ein schwarzes, tiefausgeschnittenes Kreppkleid. Ihre Schultern glänzten im matten Weiß, und das blasse, von einer zarten Röte gefärbte Gesicht atmete das volle Bewußtsein seiner Schönheit. Eine geheime, fast spöttische Freude blitzte aus ihren halbgeschlossenen Augen, zitterte um ihre Nasenflügel.

Sie ahnte seine Gedanken, und sie war voll fiebernder Neugierde.

»Gerda!« -- Und er lag vor ihr und wühlte seinen Kopf in ihren Schoß.

»Oh -- meine armen Rosen --« Und sie legte den Rosenstrauß auf den Tisch, legte ihre kühle, weiße Hand auf sein Haupt, und sprach: »Stehen Sie auf, und seien Sie vernünftig.«

»Du bringst mich um den Verstand mit deiner Kälte,« stöhnte er. »Gerda -- was hast du aus mir gemacht!« Er umschlang sie leidenschaftlich und bedeckte ihren Hals mit glühenden Küssen.

Sie wehrte ihm nicht. Aber als seine Lippen die ihren suchten, stieß sie ihn zurück und sagte mit eisiger Ruhe: »Hören Sie auf, und nehmen Sie endlich Vernunft an, oder ich verbiete Ihnen, mich wiederzusehen.«

Da ließ er ab von ihr. Seine Züge verzerrten sich, und mit heiserer Stimme flüsterte er: »Sie sind das kälteste und herzloseste Weib, dem ich jemals begegnet.«

»Wenn Sie das wissen, so suchen Sie sich zu beherrschen.«

»Ich kann dieser Leidenschaft nicht Herr werden -- ich kann nicht!« -- -- --

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Nein -- er kann nicht mehr los von ihr. Über eine Woche hatte er sich ferngehalten, hatte sich nicht blicken lassen -- dann hielt er es nicht mehr aus. --

»Warum sind Sie fortgeblieben?« sagte sie.

»Das wissen Sie,« erwiderte er finster.

Sie lachte ihn aus.

»Wer hat Sie begleitet, als ich nicht zur Stelle war?«

»Reitzenstein natürlich!«

»Sie sind ein Dämon,« zischte er.

»Der Dämon sitzt in Ihnen.« -- -- --

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Gerda hatte bei Kommerzienrat Menders gesungen. Sie hatte viel neue Menschen kennengelernt, und man hatte ihr viel Schönes gesagt über ihren Gesang, ihre Art, sich zu kleiden -- dennoch kam sie verstimmt heim.

Der Zufall wollte es, daß sie ein Gespräch über ihre eigene Person anhören mußte. ›Ganz leidliche Stimme, aber nichts für den Konzertsaal. Soubrettenstimme.‹ ›Dazu paßt ihr Äußeres doch nicht,‹ erwiderte die andere Stimme. ›Viel zu vornehm, reserviertes Auftreten! Überhaupt eine königliche Erscheinung.‹ ›Sollte zum Kabarett oder zum Varieté gehen. Aus diesem Munde, in lässiger Vornehmheit, pikantes Genre vorgetragen -- Donnerwetter -- das würde ziehen.‹ -- -- --

Sie wollte die sprechenden Personen sehen, wollte wissen, wer so über sie urteilte -- aber es gelang ihr nicht. Das Gespräch fand hinter einer nur angelehnten Tür statt, vor der sie mit Bekannten plaudernd stand. Als sie sich frei machen konnte, die Tür öffnete, waren im anstoßenden Zimmer so viel plaudernde Gruppen, daß es unmöglich war, die Stimmen herauszufinden. Dicht an der Tür stand niemand mehr. Sicher aber war, daß es Männerstimmen gewesen waren.

Der Kommerzienrat trat auf sie zu und dankte für ihren Vortrag. Er war ein kleiner, dicker Herr mit kleinen, blinzelnden Augen. Er unterhielt sich lebhaft mit ihr über ihre Stimme und ihre Pläne. »Also, im Februar ist Ihr Konzert?«

Sie nickte.

»Hundert Billette kann ich unterbringen. Lassen Sie mir dieselben in mein Bureau senden, wenn es so weit ist. Ich sage Ihnen das schon heut, mein gnädiges Fräulein, denn Sie müssen wissen, ich bin von Geschäften stark in Anspruch genommen -- könnte vergessen -- und möchte Ihnen doch gern dienlich sein.«

Gerda war empört. Wie unzart. Konnte er die Billette nicht von den Verkaufsstellen beziehen? Sie sollte wissen, was er für sie tat. Er verlangte einen Dank.

Er nahm hundert Billette gegen Bezahlung, folglich half er die Kosten decken.

Sie neigte hochmütig das Haupt: »Ich bin Ihnen dankbar für Ihr liebenswürdiges Interesse.«

Er sah sie stechend an. »Sie sind sehr schön, Fräulein von Wangenheim!«

Sie wehrte ab. »Oh -- bitte.« -- -- --

Sie war verstimmt, und mißlaunisch schritt sie mit Winkelmann durch den Tiergarten dem Steinplatz zu. Als sie an der Gedächtniskirche waren, sagte sie plötzlich: »Ich will noch nicht heim, lassen Sie uns zusammen speisen.« -- --

Als er sie im Wagen nach Hause brachte, nahm er ihren Kopf fest zwischen seine Hände und preßte seinen dürstenden Mund auf den ihren. Er trank, trank, und konnte keine Linderung finden. Wehrlos ruhte ihr Haupt in seinen Händen, still duldeten die kühlen Lippen seine Küsse. Doch als die suchenden Lippen weiterwanderten, da kam Leben in den schlaffen Körper, sie wehrte sich.

»Wann wirst du mir endlich gehören?« Er hielt sie fest in seinen Armen.

»Mit meinem Willen niemals.«

Da hielt der Wagen mit einem Ruck, und er mußte sie freigeben. -- -- --

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Das letzte Band zwischen Dir und Deiner Familie hast Du zerschnitten.

Hauptmann von Kosewitz hat mir erzählt, wie Du in Berlin lebst. Nicht genug, daß Du ein luxuriöses Leben führst, kostbare Toiletten trägst, von denen man nicht weiß, wer sie bezahlt, zeigst Du Dich öffentlich mit Deinem Geliebten, besuchst Theater und Restaurants, und das alles, während Du noch die Trauerkleider um deinen Vater trägst.

Du bist unwürdig des Namens, den Du trägst. Kein Mitglied unserer Familie wird Dich zu den Unsrigen zählen. Du trägst den Namen Deines Vaters auf die Gasse und besudelst sein Andenken.

Wenn Du noch einen Funken von Ehrgefühl in Dir hast, so wirst Du meinem Befehl gehorchen und unter einem anderen Namen leben.

Jeder Annäherungsversuch Deinerseits an mich oder an Deine Geschwister würde scheitern, gleichviel, ob jetzt oder später. Eleonore von Wangenheim.

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Verdammt, ohne gehört zu werden!

Wenn sie gesprochen, die Gründe ihres Handelns klargelegt hätte -- würde die Mutter sie verstehen?

Nimmermehr!

Nun waren die Brücken abgebrochen, es gab kein Zurück mehr. Sie mußte den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen. Sie war sich voll bewußt, daß er an Abgründen und Wirrnissen vorüberführte, daß tausend Widerwärtigkeiten ihrer harrten -- sie ließ sich nicht abschrecken -- sie wollte siegen, herrschen!

Nun fiel jede Rücksichtnahme fort -- sie hatte nach niemand mehr zu fragen -- für sie maßgebend war nur ihr eigenes Ich.

* * *

»Lotte, wie wunderbar du aussiehst. Ordentlich verklärt.«

»Ich bin glücklich, Ebba.«

Ebba zog die Freundin neben sich auf das Sofa.

»So hast du doch das Glück zu dir gezwungen!«

Lotte nickte. »Es kommt zu mir. Winzig und klein wird es sein, und wird mich anlächeln, und, ›Mutter‹ werden die zarten Lippen stammeln.«

»Warum wollt ihr nicht zusammenbleiben? Liebst du ihn nicht?«

»Wir können nicht glücklich werden. Er ist von zügelloser Leidenschaft und wird beherrscht durch seine Sinne. Eheliche Treue kennt er nicht. Mit Gehring hätte ich wohl eine Ehe führen können, mit Arno Stürmer nicht.«

»Liebst du Gehring noch?«

»Ja -- ich liebe ihn noch, denn er ist ein Mann, mit dem eine Frau glücklich werden muß. Ich empfinde für ihn keine aufbrausende Leidenschaft, ich könnte nie mit ihm in einem Rausch leben. In einem Rausch, in dem mich Stürmer an sich genommen, er liebt mich mit dem Herzen, jener mit den Sinnen.«

»Glaubst du nicht, daß Gehring wieder zu dir zurückgefunden hätte?«

»Ich habe darüber nachgedacht, Ebba. Nein, ich glaube es nicht. Für ihn liegt die erste Pflicht der Frau im Hause als Gattin und Mutter. Will sie diese Pflicht erfüllen, darf sie keinen Beruf haben.«

»Er wußte aber, daß du Künstlerin bist, und daß du deine Kunst liebst.«

»Man könnte ihm diesen Vorwurf wohl machen, ich kann es nicht. Die Liebe zwischen uns war plötzlich da, zog uns zu einander hin, daß wir keine Schranken sahen. Er trat in mein Leben, weil er eben mußte. Er war mein Schicksal.«

»Und Arno Stürmer weiß nicht, daß du --«

»Das Kind gehört zu mir, ist mein alleiniges Eigentum, er soll keinen Teil daran haben. Wozu auch? Es würde seinen Weg nur beschweren.«

Lotte war aufgesprungen und ging erregt hin und her. »Um Mutter zu werden, habe ich mich ihm hingegeben. Ich habe einen hohen Einsatz gewagt. Wäre mein Leib nicht gesegnet worden, dann wäre ich jetzt unrein. Das Kind hat mich gereinigt.

Später mag er dann davon wissen, aber, teilen die Liebe meines Kindes mit ihm -- niemals!

In zwei Monaten gehe ich fort von hier. Ich kaufe mir ein kleines Haus im Gebirge, ich muß reine Luft um mich haben, wenn das Kind zur Welt kommt. Höhenluft!

Dort werde ich schaffen und werde Mutter sein. Mein Kind und meine Kunst -- weiter nichts!«

»Wirst du so einsam leben können?«

»Einsam! Als ob man einsam ist, wenn man Pflichten hat! Menschen! Was sind Menschen! Ich bin oft einsamer unter vielen Menschen, als wenn ich allein bin. Und du auch, Ebba. Wieviel Menschen hast du denn unter den vielen, die du hier kennengelernt hast, gefunden, die dir etwas sein konnten?«

Ebba seufzte.

»Du wirst zu mir kommen, Ebba. Wirst mich besuchen, und wirst mir helfen, mein neues Werk schaffen -- du weißt -- ›Menschenliebe‹ -- dazu brauche ich dich. Nur du kannst mich dazu inspirieren -- nur du kannst mein Modell sein.«

»Bist du endlich auf dem Wege zum Glauben an die Menschheit?«

»Du hast mir diesen Weg gewiesen und mußt mich bis zu Ende führen.«

»Auch mir sind inzwischen Pflichten erwachsen, Lotte, ich ziehe in das Haus meines Bruders und werde dort Hausfrau sein.«

»Das ist vernünftig! Dann bist du nicht mehr einsam und hast Inge, dein Töchterchen. Die bringst du natürlich mit. Leid ist es mir nur um dein schönes Heim,« sie ließ die Blicke umherschweifen, »das du mit soviel Liebe und Kunstsinn wohnlich gemacht hast.«

»Das werde ich mir wieder schaffen.«

»Ja, Behaglichkeit um dich zu verbreiten, das verstehst du. Du bist die idealste Hausfrau, die ich mir denken kann, und Lukas Westphal und Inge werden es gut bei dir haben.«

* * *

In berückender Schönheit stand Gerda auf dem Podium. Die schwarze Chiffonrobe hob die Blässe ihrer Haut, machte das Rot ihrer Haare funkelnd aufleuchten. Ein prasselndes Händeklatschen empfing sie. Sie lächelte und ließ ihre Blicke über den Saal schweifen.

Nur halb gefüllt.

Ihre Mundwinkel zuckten verächtlich.

Sie sang, aber es wollte nicht glücken. Das Publikum blieb kühl. Wohl wurde eifrig geklatscht, als sie geendet, aber sie fühlte es wohl heraus, ein Teil des Publikums verhielt sich zurückhaltend.

Zum Schluß mußte sie dreimal hervorkommen, ihre Freunde ruhten nicht eher. Sie erhielt Blumenarrangements -- aber -- der Abend entsprach nicht ihren Erwartungen.

Winkelmann hatte im Esplanade-Hotel einen Tisch reservieren lassen, und sie saßen zusammen mit ein paar Freunden und Bekannten. Kommerzienrat Menders, der Gerda ein kostbares Blumengebinde hatte überreichen lassen, sagte ihr viel Schönes über ihren Vortrag und daß sie in Kurzem ein Stern erster Größe sein würde. Seine kleinen, blinzelnden Augen verschlangen ihren aus dem schwarzen Geriesel hervortretenden schlanken Hals und ihre Büste mit seinen Blicken. Seine feuchten Lippen ruhten in Gedanken auf jeder Stelle dieses Halses.

Gerda zwang sich, ihm liebenswürdig zu antworten, und duldete es, daß er an ihrer Seite Platz nahm.

Es war eine lustige Gesellschaft, die da beisammensaß, die dem Wein eifrig Zuspruch tat und sich nicht genug tun konnte, die junge Künstlerin zu feiern.

Gerdas Unmut und üble Laune waren bald verflogen. Sie ließ sich den Hof machen und kokettierte nach allen Seiten. Sie ließ sich den schäumenden Sekt in ihren Kelch füllen, trank den prickelnden Schaum und goß den Rest in den Kühler.

»Donnerwetter,« flüsterte der Kommerzienrat, »Sie lieben nur den Schaum?«

Sie sah ihn an.

»Beim Sekt, ja.«

»Sie lieben das Prickelnde?«

»Beim Sekt, ja.«

»Hm. Auf die Art, wie Sie es machen, kommen Sie aber nicht zum Genuß. Sie sollten nicht nur nippen -- Sie sollten schlürfen -- austrinken bis auf den Grund -- dann erst haben Sie den vollen Genuß.« Er drängte sein Knie dicht an das ihre, legte seine Hand auf ihre Hüfte und sah sie durchdringend an.

Sie blieb ganz ruhig, zog ihren Körper nur leicht zurück und sagte mit liebenswürdigem Lächeln: »Den Becher bis auf den Grund zu leeren, ist stets vom Übel, Herr Kommerzienrat -- ich liebe es nur, zu nippen -- dies ist für mich der wahre Genuß.«

»Fräulein von Wangenheim, machen Sie meinen Mann nicht unglücklich, gönnen Sie ihm ein Plätzchen an Ihrem Triumphwagen,« rief Frau Kommerzienrat Gerda zu. »Wie traurig er aussieht, machen Sie ihm ein klein wenig Hoffnung, ich habe sonst zu sehr unter seiner Laune zu leiden.«

»Aber von Herzen gern, gnädige Frau, auf einen Ritter mehr kommt es mir gar nicht an. Ich wußte nur bis jetzt nichts von Ihrer Absicht, Herr Kommerzienrat --,« und sie sah ihn listig an.

Er legte die Hand aufs Herz. »Ihr Sklave.«

Winkelmann saß schweigsam neben Gerda. Seine Blicke spähten nach ihren Augen, und hingen an dem zarten, hochmütigen Gesicht. Plötzlich erbleichten seine Wangen, zuckten seine Lippen krampfhaft, wild und starr blieb sein Blick auf der Hand des Kommerzienrats haften, die sich auf Gerdas Knie verirrt hatte.

Daß er es wagen durfte!

Er sah, wie Gerda die Hand zurückstieß. Keine Miene ihres Gesichts verzog sich, kein Blick streifte den Kommerzienrat, ruhig plauderte sie mit dem gegenübersitzenden Reitzenstein weiter.

Sein Blut kochte. Er hob sein Glas und rief laut über den Tisch: »Auf das Recht zu genießen, wo wir lieben.«

»Bravo! Genießen, wo wir lieben!« -- Der Kommerzienrat schloß die blinzelnden Augen -- die Gläser klangen aneinander.

Winkelmann sah Gerda fest in die Augen, dann ließ er sein Glas an das ihre klingen -- »Trinken Sie aus!« -- raunte er mit heiserer Stimme.

Sie löste ihre Blicke nicht von den seinen, schlürfte den Schaum von dem Glase und vergoß den Rest.

Er sah sie finster an. Er fühlte sich beleidigt und verletzt, und ein Zorn gegen dieses Weib, das so kalt und hochmütig neben ihm saß und ihn stachelte und reizte, stieg in ihm auf. -- -- --

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Als sie im Wagen saßen, sagte er mit beherrschter Stimme: »Wir fahren zu mir, ich habe dem Schofför Weisung gegeben.«

»Daß man mich für Ihre Geliebte hält, weiß ich -- daß ich es nicht bin und auch nicht werden will -- wissen Sie. Oder glauben Sie, mich umstimmen zu können?«

»Vielleicht!«

»Wollen Sie mich zwingen?«

»Nein.«

»Ehrenwort?«

Er zögerte -- dann: »Ich werde Sie nicht zwingen, mein Ehrenwort.« -- -- --

Sie sitzen in seinem Zimmer vor dem Kamin in tiefe Sessel geschmiegt. Er hat die elektrische Stehlampe entzündet. Ihr roter Schein verbreitet ein rosiges Licht über den Tisch, vor dem sie sitzen, während der übrige Teil des Zimmers in Dunkel liegt. Das Wasser im Teekessel fängt an zu kochen. Er bereitet den türkischen Kaffee und gießt ihn in die Schalen.

»Wie heimisch es bei Ihnen ist! Und wie gut Sie den Kaffee bereiten,« sagt sie.

Er gießt sich einen Kognak ein, stürzt ihn hinunter und schweigt.

Die Uhr schlägt drei.

»Warum haben Sie mich eigentlich hierher gebracht?«

»Weil ich dich zwingen will, die Meinige zu werden, heut, in dieser Nacht! Als ich sah, daß er es wagte, dich zu berühren, dieses Vieh -- da kam über mich die Wut -- mir gehörst du -- mir -- ich lasse dich keinem andern.«

Er stößt diese Worte mit rückhaltloser Leidenschaft hervor. Er springt auf, reißt sie mit aller Kraft an sich und küßt sie mit rasender Wut. Sie schließt unwillkürlich die Augen und liegt wie betäubt und schwer in seinen Armen. Er küßt den Hals, die Schulter, das Achselband hat sich gelöst, die zarte, jungfräuliche Brust ist ihm preisgegeben. Da schlägt sie die Augen auf und sieht ihn an mit einem Blick so voller Verachtung, daß sein Blut erstarrt. Der Boden unter seinen Füßen scheint zu schwanken. Er läßt sie in den Sessel gleiten und fällt vor ihr nieder, umklammert ihre Knie und stammelt: »Ich gehe ja zugrunde bei diesem Leben! Sage, was soll aus mir werden? Du mußt doch wissen, daß ich das nicht aushalten kann. So hab doch Mitleid mit mir.«

»Sie überfallen mich, und ich soll Mitleid mit Ihnen haben? Sie geben mir Ihr Ehrenwort, mich nicht zwingen zu wollen, und machen dennoch den Versuch dazu?«

»Hast du denn kein Verständnis für die Sprache der Sinne und des Blutes?«

»Ich verlange, daß Sie sich beherrschen.«

»Das kann ich nicht mehr. Gerda -- Gerda --,« stöhnte er auf, »so quäle mich nicht so -- habe doch Erbarmen -- ich habe ja ein Recht auf dich --«

»Ein Recht auf mich!« fährt sie auf -- »meinen Sie wegen des Geldes?«

»Unsinn!« Auch er ist aufgesprungen und steht ihr jetzt in empörter Wut gegenüber -- »Wer denkt an Geld! Du duldest meine Liebe seit Monaten -- du ließest dich küssen -- du ließest mich hoffen, daß du --«

»Das ist nicht wahr!« wirft sie ein.

»Ich habe ein Recht auf dich -- ich breche mein Ehrenwort -- ich nehme dich -- hörst du -- ich zwinge dich --« und er umschlingt sie in wildem Taumel und will sie auf das Ruhebett tragen.

Sie hat die rechte Hand frei, schlägt ihm ins Gesicht und zischt: »Sie Ehrloser!«

Da wird er kreidebleich. Seine Arme zittern, und er läßt seine Last zur Erde fallen.

Sie springt auf, hüllt sich in ihren Mantel, und herrscht ihn an: »Nach Haus! Sofort holen Sie mir einen Wagen -- ich fahre allein!«

»Der Wagen wartet,« stammelte er und begleitet sie hinaus. -- -- --

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Gerda sitzt am Schreibtisch und rechnet. Das Geld muß sie so schnell als möglich an Winkelmann zurückzahlen. Das gestrige Konzert hat kaum die Hälfte der Unkosten gedeckt -- die teuren Stunden -- ihr Lebensunterhalt -- an dreitausend Mark würde sie schon verbraucht haben -- womit diese Summe decken -- und wovon weiterleben?

Sollte sie jetzt -- nachdem sie schon soviel Opfer gebracht -- ihr ganzes Leben schon auf die künstlerische Laufbahn eingerichtet -- sollte sie jetzt noch umkehren müssen -- wieder versinken in den Alltag?

Reumütig in den Schoß der Familie zurückkehren?

Sie preßt die Lippen aufeinander.

Niemals!

Sie muß Rat schaffen. Woher -- woher? Sie muß Geld in den Händen haben, so schnell wie möglich. Sie grübelt und sinnt. Der Kommerzienrat! Er muß helfen. Aber -- ein Schütteln überkommt sie -- es muß sein.

Eilig kleidet sie sich an, fährt in sein Bureau und läßt sich melden.

In seinem Privatkontor, einem elegant und luxuriös eingerichteten Herrenzimmer, welches durchaus nicht den Eindruck eines Geschäftsraumes macht, empfängt er sie.

»Welch unerwarteter Besuch, mein gnädiges Fräulein!« Er geht mit ausgestreckten Händen auf sie zu, führt sie zum Sofa, rückt einen der schweren, tiefen Ledersessel davor und versinkt in dessen Polster.

»Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit zu Ihnen, Herr Kommerzienrat!«

»Das freut mich! Freut mich sehr, daß Sie Vertrauen zu mir haben. Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Fräulein von Wangenheim.«

Wieder blinzeln ihr seine Augen lüstern entgegen. Er hat den Sessel so dicht vor sie geschoben, daß seine Knie fast die ihren berühren.

Gerda hätte aufspringen mögen und davonlaufen.

»Herr Kommerzienrat,« -- ihre Lippen zittern -- »ich brauche Geld!«

»Geld? So, so! -- Natürlich können Sie auf mich rechnen. Wieviel brauchen Sie?«

»Zehntausend Mark.«

Er sieht sie an. »Haben Sie sich mit -- haben Sie sich entzweit?«

Eine flammende Röte schießt in ihre Wangen. Hochmütig und verächtlich schürzen sich ihre Lippen. Sie hätte ihn würgen mögen. So also dachte man über sie. Daß man sie für Winkelmanns Geliebte hielt, wußte sie, und es war ihr im Grunde gleichgültig gewesen. Daß man aber glauben würde, sie nehme Geld von ihm -- --

Die Röte wich aus ihren Wangen und machte einer tödlichen Blässe Platz. Und -- war es denn nicht so? War es nicht sein Geld, von dem sie lebte, ihre Stunden bezahlte? Nein -- nein, schrie die Stimme in ihr, so ist es nicht! Sie hatte es geliehen -- wie ein Freund dem andern borgen würde!

Aber -- sie waren nicht zwei Freunde -- Mann gegen Mann -- zwischen ihnen stand das Geschlecht -- und er liebte sie!

Der Kommerzienrat hatte sich neben sie auf das Sofa gesetzt.

»Haben Sie sich entzweit?« flüstert er mit erregter Stimme. »Kind, so sprechen Sie doch!«

»Ich habe mir von Winkelmann zehntausend Mark geborgt, um mein Studium beenden zu können. Ich bin niemals seine Geliebte gewesen; weil er mich gestern dazu machen wollte, sind wir in Zorn auseinandergegangen -- Sie verstehen, daß ich ihm das Geld zurückgeben muß.«

Der Kommerzienrat, dessen kleine Augen immer größer geworden, fragt erstaunt: »Nicht seine Geliebte, ist das wahr?«

Sie will auffahren, bezwingt sich aber. »Das ist die Wahrheit!«