Chapter 22 of 26 · 3637 words · ~18 min read

Part 22

Im +weiteren+ Sinne gestattet unsere Definition die +Phantasietätigkeit mit der soeben beschriebenen freien Vorstellungsbewegung zu identifizieren+. In der freien Vorstellungsbewegung haben wir einen Komplex scharf umschriebener Bedingungen, die sich sonst nirgendwo so zusammenfinden: die erkennenden Funktionen außerhalb einer straffen Gesamtaufgabe und unter dem Einfluß des triebhaften Wollens und der Assoziationen. Damit ist, wie wir gezeigt haben, der spielhafte, teils ungebundene, teils gebundene Gedankenfortschritt gegeben. Gebunden wird er immer dann, wenn eine Zwischenaufgabe für den Augenblick zum Willensziel wird, doch so, daß der ganze Vorstellungsverlauf nicht in feste Regeln eingeschlossen ist. In der freien Vorstellungsbewegung ist auch Gelegenheit zu Neubildungen. Zum kleineren Teil dürften diese aus den Zufälligkeiten der assoziativ bedingten Reproduktionsvorgänge stammen. Den größeren Teil liefern sicher die Relationserfassungen und die Annahmen. Die letzteren werden als willkürliche Verbindungen beliebiger Gegenstände zum antizipierenden Schema für die Reproduktion anschaulicher Vorstellungen: wie ein gezeichnetes Stickmuster geben sie den Ort im Bewußtsein an, wo sich die anschauliche Begabung des Individuums auswirken kann. Unsere Auffassung läßt also die Anschaulichkeit zu ihrem Rechte kommen. Wir begreifen jetzt aber auch, daß man das produktive Denken in so enge Beziehung zur Phantasie gebracht hat: Wie sich bei den Schlußuntersuchungen herausstellte, stehen uns für das fortschreitende Denken, auch wenn es von einer ganz bestimmten Aufgabe beherrscht wird, nur wenige spezialisierte Methoden zur Verfügung. Darum muß auch das ernste Denken streckenweise phantasiemäßig arbeiten, wie umgekehrt die Phantasie streckenweise aufgabenmäßig vorgeht. Die außergewöhnlichen schöpferischen Leistungen der großen Dichter und Künstler sind zwar der Phantasie nicht wesentlich, gedeihen aber auf dem Boden der von uns genannten Bedingungen, sobald noch die eine oder die andere Sonderbedingung hinzutritt. Große Lebhaftigkeit der Vorstellungen, tiefes Gefühl und Raschheit der Vorstellungsbewegung scheinen die wichtigsten davon zu sein, die bald einzeln, bald zusammen das Phantasieleben des gottbegnadeten Künstlers über das anderer Sterblicher hinausheben. Sehr oft wird diese Begabung noch durch besondere Studien unterstützt. Man erzählt von manchen Dichtern, daß sie schon in früher Jugend sich in der Weltliteratur sehr wohl auskannten, wodurch natürlich ihr Vorstellungsschatz mit einer Unzahl von Motiven, Bildern und Wendungen bereichert war. Von Mozart ist es nachgewiesen, wie sehr sein Schaffen durch die zeitgenössische Musik befruchtet wurde. Was endlich die oft bewunderte geheimnisvolle Entstehung so mancher künstlerischen Konzeption betrifft, die dem Menschen eher eingegeben als von ihm selbst hervorgebracht zu sein scheint, so sind uns heute doch schon die ersten Spuren dieser verborgenen Wege des Genius sichtbar: Zumeist hat sich der Künstler schon längere Zeit mit seinem Plan getragen, ohne daß ihm eine befriedigende Ausführung kommen wollte. Doch die Arbeit war nur scheinbar vergebens. Er hat so eine Menge von dienlichen Vorstellungen in Bereitschaft gesetzt, die je und dann seinen Geist beschäftigten. Eines Tages blitzt ihm eine neue Beziehungserfassung auf: eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit, ein Gegensatz usf. Wir sahen, daß solche Beziehungserfassungen aufleuchten können, noch bevor ihre anschaulichen Fundamente klar bewußt sind. Der Erlebende kann darum auch nicht sagen, wie er auf den Gedanken kam. Aber es bleibt nicht bei dem abstrakten Gedanken; er ist nur das antizipierende Schema, in das jetzt mit Macht die anschaulichen Vorstellungen drängen: kein dürres gedankliches Gerippe, sondern lebendiges Fleisch und Blut steht vor der Seele. Nur selten wird es ob der nachdrängenden Bilder gelingen, den einleitenden Beziehungsgedanken zu erhaschen, und die eigene Schöpfung wird dem Meister wie ein gnädiges Geschenk, eine köstliche Inspiration einer huldvollen Muse erscheinen.

Literatur

Th. +Ribot+, Die Schöpferkraft der Phantasie. 1902.

R. +Müller-Freienfels+, Psychologie der Kunst I, 1912.

H. +Henning+, Experimentelle Untersuchungen zur Denkpsychologie I. ZPs 81 (1919).

Fußnoten:

[10] Zur Auffassung der tierischen Instinkte vgl. m. „Umrißskizze zu einer theoret. Psychologie“, S. 41 ff.

IV. Buch

DIE VON DER GEMEINSCHAFT BEEINFLUSSTEN SEELISCHEN LEISTUNGEN

Die bisher besprochenen höheren seelischen Leistungen würden sich im wesentlichen in gleicher Weise herausbilden, ob der Mensch nun vereinzelt oder in Gemeinschaft lebte. Nicht so die noch höher stehenden komplizierten Leistungen, von denen im folgenden die Rede sein soll. Sie würden zwar auch beim Einzelnen nicht völlig ausbleiben; denn die Einzelseele trägt die Befähigung zu ihnen in sich, und nichts ist törichter, als ihr Entstehen einer phantastisch ersonnenen Gemeinseele zuzuschreiben. Allein die frühzeitige Anregung, die wirksame Förderung und die eigenartige Beeinflussung dieser Leistungen geht nur von der Masse aus: so wie sie nun einmal sind und wurden, sind und wurden sie nur durch das Zusammenwirken vieler Menschen. Sprache, Sitte, Kunst und Religion sind die bedeutsamsten dieser Massenleistungen. Unsere Darstellung muß sich darauf beschränken, die wichtigsten Probleme aus diesen vier Gebieten zu nennen. Denn so umfangreich auch naturgemäß die bisherigen Untersuchungen auf diesen Gebieten ausgefallen sind, so wenig können diese jüngsten Zweige der Psychologie ausgereifte Früchte darbieten.

ERSTER ABSCHNITT

Die Sprache

1. Die Leistungen der Sprache

Die Frage nach den Leistungen der Sprache ist kein ausschließlich psychologisches Problem, auch der Biologe und der Philologe kann sie aufwerfen. Sie muß aber zur allgemeinen Orientierung an die Spitze der psychologischen Untersuchung gestellt werden, wie sich alsbald zeigen wird. Die Sprache hat nach +Bühlers+[11] trefflicher Unterscheidung eine dreifache Aufgabe: +kundzugeben+, was in der Seele des Sprechenden vorgeht; +auszulösen+ im Hörenden, was an seelischen Vorgängen der augenblicklichen Lage entspricht, und Sachverhalte +darzustellen+, die der Sprechende erfaßt hat. Das Letztgenannte, die Erfassung des Sachverhaltes durch den Sprechenden, halten wir für einen notwendigen Zusatz, um zu einer Leistungsdefinition der Sprache zu kommen, die diese von den im Effekt gleichen Leistungen eines mechanischen Apparates oder den Dressurleistungen der Tiere unterscheidet.

2. Die Entstehung der Sprache

Man hat es sich auf verschiedene Weise zurechtgelegt, wie der Mensch aus einem sprachlosen Zustand in den sprachbegabten kommen könne. Ganz unpsychologisch dachte zunächst die +Erfindungstheorie+ an die absichtliche Beschaffung von Darstellungsmitteln. Die +Nachahmungstheorie+ hingegen sah den Ursprung der Sprache in der Nachahmung der Dinge durch die Worte, was natürlich nur für einen verschwindend kleinen Teil der Worte zutreffen kann. Endlich die +Naturlauttheorie+ glaubt, beim Anblick bestimmter Dinge seien zufällig oder aus einem Gefühlsdrang heraus naturhafte Laute ausgestoßen worden; diese hätten sich dann mit der Vorstellung jener Dinge fest assoziiert, so daß diese Vorstellungen jene Laute und die Laute hinwiederum die Vorstellungen ins Bewußtsein riefen.

Man braucht solche Theorien über Vorgänge, von denen uns jede Kunde für immer versagt bleibt und die man auch nicht, etwa durch die Abschließung normaler Kinder von jeder sprachlichen Beeinflussung, willkürlich herbeiführen wird, nicht für müßige Spielereien zu halten. Sie haben Wert, wenn nicht nach dem tatsächlichen, historischen, sondern nach dem psychologisch möglichen Verlauf gefragt wird. Läßt sich die Entstehung der Sprache aus den uns bekannten Gesetzen und Funktionen restlos ableiten? Die Unzulänglichkeiten, die sich bei der Beantwortung dieser Frage vielleicht herausstellen, offenbaren dann die noch vorhandenen Lücken unseres Wissens. Fragt man so, wie eben gesagt, dann wird man die beiden methodischen Grundfehler der genannten Theorien vermeiden: Man wird sich nicht auf +eine+ psychische Funktion oder eine einzige Gesetzmäßigkeit zur Lösung des Problems festlegen. Man wird zweitens auch nicht einseitig die Darstellungsfunktion der Sprache ins Auge fassen.

Die +Entstehung der Kundgabefunktion+ ist dann wohl an erster Stelle zu besprechen. Wir finden ja diese Funktion bei den Tieren, die ihrer Freude, ihrer Furcht, ihrem Schmerz, ihrer Erwartung usf. lebhaften und ziemlich eindeutigen Ausdruck geben können, ohne sich einer wahren Sprache zu erfreuen. Die Kundgabe ist also das Einfachere und Frühere an der Sprache. Ihre Mittel sind die +Ausdrucksbewegungen+. Damit bezeichnet man zunächst unwillkürliche Bewegungen, die sich bei Gemütsbewegungen von selbst einstellen, wie Freuden- und Schmerzensrufe, die Mimik des Gesichtes, Bewegungen der Gliedmaßen und die Haltung des ganzen Körpers. Viele der Ausdrucksbewegungen sind angeboren. Sie finden sich bei allen Menschenrassen in der gleichen Weise. Andere sind ohne jede Absicht von der Umgebung übernommen und darum oft nach Stämmen oder gar Familien verschieden. Wir teilen die Ausdrucksbewegungen ein in die unmittelbaren oder reflektorischen und in die übertragenen. Die +unmittelbaren+, wie Herzklopfen, Erröten, Bewegungsdrang und schließlich Hemmung der Funktionen, erklären sich am einfachsten als Ausstrahlungen der durch den Affekt verursachten Erregung. Diese ist allen Affekten gemeinsam ohne Rücksicht auf deren Qualität und bewirkt auch bei allen, wenn sie eine gewisse Intensitätsstufe erreichen, eine Hemmung oder Lähmung der anderen Funktionen. Die +übertragenen+ Ausdrucksbewegungen sind ursprünglich zweckmäßige, aber für eine andere Situation bestimmte Bewegungen, +teils angeboren+, wie das Mundspitzen beim süßen Geschmack, das diesen möglichst auszukosten erlaubt, oder die Flucht- und Abwehrbewegungen beim Tiere, +teils erworben+, wie das Ballen der Fäuste. Die angeborenen denkt man sich nun auf assoziativem Wege übertragen: das gleiche wohlige Befinden führt assoziativ das nämliche Mundspitzen herbei wie der süße Geschmack, der unangenehme Eindruck unlieber Erfahrungen das Mundöffnen wie zum Ausstoßen des bitteren Reizes. Die erworbenen dagegen stellen sich teils assoziativ, teils triebartig ein. Man befindet sich ja in einer Lage, wo solche Bewegungen sehr angebracht sind. Daß diese Lage zumeist nur in der Vorstellung besteht, tut wenig zur Sache, und außerdem bleibt, wenn z. B. das Niederschlagen des Gegners in Wirklichkeit nicht möglich ist, die dazu führende Teilhandlung des Fäusteballens immer noch ein sehr wünschenswertes Ziel.

Die Ausdrucksbewegungen erfüllen nun sehr leicht die +Funktion der Auslösung+. Reflektorisch werden die Sinnesorgane auf sie eingestellt, und unwillkürlich richtet sich auch die innere Aufmerksamkeit auf sie. Rein assoziativ können sodann gewisse angeborene Äußerungen ihnen ähnliche und damit auch die zugehörige Stimmung beim Zuhörer oder Zuschauer auslösen: ein Hund oder ein kleines Kind, dem man weinerlich zuredet, fängt an zu winseln bzw. zu weinen. Endlich vermöge seiner Relationserkenntnis erfaßt der Mensch die Gleichheit solcher Äußerungen mit denen, die er selbst früher getan, und erschließt unschwer nach dem Verfahren bei Zusammenhangsrelationen den seelischen Zustand in dem Mitmenschen oder im Tier. Sobald dieses Verständnis einmal gewonnen ist, kann ein Verhalten willkürlich eingeschlagen werden, sowohl zum Zwecke der Auslösung wie der +Darstellung+. Und das ist der berechtigte Kern der Naturlauttheorie. Er schließt die Nachahmungstheorie für alle jene Fälle nicht aus, wo es überhaupt möglich war, die Dinge durch Laute nachzuahmen, was der Mensch vor jeder Darstellungsabsicht aus reiner Freude an der spielerischen Nachahmung üben konnte. Wichtiger und früher als die Erfindung von Worten wird die Entdeckung von Darstellungsmitteln sein, wie sie uns die Kinderpsychologie schildert: ein kleines Kind will mit einem Löffel im Sande einen geraden Strich ziehen, wird aber wegen seiner schwachen Kräfte in die krumme Linie abgedrängt, kommt auf diese Weise zufällig zu einem geschlossenen Oval und ruft plötzlich freudestrahlend aus: „agag“ -- es hat ein Darstellungsmittel für das Ding „Ei“ entdeckt (+Krötzsch+). Auch der Zufall wird gerade wie bei der Entwicklung der Kindersprache eine bedeutsame Rolle spielen: +Preyers+ Kind schnappte das Wort burtsa (Geburtstag) auf, ohne es natürlich zu verstehen, und verwandte dieses Wort fortan, wo immer es etwas Freudiges gab. So kann auch der Urmensch Laute, die er beim erstmaligen Anblick eines Dinges zufällig vernahm, willkürlich zum Namen dieses Dinges gemacht haben. Das sind auf jeden Fall mögliche Wege der Sprachentstehung.

3. Die Sprachentwicklung

Auch für diese Problemgruppe ist uns die Kinderpsychologie ein besserer Führer als die Geschichte, wenigstens insoweit es sich um die ersten Entwicklungsstufen handelt. Erscheinen zuerst die Worte oder die Sätze? Der äußeren Form nach verwendet das Kind zuerst nur Worte, aber seine Worte haben den Sinn von Sätzen, und zwar verwendet es bis in die Mitte des zweiten Jahres mit bewunderungswürdiger Gleichförmigkeit nur Einwortsätze, wie „tul“ (ich will auf den Stuhl); von da ab eine Zeitlang nur Zweiwortsätze, bis es dann zu den Mehrwortsätzen übergeht. Ganz ähnlich wird man sich die sprachlichen Anfänge der Menschheit zu denken haben, nur daß das Bedürfnis zur Dingbenennung ein größeres war. Wenn wir so den Satz an den Anfang der Entwicklung stellen, so bestimmen wir das Wesen des Satzes nicht nach der eigenartigen Gliederung in Subjekt und Prädikat, die er im weiteren Verlauf der Entwicklung gewinnt, sondern nach seiner Leistung, indem wir uns das Wort +Bühlers+ zu eigen machen: „Sätze sind die einfachen, selbständigen, in sich abgeschlossenen Leistungseinheiten oder kurz die Sinneinheiten der Rede.“ Da aber die Sätze zunächst wohl nur in einem einzigen Wort ihren Ausdruck finden, so steht hinsichtlich der sprachlichen Form das Wort am Anfang der Entwicklung.

Für die weitere Entwicklung der Wörter geben uns die beim Kinde beliebten, oft sehr treffenden und originellen Zusammensetzungen einen Fingerzeig. So bezeichnet ein Kind namens Hilda mit „mama-bäh“ ein altes und mit „ilda-bäh“ ein junges Schaf. Die Gleichheit der Wortformen bestimmter Gruppen versteht man aus der schon oben (S. 173) erwähnten Verselbständigung und Loslösung des Wortschemas. Dieser Prozeß offenbart sich beim Kinde, wenn es Wörter bildet wie „mappler“ (Bote mit Mappe), „die rauche“ (Zigarre), die „summe“ (Biene), oder die Komparative „güter“, „vieler“, „hocher“, die es gewiß nicht von den Erwachsenen gehört hat.

Endlich ist das Problem der +Sprachänderung+ zu nennen, und zwar der Wortlaut- wie der Bedeutungsänderung, insofern beide nicht durch äußere Bedingungen, wie das Zusammentreffen mit anderssprachigen Völkern, zu erklären sind. Der Lautwandel kann sich auf alle Teile des Wortes erstrecken, auf die Vokale, Konsonanten, die Quantitäten, Tonhöhen und Akzente, und endlich auf die Wortmelodie. Vorerst können wir jedoch nur auf einige psychologische Gesetzmäßigkeiten hinweisen, die bei der Lautveränderung mitspielen. Die Perseveration der Vokale, die sogar bei der Wortwahl in der geordneten Rede zu beobachten ist, wird daran schuld sein, daß in den ural-altaischen Sprachen das Suffix denselben Vokal annimmt wie die Stammsilbe. Die enge Verbindung des Lautbildes mit den motorischen Einstellungen bzw. den Sprechbewegungen, verbunden mit der Tatsache, daß sich die Aufmerksamkeit einem späteren Wortbestandteil zuwendet, kann bewirken, daß aus subcurro succurro, aus dem lateinischen octo das italienische otto wird; wenigstens finden sich beim Verschreiben ganz analoge Fälle, die auf Grund der Selbstbeobachtung die genannte Erklärung fordern. Die oft erwähnte Analogiebildung -- nach dem regelmäßigen „des Tags“ wird das grammatisch minder richtige „des Nachts“, nach septentrionalis meridionalis statt meridialis gebildet -- ist nichts anderes als die soeben genannte Loslösung des Schemas: je häufiger eine Wortform ist, um so mehr sucht sie sich die weniger gebrauchten anzugleichen. Endlich die Kontamination (aus die Fohle und das Füllen wird das Fohlen) ist uns schon als assoziative Mischwirkung (S. 172) bekannt. Über den Lautwandel hingegen, wie ihn das Gesetz der germanischen Lautverschiebung ausspricht, läßt sich noch nichts Überzeugendes sagen.

Die genannten beim Lautwandel wirksamen psychischen Faktoren sind individual-psychologischer Natur, d. h. sie würden sich geltend machen, wenn auch die Umgebung nicht auf den Sprecher einwirkte. Anders ist es beim +Bedeutungswandel+. In der Regel geht der abweichende Gebrauch eines Wortes wohl von einem einzelnen aus, wird dann aber von der Umgebung übernommen, sei es, weil die dargebotene Neuheit gefällt oder einem oft gespürten Bedürfnis entspricht, wenn etwa die Zeitverhältnisse einen neuen Begriff ausgebildet haben, für den noch kein Wort besteht, sei es, weil die Neubildung Mode wird. Eine andere Frage indes ist die, welche psychologischen Gesetze den Bedeutungswandel selbst regeln. Hier betont man besonders die Ähnlichkeitsbeziehung und die Berührungsassoziation. Eine Ähnlichkeits- oder Gleichheitsbeziehung wird erfaßt, wenn man von dem „Kopf“ des Salates, den „Augen“ des Würfels spricht. Eine Berührungsassoziation hingegen ist am Werk gewesen, als die Münze von den Römern moneta genannt wurde, weil die römische Münzstätte neben dem Tempel der Juno Moneta lag. Freilich hat die Berührungsassoziation in solchen Fällen nur die Vorarbeit geleistet, indem sie die Vorstellung des Tempels und seines Namens dem vom Geld Sprechenden nahelegte. Die Bedeutung ist hier schon vorhanden; das Wort, das sie einfangen soll, muß gefunden werden. So gewinnen bisweilen auch Synonyma einen verschiedenen Sinn, wenn ihre Bedeutung sich aufspaltet und nach einer neuen Bezeichnung verlangt.

Literatur

W. +Wundt+, Völkerpsychologie, Die Sprache. 1904.

C. u. W. +Stern+, Die Kindersprache. 1907.

H. +Werner+, Vom Ursprung der Metapher. 1920.

Fußnoten:

[11] Vgl. K. +Bühler+, Kritische Musterung der neueren Theorien des Satzes. Indog. Jahrbuch 1918, und: Vom Wesen der Syntax in „Idealistische Neuphilologie“, 1922.

ZWEITER ABSCHNITT

Die Sitte

1. Gebräuche

Gebräuche pflegt man mitzumachen, ohne sich über sie Rechenschaft zu geben. Ein Beispiel: In einer protestantischen Kirche Norddeutschlands war es Brauch, nach dem Empfang des Abendmahles nach einer bestimmten Richtung hin eine Verbeugung zu machen. Kein Mensch hätte einen vernünftigen Grund für diese Zeremonie angeben können, aber niemand fragte auch nach einem solchen. Seit undenklichen Zeiten hatten alle Glieder der Gemeinde diese Verbeugung mit der geziemenden Ehrfurcht wiederholt. Was dem Psychologen daran auffallen muß, ist die Irrationalität, die Gleichförmigkeit und die Dauerhaftigkeit dieser Verhaltungsweise. Daß das menschliche Verhalten überhaupt irrational sei, läßt sich aus solchen Vorkommnissen nicht schließen. Denn in der Regel war es früher einmal recht zweckmäßig oder in sich begründet. Die Irrationalität kommt nur dadurch hinein, daß ein früher angemessenes Verhalten zur bleibenden Gewohnheit wird, auch wenn der begründende Anlaß geschwunden ist. So entdeckte man bei einer Restauration jener Kirche unter der Tünche ein Marienbild, und der Ursprung jener eigentümlichen Sitte aus der vorreformatorischen Zeit lag offen zur Schau. Aber warum hält man solche Gebräuche bei, auch wenn sie keinen Sinn mehr haben? Zum Teil und anfangs ist die mechanische Gewohnheit schuld. Der Kampf gegen eine äußere Gewohnheit ist unlustvoll. Außerdem wird die Gewohnheit als solche, wie die Willensexperimente gezeigt haben, zu einem wirklichen Beweggrund, einem äußeren Motiv: sich gleichförmig zu bleiben ist ein eigentlicher Wert. Der neu Hinzukommende fügt sich dem Brauch teils in gedankenloser Nachahmung, teils um nicht aufzufallen oder anzustoßen, teils weil er sich sagt: wenn man mir auch keinen inneren Grund anzugeben vermag -- es wird schon seinen Grund haben. Dazu kommt die relative Unwichtigkeit der Sache: es kostet in der Regel wenig Mühe, sich einem Brauch zu fügen, und die eigenen Lebensinteressen lassen für den Kampf gegen solche Dinge keinen Raum. Es braucht also einen außergewöhnlichen Anlaß oder einen allgemeinen Umsturz, um irrationale Gepflogenheiten zu beseitigen. Doch nur ganz selten sind sie völlig irrational. Sehr oft haftet ihnen wenigstens ein ästhetischer Wert an. Und fast immer wird der Brauch zum Träger oder doch zum Reproduktionsmotiv für gewisse festliche Stimmungen, und damit gewinnt er ein Recht aufs Dasein trotz aller sonstigen Irrationalität.

2. Die Konstanz der Kultur

Das Verständnis für die Konstanz der Gebräuche läßt auch die merkwürdige Tatsache begreiflicher erscheinen, daß ein Volk auf einer verhältnismäßig niedrigen Kulturstufe stehen bleiben kann, obwohl es in seiner geistigen Veranlagung das Prinzip zu immer weiterem Fortschritt in sich trägt. Beispiele dafür bietet bei jeder Nation die bäuerliche Bevölkerung, sodann namentlich das chinesische Volk, in ganz auffallender Weise aber die sog. primitiven Völker. Alle die Faktoren, die wir soeben nannten, sind auch hier am Werk. Nur darf man auch das niedere Kulturleben nicht als irrational auffassen. Es verkörpert vielmehr eine beträchtliche Menge ganz hervorragender Werte, die man erst dann würdigt, wenn man es mit der Lebensweise der höchststehenden Tiere vergleicht. Und diese Werte: auskömmliche Nahrung, Kleidung und Schutz, sowie die Befriedigung der elementarsten seelischen Bedürfnisse sind der eigentliche Grund, weshalb kein weiterer Fortschritt mehr gemacht wird: es liegt keine Not, kein Bedürfnis vor, das zur Anstrengung der erfinderischen Gaben zwänge. Kein Fortschritt sodann ohne Relationserfassung. Aber diese ist in einem abgeschlossenen Kreise sehr bald nicht mehr möglich. Denn die nächstliegenden Beziehungen sind schon alle erfaßt, und vor der Einsicht in die entfernteren bewahrt die assoziative Bahnung, die durch die Überlieferung der Einsichten anderer wie durch die Gewohnheiten und Gebräuche geschaffen wurde. Je mehr solche Kreise durch die Natur oder den eigenen Wunsch vom fremden Wissen abgeschlossen bleiben, je seltener ihnen somit die Fundamente zu neuen Beziehungserfassungen geboten werden, um so stabiler wird ihr Kulturzustand bleiben. Darum ist auch der Gang der Kulturentwicklung selten ein rationaler, sondern durch Zufälligkeiten bedingt: das zufällige Zusammentreffen mit Vertretern höherer Kulturkreise, nicht der innere Gang der Entwicklung, ist oft für die Richtung des weiteren Fortschrittes maßgebend.

Ob damit auch der ethische Entwicklungsstillstand zu erklären ist? Die Frage ist heute noch nicht spruchreif. Sollten nicht die sozialen Bedürfnisse einerseits, die Zugeständnisse an die menschliche Schwachheit anderseits häufig den Anstoß zur Bildung gewisser religiöser Meinungen gegeben haben, die zwar jenen Bedürfnissen gerecht wurden, aber auch der sittlichen Höherentwicklung den Riegel vorschoben?

Literatur

E. +Franke+, Die geistige Entwicklung der Negerkinder. 1915.

A. +Vierkandt+, Die Stetigkeit im Kulturwandel. 1908.

3. Recht und Sittlichkeit

In jeder Gemeinschaft von Menschen gelten gewisse Satzungen als das +Recht+ dieser Gemeinschaft. Man mag sie mit +Ebbinghaus+ als Zwangsbestimmungen auffassen, die die Gesellschaft zur Sicherung ihres eigenen Bestandes getroffen hat. Damit ist das fundamentalste Interesse, das der Psychologe an ihnen hat, erschöpft. Denn die psychischen Kräfte, die zu solchen Bestimmungen führen, sind uns bekannt. Beziehungserfassungen, die anfangs sehr unzulänglich sind und durch beständige Korrekturen präzisiert und erweitert werden müssen, und der Trieb zur Selbsterhaltung wie zur Erhöhung des Lebensgenusses reichen zu ihrer Erklärung hin. Wichtiger jedoch sind folgende Tatsachen. Ganz abgesehen von den Rechtsbestimmungen der Gemeinschaft, werden gewisse Handlungen, und mögen sie auch nur innere Willensakte sein, für +erlaubt+, andere für nicht erlaubt gehalten, und manche der erlaubten gelten als +gut+, während alle nicht erlaubten als +böse+ beurteilt werden. Und zwar werden diese Urteile einschränkungslos gefällt. Ferner fühlen wir uns bedingungslos zu gewissen guten Handlungen +verpflichtet+ und von der Vollbringung böser abgeschreckt. Über beides belehrt uns unser +Gewissen+. Die Stimme dieses Gewissens lautet wenigstens in seinen elementarsten Forderungen bei allen Menschen aller Zeiten und aller Rassen gleich, in Einzelfällen jedoch kann dem einen eine Tat als sittlich erscheinen, die dem anderen ein Greuel ist.

Mit den genannten Erscheinungen befaßte sich bisher vor allem die +Ethik+, während sie neuerdings von manchen Psychologen als zu ihrem Gebiet gehörig beansprucht werden. Pflichtbewußtsein, Gewissen und Gewissensbisse, Befriedigung und Reue sind nun zweifellos seelische Vorkommnisse, über deren Entstehung zunächst der Psychologe Auskunft geben muß. Aber gehört auch das ganze System der ethischen Sätze in die Psychologie? Das wird wohl ganz von dem Ursprung dieser Sätze abhängen. Sind sie in der Hauptsache von nicht-seelischen Sachverhalten abstrahiert, so fallen sie außerhalb des Rahmens der Psychologie geradeso wie die Sätze der Mathematik, der Völkerkunde, des Rechts. Sind sie aber nur aus dunklen Gefühlen, angeborenen Instinkten und undurchsichtigen latenten Einstellungen hervorgegangen, dann muß die Psychologie über jeden einzelnen von ihnen Rechenschaft geben, und die Ethik wäre höchstens eine Zusatzwissenschaft der Psychologie, die gewissermaßen das Inventar dieser Sitze aufzunehmen und über die zwischen ihnen obwaltenden Beziehungen zu spekulieren hätte. Trifft jedoch diese Auffassung nicht das Richtige, dann hat der Psychologe nur die allgemeinen Quellen zu bezeichnen, denen die ethischen Einsichten -- denn das müssen sie in diesem Falle sein -- entspringen, und die auffallendsten Züge des sittlichen Lebens verständlich zu machen.