Part 13
»Armer Kerl! Und nun wollen Sie, daß ich an seine Stelle trete?«
»Ich will Sie bitten, mir das Geld zu leihen, um ihm das seinige zurückgeben zu können. Sie bekommen alles gegen Zinsen zurück, ich denke, wir behandeln die Angelegenheit ganz geschäftlich.«
»Hm, ganz geschäftlich. Also zehntausend Mark gegen Zinsen. Welche Sicherheit bieten Sie mir, und wann und wie wollen Sie zurückzahlen?«
Sie sieht ihn verständnislos an. »Das weiß ich nicht.«
»Ja, Sie müssen sich doch eine Vorstellung gemacht haben, wie Sie Ihren Verpflichtungen nachkommen können und wollen.«
»Ich hoffe, bald viel Geld zu verdienen, und dann will ich zurückzahlen.«
»Viel Geld verdienen, als Konzertsängerin, die im Anfang ihrer Laufbahn steht? Es mag ja so sein, und ich will es Ihnen wünschen! Sie wären dann eine einzige unter tausend! Aber -- mein liebes Kind, auf dieser Basis läßt sich kein Geschäft machen. Das wollte ich Ihnen nur beweisen, und darum sprach ich geschäftlich mit Ihnen, nun lassen Sie uns freundschaftlich verhandeln.« Er legt seinen Arm um ihre Taille und fährt fort: »Also -- ich, als Ihr Freund, gebe Ihnen die zehntausend Mark und frage weder nach Zinsen noch nach Rückgabe. Ich verlange nur, daß Sie ein bißchen nett zu mir sind, so wie es ein guter Freund verlangen kann.«
»Sie wollen sich also durch die Hergabe des Geldes meine Gunst erkaufen! In klaren Worten ausgedrückt: Sie kaufen mich!«
Sie ist aufgesprungen und steht zornsprühenden Antlitzes vor ihm. »Kann denn ein Mann nie einer Frau gegenüber rein und uneigennützig helfen, muß denn immer das sinnliche Verlangen ins Spiel kommen? Ich verkaufe mich nicht, hören Sie? Ich will Ihr Geld nicht!«
»So beruhigen Sie sich doch, Kind, so habe ich es doch nicht gemeint. Ich sprach doch nur von Freundschaft, nicht von Liebe. Nur daß ich des öfteren ein Stündchen mit Ihnen plaudern darf, Sie besuchen kann, um Ihnen die Hand zu küssen.«
»Nein, ich will auch das nicht!«
Er ist an den Schreibtisch getreten und schreibt. »So -- hier haben Sie einen Scheck über zehntausend Mark.« Er steht auf, tritt dicht zu ihr und sieht ihr in die Augen. »Überlegen Sie, ob Sie mir die Rechte eines Freundes zubilligen wollen -- ich komme in ein paar Tagen und hole mir die Antwort.«
Gerda hält den Scheck in der Hand. Wie betäubt sieht sie darauf nieder. Hier die Befreiung von Winkelmann, dort die neue Fessel. -- Freundschaft! -- Heuchler, Betrüger! --
Sie steckt das Papier in ihr Täschchen, neigt kühl und gemessen das Haupt und schreitet zur Tür hinaus. --
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Den ganzen Tag geht sie in dumpfer Betäubung umher. Unmöglich beides! Einen Ausweg, wo gab es einen Ausweg?
Er hatte gesagt: ›Wovon und wann wollen Sie zurückzahlen?‹
Sie konnte ja nichts versprechen!
Sie konnte etwas erreichen, vielleicht in einem Jahr, vielleicht bedurfte es deren sechs, sieben! Sie konnte ihre Stimme verlieren! Es war doch ganz ungewiß, ob sie ihr Ziel erreichen würde. Die Angst kam über sie. Wenn nicht? Was dann -- was dann?
Den Scheck hatte sie in den Schreibtisch geschlossen, sie würde ihn dem Kommerzienrat geben, wenn er käme. Dies würde ihre Antwort sein.
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Zwei Tage waren bereits vergangen, und Gerda hatte das Geld noch nicht an Winkelmann zurückerstattet. Sie war wie im Fieber. Arbeiten konnte sie nicht. Die Stunden hatte sie abgesagt, sie hätte ja doch keinen Ton hervorgebracht.
Was tun? Es mußte etwas geschehen.
Sie öffnete den Schreibtisch und nahm den Scheck zur Hand. In einer Stunde konnte das Geld an Winkelmanns Konto überwiesen sein.
›Ihr Freund, der Kommerzienrat Menders!‹ hörte sie die Leute sagen.
Sie sah seine blinzelnden Augen lüstern auf sich gerichtet, sah seine feuchten Lippen sich ihr nähern, fühlte seine tastenden Hände. -- -- Voller Ekel warf sie den Scheck in den Kasten zurück und verschloß ihn. --
Sie nahm die Zeitung zur Hand, wie konnte sie daran vergessen, heute mußten die Konzertkritiken darin stehen.
Sie fand ihren Namen und las. Auch das noch. Sie sprang auf und preßte die Hand an die pochenden Schläfen. Runtergerissen! Welche Mühe, welche Arbeit hatte sie aufgewandt, und nun dies! Noch nichts hätte sie erreicht! Weiterlernen -- studieren -- noch Jahre konnten vergehen, ehe sie eine fertige Künstlerin sein würde.
Man hatte ihr zugejubelt, und sie gefeiert, und nun kam da so ein Zeitungsschreiber und nannte sie eine Anfängerin mit mittelmäßiger Stimme.
Lächerlich! Wenn dem so wäre, so hätte sie diesen Beifall nicht gehabt! Aber sie wollte doch bis zu Ende lesen, was hatte er denn noch auszusetzen? So -- deswegen der Beifall -- ihre wundervolle, vornehme und aparte Erscheinung siegte über ihr Talent! ›Es ist ein Verbrechen des Publikums und der guten Freunde, wenn sie, bezaubert durch die Erscheinung, der Vortragenden einen Beifall zollen, der nicht ihren Leistungen, sondern ihrer Persönlichkeit gilt.‹ -- So schrieb der Kritiker.
Gerda legte das Zeitungsblatt auf den Tisch und fuhr mit der flachen Hand darüber hin, als ob sie es glätten wollte.
War es wirklich nur ihre Schönheit, die wirkte?
Nicht ihre Stimme, ihre Kunst?
Dann brauchte sie ja nicht zu studieren, hatte nur nötig, sich zur Schau zu stellen.
Sie lachte auf.
Also einpacken, nach Hause fahren. Stillsitzen und die Versorgung erwarten in Gestalt eines Hauptmanns. Von Garnison zu Garnison ziehen, Kinder bekommen, Wirtschaft führen.
Nach Hause? Sie hatte ja kein zu Hause mehr, den Weg hatte sie sich verlegt -- sie hätte ihn auch nicht betreten -- niemals.
Wieder untertauchen in die Alltäglichkeit -- nimmermehr -- dann lieber -- -- die Freundin des Kommerzienrats?
Sie würde ein sorgenloses Leben führen und die gefeierte Künstlerin _spielen_ können. Sein Geld und ihre Schönheit würden das erreichen, und vielleicht -- in Jahren -- würde sie sich dennoch, kraft ihrer Kunst, Geltung schaffen.
Sollte sie Winkelmann heiraten?
Auch hier erwartete sie Glanz und Reichtum. Auch durch ihn konnte sie ihre Stimme vervollkommnen, weiterarbeiten.
Verkauft -- verkauft!
Immer erst durch den Reiz ihres Körpers würde sie sich das erkaufen können.
Nun gut, so wollte sie denn ihre Schönheit ausnutzen. Aber nicht jenen beiden wollte sie sich verkaufen, nicht ihnen sollte ihr Körper gehören. Alle sollten sie sich ihrer Schönheit freuen, sollten Verlangen nach ihr tragen, aber -- gehören würde sie keinem. Ihre Gunst und ihr Körper waren nicht käuflich. Zur Schau wollte sie sich stellen und Kapital daraus schlagen!
Sie setzte sich an den Schreibtisch und schrieb zwei Briefe. Sie schickte dem Kommerzienrat den Scheck zurück und dankte ihm für sein gefälliges Entgegenkommen, aber sie könnte keinen Gebrauch davon machen. In dem anderen bat sie den Agenten Veilchenfeld um seinen Besuch. Sie adressierte die beiden Briefe und trug sie selbst zur Post. -- -- --
Nun blieb ihr nur noch übrig, mit Winkelmann abzurechnen. -- -- --
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»Ein Jahreseinkommen von zwanzigtausend Mark, Auftreten in nur erstklassigen Varietés, zwei Monate Ferien und Vorschuß von fünftausend Mark sofort.«
Der Agent schrie auf: »Fünftausend Mark, was denken Sie, sagen wir zweitausend!«
»Fünftausend, und sofort, oder ich unterschreibe nicht.«
»Ich kann nicht. Das ist ein Viertel Ihrer Jahresgage. In zwei Monaten treten wir unsere Reise erst an, wenn Sie bis dahin sterben? Sie können verunglücken! Ihre Stimme -- will sagen, Ihre Schönheit, kann leiden -- ich riskiere zuviel dabei.«
Gerda stand auf. »Sie müssen das riskieren oder auf mich verzichten.«
Er seufzte und zog das Scheckbuch aus der Tasche.
»Gut -- also viertausend.«
»Fünftausend!«
»Und wenn Sie sterben?«
»Dann buchen Sie auf Verlustkonto.«
»Das sagen Sie so ruhig.«
»Schreiben Sie, ich muß zur Bank.«
Veilchenfeld schrieb, und Gerda fuhr zur Bank und überwies an Winkelmann zehntausend Mark.
* * *
Winkelmann hatte versucht, sich zu betäuben. Die alten Mittel. Spiel und Weiber. Er besuchte die Nachtlokale, veranstaltete tolle Sektgelage, und kam niemals allein heim. Er suchte seine Leidenschaft zu ersticken, suchte Vergessen in den Zügellosigkeiten mit käuflichen Frauen. Es gelang ihm nicht. Hielt er eine Frau in seinen Armen, so überkam ihn der Ekel vor sich selbst und vor dem Weibe, das sich ihm aus Laune oder Geldgier preisgab. Er überhäufte die Frau mit Schmähungen und hieß sie gehen, um allein zu sein. War er allein, so überkam ihn eine wilde Sehnsucht nach der einen einzigen, die ihm widerstanden, und von der er nicht los kam. Eines abends traf er ein Weib, das eine entfernte Ähnlichkeit mit Gerda hatte. Er bestellte sie für den anderen Nachmittag in seine Wohnung. Als sie kam, hatte er ein Lager von dunkelroten Rosen bereitet. Sie mußte sich ausziehen, mußte ihre rötlich schimmernden Haare lösen und mußte sich auf das Lager legen. Er kniete davor und betete sie an. Als er schweigend wohl so eine Stunde gelegen, streckte sie die Arme aus und zog ihn empor. Mit einem erstickenden Schrei preßte er sie in seine Arme und schloß die Augen.
Nun hatte er sie doch bezwungen, sie hatte sich ihm hingegeben.
Da fuhr er auf. »Du bist es nicht -- diese gierigen Küsse -- du bist ein schamloses Weib -- geh -- geh --« schrie er sie an.
Er vergrub sein Antlitz in die Kissen, stöhnte laut und rang mit seiner Begierde. -- -- --
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Die Benachrichtigung seiner Bank -- Überweisung von zehntausend Mark im Auftrage von Fräulein von Wangenheim -- hielt er in Händen.
Nun war sie ganz von ihm gelöst. Das letzte Band, an dem er sie noch zu halten gehofft, sie hatte es zerschnitten.
Sie war fertig mit ihm.
Das Geld!
Von wem hatte sie das Geld erhalten?
Reitzenstein? Der hatte kein Vermögen.
Der Kommerzienrat?
Das Blut stieg ihm zu Kopf.
Der konnte nur einen Kaufpreis verlangt haben.
Hatte sie schon bezahlt?
Das Blut in seinen Schläfen hämmerte wild.
Er ballte die Faust und zwang sich zur Ruhe.
Er ging zum Schreibtisch und entnahm ihm seinen Revolver. Er prüfte die Waffe, sicherte sie, steckte sie zu sich, und fuhr in die Pension am Steinplatz. -- --
»Das gnädige Fräulein ist zur Gesangstunde und wird erst gegen Mittag zurückerwartet,« wurde ihm der Bescheid.
In der Gesangstunde! Er wußte den Weg, den sie machen mußte. Quer durch den Tiergarten -- das war gut -- er konnte sie stellen.
Langsam schritt er dem Tiergarten zu. Es war ein heller, sonniger Märztag, eine laue Frühlingsluft wehte, und die ersten Knospen zeigten sich an den Sträuchern. Winkelmann setzte sich auf eine Bank.
Es war einsam um ihn, soweit er den Weg überblicken konnte, sah er keinen Menschen. Er zog den Revolver und entsicherte ihn. Lächelnd betrachtete er ihn, fuhr spielend darüber hin und steckte ihn wieder in die Tasche.
So saß er wartend.
Endlich kam sie. Ganz allein. Und ringsum kein Mensch als sie und er. Langsam kam sie einher. Sie trug noch immer Schwarz, die Trauer um ihren Vater. Auf ihrem Haar schimmerte die Sonne. Es flimmerte und funkelte.
Er steht auf und geht ihr entgegen.
Als sie ihn sieht, bleibt sie unwillkürlich stehen.
Er tritt dicht an sie heran.
»Sie wollen mich los sein -- Sie haben mir das Geld zurückgeschickt -- aber eines muß ich wissen -- haben Sie« -- seine Aufregung ist so groß, daß er Mühe hat, zu sprechen -- »haben Sie sich dem Kommerzienrat verkauft?«
Sie mißt ihn mit einem eisigen Blick. »Was kümmert Sie das?«
Ihre Kälte und Ruhe macht sein Blut kochen, seine Hand fährt in die Tasche und umspannt den Revolver. »Du wolltest mir nicht angehören -- aber wenn du -- wenn du« -- wieder würgt ihn die Erregung -- »du sollst auch keinem anderen angehören -- hörst du?«
Verächtlich sieht sie ihn an.
»Hast du ihm angehört?« schreit er jetzt laut.
»Was kümmert Sie das?«
»Ich dulde es nicht!« und er hebt die Waffe gegen sie.
Sie bleibt ruhig stehen, und hat nur das eine Wort: »Pfui!«
Da sinkt der ausgestreckte Arm, und er sagt tonlos: »Gehen Sie, gehen Sie schnell --«
Und sie geht. Geht langsam, ruhig und hoheitsvoll ihren Weg. Ist zehn Schritte gegangen, da kracht ein Schuß. Ein Zittern fährt durch ihre Ruhe. Hat er die Waffe gegen sich selbst gerichtet? Sie bleibt stehen. Alles tot und still, und ringsum kein Mensch. Nur er und sie. Sie lauscht atemlos.
Sie fühlt -- fühlt etwas, das sie rückwärts zwingt, sie wendet sich um. Da liegt eine Gestalt am Wege -- ein langer, dunkler Streif -- lautlos und still. Mit schweren Schritten geht sie zurück. Und sie starrt auf die Gestalt zu ihren Füßen. Ein dünner, roter Streifen sickert langsam aus dem schwarzen Tuch, an der Stelle des Herzens hervor. Die Rechte umspannt fest den Revolver.
Sie lauscht atemlos.
Und ringsum kein Mensch.
Nur er und sie.
Zwei gebrochene Augen suchen den Himmel.
Da jagt sie von dannen. -- -- --
Sie steht in ihrem Zimmer.
Da draußen liegt ein Mensch -- ein Mensch, der ihr Freund gewesen -- der sie geliebt -- den seine Liebe für sie in den Tod getrieben. -- Er liegt einsam, verlassen -- -- Menschen werden ihn finden -- -- sie muß jemand benachrichtigen. -- -- --
Gerda stürzt hinüber zu Lotte Wunsch.
Lotte ist zu Haus und springt empor bei Gerdas ungestümem Eindringen. »Was ist geschehen, Fräulein von Wangenheim?«
»Im Tiergarten liegt Winkelmann, tot, allein! --«
Lotte starrt sie an.
»Er hat mich erwartet -- wir hatten Streit -- er hat sich erschossen -- --«
»Wissen Sie bestimmt, daß er tot ist?«
Gerda nickt.
»Man muß ihn holen, er darf da nicht liegenbleiben. Sie wissen die Stelle zu finden?«
»Ja -- aber wir allein?«
»Ich telephoniere an Reitzenstein. Ist es weit von hier?«
»Nein.«
»Gut, so mag Reitzenstein uns abholen. Sie zeigen ihm den Platz. Er kann dann alles weitere veranlassen, und wir ziehen uns zurück.« -- -- --
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Als sie zurückgekommen waren, löste sich Gerdas Aufregung in Tränen.
»Haben Sie sich einen Vorwurf zu machen, Fräulein von Wangenheim?«
»Wenn Sie mir zum Vorwurf machen wollen, daß ich seine Leidenschaft nicht erwidern konnte!«
»Daraus kann Ihnen natürlich niemand einen Vorwurf machen. Ich meine, haben Sie ihn vielleicht in dem Gedanken gewiegt -- -- --«
»Ich habe ihm von Anfang an gesagt, daß ich niemals die Seine werden könnte.«
Lotte schweigt. Sie hatte Gerda ihr leichtsinniges Verhalten Winkelmann gegenüber zum Vorwurf machen wollen -- aber -- was sollte das nutzen? Sie hatte mit Winkelmann gespielt, wie sie mit Reitzenstein spielte, und wie sie es noch mit vielen anderen tun würde. Mochte sie ihre Wege gehen. Vielleicht war sie auserkoren, ihre Mitschwestern an den Männern zu rächen. Sie hatte ja gezeigt, daß sie die Natur dazu hatte. Sie erweckte Hoffnungen, erteilte Gunstbezeugungen, entflammte Blut und Herzen, und schritt dann kühl und lächelnd über zerbrochene Existenzen.
* * *
Die Berliner Kunstausstellung des Jahres 1914 war eröffnet.
Das Publikum drängte sich in den Sälen und begutachtete die neuen Schöpfungen.
In dem letzten der großen Mittelsäle, in welchem die Bildhauer zu ihrem Rechte kamen, standen vor einem Bildwerk, welches gleich einem großen Schrecken aus grünem Blattgewirr hervortauchte, zwei Menschen.
»Wie heißt dieses Ungeheuer?« fragte der alte, weißhaarige Herr den neben ihm stehenden jungen Mann.
»Der Mensch!«
»Der Mensch?« Der Alte blickte mit starkem Interesse auf das Werk.
»Das Tier, sollte darunter stehen,« sprach der Junge.
»Das Tier im Menschen -- von dem die heutige Welt sich beherrschen läßt, mein Sohn! Dies Werk spricht vom Erkennen der Zeit.«
»Vater, du wirst doch im Ernst nicht behaupten wollen, daß wir von solch maßlosen Begierden, wie sie auf diesem Gorgonenhaupt thronen, beherrscht werden?«
»Die Menschen werden mehr davon beherrscht, als sie ahnen. Die Gier nach Reichtum und Genuß, nach Sinnenlust und Ruhm, beginnt Sitte und Moral zu überwuchern, und lockert die Bande der Nächstenliebe. Ein jeder hält nur seine persönlichen Interessen, sein eigenes Ich, im Auge, und vergißt darüber das Wohl seiner Mitmenschen.
Sieh, diese unersättliche Gier, die alles verschlingt, alles in sich hineinfrißt. Ein großer Künstler und fühlender Mensch hat dieses Werk geschaffen.«
Der Sohn suchte nach dem Namen. »Eine Frau ist es, die dieses geschaffen -- ›Lotte Wunsch‹ -- steht darunter.«
»Eine Frau schafft ein Werk von dieser Kraft und Stärke?«
Eine lebhafte Gruppe trat vor das Kunstwerk.
»Donnerwetter, ein Schlag ins Gesicht! Wer fühlt sich getroffen?«
Alle lachten. »Nettes Menschenbild!«
»Soll ’n Witz sein!«
»Nee, Abklatsch. Könnte euch die Vorbilder nennen, nach denen sie gearbeitet hat. Kapitales Frauenzimmer, die Wunsch!«
»Ich kann die Menschen, die sich durch das Geißeln menschlicher Schwächen über andere erheben wollen, nicht leiden.«
»Wer sagt Ihnen denn, daß sie sich überheben will? Vielleicht hat sie viel durch Unbeherrschtheit gelitten. Mag sein, durch eigene -- mag sein, durch die Schwachheit der anderen.«
»Meine Herren,« mischte sich der weißhaarige Herr in die Unterhaltung der Gruppe. »Dieses Werk ist ein Markstein unserer Zeit -- dieses Werk fordert ein gebieterisches Halt!«
»Erlauben Sie, mein Herr!« Aus der Gruppe löst sich Herr von Reitzenstein und stellt sich gerade und aufrecht vor den alten Herrn hin. »Wovor sollen wir haltmachen? Wir, die neue Generation, sind ein zielbewußtes, starkes Geschlecht. Glauben Sie wirklich, daß, wenn ein oder der andere sich zügellos von seinen Leidenschaften beherrschen läßt, dadurch die ganze Menschheit zugrunde gehen wird? Sie vergessen, daß wir hier die Phantasie einer Künstlerin vor uns haben, die, schwelgend in der genialen Ausführung ihrer Phantasien, doch nur einen kleinen Ausschnitt der Allgemeinheit wiedergegeben hat.«
»Es sind die Phantasien eines über die Menschheit weinenden Herzens, Herr Leutnant.«
»Mag ein Herz über die Menschheit weinen, andere hingegen freuen sich des lachenden Lebens.«
»Was, mein Herr, wollen Sie unserer Zeit zum Vorwurf machen? Ist es nicht eine Freude, gerade in dieser Zeit zu leben? Einer Zeit der Entdeckungen, der Erfindungen, einer Zeit der Ideen und der Aufklärungen?«
»Wir sind eben moderne Menschen,« ergriff Reitzenstein wieder das Wort. »Haben Sie eine Vorstellung, was das bedeutet, mein Herr? Ein moderner Mensch ist ein freidenkender Mensch, dem es einerlei ist, was der andere tut. Der dem Menschen die menschlichen Schwächen zubilligt, weil er weiß, daß wir eben Menschen sind. Ein moderner Mensch ist ein Mensch ohne Ideale und Träume, es ist ein Mensch mit gesunden Sinnen und mit gesundem Egoismus.«
Der Weißhaarige lächelte.
»Gesunder Egoismus! Egoismus ist immer ungesund, ist nichts weiter als Eigennutz und Rücksichtslosigkeit. Der Egoismus der heutigen Zeit, das ist die Wurzel des Übels. Der Egoismus regiert die Welt. Er ist es, der Freundschaft, Liebe, Gefühl, der das religiöse Empfinden aus der Welt verdrängt hat. Er ist es, der die Menschen lehrt, sich schrankenlos ihren Begierden, ihren Leidenschaften hinzugeben.
Auch ich, meine Herren, bewundere die Errungenschaften unserer Zeit, soweit sie auf dem Gebiete der Technik und der Wissenschaften beruhen, aber ich beklage tief, daß über diesen Errungenschaften die Ideale und die Gefühlswelt versinken mußten.
Oder halten Sie es wirklich für wertvoller, daß statt dessen der Materialismus und der Atheismus an die Spitze getreten sind?
Wir leben in einer Zeit eminenter Entwicklungen des Hirns auf Kosten der Seele!
Schaffen Sie Gefühlswerte statt der Erfindungen, meine Herren, wenn Sie nicht wollen, daß eine Welt zusammenstürzt. Bekämpfen Sie den Materialismus, den Kultus der eigenen Persönlichkeit! Nehmen Sie den Kampf auf mit Ihrem eigenen Ich. Vielleicht bedarf es nur eines kräftigen Willensaktes -- und aus Zerstörern -- werden Erbauer!«
»Wie kann man von Zusammenbruch sprechen angesichts der Kulturwerte, die unsere heutige Zeit geschaffen?«
»Der höchste aller Kulturwerte, das ist die Entwicklung der Gefühlswelt, die Sie aus der Welt schaffen wollen. Schon zu tief umstrickt von Eigennutz und Selbstsucht sind die Menschen. Sie sehen nicht die Furien, die ihnen entgegenrasen, sie hören nicht den Orkan, der ihnen entgegentobt. Blind und taub wüten sie ihm entgegen. Und er wird sie einhüllen in Leid und Schmerzen, in Jammer und Not. Ich sehe die Menschen eingehüllt in purpurne Wolken und in tiefe, nachtschwarze Schatten. Schreien und Wehklagen ist in der Luft. Feurige Blitze zucken, Donnergebrüll rast durch das All. --
Ich aber freue mich. Ich werde lachen, wie -- ›Der Mensch‹ -- lacht«, und seine ausgestreckte Rechte wies auf das aus dem grünen Blätterwerk hervorragende Ungeheuer, sein Blick wurde hell und prophetisch:
»Denn aus Trümmern und Gebein -- aus Blut und Asche wird etwas geboren werden -- geboren vom unerbittlichen Schicksal -- höherstehend als alle von Menschen geschaffenen Kulturwerte -- daraus geboren wird:
die Seele der Menschheit!«
Der Weißhaarige ließ die ausgestreckte Rechte sinken, sein Blick erlosch, er wandte sich und ging.
Und sie hörten alle ein Lachen. Ein sonderbares Lachen. Erst klang es höhnend, toll und siegesgewiß. Dann kamen Klagelaute und Schmerzenstöne in seinen Klang, jetzt Stöhnen und Ächzen, nun wurde es leiser -- und jetzt klang es silbern und hell, wuchs empor zu jubelndem Lachen und verklang zu jauchzendem Laut hoch oben in der Luft.
Lachte der Greis oder lachte das Schicksal?
* * *
Druck von _F. E. Haag_, Melle i. Hann.
Die Sittenromane von Jolanthe Marès Stimmen der Presse nachstehend
Lilli
Ein Sittenbild aus Berlin W
50. Tausend Steif broschiert Mark 4,50 Gebunden Mark 7,--
Lillis Ehe
Ein Sittenbild (Fortsetzung von Lilli) 50. Tausend Steif broschiert Mark 4,50 Gebunden Mark 7,--
Mütterreigen
(Wie sie Mütter werden) Steif broschiert Mark 7,50 Gebunden Mark 10,--
Seine Beichte
Der Roman eines Lebemannes Steif broschiert Mark 7,50 Elegant gebunden Mark 10,--
Neu! Das große Unrecht Neu!
Aus dem Leben eines Frauenarztes Roman Steif broschiert Mark 10,-- Gebunden Mark 12,--
Wilhelm Borngräber Verlag Berlin
Publikum, Presse und Autoritäten über Wert und Nützlichkeit des Buches »Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin W von Jolanthe Marès. Verlag Wilhelm Borngräber.
Lily Braun:
Das Buch »Lilli« von Jolanthe Marès ist eine ebenso glänzende wie wahrheitsgetreue Schilderung der Verhältnisse, in denen die Jugend von Berlin ~W~ heute aufwächst und unter denen sie notwendig physisch und moralisch zugrunde gehen muß. Das Buch wirkt auf jeden ernsten, anständigen Menschen tief erschütternd. Es ist ein überaus nützliches Werk sittlicher Aufklärung, das mit dazu beitragen kann, die Verhältnisse zu ändern. Es müßte allen Eltern -- auch allen, die es werden wollen -- in die Hand gegeben werden. Für Kinder ist nicht bestimmt. Man hat aber bisher auch die Streichhölzer nicht verboten, weil Kinder sich zuweilen daran verbrennen.
~Dr. phil.~ Helene Stöcker:
»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin ~W.~ -- Die Erfahrungen und Schicksale dieser jungen Damen einer bestimmten Gesellschaftsklasse sind kaum dazu angetan zur Nachahmung zu reizen, wohl aber zeigen sie uns ein Bild von dem, was ist und geben dadurch am ehesten zur Abwehr und zu Änderungsversuchen Anlaß und Möglichkeit. Die Darstellung ist keineswegs so, daß sie die Grenzen dessen, was gesagt werden muß, um die Tatsachen festzustellen, überschreitet. Man kann diesem Buche nicht nachsagen, daß es etwa auffordert, dieser frivolen und leichtfertigen Lebensart nachzuleben. Im Gegenteil, es läßt die sehr ernsten und bedenklichen Konsequenzen eines solchen Lebens deutlich erkennen.
Münchener Neueste Nachrichten:
»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin ~W~, möchte ich literarisch nicht zu hoch einschätzen, aber diese Wertung hat es als selten mutige Anklageschrift gar nicht nötig. Es wirkt in der Zweckform vielleicht stärker, als wenn es ein vollendetes Kunstwerk wäre. Und der Ernst, mit dem es den Eltern gewidmet ist, hebt es über den Verdacht, pornographische Literatur sein zu wollen. In dem Schluß, den die Verfasserin gibt, liegt viel mehr Hoffnungslosigkeit, als sie in ihrem Vorwort vermuten läßt; er erhebt sich denn auch zu einer Anklage, die bei manchem Biedermann Entrüstung hervorgerufen hat und noch weiter hervorrufen wird. Man kann und will es einfach nicht für möglich halten, daß jene Gesellschaftsklasse, auf die man wie auf ein goldenes Märchen blickt, moralisch verseucht ist, daß ihre Töchter eine Vorurteilslosigkeit besitzen, die vom Dirnentum keinen allzu großen Abstand hat. An der Echtheit der Schilderungen ist wohl nicht zu zweifeln; dafür spricht ihre Einheitlichkeit, die richtige Zeichnung der Charaktere, oft nur mit wenigen Strichen, und die genaue Kenntnis der Lebensgewohnheiten jener Menschen. Die Verfasserin hätte uns gewiß neben den Tatsachen auch die richtigen Namen nennen können, wenn es Sinn gehabt hätte. Es ist natürlich schon eine mutige Tat, so ein Buch zu schreiben, und sie verdient uneingeschränktes Lob. Wenn es auch nur bei einigen wenigen auf fruchtbaren Boden fallen würde, wenn nur einige Eltern anfingen, nachzudenken, daß sie bisweilen selbst an der Verwahrlosung der Kinder die größte Schuld tragen, und wenn die Kultur, die man so oft eitel nennt und als äußerlichen Schliff und elegante Lebensführung betrachtet, wieder in ihrem Wesen als geistige Macht und seelischer Hochstand erkannt würde, so wäre schon etwas damit gewonnen.
Hauptmann Heinrich Peters: