Part 11
* * *
Winkelmann hatte sein Versprechen erfüllt. Er hatte für sie gearbeitet. Der Saal war dreiviertel gefüllt von einem Publikum, das seine Billetts bezahlt hatte! Etwas Unerhörtes für eine junge Anfängerin.
Und als sie stand, umrauscht vom Jubel ihrer Anhänger, ihrer Freunde, die, hingerissen von ihrer Schönheit, immer von neuem Beifall klatschten, als man ihr Blumenspenden aufs Podium reichte, da fühlte sie sich als große, gefeierte Künstlerin.
Und als sie nach dem Konzert bei einer Feier mit ihren Freunden und Bekannten beisammen saß und alle ihr Bewunderung zollten, da fühlte sie sich in einem Siegestaumel, da sah sie ihre Zukunft gesichert.
Strahlend gab sie am nächsten Tage eine Depesche an ihren Vater auf: »Großer Beifall. Unkosten gedeckt.«
Und als zwei Tage vergangen, da wurde aus der großen, gefeierten Künstlerin eine bescheidene Anfängerin. ›Stimme und Vortragstalent wohl vorhanden, aber noch viel Studium nötig. Für eine junge Anfängerin eine ganz respektable Leistung. Aber weiterarbeiten, sich bewußt sein, daß man Anfängerin ist, trotz des gezollten Beifalls der guten Freunde.‹
Und dann, dann wurde sie ganz klein. ›Mehr wohl die körperlichen Vorzüge, die entzückende, moderne, grüne Toilette, haben das Publikum veranlaßt, dieser jungen Anfängerin einen Beifall zu zollen, der ihrem Vortrag nicht entsprach.‹ -- --
Also arbeiten -- studieren -- weiter. Noch lange nicht am Ziel!
Sie biß die Zähne zusammen und stürzte sich in ihr Studium. Ihr Lehrer war zufrieden gewesen. ›Was wollen Sie denn noch mehr?‹ hatte er gesagt. ›Sie sind doch eine Anfängerin. Stimme und Vortrag hat man gelten lassen, darauf bauen Sie auf. Dachten Sie denn, mit dem einen Konzert würden Sie erreichen, was andere in zwanzig, dreißig kaum erreichen? Und das wollte ich Ihnen auch sagen, allzuviel Beifall der Freunde schadet nur, wenigstens bei der Kritik. So -- und nun arbeiten Sie fleißig weiter, und im Frühjahr geben Sie das zweite Konzert.‹ --
Und dann war einer gekommen, der hatte ihr ein Anerbieten gemacht. ›Ich will Sie berühmt machen. In einem Jahre sind Sie berühmt, ich garantiere Ihnen dafür. Sie müssen umsatteln. Sie sollen keine ernsthafte Konzertsängerin werden. Chansons sollen Sie singen. Fein pointierte, ein wenig pikante Chansons. Sie sind eine königliche Erscheinung -- glänzend, ausgezeichnet würden Sie wirken -- wir würden ein Geschäft machen -- Geld verdienen -- viel Geld! Sagen Sie ja und Sie sind in einem Jahre berühmt und haben ein glänzendes Einkommen.‹
Sie hatte ihm die Türe gewiesen.
Sie wußte wohl, daß er dieses Anerbieten nicht ihrer Stimme, sondern nur ihrem Körper gemacht hatte.
›Sie werden sich bedenken‹, hatte er gesagt. ›Hier haben Sie meine Adresse, Sie brauchen mich nur zu rufen, ich bin noch immer bereit.‹
Geld, viel Geld!
Es lag ihr im Ohr.
Berühmt! Berühmt im Varieté!
Verächtlich lachte sie auf. -- -- --
Und dann -- dann war das Schreckliche gekommen. Das unglückliche Telegramm: Vater Schlaganfall, komme sofort. -- -- --
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Voller Entsetzen war Gerda aus dem Elternhause geflohen.
Was sollte nun werden?
Unmögliches hatte man von ihr verlangt, hatte man ihr zugemutet.
Ihre Kunst sollte sie aufgeben? Sie sollte sich einsperren lassen in den Alltag?
Wie hatte die Mutter zu ihr gesprochen?
›Es ist eine brotlose Kunst, Jahre können vergehen, ehe du dir deinen Unterhalt damit erwerben kannst. Und selbst, wenn du mir die Garantie geben könntest, auch nur ein Jahr noch meiner Hilfe zu benötigen, so kann ich selbst dieses eine Jahr dir nicht gewähren, denn ich habe nichts als meine Pension. Der letzte Rest unseres kleinen Vermögens ist draufgegangen für dein Studium. Du hast es durchgesetzt beim Vater, dir gegenüber ist er ja immer schwach gewesen. Es bleibt dir nichts anderes übrig, du mußt hier mit unterkriechen. Du kannst dich der Wirtschaft annehmen, dich der Erziehung deiner beiden Geschwister widmen. Etwas anderes kann ich dir nicht bieten. Was willst du auch? Ich sollte meinen, du hast keinen Grund, unzufrieden zu sein, du weißt, ich war nie einverstanden mit deiner Kunst, gegen meinen Willen hast du es beim Vater durchgesetzt. Ein junges Mädchen unserer Kreise gehört nicht an die Öffentlichkeit.‹ -- --
Den Vater hatte sie nicht mehr lebend angetroffen. Er war gestorben, ohne seine Lieblingstochter noch einmal ans Herz gedrückt zu haben.
»Vater, lieber Vater!« zuckten ihre Lippen, und langsam rannen die Tränen über ihre bleichen Wangen.
Was sollte nun werden?
Eingesperrt in den Kreis der Familie?
Hatte sie nicht eben angefangen, ihren vorbestimmten Weg zu gehen? Sie, die bestimmt war, durch ihre Kunst, durch ihre Schönheit, zu herrschen, sollte wieder untertauchen in die vergangene Welt? In eine Welt, in der ihr vielleicht die Versorgung in Gestalt eines Gatten winkte? Eheglück! Kindersegen! Häusliche Sorgen! Ihr schauderte. Nein! Sie hatte, umrauscht vom Beifall der Masse, auf dem Podium gestanden, sie hatte den Rausch des Künstlers, der beherrscht, in seinen Bann zwingt, kennengelernt -- sie konnte nicht mehr zurück.
Sie mußte den einmal betretenen Weg gehen -- bis zum Ziele gehen.
Geld! Wovon sollte sie leben? Die teuren Stunden bezahlen?
Ein Angstgefühl preßte ihr die Kehle zusammen, und würgend stiegen ihr die Tränen empor.
»Vater, lieber Vater, du hättest Rat geschafft! Nur ein einziges Jahr noch -- und es wäre erreicht!«
Sie preßte ihre schlanken Hände an die schmerzende Stirn. Was tun? Zunächst die teure Pension verlassen. Versuchen, durch Stundengeben Geld zu verdienen.
Lächerlich! Auch nicht den vierten Teil dessen, was sie gebrauchte, um ihren Unterhalt und die Stunden zu bezahlen, würde sie verdienen können. Ja, wäre sie berühmt, anerkannte Künstlerin! In Scharen kämen die Schüler und zahlten jeden Preis. Aber so.
Dreihundert Mark -- das war ihr ganzer Reichtum. Mit unsäglichen Schwierigkeiten hatte sie die Summe von ihrer Mutter erlangt, um noch einmal nach Berlin zurückkehren zu können, um -- wie sie gebeten -- in Ruhe mit sich zu Rate zu gehen.
›Es ist ein Verbrechen, das ich begehe,‹ hatte die Mutter gesagt -- ›das viele Geld, ich könnte es besser im Haushalt verwenden, aber sei es drum. Es ist im Sinne deines Vaters, wenn ich dir willfahre -- gehe noch einen Monat nach Berlin, und kehre vernünftig zurück!‹
Einen Monat!
Vernünftig zurück! Niemals, das war gewiß -- aber wie sich weiterhelfen?
Wie angestrengt sie auch sann, sie konnte keinen Ausweg finden. -- -- --
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Als Gerda nach einigen Tagen von einem Spaziergang in die Pension kam, trat ihr Winkelmann, der im Gesellschaftszimmer auf sie gewartet hatte, entgegen.
»Gnädiges Fräulein -- ist es wahr, Sie wollen die Pension verlassen? Sind Sie unzufrieden?«
»Ich werde voraussichtlich Berlin verlassen.«
»Unmöglich! Ihr Studium, Ihre Karriere, die Sie eben erst begonnen --«
»Werde ich aufgeben.«
Sie sagt es bewegungslos. Ruhig und beherrscht sind ihre Züge. Die blasse Gesichtsfarbe erscheint durch das schwarze Kreppkleid noch bleicher, noch durchsichtiger. Aus den rötlichen Haaren scheinen Funken aufzusprühen, sie leuchten im dämmrigen Licht der hereinbrechenden Abendschatten.
Er sieht sie erstaunt an. »Aufgeben -- habe ich recht verstanden? Sie wollen der Kunst entsagen? Freiwillig entsagen? Das ist unmöglich! Wer oder was sollte Sie dazu zwingen?«
»Die Verhältnisse.«
Das, worüber sie Tag und Nacht nachgrübelte, was unaufhörlich ihre Gedanken beschäftigte, war willenlos ihren Lippen entflohen.
Er beginnt zu verstehen und schweigt.
Stumm und bleich, hoch aufgerichtet, sitzt sie ihm gegenüber. Unnahbare Kühle weht ihn an. Er muß sie durchdringen. Jetzt gab es einen Weg.
»Wenn zwei Augen sich schließen, tritt oft ein Umschwung der Verhältnisse ein, ich weiß das. Ihr Studium kostet Geld -- eine kurze Zeit noch -- dann wird Ihnen zurückfließen, was Sie jetzt anwenden. Sie müssen unbeschränkt über eine größere Summe verfügen können, um schnell vorwärts zu kommen, Sparen hilft Ihnen nicht zum Ziel. Sie müssen auftreten können, kleinliche Verhältnisse sind Ihnen hinderlich -- gnädiges Fräulein« -- er sieht ihr fest und ernst in die Augen -- »gestatten Sie, daß ich auf der Deutschen Bank zehntausend Mark auf Ihren Namen niederlege, zu Ihrer freien Verfügung -- nein, fahren Sie nicht auf, hören Sie mich bitte ruhig zu Ende. Es ist dies nur eine Summe, welche ich Ihnen vorstrecke, Sie können Sie mir mit Zinsen zurückzahlen, ich schlage Ihnen nur ein Geschäft vor. Es ist für mich eine Kapitalsanlage, und eine gute, wenn ich Sie dadurch der Kunst erhalte. Sie dürfen der Kunst nicht entsagen um kleinlicher Geldsorgen willen.«
Gerda, welche bei seinen Worten aufgefahren war, hat sich beherrscht. Was sie seit Tagen gedacht, hatte er ausgesprochen -- ›kleinliche Verhältnisse sind Ihnen hinderlich‹ -- Nichts würde sie erreichen, wenn sie untertauchen wollte, gar nichts. Es galt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen, sich eine Schar von Anhängern zu sichern. Dies waren die Stufen, die hinaufführten zur Höhe des Ruhms. Ihre Wangen sind leicht gerötet, durchdringend sieht sie ihn an und sagt mit eisiger Kälte: »Sie wollen mir diese Summe leihen, gegen Zinsen leihen und -- ohne jeden Hintergedanken?«
»Ich sagte schon, ich schlage Ihnen ein Geschäft vor, weiter nichts.«
»Bei einem Geschäft könnten Sie auch meinen, mich mitzukaufen. Ich möchte die ausdrückliche Erklärung von Ihnen hören, daß Sie meine Person ganz außer acht lassen, daß Sie einzig und allein der Kunst halber --«
»Nur der Kunst halber, Fräulein von Wangenheim, die Versicherung kann ich Ihnen geben.«
»Nun wohl, ich nehme an. Sie bekommen Ihr Geld zurück, nebst 5 Prozent Zinsen. Die Zeit kann ich Ihnen allerdings nicht bestimmen --«
»Das ist auch nicht notwendig. Ich bin glücklich, Ihnen helfen zu dürfen und Sie der Kunst zu erhalten.« --
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Gerda studierte mit Feuereifer, sie bereitete ihr zweites Konzert vor, welches im Februar stattfinden sollte. Ihrer Mutter hatte sie geschrieben, daß sie nicht nach Haus zurückkehren werde, denn sie könne ihre Kunst nicht aufgeben. Sie sehe ein, daß die Eltern ihretwegen Opfer gebracht hätten, und eben deswegen müsse sie weiterarbeiten, um dereinst zurückerstatten zu können. Sie werde versuchen, vorwärts zu kommen und durch Stundengeben Geld zu verdienen.
Darauf hatte die Mutter geantwortet, sie könne sie natürlich nicht halten. Wenn es ihr lockender erscheine, sich kümmerlich ihr Brot zu verdienen, statt in wohlgeordnetem Haushalt die Tochter des Hauses zu sein, mit der Aussicht auf eine gute Heirat, so solle sie nur bleiben, wo sie sei, aber -- was sie dem Namen ihres Vaters schuldig sei -- das solle sie niemals vergessen.
So war denn auch das geordnet, und sie war frei. -- -- Abgesehen von einigen kleinen Teegesellschaften, die sie der Beziehungen halber besuchte, lebte sie ihrer Trauer wegen zurückgezogen. In der Pension war sie wohnen geblieben, da ja der Grund des Sparenmüssens wegfiel.
Seit jenem Tag, da sie das Anerbieten Winkelmanns angenommen, waren drei Wochen vergangen, und sie hatte ihn nicht wiedergesehen, dessen war sie froh.
* * *
Winkelmann hatte sich absichtlich von Gerda ferngehalten. Tag und Nacht grübelte er, wie er sie gewinnen könne. Als er ihr das Geld angeboten, hatte er gemeint, sich ihr näher zu bringen. Aber als sie so ohne Umstände, kühl und sachlich, sein Anerbieten angenommen, wußte er auch, dies war kein Weg, der zu ihr führte. Er, der gewöhnt war, die Frauen zu beherrschen, fühlte sich hier beherrscht. Nicht durch Launen, nicht durch Liebe, nein, durch grenzenlose Kälte. Es war keine Kälte, die nur ihm galt, es war eine Kälte, überhaupt, die von ihr ausging. Viele Frauen hatte er besessen, junge, unberührte Mädchen, reife Frauen hatte er sein nennen können, bei allen hatte er verstanden, den Funken zur Flamme anzufachen, nur bei dieser war seine Mühe vergebens. Und doch -- er mußte, mußte sie in seine Arme zwingen.
Er schloß die Augen. Sein Blut drängte zum Gehirn. Da tauchten gleichsam aus duftigen Nebelschleiern ihre bleichen Züge auf, unter den langen, dunklen, sich langsam hebenden Wimpern, drang der Blick ihrer kühlen, grauen Augen in sein Herz. Aus ihren duftenden Haaren sprühten und knisterten Funken, die ihn in Flammen setzten.
In diesem Augenblick wurde ihm klar, daß er von einer rückhaltlosen Leidenschaft besessen war, einer Leidenschaft, die zum Wahnsinn oder Verbrechen führen konnte.
Das Schicksal wollte es, er sollte alle jene Qualen erdulden, über die er so oft spöttisch zu Gericht gesessen. Liebe? War das Liebe?
Wieder schloß er die Augen.
Und da hielt er sie in seinen Armen, bedeckte ihren jungfräulichen, blühenden Leib mit glühenden Küssen. Ihre Wangen überkam ein leichtes Rot, ihre Augen sahen ihm gerade ins Gesicht, kalt und hart, und ihre Lippen sprachen: ›Du schändest meinen Körper -- denn du liebst mich nicht!‹
In dem Rausch seiner Sinne überfiel ihn eine grenzenlose Wut. Er fühlte eine Lust, den zarten Körper zu zerstören. »Mein Blut verlangt nach dir, alle meine Sinne sind in Aufruhr -- mein -- -- mein --«
Unter seinen Liebkosungen aber wich das Leben aus ihrem Körper, sie wurde kalt und starr, eine steinerne Masse.
Da schrie er auf: ›Meine Liebe hat dich getötet!‹
Da schlug sie noch einmal die Augen auf und sagte: ›Deine Liebe?? -- Deine Begierde!‹ -- --
* * *
Die Sommerferien hatte Ebba mit Lukas und Inge im Thüringer Wald verbracht. Sie hatten einen kleinen, von der großen Masse wenig besuchten Flecken zum Aufenthalt gewählt. Hatten lange Spaziergänge gemacht und waren erfrischt an Leib und Seele nach Berlin zurückgekehrt. Namentlich Lukas Seele war erstarkt. Er hatte im Umgang mit der klaren und ruhigen Frau sein erschüttertes Gleichgewicht wiedergefunden. Thea war ausgestrichen aus seinem Herzen, sein Leben, seine Ziele, waren andere geworden. Mit aller Zärtlichkeit, deren seine müde Seele fähig war, hatte er sich an Inge geklammert, die überglücklich ihre Liebe zwischen Vater und Tante verteilte. Es waren schöne, ruhige Tage gewesen, die sie zusammen verbracht, und mit Traurigkeit und Bangen vor dem Getriebe und der Hetzjagd der Weltstadt hatten sie ihre Heimreise angetreten. Die Trennung von Inge wurde Ebba schwer. Sie hatte sich so wohl gefühlt in ihrer Mutterrolle. Ihr Leben war von Sorge um die beiden Menschen so ausgefüllt, daß sie Angst hatte vor der Einsamkeit, und bange war, sich pflichtenlos zu fühlen.
Auch Inge standen die Tränen in den Augen, und sie hatte gejammert, jetzt ohne ihr ›Muttchen‹ sein zu müssen. -- -- --
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Nun saßen sie seit Wochen wieder daheim. Ebba und Inge sahen sich täglich, denn ohne Tante Ebba konnte Inge nicht mehr leben, das wollte sie beschwören. Und gestern endlich war sie mit einem Vorschlag herausgerückt. »Du weißt doch, daß wir die große Wohnung aufgeben, Tante Ebba? Papa und ich allein in den vielen Gesellschaftsräumen -- es ist schaurig in der großen, toten Wohnung. Und das Geld -- du weißt ja, Papa will sparen. Wir haben uns schon Wohnungen angesehen. Eine gefällt uns sehr gut. -- Aber -- wir möchten gern, daß du zu uns kommst. Papa und ich haben das schon lange besprochen, aber Papa getraut sich nicht, dich darum zu bitten. Aber ich -- ich habe mehr Mut, und mir -- kannst du doch nichts abschlagen. Nicht wahr -- du tust es doch?«
Ebba zog das junge, im Eifer seiner Rede erglühte Mädchen an ihre Brust. »Wenn du so genau weißt, daß ich dir nichts abschlagen kann, so bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, Liebling.«
»Siehst du, siehst du, ich hatte recht, wir haben gewettet, Papa und ich. Papa sagte nämlich: ›Sie wird sich besinnen,‹ und ich sagte: ›Sie tat es ohne Besinnen!‹«
»So sicher warst du deiner Sache?«
Sie nickte.
»Inge,« Ebba nahm den Kopf des jungen Mädchens in ihre Hände und sah liebevoll in ihre Augen -- »erinnerst du dich unserer ersten Unterhaltung? Weißt du, daß wir miteinander kämpfen wollten? Ich, die Unmoderne, mit dir, der ›ganz Modernen‹, wie du dich ausdrücktest. Du wolltest mich zu dir hinüberziehen, und ich wollte dich zur Überwindung deiner Schwächen bringen. Wer hat nun eigentlich gesiegt?«
»Du, Tante Ebba -- denn du bist so geblieben wie du warst, und ich schäme mich, wenn ich an all das dumme Zeug denke, das ich im Kopfe getragen. Modern und unmodern, ist ja auch alles Unsinn -- weißt du, man sollte zuerst Mensch sein -- und das bist du -- ein prächtiger Mensch. Ich aber -- du, Muttchen --« und sie versteckte ihren Kopf an Ebbas Schulter -- »ich habe gefunden, daß es sich mit Menschen, die ein Herz in der Brust haben, doch viel, viel besser leben läßt.« --
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Die Wolken fangen an, sich zu zerteilen -- dahinter verborgen lag das Glück, mein Glück! Es schwebt auf mich hernieder, ich halte es in Händen. -- Der Rausch ist verflogen, wir müssen uns voneinander trennen. Du wirst mich wiedersehen, Ebba. Ein Kind. Mein Kind. Kannst Du es fassen? Im Liebesrausch erschaffen, und unter dem Zeichen der Liebe und Zuneigung entwickelt. Und mein allein. Da wir nicht zusammenbleiben können, soll er keinen Teil daran haben. ›Vom Glücklichsein träumt man nur.‹ Weißt Du noch wie wir es sprachen? Träume können sich erfüllen. Der meine hat sich erfüllt. Im Glück Deine Lotte.
Ebba ließ den Brief auf den Tisch sinken. Erfüllt! So ward ihnen denn beiden das Glück beschert, eine junge Seele zu hüten und pflegen, und zu entwickeln. Lotte würde das Glück haben, Blut von ihrem Blut ans Herz drücken zu dürfen, und sie selbst würde der Tochter ihres Bruders zur Seite stehen. War es auch nicht ein Teil ihres Selbst, so liebte sie dennoch dieses junge Geschöpf, das ihre liebeshungrige Seele an sie gehängt, wie sie ihr eigenes Kind geliebt haben würde. Nun war sie nicht mehr einsam. Sie konnte nun mit anderen für andere leben! Dem Bruder wollte sie die langentbehrte Häuslichkeit schaffen, sie würde seinem Hause, das bisher der Treffpunkt oberflächlicher, vergnügungssüchtiger Genußmenschen gewesen, den Stempel der Ruhe und Gediegenheit aufprägen.
Auch ihre Wünsche hatten sich erfüllt.
Das Glück, von dem sie geträumt, hatte sie nicht gefunden und konnte sie auch nicht mehr finden. Es lag nicht in ihrer Art, sich über Enttäuschungen hinwegzusetzen. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Aber vergessen, daß ein Mann in ihr Leben getreten, um es zu zerstören, um sie um alles zu bringen, was das Leben einer Frau wertvoll macht -- vergessen konnte sie das nicht. Und darum würde sie auch niemals wieder ihr Leben an die Seite eines anderen Mannes ketten können. -- --
* * *
Gerda saß mit Herrn von Reitzenstein in einem kleinen, eleganten Weinrestaurant. Sie hatten sich im Konzert getroffen, und er hatte sie gebeten, mit ihm zu Abend zu speisen.
Einen Augenblick hatte sie mit der Antwort gezögert, hatte ihn groß angesehen, dann aber sagte sie: »Aber ein kleines, ruhiges Lokal bitte, keine lärmenden Menschen -- nicht, daß ich fürchte, gesehen zu werden -- aber ich bin in Trauer, wie Sie wissen.« --
»Ich glaube, Sie arbeiten zu viel, gnädiges Fräulein, Sie sehen abgespannt aus.«
»Ich muß. Bedenken Sie, in kurzer Zeit muß ich wieder an die Öffentlichkeit. Ich muß vorwärts, schnell vorwärts, das bedingt angestrengtes Studium.«
»Sie sollten sich doch ein wenig mehr Ruhe gönnen, was schadet es denn, wenn Sie wirklich ein bißchen langsamer vorwärtskommen. Sie haben in kurzer Zeit schon soviel erreicht, Sie wollen alles im Sturm nehmen, wie es scheint.«
»Gar nichts habe ich erreicht, im Verhältnis zu dem was noch zu erreichen bleibt.«
Er goß den feurigen Burgunder in die Gläser. »Also, stoßen wir an auf einen schnellen Aufstieg. Das heißt, in meinen Augen sind Sie schon auf der Höhe.«
Sie ließ ihr Glas an das seine klingen und lachte: »Sie verstehen ja doch nichts von Musik!«
»Viel allerdings nicht,« gab er freimütig zu.
»Warum sind Sie heute eigentlich in das Konzert gegangen? Der Vortrag eines Geigenkünstlers und Sie ohne Gesellschaft im Saal! Kennen Sie den Künstler, haben Sie Beziehungen zu ihm?«
»Ich bin doch nur hingegangen, um Sie dort zu treffen.«
»Soo -- darum. Welchen Zweck verbinden Sie damit?«
»Fräulein von Wangenheim, Sie wissen, daß ich Sie liebe.«
»Und Sie wissen, daß ich Ihre Liebe nicht erwidere.«
»Sie lieben Winkelmann.«
»Muß man denn immer einen anderen lieben?«
»Eine Frau, wie Sie, die unter den Bewerbern nur zu wählen braucht, muß einen bevorzugen.«
»Sie irren in der Tat, Herr von Reitzenstein. Ich bevorzuge niemand. Es ist bisher noch keinem gelungen, meine Pulse fiebern -- mein Herz schneller schlagen zu machen.«
»Man sollte beinahe meinen, Sie hätten gar kein Herz.«
»Es kann wohl so sein, wenigstens denke ich das selbst oft. Meinen Sie nicht, daß es von Vorteil sei, ohne Seele zu leben?«
»Das ist ja überhaupt kein Leben -- ohne Seele!«
»Im Gegenteil, erst dann lebt man, denn dann beherrscht man das Leben. Was wollen Sie, die Seele wird ja doch bloß unter die Füße getreten oder in Stücke gerissen!«
»Und wenn Sie meine Seele in hundert kleine Fetzen reißen und mir vor die Füße werfen -- so würde mir das bitter weh tun und ich würde durch tausend Schmerzen gehen -- aber niemals würde ich deshalb wünschen, keine Seele besessen zu haben. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn Sie ohne Seele sind, lassen Sie sich schnell eine einblasen.«
»Vielleicht von Ihnen oder von Winkelmann?«
»Warum nicht?« --
»Ah -- Herr Winkelmann -- bitte, Sie dürfen mir schon guten Abend sagen.«
»Ich fürchtete, zu stören.«
Winkelmann trat an den Tisch und begrüßte die beiden. Als er das Lokal betrat, hatten seine scharfen Augen Gerda sofort erspäht, auch mit wem sie saß, wußte er, trotzdem er von Reitzenstein nur den Rücken sehen konnte. Erst war es seine Absicht gewesen, sich in eine Ecke zu setzen und die beiden zu beobachten, dann aber änderte er seinen Entschluß, und er ging langsam an dem Tisch vorbei, so tuend, als bemerke er sie nicht. Würden sie keine Notiz von ihm nehmen, so wollten sie nicht bemerkt werden, und er wußte Bescheid, andernfalls -- da rief Gerda ihn an, und er begrüßte sie.
»Sie stören durchaus nicht. Im Gegenteil, wir sprachen gerade von Ihnen. Sie sollen mir nämlich eine Seele einblasen.«
»Das täte ich von Herzen gern -- wenn Sie nämlich keine haben.«
»Ich habe keine!«
»Das bilden Sie sich doch nur ein! Dann wären Sie ja eine Melusine, ein unirdisch Lebewesen -- kein Menschenkind.«
»Das bin ich vielleicht.«
»Haben Sie Ihren Vater lieb gehabt?« Reitzenstein sagte es leise und zart, ganz zart.
Sie senkte den Kopf. »Sehr lieb.«
Einen Augenblick schwiegen sie alle drei, dann sagte Winkelmann:
»Nun werden wir bald wieder die Trommel rühren müssen zu Ihrem Konzert.«
»Recht schade, daß das Westphalsche Haus seine Pforten geschlossen hat, da konnte man Beziehungen anknüpfen, und sich Publikum schaffen,« sagte Reitzenstein. »Ist es nicht dies Haus, so ist es ein anderes. Diese gastlichen Häuser, in denen man alle Welt trifft, finden Sie zu Dutzenden hier in Berlin, eine Kleinigkeit, dort eingeführt zu werden. Kennen Sie die Familie Menders? Kommerzienrat Menders, Fräulein von Wangenheim?«
»Nein.«
»Dort sollten Sie verkehren. Höchste Kreise -- aber sehr stark gemischt. Ich werde Sie einführen.«
»Können Sie machen, daß ich dort singe?«
»Ich glaube wohl.«
»Sagen Sie, Fräulein von Wangenheim,« wandte sich Reitzenstein an Gerda, »hört man denn nichts von Fräulein Wunsch? Sie ist doch so gänzlich unsichtbar geworden. Ich hörte, ihr letztes Werk soll im Frühjahr ausgestellt werden, wissen Sie etwas Näheres?«
»Ich hörte gestern in der Pension, daß sie in diesen Tagen zurückerwartet wird.«
»Sie soll ja in der Nähe von München einen Traum geträumt haben,« bemerkte Winkelmann.
»Fräulein Wunsch sieht mir gar nicht nach träumen aus.«
»Nun, der Traum hatte Arme und Beine und einen Feuerkopf.«
»Ein famoser Mensch und eine große Künstlerin ist die Wunsch,« bemerkte Reitzenstein.
»Alle Welt ist gespannt auf ihre neueste Arbeit. Man erzählt, daß sie durch dieses Werk uns alle verspottet und der Menschheit ins Gesicht schlägt.«
»Wird wohl nur Stimmungsmache sein,« sagte Winkelmann.
»Man wird ja sehen. Aber eine bedeutende Arbeit soll es sein. Arno Stürmer sprach davon.«
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Winkelmann hatte Gerda bei dem Kommerzienrat Menders eingeführt, und man hatte sie aufgefordert, auf dem nächsten Tee zu singen.
Wieder würde ihr Name genannt werden, wieder würde der Kreis ihrer Anhänger sich erweitern.
Sie brauchte Menschen, Publikum!