Part 2
»Das dürfte wohl gar nicht so schwer sein.«
»Achtunddreißig Jahre alt und noch einen ungeküßten Mund.«
»Kein Beweis. Spät in Brand geraten, desto lodernder. Aber wäre es nicht doch ratsamer, wenn ich auf den Schutz meines Bruders baute? Um an ihm eine Stütze zu haben, bin ich hergekommen.«
»Rechnen Sie nicht zu sehr damit. Väter, Gatten und Gattinnen, Brüder und Schwestern haben selten Zeit für die Ihren, immer nur für die anderen.
Darf ich übrigens mal den Namen Ihres Bruders erfahren? Ich kenne so ziemlich alles, was zur Gesellschaft gehört, da wird mir auch Ihre Familie nicht entgangen sein.«
»Mein Bruder ist der Bankdirektor Lukas Westphal.«
Lotte Wunsch sprang auf, warf ihre Zigarette in den Aschenbecher und stieß einen Pfiff hervor.
»Frau Thea Westphal also ist Ihre Schwägerin?«
»Allerdings, Sie kennen Sie?«
Lotte nickte. »Da suchen Sie Halt und Familienanschluß? Haben Sie Ihre Verwandten schon gesehen?«
»Nein. Nur telephonisch haben wir uns gesprochen. Wir konnten uns noch nicht auf einen bestimmten Tag einigen, da meine Schwägerin stets etwas vorhatte.«
»Und wie lange sind Sie schon hier?«
»Zwei Wochen.«
»Da haben wir es ja! In zwei Wochen keine Stunde Zeit für die Schwester und Schwägerin. Eine moderne Frau in Berlin hat keine Zeit, selbst nicht für Mann und Kinder, Sie werden es schon sehen.
Ich will Ihnen etwas sagen, Ebba. Unsere Großstadtmenschen huldigen dem Ichkultus, der Hingabe an ihre eigene Persönlichkeit. Ein grenzenloser Egoismus lockert das Wurzelreich von Sitte, Moral und Pflichtgefühl -- und was das schlimmste ist, er untergräbt den Familiensinn. Man lebt für sich, nicht für die anderen.«
»Nein, nein, Sie malen zu schwarz. So ist es nicht, ich kann das nicht glauben.«
»So werden Sie es lernen. Warum wollen Sie schon gehen, es ist nicht spät, so bleiben Sie noch ein wenig.«
»Ich bin müde, Berlin greift an, ich bin den Trubel in den Straßen nicht gewöhnt, lassen Sie mich gehen.«
»Dann auf morgen, Frau Ebba, und -- gute Freundschaft, dabei bleibt es.«
»Gewiß -- und gute Nacht.« -- -- --
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Lotte stand vor dem Spiegel und löste den Knoten ihres kastanienbraunen Haars. Da fiel es in kurzen Locken auf ihre Schultern, die Straffheit des Scheitels löste sich, leicht fiel eine Strähne nach vorn und bedeckte die linke Ohrmuschel. Wohl schimmerten Silberfäden hier und da, und doch, war dies das strenge, ältliche Gesicht, welches ihr aus dem Spiegel entgegenschaute? Ein erstauntes Lächeln verjüngte ihre Züge. Sie fühlte sich erlöst und befreit.
Ja, sie hat mich getroffen, wo es am wehesten brennt.
Ich habe geschrieen nach dem Kinde. Es ist etwas Unnatürliches, das Leben einer Frau ohne Kind. Es macht uns zu zwecklosen Wesen. Taube Nüsse am Baum des Lebens!
Hinweg mit dir, du grinsendes Gespenst, welches mir den Weg versperrte, den Zweck meines Lebens zu erfüllen, ich werde dich bezwingen.
Festhalten will ich dich, dich, das Tier im Menschen, durch meine Kunst. Dich, die Begierde, die Gier nach Lust, will ich ihnen zeigen in einer Fratze, so grauenhaft, daß ihnen das Blut erstarren wird und Entsetzen sie erbeben macht, wenn sie darin ihr eigenes Selbst erkennen. -- -- --
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»Das ist ja eine wenig angenehme Lage, in der du dich befindest, liebe Ebba. Hat denn dein Mann gar nichts von sich hören lassen, hast du keine Ahnung, wo er sich befindet?«
»Ich weiß nichts, absolut nichts.
Ich fand seinen Abschiedsbrief auf meinem Schreibtisch. Er bat mich um Verzeihung für das Leid, das er über mich bringe. Er hätte geglaubt, seine Liebe zu mir würde seine Spielleidenschaft verdrängen. Er habe auch wirklich das erste Jahr unserer Ehe keine Karten angerührt, aber dann sei es mit doppelter Macht über ihn gekommen, er könne nicht anders, er wüßte, daß er daran zugrunde gehen wird, aber seine Leidenschaft sei stärker als sein Wille. Er bereue es, mich an sich gekettet zu haben und mir Kummer bereiten zu müssen, aber seine Spielleidenschaft sei so groß, daß sie alles hinwegfege: Liebe, Ehrlichkeit und Rücksichtnahme.«
»Unerhört, bodenlos! Keine Rücksichtnahme, das ist es! Denkt nur an sich und seine Spielwut, ohne der Familie, der er durch seine Heirat angehört, zu gedenken. Wenn unser Vater nicht die veruntreuten Gelder gedeckt und alles getan hätte, um die Untersuchung niederzuschlagen, würde dein Mann, mein famoser Schwager, jetzt steckbrieflich verfolgt! Meine ganze Stellung wäre ins Wanken gekommen! Eine saubere Geschichte hat uns der Herr da eingebrockt!«
»Entsetzlich, entsetzlich!« hauchte Frau Thea, »wir hätten Berlin verlassen müssen.«
»Ich bitte, regt euch nicht auf. Die Geschichte ist ja nicht an die große Glocke gekommen, hier in Berlin weiß niemand davon. Die einzige Leidtragende bin doch nur ich.«
»Gott sei Dank, daß es uns nicht trifft. Ebba -- ich hätte es nicht ertragen, einen solchen Skandal in der Familie! Gewiß, du bist beklagenswert, aber du hast recht, hier weiß ja niemand etwas von der ganzen Geschichte. Du bist jung, schön, hast dein gutes Auskommen, du wirst ein nettes Haus machen, und in kurzer Zeit bist du darüber hinweg. Das Berliner Leben wird dich trösten. Hier kommt man gar nicht zum Nachdenken. Meinst du nicht auch, Lukas? Wir werden Ebba in die Gesellschaft einführen, wer weiß, vielleicht findet sich das Vergessen noch gar in Gestalt einer guten Partie.«
»Ich danke dir für deine gute Absicht, Thea. Für eine sogenannte gute Heirat bin ich nicht zu haben, im übrigen vergißt du, daß ich nicht geschieden bin.«
»Das ist schlimm -- sehr schlimm -- wie soll man dich da überhaupt einführen? Nicht Witwe, nicht geschieden, und doch ohne Mann.«
»Du giltst selbstverständlich als geschiedene Frau, denn es unterliegt doch keinem Zweifel, daß wir alle Schritte tun werden, um eine Scheidung für dich zu erlangen,« warf der Direktor ein.
»Mir wäre es lieb, Lukas, die ganze Ehegeschichte ruhen zu lassen. Ich denke nicht daran, mich wieder zu verheiraten, da ist es doch ganz gleichgültig, ob ich frei bin oder nicht.«
»Da irrst du, liebes Kind, irrst du ganz gewaltig. Ganz entschieden protestiere ich dagegen, daß du die Frau dieses Lumpen bleibst! Wer kann wissen, was dieser saubere Herr noch alles auf dem Kerbholz hat -- oder -- was noch alles kommen kann! Urkundenfälschung -- Falschspieler -- und wie die schönen Dinge, in welche diese Art aalglatt hineinschlüpft, alle heißen. Ich danke für diese Verwandtschaft! Du mußt los, ganz los! Willst du die Frau eines Zuchthäuslers sein?« Aufgeregt ging er im Zimmer auf und ab.
»Du magst recht haben, Lukas -- ich fürchte auch nur all die Unannehmlichkeiten.«
»Hast du gar nicht. Ganz einfache Chose. Ich nehme einen tüchtigen Rechtsanwalt und gebe ihm die nötigen Informationen. Du wirst überhaupt gar nicht behelligt. Erfährst nachher nur das Resultat der ausgesprochenen Scheidung.«
»Wenn es so einfach wäre.«
»Aber natürlich. Das Schwerste und Schlimmste hast du hinter dir. Muß ja eine scheußliche Zeit für dich gewesen sein.«
»Wenn du wüßtest, wie ich gelitten! Ich habe ihn geliebt, Lukas, von ganzem Herzen. -- Du kannst begreifen, welches Weh die herbe Enttäuschung über mich gebracht hat.«
»Ich begreife, Ebba. Es ist ein harter Schlag für dich gewesen, aber ich hoffe, du kommst darüber hinweg. Du bist noch jung, in der Jugend überwindet man leicht. Es ist sehr vernünftig, daß du nach Berlin gekommen bist, hier ist der richtige Ort, um dich deinen Kummer vergessen zu machen. Halte dich nur an Thea und stürze dich mit ihr in die Geselligkeit, paß auf, wie bald dein Leid versunken und vergessen ist.«
»Hältst du mich für so oberflächlich, Lukas?«
»Oberflächlich! Warum das so ausdrücken! Mit Dingen, die nicht zu ändern sind, muß man sich abfinden können. Du warst von jeher geneigt, alles zu schwer zu nehmen. Nimm das Leben leichter, es lohnt nicht, sich abzuquälen.«
Erstaunt hefteten sich ihre Augen auf den Bruder. War dieser nur an sich, an seine Stellung und Ansehen denkende Mann, der ihr riet, sich möglichst schnell über schicksalsschwere Erlebnisse hinwegzusetzen, ihr ernster Bruder?
Und -- klang da nicht ein leichter Unterton von Bitternis aus seinen Worten?
»Ich will es versuchen, Lukas,« und sie streckte ihm die Hand über den Tisch hinüber. »Ich weiß, du meinst es gut mit mir, aber daß mir das glücken wird -- ich meine, das Leben leicht zu nehmen -- das glaube ich nicht.«
»Unsinn, Ebba,« warf Thea, welche ungeduldig in ihrem Sessel auf die Beendigung des Gesprächs gewartet hatte, ein. »Du mußt nur wollen. Ohne einen Schuß Leichtsinn wäre das Leben überhaupt nicht lebenswert; wer ihn nicht hat, der muß sich eben dazu zwingen.«
»Und wer ihn gleich mit auf die Welt gebracht, hat manchmal zuviel davon,« bemerkte Lukas.
»Besser als zu wenig! Da ich weiß, wohin du zielst, lieber Mann, kann ich mein überschüssig Teil gleich auf Ebba übertragen, dann wäre uns beiden geholfen.«
Er wehrte müde ab. »Du wirst dich nicht ändern, Thea.«
»Habe auch nicht die Absicht, ich bin mit mir zufrieden, wie ich bin.«
»Du bist beneidenswert. Wo ist übrigens Inge? Ich habe sie heute noch nicht zu Gesicht bekommen.«
»Wie solltest du auch, wenn du verhindert bist, mit uns zu speisen.«
»Es war mir leid genug, aber die Sitzung ging vor. Mit großer Mühe konnte ich mich frei machen, um Ebba diese Stunde widmen zu können. Bitte, laß doch Inge rufen.«
Thea klingelte und fragte das eintretende Stubenmädchen nach Fräulein Inge.
»Fräulein Inge ist mit einer Freundin spazieren gegangen.«
»Hattest du ihr denn nicht gesagt, daß wir meine Schwester erwarteten?«
»Ich kam so abgehetzt zu Tisch, habe tatsächlich vergessen, davon zu sprechen, entschuldige, Ebba. Es ist auch so schwer, das Kind von seiner Tageseinteilung abzuhalten.«
Dieses Mal traf der erstaunte Blick die Schwägerin.
»Ja, ja, ich bin eine schwache Mutter. Aber sage selbst, soll ich mich die wenigen Stunden, in denen ich mit meiner Tochter zusammen bin, herumärgern?«
»Warum bist du so wenig mit ihr zusammen?«
»Mein Gott, weil ich keine Zeit habe. Du glaubst gar nicht, wie ich in Anspruch genommen bin. Man hat doch Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber, unsere Stellung bringt das mit sich. Dann gehöre ich zwei Vereinen an, bin natürlich im Vorstand, das kostet auch Zeit.«
»Aber warum tust du das, wenn dich dies deiner Familie abspenstig macht?«
Thea lachte.
»Liebste Ebba, heute ist doch eine Frau nicht dazu da, nur in Häuslichkeit aufzugehen, man hat doch auch andere Interessen.«
»Du kennst die moderne Ehefrau nicht,« sagte Lukas, »kennst nicht die Befriedigung der eigenen Interessen -- rücksichtslos.«
»Ja, liegen denn die Interessen der Frau nicht in der Familie, wenn sie so glücklich ist, Mann und Kind zu besitzen?«
Lukas zündete sich eine Zigarre an, sah nachdenklich vor sich hin und erwiderte: »Du bist weltfremd, liebes Kind.«
»Manchmal hat man gerade als Familienmutter seinen Beruf verfehlt, Ebba.«
»Wie kannst du so etwas sagen, Thea. Niemals kann ich dir da beistimmen. Bist du denn nicht glücklich, deinen Mann und eine blühende Tochter zu haben?«
»Glücklich -- natürlich bin ich glücklich, aber weil ich außer dem Gatten und der Tochter noch meine Stellung in der Gesellschaft habe -- --«
»Weil sie Vorstandsdame verschiedener Vereine ist und ihren sonstigen Interessen nachgehen kann --« fiel ihr ihr Gatte ins Wort. »Ja, liebe Schwester, die Welt sieht hier anders aus als daheim, ich habe auch umlernen müssen, es wird dir ebenso ergehen.«
Er war aufgestanden und hielt ihr beide Hände hin.
»Ebba, zum erstenmal seit langer Zeit habe ich meine Arbeit vergessen, habe in Ruhe geplaudert, das kommt selten vor, wir haben nie Zeit, weder Thea noch ich, die Verpflichtungen -- du begreifst! Aber komm, wenn du magst, du bringst die Ruhestimmung mit aus alter Zeit. Ich sagte, du wirst auch umlernen müssen -- weißt du -- ich möchte wünschen, du tust es nicht.
Doch nun leb wohl, also um elf Uhr treffe ich dich bei Bissings, Thea. Auf Wiedersehen.«
Ebba, die sich gleichfalls erhoben hatte, wollte sich von ihrer Schwägerin verabschieden.
»Es tut mir wirklich leid, Inge nicht gesehen zu haben, ich hatte mich so darauf gefreut. Inge muß doch jetzt bald fünfzehn sein, weißt du, ich habe sie seit meiner Hochzeit nicht gesehen, das werden jetzt fünf Jahre.«
»Ach, entsetzlich, wie die Zeit vergeht. Weißt du, das ist doch was Schreckliches im Leben einer Frau, die großen Kinder, dadurch wird man alt. Heutzutage gibt es Mittel und Wege genug, sich jung zu erhalten, kein Mensch sieht einem die Jahre an, aber wenn dann die großen Kinder auftauchen, dann geht das Rechnen los. Du kannst froh sein, daß du keine Kinder hast!«
»Aber, Thea, du versündigst dich.«
»Natürlich wäre ich unglücklich, wenn ich sie hergeben sollte. Mein Gott, das mag wohl keine Mutter -- aber das Leben ist doch so viel bequemer ohne Kinder.«
»Mir scheint, du machst es dir auch trotzdem bequem.«
»Ich bin nun mal nicht dafür geschaffen, im Haus zu sitzen, Kinder zu hüten und Strümpfe zu stopfen, das gibt es heute überhaupt nicht mehr, wer wird in solchem Kleinkram aufgehen.«
»Du mußt nicht übertreiben, es gibt doch einen Mittelweg. Man kann viel geistige Interessen haben und doch seinem Haushalt vorstehen, seine Kinder erziehen und dem Mann ein angenehmes Heim schaffen.«
Thea lachte.
»Du bist köstlich! Du, da fällt mir ein, ich werde dich mit Exzellenz Werner, Vorstandsmitglied unseres Vereins zur Bekämpfung des Geburtenrückganges, bekannt machen. Die wettert ja gegen uns moderne Frauen. Wir wären nur zu bequem, Kinder zu kriegen, wir wollten unsere Schönheit nicht verderben, wollten uns die Mühe nicht nehmen, die Kinder zu erziehen, um ungehindert unsern Vergnügungen nachgehen zu können, ja, wir modernen Frauen seien schuld an dem Zerfall der Familie. Ihr würdet ja großartig zusammenpassen, die hätte eine Freude an dir! Und ich stiege in ihrer Achtung -- woran mir allerdings nichts liegt --, denn du bist ja meine Schwägerin.«
»Diesem Verein gehörst du an?«
»Ich bin sogar im Vorstand. Was willst du, man muß eine Rolle spielen in der Welt. Man muß von sich reden machen, so -- oder so.«
* * *
Nachdenklich schritt Ebba Holm die Tiergartenstraße entlang. Der Besuch bei ihrem Bruder hatte ihr kaum erst zur Ruhe gekommenes Innere wieder in Aufruhr gebracht. Bis zum Abendessen in der Pension hatte sie noch eine Stunde Zeit, und so hatte sie den kleinen Umweg durch den Tiergarten gewählt, um zum Steinplatz zu gelangen.
War es möglich?
Mein Gott, sie hatte sie gekannt, öfter war Lukas mit ihr in Hamburg gewesen, auch sie hatte auf der Hochzeitsreise einige Tage mit ihrem Gatten in Berlin zugebracht, niemals zuvor hatte sie diese Oberflächlichkeit bei Thea erkannt.
Sah sie heute die Menschen anders als damals, als sie noch mit ungebeugter Seele durchs Leben schritt?
Hatten die Menschen -- oder hatte sie sich gewandelt? Um des Himmels willen, nicht Hausfrau sein! Nein -- schöngeistigen Interessen nachgehen! Um eine Rolle zu spielen, sich einem Verein zur Verfügung stellen, der das Zusammenhalten der Familie predigte, um darüber die eigenen Familienbande zu lockern!
Ein schmerzliches Lächeln glitt über ihr Antlitz, und eine Bitterkeit drang ihr ins Herz.
Alles, alles, was sie entbehren mußte, hielt diese Frau in Händen! Mit vollen Händen hatte das Schicksal sie beschenkt, und achtlos warf sie das, was ihr als das höchste Glück einer Frau erschien, zur Seite. Eine moderne Frau! Eine Frau für alle andern, nur nicht für die eigene Familie! Das war ihres Bruders Frau.
Und er? War dies die Gefährtin, die er sich erhofft?
›Weißt du, Ebba, meine Frau muß nur für mich leben, darf keine Modepuppe sein, sie braucht nicht hübsch zu sein, nein, es wäre mir viel lieber, wenn sie häßlich wäre, denn, weißt du, mit einer hübschen Frau in Berlin leben, was doch mein jetziger Posten erfordert, das ist eine gefährliche Sache.
Meine Tätigkeit ist aufreibend. Meine Stellung bringt auch Repräsentationspflichten mit sich. Ich möchte mir eine kleine Insel schaffen, auf die ich mich rette aus Arbeit und Gesellschaft und Menschentrubel. Eine Oase, auf welcher liebende, fürsorgende Hände mich umschlingen, die mir Hast und Sorge von der Seele nehmen.‹
So sprach Lukas, als er das erste Mal hinüberkam nach seiner Berliner Anstellung. Sechs Monate später heiratete er Thea Weil, die Tochter eines reichen Berliner Fabrikanten. Armer Bruder, du hattest umlernen müssen! Ob es dir schwer geworden? Mußtest du Herzblut darüber lassen?
Das Leben leicht nehmen! Ja, wenn das so ginge!
Wie oft hatte sie versucht, über das, was ihrem Herzen Wunden geschlagen, hinwegzukommen. Es ging nicht, die Narben brannten sie und verursachten ihr Schmerzen. Langsam rollten zwei Tränen über ihre Wangen.
Es war dunkel geworden, als sie über die Corneliusbrücke schritt und beim Einbiegen auf den Kurfürstendamm mit Lotte Wunsch zusammentraf.
»Guten Abend, Frau Ebba, was schleichen Sie so müde einher, als lägen tausend Lasten auf Ihrer Seele?«
Ebba war aus ihrem Sinnen emporgefahren und blickte auf die Bildhauerin, die fröhlich mit geröteten, frischen Backen sie anlachte.
»Und Sie jagen im Sturm daher, als wollten Sie alles, was Ihnen hinderlich in den Weg tritt, verjagen.«
»Will ich auch. Sie haben genau das Richtige gesagt -- alles fege ich hinweg -- auch Ihr schweres Herz, kleine Frau.«
Und sie hakte sich in Ebbas Arm und zog sie von dannen.
»Ebba, hören Sie. Ich muß mich befreien von -- dem Häßlichen, was da auf meinem Weg war -- um das zu können, muß ich es festhalten -- muß ich ihm noch einmal ins Auge schauen, um dann befreit zu sein. Fort« -- sie machte eine fortschiebende Handbewegung. »Sie sehen mich so fragend an, ich kann Ihnen das hier auf der Straße nicht erklären. Auch sind wir gleich ~at home~ -- Sie kommen in mein Atelier -- dann will ich Ihnen von meiner Arbeit sprechen -- die mich befreien soll von dem, das mein Verlangen nach Liebe zerstörte. -- -- Was sind Sie schweigsam, Liebe -- wo kommen Sie her?«
»Ich war bei meinen Verwandten.«
»Ach so -- eine geplagte moderne Frau, Frau Thea Westphal -- nicht wahr?«
Ebba nickte nur. »Nicht sprechen jetzt, Lotte Wunsch.«
* * *
Es war Gesellschaftsabend in der Pension Mohrmann. In Gruppen hatte man sich im Besuchs- und Teezimmer zusammengefunden und saß plaudernd umher.
Diese Gesellschaftsabende in der Pension waren sehr beliebt. Nicht nur, daß die jeweiligen Gäste sich zusammenfanden, auch diejenigen, welche vorzeiten hier gelebt, jetzt ihr eigenes Heim hatten oder anderswo untergekommen waren, fanden sich an diesem Abend ein. Auch Freunde und Bekannte konnten durch Pensionsgäste eingeführt werden. Durch den Zufluß neuer Elemente wurde die Unterhaltung angeregt, neuer Gesprächsstoff geschaffen, und neue Beziehungen knüpften sich an.
Die Ecke des Teezimmers mit den bunt bespannten tiefen Sesseln war wieder von Miß Webb, Ebba Holm und Lotte Wunsch mit Beschlag belegt worden. Zu ihnen fanden sich jetzt Fräulein von Wangenheim, die sich bemühte, an Ebbas Seite zu kommen, Herr Winkelmann, Architekt Gehring und ein junger Baron, welcher, durch Winkelmann eingeführt, heute das erste Mal erschienen war.
Miß Webb winkte den Baron an ihre Seite, während Winkelmann zwischen sie und Fräulein von Wangenheim zu sitzen kam.
»Sie berufen sich auf mein Herz, Mr. Winkelmann. Das, was die Deutschen Herz nennen, das gibt es nicht in Amerika, an der Stelle, wo bei Ihnen das Herz sitzt, sitzt bei uns die Vernunft.«
»Ich dachte, die säße bei normalen Menschen im Kopf.«
»Bei uns hat man zweimal Vernunft, im Kopf und im Herzen.«
»Wie muß es da mit der Liebe bestellt sein, Miß Webb,« warf der Baron ein.
Sie saß in ihren Sessel geschmiegt. Die Hand, auf der ein rosafarbener Hauch lag, machte eine fortscheuchende Bewegung. Alles an ihr zeigte die verfeinerte Lebenskultur der Dame von Welt. Der Kopf mit den reichen Haarwellen saß auf schlankem, edelgeformtem Halse. Der weiße Nacken war von zarter Rundung, und unter den halbgeschlossenen Augenlidern blitzte Lebensdrang und versteckte Neugier.
»Die Liebe! Ein Zeitvertreib, ein Spiel, um das Leben prickelnd und amüsant zu gestalten.«
Winkelmann lachte auf. »Sie fassen die Liebe richtig auf, nur daß ich eine derartige Auffassung noch nie bei einer Frau gefunden habe.«
»Sie können sich also niemals verlieben oder eine Leidenschaft zu einem Manne empfinden?«
»Ich hasse Aufregungen, Baron -- ich wünsche zu herrschen -- beides schließt die Liebe aus.«
»Also tatsächlich kein Herz.«
»Nun, vielleicht könnte ich mir ja während meines Aufenthaltes in Deutschland versuchsweise eins anschaffen -- wenn es ohne Schmerzen abgeht.« Und sie warf ihm einen aufmunternden, koketten Blick zu.
Er sah sie an. »Wer so aussieht wie Sie, wird niemals Schmerzen durch die Liebe leiden.«
»Das hoffe ich!« Und wieder traf ihn ein feuriger Blick.
Winkelmann hatte sich zu Gerda von Wangenheim gewandt. Seine Blicke gingen über die elegante, vornehme, aber unmodisch gekleidete Erscheinung, die ihm mit ruhigen, klaren Augen gerade ins Gesicht blickte. Kein aufmunternder Blick, kein mißtrauisches Zurückweichen, an das ihn die Frauen gewöhnt hatten.
Er fragte sich, ob diese Gleichgültigkeit nicht nur erkünstelt wäre, aber er kannte die tausend kleinen, weiblichen Schliche zu genau, um nicht sehr bald ihre absolute Aufrichtigkeit zu fühlen.
Ihre ruhige Gelassenheit erregte sein Interesse, er war es nicht gewöhnt, von den Frauen mit solcher Gleichgültigkeit behandelt zu werden.
Mußte es nicht köstlich sein, auf diesem ruhigen Antlitz die Leidenschaft zu entfesseln, diesen schlanken Körper bebend und zitternd in den Armen zu halten und in diesen leuchtenden, unschuldig blickenden Augen den lodernden Funken zu wecken, diesem Weibe den Stempel des Wissens aufzudrücken?
Er wußte, daß jede Frau ihre schwache Stunde hat. Sich nur nicht durch Vornehmheit, tadellosen Ruf oder sichtbare Kälte zurückschrecken lassen.
Vornehmheit und eisige Kälte wehte ihm entgegen.
Begierde -- tolles Begehren war es, das sein Blut für das ruhige schöne Geschöpf zu erhitzen begann.
»Gnädiges Fräulein, ist die Liebe für Sie auch nur Zeitvertreib?« Und er hüllte sie ein mit einem jener durchdringenden Blicke, unter denen das Blut aufspringt und wild durch die Adern jagt.
Sie errötete wie ein kleines Kind. Das Blut schimmerte durch ihre zarte Haut und brachte auf derselben matte, opalfarbene Lichter hervor. Sie zog die fein geschwungenen Augenbrauen in die Höhe und erwiderte:
»Einen Zeitvertreib habe ich nicht nötig, da ich mit meinem Studium vollauf beschäftigt bin.«
Sie wußte zu antworten. Er war entzückt.
»Gnädiges Fräulein betreiben Ihr Studium wirklich ernsthaft, als ausübende Künstlerin?«
»Berufs wegen, wenn man von der Kunst so sprechen darf.«
»Und gnädiges Fräulein haben keine Zeit für -- für andere Dinge?«
Sie lächelte. »Oh, ich finde schon Zeit, wenn mich gerade etwas Besonderes interessiert.«
»Wozu die Liebe nicht zu rechnen ist?« Und er sah ihr lachend in die Augen.
»Interessiert mich allerdings nicht.«
»Schon die zweite Dame heute abend, welche von diesem schönen Gefühl nichts wissen will.«
»Mein Gott, ich habe schon zu schlimme Erfahrungen gemacht und habe es abgeschworen, mich jemals wieder damit zu befassen.«
Er sah sie verblüfft an. »Gnädiges Fräulein hatten unglücklich geliebt?«
Sie nickte. »Es war schrecklich! Nicht nur einmal, sondern dreimal hatte ich eine unglückliche Liebe. Da werden Sie verstehen, daß man Schluß machen will.«
»Gnädiges Fräulein belieben zu scherzen. Bei Ihrer Jugend --«
»Gott, ich habe eben früh angefangen. Mit zwölf Jahren verliebte ich mich sterblich in meine Erzieherin, eine dunkeläugige leidenschaftliche Polin, die eines schönen Tages mit der Wirtschaftskasse meiner Mutter verschwand. Dann kam mein Klavierlehrer an die Reihe, der meine Liebe tötete, als er mir freudestrahlend erzählte, daß er sich verlobt hätte und sich als Glücklichster der Sterblichen fühle; seine Braut sei ein Engel. Sie werden begreifen, daß dies mich ernüchterte. Nichtsdestoweniger kam dann die übliche Tanzstundenliebe, welche höchst tragisch endete. Mein Vater traf mich und den Erwählten meines Herzens in der Konditorei unseres kleinen Garnisonstädtchens bei Apfelkuchen und Schlagsahne. Ihm wurde in meiner Gegenwart eine Ohrfeige angeboten, bedenken Sie -- und ich wurde schreckensbleich und bebend in Erwartung der Strafpredigt hinweggeführt. Sie sehen, ich habe kein Glück in der Liebe.«
»Allerdings unerhörtes Pech, gnädiges Fräulein. Ich begreife vollkommen, daß Ihnen die Lust vergangen ist. Doch trotzdem möchte ich raten, es noch einmal auf einen Versuch ankommen zu lassen, gnädiges Fräulein müssen Ihre Liebe nur einem Würdigeren zuwenden.«
»Und Sie glauben, daß ich den hier finden werde?«
»Ich bin sicher.«
»Und ich bin sicher, daß dies nicht der Fall ist.«
»Warum, wenn ich fragen darf?«
Das liebenswürdige und amüsierte Lächeln, welches auf dem Antlitz Gerda von Wangenheims geruht hatte, schwand. Ihre Züge wurden kalt und abweisend, hochmütig zog sie die Brauen in die Höhe und erwiderte: »Weil die Männer es hier nicht ehrlich meinen, weil sie die Achtung vor der Frau verloren zu haben scheinen.«