Chapter 9 of 26 · 3891 words · ~19 min read

Part 9

Mit der Raumanschauung ist nun zunächst gegeben, daß eine Vielheit benachbarter Tastempfindungen einen flächenhaften Eindruck bewirkt. Allerdings ist die simultane Erfassung der Flächen nicht sonderlich entwickelt. Viel leichter ist die Erkennung punktförmiger Eindrücke, weshalb auch die dem Blinden am meisten entsprechende (+Braille+sche) Schrift punktförmige Reize verwertet, die in der Zahl von 1 bis 6 nach Art der Dominofiguren angeordnet sind. Um die Form eines flächenhaften Reizes, etwa eines Polygons aus Karton, zu erkennen, führt der Blinde Tastzuckungen längs der Umrisse aus. Damit verwandelt er freilich die simultane Auffassung in eine sukzessive und führt gleichzeitig höhere psychische Prozesse ein, die wir jetzt noch nicht analysieren können. Körperliche Objekte kleineren Umfanges lehrt ihn das umschließende Tasten kennen. Hier treten zu den Eindrücken des Hautsinnes diejenigen der Bewegungssinne. Zweifellos vermag der Tastsinn allein eine Anschauung von der dritten Dimension nicht zu geben. Ebenso sicher ist die Mitwirkung des kinästhetischen Apparates. Wie jedoch im einzelnen die dreidimensionale Raumanschauung des Blinden zustandekommt, ist uns noch weniger durchsichtig, als es bei dem Gesichtssinn der Fall war. Zur genaueren Untersuchung der räumlichen Verhältnisse dienen sodann bei kleineren Maßen die Finger mit ihren Konvergenzbewegungen, bei größeren die ebenso fungierenden Arme. Damit ist auch der Umfang des vom Blinden leicht zu beherrschenden Anschauungsraumes gegeben. Größere Räume kann er durch Schrittbewegungen in die Länge und Breite sowie durch Steig- oder Kletterbewegungen in die Höhe oder Tiefe ausmessen, doch vermag er diese Eindrücke nur schwer zu einem geschlossenen anschaulichen Bild zu vereinigen. Der Tastsinn ist eben ein Nahsinn. Der Blinde hilft sich deshalb mit der „Tastraumzusammenziehung“. Er verkleinert in seiner Anschauung die Objekte und stellt sie sich in ihren Proportionen nach Art der von Hand und Arm unmittelbar erfaßten vor.

Literatur

Näheres über die hier berührte Blindenpsychologie bei J. +Fröbes+ I, 2. Aufl., S. 361 ff.

3. Theorie des Tastraumes

Zwei Probleme sind hier zu lösen. Zuerst das Problem der +Raumschwelle+: Warum läßt sich zwar an jedem Punkt der Haut, praktisch genommen, eine Tastempfindung auslösen, während die Berührung zweier Punkte nur dann zwei Eindrücke verursacht, wenn die beiden Punkte eine bestimmte Entfernung haben?

E. H. +Weber+ erdachte zur Beantwortung dieser Frage die Theorie der +Empfindungskreise+. Je ein Tastnerv ist einem bestimmten Hautkreis zugeordnet. Alle Reizungen innerhalb dieses Kreises erregen den gleichen Nerv, bedingen somit dieselben Tastempfindungen und bleiben deshalb ununterscheidbar. Das stimmt recht gut zu dem anatomischen Befund einzelner Druckpunkte und erklärt auch die Tatsache, daß nur in einer gewissen Distanz zweier Druckreize zwei Tasteindrücke entstehen. Allein die Raumschwelle müßte nach dieser Theorie an derselben Hautstelle beträchtlich schwanken. Denn berührten die Zirkelspitzen die beiden Empfindungskreise dort, wo sie mit ihrer Peripherie zusammenstoßen, so müßte eine verschwindend kleine Schwelle gefunden werden, während sie unvergleichlich zunähme, wenn sie zwei möglichst entfernte Punkte träfen. Weber änderte darum später seine Theorie dahin ab, daß er jeden Empfindungskreis aus einer Anzahl Elementarkreise bestehen läßt und zur Entstehung eines zweiten gesonderten Eindruckes verlangt, daß zwischen den beiden Reizstellen eine gewisse Zahl von Elementarkreisen eingeschlossen werde. So wird er zwar den Tatsachen gerecht, doch kann er sich für diese Zusatzhypothese nicht auf anatomische Befunde berufen.

Das Problem ist jedoch genau wie das des binokularen Einfachsehens psychologisch zu lösen (vgl. S. 81 f.). Gleiche Sinnesmeldungen bedingen nur +ein+ psychisches Ding. Die Tastqualität aus räumlich benachbarten Tastnerven ist nun nahezu gleich. Solange sie sich darum nicht mit verschiedenartigen Eindrücken anderer Sinne verbinden kann (vgl. S. 111 ff.), bietet sie nicht die Grundlage zu einer Mehrheitsunterscheidung.

Zweitens hat die psychologische Theorie zu erklären, welcher Art die elementaren Raumeindrücke sind und wie aus diesen Elementen sich zuletzt der psychische Inhalt des Tastraumes ergibt. Auch hier streitet der extreme Empirismus mit einem gemäßigten Nativismus. Die oben ausführlicher dargestellte Theorie +Lotzes+ von den Lokalzeichen und ihre Abänderung durch +Wundt+ wird mit nur geringen Variationen auf den Tastraum angewendet. Nach ihnen enthält die elementare Tastempfindung nichts von Ausdehnung. Aber jede einzelne Tastempfindung hat je nach der Körperstelle, auf der sie ausgelöst wird, eine charakteristische Abtönung infolge der Mitempfindungen, die an jedem Teil des Körpers andere sind -- eine bis zu gewissem Grade zutreffende Annahme. Die Raumwerte erwachsen diesen Tastempfindungen nur durch die erfahrungsmäßige Verbindung mit den visuellen Ortsvorstellungen: bei Reizung einer bestimmten Körperstelle wird eine qualitativ charakteristische Tastempfindung hervorgerufen, und diese weckt die visuelle Vorstellung von dem betreffenden Körperteil. Indes auf diesem Wege könnten Blindgeborene niemals zu einer Tastraumvorstellung gelangen.

+Wundt+ gesellt darum auch hier den qualitativ eigenartigen Tastempfindungen die Bewegungsempfindungen oder genauer die Innervationsgefühle bestimmter Bewegungen zu, die von den Tastempfindungen angeregt würden. Die „psychische Synthese“ beider soll dann auch hier eine Raumanschauung erzeugen. Die innere Unwahrscheinlichkeit dieser Theorie ist natürlich beim Tastraum nicht geringer als beim Sehraum.

Man wird deshalb auch hier genau wie bei der optischen Raumwahrnehmung ein nativistisches Grundkapital zugestehen müssen. Die einzelne Tastempfindung liefert an sich schon eine räumliche flächenhafte Ausdehnung. Daß sich diese Flächenelemente nebeneinander legen, und zwar in einer bestimmten und gleichmäßigen Richtung, erklärt sich wie beim Auge (s. S. 83).

Bisher haben wir nur die Raumanschauung des Blindgeborenen berücksichtigt. Um die des Sehenden völlig zu verstehen, müssen wir zuvor von einer Gruppe seelischer Inhalte sprechen, die uns als solche bisher noch nicht bekannt wurden, wenn wir auch nicht umhin konnten, sie gelegentlich zu streifen: die Vorstellungen.

Literatur

C. +Spearman+, Fortschritte auf dem Gebiet der räumlichen Vorstellungen. ArGsPs 8 (1906).

O. +Klemm+, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).

DRITTER ABSCHNITT

Die absoluten Vorstellungen

Ohne jede erkenntnistheoretische Überlegung ist dem Bewußtsein auch des primitiven Menschen oder des Kindes gegeben, daß zwischen den äußeren Geschehnissen und unseren Eindrücken ein gewisser Zusammenhang besteht: zündet man vor meinen Augen ein Streichholz an, so sehe ich eine Flamme; setzt man ein Musikinstrument in Tätigkeit, so vernehme ich Töne. Wir stellen aber auch fest, daß das Gegenstandsbewußtsein bisweilen Inhalte erlebt, für deren Erscheinen sich kein äußerer Reiz verantwortlich machen läßt. Es können uns auch bei geschlossenen Augen und im Traum Dinge sichtbar erscheinen, oder wir können Melodien hören, die allem Anschein nach nicht in der Außenwelt erzeugt werden. Solche Erlebnisse des Gegenstandsbewußtseins, die nicht unmittelbar von einem äußeren, oder genauer gesprochen von einem peripheren Sinnesreiz abhängig sind, bezeichnet man als Vorstellungen. Um jedoch auszudrücken, daß wir hier von diesen Erlebnissen sprechen, insofern sie noch nicht von der Seele weiterhin bearbeitet sind, heißen wir sie die +absoluten Vorstellungen+, ein Ausdruck, der erst später ganz verständlich gemacht werden kann.

Um die Einteilung dieser Vorstellungen in Erinnerungs- und Phantasievorstellungen kümmern wir uns hier ebensowenig wie um ihren Ursprung. Nur das sei als allgemein zugestandene Erfahrungstatsache erwähnt, daß zum wenigsten die Elemente dieser Vorstellungen ursprünglich infolge peripherer Sinneserregung im Bewußtsein erweckt worden sein müssen; denn Blindgeborene können sich von keinen Farben, Taubgeborene von keinen Tönen eine Vorstellung machen. Im übrigen beachten wir an dieser Stelle nur die inhaltlichen Eigenschaften.

Als +charakteristische Eigenschaft+ pflegt man da zunächst die „+Blässe+“ und „+Mattigkeit+“ der Vorstellungen zu betonen. Und im allgemeinen werden auch die unmittelbar von dem äußeren Reiz abhängigen Eindrücke unvergleichlich lebhafter sein als die nur mittelbar reizbedingten. Allein man hat diese Blässe doch zu sehr betont. Solange die Psychologie nur auf den dürftigen Selbstbeobachtungen der Philosophen aufgebaut wurde, pflegte man allen Menschen so matte Vorstellungen zuzuschreiben, wie sie den in abstrakten Gedankengängen sich bewegenden Philosophen eigen sind. Sobald man aber mit +Fechner+ und später mit +Galton+ auch Angehörige anderer Berufe nach ihren Vorstellungen befragte, ergab sich, daß manchmal die Lebhaftigkeit der Vorstellungen nicht geringer war als die der Wahrnehmungen. Insbesondere hatte man angezweifelt, daß die in die Vorstellungen eingehenden Empfindungsinhalte in dem gleichen Sinne +Intensität+ besäßen wie die reizbedingten Empfindungen. Man konnte das um so eher bezweifeln, als bei dem gewöhnlichen Gebrauch der Vorstellungen der Empfindungsinhalt stark vernachlässigt wird. Sind uns die schematischen Umrisse einer Vorstellung gegeben, so haben wir in der Regel genug für unsere geistige Arbeit, zu der wir jene Vorstellungen benötigen. Es wäre Zeit- und Energievergeudung, wollten wir noch die verschiedenen Empfindungsinhalte zur ursprünglichen Intensität ansteigen lassen. Und je abstrakter unser Denken wird, um so mehr dürfen wir die Empfindungsinhalte vernachlässigen, um so mehr wird uns aber auch die Befähigung zum intensiven anschaulichen Vorstellen verloren gehen. Läßt man jedoch die Empfindungsinhalte der Vorstellungen sich entwickeln, so zeigen sie die gleiche Art der Intensität wie die unmittelbar durch einen peripheren Sinnesreiz hervorgerufenen. So ließ +Schaub+ dargebotene Klänge vorstellen und dann die Intensität dieser Vorstellungen mit der Intensität des zum zweiten Mal dargebotenen Reizes vergleichen. Die Aufgabe wurde von allen Versuchspersonen gelöst, was nicht möglich wäre, ginge den Vorstellungen eine wahre Intensität ab, und öfters wurde in der Vorstellung dieselbe Intensität erreicht wie in der Wahrnehmung. Das stimmt auch ganz dazu, daß bei den anderen reizunabhängigen Erlebnissen, beim Traum und in der Halluzination, vollste Intensität und Lebendigkeit erlebt wird.

Sodann macht man auf die +Flüchtigkeit+ und Unbeständigkeit der Vorstellungen aufmerksam. Die Standuhr auf meinem Schreibtisch bleibt in unveränderter Weise stehen. Solange ich sie anblicke, habe ich den nämlichen klaren Eindruck. Anders, wenn ich den Blick abwende und die Uhr vorstelle. Da wird das Bild gar bald verschwinden, um von einem andern verdrängt zu werden, oder auch nach einer Zwischenzeit wieder aufzutauchen. Zweifellos ist die Unbeständigkeit eines der gewöhnlichsten Kennzeichen der Vorstellung. Nur darf man nicht behaupten, jede Wahrnehmung sei beständig und jede Vorstellung unbeständig. Namentlich Wahrnehmungen geringer Intensität -- etwa das Ticken einer vom Ohr entfernten Taschenuhr -- schwanken außerordentlich, während anderseits Vorstellungen eine geradezu belästigende Konstanz erlangen können. Namentlich gilt das von krankhaft fixierten Vorstellungen. Ähnliches ist über die +Lückenhaftigkeit+ dieser Bewußtseinsinhalte zu sagen: für gewöhnlich sind die Vorstellungen inhaltsarm und unvollständig; allein einen grundsätzlichen Unterschied gegenüber der Wahrnehmung bedingt das nicht. Denn jeder einzelne Zug in dieser kann Inhalt einer Vorstellung werden. In der Tat findet man bei besonders vorstellungsbegabten Individuen eine erstaunliche Fülle der inneren Bilder. So soll ein französischer Porträtmaler imstande gewesen sein, nach einer halbstündigen Sitzung ein Porträt aus dem Gedächtnis zu malen und auf diese Weise an 300 Bilder im Jahre ausgeführt haben. Noch ausgesprochener begegnet man den naturgetreuen Vorstellungen im Traum und in der Halluzination. Freilich täuscht sich der in der psychologischen Beobachtung Ungeschulte leicht über die Ausführlichkeit seiner Vorstellungen, indem er anschaulich vorzustellen meint, was er in Wirklichkeit nur unanschaulich über den Gegenstand weiß, oder indem er Surrogatvorstellungen für echte hält. So vermeint mancher, einen Geruch vorzustellen, während er in Wirklichkeit nur weiß, wie das Objekt riecht und gleichzeitig Schnüffelbewegungen ausführt. Oder man versucht, anschaulich Schmerz zu erleben, stellt sich in Wahrheit aber nur Körperbewegungen vor, welche die Begleiterscheinung des Schmerzes bzw. seine Ausdrucksbewegungen wären, oder macht gar Ansätze zu ihnen.

Die Vorstellungen sind ferner häufig von dem Bewußtsein der Anstrengung oder der +Tätigkeit+ des Subjektes begleitet. Bemühen wir uns nicht um sie, so entstehen sie sehr oft nicht oder verschwinden bzw. verändern sich gar bald. Aber wesentlich ist eine solche Tätigkeit dem Vorstellungserlebnis nicht. Bekannt sind ja die Zwangsvorstellungen, die uns gegen unseren Willen verfolgen, und dem rechten Künstler stehen die Kinder seiner Muse in der Regel ungerufen vor der Seele. Anderseits drängen sich auch die Wahrnehmungen uns nicht immer auf, sondern fordern, namentlich wenn sie von geringer Intensität sind, die Anspannung der Aufmerksamkeit.

Lange Zeit hielt man es für ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal von Wahrnehmung und Vorstellung, daß erstere im objektiven, letztere im subjektiven oder im +Vorstellungsraum+ lokalisiert sei. Sehr viele Menschen richten in der Tat die Aufmerksamkeit nach innen, gewissermaßen in das Innere ihres Kopfes, wenn sie Vorstellungen erzeugen wollen. Auch scheinen namentlich die Vorstellungen kleiner und vereinzelter Gegenstände umgebungslos in einem nebelartigen Raum zu schweben, dem „Vorstellungsraum“. Indes sehen Vorstellungsbegabte häufig die vorgestellten Dinge unmittelbar vor sich im objektiven Raum, können sie bei offenen Augen an einen beliebigen Ort lokalisieren (die „Eidetiker“ +Jaenschs+), und auch den weniger Begabten gelingt es auf jeden Fall, ergänzende Teilvorstellungen mit dem wahrgenommenen Objekt zu verbinden und auf diese Weise im wirklichen Raum vor sich zu sehen. Das Isolierterscheinen kleiner Gegenstände dürfte nur auf einer unvollendeten Reproduktion beruhen.

Wie der Vorstellungsraum eingehender experimenteller Untersuchung gegenüber nicht standhält, so muß auch das den Vorstellungen oft zugeschriebene Merkmal der +Bildhaftigkeit+ preisgegeben werden. Bei der normal entwickelten Vorstellung hat man durchaus nicht den Eindruck, ein Bild vor sich zu haben, sondern man glaubt dem Ding selbst gegenüberzustehen.

So ergibt sich also, ganz im Gegensatz zu den früheren Anschauungen, daß sich die Eindrücke, die unmittelbar durch periphere Sinnesreizung hervorgerufen werden, in keinem Stücke prinzipiell von den nur mittelbar reizbedingten unterscheiden. Es gibt +keine Eigenschaft der Wahrnehmungen, die nicht auch an den Vorstellungen nachzuweisen wäre, und umgekehrt+ findet sich keine Eigentümlichkeit der Vorstellung, die nicht ebenso einer Wahrnehmung anhaften könnte. Die praktische Scheidung beider Erlebnisse wird nun dadurch ermöglicht, daß gewisse Züge bei der Wahrnehmung und andere bei der Vorstellung für gewöhnlich stärker ausgeprägt sind. Das gilt freilich nur für die Durchschnittswahrnehmungen und -vorstellungen. Gewisse schwächere Wahrnehmungen können allein auf Grund ihres anschaulichen Inhaltes nicht von den Vorstellungen, gewisse lebhaftere Vorstellungen nicht von den Wahrnehmungen unterschieden werden. Hier helfen nur verstandesmäßige Überlegungen. Wie wir später noch sehen werden, nimmt übrigens die Seele die absoluten Wahrnehmungen und die absoluten Vorstellungen in Arbeit und ermöglicht so ein leichtes und sicheres Unterscheiden beider. Diese verarbeiteten Erlebnisse meint man in der Regel, wenn man von Wahrnehmung und Vorstellung schlechthin spricht.

Die Fähigkeit, Vorstellungen in sich wachzurufen, ist nicht bei allen Individuen gleich groß. Zu diesem Unterschied tragen ursprüngliche Anlage und Übung bei. Wie +Jaensch+ und +Kroh+ fanden, ist die „eidetische“ Anlage verhältnismäßig oft bei Jugendlichen anzutreffen, doch nicht in allen Gegenden gleich häufig. Außerdem differenzieren sich die Individuen noch dadurch, daß die Vorstellungsfähigkeit nicht auf allen Sinnesgebieten gleich mächtig ist. Einzelne sind imstande, mit Leichtigkeit Gesichtsvorstellungen zu erzeugen, bei andern sind die inneren Gehöreindrücke gut ausgebildet, andere wiederum stellen sich leicht Bewegungen vor. Je nachdem eines dieser Sinnesgebiete einseitig entwickelt ist, spricht man von dem +visuellen+, dem +akustischen+ und dem +motorischen Typus+. Nur ganz selten findet man Vertreter eines ausgesprochenen Typus, doch pflegt bei den meisten Menschen eine der drei Seiten bevorzugt zu sein. Da, wie erwähnt, auch die Übung von Bedeutung ist, versteht man, daß für das Gebiet der Wortvorstellungen der akustische Typ, für die Sachvorstellungen der optische vorherrscht. Auf dem Gebiete des Geruches, Geschmackes und des Hautsinnes ist das Vorstellungsleben des Menschen nur sehr schwach entwickelt, vielleicht sogar zurückgebildet. Es lohnt sich darum nicht, hier nach besonderen Vorstellungstypen zu suchen.

Literatur

J. +Segal+, Über das Vorstellen von Objekten und Situationen. Münchener Stud. 4. Heft. 1916.

J. +Lindworsky+, Wahrnehmung und Vorstellung. ZPs 80 (1918).

O. +Kroh+, Subjektive Anschauungsbilder bei Jugendlichen. 1922.

VIERTER ABSCHNITT

Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen und Empfindungskomplexen

Ebensowenig wie eine systematisch durchgeführte Erforschung der Empfindungskomplexe steht uns eine solche für die Verbindung von Empfindungen und Empfindungskomplexen mit Vorstellungen zu Gebote. Wir können darum nur an einzelnen Beispielen das Ergebnis einer solchen psychischen Synthese veranschaulichen.

1. Die Synästhesien

Manche Personen berichten, daß ihnen beim Hören von Vokalen oder auch beim Sehen von Schriftzeichen bestimmte Farben mitgegeben sind. So erschien +Fechner+ der Vokal e gelb, a weiß, u schwarz, der Trompetenton rot, der Flötenklang blau. Genauere Erhebungen über dieses sog. Farbenhören ergaben die mannigfachsten Abarten dieser nicht allzu seltenen Erscheinung. Es zeigt sich bei den verschiedenen mit ihr begabten Persönlichkeiten keinerlei Konstanz der Paarung von Klängen und Farben. Auch sieht der eine die Farben an dem Schriftbild, der andere an der Tonquelle, ein dritter irgendwo im Außenraum. Auch die Deutlichkeit der Farben ist wechselnd. In einem extremen Fall (+Lemaitre+) sollen sie sogar das Sehen der Umgebung gestört haben: wenn andere sprachen, konnte der Betreffende sein Bild im Spiegel nicht sehen. Andere erblicken beim Anhören musikalischer Gebilde charakteristisch wechselnde Figuren. In den gleichen Zusammenhang gehören die sog. sekundären Geschmacksempfindungen beim Sehen einer Speise, das Hören des Windes beim Anblick eines im Gemälde dargestellten Sturmes u. dgl.

Man hat die +Erklärung der Synästhesien+ früher mehr auf physiologischem Gebiet gesucht. Eine enge Verbindung der den einzelnen Empfindungen zugehörigen Teile des nervösen Zentralorgans sollte überhaupt die allgemeine Tendenz einer jeden Sinneserregung begründen, in benachbarte Gebiete überzustrahlen. Wo immer zu dieser allgemeinen Tendenz noch eine individuelle Veranlagung zur leichten Ansprechbarkeit des zentralen Apparates hinzukomme, da würden sich die Sekundärempfindungen einstellen. Indes, wenn dem so wäre, müßte sich doch eine weit größere Übereinstimmung in der Verbindung bestimmter Klänge mit bestimmten Farben beobachten lassen. Statt dessen ist häufig der Ursprung der Erscheinung aus der Erfahrung des Individuums nachweisbar. So, wenn beim Ton eines Instrumentes gerade jene Farbe gesehen wird, die dem Instrument selbst eigentümlich ist, oder wenn die Vokalfarbe sich mit der Muttersprache verändert. Wenn vollends Monats- oder Tagesnamen, genau so wie sonst die einfachen Vokale, charakteristische Farben annehmen, dann kann von einem physiologischen Zusammenhang schon gar nicht mehr die Rede sein. Die naturgemäßeste Erklärung ist darum die aus der Verbindung jener Wahrnehmungen mit den Vorstellungen der betreffenden Farben. In der Lebenserfahrung des Individuums haben sich infolge besonderer Umstände einmal die Wahrnehmungen gewisser Klänge mit der Wahrnehmung bestimmter Farben verbunden. Nach den später noch zu besprechenden Assoziationsgesetzen ruft dann die erneute Wahrnehmung des Klanges die Vorstellung der damals gleichzeitig gesehenen Farbe wach. Psychologisch bedeutsam ist hier, daß in solchen Fällen die Vorstellung sehr lebhaft wird und die Intensität der Klangempfindung erreicht, weshalb man ja auch von Sekundär- oder Pseudo+empfindungen+ spricht. Eine Schwierigkeit liegt jedoch darin nicht, wir sahen ja schon, daß die Vorstellung nicht notwendig hinter der Intensität der Empfindung zurückbleiben muß.

Literatur

E. +Bleuler+, Zur Theorie der Sekundärempfindungen. ZPs 65.

K. +Lenzberg+, Zur Theorie der Sekundärempfindungen und zur Bleulerschen Theorie im besondern. ZaPs 21.

2. Erscheinungsweisen der Farben

Betrachtet man die eintönige Farbe eines Gegenstandes, etwa einer mit buntem Papier überzogenen Pappschachtel, das eine Mal mit freiem Auge und das andere Mal durch einen durchlochten Schirm derart, daß man nur die farbige Fläche erblickt, die Form und die Stellung des Gegenstandes jedoch nicht zu erkennen imstande ist, so wird man einen namhaften Unterschied gewahr werden. Bei freier Betrachtung hat die Farbe eine feste Lokalisation, erscheint selbst wie etwas Festes und weist u. U. Glanz oder Lichter auf. Durch einen Schirm gesehen, verliert sie die bestimmte Lokalisation, die Farbe scheint uns frontalparallel gegenüberzustehen, gewinnt an Zartheit, tritt nicht als Eigenschaft eines anderen Dinges auf und erlaubt dem Blick, gewissermaßen in sie einzudringen. +Katz+, der diese Unterschiede zuerst eingehend erforschte, spricht von verschiedenen +Erscheinungsweisen+ der Farben und nennt die frei gesehenen „Oberflächenfarben“, die anderen „Flächenfarben“. Wir haben es da nicht mit anderen Empfindungen zu tun, sondern mit der Modifikation dieser Empfindungen infolge des Hinzutretens der Vorstellungen. Es können nämlich alle von den oben (S. 20) beschriebenen Farbenempfindungen abweichenden Erscheinungsweisen der Farben durch Betrachten mit einem Schirm auf die Empfindungen des Farbenoktaeders zurückgeführt werden. Ohne diese Reduktion jedoch lassen sie sich nicht in die Qualitätenreihen des Farbenoktaeders einreihen. Namentlich zeigen sie eine ganz neue, bei den Empfindungen nicht zu entdeckende Qualität: die Ausgeprägtheit der Farbe. Die nämliche Farbe erscheint als Oberflächenfarbe, in verschiedener Entfernung von der Lichtquelle gesehen, verschieden stark ausgeprägt, in größerer Entfernung gewissermaßen „mit Dunkelheit verhüllt“. -- Entsprechende Erscheinungsweisen hat +Katz+ bei den Tast- und +Henning+ bei den Geruchserlebnissen gefunden.

Obwohl bei wechselnder Beleuchtung die Gegenstände sehr verschiedenartige Reize ins Auge senden, erscheinen sie uns im allgemeinen nicht verändert: ein Stück Kohle in der Mittagssonne erscheint schwarz, ein Blatt Papier in der Dämmerung weiß, und doch reflektiert ersteres vielleicht mehr Licht als letzteres. Diese +Konstanz der Farben+ suchte +Hering+ durch die „Gedächtnisfarben“ zu erklären: wir haben von den uns geläufigen Dingen Standardvorstellungen, und diese verbinden sich mit den objektiven Eindrücken und meistern sie. Dazu treten noch andere Faktoren wie die Pupillenerweiterung bei abnehmender Helligkeit und die Kontrastwirkung (s. S. 29).

Allein da wir auch bei unbekannten Objekten die wechselnde Beleuchtung gleichsam in Rechnung stellen, befriedigt diese Theorie nicht ganz. +Katz+ versuchte eine Aufmerksamkeitstheorie, und +Bühler+ will neuerdings die Wahrnehmung der Farbe eines Objekts von der seiner Beleuchtung ganz trennen (Zweifaktorentheorie). Eine Entscheidung ist heute noch nicht möglich. Nur andeutungsweise und bildhaft läßt sich sagen, in welche Richtung die geklärten Tatsachen und die fruchtbaren Gesichtspunkte aller Theorien weisen: Wir „sehen“ nicht so sehr die Dinge, wir bauen sie vielmehr draußen auf. Zu jeder Empfindung tritt etwas Vorstellungsmäßiges hinzu: was und wieviel, das regelt sich durch den Gesamteindruck und die Einstellung des Subjektes. In dem Maße, als wir die Anhaltspunkte zum Aufbau des Sehdinges verlieren (später können wir statt dessen sagen: in dem Maße, als das Reproduktionsmotiv, z. B. durch den Doppelschirm, verringert wird, s. S. 154 f.), kommen die Empfindungen als solche zur Geltung. Die Geschwindigkeit der hier stattfindenden Vorstellungserweckung reicht zum Aufbau des Sehdinges vollkommen aus.

Während also im Fall der Synäthesien die Vorstellung der Wahrnehmung mehr äußerlich anhaftet, greift sie bei den soeben besprochenen Erscheinungen abändernd in die Wahrnehmung ein, ergänzt gewissermaßen die Wahrnehmung, und zwar teilweise entgegen dem objektiven Sachverhalt. Die gleiche Rolle spielt die Vorstellung bei der +Illusion+: eine Wahrnehmung wird durch die hinzutretenden Vorstellungen derart ergänzt, daß wir uns über den Gegenstand täuschen. Ein im Finstern gesehener Baumstrunk erscheint als Wegelagerer. Wir haben es hier übrigens nicht mit Ausnahmefällen zu tun. Die eingehendere experimentelle Forschung und zuverlässige Gelegenheitsbeobachtungen ergeben, daß praktisch zu allen Wahrnehmungen des psychisch fertigen Menschen ergänzende Vorstellungen hinzutreten.

Es wäre nun eine ganz schiefe Auffassung, wollte man meinen, die Rolle der ergänzenden Vorstellungen sei im allgemeinen eine störende. In der Mehrzahl der Fälle ist sie eine überaus fördernde. Wie man unter Berücksichtigung der später zu behandelnden Assoziationsgesetze leicht erkennen kann, vervollständigen die Vorstellungen die unvollkommenen Wahrnehmungen in der Regel ganz im Sinne des objektiven Sachverhaltes und ermöglichen darum eine Kraftersparnis bei den Wahrnehmungsprozessen. Wir entdecken nur die alle unsere Wahrnehmungen beständig begleitenden Vorstellungen nicht, solange sie mit dem objektiven Sachverhalt übereinstimmen, werden aber auf sie aufmerksam, wenn sie uns gelegentlich in die Irre führen.

Literatur

D. +Katz+, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1911.

K. +Bühler+, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1923.

3. Die Sehgröße

Auch in die so rätselhaften Erlebnisse des Größeneindruckes kommt Klarheit, wenn wir sie als Verschmelzungsprodukte von peripher bedingten Empfindungskomplexen mit den absoluten Vorstellungen auffassen. Unterscheiden wir zunächst die wirkliche, in Metern angebbare Größe eines Gegenstandes von der geschätzten, d. h. der vermuteten wirklichen, und der scheinbaren, der Sehgröße. Nur mit dieser haben wir es zu tun. So erscheint uns der Mond am Horizont groß, im Zenit klein, obwohl die Entfernung und der Sehwinkel beidemal unverändert bleiben. Einem tieferen Verständnis dieser und ähnlicher Erlebnisse steht nun das Wort „Sehgröße“ im Wege. Größe als Erlebnis setzt immer Verhältniserfassungen, also gedankliche Elemente voraus. Da aber die Tiere ähnliche „Größeneindrücke“ zu haben scheinen, müssen wir uns nach einem andern Terminus umsehen und sprechen statt von der Größe von der Mächtigkeit einer Ausdehnung im Gesichtsfeld. Innerhalb desselben Raumes ist die Mächtigkeit einer Ausdehnung um so größer, je größer der zugehörige Sehwinkel ist.

In den ersten Jahren seines Lebens lernt nun das Kind ein Doppeltes: Es lernt verschiedene Räume kennen, und zwar Räume von typischer Verschiedenheit. Erlaubt man eine etwas krasse Typisierung, so könnte man von einem Stubenraum, einem Straßenraum und einem Landschaftsraum sprechen, ähnlich wie man von einem Finger-, Arm- und Schrittraum beim Blinden redet. Zweitens lernt das Kind innerhalb eines jeden Raumes die Mächtigkeit anschaulich kennen, die den einzelnen Teilen des Gesichtsfeldes entspricht: die Türe hat eine andere Mächtigkeit als die Wand, das Haus eine andere als die Straße. Dies „anders und anders“ besagt jedoch keinen Vergleich, sondern nur, daß bald diese, bald jene anschaulichen Vorstellungen geweckt werden, wie sie etwa beim Abtasten und Abschreiten gewonnen wurden. Fügen wir nun hinzu, daß nach den Assoziationsgesetzen durch die peripher bedingten Empfindungskomplexe bald diese, bald jene Raumvorstellung geweckt wird und mit ebendiesen Empfindungskomplexen verschmilzt, so haben wir die einfache Formel für alle Größeneindrücke und -täuschungen gefunden, die uns mit den Tieren gemeinsam sind.