Part 4
Ebba probierte die Wirkung einer bronzenen Vase, welche, gefüllt mit herrlichem blaßlila Flieder, ihr von ihrer Schwägerin heute übersandt worden war. Sie besaß nun ihr Heim, nach welchem sie sich gesehnt hatte. Ein Gefühl wohligen Behagens empfing sie. Sie stellte den Fliederstrauß auf ihren Schreibtisch, trat zurück und prüfte die Wirkung. Wundervoll hoben sich die zarten Blüten gegen den tiefblauen Ton der Tapete. Sie war zufrieden. Aber dort, der hellrote Tulpenstrauß, er tat ihren Augen weh. Sie haßte grelle Farben. Sie konnte sie nur vorübergehend ertragen. Beim Umherschweifen ihrer Blicke freute sie sich wohl oft eines hellfarbenen, freudigen Tones, er brachte Abwechselung in gedämpfte Farben, die sie bevorzugte, aber lange war es ihr nicht möglich, darauf zu verweilen, er machte sie unruhig. Um sie herum mußten weiche, satte Töne sein. Sie trug den Rosenstrauß in den Vorflur, setzte ihn dort auf das kleine weißlackierte Tischchen, neben welchem die weißen, mit dunkellila Leinen bespannten Sessel zum Sitzen einluden. So, hier paßte er hin, die satte lila Farbe dämpfte das leuchtende Rot. Sie trat in ihr Arbeitszimmer zurück, rückte hier noch an einem Sessel, gab einer Bronze noch einen andern Platz und schritt in das anstoßende Speisezimmer, um selbst den Abendtisch zu arrangieren. Es war eigentlich noch zu früh dazu, aber was machte es, sie freute sich so sehr, tätig sein zu können, es machte ihr Spaß, ihre Schätze auskramen und die Wirkung des Geschirrs auf dem feinen Damast zu probieren. Ob wohl jene Gläser sich besser machen würden unter dem gelben Scheine des Seidenschirms, welcher über dem runden Tisch leuchtete? Oder ob sie die matt bernsteinfarbenen nahm? Welches Blumenarrangement sollte sie für die Mitte wählen? Sie war reichlich mit Blumen bedacht. Sträuße und ganze Körbe hatte man ihr als Glücksspende für die neue Wohnung ins Haus gesandt. Sie brauchte nur die Wahl zu treffen. Hier dieses Arrangement, es war zu prunkvoll, paßte nicht für die intime kleine Feier, erwartete sie doch nur zwei Gäste, Lotte Wunsch und Gerda von Wangenheim. Ihre Hand griff nach einem Strauß dunkelroter Rosen, sie setzte ihn auf den Tisch. Sie empfand ihn als zu glutvoll unter der starken Beleuchtung. Die dunkelrote Pracht schien ihr intensiver, duftender, wenn sie abgedämpft. Sie brachte einen feinen venezianischen Kelch, in welchem mattrosa japanische Blüten steckten, in die Mitte des Tisches, und die Blüten behaupteten ihren Platz.
Die Uhr im Speisezimmer schlug mit tiefen, dunklen Tönen sieben Uhr. Nun hatte sie noch eine Stunde Zeit. Sie wollte dem Mädchen in der Küche ein wenig behilflich sein, ihr zeigen, wie sie das Anrichten der Schüsseln liebte. Wenn sie dem Mädchen auch selbständiges Arbeiten zutrauen konnte, so war es für sie doch Bedürfnis, daß in ihrem Haushalt in allem ihren eigenen Wünschen entsprochen wurde. Die persönliche Note liebte sie nicht nur in ihrer Kleidung, in dem Arrangement der Möbel und Blumen, auch bis hinein in das Küchenreich wünschte sie damit zu dringen. Als sie eben die Küche betreten, sich eine große Wirtschaftsschürze vorgebunden, klingelte es.
Ihr Bruder, der Bankdirektor Westphal, wünschte sie zu sprechen.
»Lukas, du kommst zu mir, beraubst dich deiner Zeit?«
»Du hast recht, dich zu wundern. Möchte ich doch selbst darüber erstaunen, daß ich Zeit finde, mich mit der Angelegenheit anderer zu beschäftigen.«
»Sage mir nur, warum bringst du eine solche Unruhe in dein Leben? Du hast dein gutes Auskommen, hast deine Stellung, hast erreicht, was dir wünschenswert erschien, ich sollte meinen, du könntest dir wirklich ein wenig Ruhe gönnen.«
»Du hast ja recht, Ebba -- aber du kennst eben den modernen Großstadtmenschen nicht, dem ist keine Ruhe vergönnt. Ruhe ist Stillstand, und Stillstand ist Rückschritt.«
»Ich bitte dich, es muß doch einen Ruhepunkt geben im Leben eines jeden. Jeder sollte sich doch der Früchte freuen, die er gesäet hat.«
»Dazu haben wir keine Zeit.«
»Also über dem ewigen Vorwärtsstreben kommt ihr nicht zum Genuß dessen, was ihr erreicht habt. Es ist dies etwas Ungesundes, etwas Krankhaftes. Ich kann nicht glauben, daß sich ein jeder sein Leben so zimmert. Was zum Beispiel treibt dich immer wieder, immer mehr zu erraffen, warum genügt dir das Erworbene nicht? Warum überbürdest du dich mit Direktionsposten, bist Aufsichtsrat mehrerer Gesellschaften, gönnst dir Tag und Nacht keine Ruhe, erkläre mir das. Warum?«
»Kind, das ist schwer zu erklären. Wenn ich offen sein soll, so muß ich dir gestehen, daß mir das alles selbst nie zum Bewußtsein gekommen ist. Erst jetzt, als du und mit dir unsere schöne ruhige Jugendzeit mir wieder vor Augen trat, sah ich, daß ich niemals zum Atemschöpfen gekommen bin. Warum? Wieso? Es ist hier nun einmal so der Kurs. Man steuert hinein und merkt es kaum, in welches Eilzugtempo man gekommen ist. Verschnaufen, aussteigen, das gibt es nicht, dann nimmt ein anderer deinen Platz ein, und du kannst sehen, wo du bleibst. Das Leben kostet viel, sehr viel, wenn man eine elegante Frau hat, die Ansprüche an einen stellt. Man versteht eben heute nicht mehr anspruchslos zu sein. Die gesteigerte Kultur der großen Städte ist ein Moloch, dem wir alle anheim fallen. Ich muß arbeiten, um das alles aufbringen zu können, viel arbeiten.« Und seinen Mund umspielte ein zerstreutes müdes Lächeln.
»Und Thea? Kann sie es mit ansehen, daß du dich aufreibst bei diesem Leben?«
»Meinst du wirklich, daß sie das sieht? Das alte Wort, daß Mann und Frau eins sein sollen, hat für uns keine Bedeutung. Unsere Wege haben sich schon seit langem getrennt.
Nein, sie weiß nichts von mir. Niemals fragt sie nach meinen innerlichen Gedanken, nach dem, was mein Inneres bewegt. Wir sind einander tatsächlich Fremde. Sie weiß nicht einmal von jenem Verständnis, mit welchem das Weib die Erde dem Manne zum Paradiese machen kann.«
»Aber ihr habt doch aus Liebe geheiratet, es kann doch nicht immer so gewesen sein zwischen euch?«
»Was man so Liebe nennt! Was weiß man denn voneinander vor der Ehe! Du -- du hast doch deinen Mann auch aus Liebe geheiratet, es ist das Sonderbare im Leben, daß immer die nichtzusammenstimmenden Menschen zueinander finden. Ja: wenn ich eine Frau gefunden hätte, wie du es bist! Sie geht auf in den gesellschaftlichen Zerstreuungen. Sie lebt von fremden Menschen mit fremden Menschen.
Ich bin ein einsamer Mann, Ebba.«
»Aber Inge, ihr habt eine Tochter, du hast Pflichten gegen sie.«
Er zuckte die Achseln. »Ich hatte so wenig Zeit, und jetzt -- ist es wohl schon zu spät.«
Tränen verdunkelten ihren Blick. »Nein, nicht zu spät. Schick mir oft Inge, Lukas. Willst du? Sieh, ich bin einsam -- ohne Zweck, ohne etwas, das mir Freude macht, ich meine ohne etwas, um dessentwillen es sich lohnt, zu leben, vielleicht kann ich ihr etwas sein.«
»Gern, wie gern, Ebba -- das heißt, wenn sie mag.«
Die Uhr im anstoßenden Speisezimmer schlug die achte Stunde. Erschrocken sprang er auf.
»Um des Himmels willen, ich sollte Thea begleiten, es ist Premierenabend im Deutschen Theater -- und ich habe dir noch nicht einmal gesagt, was mich zu dir geführt hat. Ich habe deine Scheidungsklage meinem Anwalt übergeben, es wird alles in die Wege geleitet. Er hat mir die Versicherung gegeben, daß es kaum nötig ist, dich persönlich zu belästigen.«
Sie waren aufgestanden. Die schlanke brünette Frau, deren Antlitz unendliche Güte und tiefe Traurigkeit spiegelte, streckte ihm beide Hände entgegen: »Willst du zu mir kommen, wenn du dich nach Ruhe sehnst, Lukas? Willst du mein Haus als das deine betrachten?«
Und der müde schlaffe Mann fühlte etwas in sich aufsteigen, eine würgende Bitterkeit kam über ihn, doch er bezwang sich. Sein gebeugter Körper reckte sich empor, er legte seine Hände in die ihm entgegengestreckten und sprach: »Ich will.« -- -- --
»Ebba, stellen Sie sich einen Moment in den Erker -- so -- so ist es recht -- ganz wundervoll,« jubelte Lotte Wunsch, »schauen Sie, Fräulein von Wangenheim, ist es nicht wie ein Bild? Der passendste Rahmen, den Sie sich schaffen konnten, ist diese Umgebung!«
»Sie sind ein Kind, Lotte.«
»Danke für das Kompliment, fehlte nur noch, daß Sie mir die Saugflasche umhängen.«
»Na, wenn nicht gerade umhängen, vielleicht noch in die Hand drücken,« neckte Ebba.
Und Lottes Augen strahlten. Ein Lächeln von Glückseligkeit verjüngte ihre Züge. Sie ergriff eine blaßrosa Rose aus dem auf dem Tisch stehenden Blumenarrangement und warf sie nach Ebba.
»Sie Übermut, Sie,« drohte diese, »aber nun vertreten Sie mich einmal und zeigen Sie Fräulein von Wangenheim mein kleines Nest, derweilen ich schnell in die Küche husche.«
»Sehr geschmackvoll, wirklich harmonisch das Ganze,« sprach Gerda. »Diese schweren dunklen Mahagonimöbel wirken herrlich zu der blauen Farbe der Vorhänge, sie geben dem Raum etwas Ruhiges, Abgedämpftes.«
»Und hier, vom Erker aus überschauen Sie die kleine ruhige Straße. Die Zweige der Kastanie vor dem Fenster können Sie greifen.«
»Ich hätte nie geglaubt, daß man hier in Berlin so etwas Abgeschiedenes, ich möchte beinahe sagen, so eine weltentrückte Stimmung finden könne. Ein Hauch von Ruhe und Frieden weht einem entgegen. Mir ist, als würde hier dem ärgsten Sturm Halt geboten, als sei dies ein stilles Hafenbecken, in welches Schiffbrüchige sich retten müßten.«
Ebba war zurückgekommen und stand vor dem hinter ihr wieder zurückfallenden Vorhang. Das dunkle Haar, welches locker zurückgekämmt, ließ die klare weiße Stirn, auf welcher zwei Falten eingegraben waren, die sie älter erscheinen ließen, frei. Das Dunkel der Haare verschwamm mit dem Dunkel des Sammets. Das veilchenfarbene Tuchkleid fiel in langen Falten herab und bedeckte ihre Füße, wie es bei einem Marmorbild zu sein pflegt. Die Handgelenke umschlossen die eng anliegenden Ärmel. Das Kleid hatte keinen Ausschnitt, sondern war bis zum Halse herauf geschlossen. Ihre in die Falten greifende Hand und ihr weißes Gesicht wirkten plastisch, wirkten als verkörperte Ruhe.
»Sie verstehen es, sich ein Heim zu schaffen und gemütlich zu machen, Frau Holm, jetzt begreife ich Ihre Sehnsucht nach ureigener Umgebung.« Gerda war zu ihr getreten. Ebba zog Gerdas Arm durch den ihren, und beide betraten zusammen das Speisezimmer, während Lotte ihnen folgte. »Ich muß gestehen, ich wäre nicht imstande, mir eine so stilvolle Umgebung zu schaffen, ich habe gar keinen Sinn dafür, ich lebe einzig und allein meiner Kunst.«
»Ich meine, andere glücklich machen ist auch eine Kunst, und das ist das Bereich von Ebba Holm,« erwiderte Lotte.
Ebba lächelte traurig. »Und fand doch nicht Verständnis bei dem einen --«
»Lassen Sie es gut sein, Verständnislose wird es immer geben, das darf Sie nicht mutlos machen. Bewahren Sie sich den Glauben an das Gute im Menschen, erhalten Sie sich Ihre Ideale. Uns modernen Großstadtmenschen sind die Ideale im Kampf des Lebens erstickt worden. Die Gebote der Nächstenliebe werden mit Füßen getreten. Kein Mensch kennt heutzutage mehr als seine eigenen Interessen. Jeder erfüllt nur die Wünsche seines eigenen Selbst. Wir leben im Zeitalter des Egoismus, des Ich-Kultus. Bleiben Sie der ruhende Pol, der den Glauben an die Menschheit nicht verliert.«
»An meinem Wollen soll es nicht mangeln, aber die Erfahrungen, die uns das Leben bringt! Sie selbst, sind Sie nicht mit geschwellten Segeln hinausgezogen, und waren Sie es nicht gerade, welche meinen Glauben zerstören wollte?«
»Ebba, gerade Sie sind es ja, welche den Glauben an die Menschheit wieder in mir erweckt hat, Sie haben einen Zwiespalt in mir geschaffen. Es kann so schlecht doch nicht um die Menschen beschaffen sein, wenn man Geschöpfen, wie Sie es sind, begegnet.«
»Sie werden überschwänglich, Lotte, aber daß Ihnen das Vertrauen zu den Menschen wiedergekehrt ist, das freut mich herzlich. Doch nun lassen Sie uns bitte von etwas anderem sprechen, bis jetzt ist in unverantwortlicher Weise von mir die Rede gewesen, als Hausfrau muß ich energisch dagegen Einspruch erheben. Schnell, erzählen Sie mir etwas aus der Pension. Was gibt es Neues dort, Fräulein von Wangenheim?«
»Die neueste Attraktion ist ein bleicher, griechischer Jüngling mit großen melancholischen Augen, sämtliche jungen Damen huldigen ihm. Er selbst scheint sich noch nicht schlüssig zu sein, welcher er die Gnade seiner Gunst zuteil werden lassen soll.«
»Und Miß Webb ist wieder auf einer neuen Station angelangt, Baron Reitzenstein, mit welchem sie eine kleine Strecke im Luxuszug zu fahren beliebte, ist zum Aussteigen aufgefordert, und Graf Wietersheim ist eingestiegen,« sprach Lotte.
»Eine schreckliche Person.« Und Gerda verzog verächtlich die Mundwinkel.
»Was wollen Sie, sie versteht es, sich die Männer nutzbar zu machen, echt amerikanisch! Für sie sind die Männer nur dazu da, um die Launen der Frau zu befriedigen. Sie fordert Luxus, Amüsement und Flirt! Glauben Sie, daß sie auch nur einem einzigen der vielen Verehrer eine Spur von Gefühl entgegenbringt?«
Gerda sah erstaunt auf Lotte. »So glauben Sie wirklich, das alles hat mit Liebe gar nichts zu tun?«
»Nicht das Geringste! Das ist es ja, was ich ihr zum Vorwurf machen möchte. Sie versteht die Kunst, alles zu nehmen und nichts zu geben, alle Hoffnungen zu erwecken, die Sinne zu schüren und bis zu glühender Flamme emporlodern zu lassen und nichts zu erfüllen. Das Spiel einer seelenlosen Kokette.«
»Daraus möchte ich ihr keinen Vorwurf machen. Warum? Wenn die Männer auf solch eine Kokette hereinfallen, geschieht ihnen schon recht, wenn sie genarrt werden. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet, übrigens ein Spiel, das mich reizen könnte.«
Ebba und Lotte sahen auf Gerda, in deren Augen eine gewisse Grausamkeit aufblitzte.
»Es könnte Ihnen von nicht geringem Nutzen in Ihrer Laufbahn sein, Fräulein von Wangenheim, wenn Sie es verständen, sich die Leidenschaften der Männer nutzbar zu machen, aber -- ich warne Sie -- kalt wie Marmor, hart wie Stahl müssen Sie sein, wenn Sie triumphieren wollen. Es ist ein gefährliches Spiel.«
»Lassen Sie das,« sprach Ebba unwillig zu Lotte, »hören Sie nicht darauf,« wandte sie sich dann an Gerda, »überlassen Sie die Koketterie den seelenlosen Puppen, ich nehme an, daß Sie zuviel Gemüt besitzen, um mit der Leidenschaft, sei es auch immer, welche es sei, zu spielen. Gewiß, das Begehren des Mannes geht oft über das Maß des Erlaubten hinaus, an uns ist es, ihn in seine Schranken zu verweisen und sein Begehren zu zügeln, nicht noch zu stacheln durch berechnete Herzlosigkeit.« --
Man war beim Nachtisch angelangt. Sie knabberten Schokolade, aßen kleine Kuchen, und Ebba bot Lotte die Zigaretten an, »Sie rauchen doch auch, Fräulein von Wangenheim?«
Lotte reichte das Feuerzeug hinüber. »Ich kann mir nun mal nicht helfen, den Genuß einer Zigarette möchte ich mir nicht nehmen lassen.«
In kleinen kurzen Wölkchen blies sie den Rauch in die Höhe, dann ergriff sie ihr Glas und sprach grüßend zu Gerda: »Auf Ihre Zukunft, Fräulein von Wangenheim, wann werden Sie an die Öffentlichkeit treten?«
»Nächsten Herbst gedenke ich mein erstes Konzert zu geben.«
»Dann müssen wir tüchtig vorarbeiten. Es ist notwendig, daß Sie mehr hervortreten. Was haben Sie für Beziehungen angeknüpft?«
»Eigentlich keine. Ich kenne außer unsern Pensionsleuten niemand.«
»Nun, dann müssen wir Sie einführen. Jetzt vor Weihnachten ist nicht mehr viel los, da ist alle Welt mit dem Fest beschäftigt. Aber in den Monaten Januar bis März ist Hochflut in Berlin, da müssen Sie sich in den Strudel stürzen. Versuchen Sie auf Privatfestlichkeiten, auf den jetzt so beliebten Tees, bei denen alle Welt zusammentrifft, zu singen und Interesse zu erregen.«
»Ach, Fräulein Wunsch, ich finde das so entsetzlich! Es liegt mir so gar nicht, die Menschen zu umwerben und zu umschmeicheln. Ich habe immer gemeint, die Kunst allein sollte die Menschen zwingen.«
»Im Grunde tut sie das auch. Aber was nützt Ihnen Ihre Kunst, wenn Sie niemand haben, auf den Sie sie wirken lassen können? Sie müssen bedenken, niemand kennt Sie, weiß etwas von Ihnen. Gerade hier in Berlin tauchen eine Unmenge Künstler auf, die sich berufen fühlen und denen eine jede Berechtigung eines öffentlichen Auftretens abzusprechen ist. Das Publikum ist mißtrauisch geworden und verhält sich ablehnend unbekannten Künstlern gegenüber.«
»Wozu ist dann aber die Kritik da?«
»Gute Kritiken sind allerdings sehr notwendig und beeinflussen Publikum und Agenten, doch volle Häuser schaffen sie Ihnen nicht. Sie müssen doch auch die Kosten eines Konzerts in Berechnung ziehen. Wollen Sie alles aus Ihrer Tasche bezahlen, soll Ihnen durch Verkauf der Billetts nichts zurückfließen? Wollen Sie vor leeren Wänden singen? Mit vornehmer Zurückgezogenheit ist es nicht zu machen, glauben Sie mir, ich meine es gut mit Ihnen.«
»Ich weiß es, Fräulein Wunsch, nur dies alles entspricht so wenig meinem Charakter.«
Lotte zuckte die Achseln und zündete sich eine neue Zigarette an.
»Unsinn! Sie haben sich doch nun mal diesen Beruf gewählt, haben sogar darum kämpfen müssen mit den Traditionen Ihres Hauses, haben diese überwunden, nun müssen Sie weiter auf selbstgewählter Bahn. Im übrigen denken Sie es sich viel schwieriger, als es in Wirklichkeit ist. Ich glaube sogar, daß man es gerade Ihnen leicht machen wird, sich durchzusetzen, denn bei Ihnen sind die Vorbedingungen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, vorhanden. Sie sind jung, von selbstbewußter vornehmer Haltung. Sie brauchen nur aufzutauchen, und das Interesse ist erweckt.«
»Wie wäre es, wenn Fräulein von Wangenheim auf dem Tee meiner Schwägerin im Januar sänge?«
»Das wollte ich eben vorschlagen, Frau Ebba. Bei Thea Westphal verkehrt ganz Berlin, alles, was sich zur Gesellschaft rechnet, kommt da einmal im Monat zusammen. Eine bessere Gelegenheit, sich in Szene zu setzen, können Sie nicht finden. Und wie ich Frau Thea kenne, wird sie entzückt sein, ihren Gästen einen neuen angehenden Star vorsetzen zu können, für die nötige Stimmungsmache ist sie besonders geeignet.«
»Ich bin Ihnen beiden von Herzen dankbar, es ist mir viel leichter ums Herz, wenn ich Sie zur Seite weiß und auf Ihre Hilfe zählen kann, so allein, ganz allein zwischen wildfremden gleichgültigen Menschen, der Gedanke macht mich ein wenig schaudern.«
* * *
»Unangemeldet zu Mama zu kommen, Tante Ebba, das ist riesenhaft leichtsinnig von dir. Nun hast du den ganzen Weg umsonst gemacht, Mama ist doch nie zu Hause.«
»Es tut nichts, Inge, dann plaudere ich eben ein bißchen mit dir.«
»Mit mir? Ist dir das nicht langweilig?« Und ein erstaunter Blick flog zu Ebba hinüber.
»Gar nicht langweilig, im Gegenteil, ich denke es mir gerade recht interessant, sich einmal mit dir zu unterhalten.«
Und sich setzend, zog sie Inge auf den nebenstehenden Sessel hernieder. »Du weißt, ich bin fremd hier. Ich will nicht nur die Stadt, ich will auch die Menschen, ihre Art und ihr Wesen kennen lernen. So ein junges Mädchen von heut ist doch beneidenswert. Wieviel Gelegenheit hat sie, sich auszubilden, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und einen Beruf zu ergreifen; ihr jungen Großstadtkinder sitzt an der Quelle, braucht nur zuzugreifen, alle Wege stehen bereit. Als ich so alt war wie du, war es noch anders, da waren uns noch die Hände gebunden.«
»Da führte man euch noch am Gängelbande und beschnitt euch die Flügel,« fiel Inge ein. »Ein Glück, daß ich später auf die Welt gekommen bin. Heute fangen doch die Eltern an, vernünftig zu werden und sehen ein, daß auch wir ein Recht auf Freiheit haben und daß man auch schon bei der Jugend mit Charakterveranlagungen zu rechnen hat.«
»So -- und welches ist denn nun deine Charakterveranlagung, wenn ich fragen darf?«
Inge sah sie nachdenklich an.
»Du scheinst doch ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, folglich mußt du auch über dich selbst im klaren sein.«
»Bin ich auch, und es macht mir auch gar nichts aus, dir meine Veranlagung zu gestehen, denn schließlich ist man ja nicht verantwortlich dafür.«
»Du machst mich aber wirklich neugierig, es scheint ja etwas ganz Gefährliches zu sein.«
»Ich bin veranlagt, Verbrechen zu begehen.«
Ebba lachte hell auf.
»Du lachst. Wenn du wüßtest, wie nahe ich daran war, eine Mörderin zu werden, zweimal, Tante Ebba. Das erstemal war ich neun Jahre alt. Es war in der Schule, wir hatten einen Streit bekommen und schrien aufeinander ein, ich überschrie sie alle, denn ich war im Recht. Unsere Klassenälteste war die einzige, welche sich an unserm Streit nicht beteiligte. Sie stand mir gegenüber und sah mich ruhig an. Plötzlich schnitt sie mir eine höhnende Grimasse und schrie mir zu: ›Pfui, siehst du häßlich aus.‹ Da stürzte ich voller Wut auf sie zu, packte sie an der Kehle und würgte sie, bis ihr der Atem ausging. Wäre die Lehrerin nicht auf das Geschrei der anderen herbeigestürzt, so hätte ich sie erwürgt. Und dann das zweitemal, das war noch viel schlimmer. Da, da wollte ich meine Mutter vergiften.«
Ebba fuhr auf.
»Ja, nun bekommst du doch einen Schreck. Es ist noch gar nicht lange her, vielleicht drei Monate. Ich verliebte mich in einen Oberleutnant, einen himmlischen Menschen, eigentlich ein bißchen zu alt für mich, aber wie es eben trifft, gegen die Liebe kann man nicht an. Er merkte, daß ich in ihn verschossen war, und begann mir Blicke zuzuwerfen, Blicke -- ich sage dir, die Augen -- ich war ganz futsch. Eines Tages, als ich wieder auf dem Wege war, um ihm zu begegnen -- denn ich kannte genau die Stunde seines Ausganges, wenn er mit seinem Freund auf den Bummel ging -- was sehe ich da? Meine Mutter mit ›ihm‹ Aug’ in Auge zärtliche Blicke austauschen. Ich stand dicht neben ihnen, sie sahen mich nicht, ich wollte vorstürzen und ihnen entgegenrufen: ›Hier steht die große Tochter‹, ich tat es nicht, denn mein Herz krampfte sich zusammen, und ich konnte keinen Laut hervorbringen. Als ich wieder atmen konnte, waren sie verschwunden. Zu Haus angelangt, nahm ich die Schwefelholzschachtel und schnitt von allen Hölzchen die Köpfe ab, verwahrte sie sorgfältig und tat sie andern Tags der Mutter in den Morgenkaffee und wartete auf ihren Tod. Ich weiß nicht, ob sie den Kaffee getrunken hat, sie starb nicht, du weißt es.«
»Pfui, du hast eine häßliche Seele und bist ein böses Kind.« Empörten Blickes maß Ebba die junge Gestalt. »Schämst du dich nicht?«
»Warum? Kann ich dafür? Damals tat es mir leid, es ist wahr, ich hatte das Gefühl, schlecht und böse gehandelt zu haben. Aber dann las ich über die Veranlagung zum Bösen, daß der Mensch gar nicht schlecht handeln könne, wenn er nicht die Veranlagung dazu in sich trüge. Ich habe zweimal ein Verbrechen begehen wollen -- da ich es wollen konnte -- lag der Keim in mir -- ich war nicht schuld, sondern der, der das Wollen in mich gelegt, trägt die Verantwortung.«
Ebba sprang auf. »Du hast ja nette Ideen in dich aufgenommen. Ich hätte dich doch für verständiger gehalten. Was schwatzest du für einen Unsinn zusammen. Wie ein jeder Mensch die Keime des Bösen in sich trägt, ebenso birgt er auch das Gute in sich. Den Menschen ist die Fähigkeit gegeben, das Böse zu bekämpfen, das Gute zu fördern. Je mehr das Gute überwiegt, desto höher steht der Mensch. Veranlagung nennst du, was verletzte Eitelkeit, was unbeherrschte Wut und Eifersucht ist. Nicht deine kindische Ansicht über deine Charakterveranlagung empört mich, nein, daß du in so unehrerbietiger Weise von deiner Mutter sprichst, das ist es, was mich zornig macht. Wie darfst du das wagen?«
»Ich verstehe dich nicht, Tante, was habe ich denn gesagt? Daß Mama mit dem Oberleutnant geflirtet hat? Mein Gott, du mußt mich doch nicht für so dumm halten, daß ich das nicht merken sollte. Oder glaubst du etwa, es sei nicht wahr?
Tante Ebba, ich glaube, du bist ganz anders als die anderen alle. Du -- du findest es wohl schrecklich, wenn man einen Freund hat? Sieh mal, Papa hat doch nie Zeit --«
»Um Gottes willen sei still, schweig, ich kann dich nicht anhören --« Und Ebba preßte die schlanken Hände gegen die Schläfen und stöhnte qualvoll -- »wie furchtbar, welch Abgrund.«
»Aber, Tante Ebba, wir sind doch moderne Menschen, wir wissen, daß ein jeder das Recht hat auf Persönlichkeit, daß wir der Veranlagung Rechnung tragen müssen.«