Chapter 9 of 14 · 3998 words · ~20 min read

Part 9

Thea deutete mit den Blicken auf Winkelmann. »Sehr reich und viele Beziehungen, kann Ihnen nur nach jeder Richtung hin von Nutzen sein.«

»Daran habe ich wirklich noch nicht gedacht.« Gerda sagte es kühl und abweisend.

»Nur Liebe?« Und Thea lächelte mokant.

»Auch das nicht.«

»Gnädiges Fräulein, wissen Sie, daß mich der heutige Abend glücklich und unglücklich gemacht hat?« Reitzenstein sagte es mit betrübter Miene zu Gerda.

»Da wäre ich begierig, Ihren jetzigen Zustand zu kennen. Ging das Glück dem Unglück voran oder umgekehrt?«

»Sie spotten, mein gnädiges Fräulein. Aber um Ihre Frage zu beantworten, muß ich Ihnen schon klassisch kommen:

›Es tut mir lang schon weh, daß ich dich in der Gesellschaft seh!‹

Wie glücklich war ich, Sie heut abend zu sehen, doch --«

»Bitte, Herr von Reitzenstein, geben Sie sich keinen Vermutungen hin, und bleiben Sie ein Weilchen glücklich.«

»Hören Sie, Fräulein von Wangenheim,« wandte sich Thea an diese. »Ich gebe jeden Winter in der Saison ein großes Fest mit Vorträgen erster Künstler, wollen Sie an dem Abend singen?«

»Gnädige Frau, kann ich das wagen? Ich, eine unbekannte Anfängerin?«

»Ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, Sie einzuführen. Sie müssen nur Vertrauen zu sich selbst haben. Ich will Ihnen etwas sagen: So wie Sie sich einschätzen, so werden Sie von den Menschen bewertet. Also: Selbstbewußtsein, viel Selbstbewußtsein, und Sie sind das, was Sie sein wollen.«

»Gnädiges Fräulein haben doch allen Grund, an sich selbst zu glauben,« warf Reitzenstein ein, »oder zweifeln Sie an Ihrem Können?«

»Nein, ich glaube an mich.«

* * *

»Thea,« sagte Lukas, als sie in ihrem Auto saßen und nach Hause fuhren, »du sprachst von deinem großen Fest, welches du geben willst, du hättest dich erst mit mir darüber verständigen sollen.«

Thea lachte. »Seit wann das? Habe ich nicht stets nach Belieben Gäste versammelt, ohne vorher deine gütige Erlaubnis einzuholen? Seit wann kümmerst du dich um unsere geselligen Verpflichtungen? Ich habe unser Haus zu repräsentieren, ich weiß, was ich deiner Stellung schuldig bin, und du weißt, daß du dich auf mich verlassen kannst.«

»Thea« -- Lukas legte seine Hand auf die Schulter seiner Frau und sagte bittenden Tones: »Thea, ich möchte, daß du auf dieses Fest verzichtest.«

Maßlos erstaunt sah sie ihn an. »Verzichten? Ich soll verzichten? Was für eine Laune von dir.«

»Es ist keine Laune, es ist ein Muß, ein dringendes Muß. Wir müssen uns einschränken, wir können nicht mehr in diesem Luxus weiterleben.«

Sie stieß seine Hand von ihrer Schulter und sagte rauh: »Verlangst du das im Ernst von mir?«

»In vollem Ernst, Thea. Ich besitze kein Vermögen mehr. Du brauchst nicht zu erschrecken. Wir können immerhin noch sehr anständig leben, denn ich beziehe hohe Gehälter, aber deine Ansprüche mußt du herabmindern.«

»Hast du gespielt?«

»Thea -- alles ist draufgegangen für dich -- unser Haus. Ich habe dich oft gebeten, sparsamer zu sein -- du hast nicht auf mich gehört --«

»So -- nun bin ich wohl gar an deinem Ruin schuld?« Sie lachte hart auf. »Du machst es dir leicht. Wälzest alle Schuld auf mich ab. Du bist doch der Mann, was ließest du mich gewähren?«

Er senkte das Haupt. »Ich habe es dir oft gesagt, Thea, du wolltest es nicht glauben. Aber du hast recht. Der Schuldige bin ich allein, ich bin zu schwach gewesen, ich fürchtete deine Tränen, deine Verzweiflung.«

»Ich werde nicht verzweifeln, ich werde mich abfinden, aber eines verlange ich noch von dir, wir geben dieses Fest wie alle Jahre, bis dahin soll niemand merken, daß wir arm sind, niemand, hörst du?«

»Ich bitte dich, wozu sich noch diese Ausgabe machen? Dieses Fest würde einen großen Teil meines Jahreseinkommens verschlingen. Es wäre besser angewandt für deine und Inges Bequemlichkeit.«

»Ich bestehe darauf.«

Das Auto hielt vor ihrem Hause.

»Ich will noch nicht nach Hause. Meinst du, daß ich schlafen kann, nach dem, was du mir mitgeteilt? Ich will Menschen sehen, strahlende Helligkeit, will Wein trinken und lustig sein! Noch schlürfen den Becher der Freude -- schnell, wir fahren in den Pavillon Mascotte!«

»Thea, was fällt dir ein, du bist von Sinnen, komm, sei vernünftig!«

»Wenn du nicht mitkommst, fahre ich allein.« Und sie riß die Tür auf und gab dem Schofför die Weisung. Thea hatte sich auf das Polster geworfen und lachte. »Noch sind wir nicht arm, hörst du, noch nicht! Noch sechs Wochen Galgenfrist, dann hinunter zu den Proletariern!«

»Du bist krank, Thea, wie kannst du so sprechen? Ich habe ein Einkommen zwischen zwanzig und dreißigtausend Mark, das nennst du arm sein?«

»Bah -- was ist das? Für Bekleidung brauche ich jährlich zehn bis vierzehntausend Mark. Eines meiner Feste kostet allein an sechstausend Mark. Der Haushalt, das Auto -- lächerlich --.«

Der Wagen hielt.

»Thea, ich beschwöre dich, laß uns umkehren. Ich kann in dieser Stimmung nicht in ein Tanzlokal gehen. Du bist aufgeregt. Komm zu dir und sei vernünftig.«

Sie sprang aus dem Auto, stolperte und fiel gegen zwei Herren, welche soeben das Lokal verlassen hatten.

»Hopsa!« rief der eine und fing sie auf.

»Fußfall ist nicht vonnöten, Gnädigste.«

Die beiden schienen in angeheiterter Stimmung und einem Abenteuer nicht abgeneigt. Da stand Lukas neben seiner Frau, zog den Hut und dankte für die Hilfe.

»Herr von Gernsheim,« lachte Thea, »welch ein Zusammentreffen!«

Seine Augen blitzten ihr entgegen, und er verbeugte sich tief. »Ein Zufall, den ich glücklich preise, gnädige Frau.«

»Mein Mann,« stellte Thea vor.

»Gernsheim,« »Andersen.«

»Wenn die Herrschaften gestatten, kehren wir noch mit ihnen zurück.«

»Gern,« erwiderte Thea, »ich brauche lustige Gesellschaft,« und sie ging mit Gernsheim voraus.

»Einziges Weib, das ist ja ein göttlicher Zufall. Ich hatte rasende Sehnsucht nach dir, wollte mich hier betäuben, es ging aber nicht. Du ahnst ja nicht, welches Verlangen ich nach dir habe. Eine ganze Woche hast du mich warten lassen. Wann sehe ich dich?«

Er nahm ihr den Mantel von den Schultern und preßte einen heißen Kuß auf ihren Hals.

»Vorsicht, du Tollkopf!«

»Wann kommst du?«

»Morgen.«

Sie betraten den Saal.

Thea war von sprudelnder Lustigkeit, sie schüttete den Sekt hinunter, als wäre er Wasser. Sie tauchte ihre Fingerspitzen in das Eiswasser und fühlte ihr Blut prickeln. Sie fing die Blicke der Männer auf und gab sie strahlend zurück. Gernsheim wurde eifersüchtig. Hart setzte er sein Glas auf den Tisch, daß es zerbrach. Thea, die ihm gegenübersaß, lachte leise. Da fühlte er schmeichelnd und liebkosend einen kleinen, zarten Frauenfuß auf seinen Knien. Seine Hände preßten schmerzhaft diesen Fuß. Das Blut schoß ihm ins Gesicht, seine Blicke sprachen: ›Komm!‹

»Ja,« flüsterte sie über den Tisch hinüber und stand auf. Lukas und Andersen, im Gespräch vertieft, merkten nicht, daß auch Gernsheim verschwunden.

Als Thea bleich, mit glänzenden Augen, durch den Saal zurückkehrte, sah sie an den Blicken, die sie verfolgten, die Welt gehörte ihr, nur zuzugreifen brauchte sie. An jeder Ecke sah sie ein Abenteuer auf sich warten, und jeder Männerblick deutete ihr einen Sieg. Nein, wahrlich, sie brauchte nicht zu verzweifeln.

* * *

Gerda hatte auf ihrem Spaziergange Thea Westphal getroffen. Es war ein kalter, feuchter Märztag. Wind und Regen peitschten die Luft. Thea, ärgerlich auf der Suche nach einem Auto, fand sich plötzlich Gerda von Wangenheim gegenüber.

»Auch Sie unterwegs bei dem Wetter?«

»Das macht mir nichts. Ich bin an meinen täglichen Spaziergang gewöhnt und kann ihn nicht missen.«

»Kein Auto zu bekommen! Die feuchte Luft geht mir schon bis auf die Haut. Kommen Sie, wir gehen ins Kaffee des Westens, eine Tasse Kaffee wird uns gut tun.«

Plaudernd saßen sie beisammen. Thea, durch die wohlige Wärme, durch die bewundernden Männerblicke wieder ganz in Stimmung, sagte: »Ich freue mich, wie Sie sich den Berliner Verhältnissen angepaßt haben. Nicht nur, daß Sie sich elegant und schick, nein, mehr als das, raffiniert kleiden, scheint es, daß Sie auch von dem Vorrecht der Dame von Welt, freieren Sitten huldigen zu dürfen, Gebrauch machen. Sie fangen an, ein moderner Mensch zu werden.«

»Ich habe mir ein Ziel gesetzt, Frau Westphal. Ein Ziel, das ich unbeirrt verfolgen werde, ich gehe darauf zu. Ich muß ein moderner Mensch werden, um zum Ziele gelangen zu können.«

»Bravo, behalten Sie Ihr Ziel im Auge! Sie sind jung und schön, die Männer werden Ihnen zu Füßen liegen, nutzen Sie jede Situation aus, nur verlieren Sie nicht die Oberherrschaft. Ich glaube, Sie besitzen die nötige Kälte, um das zu können.«

Zwei Herren grüßten und wanden sich durch die dichtbesetzten Tische.

Gernsheim und Reitzenstein.

Thea strahlte. »Famoses Zusammentreffen! Die Herren kennen sich? Davon hatte ich ja keine Ahnung.«

»Bei diesem Wetter wagen die Damen sich hinaus?«

»Was wollen Sie, die Pflichten! Ich mußte zu einer Vorstandssitzung, von da wollte ich noch zur Putzmacherin, konnte jedoch kein Auto auftreiben, zitternd und fröstelnd traf ich Fräulein von Wangenheim, eine Tasse Kaffee lockte uns --« Thea hatte die Worte lebhaft hervorgesprudelt und sah Gernsheim mit beredten Augen an.

»Ich ahnte, daß ich Sie heute sehen würde, gnädiges Fräulein,« sagte Reitzenstein zu Gerda.

»Glauben Sie an Ahnungen?«

»So recht eigentlich nicht. Aber mir ist es oft passiert, daß ich sehr lebhaft von einem Menschen geträumt habe. Dann kann ich sicher sein, mit ihm in den nächsten Tagen zusammenzutreffen.«

»Sie haben also von mir geträumt? Da wäre ich neugierig, Ihren Traum kennenzulernen.«

»Es war ein sonderbarer Traum. Hören Sie. Sie hatten ein Konzert gegeben und waren mit Blumen überschüttet worden. Ich durfte Ihnen die Blumen nach Hause tragen. Büschel voll roter und weißer Rosen in meinen Armen, stand ich vor Ihnen. Der Duft betäubte mich. Sie kamen auf mich zu und wollten mir einen Teil der duftenden Last abnehmen. Ich preßte die Blumen fest an meine Brust und flüsterte: ›Küsse mich!‹ Da neigten Sie sich zu mir nieder und hauchten einen Kuß auf meine Lippen. Und als Sie mich küßten, durchdrang meine Glieder eine Eiseskälte, ich schauerte zusammen. ›Mein Blut erfriert unter deinem Kuß,‹ sagte ich, und die Blumen entfielen meinen Armen und fielen nieder zu Ihren Füßen. Und Sie setzten Ihren Fuß auf die Blüten und sagten zu mir: ›So küsse du mich!‹ Und ich neigte mich, um Sie zu küssen, da aber sprangen grüne Flammen aus Ihren Augen, eine Kröte saß auf Ihrer Stirn, und eine Schlange ringelte sich um Ihren Hals. Ich wich zurück und mochte Sie nicht küssen.«

Gerda lachte. »Ich bekomme ja Angst vor mir selber.«

»Das habe ich heute nacht geträumt.«

»Hören Sie, Fräulein von Wangenheim. Sind Sie frei heute abend? Gernsheim schlägt vor, daß wir zusammenbleiben. Hier ganz in der Nähe ist eine nette, kleine Weinstube, wo wir gemütlich zu Abend essen können. Seien Sie fesch und machen Sie mit.«

Gerda zögerte.

»Ach, bitte, gnädiges Fräulein. Ist ja eine famose Idee. Bei dem Hundewetter kann man überhaupt nichts Gescheiteres tun,« pflichtete Reitzenstein bei. »Oder versäumen Sie etwas? Vielleicht eine andere Verabredung?« Und er sah sie bedeutungsvoll an.

»Das nicht -- aber --«

»Kein Aber -- wir bleiben zusammen,« bestimmte Thea. -- -- --

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Sie waren sehr lustig gewesen. Sie hatten vorzüglich gegessen und reichlich dem Alkohol zugesprochen. Thea konnte sich nicht genug tun im Genuß, das Leben auf ihre Art zu nehmen. ›Genießen, genießen, Kinder, man lebt ja nur einmal!‹ Und selig, daß sie lebte und verstand, das Leben zu genießen, war sie mit Gernsheim zu neuem Genuß davongefahren.

»Wir können nicht zu Fuß gehen, gnädiges Fräulein,« sagte Reitzenstein, und half Gerda in das Auto.

Schweigend fuhren sie durch die Nacht. Gerda lehnte lässig in ihrer Ecke. In ihrem Körper war eine wohlige Wärme, ihre Stirn umfing ein leichter Nebel. Plötzlich sagte Sie: »Küssen Sie mich!«

Reitzenstein fuhr auf und stammelte: »Gnädiges Fräulein --«

»Küssen Sie mich, ich will sehen, wie es mit der Kröte ist und mit den grünen Flammen.«

Da umschlang er sie und bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen.

Sie ließ sich küssen, und als er Atem schöpfte, fragte sie: »Ist Ihr Blut zu Eis erstarrt?«

Da mußte er lachen. »Feuer tobt mir in den Adern, du Götterweib!«

Und wieder preßte er seinen Mund auf ihre Lippen und küßte sie, daß ihr der Atem verging. Da stieß sie ihn von sich und sagte kalt: »Genug, hören Sie auf.«

»Gerda, küsse mich! Wie kannst du so kalt bleiben unter dem Feuer meiner Küsse.« Und er wollte sie wieder an sich pressen.

»Lassen Sie mich jetzt.«

»Warum wolltest du, daß ich dich küssen sollte?«

»Ich wollte mein Blut erproben.«

»Meine Küsse ließen dich kalt?«

»Sie sehen es.«

»Aber die Küsse des anderen machen dir warm?«

»Er hat mich nicht geküßt.«

»Er wird es aber tun.«

»Vielleicht.« -- -- --

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Gerda lag lange wach und dachte nach. Sie hatte sich küssen lassen. Nicht nur das. Sie, Gerda von Wangenheim, hat zu einem fremden Manne gesagt: ›Küsse mich!‹ Warum das? War es der Alkohol, der ihr Blut in Aufregung gebracht und sie Verlangen tragen ließ, nach der Umarmung eines Mannes? Liebte sie diesen Mann?

Nichts von alledem. Nichts, als der Wunsch, ihr Blut kennenzulernen, hatte sie getrieben, zu tun -- wie sie getan. Er hatte sie geküßt, und nicht die leiseste Erregung ihres Blutes hatte sie verspürt. Und doch -- eine Erregung hatte sie empfunden, einen Reiz hatte sie verspürt, einen Reiz, die Begierde eines Mannes auflodern zu sehen, sein Begehren anzufachen. An jenem Abend auf dem Künstlerfest, als sie festgeschmiegt an Winkelmann mit ihm tanzte, als sie sein fieberndes Verlangen nach ihr verspürte, hatte sie den prickelnden Reiz empfunden, den Mann verheißungsvoll an sich zu ziehen, um ihm den Fuß auf den Nacken zu setzen.

* * *

Lotte, glücklich im Gedanken an die nahe Vollendung ihres Werkes, stand und prüfte ihre Arbeit. Würde es die beabsichtigte Wirkung haben?

Die Wirkung nach beiden Richtungen?

War sie frei geworden vom Banne des Häßlichen, das wie eine Kette sie umgürtet hatte?

Sie atmete tief auf.

Ja, frei, ganz frei.

Durch ihr Werk oder durch seine Liebe?

Sie lächelte, reckte mit tiefem Atemzug die Arme empor, verschlang sie auf ihren Kopf und warf sich auf das Ruhebett.

Und nun kam das Glück, das märchenhafte Glück. Ihr Werk in der Ausstellung. Ihr Name in aller Munde. Emporgehoben aus der Schar der Mittelmäßigen, gestellt neben die Großen.

Und die Wirkung des Werkes auf die Menschen?

Würden sie sich erkennen in diesem fratzenhaften Ungeheuer? Würde Grauen und Entsetzen sie packen, sich so gegeißelt zu sehen? Würden sie Einkehr halten und ihr Inneres reinigen von Schmutz und Schlacken?

Lotte lachte.

Jeder würde nur das Bild des anderen in diesem Medusenhaupt erspähen. So bist du und du und du -- aber nicht ich.

Zerfleischen würden sie die anderen, ein jeder aber ist frei von Schuld. -- --

Und dann -- -- dann wurde sie Weib -- -- dann kam die Erfüllung.

Sie schloß die Augen.

Sie liebte ihn, ihn, den Vater ihres Kindes. Sie saß neben der Wiege, glättete die Kissen und strich sanft über die zarten, blonden Härchen.

»Paul,« flüsterte sie, »wie bin ich glücklich.« -- -- --

»Hallo, ist niemand hier?«

Sie springt erschrocken auf und reibt sich die Augen. Das Atelier liegt in graue Abendschatten gehüllt.

»Verzeihen Sie, daß ich eindringe, Fräulein Wunsch, Sie haben anscheinend mein Klopfen überhört.«

Arno Stürmer steht vor ihr.

»Ich hatte geträumt.«

»So habe ich gestört?«

»Sie störten mich in meinem Glück.«

»Das würde ich mir nie verzeihen. Möchte ich doch so gern das Füllhorn des Glückes über Sie schütten.«

Seine Blicke ruhen fragend auf ihrem Antlitz. Dann schweifen sie ab und bleiben auf dem Werk haften. Er zuckt zusammen und sieht sie erstaunt an. Dann tritt er näher an das Werk, schaut und schweigt. Und dann bricht er los, laut und schallend schreit er sie an: »Das haben Sie geschaffen? Dies ist Ihr Werk? Da haben Sie es ja, das Glück, das große Glück. Und ich will mich unterfahren Ihnen Glück zu schaffen? Sie, Sie tragen das Glück ja in sich, Ihr Glück ist Ihr Künstlertum -- -- ich beuge mich vor Ihrem Können, Fräulein Wunsch.«

»Meinen Sie wirklich, daß die Kunst allein Befriedigung gewährt?«

»Dem wahren Künstler unbedingt.«

»Und das Verlangen nach Liebe?«

»Aufregung, Rausch, Austoben -- erhöht die Künstlerschaft! --«

»Sie sprechen als Mann!«

»Auch bei der Frau wird es so sein, wenn sie eine wahre Künstlerin ist. Lotte,« er ist nahe an sie herangetreten und sieht ihr leidenschaftlich in die Augen, »Lotte -- ich liebe Sie, seit jenem Abend, als ich Sie im Ihrem Flammenkleide sah, verzehrt mich die Sehnsucht. Lotte« -- er umschlingt sie und will sie an sich ziehen -- »laß uns versinken in Flammen, zwei Künstlernaturen wie wir -- -- alle Flammen der Leidenschaft springen auf -- --«

Da ist sie wieder und schlägt an ihr empor. Die Begierde!

Sie wehrt ihn von sich. Blaß, mit ausgestreckter Hand, weist sie auf ihr Werk. »Wie ich es verabscheue, dieses maßlose Begehren.«

»Und bist doch selbst ein einziges fieberndes Verlangen.«

»Nein, nein,« schreit sie auf. Dann bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen und stöhnt auf.

»Du liebst einen andern.«

Da nickte sie stumm.

»Und er nimmt dich nicht in seine Arme, er läßt dich --«

»Lassen Sie mich jetzt allein,« sagt sie kalt und beherrscht.

* * *

Gerda saß beim Frühstück und durchlebte noch einmal den gestrigen Abend. Das große Fest bei Westphals.

Was für Triumphe hatte sie gefeiert, ganz toll waren die Männer nach ihr, und Winkelmann -- -- sie mußte laut lachen. Eine Szene hatte er ihr gemacht, eine unerhörte Anmaßung! Aber sie hatte ihn zurechtgewiesen. Er würde es nicht noch einmal wagen. Und der Beifall, nachdem sie ihren Vortrag geendet. Sie hatte nicht weniger Applaus gehabt, als der berühmte Tenor. Sie konnte zufrieden sein.

Und Reitzenstein? Der machte ihr Spaß. Der wollte sie ergründen. Er hatte sie gebeten, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie hatte seine Begleitung angenommen. Und da, als sie zusammen sich von Thea verabschiedeten, war es zu dem Auftritt mit Winkelmann gekommen.

Winkelmann war auf sie zugetreten und hatte mit erregter Stimme gesagt: »Ich begleite Sie nach Haus!«

»Ich danke Ihnen, Herr Winkelmann, aber Herr von Reitzenstein hat mich schon darum gebeten.«

Da packte er ihr Handgelenk und zischte mit heiserer Stimme: »Das wird er nicht tun.«

»Aber ja, er wird es tun,« und sie hatte ihn eisig angesehen und versucht, sich von seinem Griff zu befreien.

»Weib, du bringst mich um den Verstand,« zischte er und drückte ihr Gelenk, daß sie hätte aufschreien mögen.

Da ließ sie einen Blick über ihn gleiten, so voll Verachtung und Kälte -- -- und er gab sie frei.

Dann saß sie wieder mit Reitzenstein im Auto wie damals. Hungrig und erwartungsvoll hatte der kleine Leutnant sie angesehen. Schweigend saßen sie zusammen. Sie fühlte, wie er ihr näher kam, wie sein Körper an den ihren drängte. Jetzt versuchte er seinen Arm um ihren Nacken zu schlingen, da sagte sie: »Wollen Sie, daß ich den Wagen halten lasse?«

»Darf ich dich nicht küssen?« flehte er.

»Sie vergessen, Herr von Reitzenstein, daß mein neulicher Einfall einer Laune entsprang. Wenn ich geahnt hätte, daß Sie auch nur einen Gedanken daran verschwendeten, hätte ich ihre Begleitung nicht angenommen.«

»Das Spielen mit dem Feuer könnte Ihnen gefährlich werden, Fräulein von Wangenheim.« Sein Blut, das durch die Nähe dieser Frau und durch die Möglichkeit ihrer Hingabe in Aufruhr war, jagte wild durch seine Adern.

»Ich könnte Sie jetzt in meine Arme nehmen, könnte Sie zwingen, mir zu Willen zu sein,« preßte er leidenschaftlich hervor.

»Sie werden das Vertrauen einer Dame nicht mißbrauchen,« sagte sie ruhig.

»Ich bin kein Räuber. Sie taten gut, sich mir anzuvertrauen, ein anderer hätte die Situation ausgenutzt.«

»Mir gegenüber nicht.«

»Seien Sie nicht zu sicher. Es ist ein altes Sprichwort: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.«

Sie lachte. »Sprichwörter sind nie zutreffend und dieses schon gar nicht.« -- -- --

»Lächerlich,« murmelte Gerda, als sie an seine Warnung dachte. »Ich weiß mich zu schützen.«

Leichtsinn!

War sie leichtsinnig geworden?

Nein, leben wollte sie! Leben und herrschen!

Fort mit den Grübeleien und Bedenken.

Auf sie wartete das Leben, ein schillerndes, leuchtendes Leben.

Sie wurde sich ganz klar. Sie mußte vorwärts. Sie brauchte die Menschen, diese Menschen, deren Genossin sie geworden war. Sie erkannte die Wirrnis, der sie entgegenschwebte. Erkannte, daß sie im Begriffe stand, sich in einen wilden Strudel von Äußerlichkeiten zu stürzen.

Sie fühlte sich plötzlich unsäglich zurückgestoßen, ein tiefes Erschrecken überkam sie.

Sie mußte sich retten.

Wovor?

Was tat es, wenn die Seele verkümmerte?

Hoch, aufwärts, siegen und herrschen. Bezwingen die gemeine Masse!

Künstlerin!

Vor ihr lag der Weg zum Ruhm. -- -- --

Winkelmann steht Gerda gegenüber.

»Ich bin gekommen, Sie um Verzeihung zu bitten, gnädiges Fräulein.«

Sie neigt das Haupt und bedeutet ihm, Platz zu nehmen. Ihre Augen gleiten in grenzenloser Gleichgültigkeit über ihn hin, hochmütig schürzt sie die Lippen. »Es ist mir gänzlich unverständlich, was Sie zu diesem Benehmen veranlassen konnte. Ich bin mir nicht bewußt, Ihnen ein Recht dazu gegeben zu haben.«

»Fräulein von Wangenheim, Sie wissen es, daß ich von einer grenzenlosen Leidenschaft für Sie beherrscht werde. Einer Leidenschaft, wie ich sie so stark noch nie empfunden. Eifersucht raubte mir die Beherrschung. Verzeihen Sie mir.«

»Es tut mir leid für Sie, Herr Winkelmann, daß Ihr Begehren -- denn Ihre Leidenschaft ist doch nur die Umschreibung dieses Begriffs -- so ganz aussichtslos ist.«

Er fährt auf. »Kennen Sie eine Leidenschaft ohne Begehren? Ja, ich begehre Sie, mit all meinen Sinnen begehre ich Sie. Ich weiß, daß Sie keinen Funken von Gefühl für mich empfinden, und trotzdem liebe ich Sie. Ja, ich liebe Sie. Alles würde ich hingeben, um Sie besitzen zu können, selbst meine Freiheit. Ich würde Sie bitten, meine Frau zu werden, wenn ich nur die leiseste Hoffnung hätte, daß sie ›ja‹ sagten.«

»Und wenn ich nun aus Berechnung ja sagte? Sie sind reich, haben Einfluß --«

»Sie würden mich überglücklich machen.«

Sie sieht ihn spöttisch an. »Besitz ergreifen würden Sie! Nein, ich danke für einen goldenen Käfig, ich brauche meine Freiheit.«

* * *

Ebba saß auf ihrem Fensterplatz im Erker. Das Fenster hatte sie geöffnet, und eine warme, laue Luft strömte herein. Sonnenschein durchflutete die Straße. Es schien, als wollten die letzten Märztage den Frühling bringen.

Sie konnte sich nicht freuen des Sonnenscheins, es lag etwas in der Luft, was sie belastete.

Vor ihre Seele traten die beiden Menschen, die sie lieb hatte.

Lukas! Inge!

Lukas war nicht wiedergekommen, seit jener verhängnisvollen Stunde, in der er ihr seine Schuld bekannt. Schämte er sich? Reute ihn seine Offenheit? Wohl hatten sie sich ein paarmal getroffen, aber unter Menschen, wo sie keine Gelegenheit zu einem herzlichen Wort fand. Ob er sich mit Thea ausgesprochen? Ihre Schwägerin war lustig, oberflächlich und genußsüchtig wie stets. Sie streute mit vollen Händen das Geld zum Fenster hinaus. Wozu das große Fest? Warum ließ er sie noch immer gewähren?

Und Inge? Das Kind machte ihr Freude. Mit der ganzen Gewalt ihrer jungen fünfzehnjährigen Seele hatte sie sich an sie geklammert. Nur zu ernst war sie geworden. Brach auch oft der alte stürmende Übermut durch, so hatte sie doch meist schwermütige Tage. Dann seufzte sie und meinte, das Leben sei doch mehr ernst als heiter, und sie könne gar nicht begreifen, wie man so in den Tag hineinleben könne, wie Mama. Papa sei jetzt oft still und traurig. Oft bleibe er ruhig zu Hause sitzen und laufe gar nicht in Eile davon wie früher. Dann wollte er, daß sie bei ihm sitze, und ihm erzähle. Aber etwas bedrücke ihn. Sie hatte es wohl gemerkt. ›Ach, Tante Ebba, Papa tut mir eigentlich schrecklich leid, kannst du ihn denn nicht fragen, ob wir ihm helfen können?‹

›Weißt du, Tante Ebba‹, sagte sie dann nach einer Pause, ›ich glaube, es könnte viel gemütlicher bei uns sein, wenn Mama nicht da wäre.‹

›Aber Inge, wie kannst du so etwas sagen‹, hatte sie ihr vorgeworfen.

›Du kannst es mir glauben, sie bringt Unruhe ins Haus. Gemütlich ist es nur, wenn sie nicht da ist.‹

›Du darfst nicht so denken, Inge, und so etwas nicht aussprechen.‹

›Ich muß aber offen zu dir sein -- ich denke doch so. Papa hätte es auch viel besser.‹

An dies Gespräch mußte sie denken.

Was würde werden?

Wie würde Thea die Forderung, sich einzuschränken, aufnehmen?