Chapter 1 of 26 · 3882 words · ~19 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Der Übersichtlichkeit halber wurden die Fußnoten an das Ende der jeweiligen Kapitel, das Inhaltsverzeichnis dagegen an den Anfang des Texts verschoben.

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Philosophische Handbibliothek

Band V

[Illustration]

PHILOSOPHISCHE HANDBIBLIOTHEK

[Illustration]

_Herausgegeben von_

Clemens Baeumker Ludwig Baur Max Ettlinger

unter Mitarbeit von

Matthias Baumgartner / Adolf Dyroff Godehard Jos. Ebers / Josef Ant. Endres / Josef Geyser Martin Grabmann / Johannes Lindworsky / Hans Meyer Franz Sawicki / Josef Schwertschlager Johann Peter Steffes / Michael Wittmann

[Illustration]

1923

Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München

Verlagsabteilung Kempten

EXPERIMENTELLE PSYCHOLOGIE

von

_Johannes Lindworsky S. J._

[Illustration]

Dritte, durchgesehene Auflage

Band V der Philosophischen Handbibliothek

[Illustration]

1923

Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet K.-G. München

Verlagsabteilung Kempten

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck verboten

Made in Germany

*

Copyright 1923 by Josef Kösel & Friedrich Pustet, K.-G. München

Buchdruckerei des Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet, Kommandit-Ges. Zweigniederlassung Kaufbeuren

Vorwort zur dritten Auflage

Ein doppeltes Ziel hatte sich diese Arbeit gesteckt: kurz und verlässig zu berichten, was bisher über das Seelenleben des Erwachsenen erforscht war, und die in diesem Bilde noch klaffenden Lücken sei es durch eigene Untersuchungen, sei es durch Hypothesenbildung auszufüllen. Die günstige Aufnahme, die das Buch gefunden -- auch die zweite Auflage war vor Ablauf eines Jahres vergriffen --, dürfte beweisen, daß jenes Doppelziel im wesentlichen erreicht wurde.

In der dritten Auflage wurden die inzwischen gezeitigten Forschungsergebnisse verwertet, insoweit sie dem Plane des Buches entsprechen und eine gewisse Abgeschlossenheit erlangt haben.

Zwei Wünsche, die mir von geschätzter Seite vorgetragen wurden, konnte ich nicht erfüllen. Zunächst durfte ich ob des beschränkten Raumes nicht mit solcher Breite schreiben, daß das Buch +mühelos+ von jedem Gebildeten gelesen werden könnte. Wer es als Leitfaden neben den Vorlesungen benützt -- und für Hochschüler ist die „Philosophische Handbibliothek“ in erster Linie gedacht -- wird keine Schwierigkeiten beim Studium finden. Andere Leser dürften bei etwas besinnlicher Lektüre den Inhalt gleichfalls bewältigen und dann um so größeren Gewinn davontragen. Zweitens wurde ein Abriß der Methoden, etwa als Anhang gewünscht. Allein, was an Methodik für das Verständnis der Tatsachen notwendig ist, wird stets an seinem Ort mitgeteilt. Im übrigen möchte ich nicht der Täuschung Vorschub leisten, die Befähigung zu psychologischer Forschungsarbeit lasse sich leichthin erwerben. Wer eine genauere Einführung in die Anfangsgründe der Methodik wünscht, sei auf das gediegene Werk von R. +Pauli+, „Psychologisches Praktikum“ 3. Aufl. 1923, verwiesen, das sich u. a. auch durch ausgedehnte Literaturnachweise auszeichnet. Noch weiter führende Literaturangaben finden sich bei J. +Fröbes+, „Lehrbuch der experimentellen Psychologie“ 2. Aufl. 1922/23. -- Der S. 90 zitierte Aufsatz ist zwar schon seit geraumer Zeit gedruckt, wird aber vielleicht erst im nächsten Jahr erscheinen.

+Köln+, im September 1923.

+Johannes Lindworsky+ S. J.

Druckfehlerberichtigung:

S. 104 Zeile 2 von unten lies: „objektiven“ statt „subjektiven“.

INHALTSVERZEICHNIS

Seite

Vorwort V

Inhalt VII

Abkürzungen XII

+Einleitung+

1. Die Eigenart der experimentellen Psychologie 1

2. Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie 2

3. Gegenstand und Aufgabe der experimentellen Psychologie 6

4. Quellen und Methoden der experimentellen Psychologie 10

5. Überblick über die verschiedenen Zweige der experimentellen Psychologie 15

I. Buch.

Psychische Elemente und elementare Verbindungen

Erster Abschnitt: Die Empfindungen

1. Kap. Die Empfindung im allgemeinen 16

2. Kap. Die höheren Empfindungen

A. Die Gesichtsempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Gesichtsempfindungen 20 2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren Reizen 23 3. Die Gesetze der Farbenmischung 25 4. Der Simultankontrast 27 5. Die Umstimmung der Netzhaut 29 6. Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung 30 7. Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung 31 8. Die Farbenblindheiten 32 9. Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens. Duplizitätstheorie 33 10. Die Theorien des Farbensehens 35

B. Die Gehörempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Gehörempfindungen 38 2. Die Beziehung der Tonempfindungen zu den äußeren Reizen 42 3. Die Theorie der Gehörempfindung 45

3. Kap. Die niederen Empfindungen

A. Die Geschmacksempfindungen

1. Qualitative Betrachtung der Geschmacksempfindungen 48 2. Reize und Organe des Geschmacksinnes 50

B. Die Geruchsempfindungen 51 C. Die Temperaturempfindungen 53 D. Die Druckempfindung 56 E. Die Schmerzempfindung 57 F. Die Organempfindungen 59 G. Die statischen Empfindungen 60 H. Die kinästhetischen Empfindungen 63

4. Kap. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie 66

5. Kap. Die Psychophysik 68

1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik 69 2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz 72

Zweiter Abschnitt: Empfindungskomplexe 75

1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen

1. Die Tatsache der Tonverschmelzung 76 2. Gesetze der Tonverschmelzung 77 3. Die Erklärung der Konsonanz 78

2. Kap. Die optischen Raumeindrücke 79

A. Der optische Eindruck der Fläche

1. Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus 80 2. Der blinde Fleck 83 3. Die kleinsten unterscheidbaren Raumgrößen in der Fläche 83 4. Unvollkommenheiten des Einauges 84

B. Die Erfassung der drei Dimensionen durch das Einauge

1. Das Aufrechtsehen und die horizontale Ordnung 85 2. Das Tiefensehen 87

C. Das Sehen mit beiden Augen

1. Doppeltsehen und Einfachsehen 89 2. Die Sehrichtung des Doppelauges 91 3. Das Tiefensehen mit zwei Augen 92 4. Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung 94

3. Kap. Empfindungskomplexe des Tastsinnes

1. Der Raumsinn der Haut 96 2. Der Tastraum der Blinden 97 3. Theorie des Tastraumes 99

Dritter Abschnitt: Die absoluten Vorstellungen 102

Vierter Abschnitt: Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen und Empfindungskomplexen 107

1. Die Synästhesien 107 2. Erscheinungsweisen der Farben 108 3. Die Sehgröße 110 4. Die nicht-optische Raumanschauung des Sehenden

a) Ortssinn und Lagewahrnehmung 112 b) Die Raumlokalisation im allgemeinen 115

Fünfter Abschnitt: Elementare Denkfunktionen

1. Die Beziehungserkenntnis 117 2. Das aktive Beziehen 119 3. Die Abstraktion 121

Sechster Abschnitt: Die Verbindung der Beziehungsfunktion mit den Empfindungskomplexen

1. Kap. Die Gestaltwahrnehmung 123 2. Kap. Die Zeitwahrnehmung 125 3. Kap. Die Bewegungswahrnehmung 131

Siebter Abschnitt: Elementare Gefühle

1. Abgrenzung der elementaren oder sinnlichen Gefühle 137 2. Die Eigenart der sinnlichen Gefühle 138 3. Die Gefühlsdimensionen und -qualitäten 139 4. Die Beziehungen zwischen Empfindung und Gefühl 141 5. Verbindung und Lösung der Gefühle 142 6. Die physiologischen Begleiterscheinungen der Gefühle 144 7. Theorie der sinnlichen Gefühle 145

Achter Abschnitt: Das elementare Wollen 147

1. Überblick über die verschiedenen Willenstheorien 147 2. Die experimentelle Untersuchung des Willens 148 3. Das elementare Wollen nach den experimentellen Ergebnissen 149

II. Buch.

Die Vorstellungserneuerung als Grundlage der höheren psychischen Leistungen

Erster Abschnitt: Die allgemeinen Gesetze der Vorstellungserneuerung 152

Zweiter Abschnitt: Die Assoziation als Grundlage der Reproduktion 158

1. Kap. Gehirn und Bewußtsein

1. Das Nervensystem 159 2. Die Zuordnung einzelner Gehirnteile zu psychischen Funktionen 160

2. Kap. Die Untersuchung besonderer Assoziationsgesetze

1. Die Methodik der Assoziationsforschung 163 2. Hauptergebnisse der Assoziationsforschung 165

a) Die Beziehungen zwischen der Zahl der Wiederholungen und der Assoziationsstärke 165 b) Einfluß des Lernstoffes 167 c) Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens 168 d) Die Bedeutung des allgemeinen psychischen Verhaltens 169 e) Nebenassoziationen 169

3. Kap. Ausdehnung der Betrachtung auf das Gesamtbewußtsein

1. Die Konstellation 170

a) Die Hilfen 171 b) Die Hemmungen 171

2. Die Komplexbildung 172

III. Buch.

Die höheren seelischen Leistungen des Einzelnen

Erster Abschnitt: Die höheren Erkenntnisleistungen

1. Kap. Die Vergleichung 176

2. Kap. Die Dingerfassung 179

3. Kap. Wahrnehmung und Vorstellung 180

4. Kap. Begriffe und Kategorien 183

5. Kap. Die Gewißheit 187

6. Kap. Das schlußfolgernde Denken 189

7. Kap. Das produktive Denken 193

8. Kap. Urteil, Annahme und Frage

1. Das Urteil 196 2. Die Annahme 199 3. Die Frage 200

9. Kap. Die höheren Gedächtnisleistungen

1. Erinnerung und Wiedererkennen 201 2. Erinnerungstäuschungen 204 3. Die Aussage 207

10. Kap. Das Ichbewußtsein 208

Zweiter Abschnitt: Die höheren Gefühle

1. Eigenart der höheren Gefühle 214 2. Theorie und Einteilung der höheren Gefühle 215 3. Bemerkenswerte Arten der Gefühle 218 4. Gesetzmäßigkeiten des Gefühlslebens 222 5. Die Beziehungen des Gefühls zu anderen Funktionen 224

Dritter Abschnitt: Das Willensleben

1. Kap. Die Vorbereitung des Willensaktes 226

1. Das Wesen des Motives 226 2. Einteilung der Motive 227 3. Vorbedingungen für die Wirksamkeit von Motiven 228

2. Kap. Die unmittelbaren Wirkungen des Willensaktes

1. Die determinierenden Tendenzen 229 2. Das Gesetz der speziellen Determination 232 3. Die Messung der Willenskraft. Das assoziative Äquivalent 233

3. Kap. Die Willenshandlung als Folge des Willensaktes

1. Die äußere Willenshandlung 236

2. Die innere Willenshandlung

a) Die Aufmerksamkeitsbewegung 241

1. Begriff und Arten der Aufmerksamkeit 242 2. Eigenschaften der Aufmerksamkeit 243 3. Die Bedingungen der Aufmerksamkeit 246 4. Die Wirkungen der Aufmerksamkeit 247 5. Die Theorie der Aufmerksamkeit 248 a) Die bisherigen Theorien 248 b) Die genetische Aufmerksamkeitstheorie 249 6. Störungen der Aufmerksamkeit 252

b) Die Vorstellungsbewegung 253

1. Die gebundene Vorstellungsbewegung 254 2. Die freie Vorstellungsbewegung. Die Phantasie

a) Die Gestaltung der freien Vorstellungsbewegung 255 b) Freie Vorstellungsbewegung und Phantasie 256

IV. Buch.

Die von der Gemeinschaft beeinflußten seelischen Leistungen 261

Erster Abschnitt: Die Sprache

1. Die Leistungen der Sprache 261 2. Die Entstehung der Sprache 262 3. Die Sprachentwicklung 264

Zweiter Abschnitt: Die Sitte

1. Gebräuche 267 2. Die Konstanz der Kultur 268 3. Recht und Sittlichkeit 269

Dritter Abschnitt: Die Kunst 272

1. Das Schöne 272 2. Der ästhetische Eindruck 272 3. Die Entstehung und Entwicklung der Kunst 275

Vierter Abschnitt: Die Religion 277

1. Der Gottesglaube 277 2. Das Gebet 279 3. Religiöse Entwicklungen 280

V. Buch.

Ausnahmezustände der Seele

Erster Abschnitt: Der Schlaf 282 Zweiter Abschnitt: Der Traum 287 Dritter Abschnitt: Die Hypnose 294

Namenregister 299

Sachregister 300

ABKÜRZUNGEN

APs: Archiv für die gesamte Psychologie. CgEPs: Bericht über den ... Kongreß für experimentelle Psychologie. FPs: Fortschritte der Psychologie ZaPs: Zeitschrift für angewandte Psychologie. ZPaPs: Zeitschrift für Pathopsychologie. ZPs: Zeitschrift für Psychologie.

Einleitung

1. Die Eigenart der experimentellen Psychologie

In diesem Buche wird von seelischen Vorkommnissen die Rede sein: wie wir die Farben sehen und die Töne hören; wie unsere Phantasie arbeitet; wie das Gedächtnis seine Schätze gewinnt und verliert; wie sich unser Gemüt regt; wie das menschliche Denken von Erkenntnis zu Erkenntnis vordringt und unser Wille seine Ziele verfolgt. Solche und ähnliche Vorgänge zu beobachten, sie im +einzelnen+ kennen zu lernen und ihre Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, das ist, allgemein gesprochen, die Forscheraufgabe des Experimentalpsychologen. Anders lauten die Fragen, die sich der Philosoph über das Seelische stellt: Woher stammen die seelischen Vorkommnisse? Was ist die Seele? Ist die Seele geistig, unsterblich, mit Freiheit begabt? Wie verhalten sich Leib und Seele? Der charakteristische Unterschied zwischen den Interessen des Philosophen und des Experimentalpsychologen springt in die Augen. Dieser schaut auf die seelischen Einzeltatsachen, auf das Wie der psychischen Erscheinungen. Der Philosoph hingegen bemüht sich um ihre letzten Gründe: die Seele als Urgrund der Bewußtseinserscheinungen ist sein eigentlicher Forschungsgegenstand.

Der verschiedene Gesichtspunkt, von dem aus beide das nämliche Seelenleben betrachten, bedingt die Entstehung zweier verschiedener Wissenschaften. Weil aber der Experimentalpsychologe sich um Einzeltatsachen kümmert, weil er nicht nach letzten Gründen und allgemeinsten Gesetzen fragt, darum kann seine Wissenschaft nicht als Philosophie gelten. Sie steht aber im engsten Zusammenhang mit der philosophischen Psychologie. Der Experimentalpsychologe muß wenigstens einen Teil seiner Aufgabe gelöst haben, ehe der Philosoph die seinige auch nur beginnen kann; wenigstens einige Einzeltatsachen des Seelenlebens müssen festgestellt, beobachtet und beschrieben sein, ehe sich Schlüsse auf die letzten Ursachen solcher Tatsachen ziehen lassen. Und noch vor jeder genaueren Kenntnis beider Wissenschaften darf man vermuten, daß die Schlußfolgerungen des Philosophen um so mannigfacher und sicherer sein werden, je mehr Tatsachenmaterial der Experimentalpsychologe zutage gefördert hat. Die experimentelle Psychologie ist somit eine unentbehrliche Hilfswissenschaft der Philosophie.

Mit dieser vorläufigen Bestimmung ist auch schon die Eigenart der Experimentalpsychologie kundgetan: sie muß ihrer ganzen Natur nach darauf ausgehen, mit möglichst großer Sicherheit und in reichster Fülle seelische Tatsachen festzustellen. Es stehen ihr zu dieser Aufgabe, wie wir später noch im einzelnen sehen werden, mancherlei Methoden zu Gebote. Von der idealsten dieser Methoden, dem Experiment, hat sie ihren Namen erhalten. Diese Bezeichnung ist freilich ein Notbehelf; denn nicht alle Probleme unserer Wissenschaft können durch das Experiment gelöst werden. Gleichwohl sagt man besser experimentelle als empirische Psychologie, da auch die philosophische Psychologie empirisch sein muß; auch sie hat von Tatsachen auszugehen, wenn anders sie eine wissenschaftliche Psychologie sein will.

2. Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie

Die experimentelle Psychologie, wie sie soeben von uns aufgefaßt wurde, hat noch keine Geschichte, ja genau genommen, liegt sie selbst noch in der Zukunft. Die experimentelle Psychologie ist nämlich zurzeit in dem Prozeß der Loslösung von der Philosophie begriffen, den die Physik schon lange hinter sich hat. Gegenwärtig will ein Teil der Autoren nur die experimentelle Psychologie allein gelten lassen, während die Mehrheit die reinen Tatsachenfragen zusammen mit den philosophischen behandelt, freilich zum Schaden beider. Nur wenige entschließen sich zur klaren Sonderung beider Wissenschaften. Läßt sich sonach eine Geschichte der experimentellen Psychologie noch nicht schreiben, so kann man doch die Entwicklung kenntlich machen, die bis zu dem gegenwärtigen Stadium der allmählichen Verselbständigung geführt hat.

Die Psychologie hat niemals völlig der empirischen Grundlage entbehrt. Erfahrungen wie Träume, Erinnerungen u. ä. bildeten häufig den Ausgangspunkt und die Anregung zu den psychologischen Erwägungen der alten griechischen Philosophen. Man wird aber kaum sagen können, daß selbst ein Aristoteles, dem doch schon eine Formulierung der Assoziationsgesetze gelang, in ähnlicher Weise darauf ausgegangen wäre, psychische Tatsachen zu sammeln, wie er biologische und zoologische Beobachtungen beigebracht oder überliefert hat. Und so blieb es auch in der Hauptsache im Mittelalter. Einige wenige leicht zugängliche Selbstbeobachtungen waren der Unterbau, auf dem sich alsbald das spekulativ erarbeitete System der lebenswichtigen philosophisch-psychologischen Fragen erhob. Das braucht nicht zu befremden. Denn dies sind Fragen, zu denen jeder Mensch irgendwie Stellung nimmt, während die psychischen Einzelerscheinungen eine solche Bedeutung zumeist nicht beanspruchen und infolge ihrer Alltäglichkeit und engsten Zugehörigkeit zu unserem Ich nicht einmal unsere Verwunderung erregen -- die doch nach Aristoteles allein den Anstoß zur Forschung gibt.

Um die Aufmerksamkeit der Forscher auf die seelischen Prozesse zu lenken, genügte die Abwendung +Descartes+’ von der herkömmlichen Psychologie noch nicht, obwohl er in der Seele nicht mehr das Prinzip des Lebens, sondern das des Bewußtseins sah; es bedurfte der Opposition der englischen Aufklärungsphilosophie, die in ihrem tendenziösen Kampfe gegen die grundlegenden Begriffe der Substanz und Kausalität die Tatsachen der Assoziation in den Mittelpunkt der Betrachtung stellte. So entstand die Assoziationspsychologie, begründet von +Locke+, +Hume+ und +Hartley+, erneuert von J. St. +Mill+ und zuletzt durch +Bain+ glänzend vertreten. Mit ihrer Leugnung des Denkens und Wollens regte sie zu lebhaftem Widerspruch an und sah sich auch selbst gezwungen, in stets erneuten Versuchen die seelischen Erscheinungen allein durch Empfindung und Vorstellung verständlich zu machen. So hat sie sich ohne Zweifel um das Studium der Bewußtseinsphänomene verdient gemacht. Sie stand jedoch der tieferen Einsicht ins Seelenleben im Wege, wo immer sie jede Erörterung über die seelischen Elemente in dogmatischer Befangenheit von vorneherein ablehnte und die widerstrebenden Tatsachen mit der Zwangsjacke sensistischer Terminologie vergewaltigte.

Eine zweite Wurzel der heutigen experimentellen Psychologie hat man in der Anbahnung einer physiologischen Psychologie zu erblicken. Es waren zunächst Theoretiker, die von der Physiologie wertvolle Aufschlüsse erwarteten. Die extremsten unter ihnen waren allerdings auf dem besten Wege, die Psychologie zugrunde zu richten. So schon der Assoziationspsychologe +Priestley+, der die psychologische Analyse durch die Physik des Nervensystems abgelöst wissen wollte, und ähnlich +Comte+, der an jeder Selbstbeobachtung verzweifelnd, Physiologie und Phrenologie an die Stelle der Psychologie setzte. Besonnener gingen +Lotze+, +Horwicz+ und +Maudsley+ voran. Die eigentliche Befruchtung durch die Physiologie ist aber den experimentierenden Physiologen wie +Helmholtz+, +Weber+, +Hering+ zu danken. Sie bildeten wichtige Methoden aus, deren sich später die Psychologen bedienten.

Das Geburtsjahr der experimentellen Psychologie ist das Jahr 1860, wo +Fechners+ „Elemente der Psychophysik“ erschienen. Angeregt durch E. H. +Webers+ Untersuchungen über den Tastsinn, hat Gustav Theodor Fechner mit bewußter Absicht das Experiment zur Erzielung psychologischer Erkenntnisse angewandt und die Grundlage zu der ausgedehnten experimentellen Methodik geschaffen, deren sich heute die Psychologen erfreuen. Mit stärkerer Heranziehung der Physiologie setzte W. +Wundt+ das Werk Fechners fort und erwarb sich namentlich durch die Gründung des ersten psychologischen Laboratoriums bleibende Verdienste um die neue Wissenschaft. Seitdem hat sie, gepflegt von einer stattlichen Zahl hervorragender Forscher und empfohlen durch die Fülle der von ihr in kurzer Frist festgestellten Tatsachen und Gesetzmäßigkeiten, sich ihren Platz im System der Wissenschaften gesichert. Ein Markstein in ihrer Entwicklung wird durch den Namen +Oswald Külpe+ bezeichnet, insofern Külpe mit Entschiedenheit für die Verselbständigung der experimentellen Psychologie als Einzelwissenschaft eintrat.

Gegenwärtig bahnt sich eine neue Entwicklung der Psychologie an. Wie sich die Physik allmählich von der Naturphilosophie loslöste und zur Experimentalphysik wurde, dann aber eine theoretische Physik ausbildete, der nicht zuletzt die großen Fortschritte der gesamten Physik zu danken sind, so melden sich heute die Ansätze zu einer +theoretischen+ Psychologie. Während die experimentelle Psychologie die Haupterscheinungen des Seelenlebens erforscht, sucht die theoretische auf Grund der experimentellen Befunde die allgemeinsten Gesetze des Psychischen aufzustellen, aus denen sich dann die Einzelerscheinungen begreifen und ableiten lassen[1].

Hinsichtlich der bevorzugten Methoden lassen sich unter den heutigen Psychologen drei Gruppen unterscheiden. Neben der großen Zahl der prinzipiell experimentierenden Forscher finden sich solche, die wie +Lipps+ und +Brentano+ nur die schlichte Selbstbeobachtung heranziehen. Ihnen steht die phänomenologische Richtung nahe, deren bedeutsamster Vertreter +Husserl+ ist. Sie geht allerdings nicht auf die Herausstellung von psychischen Einzeltatsachen aus, sondern bemüht sich, durch „Wesensschauung“ den Kern, das Wesentliche der seelischen Erlebnisse aufzuzeigen. Der besonnene Experimentalpsychologe wird weder die schlichte Selbstbeobachtung noch die phänomenologische Wesensschauung aus seiner Werkstätte verbannen. Namentlich die letztere kann ihm zur Vorbereitung wie zur Kontrolle der experimentellen Forschung schätzenswerte Dienste leisten. Jedoch der Erfolg dürfte schon heute dahin entschieden haben, daß beide Methoden für sich allein kein ausreichendes Fundament mehr abgeben für den weitauslagernden Bau der Tatsachenpsychologie.

Verwandt mit der Sonderung infolge der Methodik ist die durch den theoretischen Standpunkt hervorgerufene. Hier haben wir die „reinen“ Psychologen, die eine Ergänzung unseres psychologischen Wissens durch die Physiologie ablehnen und nur auf die bewußten Prozesse das psychologische Lehrgebäude errichten wollen. Dementsprechend verzichten sie auch auf die Klärungen, die von der Physiologie zu erhoffen sind. Ihnen gegenüber weist die größere Mehrzahl darauf hin, daß die Kette der Bewußtseinserscheinungen nicht lückenlos ist und daß sich außerdem gesetzmäßige Beziehungen zwischen physiologischen Zuständen und gewissen Seelenvorgängen nachweisen lassen. Diese Gruppe heißt also jeden Aufschluß willkommen, den die Physiologie zu geben vermag; gleichwohl betont auch sie, je länger je mehr, daß die seelischen Erscheinungen in erster Linie zu beachten sind. Innerhalb dieser Gruppe stehen sich nun wieder zwei oder drei Richtungen gegenüber. Die eine bekennt sich rundweg zur Assoziationspsychologie und weigert sich vorerst noch, elementare Denk- und Wollenserlebnisse anzunehmen. Die Schar ihrer Anhänger lichtet sich mit jedem Jahr; ihr bedeutendster Vertreter ist heute Th. +Ziehen+. Über sie suchte der angebliche Voluntarismus +Wundts+ hinauszukommen, ohne jedoch mit seiner Apperzeptionslehre außerhalb des engsten Schülerkreises Anklang zu finden. Die dritte Gruppe endlich ging namentlich aus der Schule +Külpes+ hervor. Wie sie jede wissenschaftliche Methode auszunutzen gewillt ist, so sträubt sie sich auch nicht, neue seelische Grundphänomene anzuerkennen, wenn anders sie durch zuverlässige Beobachtungen verbürgt sind. Infolgedessen hat sie, von der Wundtschen Richtung ausgehend, ihren Standpunkt bezüglich der Probleme des Denkens und Wollens in stets neu aufgegriffenen Untersuchungen allmählich wesentlich geändert und damit die Verbindung mit den von der aristotelischen Philosophie herkommenden Forschern gewonnen.

Literatur

M. +Dessoir+, Abriß einer Geschichte der Psychologie. 1911.

O. +Klemm+, Geschichte der Psychologie. 1911.

3. Gegenstand und Aufgabe der experimentellen Psychologie

Wir haben als den Gegenstand der experimentellen Psychologie schon oben im allgemeinen die seelischen Vorkommnisse gekennzeichnet. Um ihn schärfer zu umschreiben und gegen die Objekte anderer Wissenschaften, namentlich der Naturwissenschaft, abzugrenzen, müssen wir von der naiven Auffassung des Erwachsenen ausgehen.

Der von psychologischen und erkenntnistheoretischen Fragen noch unberührte Erwachsene sieht sich einer Welt von äußeren Dingen gegenübergestellt, die mit seinem Ich nichts zu tun haben. Seiner Auffassung nach sind ihm nicht zuerst seine Bewußtseinserscheinungen gegeben, sondern jene greifbaren Gegenstände, die er vor sich sieht. Erlebnisse wie Schmerz und Freude lenken ihn erst auf seine Innenwelt hin. Hat er weiterhin Gelegenheit, festzustellen, daß ein anderer Dinge als rot bezeichnet, die er etwa gelb nennt, so wird er auf den subjektiven Beitrag aufmerksam, den jeder Mensch zur Wahrnehmung der äußeren Dinge hinzubringt. Die Abhängigkeit vom Subjekt wird ihm noch deutlicher, sobald er einmal beobachtet, wie er selbst den nämlichen äußeren Gegenstand unmittelbar nacheinander, ohne daß sich an dem Objekt oder an den äußeren Bedingungen der Wahrnehmung etwas ändert, bald so, bald anders erblickt, wie er z. B. die Drehungsrichtung eines Windrades jetzt auf sich zu-, jetzt von sich abgewandt sieht. Nimmt er noch hinzu, daß sich bei geschlossenen Augen oder im Traum ganz ähnliche Ausblicke darbieten, wie bei offenen Augen und im Wachzustand, dann wird ihm klar, daß die Bilder der äußeren Gegenstände fast mehr von ihm stammen als von den fremden Objekten. Trotzdem hören die äußeren Dinge nicht auf, dem wahrnehmenden Ich wie etwas Fremdes, Getrenntes gegenüberzustehen, und dieser Eindruck bliebe erhalten, auch wenn das Subjekt zur Überzeugung käme, daß die Außenwelt in Wirklichkeit nicht bestünde.

Diese beiden Umstände: die relative Subjektivität von Schmerz, Freude, Wahrnehmungen u. ä. einerseits und die unzerstörbare Gegensätzlichkeit des betrachtenden Subjektes und der Außenwelt anderseits ermöglichen es, den Gegenstand der experimentellen Psychologie scharf zu umschreiben. +Alle seelischen Vorkommnisse sind einem Subjekt zugehörig; sie alle sind einem Bewußtsein immanent+, so daß kein anderer Mensch ein unmittelbares Wissen von ihnen hat. Diese Eigenart kommt nicht nur meinen Bewußtseinsvorgängen, sondern allen zu, die es vielleicht gibt; sie läßt sich aber in keiner Weise von den Dingen aussagen, die dem Ich fremd gegenüberstehen; sie seien denn Erlebnisse eines anderen Bewußtseins. Gegenstand der experimentellen Psychologie sind sonach alle jene Phänomene, die ihrer Natur nach bewußtseinsimmanent und unmittelbar nur für das erlebende Subjekt erfaßbar sind. Dabei sehen wir natürlich von ihrer etwaigen Erfaßbarkeit durch höhere als menschliche Wesen ab. Alle anderen Dinge, auf welche diese Kennzeichnung nicht zutrifft, bilden den Gegenstand anderer Wissenschaften; die körperlichen unter ihnen insbesondere geben das Objekt für die Naturwissenschaften ab.

Der Gegenstand der experimentellen Psychologie ist also nicht die substantielle Seele; denn zu ihr gelangen wir nur unter der Führung der philosophischen Psychologie, die auf Grund der Bewußtseinserscheinungen nachzuweisen hat, daß die psychischen Erlebnisse einen substantiellen Träger voraussetzen. Wir können aber auch nicht die gesamte Erfahrung als Gegenstand der Psychologie bezeichnen, auch nicht mit der Einschränkung: insoweit die Erfahrung von unserem Ich abhängig ist. Zu unserer Erfahrung gehören nämlich auch die Dinge außerhalb des Ich. Sie stehen aber in unserer Auffassung, von der wir als Psychologen auszugehen haben, als etwas Wirkliches und von dem Ich Unabhängiges vor uns. Auch die naive Auffassung unterscheidet, sobald sie nur einmal darauf hingewiesen wird, sehr wohl zwischen dem Gesichtsbild des Tisches, das sich je nach dem Standpunkt des Betrachtenden beständig ändert, und dem unverändert bleibenden Tisch, der diese verschiedenen Gesichtsbilder bedingt. Die äußere Erfahrung und die Bewußtseinsinhalte sind somit zwei ganz getrennte Gegenstandsgebiete. Wir wenden uns aber auch drittens gegen jene Psychologen, die z. B. die Farben aus dem Stoffgebiete unserer Wissenschaft ausscheiden wollen. Allerdings sprechen uns die Farben als objektive Eigenschaften der Außendinge an, und wir müssen hier von diesem unmittelbaren Eindruck ausgehen. Es wird sonach eine Wissenschaft erforderlich sein, die sich mit den Körperfarben befaßt. Allein wir stellen auch fest, daß es Farben als immanente Bewußtseinsinhalte gibt, so immanent, daß die individuelle Verschiedenheit des Farbensehens sich jahrhundertelang versteckt hielt und immer nur sehr indirekt nachgewiesen werden kann. Farben und Töne gehören darum sehr wohl zu dem Forschungsgegenstand der experimentellen Psychologie.