Part 5
»So höre endlich auf mit deinem dummen Geschwätz. Du hast dir das Hirn angefüllt mit Ideen, die für dich noch unverdaulich sind, du sprichst über Dinge, die -- doch wie kann ich dir Vorwürfe machen, nicht du trägst die Schuld -- Inge, ich kann es nicht glauben, daß du verdorben bist, es kann nicht sein, bist du doch das Kind meines Bruders. Ich will dir etwas sagen, Inge, komm oft zu mir, besuche mich und erzähle mir all deine Leiden und Freuden, auch von deinen -- Liebschaften kannst du mir sprechen, ich werde dir keine Vorwürfe machen, nein, wahrlich nicht, denke, ich sei deine ältere Freundin, ich will versuchen, mich in deinen Gedanken zurechtzufinden, ich will lernen, ›modern‹, wie du es nanntest, zu denken, vielleicht finden wir uns zusammen. Ich habe meinen Bruder, deinen Vater, sehr geliebt und möchte ein Teilchen dieser Liebe auf seine Tochter übertragen. Willst du mir nicht helfen, Inge?«
Bittend sahen die ernsten Augen zu dem jungen Mädchen hinüber, mit sanftem Druck legte sie die zarte, weiße Hand auf ihre Schulter.
»Ich glaube kaum, daß wir uns verstehen werden, Tante. Ich bin ein so durch und durch moderner Mensch und du -- verzeihe mir, wenn ich es ausspreche -- aber du bist so altmodisch in deinen Ansichten, wie könntest du da Verständnis für mich haben?«
»Wenn du auch ein moderner Mensch bist, so bist du doch mit vierzehn Jahren noch kein ganz fertiger Mensch, wenn du mir auch weit über dein Alter hinaus zu ragen scheinst in mancher Beziehung, so ist doch immer noch die Möglichkeit vorhanden, daß du deine Ansichten änderst oder ergänzt.«
»Ändern -- nie.«
»Nun gut. Du änderst dich nicht, aber es wäre ja möglich, daß ich mich ändern könnte, sieh mal, dein Vater war auch einmal ein ganz unmoderner Mensch, genau so wie ich -- und heut -- oder ist er auch altmodisch?«
»Papa,« fiel Inge lebhaft ein, »nein, Papa ist ja mein Ideal als Mann. Das heißt zum Heiraten. Er läßt Mama alles tun und machen, was sie will, kümmert sich kaum um sie und mich, denn er hat keine Zeit, da er eine Stellung einnimmt und für uns arbeiten muß. Papa ist ein ganz moderner Ehemann. Du sagst, er hatte auch Ansichten wie du? Das kann ich nicht glauben!«
»Und doch ist es wahr.«
»Wenn du es sagst, muß ich es glauben, denn schwindeln tust du nicht.«
Ebba lächelte. »Du siehst, es wäre also Aussicht, auch mich umzumodeln.«
Inge sah sie ungläubig an. »Bei dir wird es viel schwerer sein, ich glaube, mit dir ist nichts anzufangen nach dieser Richtung. Du scheinst mir zu verbohrt in deine Ideen, aber besuchen kann ich dich ja doch. Es ist ja nicht nötig, daß ich dir alles erzähle, ich werde heraussuchen, was ich für dich passend finde.«
»Du kannst mich ja so nach und nach an alles ›Moderne‹ gewöhnen, vielleicht werde ich noch moderner als du und erwache eines Morgens als Übermensch -- das ist ja wohl auch so ein Schlagwort?«
»Längst abgetan, Tante. Wir ganz Modernen wollen gar nicht Übermensch sein, im Gegenteil, wir wollen unsere kleinen Sünden und Schwächen haben, das ›Über‹ verpflichtet zu Stärke, das ist uns zu schwierig.«
»Ah, jetzt fange ich an zu verstehen, wie ihr denkt, und ich möchte dir einen Vorschlag machen. Ich will es versuchen, dich zur Stärke, zur Überwindung deiner Schwächen zu bringen, und du versuchst es, mich wankend zu machen und mich zu den Modernen hinüberzuziehen, wir wollen kämpfen, kämpfen mit offenem Visier, du siehst, ich bin ehrlich; nimmst du den Kampf an, Inge?«
»Ja, Tante Ebba, ich nehme an. Du bist doch ein famoser Mensch, und du gefällst mir, trotzdem du unmodern bist. Noch nie hat Mama oder eine von den andern Müttern so mit mir gesprochen, immer tun sie, als ob wir Kinder wären, und wissen ganz genau, daß wir es nicht sind, nicht sein können. Sie sind nicht ehrlich, nicht offen zu uns. Du kommst und nimmst mich so, wie du mich findest. Du siehst mich als Kind und schiltst mich aus, du siehst mich als denkenden Menschen und sprichst mit mir, wie du mit einem Erwachsenen sprichst, glaube mir, ich bin kein Kind mehr, und ich weiß genau, was ich will, du wirst sehen, ich bleibe fest und verteidige meine Ansichten. Ich freue mich jetzt ordentlich darauf, mit dir zu kämpfen. Eigentlich habe ich mich immer danach gesehnt, mich mit jemand aussprechen zu können. Ich habe wohl meine Freundin Blanka, aber die findet immer alles richtig, was ich sage, und das ist langweilig. Ich brauche sogar jemand, der mir widerspricht, das ist doch viel interessanter, Widerspruch reizt mich und bestärkt mich erst recht in meinem Willen.«
»Nun, habe ich es dir nicht gleich gesagt, daß wir uns schon zusammenfinden werden? Ich glaube, in deinem jungen Herzen ist doch ein Stückchen von der Liebe geborgen, die mein Bruder für mich hegte, und das will ich mir ausgraben, du böses ganz modernes Mädchen du.«
»Ach, Tante, sentimental ist nicht modern.«
»Ich bin ja auch noch nicht modern, ich will es ja erst werden.«
»Ich weiß eigentlich nicht -- du -- ich komme bald zu dir, kann ich auch mal Blanka mitbringen?«
»Gewiß kannst du das, aber nicht das erstemal, ein bißchen müssen wir uns noch allein aussprechen, und nun bestelle deiner Mutter viele Grüße und sage ihr, daß ich mich recht gut mit ihrer Tochter unterhalten habe.« -- -- --
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Dieses also, dem Sumpf der Großstadt zuschwebende Geschöpf war ihre Nichte, die Tochter ihres Bruders! War es möglich, sie noch zurückzuhalten? Oder war es vielleicht schon zu spät?
Ebba schauderte.
Hatten der Vater, die Mutter jemals in die Seele ihres Kindes geschaut?
Die Mutter, welche ihr Leben genoß, die sich ledig wähnte ihrer Mutter- und Erzieherpflichten, weil ihr im Kultus ihrer Begehrlichkeiten keine Zeit für die eigene Familie übrigblieb? Oder der Vater, welcher im Herbeischaffen des harten, kalten Geldes vergaß, den Seinen Wärme und Liebe zu spenden? Der zu schwach war, die Zügel zu ergreifen, um ein strenges Regiment zu führen?
Du, Lukas, bist der Schuldige. An dir war es, deinem Weibe Einhalt zu gebieten auf dem Wege, den sie betreten. Du hast sie zur Mutter gemacht, du mußtest auch darauf achten, daß sie ihre Mutterpflichten ausübte.
Arme verwilderte Seele! Wo war die Hand, die dich geleiten sollte? Wo das Mutterherz, das dich liebevoll behütete vor Schlacken und Schmutz, die dein junges Gemüt vergiften mußten?
Unbehütet, ungeleitet griffen deine jungen Hände nach leuchtenden Blüten, nach schillerndem Kraut, welches dir entgegenwucherte. Wahllos fülltest du deine Hände, ohne zu wissen, daß Gift aus den Blüten drang, daß Unkraut deine Hände füllte. Denn dein Weg war voll davon, da der Gärtner, pflichtvergessen, nicht gejätet hatte.
* * *
»Weißt du, Tante Ebba, ich habe Papa einmal zu Weihnachten einen Spruch geschenkt: ›Mag draußen die Welt auch ihr Wesen treiben, mein Heim soll meine Ruhestatt bleiben.‹ -- Den Spruch, auf schönem Holzbrett gezeichnet, habe ich gekauft und dann fein säuberlich die Buchstaben ausgepinselt. Ich hatte nicht über den Sinn der Worte nachgedacht. Ich fand nur das Brett sehr hübsch aussehend und war sehr ärgerlich, daß Papa, statt es aufzuhängen, es seufzend in seinen Schreibtisch schloß, ich habe nie mehr daran gedacht. Aber heut, hier bei dir kommt mir die Erinnerung an diesen Spruch, und ich verstehe, warum Papa ihn in seine Schublade getan. Tante Ebba, wir haben wohl ein Zuhause, aber wir haben kein Heim.«
»Wie meinst du das, Inge?«
»Daß es bei uns keine Ruhe, keine Gemütlichkeit gibt. Glaubst du denn, daß es möglich sei, mit den Eltern auch nur eine halbe Stunde allein zusammen zu sitzen und zu plaudern? Ausgeschlossen! Entweder es ist Besuch da, oder es klingelt das Telephon, oder Papa, der sich kaum gesetzt hat, springt auf: ›Kinder, ich hab’ ja keine Zeit, mein Gott, ich hätte ja beinah meine Konferenz vergessen.‹ Ich habe das ja alles gar nicht empfunden, aber jetzt, seit ich dich besuche -- ach, Tante Ebba, ich wünschte, du wärest nicht zu uns gekommen!«
»Kommst du gern zu mir?«
»In acht Tagen ist es heute das dritte Mal, daß ich bei dir bin, da bedarf es wohl keiner Antwort. Aber ich komme jetzt nicht sobald wieder -- nein, ich will nicht.«
»Und warum nicht?«
»Weil -- nun ja -- weil du etwas in mir erweckt hast -- etwas, nach dem ich mich sehne und das ich doch nicht haben kann -- und auch nicht haben will -- nein, wir sind eben moderne Menschen und brauchen keine Liebe -- Gefühlsduselei is Blech --«
Ärgerlich setzte sie ihre Kaffeetasse nieder, griff nach einem Stück Kirschkuchen und häufte sich einen Berg Schlagsahne auf ihren Teller. »Is auch so ’n Lockmittel von dir, Kirschtorte und Schlagsahne. Könnte ich mich tatsächlich totessen. Is schon das vierte Stück, wenn Mama übrigens wüßte, daß ich hier so oft herausflitze, die würde sich wundern.«
»So hast du nicht davon gesprochen, daß du bei mir gewesen bist?«
»Als ich das erstemal hier war, habe ich es erzählt und auch pflichtschuldigst deine Grüße bestellt. Aber sie hörte gar nicht hin. Sie hatte sich gerade in ihrem Klub geärgert, war wieder mal große Uneinigkeit zwischen den Vorstandsdamen, und das müssen wir dann ausbaden. Papa aber freute sich und sagte, ich solle recht oft zu dir gehen.«
»So kümmert sich deine Mutter gar nicht um deine Ausgänge?«
»I bewahre! Dazu hat sie gar keine Zeit. Ist auch sehr klug von ihr, denn ich ließe mich doch nicht kontrollieren. Du vergißt immer, Tante, daß die moderne Erziehung der Jugend die Freiheit nicht beschneidet. Wir sollen lernen, für uns selbst einzustehen.«
»Ich vergesse immer, daß Mutterliebe und Kinderliebe ein überwundener Standpunkt sind.«
»Vielleicht wäre es anders, Tante Ebba, wenn die Mütter so wären, wie du bist.«
»Ja, um des Himmels willen, glaubst du denn wirklich, daß alle Mütter so sind wie -- --«
»Wie meine Mutter -- sprich es ruhig aus. Ja, das glaube ich, denn ich kenne keine anderen.
Du mußt wissen, Tante, daß keine von all den Müttern als eine Mutter gelten will. Fange doch nur mal mit dem Äußeren an. Immer jung, immer schick, man darf ihnen nie die großen Kinder ansehen, sie machen es uns doch selbst unmöglich, Ehrfurcht vor ihnen zu haben. Ehrfurcht haben vor dem Alter ist eine Beleidigung, denn es gibt kein Alter. Alle sind sie und bleiben sie jung.
Weißt du, ich habe schon oft zu Blanka gesagt, ich verstehe gar nicht, warum die modernen Menschen eigentlich Kinder kriegen, wenn sie ihnen doch so lästig sind. Ich zum Beispiel möchte keine Kinder haben, und schon gar eine Tochter! Niemals!«
»Wenn nun alle so dächten wie du, dann würde ja die Welt entvölkert.«
»Das könnte mir gleich sein, wenn ich nur meine Bequemlichkeit hätte! Aber alle denken ja nicht so, das weiß ich wohl. Du, glaube ich, würdest gern eine Tochter haben.«
»Ich habe stets gewünscht, eine Tochter zu besitzen, aber jetzt --«
»Seit du mich kennst,« fiel Inge lachend ein, »fürchtest du dich. Tantchen mein, weißt du denn nicht, daß deine Tochter nie so sein könnte, wie ich bin, wie Blanka, wie all meine andern Freundinnen es sind? Du, du wärest eben eine wirkliche Mutter, mit Ehrfurcht und Respekt und wie die schönen Dinge alle heißen, ganz, ganz anders. Würdest du in Vereine rennen und zu Hause alles gehen lassen, wie es geht? Würdest du dir mit Herren Rendezvous geben? Würdest du alle vier Wochen zum Friseur laufen und dich auffärben lassen? Na, deine aufgerissenen Augen sprechen Bände. Siehste, wo bleibt da der Respekt, die Ehrfurcht?
Nee, Tante, überwundener Standpunkt. Schwächen haben wir ja alle, unsere Eltern eben auch, schadet nichts, wenn wir Kinder sie kennen, bringt uns ein bißchen in Vorteil. Ein Glück, daß du nicht meine Mutter bist, Tante Ebba.«
»So spricht dein Mund, dein Herz aber denkt anders, Inge.«
»Pah -- Herz! Wenn man keins hat, legst du eins in einen hinein. Aber bei mir nich zu machen, ich lasse mich nicht rumkriegen.«
»Warum willst du nicht zugeben, daß du Gemüt hast?«
»Weil ich keins habe, keins haben will. Und nun will ich machen, daß ich davonkomme, sonst entdeckst du wirklich noch sogenannte gute Eigenschaften an mir.«
»Wirst du bald wiederkommen?«
»Nee, vorläufig nich, is mir zu gefährlich! Du entdeckst Herzen, das is nich mein Fall.«
»Du bist ein mit allerhand krausem Zeug angefüllter Kindskopf, Inge, es ist schade um dich. Aber möglich, daß du recht hast, mit Egoismus und Gefühllosigkeit kommt man vielleicht weiter, bleibe du nur vor allen Dingen modern.«
»Spottest du über mich?«
»Nicht im geringsten, ich versuche es, mich in deine Ideen hineinzufinden.
Daß du nicht sobald wiederkommen willst, tut mir übrigens leid, ich wollte dich gern mit Fräulein Wunsch bekanntmachen.«
»Lotte Wunsch, der Bildhauerin?«
»Eben der!«
»Die ist mir schrecklich interessant, Tante, natürlich komme ich. Klingle mich man an, is ja auch Blödsinn, du kannst in mir nich entdecken, was nich is, und bekehren lasse ich mich nich.«
* * *
In dichten weichen Flocken war der Schnee den ganzen Tag über zur Erde gefallen, Häuser, Bäume, Straßenlaternen mit seinem schneeigen Weiß bedeckend. Unaufhaltsam war das Geriesel heruntergestäubt, zum Jubel der Kinder, zur Freude der Erwachsenen, nun hatte man doch einen richtigen Weihnachtsabend.
Berlin im Schnee. Das war etwas Seltenes. Der Verkehr stockte. Die elektrischen Bahnen mußten den Betrieb teilweise einstellen. Die Wagen und Autodroschken wurden bestürmt und konnten sich nur mit Mühe den Weg bahnen durch die dichte weiße Masse.
Die hastigen Großstadtmenschen schimpften, daß sie nicht schnell genug vorwärtskämen, aber dem Schimpfen war ein Unterton beigelegt. Freude und Lust an dem Neuen, Ungewohnten hatten sie alle. Hastig stürmten sie vorwärts, die frische klare Winterluft in tiefen Zügen einatmend.
In der stillen Margaretenstraße stand eine Frau am Fenster und schaute auf die tanzenden und glitzernden Flocken. Unaufhörlich fiel der Schnee voll Gelassenheit und sehr dicht vom Himmel. Eine wunderbare Lautlosigkeit. Wenn ein Windhauch durch die Bäume ging, der die Zweige leicht anblies, rieselte weiße Streu herab. Die einsame Frau öffnete das Fenster, streckte die Hände hinaus, und leicht und locker fielen die glitzernden Sterne hinein. Mehr, immer mehr. Jetzt bildeten sie schon eine dichte Masse, und prickelnde Kühle durchdrang die Haut. Da kam ein Hauch und entführte die schimmernde Pracht. Mit leeren Händen stand sie da. Langsam rollten zwei Tränen über ihre Wangen. Mit ausgestreckten, leeren Händen und weiß nicht, ob das Schicksal gewillt ist, jemals wieder etwas hineinzulegen, was wert ist, festgehalten zu werden.
Von der nahen Matthäikirche läuteten soeben die Glocken den Heiligen Abend ein.
Man feierte das Andenken an die Geburt eines Menschensohnes, der durch seine Liebe zu den Menschen ein Gottessohn geworden.
Liebe! Ihr ganzes Herz war voll davon. Gern wollte sie schenken, in verschwenderischer Fülle ausschütten -- aber wo -- wohin damit? Wer wollte ihre Liebe? Wer fragte danach?
Es war ein Gefühl von Vereinsamung und grenzenloser Verlassenheit in ihr, wenn sie einen Menschen gewußt hätte, an den sie sich hätte anklammern können, der ihr half, ihrem Leben Inhalt zu geben. Niemand war da, den sie mit der Fülle ihrer Liebe überschütten dürfte, der nach ihr verlangte und dem sie etwas sein konnte, niemand.
»Tante Ebba!«
Sie fuhr herum.
»Inge, du?«
»Tante Ebba, ich wollte dir helfen, den Baum putzen, denn du -- du hast doch heute abend Besuch, und weil du heute beim Baumschmücken so allein --« Hastig waren die Worte über ihre Lippen gekommen, jetzt stockte sie und sah unsicher zu Ebba empor.
»Und zu Haus? Wird man dich nicht zu Haus vermissen?«
Inge machte eine wegwerfende Handbewegung. »Merkt kein Mensch, daß ich nicht da bin. Um neun Uhr offizielle Bescherung -- um zehn Uhr großes Weihnachtsessen -- zwanzig Menschen. Baum habe ich schon am Vormittag geschmückt. Tante -- bist du böse, daß ich gekommen bin? Habe ich dich gestört?«
»Böse? Du dummes, dummes Mädchen du, keine größere Freude hättest du mir antun können.« Fest zog sie das junge Mädchen in ihre Arme und drückte einen Kuß auf die frischen kalten Lippen.
»Puh, wie naß du bist! Mein Gott, du bist der reine Sturzbach. Bist wohl ohne Schirm gegangen?«
»Natürlich, was denkst du! Schnee, da geht man drunter weg, is doch fein. Hab’ mich draußen schon geschüttelt wie so’n nasser Köter, na, etwas bleibt schon hängen, macht nichts, alter Mantel, aber nun laß uns rasch den Baum schmücken, denn ein bißchen möchte ich gern still mit dir darunter sitzen. Ich möchte mal eine richtige stille und gemütliche Weihnachtsstunde haben.«
»Zum Baumschmücken kommst du zu spät, Inge. Auch mein Bäumchen steht schon schmuckbeladen und harrt nur noch, daß ich ihn im Kerzenschimmer erstrahlen lasse. Laß es dich nicht verdrießen, um so länger können wir bei seinem Schein zusammensitzen. Denn jetzt werden wir zwei zusammen das Weihnachtsfest feiern. Rasch, trage deine nassen Sachen hinaus, inzwischen werde ich für dich die Lichter entzünden, für dich ganz allein, Inge, du sollst deinen Weihnachtsabend haben hier bei mir.« -- -- --
Ebba und Inge standen sich unter dem im Silberschmuck und Kerzenschein schimmernden Baum gegenüber. Einen großen Strauß Christrosen hielt Inge der Tante entgegen. Strahlend schauten die jungen Augen zu ihr empor.
»Das ist alles, was ich dir geben kann, Tante Ebba. Diese schönen, ernsten und stillen Blüten sind meine Weihnachtsgabe für dich.«
»Viel, viel mehr gibst du mir mit diesen Blüten, Inge. Ich war allein, mutterseelenallein, ich fühlte mich so einsam und verlassen und sehnte mich nach ein bißchen Liebe. Ich sehnte mich nach einem warmen fühlenden Herzen, da tratest du in das Zimmer, -- Inge, schenkst du mir mit diesen Blüten nicht auch ein wenig Liebe?«
Da umschlangen zwei weiche Arme ihren Hals, und eine zarte Wange schmiegte sich an die ihre, und zwei junge Lippen flüsterten:
»Ich wußte, daß du einsam sein würdest, und darum kam ich. Und es sieht doch beinahe so aus, als ob du mich erwartet hättest. All die schönen Bücher sind für mich? Der Kamm, du, der ist ja echt Schildpatt, soll ich den wirklich haben? Mama hat ja nicht mal nen echten! Nein, du bist zu lieb, Tante, mich so zu beschenken!«
»Kind, ich habe ja niemand sonst, den ich beschenken kann.«
»Aber Tante Ebba, da fällt mir ein, ich habe ja doch noch etwas für dich, das hätte ich beinahe vergessen! Steckt noch in meiner Manteltasche, warte einen Augenblick.«
Hastig lief sie aus dem Zimmer, um sogleich wieder mit einem in feuchtes Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand zurückzukehren.
»Du schaust verwundert. Ja, vertrauenerweckend sieht das ja nun gerade nicht aus. Zum Unglück ist das Papier auch noch feucht geworden, und die ganze Chose wird wohl ziemlich feucht geworden sein.«
»Das tut nichts, Inge. Wenn nur der Inhalt nicht verdorben ist.«
Inge sah übermütig zur Tante empor. »Ich hab’ ein bißchen Angst, es fühlt sich ganz weich an und war doch ganz hart. Und weißt du, es war auch gar nicht meine Absicht, es dir zu schenken. Es kam ganz zufällig. An der Potsdamer Brücke brüllt mich so ’n kleiner Knirps an: ›Freileinchen, koofen Se mir mein letztes Herz ab, tun Se’s doch, denn kann ick bei Muttan jehn, sehn Se, so scheen rot, und een Herz kann doch jeder brauchen und bloß zehn Fennje.‹
»Na, du weißt ja, für Herzen habe ich nun gerade nichts übrig, aber der arme Bengel tat mir leid, und das Herz leuchtete mir so herrlich entgegen, und ich dachte, wenn ich auch keins gebrauche, so könnte ich es dir doch mitbringen. Ich zog also meine Börse und gab dem Jungen fünfzig Pfennig dafür. Der Mund blieb ihm vor Staunen offen stehen, seine Stupsnase ragte in die Luft, dann stieß er ein Indianergeheul aus, drückte mir das eingewickelte Herz in die Hand, schwenkte seinen Korb und lief wie besessen davon.«
Inge hatte das nasse Papier entfernt und hielt in ihren Händen ein mit rotem Zucker übergossenes Herz, auf dem die schönen Worte prangten: Ich liebe dich.
»Willst du es haben, Tante Ebba? Aber sieh, es ist wirklich ganz weich geworden, ich glaube, wir müssen es erst trocknen, damit es sich wieder verhärtet.«
Lächelnd nahm Ebba das Herz und legte es behutsam auf einen Bogen Seidenpapier. »Unter meinen Händen soll es sich wieder härten, bliebe es bei dir und hätte keine Pflege, würde es sich ganz verhärten, könnte Risse und scharfe Kanten bekommen, so daß es Gefahr liefe, in Stücke zu springen. Ich will es hüten und pflegen, wenn du es mir lassen willst.«
»Natürlich will ich es dir lassen, denn ich -- ich weiß ja doch nichts damit anzufangen.« Und lachend wirbelte sie Ebba im Zimmer umher, dann plötzlich einhaltend: »Nun aber setzen wir uns ganz still unter den Baum und schauen in den Kerzenschimmer.«
Lange saßen sie schweigend Hand in Hand, dann flüsterten die jungen Lippen: »Wenn du meine Mutter wärest!«
»Ich will es sein, Inge.«
»Darf ich Mutter zu dir sagen?«
Schweigend nickte Ebba. Sprechen konnte sie nicht, denn ein Schluchzen saß ihr in der Kehle. Ihr wochenlanges Bemühen ward von Erfolg gekrönt. Es war ihr gelungen, diese junge Seele von Schmutz und Schlacken zu befreien, den Kern, der von Häßlichem überwuchert, an die Oberfläche zu bringen. Nun lag dieses junge Herz in ihren Händen, an ihr war es, es zu hüten und zu pflegen, es zu bewahren vor schlechten Einflüssen.
Eine junge Seele hatte sich ihr zu eigen gegeben, ein Mensch war da, der sie brauchte, dem sie etwas sein konnte.
Weihnachten, das Geburtsfest der Liebe, es spendete ihr der Gaben schönste, es gab und forderte Liebe. --
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»Jeder Mensch trägt sein Schicksal in sich.«
»So glauben Sie an eine Vorbestimmung?«
»Nicht in dem Sinne des Sichbeugens. Unser Schicksal ist uns vorgezeichnet, es zu erfüllen -- die Mittel und Wege dazu sind uns anheimgegeben. Wir lenken unser Schicksal auf Grund unserer Charakterbildung. Wir selbst sind verantwortlich für unser Leben.«
»Eine schwere Verantwortung wäre uns da aufgebürdet, Herr Gehring, und nicht viele würden bestehen.«
»Schwer wohl nur in dem Sinne, daß man sich seiner Verantwortung nicht bewußt wäre.«
»Ich empfinde umgekehrt! Das Bewußtsein meiner eigenen Verantwortlichkeit könnte mich zu Boden drücken.«
»Sie sagen wohlweislich: Könnte, Fräulein Wunsch, eine Natur wie die Ihrige kämpft mit dem Leben und zwingt das Schicksal.«
Lottes Augen flammten auf. »Sie haben recht, ich habe gekämpft, und ich werde weiter kämpfen. Ich werde das Schicksal zwingen nach meinem Willen, bin ich verantwortlich, so könnte man mich auch zur Verantwortung ziehen, etwas versäumt zu haben. Das darf nicht sein. Ich selbst bin mein Schicksal -- Sie haben recht, Gehring.«
»Nein, nein, sagen Sie das nicht! Ich selbst sollte verantwortlich sein für mein verpfuschtes Leben? Das wäre eine Vorstellung, die mich zu Tode peinigen könnte.« Und Ebbas zarte weiße Hand strich nervös über die Stirn.
»Gnädige Frau, Sie sprechen von einem verpfuschten Leben und stehen erst im Anfang Ihres bewußten Lebensweges. Wie können Sie wissen, ob nicht gerade dies, das Sie verpfuscht nennen, für Ihr weiteres Leben notwendig war, ob nicht gerade dies Sie auf den Pfad gebracht hat, der zum Zweck und Ziel Ihres Lebens Ihnen bestimmt ist. Wenn man so jung ist wie Sie, darf man nicht von einem verfehlten oder verpfuschten Leben sprechen. Ihr Leben zu erfüllen steht Ihnen noch bevor. Warten Sie noch zwanzig Jahre, und dann überschauen Sie Ihren Lebensweg. Vielleicht empfinden Sie dann, daß Ihnen der Kampf mit Leid und Schmerzen zum Segen geworden und daß Sie keinen dieser Leidenstage aus Ihrem Leben streichen möchten, denn aus diesem Leid erwuchs Ihnen vielleicht, was Ihr Leben reich und glücklich machte. Hören Sie folgende Verse von Lulu von Strauß und Torney:
Sieh, auch der Schmerz ist unermeßlich reich! Und keinen möcht ich missen und vergessen Der Schmerzenstage, die mein Fuß durchmessen. Sie waren schwarzen Marmorstufen gleich. Stumm bin ich über sie hinweggeschritten, Hoch türmten sich die Stufen Stein auf Stein, Und meine Tränen, die mir niederglitten, Verlöschten immer vor den müden Schritten Des dunklen Marmors edlen Spiegelschein.
Heut aber weiß ich, da ich rückwärts sehe: Der Zug der Stufen führte mich zur Höhe! Mir will das Herz in ernstem Dank sich weiten, Und auf der schwarzen Marmorstufen Glanz Leg ich als Opfer vor dem Weiterschreiten Noch einen vollen roten Rosenkranz.«