Chapter 6 of 14 · 3954 words · ~20 min read

Part 6

»Das ist schön gesagt, und ich danke Ihnen. Zweimal bin ich heute am Heiligen Abend wirklich beschenkt worden. Vor wenigen Stunden schenkte sich mir ein Kinderherz, um das ich ehrlich und eindringlich geworben, und jetzt zeigen Sie mir den Weg, mir meine Schmerzenstage nutzbar zu machen. Das allein schon braucht mich nicht gereuen zu lassen, daß ich mein Lebensschifflein nach hier, nach der großen kalten Weltstadt Berlin gelenkt habe.«

»Fingen Sie schon an zu bereuen, Ebba?«

»Ja, Lotte. Sie wissen, den Anschluß an meine Familie konnte ich nicht finden. Die Menschen sind gleichgültig und egoistisch, und alles um mich herum stößt mich ab. Ich werde nie recht heimisch werden können?«

»Und wir? Haben Sie nicht uns?«

»Daß ich Sie, Lotte, und auch Sie, Herr Gehring, gefunden habe und Sie zu meinen Freunden rechnen darf, das läßt mich an meinen glücklichen Stern glauben. Und nun lassen Sie mich danken, Ihnen beiden danken, daß Sie gekommen sind, mit mir den Weihnachtsabend zu verleben und mich mein Alleinsein vergessen zu machen.«

Sie hob das bis zum Rand mit dem perlenden Sekt gefüllte Glas und stieß an die ihr entgegengehaltenen Kelche. Schweigend tranken sie den edlen Saft.

»Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen mehr Dank schulde? Mich, den einsamen Junggesellen, dulden Sie hier in der Sphäre Ihres heimischen Herdes und schaffen mir einen rechten und wahren Weihnachtsabend.«

»Na, und ich erst! Glauben Sie, es wäre mir gemütlich gewesen, die offizielle Feier in der Pension mitzumachen oder allein in meinem Zimmer am Kamin zu hocken und meinen Punsch zu schlürfen? Oder in meinem Atelier den weißen Marmorstatuen zuzutrinken? Also, nach reiflicher Überlegung -- nicht wahr, Gehring -- nicht Sie -- sondern wir haben zu danken.«

»Lotte, als ob Sie es nicht auch verständen, es gemütlich zu machen.«

»Das schon. Gewiß, wir haben oft nette und trauliche Stunden auch bei mir gehabt. Aber Weihnachten -- Weihnachten sollte man immer im gemütlichen Heim, nicht im Pensionszimmer, nicht im Restaurant verbringen. Weihnachten ist ein Familienfest und sollte nur in der Familie oder in ganz intimem kleinem Kreis gefeiert werden.«

»So denke ich auch. Und doch, ist es nicht sonderbar, Familien, die still und glücklich dieses herrliche Fest in dem Kreise der Ihrigen verbringen können, laden sich fremde Menschen ein oder gehen gar zu einem üppigen Weihnachtsessen in ein feines Weinrestaurant. Wir, die wir keine Familie haben, tun uns zusammen und suchen uns gegenseitig das Familienglück zu ersetzen.«

»Ja, es geht wunderbar zu in der Welt. Das ist ja vielfach das Mißgeschick unseres Lebens, daß wir nie das, was wir besitzen, richtig einschätzen, nie das Glück mit Bewußtsein uns zur Seite sehen, es immer erst erkennen, wenn es uns verlassen will.«

Friedvoll und ruhig brannten die Kerzen. Der Geruch von Wachs und Tanne schwebte im Zimmer. Schweigend saßen die drei und schauten auf das durch die ausstrahlende Wärme leise zitternde silberne Engelshaar. Der Geruch und die flimmernden Flämmchen spannen sie ein. Sie waren entrückt und saßen in einer Sphäre vollkommener Weltabgeschiedenheit. Gehrings Blicke ruhten auf Lotte. Ihr klares offenes Gesicht, in welchem die großen forschenden Augen die herrschende Stellung einnahmen, hatte sie nachdenklich in die auf den Armstuhl gestützte Rechte gelegt. Ihre Augen waren sehr ausdrucksvoll. Zuweilen blitzte ein gütiger, oft ein zorniger Strahl darin auf. Die Reife der Lebensanschauung gaben ihrem Gesicht etwas überaus Anziehendes.

Sie schien die Blicke Gehrings zu fühlen. Ruhig erhob sie den Blick, schaute und sah ihm geradeswegs in die Augen. Und ein Strom gewaltiger Freude durchzitterte ihr Herz und schwoll zum gewaltigen Meer. Ihr lange umkrampftes Herz konnte sich wieder dehnen, die Kette war ihr von den Gliedern gefallen, wie ein Feuer, wie eine Gewitterwolke erhob die Liebe sich.

Fest wurzelten die Blicke ineinander. Groß und dunkel glänzten ihm die Augen entgegen, und sie strahlten und flammten, als bräche ein sprühendes, geheimes Innenleben unaufhaltsam aus ihnen hervor. Und sein Blut kam in Wallung. Oft schon hatte er diese Frau getroffen, und noch nie war sie ihm begehrenswert erschienen. Ihre Klugheit und Lebenserfahrung hatte er geschätzt, stets war es ihm ein Vergnügen gewesen, mit ihr eine Unterhaltung zu pflegen, und oft waren sie sich im Meinungsaustausch begegnet. Aber nie, niemals war ein Funke aufgesprungen, aus dem hätte ein Feuer entstehen können. Und heut? Heut war er da, dieser Funke, es schien, als bedürfe es nur eines leisen Anhauches, und er wollte aufglimmen und anschwellen zu lodernder Flamme. Was war geschehen?

Und die Blicke wurzelten ineinander, und seine Lippen flüsterten in die Stille hinein: »Was haben Sie?«

»Den Willen zum Glück.«

Und die Augen ließen voneinander.

Ebba war zusammengezuckt und sprach: »Das sagen Sie so laut, Lotte? Ich denke, vom Glücklichsein träumt man nur!«

»Nein, ich will nicht nur träumen, ich will es erjagen und will es halten, fest, ganz fest, und wäre es auch nur ein ganz, ganz kleines Weilchen -- das Glück.«

* * *

Lotte hatte angestrengt den ganzen Vormittag gearbeitet. Jetzt legte sie die Modellierstäbchen zur Seite, griff zu den nassen Tüchern und umhüllte ihr Werk. Ermüdet warf sie sich in einen tiefen Sessel und gab sich der Ruhe hin. Ach, es tat so wohl, den Nerven eine kurze Schonung zu gönnen.

Rasch war sie mit ihrem Werk vorangekommen. Damals, als der Gedanke in ihr aufsprang, hatte sie in kurzer Zeit die Skizzen entworfen, und jetzt war sie daran, ihr Werk auszuführen. Sie fühlte, wie mit jedem Tag die Arbeit sie mehr und mehr befriedigte, wie sie hineinwuchs in ihr Werk. Wie Gestalten und Gedanken sich ihr entgegendrängten, um festgehalten zu werden, und wie es wuchs, gigantisch, groß, weit über das, was sie gewollt, hinaus. Sie war sich ihres Talentes bewußt, die Anerkennung ihres Könnens berechtigte sie, daran zu glauben. Aber dies -- dies konnte sie noch emporwachsen lassen, dies konnte etwas werden, was auf die Knie zwang.

Sie fröstelte. Das Feuer im Ofen war heruntergebrannt. Im Eifer der Arbeit hatte sie vergessen, Kohlen aufzuschütten. Oben auf den Dächern lag die klare, strahlende Wintersonne. Ihre tief unten gelegenen Fenster hatten keinen Anteil daran.

Sonne! Wer dich halten könnte und sich in deine Strahlen hüllen dürfte. War es ein unbilliges Verlangen, im Sommer des Lebens sich zu sehnen nach weichen, warmen Sonnenstrahlen?

Sie schloß die Augen. Und nun war sie eingehüllt in weiche, warme Strahlen, und aus den Strahlen leuchteten ihr liebeverlangend zwei Augen entgegen, zwei Arme umfingen sie zärtlich und nahmen sie sanft an ein liebeheischendes Herz.

Da sprang sie auf, reckte die Arme empor und jubelte: »Ach du, ach du, kommst du dennoch?«

Nicht dem Herbst entgegengehen müssen, ohne den Frühling und Sommer genossen zu haben!

Wird es kommen, das Glück? Ihr Weibesglück? -- -- Sie hatten sich nicht wiedergesehen seit dem Weihnachtsabend. Schweigend waren sie durch die stille, weiße Weihnachtsnacht gegangen. Einmal war er stehengeblieben und hatte gesagt: »Heut sehe ich Sie anders als sonst, Fräulein Wunsch.« »Ich weiß es.« Und er hatte ihr die Hand entgegengestreckt: »Geben Sie mir die Hand und lassen Sie uns wie Kinder nach Hause gehen.« -- Nach Hause -- und Hand in Hand, schweigend, waren sie durch die Nacht gegangen.

Und sie wußte nun, daß sie ihn liebte, liebte mit all der aufgespeicherten Zärtlichkeit, mit dem nach Liebe und Glück verlangenden Herzen.

»Ach du, ach du, liebst du mich?«

Wer die Spannkraft des Wünschens und festen Wollens hat, der hat die Erfüllung schon in sich. Es ist in dem Menschen oft eine Intensivität des Wollens und Wünschens, der das Schicksal meist nicht widerstehen kann.

Das Blut rauschte ihr in den Ohren, es war noch jung, dieses Blut, noch so unverbraucht! Und so voller Sehnsucht und Glückshunger! Schaffen ist Schöpferfreude. Zur Freude gehört die Liebe. Ein einziger Mensch muß das Echo der Welt sein. Ein einziger Mensch, der nur ihr gehörte!

* * *

»Bitte, meine gnädige Frau, wer ist diese vornehme, auffallend schöne Erscheinung dort am Kamin?«

Der junge Gardeleutnant stand, das Monokel im Auge, vor Thea Westphal.

»Das ist ein aufgehender Stern an unserm Konzerthimmel, mein lieber Herr von Zedlitz, eine angehende Konzertsängerin. Wird heut bei mir ihr erstes kleines Debüt haben. Ich bin überzeugt, sie wird Karriere machen.«

»Mit dieser Erscheinung ohne Zweifel.«

»Mit dieser Bemerkung dürften sie sich bei der Dame nicht gut einführen, Herr von Zedlitz. Sie scheinen nicht zu wissen, daß Künstler ihre Karriere nur ihrer Kunst zu verdanken wünschen -- wenigstens offiziell.«

»Pardon, Gnädigste, ich bin zwar gänzlich unmusikalisch, nichtsdestoweniger zweifle ich keinen Augenblick, daß das Talent der Dame der äußeren Erscheinung entspricht. Einfach fabelhaft. Und der Name, wenn ich bitten darf?«

»Gerda von Wangenheim.«

»Wangenheim? Mein Vater kannte einen Oberstleutnant von Wangenheim in einem ostpreußischen Nest, dicht an der russischen Grenze. Könnte --«

»Kann wohl stimmen. Ihr Vater ist Oberstleutnant, und sie kommt aus Ostpreußen.«

Er pfiff leise durch die Zähne. »Feudale alte Familie. Und Sie sagten, sie geht zur Bühne?«

»Sie will Konzertsängerin werden.«

»Nun, jedenfalls Sängerin von Beruf. Darf ich Sie bitten, mich der Dame vorzustellen?«

Gerda, die, von einem Kreis von Herren umgeben, lässig am Kamin stand, neigte flüchtig das blonde Haupt, als Thea ihr den jungen Zedlitz zuführte.

Thea war stehengeblieben. Die Gegenüberstellung dieser beiden Frauengestalten wirkte als Folie und gegenseitige Unterstreichung. Die pikante, prickelnde und soubrettenhafte Schönheit Theas machte die kühle und vornehme Atmosphäre Gerdas noch wirkungsvoller. Winkelmann, der neben Gerda am Kamin lehnte, ließ seine Blicke zwischen den beiden Frauengestalten wandern. Er, der Frauenkenner, stellte sich vor eine Wahl. Bei dieser -- Pikanterie, toller Leichtsinn, lockende Genußsucht. Bei jener -- kühle Gelassenheit, Eiseskälte, die Feuerströme decken konnte. Ihn reizten Berge von Eis und Schnee, durch die er seinen Weg finden wollte, um Glut und Leidenschaft anzufachen zu siedender Flamme.

Thea sah prüfend auf Gerda. Wie modern war sie heute gekleidet. Ein mattblaues Chiffonkleid, auf veilchenfarbener Seide gearbeitet, umspannte eng den schlanken Körper. Die goldfarbenen Haare, welche kein Hut verdeckte, waren leicht gewellt und am Hinterkopf lose von einem Kamm gehalten. Kein Schmuck beeinträchtigte die zarte, opalfarbene Haut. Ihr Gesicht, welches für gewöhnlich blaß, war heute übergossen von einem zarten rosa Hauch, ein Zeichen der Erregung, hervorgerufen durch ihr erstes öffentliches Singen.

Winkelmann sah sie an und flüsterte: »Haben Sie Lampenfieber?«

»Bitte, sprechen Sie nicht davon.«

Lotte Wunsch näherte sich der Gruppe.

»Ah, da ist ja unsere große Bildhauerin! Gnädiges Fräulein, man erzählt sich Wunderdinge von einem furchtbaren Scheusal, welches Sie jetzt unter den Händen haben. Bitte, verraten Sie uns Ihr neuestes Werk.«

»Fällt mir gar nicht ein. Ich liebe es nicht, von meinen Arbeiten zu sprechen, ehe sie vollendet sind. Weiß ich doch nicht, ob ich sie vollenden werde. Ob nicht Umstände oder Geschehnisse oder auch Unvermögen mich hindern, mein Werk zu Ende zu führen.«

»Aber etwas ganz scheußlich Fratzenhaftes soll es doch sein,« beharrte ein schlanker, grünbleich aussehender Jüngling.

»Ich möchte nur wissen, wo in aller Welt Sie zu einem solchen Scheusal die Modelle hernehmen. Denn ein Modell kann wohl nicht alle Scheußlichkeiten in sich vereinen.«

»Da mögen Sie wohl recht haben! Und was das Hernehmen betrifft, so finden sich diese Modelle unter uns, ich brauche wirklich nicht viel zu suchen.«

Der grünbleiche Jüngling riß die müden, schwarz umrandeten Augen auf und stammelte erschreckt: »Scheusäler unter uns? Wie müssen Ihnen die Menschen erscheinen! Ich beneide Sie nicht um Ihr Sehen, gnädiges Fräulein.«

»Ich sehe eben durch die Maske hindurch. Doch lassen wir das!« und sich zu Gerda wendend: »Sie sind erregt, Fräulein von Wangenheim. Bedürfen Sie der Ruhe? Kommen Sie, ruhen Sie ein wenig, ehe Sie singen werden. Ich kenne den Zustand des ersten öffentlichen Auftretens, wenn auch auf andere Art.«

Dankbar sah Gerda auf sie, legte ihren Arm auf den ihren und ließ sich hinausbegleiten.

Lotte führte sie in das kleine Empfangszimmer der Hausfrau, das einsam und verlassen war, brachte ihr das Notenheft und sagte:

»So, nun schauen Sie in Ihre Noten und denken Sie an nichts anderes als an Ihre Musik. In einer halben Stunde komme ich und hole Sie.«

Als sie die Tür zum großen Empfangszimmer erreicht hatte, trat ihr Gehring und Ebba Holm entgegen.

»Endlich finden wir Sie, Lotte. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich schon zu Inge hinübergeflüchtet wäre, wenn Herr Gehring sich nicht meiner angenommen hätte. All die fremden Menschen um mich herum verursachen mir wahrhaftig Schrecken. Wie kann man nur an derartigen Veranstaltungen Vergnügen finden. Das ist mir ganz unbegreiflich.«

»Meine liebe Frau Ebba, Sie gehen von einem ganz falschen Gesichtspunkt aus, wenn Sie meinen, die Leutchen kommen nur zum Vergnügen zusammen. Diese Veranstaltungen sind Zweck-Vergnügungen, jeder dieser Gäste kommt mit einer bestimmten Absicht oder zu einem bestimmten Zweck hierher.«

»Erlauben Sie mal, Fräulein Wunsch, Sie sagten: Jeder!« unterbrach Gehring.

»Natürlich, ein paar Ausnahmen sind wohl darunter,« lachte sie ihm mit aufleuchtendem Blick entgegen. »Ich für mein Teil bin auch nicht ohne Absicht hier. Sie wissen, wir wollen Fräulein von Wangenheim einführen und für ihr Konzert vorarbeiten. Sie sehen, ein guter Zweck.«

»Das kann ich so unbedingt nicht glauben.«

»Ist es nicht immer gut, zu helfen?«

»Nein. Man kann einem Menschen oft mehr Gutes tun, wenn man ihm nicht hilft.«

Lotte sah nachdenklich vor sich hin. »Sie mögen recht haben, Gehring. Doch hier hoffe ich gut zu tun, wenn ich helfe die Wege ebnen.«

»Wer ist der Herr, den meine Schwägerin eben so liebenswürdig begrüßt, Lotte? Ein interessanter Kopf. Schauen Sie die grauen Haare und die lebhaft blitzenden jugendlichen Augen.«

»Da haben Sie gleich einen Magnet, der so manche Sterne, große und kleine, hierhergezogen hat. Ihr Zweck ist es, sich ihm in den Weg zu stellen, von ihm beachtet zu werden und, wenn irgend möglich, eine kleine Attacke auf sein noch immer jugendliches Herz zu vollführen. Es ist einer unserer ersten Theaterkritiker.«

»Und die Wirkung?«

Lotte lachte. »Je nachdem. Aber was die Kritiken anbelangt, so bleibt die beabsichtigte Wirkung allerdings aus. Er läßt sich in seinem Urteil nicht durch girrende Blicke beeinflussen. Und dort, jener schlanke Mann, mit den nervösen Gesichtszügen, den graumelierten Haaren, ist ein Musikkritiker. Es ist gut, daß er gekommen ist, vielleicht schneidet Fräulein von Wangenheim gut ab und er wird aufmerksam auf sie.«

»Und die Dame, die mit ihm gekommen ist? Sie scheint mir weniger schön als auffallend graziös in ihren Bewegungen.«

»Das ist eine unserer modernen Tänzerinnen. Ein wunderbar schmiegsamer Körper. Die müssen Sie einmal tanzen sehen, Frau Ebba.«

»Und nun schauen Sie dorthin, gnädige Frau,« wandte sich Gehring an Ebba, »so stempelt man sich zur Tragödin, wenn man noch keine ist. Wie gefällt Ihnen dieses Gesicht?«

»Widerlich! Mein Gott, wie kann man so aussehen. Verlebt, welk und müde! Und mir scheint, alles gekünstelt, maskenhaft.«

»Für wie alt halten Sie die Person?«

»Es will mir scheinen, als sei sie jung -- sie sieht aber aus wie eine Frau von vierzig, fünfzig Jahren.«

»Sie ist achtzehn Jahre alt! Eine Theaterschülerin, die eben die Reinhardtschule durchgemacht hat und sich durch ihr Aussehen interessant machen will. Was ihr ja auch tatsächlich gelingt. Durch ihr bleich gepudertes Gesicht, durch ihr künstlich gemachtes, verlebtes Aussehen fällt sie überall auf. Wenn man sich auch voll Abscheu von ihr wendet, das ist ihr gleichgültig, sie wird bekannt dadurch, ihre Absicht ist erreicht. Sie sehen, auf welche Art man berühmt werden kann!«

»Und hat sie ein Engagement gefunden?«

»Nein, bisher nicht. Das ist ihr auch nicht die Hauptsache. Sie will nur als Schauspielerin _gelten_ und will sich interessant machen.«

Ebba schüttelte den Kopf. »Wo hat meine Schwägerin nur all die Menschen her?«

»Wer hier in der Gesellschaft lebt, ein großes Haus macht, zu dem kommt alles ins Haus geflogen,« sagte Lotte.

»Ja, alles, gnädige Frau. Gesichtet wird nicht. Wenn nur die Außenseite gut gefirnißt und blank poliert ist, ins Innere hinein, da schaut man nicht. Was wollen Sie auch? Es ist doch nur die Interessensphäre, die diese Menschen zusammenbringt. Ganz unabhängig von Sympathie und Antipathie,« sagte Gehring.

Ebba seufzte. »Ich glaube, ich werde an dieser Art zu leben nie Gefallen finden.«

»Das sollen Sie auch nicht, Frau Ebba,« fuhr Lotte erregt auf. »Sie wurzeln so ganz in einem andern Erdreich, und ich meine, Sie haben so gut Wurzel gefaßt, daß es niemand, weder Menschen noch Schicksal, gelingen wird, Sie zu entwurzeln.«

»Begnügen Sie sich mit der Rolle des Zuschauers und bleiben Sie abseits, gnädige Frau.«

»Abseits von jenen, die, nur dem eigenen Ich huldigend, rücksichtslose Interessenmenschen werden, Ebba.«

»Aber Ebba, dazu bist du doch nicht hergekommen, um dich hier in eine Ecke zu verkriechen mit deinen getreuen Zwei, du sollst Menschen kennen lernen.« Und Thea Westphal trat zu den drei Plaudernden.

»Ich habe eine Scheu vor all den fremden Menschen, Thea.«

»Unsinn, das gibt sich, glaube mir, du kannst interessante Menschen kennen lernen, wichtige Beziehungen anknüpfen. Auf meinen Festen hat so manche Künstlerin ihren Direktor gefunden, hat so mancher Schriftsteller Interesse für seine Arbeiten erregt.«

»Haben sich so viele Fäden von Herz zu Herz gesponnen, Frau Westphal.«

»Auch dies ist der Fall, Fräulein Wunsch, ohne die Liebe kein Leben! Aber nun kommen Sie, meine Herrschaften, mischen Sie sich unter die Gesellschaft, dich, Ebba, muß ich mit unserer Präsidentin bekannt machen, ich habe ihr von dir und deinen Ansichten erzählt. Sie brennt darauf, dich kennen zu lernen. Sie wird natürlich versuchen, dich einzufangen. Du bist ja wie geschaffen, für das Familienleben Propaganda zu machen.«

Sie nahm Ebba unter den Arm und drängte mit ihr durch die Menge.

Lotte und Gehring waren stehengeblieben.

»Das wirbelt nun so durchs Leben.«

»Was wollen Sie, Gehring? Die Begierde nach Gold und Genuß, welche diese Menschen beherrscht, hat sie in einen Taumel versetzt, der Sitte, Moral und Pflichtgefühl untergräbt. Wer einmal in diesen Strudel geraten ist, dem wird es schwer, sich daraus zu befreien.«

»Und Sie, Fräulein Wunsch, Sie waren und sind zum Teil ja noch mitten drin in diesem Wirbeltanz. Ist es Ihnen schwer geworden, sich daraus zu befreien?«

»Ich bin abseits geblieben. Ich habe zu früh gelernt, durch die Menschen hindurchzuschauen. Und dann hatte ich auch meine Kunst. Wer es mit der Kunst ernst meint, der hat viel zu arbeiten.«

»Sie sind ein ernster Mensch.«

»Ich stecke nun mal in einer Haut, aus der ich nicht heraus kann und auch gar nicht heraus will. Mir graut, wenn ich daran denke, ich könnte so geworden sein wie Thea Westphal.«

»Und eine Frau wie Sie konnte das Glück nicht finden?«

Sie wurden während ihres Gesprächs durch neu hereintretende Gäste seitwärts gedrängt und standen jetzt in einer Fensternische sich gegenüber. Gehring sah fragend auf Lotte.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte nicht den Mut, daran zu glauben.«

»Haben Sie nie einen Mann geliebt, Lotte?«

»Nie.« Herb kam es von ihren Lippen. Dann kam ein sanftes Rot auf ihre Wangen. Mit aufleuchtendem Blick preßte sie die Hand aufs Herz und sagte leise und innig: »Jetzt habe ich den Mut gefunden.«

»Frauen wie Sie können beglücken und finden ihr Glück darin.«

Das Fünkchen war entfacht und leckte empor, züngelte und flammte, knisterte und glühte und wurde Flamme, rotglühende lodernde Flamme. Und wieder senkten sich die Augen ineinander und hielten sich fest und sprachen von Liebe und Glück.

Immer deutlicher sprachen die Augen.

»Wie jung du noch bist!« flüsterten die Lippen des Mannes.

Da lösten sich ihre Blicke von den seinen, und ein Zittern erfaßte den Körper des Weibes. Eine Scheu, eine grenzenlose Angst stieg in ihr auf. Nicht sehen jetzt, Herr Gott, gib eine Binde mir über die Augen! Nicht sehen bei diesem die weißglühende Flamme der Begierde. Und sie schloß die Augen. Da fühlte sie zwei Lippen auf ihrer Stirn, sanft wie ein Hauch. Scheu, fast ehrfurchtsvoll streifte sie sein Mund. Und sie wußte, diese Liebe war nicht von jener Art. Da öffnete sie die Augen, sah auf den Mann und umhüllte ihn mit grenzenloser, hingebender Liebe. -- --

Die Klänge eines Chopinschen Walzers klangen zu ihnen hinüber. Lotte fuhr empor. Gerda von Wangenheim! Sie sollte nach dem Pianisten singen. Sie mußte sie holen.

»Ich hole Fräulein von Wangenheim,« flüsterte sie Gehring zu.

Er schaute ihr nach. War es möglich? Konnte die Liebe den Menschen so verwandeln, oder war er wirklich nur gedankenlos an Lotte Wunsch vorübergegangen? Sie, die Kluge, die Gedankenvolle hatte nie vermocht, ihm einen Anreiz zur Liebe zu geben. Und auch sie selbst. Nie hatte sie ihm etwas anderes als Freundschaft entgegengebracht. Am Weihnachtsabend hatte er entdeckt, daß sie ihn liebte. Sie, die Kühle, der nüchterne Verstandesmensch brachte ihm Liebe entgegen. Was hatte sie zusammengebracht und ihre Liebe auflodern lassen? Liebte er sie denn? Oder war nur ihr Altern, verbunden mit der jugendlichen Frische ihres Gemütes und der erwachenden Liebe, ein pikanter Anreiz für ihn? Er wehrte den Gedanken von sich. Nein, das war keine Frau, die man liebte und dann beiseite schob. Kein Spiel, keine Leidenschaft. Wenn man sie begehrte, so liebte man sie auch. Rein und wahrhaftig als liebenswertes Weib, als Gattin und Mutter. Ja, aus diesem Holz wurden die Mütter geschnitzt. Dies war keine Frau, die man mit den Sinnen begehrte, dieser Frau brachte man das Herz, brachte man Achtung entgegen. --

»Kommen Sie, sie wird jetzt singen. Ich möchte sie sehen und hören, was man über sie spricht.« Ein wenig blaß und erregt stand sie vor ihm. --

Das Lied war zu Ende. Rauschender Beifall erklang, umprasselte die sich dankend Verneigende.

»Herrliches Geschöpf!« »Ein entzückendes Weib.« »Donnerwetter, das ist eine Erscheinung!« »Wie fanden Sie den Gesang?« »Gesang? Weiß ich nicht, habe nur auf die Erscheinung gesehen.« »Still doch, sie singt noch einmal.«

Und Gerda sang, und wieder umfing sie begeistertes Händeklatschen. Die Herren umringten sie und überschütteten sie mit Schmeicheleien. Ruhig und kühl stand sie inmitten der Schar. Ruhig und kühl von außen, aber mit dem Rot der Erregung auf den Wangen und mit einer wallenden Glut im Herzen. Also doch. Sie war eine Gottbegnadete, sie war eine Künstlerin. Ihr Gesang hatte gewirkt. Mein Gott, war das ein Gefühl, umbrandet von Beifallsrauschen, Worte der Anerkennung und Blicke der Bewunderung zu hören und zu sehen.

Thea Westphal stürzte auf sie zu und drückte ihr die Hände. Sie war überglücklich, sie ›entdeckt‹ zu haben. »Ich bitte Sie, meine Herren, vergessen Sie nicht, in meinem Hause hat diese gottbegnadete Künstlerin das erstemal gesungen. Und nun kommen Sie, Fräulein von Wangenheim, ich werde Sie mit unserm gefürchteten Musikkritiker bekannt machen.«

Der Kritiker sah lächelnd auf Gerda. »Gnädiges Fräulein, Sie haben viel Beifall gehabt. Wenn ich Ihnen raten darf, so vergessen Sie aber über dem Beifall nicht, noch recht fleißig zu studieren.«

Ein kalter Strahl war auf sie herniedergefahren, sang sie für einen oder sang sie für die Menge? Die Menge hatte ihr zugejubelt. Einer hatte ihr gesagt: Du bist noch am Anfang deines Könnens. Einer gegen viele. Aber dieser eine wog die hundert auf, denn er war der Kenner, und was er sagte, galt. Er hatte es nur zu ihr gesagt. Sagte er es laut, so sagten die hundert wie er.

»Gnädiges Fräulein, einfach gottvoll haben Sie gesungen. Ich bin noch ganz hin. Mein Gott, diese Stimme! Sie werden bald zu den ganz Großen gezählt werden.« Und Herr von Reitzenstein legte die Hand aufs Herz und sah Gerda bewundernd an.

Sie seufzte. »Ach, das kann noch lange dauern.«

»Aber, gnädiges Fräulein, so mutlos nach diesem Erfolg? Was verlangen Sie denn noch mehr? Mehr als die Handschuhe zerklatschen und Ihnen sein Herz zu Füßen legen, mehr kann man doch nicht tun.« Und er zeigte ihr seine Hände mit den geplatzten Handschuhnähten.

Sie lächelte. »Nein, wahrhaftig, mehr verlange ich auch nicht. Ihnen habe ich ein gut Teil meines Erfolges zu verdanken, wie mir scheint.«

Er wehrte ab. »Wenn gnädiges Fräulein nicht so entzückend gesungen hätten und so blendend aussehen würden, hätte ich wohl schwerlich die andern mit fortgerissen.«

»Fräulein von Wangenheim, endlich kann ich mich zu Ihnen hindurchdrängen.« Und Lotte Wunsch streckte ihr die Hand entgegen. »Gut haben Sie Ihre Sache gemacht. Und tapfer haben Sie die erste Angst bekämpft. Ich wurde etwas ängstlich, als Sie anfingen und Ihre Stimme so stark vibrierte. Aber Sie haben sich durchgesungen.«

»Sie glauben also, daß ich zufrieden sein kann?«