Chapter 10 of 14 · 3998 words · ~20 min read

Part 10

Da wurde die Tür aufgerissen und Inge stürzte bleich, in voller Aufregung, ins Zimmer.

»Tante Ebba, komm, komm schnell zu Papa! Er hat sich eingeschlossen. Ich habe gehört, wie er gestöhnt hat, und nun sitzt er ganz allein und läßt niemand zu sich, komm schnell, Tante Ebba, komm schnell!«

Ebba vermochte sich nicht zu rühren. Starr vor Schrecken starrte sie auf das junge Ding zu ihren Füßen. Inge war vor ihr niedergesunken, warf den Kopf auf ihren Schoß und weinte herzzerbrechend.

»Es ist schrecklich, Tante, denn ich bin schuld, ich habe es gewünscht, und nun ist es so gekommen. Ich dachte, es ist gut für Papa, und nun leidet er so!«

»So sage doch nur, was ist geschehen?«

»Sie ist fort, heut in der Früh. Als Papa nach Hause kam, lag der Brief auf seinem Schreibtisch. -- Und sie kommt nicht wieder, hat sie geschrieben, er braucht gar nicht darum zu bitten -- sie braucht viel Geld -- Luxus ist ihr Lebensfreude -- -- Papa hat es halblaut gelesen und immer wieder gelesen und wußte nicht, daß ich neben ihm stand -- und dann hat er so schrecklich gestöhnt und ist auf den Stuhl gesunken. -- Ich weiß nicht, was noch drin stand -- er stöhnte nur immer: ›Auch das noch, auch das noch!‹« -- -- --

Und nun stand Ebba vor dem gebrochenen Mann, der in Selbstanklagen sich erging.

»Nur auf Gelderwerb ging ich aus und vergaß darüber die Pflichten, die ich meiner Frau, meinem Kinde, schuldig bin. Statt sie vor den Gefährnissen, den Verführungen, die allerorten auf ein junges, schönes Weib lauern, zu schützen, ließ ich sie gehen -- unbeaufsichtigt habe ich sie den Gefahren ausgesetzt. Ebba, sie war leichtsinnig, genußsüchtig, aber nicht schlecht! Mein Gott, die arme Inge! Inge -- wo ist Inge? Hast du sie gesprochen?«

Also durchgebrannt! Richtig, auf und davon!

»›Und damit du nicht auf den Gedanken kommst, mich zurückholen zu wollen, ich gehe nicht allein -- -- deine Tür muß mir verschlossen bleiben‹ -- -- so hat sie geschrieben, Ebba. Und kein Wort über ihre Tochter.«

»Sie ist ein schlechtes, ehrvergessenes Weib, Lukas,« sagte Ebba hart, »streiche sie aus deinem Herzen und lebe für dein Kind.«

Da sah er sie an und seufzte: »Meinst du, daß ich an dem Kinde nachholen kann, was ich versäumt habe?«

»Das kannst du, Lukas, wenn du ernstlich den Willen hast.«

Da reichte er ihr beide Hände und sprach: »Und du wirst mir helfen?«

»Das will ich.«

* * *

Vor ihrem vollendeten Werk stand Lotte und wartete auf Gehring. Es war das erste Mal, daß er das Atelier betrat und daß er ihr Werk sehen würde.

Sie hatte ihm wohl erzählt, daß sie beim Schaffen einer großen Arbeit sei, und daß sie viel davon erwarte. Aber nicht hatte sie ihm gesagt, was ihre Absicht und was diese Arbeit für sie bedeutete. Frei und unbeeinflußt wollte sie die Wirkung dieses Werkes auf ihn erproben. --

Und er stand und schaute. Sah und schwieg. Und stand erschüttert.

Aus einem granitenen Felsenblock ragte ein Ungeheuer. Körper und Kopf waren eine einzige Fratze, umgeben von Hunderten von Fangarmen. Der Ausdruck dieses Hauptes machte das Blut erstarren. Gier, Lüsternheit und Mordlust thronten auf diesem Antlitz. Der Ausdruck dieser Leidenschaften, dieses menschlich scheinenden Hauptes, machten es zum Tier. Die Fangarme schienen zu leben, sich auszustrecken in unersättlicher, nie endenwollender Gier, und über dem allen war ausgegossen ein Ausdruck des Hohnes, als wollte dieses Ungeheuer sich selbst verspotten ob seiner Unmenschlichkeit.

Darunter stand in großen Lettern:

-- _Der Mensch_ --

»Das ist eine furchtbare Anklage.«

In ihr jubelte es.

Es wirkte. Er hatte sie verstanden.

Er trat auf sie zu, umschlang sie und sagte: »Armes Weib.« Sie setzten sich nieder und er bat: »Wie kamst du dazu?«

Und sie erzählte. Erzählte, wie durch jenes Vorkommnis ihr Leben und Fühlen ins Herz getroffen. Wie eine eiserne Kette sich um sie gelegt, fest und unlöslich, die sie einschnürte, jedes Liebesgefühl in ihr erdrückte, aber wie sie sich endlich durchgerungen, wie sie den Willen gefunden, sich zu befreien, und nun tatsächlich frei geworden sei, frei durch ihr Werk und durch ihn.

»Und nun will ich leben, durch dich, mit dir, ein Leben in Liebe,« schloß sie und schmiegte sich an ihn.

»Dein Leben gehört der Kunst -- -- Du bist eine große Künstlerin.« Er war aufgestanden und ging im Atelier auf und ab.

Sie sah ihn an. Erstaunt und dann voll Schrecken.

»Deine Kunst geht über deine Liebe.«

»Was sagst du?« Die Stimme versagte ihr, sie konnte nur flüstern. »Paul, weißt du nicht, daß ich dich liebe, wahr und wahrhaftig liebe?«

»Du liebst mich, Lotte -- -- ja -- -- aber du liebst auch deine Kunst -- mußt sie lieben, denn sonst könntest du nicht so etwas schaffen. Sage, kannst du dir ein Leben denken ohne deine Kunst?«

»Nein!«

»Ich müßte teilen, Lotte.«

»Willst du, daß ich meiner Kunst entsage?« stammelte sie.

»Das wäre eine Sünde. Eine Künstlerin wie du gehört der ganzen Menschheit. Das ist es ja eben, ich darf dich der Kunst nicht abwendig machen, und -- laß mich offen sein -- ich kann mir kein Leben an der Seite einer Frau denken, einer bedeutenden Frau, in dem ich gezwungen wäre, die zweite Stelle in ihrem Leben einzunehmen.«

»Willst du damit sagen, daß du dich geirrt und daß du mich nicht liebst?«

»Ich liebe dich. Aber die Größe deines Künstlertums wird unsere Liebe töten. Ich liebe dich und habe dich als mein Weib, als die Mutter meiner Kinder geachtet. Aber heut, seit ich das gesehen« -- -- und er wies auf ihr Werk -- -- »heut weiß ich, daß du Frau und Mutter erst neben deiner Kunst sein kannst.«

Sie sah ihn an. Scharf standen seine herben Züge gegen den dunkelnden Abendhimmel. Sie sah, daß er litt.

Und eine Angst, eine grenzenlose Angst um ihr entschwebendes Glück ergriff sie. Mit einem schluchzenden Laut umklammerte sie seinen Hals.

»Sage doch das nicht. Wenn du wüßtest, wie die Liebe über mich gekommen ist. Erst die Liebe, Paul, und dann die Kunst.«

Er küßte sie. »Lieben sollt ihr schon, ihr gottbegnadeten Künstler, aber heiraten solltet ihr nicht!«

Da zuckte sie zusammen.

»Erschrick nicht. Ich -- -- ich kann das nicht -- -- mit dir nicht, Lotte -- -- du bist mir heilig -- --«

Da wollte sie aufschreien: »So nimm mich doch -- ich bin dir heilig -- du stellst mich der gleich, die du zur Frau und Mutter begehrst -- aber zur Ehe magst du mich nicht -- aber so nimm mich doch!« -- -- Ins Gesicht hätte sie es ihm schreien mögen, aber sie brachte keinen Laut hervor. Fester nur krampften sich ihre Hände um seinen Nacken, und durstig senkten sich ihre Lippen auf die seinen.

Und er trank, trank von diesen dürstenden Lippen, preßte sie fest an sich und riß sich los. -- -- --

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Armselig, verlassen, kam sie sich vor. Das Glück, das sie in Händen gehalten, -- eine buntschillernde Seifenblase -- aufgelöst in nichts!

Sie sprang auf. Nein, es konnte -- konnte nicht sein.

Wie hatte er gesagt? ›Deine Kunst geht über deine Liebe.‹

Sie rang die Hände, und eine jammernde Qual stieg in ihr auf.

Ja, sie war Künstlerin -- aber sie war auch Weib.

Ihr Gesicht verzerrte sich, und ihr Atem ging schwer.

»Weib,« stöhnte sie, »fieberndes, verlangendes Weib! Was soll mir die Kunst, wenn sie mich der Liebe beraubt?«

Mit drohend erhobener Faust schritt sie auf ihr Werk zu: »Oh, du, du -- --«

Lüsterne Augen blickten ihr entgegen, schwellend geöffnete Lippen gierten nach den ihren, Arme tasteten und befühlten ihren Körper -- -- da sank sie laut schluchzend nieder und stammelte: »Gut, daß du gingst, du hast recht getan.«

Und die Schatten fielen, fielen auf das einsame Weib, das allein blieb mit seinem Werk, das ihr die Liebe gebracht und wieder geraubt.

* * *

»Es ist schwer, Ebba, die Flammen zu ersticken, wenn sie schon so hell brannten.«

»Lotte, -- ich glaube, er wird den Weg wieder zurückfinden.«

Lotte schüttelte den Kopf. »Das wird er nicht. Seit ich ruhiger geworden, sehe ich klarer. Er fürchtet, verdunkelt zu werden. Es ist dies vielleicht kleinlich gedacht, aber -- ich kann ihn verstehen. Mich quält jetzt nur eins: Warum mußte erst die Hoffnung in mir erstehen, um wieder erstickt zu werden?«

Ebba lächelte schmerzlich und legte ihre Hand auf Lottes Schulter. »Sehen nicht fast alle Menschen ihre Hoffnungen sterben? Was habe ich zu Grabe getragen, was mein Bruder? Noch viele könnte ich Ihnen nennen.«

Lotte wehrte ab. »Ich weiß -- ich weiß. Ich stand in diesen Tagen außerhalb aller Vernunft. -- Aber ich kehre schon wieder zurück. Wie gut Sie sind, Ebba. Und wie Sie Geduld mit mir haben. Ist es nicht sonderbar? Alles kommt mit seinen Schmerzen zu Ihnen gelaufen und bittet: ›Hilf mir tragen!‹ Und Sie gütige, liebe Frau, sind bereit dazu. In meinem nächsten Werk will ich Sie als leibhaftige Nächstenliebe verherrlichen. Auf einem Felsen sollen Sie thronen, Ebba -- einsam -- Ihr zuckendes Herz in den Händen -- und zu Ihren Füßen die leidende Menschheit mit erhobenen Händen -- hilf -- gib -- tröste -- und Sie geben Ihr Herz und helfen -- trösten, mildern die Leiden -- und darunter soll stehen:

-- _Wie der Mensch sein soll_.« --

»Nein, Lotte, darunter soll stehen: -- _Der Mensch._ -- Im Gegensatz zu dem anderen Menschen, den Sie geschaffen. Glauben Sie an das Gute im Menschen, und Sie werden gute Menschen finden.«

»Gute Menschen! Gut ist nicht gütig. Gütig sein, bedingt Nächstenliebe. Ich bin vielleicht ein guter Mensch, aber ich bin kein gütiger Mensch. Glauben Sie, daß ich Nächstenliebe empfinde? Sie glauben es? Nein, Ebba, da täuschen Sie sich. Ich ärgere mich viel zu sehr über die Menschheit, um sie lieben zu können.«

»Ihr Ärger beweist ja gerade, daß Sie die Menschen lieben.«

»Ich liebe nur Sie, Ebba, und ich möchte, daß Sie mir stets Ihre Freundschaft bewahren.« -- -- --

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Morgen wird es von ihr gehen, ihr Werk, hinaus in die Werkstatt -- dann wird sie ganz einsam sein -- einsam und allein.

Und ihre Kunst? War sie einsam, solange sie die hatte? War es nicht immer so gewesen?

Warum fror sie?

In ihr war tobende, glühende Hitze. Ihr Blut brannte. Und dennoch fror sie.

Eine namenlose Sehnsucht ließ sie nicht zur Ruhe kommen.

Wenn er dennoch wiederkäme?

Wiederkäme und sie in seine Arme nähme und spräche: ›Sei mein Weib, aber entsage deiner Kunst!‹ -- -- Was würde sie antworten?

Ich kann nicht sein ohne dich, ich will entsagen. Liebst du diesen Mann so sehr, daß du deiner Kunst entsagen willst, du, eine geweihte Priesterin? flüsterte eine Stimme in ihr.

Und sie erschrak.

Nein, dieses Opfer konnte sie ihm nicht bringen. Die Liebe! Was war die Liebe gegen ihre Kunst? Endzweck nur für sie, ihrer Kunst zu dienen. -- -- --

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»Was wollen Sie, Arno Stürmer?« Lottes Stimme scholl hart und laut durch den Raum.

»Ich wollte Ihr Werk noch einmal sehen, hier sehen, wo es geschaffen, denn ich weiß, daß es morgen von Ihnen geht, das ist immer ein großer Moment für den Künstler. Und ich wollte auch Sie noch einmal sehen, ehe ich reise, Lotte. Ich fahre morgen nach München.«

»München! Ich wollte, ich könnte mit.«

»So kommen Sie, werfen Sie alles hinter sich und kommen Sie mit. Oder« -- er sah sie durchdringend an. »Lotte,« sagte er leidenschaftlich, »Sie sind frei --«

»Frei!« -- sagte sie spöttisch.

»Nun wohl -- machen Sie sich auch innerlich frei!«

Er sah in ihre bleichen Züge, und ein heißes, wildes Begehren überkam ihn.

»Lotte, ich liebe dich! Laß dich umhüllen von meiner Leidenschaft, komm mit mir!«

Er umschlang sie, bedeckte ihre Augen, ihren Mund mit Küssen.

Sie stand reglos, ohne Gedanken im betäubten Hirn, und dann kam ein Schmerzgefühl über sie, das zerrte und riß in ihr: wie arm, wie arm bist du doch! Liebe -- Muttergefühl -- Weibesschicksal, alles in weite, weite Fernen gerückt. Und dann wieder: nein, die Liebe ist nicht der Zweck des Lebens der Frau. Der Zweck, ihre Erfüllung, ist das Kind.

Und da ist ihr, als ob sie sich klammern müsse an diesen einen mit Leidenschaft und wilder Verzweiflung. Sie schlingt ihre Arme um seinen Nacken und küßt ihn mit wilden, wahnsinnigen Lippen. Eine bebende, hungernde Erwartung ist in ihr. Ihr unerlöstes Ich bettelt um Erfüllung ihres Daseins.

Und er bedeckt ihr Gesicht, ihren Nacken, ihre Schultern mit sengenden, glühenden Küssen.

Und sie geht unter in aufgelöste, glühende Wonnen. Ein Brand ist in ihr, ein Brand, der nichts übrigläßt als ein sinnlos seliges Gefühl und eine einzige jauchzende Hingabe. -- -- --

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Sie schlägt die Augen auf und sieht über sich gebeugt ein wildes, bärtiges Gesicht, sieht in glutvolle, begehrliche Augen. Sie will empor, will ihre weißen Glieder lösen aus nervigen Männerarmen. Ihr Mühen ist vergebens. Fest geschmiedet liegt sie in seinen Armen. Wilde, sinnbetörende Worte klingen in ihr Ohr, und heiße Liebkosungen rauben ihr den Atem.

Und er jauchzt auf: »Hab ich dich endlich im Bann? Wirf deinen Stolz ab, sei mein wildes Zigeunerweib. Laß die Haare flattern und jauchze mit mir. Die Stunde ist da, in der dein Schicksal sich erfüllt.« Wild hat er sie emporgerissen, und die zwei Adamsmenschen stehen im Dämmer des weiten Raums und starren sich stumm in die begehrlichen Augen. Und ihre Augen lassen ab von dem Manne und wandern. Wandern und suchen. Da steht sie. Gespenstig aus dem tiefen Schatten taucht sie blendend weiß empor: begehrliche Augen -- gierige Lippen -- die Riesenfangarme öffnen sich, um neue Opfer aufzusaugen -- sie regen sich zu Hunderten -- auch der gierige Mund, er wird lebendig -- ein Hohnlachen kommt auf seine Züge. -- -- --

Da hallt ein irrer Schrei. Das Weib stürzt durch den Raum, greift nach dem Meißel und stürzt auf die Gorgo zu. Und nun beginnt ein Ringen, ein heißes Ringen. Hoch in der Rechten schwingt das Weib den Hammer. Der Mann zerrt ihren Arm herunter. Er schwebt gerade über seinem Haupt. Ihre Linke reißt seinen Kopf an ihre Brust, und aus der schwach werdenden Rechten fällt der Hammer zur Erde nieder. Sie steht einen Augenblick ohne Besinnung, dunkle Nebel sind ihr vor den Augen. Sie beginnt zu zittern. Dann nimmt der Mann sie in seine Arme, trägt sie auf das Ruhebett, wickelt sie zart in die schützende Decke und kniet vor ihr nieder.

»Weib -- geliebtes du -- bedenke doch, daß du lebst, jetzt erst lebst! Ein Leben ohne Liebe, das ist ein Leben ohne Schicksal. Über allem Wissen, über aller Kunst steht die Liebe, die Leidenschaft. Sie erst macht das Leben blut- und glutvoll. Wolltest du kein Schicksal, schrie nicht alles in dir nach Erlösung, nach Befreiung? Was klagst du? Ist nicht Liebe -- Glück? Rausch -- Seligkeit?«

Und wieder fühlt sie heiße, sinnverwirrende Küsse auf ihren Lippen.

Und unter dieser Glut spürt sie einen Reiz und wollüstige Qual, und sie versinkt wieder.

»Siehst du, wie du mich liebst,« flüstern unter Liebkosungen seine Lippen.

Da schreit sie auf: »Nein, ich liebe dich nicht, ich liebe dich nicht! Ich liebe nur das Kind, das du mir schenken sollst. Hörst du es?«

Da lacht er auf: »Du urgesundes Weib du -- -- und inzwischen umhüllst du mich mit deiner Liebe.« -- --

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Und als er gegangen, als die Schatten der Nacht dunkel um sie lagerten, da kam ein blendendes Licht und erschreckte sie.

Sie hatte sich einem Manne hingegeben, der ihrem Herzen ein Fremder war. Etwas dunkel Unbegreifliches, daß sie nie hatte anerkennen wollen, hatte sie diesem Manne in die Arme getrieben.

War sie besser, als die anderen, die zu geißeln sie sich anmaßte? Hatte sie sich nicht aufpeitschen lassen zu wilder Leidenschaft, zu sinnlicher Begierde?

Warum? Was lebte in ihr?

Und wieder schoß die züngelnde Flamme in ihr empor. Aller Sehnsucht Erfüllung, aller Träume Endziel -- das Kind. Rein bleibt die Frau, die sich einem ungeliebten Manne hingibt, zur Erfüllung ihrer Mutterschaft, wenn er der einzige bleibt. -- -- --

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Und anderen Tags, als ihr Werk von ihr gegangen, stehen sie sich gegenüber.

Scheu sieht sie zu ihm empor.

Stark, fest und gesund steht er vor ihr. Seine schwarzen Augen sprühen Flammen und funkeln in die ihren.

Jetzt lacht er dröhnend auf, nimmt sie in seine Arme und setzt sich auf das Ruhebett, sie auf seinen Knien haltend.

»Mädchen, Mädchen, du weißt ja gar nicht, wie glücklich ich bin, du, mein kleines Zigeunerweib! Komm, reich mir deine Lippen und laß mich trinken --«

Den Kopf weit zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, ruht sie in seinem Arm.

»Nun führe ich dich in einen Zaubergarten, mein Mädchen, in den Zaubergarten der Liebe, in dem Wonnen dich erwarten. Untertauchen sollst du mit mir in ein Meer von Glückseligkeit.«

Und sie ließ sich küssen und dachte an den, der von ihr gegangen. Liebte sie jenen oder liebte sie diesen?

Sie konnte nicht begreifen, wie er so schnell in ihr Leben gekommen war, und daß er ihr Schicksal geworden.

Gleichwohl. Sie hatte einen Menschen gefunden, dem sie etwas sein durfte, dem sie Glück spenden konnte.

Sie liebte ihn, weil er ihre arme, hungernde und frierende Seele an sich genommen, und weil er sie zum Weibe machte.

»Lotte,« flüsterte er unter Küssen, »gibt es etwas hier, was Dich zurückhält?«

»Nein!«

»So fahren wir morgen zusammen nach München, willst du?«

Da nickte sie stumm, legte ihren Arm um seinen Nacken und schmiegte ihre Wange an die seine.

Es war ein heißer Strom, der sie verband. Hier die sinnliche Gier -- dort die Begierde nach dem Kinde.

* * *

Ebba, ich weiß nicht, ob ich glücklich bin -- denn ich lebe unbewußt. Ich bin eingehüllt in Wolken. Um mich sprühen Funken, zucken Blitze, die für Sekunden die Wolken vertreiben. Ich weiß nicht, ob ich, nachdem die Wolken zergangen sind, glücklich sein werde. Nur das weiß ich, daß ich so tun mußte, wie ich getan. Mein Schicksal hat mich erreicht.

Ebba -- ich bin mit einem Manne fortgegangen. Er begehrte mich, und ich ließ mich nehmen. Wir leben in einem Rausch, in einem Taumel. Er liebt mich herzlich und ehrlich, das fühle ich -- aber ohne Bestand.

Frei wir beide -- so soll es sein.

Und ich, Ebba, ich liebe ihn, denn er soll der Vater meines Kindes werden.

Das Kind wird mich entsühnen. Bleibt mir das versagt, so gehöre ich zu den Gezeichneten, und Du wirst mich nicht wiedersehen.

Ich warte.

Werde ich zu den Verstoßenen oder zu den Auserwählten gehören? -- -- --

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Lotte -- -- das Schicksal ist stärker als wir. Du gehst deiner Bestimmung entgegen. Sei nicht verzagt. Du gehörst zu den Auserwählten, auch wenn deiner Sehnsucht Erfüllung ausbliebe.

Einem, der die Menschen liebt, ist auch das Unbegreiflichste nicht fremd. -- -- --

* * *

Unter Stürmen und Regenschauern war der Herbst ins Land gezogen. Berlin rüstete für die beginnende Saison. Auch die letzten Zugvögel waren zurückgekehrt in den heimatlichen Hafen, bereit, sich mit neugewonnenen Kräften in Vergnügen, Geschäft und Modesorgen zu stürzen. Vor den Schaufenstern staute sich die Damenwelt, um die kommende Mode zu begutachten. Noch enger der Rock, noch schlanker die Linie. Die fülligen Damen seufzten. Wieder auf Süßigkeiten und Leibspeisen verzichten oder eine Entfettungskur durchmachen.

Oh, du törichte Mode, zwingst sie alle in deinen Bann. Auflehnen? Ein Ding der Unmöglichkeit!

Jede Mode ist schön. Sie wirkt unschön, sobald sie vorüber ist.

Vor den Auslagen des K. d. W. stand Gerda von Wangenheim und studierte eine grasgrüne Gesellschaftstoilette. Ein herrliches Kleid für ihr Konzert wäre dies! Sie seufzte. Unerschwinglich. Mit Schaudern dachte sie an die Vorwürfe ihrer Mutter. Immer nur Geldkosten! Keine Aussicht auf Einnahme! Du mußt sparen, mußt dich bescheiden! Weiter bekam sie nichts zu hören.

Der Vater war lieb und gut zu ihr gewesen. Hatte sie nur einmal in sein Zimmer genommen und sie gefragt, ob sie nun bald auf Einnahmen rechnen könne, denn lange -- lange reichte es nicht mehr aus. Da hatte sie ihn liebevoll umhalst und ihm gedankt und gesagt: ›Noch diesen Winter werde ich mit Stundengeben anfangen. Es wird nicht viel sein, aber der Anfang ist dann gemacht. Ich habe viel Beziehungen angeknüpft, man wird mir helfen. Nur mein erstes Konzert, lieber, guter Papa, das kostet noch, aber dann -- du mußt an mich, an meine Kunst glauben. Es wird schon kommen, dann zahle ich alles zurück, dann soll das alles den Geschwistern zugute kommen.‹ Da hatte er gelächelt und geantwortet: ›Ich habe immer an dich geglaubt, Gerda.‹

Geld verdienen! Stunden geben! Sie schauderte, wenn sie an dieses, ihr Versprechen, dachte. Wer sollte Stunde nehmen, bei ihr, der jungen, unbekannten Anfängerin? Wieviel Schüler müßte sie haben und welches Honorar müßte sie verlangen, um auf eigenen Füßen stehen zu können?

Das Leben in Berlin kostet Geld. Selbst in zwei, drei Jahren würde sie nicht soviel verdienen können, wie sie brauchte, oder aber -- es geschähe ein Wunder. Um vorwärts zu kommen, gebrauchte sie den Luxus, es ging nun einmal nicht anders. Würde sie bescheiden auftreten, würde sie beiseite gestellt und vergessen werden.

Das grüne Kleid! Wie herrlich es zu ihrem Haar stehen würde! Man könnte es von einer Schneiderin nacharbeiten lassen.

»So in die Modenschau vertieft, gnädiges Fräulein?«

Sie wandte sich um. »Herr Winkelmann! Nein, wie sich doch alles wieder zusammenfindet.«

»Die Motten umschwirren das Licht.«

»Nehmen Sie nun sich als Motte und bin ich das Licht? Oder meinen Sie damit den Schwarm, der die Großstadtluft atmet?«

»Eigentlich meine ich beides. Wie die Insekten blindlings dem Lichte nachziehen, ob es ihnen auch Tod und Verderben bereitet -- so zieht uns, die Weltkinder, immer und immer wieder die Großstadt in ihren Strudel hinein. Und ich -- mein gnädiges Fräulein -- ich kenne mein Schicksal nicht, aber ich weiß, daß ich dem Feuer, das mir leuchtet --« und er warf einen bezeichnenden Blick auf die Fülle ihres Haares -- »folgen muß in Tod und Verderben oder in Seligkeit und Glück.«

»Also, Sie sind unverändert zurückgekehrt?«

»Unverändert.«

Langsam schlenderten sie die Tauentzienstraße entlang. »Und wo haben Sie die Sommermonate verlebt, gnädiges Fräulein?«

»Ich war erst mit einer Freundin an der Ostsee, wo wir fleißig gebadet haben, und die übrige Zeit habe ich in meinem Elternhaus verbracht.«

»Und jetzt studieren Sie fleißig für Ihr Konzert, wie ich vermute?«

»Sehr fleißig. Es gibt noch viel Arbeit bis dahin zu bewältigen. Je näher der Termin rückt, je weniger bin ich mit meinem Können zufrieden.«

»Haben Sie den Tag schon festgesetzt?«

»Ja, die Konzertdirektion drängt, ich werde mich morgen entscheiden.«

»Lassen Sie es mich zeitig wissen, damit ich für Sie arbeiten kann. Ich muß mich ja wohl doppelt ins Zeug legen, da Sie die Hilfe von Thea Westphal entbehren müssen.«

Sie sah ihn fragend an.

»So wissen Sie nicht?«

»Nichts weiß ich. Was ist es mit ihr?«

»Auf und davon ist sie gegangen.«

»Allein?« entfuhr es ihr.

Er lachte. »Natürlich mit Gernsheim. Sie sind erst nach Paris, dann Nizza, Monaco -- den üblichen Weg. Dort hat er alles verspielt, und sie hat sich einem schwerreichen Russen ergeben, der sie mit nach Petersburg genommen hat.«

»Abscheulich!«

»Was wollen Sie? Naturanlage und Unbeherrschtheit! Modern, weiter nichts.«

»Sie können es doch nicht gutheißen, von Mann und Kind einfach davonzulaufen?«

»Warum nicht? Wenn es einen dazu treibt?«

»Würden Sie ebenso sprechen, wenn es Ihre Frau gewesen wäre?«

»Sicherlich. Ich würde keine Frau halten, die von mir strebt. Wozu?«

Sie waren am Steinplatz angekommen und bogen in die Uhlandstraße ein. Vor der Tür ihrer Pension verabschiedete sie sich. Er ging den Weg, den sie gekommen, zurück. Und er dachte an den Abend, an dem er sie zum ersten Male nach Hause begleitet hatte. Wie stolz und unnahbar sie gewesen, und wie sie ihn gereizt durch ihre Kälte. Ihm, der gewöhnt war, zu siegen, ihm wurde hier ein Halt geboten. Und wieder stieg das Begehren heiß in ihm empor: du mußt sie bezwingen, du mußt sie erkämpfen, diese Lippen in heißem Kuß entflammen, diesen Leib bebend an dich pressen.

Sie spielte mit ihm. Nein, er ließ nicht mit sich spielen. Sein mußte sie werden. -- --