Part 3
»Gnädiges Fräulein, darauf kann ich Ihnen nur erwidern: Ich bitte Sie zu bedenken, daß es die Frau ist, welche den Ton angibt, der zwischen Mann und Frau herrscht.«
»Sie wollen damit sagen, daß die Frau selbst es ist, die die Herabminderung der ihr schuldigen Achtung verursacht hat?«
»Genau das. Es sind nicht alle Damen wie Sie, gnädiges Fräulein.«
Nachdenklich blickte sie ihn an. Ein lautes Lachen Miß Webbs ließ sie zu dieser hinüberschauen. »Sie mögen recht haben -- wie traurig für uns Frauen.«
»Darf ich mir einen Rat gestatten, gnädiges Fräulein? Sie wollen Künstlerin werden, ausübende Künstlerin, ich kenne den Werdegang der Künstlerinnen ziemlich genau -- es ist ein schwerer -- oft ein bitterer Weg. Gnädigste, für die Art Ihrer Persönlichkeit doppelt schwer, Sie sollten anders sein.«
»So wie diese vielleicht?« Verächtlich schürzte sie die Lippen und blickte auf die Amerikanerin.
»Wir lassen aber nicht mit uns spielen! Wir spielen!« rief Miß Webb über den Tisch hinüber, Lotte Wunsch zu. »Es hat eine jede Frau in der Hand, richtig einzusteigen. Sie müssen wissen, ich betrachte den Weg des Lebens als einen langen Schienenstrang, auf welchem die Wagen rollen, rollen auf und ab. Es gibt erster, zweiter und dritter Klasse -- was hindert mich, bequem erster Klasse zu fahren?«
»Vielleicht der Zufall der Geburt?«
»Man kann aussteigen unterwegs! Was hindert mich, aus der dritten Klasse in die erste überzugehen? Was hindert mich, mein Gepäck als Ballast zum Fenster hinauszuwerfen? Wer kann mir verbieten, Station zu machen, wo es mir beliebt? Zum Mitfahren aufzufordern, wer mir genehm ist? Wir müssen uns das Leben einrichten, wie es uns beliebt, wir haben ein Recht auf Genuß und Freude.«
»Und die Pflichten?«
»Überflüssiges Gepäck!«
»Von Ihnen kann man lernen,« gab ihr Lotte Wunsch zur Antwort, dann sich zu Gehring wendend: »Das ist auch eine Auffassung des Lebens.«
»Was wollen Sie? Gibt sie nicht eine Illustration unserer heutigen Gesellschaft? Sind nicht viele auf dem Wege, den sie gezeichnet? Pflichten! Wer denkt denn heute an die ihm auferlegten Pflichten? Viele sicher nicht. Ich finde, daß der größte Teil der Menschen nur seinen persönlichen Interessen nachgeht, daß das liebe Ich ganz in den Vordergrund gerückt ist und daß das Bewußtsein des Pflichtgefühls im Schwinden begriffen ist.«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Gehring. Wer wie ich zwanzig Jahre hier mit offenen Augen gelebt hat, der weiß, wie es mit dem Pflichtgefühl und der Moral bestellt ist, weiß es nur zu gut. Aber ich wollte mich zwingen, anders zu sehen. Frau Holm hat mir den Vorwurf gemacht, daß ich zu skeptisch sei, ich sehe nur immer das Schlechte und Gemeine in dem Menschen und lasse das Gute nicht gelten. Ich wollte das, was Sie Illustration unserer heutigen Gesellschaft nannten, nicht wahr haben, nun kommen Sie und setzen mir gleich wieder die schwarze Brille auf.«
»Gnädige Frau,« sinnend sah der Architekt auf Ebba Holm. »Ich bin überzeugt, daß Fräulein Wunsch bei Ihnen nur das Gute sieht.«
»Wie könnte es anders sein,« sprach Lotte.
»Sie ersehen daraus, daß Fräulein Wunsch wohl zu unterscheiden vermag und daß schwarz ist, was sie schwarz sieht. Sie stehen dem Leben hier noch fremd gegenüber. Sie werden es anders finden, als Sie es sich vorgestellt, haben es vielleicht schon empfunden. Enttäuschungen stehen für jeden Menschen bereit, sie führen uns oft erst auf den richtigen Pfad. Sehen lernen ist für starke Naturen immer von Vorteil.«
»Ich bin keine starke Natur, Herr Gehring.«
»Das sind Sie doch, Sie wissen es nur nicht.«
»Übrigens, Herr Gehring, können Sie uns nicht zu einer netten Wohnung für Frau Holm verhelfen? Sie sitzen doch an der Quelle, wir suchen und suchen und können nicht das Rechte finden.«
»Ja, wenn Sie hier draußen im modernen Westen suchen, werden Sie niemals das Passende für die gnädige Frau finden, das heißt, nach meinem Empfinden. Ich kann mir Frau Holm nur in dem nach meinem Sinne für sie passenden Rahmen vorstellen.«
»Und der wäre?«
»Eine kleine, ruhige Straße, ein paar verträumte Bäume, ein altes, gemütliches Haus mit einem Erker, an welchen die Zweige einer alten Kastanie schlagen, verstohlene Sonnenstrahlen --«
»Oh, Sie Künstler,« rief Lotte Wunsch, »wie Sie zu zeichnen verstehen! Und im Erker die Hausfrau im Gewand von matten Farben, schwere fließende Falten --«
Ebba lachte auf. »Das soll für mich passen? Man merkt die Phantasie der Künstler! Sie malen ja da ein Märchen aus.«
»Welches Wirklichkeit werden könnte,« erwiderte Gehring.
»Schnell, schnell, wo ist es, sagen Sie,« eiferte Lotte.
»Und keine ›schicken‹ Möbel, keine Moderichtung, Biedermeier oder dergleichen, nein, einige schwere, gediegene Stücke, gut verteilt, dunkle, satte Vorhänge statt Türen, an den Fenstern lichte, feine Gewebe -- doch -- gnädige Frau müssen mit vorhandenen Möbeln rechnen?«
»Nein,« hart und scharf klang es ihm entgegen, daß er erschrocken zusammenzuckte.
Sie bemerkte es und fühlte sich veranlaßt, dieses harte Nein zu erklären.
»Ich wünsche mich loszulösen von allem.«
Er neigte verstehend das Haupt.
»Aber wo in aller Welt ist dieses Nest, wenn Sie es schon so genau beschreiben, wissen Sie es auch zu finden?«
»Geduld, Fräulein Wunsch, gewiß, es ist schon vorhanden und wartet nur auf die Einwohnerin, es liegt im alten Westen, in der Margaretenstraße.«
»Ich weiß, ich weiß,« jubelte Lotte, »ich kenne das Haus.«
»Eine Wohnung von vier Zimmern im zweiten Stock -- gerade die Höhe der Baumkronen.«
»Morgen schon will ich hinaus und sehen, ob mir die Wohnung zusagt.«
»Gestatten Sie, daß ich Sie hinführe, gnädige Frau?«
»Wenn Sie mir Ihre Zeit widmen können, so wäre das sehr liebenswürdig von Ihnen.«
»Also abgemacht, morgen vormittag holen Sie uns ab, denn selbstverständlich bin ich die Dritte im Bunde,« rief Lotte.
»Es ist recht schade, gnädige Frau, daß Sie uns verlassen wollen,« wandte sich Gerda von Wangenheim zu Ebba. »Ich werde Ihr Fortgehen als eine große Lücke empfinden. Sie waren für mich so eigentlich der ruhende Punkt in diesem Getriebe und schienen mir ein Stückchen Heimat.«
»Sie müssen mich recht oft besuchen. Wirklich, denn glauben Sie, ich werde mich doch recht einsam fühlen.«
»Warum bleiben Sie eigentlich nicht hier? Sie können doch auch hier alle Bequemlichkeiten haben, ohne die Last der Wirtschaftssorgen, und Sie wären nicht ganz allein.«
»Immer hier unter fremden Menschen, ohne eigenes Heim, ohne meine kleinen Sorgen, ein Leben ohne Zweck und Ziel? Ich wäre totunglücklich.«
»Einen Haushalt führen, sich mit Dienstboten herumärgern müssen, das denke ich mir schrecklich. Das ist doch alles so kleinlich, der Alltag tritt so direkt an einen heran.«
»Was wollen Sie, Fräulein von Wangenheim, wir haben sechs Tage Alltag und nur einen Tag Festtag. Sie sind Künstlerin, Sie haben sich diesen Beruf gewählt, Sie dürfen so denken, aber wie traurig wäre es für das Familienleben, wenn alle Frauen so dächten.«
»Glauben Sie nicht, daß es viele Frauen gibt, ich meine verheiratete Frauen, welche die Sorgen des Haushaltes für nicht vereinbar halten mit ihrer höheren Bildung und mit ihren geistigen Interessen?«
»Ich weiß, es gibt« -- und vor ihren Augen tauchte das Bild ihrer Schwägerin auf -- »der arme Mann.«
»Sie sagen: der arme Mann! Ich kann die Männer nicht bedauern, denn sie selbst sind es, die dieses Mißverhältnis geschaffen. Vor der Ehe wollen sie die Frau als eine elegante, schicke, ich möchte beinah sagen pikante Dame, sonst gehen sie achtlos an ihr vorüber und -- heiraten sie dann eine solche Dame, dann soll sie mit einem Male all dies hintenansetzen und nur im Kleinkram aufgehen.«
Gehring, welcher dem Gespräch gefolgt war, wandte sich an Gerda. »Gnädiges Fräulein, es ist wohl schwierig, einem Teil die Schuld beimessen zu wollen. Eine junge Dame, welche kein Interesse für den ›Kleinkram‹ -- wie Sie es zu nennen belieben -- hat, sollte eben nicht heiraten, und ein Mann, welcher eine Hausfrau und Mutter für seine Kinder wünscht, sollte vorsichtig sein in seiner Wahl. Glauben Sie mir, eine Frau kann eine gute Hausfrau sein, ohne dadurch ihre geistigen Interessen zu schädigen. Gerade weil sie geistig auf einer Höhe steht, wird sie verstehen, daß sie es ist, welche den Grundstein des Hauses in Händen hat, daß auf dem Fundament, auf welchem sie ihr Haus errichtet, das Wohlergehen und die Zukunft des Hauses beruhen.«
* * *
Müde und abgespannt lag Gerda auf ihrem Lager und konnte den Schlaf nicht finden. ›Es ist ein bitterer Weg, Gnädigste, der Weg der Künstlerinnen -- für die Art Ihrer Persönlichkeit doppelt schwer -- Sie sollten anders sein.‹ Anders sein -- das hieß: sich hinwegsetzen über Anstand und gute Erziehung -- hieß Konzessionen machen dem Künstlertum. Nein, niemals -- wie könnte sie bestehen vor Ihrer Familie und vor sich selbst. Sie wußte, was sie der Stellung ihres Vaters, ihrem Namen schuldig war.
Oh, sie kannte sie bereits, die krummen Wege, die auf zur Höhe führten. Die Studiengenossinnen hatten sie unterrichtet, hatten auch kein Hehl daraus gemacht, daß sie durchaus nicht abgeneigt, diese Wege zu wandeln, die Hände, die sich ihnen dort entgegenstrecken würden, um sie möglichst schnell zum Ruhm, zu Ehre und Verdienst zu führen; daß sie mit tausend Freuden bereit wären, diese Hände zu ergreifen. Ehre! Sie lachte verächtlich, was hatten die für einen Begriff von der Ehre! Wie sagte doch eine ihrer Kolleginnen! ›Was nutzt mir meine Ehre, wenn ich ewig am Boden kleben soll? Ich will auf zur Höhe, zur Höhe des Ruhms. Und hätte ich zehn Mädchenehren zu vergeben, ich würde sie alle hingeben, gelangte ich dadurch nach oben.‹ Nein -- zu diesem Grundsatz würde sie sich nie bekennen -- für sie gab es nur den geraden Weg. -- Auch er mußte nach oben führen -- zur Höhe des Ruhmes. Sie ließ sich nicht beirren. Und dennoch, lag nicht in diesen Worten eine gewisse Größe? War diese nicht bereit, ihrer Kunst alles zum Opfer zu bringen, alles -- wenn es sich um die Kunst handelte? Gehörte nicht zum Künstlertum ein Hinwegsetzen über vieles? Sie selbst, hatte sie nicht ihrer Kunst schon Konzessionen machen müssen? Der leichte Ton der Kollegen und Kolleginnen, war es ihr nicht schwer, sehr schwer geworden, sich daran zu gewöhnen? Sie, die wohl gehütete Tochter aus vornehmem Hause, allein in der großen Stadt, war allen möglichen Nachstellungen ausgesetzt. Lebte sie nicht schon in einem ganz anderen Kreis, war sie sich nicht anfangs deplaciert vorgekommen? Waren dies nicht alles schon Opfer, welche sie ihrem Künstlertum gebracht hatte? Kleine Opfer -- würde sie zurückschrecken vor größeren?
Nein -- mit weißem Kleide wollte sie oben stehen, auf lichter Höhe, auch nicht der Saum ihres Kleides sollte besudelt werden, rein vor der Welt, rein vor sich selbst wollte sie ihr Ziel erreichen -- sonst war es wertlos für sie, es erreicht zu haben.
Sie schloß die Augen. Und Traumbilder umgaukelten sie.
Sie sah sich auf lichter Wolke stehen, im schneeigen Gewande. Mit ausgebreiteten Armen, auf dem Haupt ein funkelndes Diadem, dem Ziele ihrer Sehnsucht entgegenschwebend. Dunkle Wolken kamen ihr entgegen und hinderten sie, ihren Weg fortzusetzen. Sie strebte vorwärts, umsonst -- Schattenhände streckten sich ihr entgegen -- drohten und forderten -- da löste sie einen Stein aus dem Diadem, das sie auf dem Haupte trug, warf ihn ihnen zu -- und ein Stück des Weges schwebte sie voran. Doch immer wieder vertraten ihr dunkle Schatten den Weg. Stein um Stein der funkelnden Strahlenkrone brachte sie zum Opfer, und noch nicht war sie am Ende ihres Weges. Den Saum ihres Kleides hatte sie emporgerafft, in Reinheit hatte sie ihn bewahrt, aber die Strahlenkrone war ihr vom Haupt gesunken, nun hatte sie zu opfern nichts mehr.
Da traf sie an eine Biegung ihres Weges, und als sie sich wendete, lag das Ziel ihr greifbar vor den Augen. In schimmernder Pracht lag er vor ihr, der Thron, welchen die Menschheit der Kunst errichtet hatte. Gold und Juwelen funkelten ihr entgegen, purpurne Rosenblüten bedeckten den Boden, Lorbeergewinde bildeten den Hintergrund. Jubelnd und jauchzend setzte sie den Fuß auf die Stufe, welche hinaufführte. Da packte eine rauhe Hand den Saum ihres Kleides und höhnte ihr entgegen: Da hinauf im weißen Kleide? Gib her das Kleid. Hier dies güldene Gewand soll deine Glieder decken, und die Hand riß und zerrte an ihrem Kleide. Sie wehrte sich und schrie: In meinem Kleide bleibe ich und schreite dort hinauf, genug der Opfer schon brachte ich dar, mir blieb nichts als dieses Gewand, nehmt ihr mir auch dies, so verliere ich mich selbst! Und ihr Fuß versuchte die zweite Stufe zu erreichen. Da wich sie zurück, denn drohend wuchs ein Schatten ihr entgegen, aus welchem Blicke ihr entgegenfunkelten, die sie beschmutzten. ›Nicht hinauf, wenn du nicht imstande bist, dich selbst als letztes Opfer darzubringen. Ich stehe zwischen dir und diesem Thron.‹
Und sie wich zurück, wich grausend zurück und wandte das Haupt. Umsonst die Strahlenkrone geopfert, umsonst den langen schweren Weg -- vor dem letzten, da schreckte sie zurück, und weinend sank sie zusammen.
Noch einmal wendete sie sehnsüchtig den Blick, so nahe dem Ziel, so nahe der Höhe, und nun zurück auf die Erde, geheftet an den Boden. Lüstern funkelten die Augen aus dem Schatten ihr entgegen, Arme streckten sich gleich langen, feinen Saugadern nach ihr aus. Zu Füßen des Schattens auf der untersten Stufe aber, da lag ihr geopfertes Diadem. Matt, trübe und glanzlos lag es da. Da riß sie sich ihr weißes Gewand ab, legte es zu der Krone und warf sich in die ausgestreckten Arme. Und sie stand auf dem Thron im güldenen Gewand, ein neues Diadem auf dem Haupte, sie stand auf purpurnen Rosen, und die Rosenblätter flüsterten zu ihr empor: ›Herzblut gibt Purpur.‹ -- -- --
* * *
»Und dadurch denken Sie das Häßliche, das Ihnen den Weg zum Liebesleben versperrte, hinwegzuschaffen?«
»Ja, Ebba, das denke und hoffe ich.«
Erregt ging Lotte in ihrem Atelier auf und ab.
»Einer Gorgo sollen sie ins Antlitz schauen, von deren Grauenhaftigkeit die Phantasie der Antike noch keine Ahnung hatte. Die Begierde, dieser Moloch hält sie alle in seinem Bann. Abreißen will ich ihnen die Maske vom Gesicht und ihnen das wahre Antlitz zeigen, wie es darunter verborgen: eine Fratze, verzerrt von Leidenschaft, wilder Gier und niedrigen Gelüsten. Ein unerbittlicher Ankläger soll vor ihnen stehen!«
Sie war vor Ebba, die schweigend auf dem Diwan saß, stehengeblieben. Ihre Augen glühten fieberhaft, eine lange niedergerungene Leidenschaftlichkeit kam zum Ausdruck.
»Begreifen Sie doch, daß ich nicht stumm bleiben darf, es würde mich zermalmen!
Ach, diese Sehnsucht -- dieser stets gewaltsam niedergehaltene Schrei in der Brust -- nach Liebe, Ebba -- nach Glück,« flüsterte sie.
»Ich glaube, Sie sind grausam, Lotte! Sie hatten sich Idealmenschen geschaffen, und da Sie enttäuscht wurden, sind Sie hart geworden.«
Lotte lachte bitter auf: »Ist das nicht grausam, die Seele eines jungen Mädchens in den Schmutz zu treten, ihren Körper zur Erfüllung niederer Begierden zu begehren? Meinen Sie, daß es mir allein so gegangen? Grausam hat man mir den Altar der Liebe besudelt, ich will ihn wieder rein waschen, indem ich meine Stimme erhebe und anklage.«
»Und glauben Sie die Menschen bessern zu können, indem Sie ihnen einen Spiegel vorhalten?«
»Nein, dazu bin ich wohl nicht berufen -- aber mich -- meine Seele will ich von ihrem Druck befreien.
Ich habe einen großen Abscheu kennen gelernt vor der Liebe -- ich habe gelacht und geweint in bitterem Weh -- und doch -- man hat nur ein einziges Leben zur Verfügung -- das ist kein Leben ohne Liebe -- ich will leben, das ist mein Recht!«
»Ich glaubte immer, Frauen Ihrer Art finden ihre Befriedigung in ihrem Beruf, sind voll ausgefüllt vom Leben. Es erstaunt mich, Sie so sprechen zu hören.«
»Glauben Sie doch das nicht! Eine Frau, welche behauptet, einzig und allein durch ihren Beruf Befriedigung zu finden, welche das Bedürfnis nach Liebe ableugnet, ist nicht ehrlich. Wir Frauen, wenn wir echte Frauen sind, können nur das Glück durch die Liebe erfahren, alles übrige ist nichts, ist nur Betäubung unseres ungestillten Verlangens. Unsere Kunst, unsere Arbeit, das alles ist nichts, das wahre Glück bringt uns erst die Erfüllung unserer Sehnsucht, das Stillen unseres flammenden liebeglühenden Herzens.«
»Und die freie Liebe? Lassen Sie auch diese gelten?«
»Unbedingt, sobald sie nicht niedrigen Begierden entspringt. Ich habe soviel gesehen in meinem Leben, daß ich gelernt habe, jedes gewaltige Gefühl als ein natürliches Recht anzusehen.«
»Ich glaube, daß Sie recht haben, ich halte das Leben einer Frau für verfehlt, wenn sie ohne Liebe durchs Leben gegangen, trotz all des Leids, welches die Liebe für uns im Gefolge hat.«
* * *
Einen Strauß herrlich roter Rosen hielt Gerda von Wangenheim in den Händen.
Kurt Winkelmann.
Welches Recht hatte er dazu? Achtlos legte sie den Strauß auf den Tisch, zerriß die beigefügte Karte in kleine Stückchen und warf sie in den Papierkorb. Der hochmütige Ausdruck ihrer Gesichtszüge vertiefte sich. Der Rosenduft erfüllte das Zimmer, sie konnte ihn nicht vertragen, sie klingelte dem Stubenmädchen und gab ihr die Weisung, den Strauß fortzunehmen, in das Gesellschaftszimmer oder sonstwo hinzustellen, der Duft bereite ihr Kopfschmerzen.
Tat sie ihm unrecht? Hatte man ihr nicht oft Blumensträuße gesandt? Und sie hatte sie genommen, freudig, gleichgültig, gemessen nach den Gefühlen, welche sie dem Spender entgegenbrachte.
War sie zu feinfühlig?
Was war es, das beim Gedenken an diesen Mann ein Gefühl der Empörung in ihr emporflammen ließ? Daß sie diesen Rosenstrauß als eine Beleidigung empfand?
Gestern abend im Konzert hatte sie ihn getroffen.
Er hatte gebeten, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie, deren Blut und Nerven durch den wunderbaren Gesang der Hempel in Aufregung waren, hatte seine Begleitung gern angenommen. Ungern wäre sie mit der Bahn nach Haus gefahren, der Gang durch den Tiergarten war ihr eine Wohltat, um so mehr, da es ein wundervoller Abend war und sie jetzt so selten dazu kam, spazierenzugehen, ihr Studium ließ ihr nicht die Zeit dazu. Seine Begleitung ermöglichte ihr den Gang durch die klare, kalte Nacht.
Sie waren über den Potsdamer Platz geschritten und lenkten in die Bellevuestraße ein. Als sie an dem hellerleuchteten Restaurant Rheingold vorüberkamen, sah er sie von der Seite an und bemerkte:
»Ich darf es wohl nicht wagen, Ihnen, gnädiges Fräulein, ein Glas Wein anzubieten?«
Mit großen, erstaunten Augen sah sie abweisend zu ihm auf: »Wenn es Ihnen leid tut, mir Ihre Begleitung angeboten zu haben --«
»Um Gottes willen, gnädiges Fräulein, ich konnte nur dem Versuch nicht widerstehen, Ihre Gesellschaft noch länger zu genießen.«
»Es ist ein reichlich langer Weg bis zum Steinplatz, mir will es jetzt fast scheinen, daß ich Ihre Zeit zu lange in Anspruch nehme.«
»Gnädiges Fräulein, verzeihen Sie mir.«
Sie zog ihre Hand aus dem Muff und machte eine wegwerfende Bewegung. Dann schritt sie fest und gerade in die Höhe gereckt voran. Eine Atmosphäre von Kühle und Unnahbarkeit um sich ziehend.
Er biß sich auf die Lippen. Diese feindselige, fast verächtliche Kälte, welche sie ihm gegenüber zur Schau trug, reizte ihn bis aufs Blut. Niemals bis heut hatte er um eine Frau zu kämpfen brauchen, gleich reifen Früchten waren sie ihm in die Arme gesunken, er hatte nur die Hand auszustrecken brauchen -- und diese hier -- lächerlich -- diese Kälte wollte er -- mußte er durchdringen -- alles wollte er daransetzen, sie zu zwingen -- der Besitz dieser war von Wert -- er kostete Kampf. Das war ein anderer Reiz. Eine nie empfundene, aber vorgeahnte Lust erfüllte ihn. Einen verzehrenden, glühenden Blick warf er auf die ruhig neben ihm einherschreitende Gestalt.
Schweigend waren sie so die Tiergartenstraße entlanggeschritten und bis zur Ecke der Regentenstraße gekommen, da brach Gerda das Schweigen und begann in leichtem Plauderton über das heutige Konzert zu sprechen.
»Ich glaube wohl, es muß ein herrliches Gefühl sein, dort oben zu stehen, umrauscht vom tobenden Beifall der Menge.«
»Wenn Sie erst so weit sein werden, gnädiges Fräulein.«
»Wieviel Arbeit, Kraft -- und Kummer, ehe man eine solche Höhe erreicht -- und wenn es auch wirklich immer zur Höhe ginge.«
»So kleinmütig? Glauben Sie nicht an Ihr Künstlertum?«
»Ist es nicht begreiflich, sich klein zu fühlen, wenn man eine solche Künstlerin gehört hat? Oh, wer diese Höhe erreichen könnte -- einmal -- ein einziges Mal so die Herzen treffen können, aufrühren die Menschen bis in ihr tiefstes Sein. Mein Gott, muß das ein Gefühl sein!«
Leidenschaftlich hatte sie die Worte hervorgestoßen, in heftiger Bewegung preßte sie den Muff gegen die Brust und atmete stoßweise. Winkelmann sah auf die Erregte. Da war es ja, das Temperament, welches er geahnt, verborgen, ihr unbewußt schlummerte es in ihr -- seine Aufgabe wird es sein, es zu lenken auf Bahnen --
Schweigend gingen sie weiter.
Sie waren den Kurfürstendamm entlang gegangen und näherten sich der Gedächtniskirche.
»Gnädiges Fräulein, es ist unbedingt notwendig, daß Sie Beziehungen anknüpfen, wenn Sie die Absicht haben, hier in Berlin ein Konzert zu geben, ich möchte Sie bitten, über mich zu verfügen, ich kann Ihnen von großem Nutzen sein nach dieser Richtung hin. Sie müssen Tees und Gesellschaften besuchen, müssen sich einen Kreis schaffen, der sich für Sie persönlich interessiert. Ich kann Sie bekannt machen mit Agenten, Kritikern, Direktoren und so weiter.«
»Mit einem Wort, Sie können mich lancieren, wenn Sie wollen?« Sie sprach es verächtlich.
»Mein Gott, ohne diesen Klimbim geht es eben nicht, und wenn es Ihnen Ernst ist mit Ihrem Streben, dann müssen Sie das alles mit in den Kauf nehmen. Klappern gehört zum Handwerk! Sie müssen sich in Positur setzen, das ist hier, in unserer Gesellschaft, besonders nötig. Je mehr Sie selbst aus sich machen, desto höher schätzen Sie die anderen.«
»Ekelhaft.«
»Was wollen Sie! Diese kleinen Opfer werden Ihnen hundertfach belohnt, wenn Sie dort oben stehen, umrauscht und umjubelt. Also schlagen Sie ein und verfügen Sie über mich.« -- --
Sie hatte ihm die Hand gegeben, und sie hatten sich an der Tür der Pension verabschiedet voneinander, und als sie auf ihrem Zimmer angelangt, da hatte sie den Muff auf einen Sessel geworfen, die Handschuhe abgestreift und in die Ecke geschleudert, hatte schluchzend die Hände vor das Gesicht geschlagen und geweint. -- Was sollte das alles? Konnte sie nicht allein ihren Weg finden? Sie, Gerda von Wangenheim, sollte buhlen um die Gunst der Menschen?
Warum hatte sie geweint? Mußte sie sich nicht freuen der angebotenen Hilfe, wollte er nicht die Steine zusammentragen, um den Thron zu errichten, auf welchen sie hinaufstrebte?
Sie empfand sein Anerbieten als eine Beleidigung, es lag etwas darunter verborgen, das fühlte sie. Die Gedanken dieses Mannes waren nicht rein, das Tasten seiner Blicke empfand sie als einen körperlichen Schmerz.
Wo waren die Rosen, daß sie sie unter die Füße trat?
* * *