Part 8
Ebba ist blaß. Sie gehen weiter. Wieder eine Gruppe von Zuschauern um ein einzeln tanzendes Weib. Ein überschlanker, weißer Körper, über den ein Kleid von schwarzen Pailetten wie eine Haut gespannt. Nur der Leib ist von rosenfarbenem Trikot bekleidet. Oberkörper und Beine schimmern nackt durch das flimmernde Gewand. Eine der Achseln, die das Kleid halten, ist heruntergerutscht, so daß die eine Seite der Brust sichtbar wird. Sie tanzt. Ist ganz aufgelöst, wie in taumelnder Ekstase. Tanzt mit geschlossenen Augen und bebend geöffneten Lippen. Plötzlich bleibt sie stehen, stößt einen Schrei aus und taumelt einem der Umstehenden in die Arme. Der drückt seine Lippen auf die nackte Brust. Die Umstehenden lachen, und einer sagt: »Donnerwetter, das ist stark.« Ein anderer antwortet: »Was wollen Sie. Man lebt sich nur ein bißchen aus.« »Na, ich danke.«
»Bitte, lassen Sie uns zurückgehen,« bittet Ebba. Der Maler lacht. »Sie hörten ja, gnädige Frau: man tollt sich nur aus.«
Sie waren an die große Treppe gelangt, die zu den unten liegenden Garderoben führte. Die ganze Treppe ist malerisch belagert. In großen und kleinen Gruppen liegen sie umher, Männlein und Weiblein, in buntem Gemisch. Meist sind es Pärchen. Er und sie. Eng umschlungen. Küssend und kosend.
Karneval!
Eine glutäugige Zigeunerin kommt ihnen entgegen und hängt sich dem Maler an den Arm. »Komm, trink mit mir, du Wilder. Ich habe dich schon lange gesucht. Laß die Griechin, die hat Fischblut in den Adern. Komm, ich verschmachte.«
»Geh, und laß mich in Ruhe. Kühle dein Blut mit anderen!«
»Ich will, daß du kommst!« zischt sie.
»Geh,« und mit einem Ruck schüttelte er sie ab.
Sie sieht ihn böse an. »Du willst es -- ich gehe.«
Sie gehen zurück. An der Tür, die zu dem Nebensaal führt, in welchem sie ihren Tisch haben, hat ein Leierkastenmann mit seinem Weibe Posten gefaßt. Unentwegt dreht er seine Orgel, während das junge Weib jedem Vorübergehenden einen Teller entgegenhält. Die großen braunen Sammetaugen schauen bittend und bettelnd auf Ebba. Der Maler hat die Börse gezogen und legt ein Geldstück auf den Teller. »Was du für schöne Auge hast.« Und er greift nach dem Kinn der Bettelfrau, um ihr das Antlitz zu heben. Einen Schritt nur, einen einzigen, weicht sie zurück, ernst und vorwurfsvoll treffen ihn ihre Augen -- und seine ausgestreckte Hand sinkt zurück.
Ebbas Blicke leuchten auf. Mit einem warmen Blick umfängt sie das Weib, und zu dem Maler spricht sie: »Nicht alle tollen sich aus.« -- --
Gerda hatte mit Winkelmann getanzt.
Er hält sie noch umschlungen und flüstert: »Führe mich in Versuchung.«
Sie lacht. »Mönchlein, Mönchlein, gelüstet es dich, deine Standhaftigkeit zu zeigen?«
»Ich will schon auf Erden im Fegefeuer schmachten.«
»Schwörst du mir, standhaft zu bleiben?«
»Ich schwöre. Wie du auch locken magst, ich widerstehe. Das heißt, der Packt gilt nur für heut.«
»Glaubst du, daß mir morgen noch die Laune danach steht? Also komm, tanzen wir noch einmal!«
Er schlingt seinen Arm um sie, und sie schmiegt sich fest, immer fester an ihn an. Er fühlt ihren Körper. Er spürt jeden Schlag ihres Herzens an seiner Haut. Das Blut rollt ihm wild durch die Adern. Dicht unter seinen Augen, an seiner Schulter, ruht der weiße Hals. Jetzt sieht sie verführerisch zu ihm auf. Die geöffneten Lippen fordern: küsse mich doch! Er lockert seinen Arm ein wenig und lächelt ruhig. »Tanz schneller,« flüstert sie. Nun drückt er sie fest an sich und tanzt im wilden Tempo mit ihr durch den Saal.
Fest -- immer fester.
»Halt, halt, ich kann nicht mehr!« stöhnt sie.
Sofort hält er ein und gibt sie frei. Ganz atemlos legt sie ihre Hand auf seine Schulter, lehnt sich leicht an ihn und sagt: »Du tanzest gut.«
Er nickt nur. Wilder jagt ihm das Blut durch die Adern. Er hätte sie an sich reißen und sie mit seinen Küssen ersticken mögen. Wie sie ihn reizen, wie sie mit ihm spielen konnte! War es wirklich nur Spiel? Blieb sie innerlich kalt?
Quälen wollte sie ihn, und sie tat es mit Vergnügen. Ja, er fühlte, daß sie Freude daran hatte. Warte nur, das sollst du mir büßen. Mir bist du doch verfallen. Ich liege auf der Lauer und werde deine schwache Stunde erspähen.
»Wollen wir ein Glas Sekt trinken?« fragt sie ihn.
»Willst du an den Tisch zurück?«
»Nein, ich will mit dir allein sitzen.«
»Was so einem Mönch doch alles in den Schoß fällt. Also komm. Dort das Pärchen macht uns gerade Platz. Eine behagliche, dunkle Ecke, geschaffen zum Kosen.«
Sie schlürft langsam den Wein und sieht ihn an. Er hält seine Augen fest in die ihren gesenkt, als wollte er sie zwingen.
»Ich glaube, du kannst grausam sein.«
»Ich weiß das nicht.«
»Macht es dir Freude, mich zu quälen?«
»Ja,« lacht sie girrend.
»Du bist kokett.«
»Vielleicht.«
»Ich muß dir aber gestehen, daß es mir durchaus nicht schwerfällt, deiner Lockung zu widerstehen.«
Sie sieht ihn an. Spricht er die Wahrheit? Sie wußte, er war in ihrem Bann, sie wußte, daß er sie als seine Beute betrachtete. Oh, daß er es wagte! Es reizte sie, diesen Mann zu quälen, zu peinigen. Ja, es war wahr, eine grausame Freude fühlte sie. Am Narrenseile wollte sie ihn führen. Das sollte ihre Rache sein.
Sie lachte, ein leises, girrendes Lachen. Sie hatte schnell getrunken. Das Blut prickelte ihr in den Adern. Sie schloß für einen Moment die Augen. Herrschen und beherrschen. Eine Welt zu ihren Füßen. Das war lachendes, jauchzendes Leben.
»Oh -- ein vom Himmel gefallener Stern.« Der schlanke Ritter stand vor den beiden und sah sie mit kläglicher Miene an.
»Sanft vom Himmel herniedergeglitten, um die Menschenkinder zu ergründen, mein Ritter,« spricht Gerda.
»Eine schwere Aufgabe hast du dir da gestellt, mein schimmernder Stern.«
»Ich wähnte sie schwer und fand sie spielend leicht.«
»So hast du deine Aufgabe schon gelöst?«
Sie nickt.
»Und darf man fragen, wie hast du die Menschen gefunden?«
»Bah --,« sie verzieht höhnisch den Mund. »In allen wohnt eine grenzenlose Gier, ein wütender Hunger nach Liebe. Sie sind toll nach Liebe, nach Zweisamkeit.«
Sie hat es verächtlich gesprochen, daß die beiden Männer sie überrascht ansahen.
»Und das gefällt dir nicht? Daraus machst du den Menschen einen Vorwurf?« Winkelmann hatte sie gefragt.
»Jawohl, das tue ich.«
»Sie, eine Frau, Sie wollen die Liebe verbannen?« sagt Reitzenstein.
»Das will ich nicht. Aber ich will nicht, daß die Menschen sich von ihr beherrschen lassen. Daß sie zügellos ohne Besinnen sich ihr hingeben. Und daß die Liebe schmutzig, häßlich und gemein wird.«
»Aber, mein gnädiges Fräulein,« Reitzenstein sagt es erregt, »wie können Sie so sprechen? So sprechen, als von allen Menschen. Diese Vorwürfe können Sie doch nur einer kleinen Minderheit machen!«
Gerda lächelt ironisch. »Sie glauben?« Sie macht eine kleine Handbewegung und deutet in die Runde. »Bitte, schauen Sie um sich, und sehen Sie den Menschen in die Augen.«
Und da waren Augen, hungrige, bettelnde Augen, die flehten um Liebe. Und andere, flackernd und heiß, die forderten Lust. Und gierige, die fraßen sich fest und wühlten und wühlten durch Mark und Bein und machten das Blut aufpeitschen, daß die Sinne schrien nach Befriedigung. Und noch andere, lüstern und scheu, die sprachen von heimlichen Sünden, von Tollheit und Rausch. Und Arme umschlangen sich. Lippenpaare lagen aufeinander und tauschten Kuß um Kuß.
Dann sahen die beiden Männer auf die Augen, die kühl und klar, herrisch sie anblickten.
»Sterne sind nicht von dieser Welt. Kehre an deinen Himmel zurück, Königin.«
»Oh, nein, ich werde bleiben. Bleiben in dieser Welt. Gehöre ich auch nicht zu ihr, so will ich doch leben in ihr. Doch nun an die Arbeit. Kommen Sie, Herr von Reitzenstein, jetzt tanzen wir. Und du, Mönch, geh’ und predige Entsagung!« -- --
* * *
Es war zwei Tage nach dem Künstlerfest. Ebba saß in der Kaminecke und erwartete ihre Freunde. Ein wenig würden sie wohl noch auf sich warten lassen. Zeit für sie, ihren Gedanken nachzuhängen. Die Scheite im offenen Kaminfeuer knisterten und verbreiteten eine wohlige Wärme. Ebba dachte an Thea Westphal. Ob Inge ›das ballspielende Kind‹ gesehen hatte? Und Lukas! Wo war Lukas gewesen? Kümmerte er sich denn gar nicht um seine Frau? Hatte er sich auch mit seiner Frau auseinandergelebt, so war doch Inge da, ihr gegenüber hatte er Pflichten. Sie konnte ihm den Vorwurf der Schwäche und Charakterlosigkeit dieser Frau gegenüber nicht ersparen. Und doch hatte sie ein grenzenloses Mitleid für ihn.
Leise öffnete sich die Tür, und der, an den sie eben so lebhaft gedacht, stand vor ihr.
»Lukas, du?«
Er sah blaß und übernächtigt aus. In seinen Augen lag ein scheues, flackerndes Zucken. Schwer ließ er sich in den Sessel fallen. Er sah sich um. Hier war es still und milde. Ja, hier war seine Zuflucht.
Eine sanfte Helle lag über dem zierlich gedeckten Teetisch, während der andere Teil des Zimmers in Halbdämmer lag. Die Bilder, die ruhigen Möbel! Er dachte an grell bestrahlte Räume voll Prunk und an eine Frau, die nur von Vergnügungen und Eitelkeiten wußte.
Es schien, als fröre ihn.
»Lukas, was hast du! Du frierst?«
»Ich friere innerlich, Ebba.«
Sie schenkte ihm Tee ein und beobachtete ihn. Er schien verstört, sein Aussehen beunruhigte sie.
»Was ist geschehen?«
Er lächelte mühsam und wehrte ab.
»Mir ist nicht ganz wohl. Die Aufregungen -- Geldsachen --«
»Lukas, du kannst so nicht weiterleben, du gehst ja zu Grunde.«
Da sank der Mann zusammen und stöhnte qualvoll: »Hilf mir, Ebba, ich bin am Ende!«
»Ich helfe dir, Lukas, aber sprich offen mit mir, was dich bedrückt.«
Er sprach stoßweise. »Meine aufreibendste Arbeit ist, in nächtlichen Stunden ausgleichende Rechnungen aufzustellen, Gelder aufzunehmen -- Ordnung zu schaffen. -- Thea -- weißt du -- jeder Begriff von Zahlen fehlt ihr -- das Geld muß herbeigeschafft werden -- es ist nicht immer leicht -- weißt du -- und das letzte Mal -- ich konnte nicht aus eigenen Mitteln decken -- war nach anderer Seite zu stark engagiert -- glaube mir, ich habe entsetzlich gelitten -- habe eine ganze Woche die Hand am Revolver gehabt -- -- --«
Ebba war, leichenblaß, aufgefahren.
»Bleib ruhig. Es ist noch mal vorübergegangen. Und nie wieder -- das verspreche ich dir -- sie muß vernünftig sein -- wir müssen uns einschränken -- es ist immer noch genug, um anständig zu leben -- aber sie -- Thea -- sie kann das Leben nicht so genießen, wie sie es wünscht --«
»Wir sind nicht zum Genießen auf der Welt, das hättest du deiner Frau längst beibringen sollen. Daran geht ihr modernen Menschen ja zu Grunde. An der Gier nach Geld und Genuß. Du und Thea, ihr habt in dieser eurer Gier eure Pflichten versäumt. Zweck des Daseins ist: Pflichterfüllung. Meinst du nicht, du hättest mehr für deine Frau und dein Kind getan, wenn du ihre Seelen und ihren Charakter gebildet hättest, statt sie mit kaltem Gold zu versehen?«
Schuldbewußt senkte er das Haupt. »Ich bin schwach gewesen, ich weiß es. Meine Inge! Ja, sie wird nicht erzogen. Und ich -- ich kann mich nicht um sie kümmern -- ich habe keine Zeit -- ja, wenn man Zeit hätte --«
»Du wirst jetzt Zeit haben, Lukas. Du wirst dich zurückziehen, und ihr werdet von den Zinsen deines Kapitals leben können.«
»Ebba, -- nachdem ich den -- den Fehlbetrag gedeckt -- besitze ich kein Vermögen mehr.«
»Ist alles gedeckt, Lukas? Sprichst du auch offen zu mir? Du weißt, ich helfe dir.«
»Alles.«
»Dann mußt du natürlich bleiben, aber du mußt deine anderen Tätigkeiten einschränken. Du darfst deine Nerven nicht ruinieren, du mußt dich deiner Tochter erhalten.«
»Aber Thea?«
»Du mußt mit ihr sprechen. Sie muß vernünftig werden.«
Er seufzte. »Du weißt nicht, wie oft ich sie schon gebeten habe, weniger Geldausgaben zu machen, nur auf kurze Zeit. Hätte sie es getan, wir wären nicht so weit gekommen. Sie kann es nicht, Ebba, sie kann nicht.«
»Sie muß. Sprich offen mit ihr, beschönige nichts. Du wirst sie an deiner Seite finden, Lukas, vielleicht findet ihr euch dadurch wieder zusammen. Sie wird einsehen, daß ein großes Teil der Schuld auf ihrer Seite ruht. Und das wird sie vernünftig machen.«
»Du siehst sehr rosig, Ebba. Ich glaube nicht an Theas Einsicht.«
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Lukas war gegangen. Lotte Wunsch und Gehring saßen jetzt Ebba gegenüber. Man sprach von dem Künstlerfest.
»Ja, meine Gnädige, da haben sie das Resultat. Der Kultus des lieben ›Ich‹, die Predigten vom Rechte der Sinnlichkeit, hat viel Lebensverwirrung gezeitigt.«
Ebbas feines Gesicht verzog sich schmerzlich. »Mir scheint, als tanze man hier auf einem Vulkan, als müsse der Krater sich öffnen und Verderben speien. Als müßten rotglühende Flammen hervorschießen und alles mit sich reißen in Nacht und Grauen.«
Gehring sah sinnend vor sich nieder und erwiderte: »Wir leben in einer Zeit verächtlicher Gleichgültigkeit der Menschen untereinander. Die Menschen müssen wieder lernen, einander entgegenkommen, müssen aus der Oberflächlichkeit unseres heutigen Gesellschaftslebens zurückkehren zu einfachen Sitten.«
»Mir scheint, das hieße neue Menschen schaffen.«
»Die Menschen müssen erwachen. Sie müssen den Abgrund sehen, dem sie entgegensteuern. Große Ereignisse müssen sie aufrütteln.«
»Ja, die Menschheit befindet sich auf einer schiefen Ebene, von der nur ein großes Naturereignis sie ablenken kann,« sagte Lotte.
»Ich denke nicht an ein Naturereignis. Nein, Schmerz und Leid, Elend und Grauen, kann nur der Mensch dem Menschen bereiten. Die Menschheit muß zur Tiefe des Gemüts gelangen, das kann sie nur durch Wunden, die der Mensch dem Menschen schlägt.«
Ebba schauerte zusammen. »Ein Wüten von Mensch zu Mensch? Auf eine so niedere Stufe wollen Sie die Menschheit stellen? Uns, die zivilisierte Welt?«
»Zivilisation ist etwas Anerzogenes. Sie kann hinweggespült werden. Ein Teil Bestie steckt in jedem Menschen.«
»Man könnte wirklich vor sich selbst schaudern, wenn man Sie beide hört.«
Lotte lachte. »Die Bestie wird nur gefährlich, wenn sie gereizt wird. Lassen wir sie in Frieden ruhen und sprechen wir von anderen Dingen. Wie geht es Inge, Ihrem Schützling?«
»Ich habe viel Freude an ihr. Das Mädel hat Herz und Gemüt, und ich hoffe, daß sie auf dem jetzigen Wege bleiben und vorwärtsschreiten wird.«
»Hüten Sie sie nur vor dem Einfluß der -- -- anderen jungen Mädchen, Ebba.«
»Ich glaube, jetzt ist nichts mehr zu fürchten.«
»Solange sie in Liebe und Verehrung an Ihnen hängt, sicher nicht. Ach, wenn die Mütter doch bedenken wollten, welche erzieherische Wirkung ein gutes Vorbild bei der jungen Generation hat.«
Gehring sah nachdenklich auf die beiden Frauen.
Mutter!
Lotte seine Frau und Mutter seiner Kinder! Sie, die Künstlerin -- Mutter! Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß sie einen Beruf hatte, einen Beruf, den sie liebte, der sie ausfüllte. Wem würde sie gehören? Ihm oder ihrer Kunst. Ging nicht eines auf Kosten des anderen?
Er suchte ihre Augen. Und in den Augen lag ihre Seele. Eine Woge von Liebe und Verlangen schoß ihm entgegen, daß ihm war, als müsse er in dieser Flut sanft versinken. -- --
Eine große Stille lag über dem Raum.
Sie saßen schweigend beisammen und hingen ihren Gedanken nach.
Und in diese Stille plötzlich ein lauter, scharfer Ton.
Thea Westphal stand in der Tür.
Ebba war aufgefahren. Hatte sie denn die Macht, Menschen, an die sie intensiv dachte, herbeizuziehen?
»Störe ich?«
»Nicht im mindesten, komm, nimm Platz.«
»Gott, wie gemütlich. Eigentlich möchte ich mich gar nicht setzen, denn es sieht aus, als bliebe man in dieser Gemütlichkeit hier kleben, und dazu habe ich ganz und gar keine Zeit.«
»Das kann ich mir denken, Thea. Aber soviel Zeit, eine Tasse Tee zu trinken, wirst du wohl haben.«
»Ach, Fräulein Wunsch, wie entzückend haben Sie neulich auf dem Künstlerfest ausgesehen, rot ist Ihre Farbe, Sie sollten sie mehr bevorzugen, habe ich nicht recht, Herr Gehring? Übrigens, Ebba, wie hast du dich amüsiert? War es nicht herrlich? Auf so einem Fest kann man sich doch richtig austoben. Ach, ich liebe diese Berliner Karnevalfeste.«
»Haben Sie, gnädige Frau, einmal in Süddeutschland einen Karneval mitgemacht?« fragte Gehring.
»Leider nein. Da soll es ja noch toller und ungezwungener hergehen.«
»Scheint Ihnen das so lockend?«
»Ich möchte mich amüsieren bis zur Bewußtlosigkeit.«
»Und wenn du dann erwachst, Thea?«
»Dann habe ich eben mein Leben genossen. Sieh mich nicht so strafend an, Ebba. Ein paar Jahre Rausch muß ich noch haben. Sagen Sie, Fräulein Wunsch, habe ich nicht recht? Wenn wir Frauen wissen, daß unsere Schönheit im Schwinden begriffen, greifen wir gierig nach der Schale des Lebens und schlürfen doppeltes Maß.«
»Ich kann da nicht mitsprechen, denn ich habe vergessen, auf meine Schönheit zu achten.«
»Da haben Sie sich selbst das größte Unrecht getan, Fräulein Wunsch. Und ich kann Ihnen nur dringend raten, machen Sie dieses Unrecht gut, und holen Sie nach, was Sie versäumt haben.«
Lotte lächelte. »Ich will es versuchen.«
»Gott, Ebba! Das hätte ich ja beinahe vergessen! Ich soll dich fragen, ob du unserem Verein beitreten willst, die Exzellenz ist natürlich, wie ich vorausgesagt, entzückt von dir.«
Ebba wehrte erschrocken ab. »Um Gottes willen, laß mich mit Vereinsgeschichten in Ruhe, dafür bin ich nicht zu haben.«
»Aber warum denn nicht? Du solltest das nicht von der Hand weisen. Bedenke, du kannst dich nützlich machen, kannst vielleicht auch eine Rolle spielen.«
»Wozu ich nicht die mindeste Lust und auch kein Talent habe, Thea.«
»Du bist mir unbegreiflich, Ebba. Nichts scheint dich aus deiner Gleichgültigkeit herausbringen zu können. Wenn ich du wäre! Jung und -- frei --«
»Thea!«
»Ich weiß schon, ja, ich bin undankbar! Das alte Lied! Aber sagen Sie, Herr Gehring, jung, schön und begehrt und lustlos zum Lebensgenuß, begreifen Sie das?«
»Gnädige Frau, es kommt doch darauf an, wo man den Lebensgenuß sucht. Der eine sucht ihn in Vergnügen, der andere in der Arbeit und Pflichterfüllung.«
»Puh -- Arbeit nennen Sie Genuß?«
»Sicherlich.«
»Das ist mir unverständlich.« Sie zuckte die Achseln und erhob sich. »Da habe ich mich ja richtig festgeschwatzt. Ich muß auch an die Arbeit, zur Anprobe einer großen Gesellschaftstoilette. Und da möchte ich Ihnen eigentlich beipflichten, diese Arbeit kann unter Umständen auch ein Genuß sein, wenn nämlich das Kleid schick wird, Aufsehen erregt und den Neid meiner lieben Mitschwestern hervorruft.« Und lachend verabschiedete sich Thea.
* * *
Gnädiges Fräulein!
Ihr hohes Kunstinteresse und der außergewöhnliche Genuß, der Ihnen durch Benutzung beigelegter Karte bereitet werden dürfte, läßt mich wagen, Ihnen dieses Billett zu übersenden.
Ich nehme an, daß Sie als Künstlerin groß genug denken, um sich über kleinliche Bedenken hinwegzusetzen. Mit den ergebensten Grüßen
zeichne als Ihr gehorsamster Sklave Kurt Winkelmann.
Caruso sang und Gerda hielt ein Billett zur Don Juan Aufführung in Händen. Ein schier unerreichbarer Wunsch sollte in Erfüllung gehen! Aber -- nein, es war unmöglich, wie konnte sie sich hinwegsetzen über Sitte und Erziehung. Sie, Gerda von Wangenheim, durfte das nicht. Auf welchen Weg war sie geraten?
Wie konnte er glauben -- -- --
Wie hatte er geschrieben? Er nähme an, daß sie sich über kleinliche Bedenken hinwegsetzen würde.
Nein, für kleinlich sollte man sie nicht halten, aber Töchter solcher Häuser, aus denen sie stammte, ließen sich nicht von Herren ins Theater führen.
Sie war aber nicht mehr die Tochter des Hauses, sie war Künstlerin, für sie gab es andere Grenzen als für jene. Ihr, der Künstlerin, war erlaubt, was jenen versagt war.
Aber -- er suchte sie zu verpflichten! Und nicht nur das! Man würde sie zusammen in der Oper sehen, sie beide in der Loge. Sie würde sich kompromittieren, nein, sie mußte das Billett zurücksenden. Caruso! Wie das lockte! Wirklich, mußte sie sich diesen Genuß entgehen lassen? Schließlich war sie mit einem schönen Dank der Verpflichtung enthoben. Und geklatscht? Was machte das schließlich aus, sie würde sich darüber hinwegsetzen. Solange sie vor sich selbst bestehen konnte, hatte sie nichts zu fürchten. Sie, die Künstlerin, war frei und unabhängig. Es gab nur eines, was sie veranlassen mußte, abzulehnen -- wenn sie ihrer selbst nicht sicher war. Er begehrte sie, da war kein Zweifel möglich.
Sie liebte ihn nicht. Eigentlich wunderte sie sich, daß er keinen Reiz auf sie ausübte. Im Grunde war er doch ein begehrenswerter Mann, und es schien ihr, daß er bei jeder Frau, mit der er zusammenkam, ein wärmeres Gefühl erregte. Ob nicht doch schon, ihr unbewußt, ein Feuerfünkchen im Herzen glühte?
Sie fühlte seine schönen, etwas verschleierten Augen auf sich gerichtet, die sie unerbittlich prüften. Unerbittlich jegliche Hülle durchdrangen. Die den Körper umschmeichelten und für sich in Anspruch nahmen.
Sie schauderte.
»Nein,« sagte sie hart und laut, »nichts von Liebe fühle ich für ihn.«
* * *
Der Beifall wollte nicht enden. Immer wieder mußte der berühmte Gast sich dankend verneigen, und immer von neuem tobte der Sturm. Gerda von Wangenheim saß mit Kurt Winkelmann in der Loge, sie saß wie betäubt. Sie vermochte es nicht, die Hände zu rühren. Das war Kunst -- nein, mehr als das -- ein Genie von Gottes Gnaden stand dort auf der Bühne. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Ihr Atem ging erregt.
Winkelmann neigte sich zu ihr und flüsterte: »Ich höre ihn nun zum vierten Male als Don Juan, und immer wieder ist man hingerissen von dem Gesang dieses Künstlers.«
Gerda sah auf. »Ich war in einer anderen Welt.« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Haben Sie Dank, daß Sie mir zu diesem Genuß verholfen.«
»Gnädiges Fräulein, ich bitte -- keinen Dank. Ich bin glücklich, Ihnen dienen zu können, Sie können jederzeit über mich befehlen.«
»Bitte, keine Phrasen jetzt, Herr Winkelmann.«
»Ich spreche die Wahrheit. Meine Person, mein Vermögen steht Ihnen zur Verfügung.«
Ihre Augenbrauen zogen sich schmerzhaft zusammen. Ihre Lippen schürzten sich hochmütig.
»Glauben Sie, daß ich dessen bedarf?«
»Gnädiges Fräulein, Sie sind die geborene Herrscherin. Sie wollen herrschen und beherrschen. Dazu bedürfen Sie der Menschen und des Geldes.«
»Sie mögen recht haben.« Sie erhob sich hastig. »Kommen Sie, ich sehe dort Herrn und Frau Direktor Westphal und möchte sie begrüßen.« -- -- --
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»Ich weiß nicht -- ich möchte lieber doch direkt nach Hause fahren.«
»Aber gnädiges Fräulein, die Verabredung ist getroffen. Was würde man sagen, wenn ich ohne Sie ins Esplanade käme. Nein, das ist unmöglich! Sie haben doch gesehen, wie Frau Thea sich mit Ihnen gefreut hat.« Er stürzte auf das anfahrende Auto zu, öffnete den Schlag, und half ihr hinein.
»Überhaupt nach solch einem Abend muß man noch ein wenig in angenehmer Gesellschaft zusammen sein, und ich muß gestehen, ich preise den glücklichen Zufall für dieses Zusammentreffen. Denn ohne die Familie Westphal hätte ich das Vergnügen, mit Ihnen zu Abend speisen zu können, doch wohl nicht gehabt.«
Sie sah im fahlen Schein der vorüberhuschenden Glühlampen seine lauernd auf sie gerichteten Blicke. Und wieder kam ihr die prickelnde Lust, ihn zu quälen und zu reizen, um ihn dann von sich zu stoßen.
Sie lachte ihr girrendes Lachen. »Vielleicht -- -- --«
»Oh -- dann -- darf ich dem Schofför -- --?«
»Nichts dürfen Sie, wir fahren ins Esplanade, wie besprochen, Sie haben ja selbst noch eben gesagt, daß es unmöglich ist, die Verabredung nicht einzuhalten.«
-- -- -- Als sie den Speisesaal betraten, war die Gesellschaft schon beim Studium der Speisekarte. Gerda hätte am liebsten umkehren mögen. Noch war ihr der Klang der Musik im Ohr, noch stand sie im Bann der Persönlichkeit dieses Don Juan, und nun sollte sie mit gleichgültigen Menschen zusammensitzen, von Banalitäten schwatzen, Redensarten anhören. Wieviel lieber wäre sie allein gewesen, um den Genuß in sich ausklingen zu lassen. Aber Thea hatte sie so bedeutungsvoll angesehen, als sie sie aufforderte, mit ihnen zusammen zu sein. Hätte sie es abgeschlagen, so hätte man mit Sicherheit angenommen, sie wolle mit Winkelmann allein bleiben. Nein, es war besser so.
Oh, sie hatte es schon gelernt, die Masken zu durchschauen. Früher sah sie nur auf die Gesichter, hörte sie nur die Worte. Sie sah die Gesichter so, wie sie sich zeigten, nahm die Worte als das, was sie sagten. Jetzt aber sah sie, daß die Gesichter Masken trugen, sah dahinter die Menschen, wie sie wirklich waren, hörte hinter ihren Worten lange Geschichten, die sie verschwiegen.
Gerda saß zwischen Thea und Herrn von Reitzenstein. Thea war von ausnehmender Lustigkeit, von sprühender Laune. »Fangen Sie endlich an, sich in den Berliner Strudel zu stürzen, Fräulein von Wangenheim? Übrigens eine kluge Wahl, die Sie da getroffen haben.«
Gerda sah sie verständnislos an.