Chapter 13 of 26 · 3869 words · ~19 min read

Part 13

So beachtenswert die einhellige Annahme eines ursprünglichen Wollens durch die überwiegende Mehrheit der älteren Philosophen auch war, sie verlor an Bedeutung, als man einerseits die Schwierigkeit und Unzuverlässigkeit einer unkontrollierbaren Selbstbeobachtung, anderseits gewisse Tatsachen kennen lernte, die ein eigentliches Wollen überflüssig erscheinen ließen. Man beobachtete nämlich, wie sich bisweilen die äußere Handlung rein mechanisch ohne Dazwischenkunft eines besonderen Willensaktes, ja vielfach ganz gegen die Absicht des Handelnden an bestimmte Vorstellungen anschloß. Als man später die Willenshandlung in der Form einfachster Reaktionsbewegungen, wobei etwa auf das Hören eines Signals ein Taster niederzudrücken war, dem Experiment unterwarf, stellte sich heraus, daß die Vpn nichts von einem Willensakt erlebten. Die fortschreitende Technik des psychologischen Experimentes zeigte allerdings, daß hier ein doppelter Fehler begangen war. Erstens braucht der bestimmende Willensakt nicht während der gewollten Handlung aufzutreten. +Ach+ zeigte vielmehr, daß von dem Vorsatz determinierende Tendenzen ausgehen, die den Verlauf der Willenshandlung auch ohne Erneuerung des Willensaktes sicherstellen. Man hatte sonach den Willensakt an einer verkehrten Stelle erwartet: nicht bei der Ausführung des Versuches, sondern bei der willkürlichen Übernahme der Anweisung des Versuchsleiters hätte er gesucht werden müssen. Zweitens hatte man mechanisierte Vorgänge mit von Haus aus einfachen verwechselt: geläufige Fingerbewegungen enthalten kaum noch irgendwelche bedeutsamen Erlebnisse, sind also zum Studium des Willensvorganges ungeeignet. +Ach+ führte darum die fruchtbare Neuerung ein, durch vorgeschobene Hindernisse einen möglichst ausgesprochenen Willensakt zu veranlassen. Er ließ zuvor Silbenpaare einprägen, bot alsdann die erste der gelernten Silben mit der Anweisung, nicht die hinzugelernte auszusprechen, sondern eine beliebige andere Silbe zu nennen bzw. zu der ersten einen Reim zu bilden u. dgl. Die vorausgehende Einprägung schuf ein Hindernis für die Ausführung der Vp. Um dieses zu überwinden, bemühte sie sich, namentlich wenn sie erfahren, wie die eingeprägte Silbe sich gegen jede Absicht durchzusetzen suchte, mit einem recht energischen Willensakte die verlangte Reaktion sicherzustellen. Auf die Bedenklichkeiten dieses experimentellen Verfahrens brauchen wir hier nicht einzugehen. Es war jedenfalls insofern erfolggekrönt, als es +Ach+ zum erstenmal gelang, den Willensakt wirklich beobachten zu lassen. Einen andern glücklichen Versuch unternahm +Michotte+. Er führte experimentell einen +Wahlakt+ herbei, indem er seinen Vpn je zwei Zahlen bot mit der Aufforderung, sich auf ernsthafte Gründe hin zu entscheiden, ob sie die vorgezeigten Zahlen addieren oder subtrahieren, bzw. in anderen Versuchen multiplizieren oder dividieren wollten. Statt der Ausführung der von den Vpn gewählten Rechenoperation verlangte er eine Reaktion mit dem Morsetaster. So gewann er gegenüber +Ach+ den Vorteil, den Willensakt in die sogen. Hauptperiode des Versuches zu bekommen, während bei +Ach+ der energische Vorsatz jedesmal unmittelbar vor dem eigentlichen Experiment lag, und zweitens gestattete der Verzicht auf die Verwirklichung der gewählten Rechenoperation, den Versuch sofort nach dem Wahlakt abzubrechen, wodurch die schwierige Beobachtung dieses Aktes ungemein gefördert wurde. Trotz der Geringfügigkeit des Wahlgegenstandes erlebten alle Vpn eine ernsthafte Wahl, die mit den Entschließungen des Alltags grundsätzlich vergleichbar war. Auch verschlug es nichts, daß die Vpn die Rechnung nicht ausführen mußten; denn die Tasterreaktion nahm ganz und gar den Charakter einer Verwirklichung des Vorsatzes an. Aber nur ganz allmählich erlernten die Vpn ihr flüchtiges Erlebnis beobachten und beschreiben.

3. Das elementare Wollen nach den experimentellen Ergebnissen

Die Untersuchungen von +Michotte+ sowie die von +Ach+ und seinen Schülern führten einhellig zu dem Resultat: es gibt ein eigentliches Erlebnis des Wollens. Vorstellungen, Spannungsempfindungen und Gefühle können es gelegentlich begleiten, sind ihm jedoch nicht wesentlich. Auch unterscheidet sich dieses Erlebnis deutlich von jeder rein assoziativen Folge von Vorstellungen oder Bewegungen. Seine Eigenart beruht darin, daß es eine innere Tätigkeit ist, und zwar eine solche, die man nur dann richtig beschreibt, wenn man das Ich als Subjekt oder Ausgangspunkt dieser Tätigkeit nennt. Diese Betätigung des Subjektes ist durchaus nicht mit der Konstatierung „ich will“ zu verwechseln. Sie ist vielmehr die Stellungnahme des Subjektes zu einem Ziel, sie ist das, was wir als „Streben“ bezeichnen. Es ist ihr aber nicht wesentlich, wie +Ach+ meinte, daß sie sich stets auf ein zukünftiges Tun bezieht; die Wahlentscheidungen bei Michotte waren Willensakte, die ausschließlich die Gegenwart berücksichtigten.

Man wird die genannten Verschiedenheiten des Wollens wohl kaum als +Qualitäten des Willensaktes+ auffassen dürfen. Als solche findet man öfters Wollen und Widerstreben genannt. Leider kann sich diese Unterscheidung vorerst noch nicht auf experimentelle Befunde stützen, weshalb der Anerkennung eines negativen Wollens gleichmäßig seine Verwerfung gegenübersteht, indem man behauptet, das Widerstreben sei nur das Wollen eines andern Zieles.

Sehr geläufig ist dagegen der Alltagserfahrung die Unterscheidung verschiedener +Intensitäten des Wollens+. Wir kennen energisches und flaues Wollen. Auch +Ach+ unterscheidet das ausgeprägte primäre und das schwache Wollen. Allein die hier ganz wesentliche Frage, ob die gemeinhin wahrzunehmende Steigerung des gesamten Willensaktes auch seinem inneren Kern, nämlich dem elementaren Wollen beizulegen ist, oder ob nur die Ausstaffierung des Willensaktes durch lebhaftere Gefühle, stärkere Spannungsempfindungen, lautere Beteuerungen eine Intensitätssteigerung vortäuscht, ist heute noch nicht mit Sicherheit zu beantworten. Manche Versuchsergebnisse deuten eher in die Richtung, daß der Willensakt nicht intensiver, sondern nur unbedingter werden kann, d. h. daß er sein Ziel nicht mit vermehrter Kraft, sondern um höheren Preis anstrebt.

Sehr bedeutsam für die Auffassung des Willensaktes ist endlich die Beobachtung +Michottes+, die sich im Grunde auch bei +Ach+ finden läßt, daß das Wollen nicht an eine bestimmte gewissermaßen äußere Art des Erlebens gebunden ist. Das charakteristische Tätigkeitserlebnis des Wollens kann vielmehr gleichsam die Seele der verschiedensten Prozesse bilden: Worte, Gesten, inneres Meinen, inneres Hinzielen ist bald ein willentlicher, bald ein unwillentlicher Vorgang, je nachdem sich das eigentliche Wollen mit ihnen verbindet oder nicht. Anderseits sprechen gute Beobachtungen dafür, daß es ein isoliertes Wollen, einen reinen Willensakt nicht gibt: wie die Seele den Körper, so braucht der Willensakt eine Verhaltungsweise, in der er sich kundgibt.

Das von +Ach+ und +Michotte+ untersuchte Wollenserlebnis ist zwar nicht als elementares zu bezeichnen, sondern als vollbewußtes. Weitere Untersuchungen zeigen jedoch, daß der „Willenszug“ bei ihm der gleiche ist wie beim triebhaften Wollen. Beide unterscheiden sich nur durch das zum Willensakt hinzutretende Wissen vom Wollen und seinen Zielen. Der +Trieb+ ist das naturhafte, nach Akt und Ziel nicht beachtete Streben.

Literatur

N. +Ach+, Über den Willensakt und das Temperament. 1910.

A. +Michotte+ et N. +Prüm+, Etude expérimentale sur le choix volontaire et ses antécédents immédiats. Arch. de Psych., Bd. 10. 1910.

J. +Lindworsky+, Der Wille.³ 1923.

II. Buch

DIE VORSTELLUNGSERNEUERUNG ALS GRUNDLAGE DER HÖHEREN PSYCHISCHEN LEISTUNGEN

Verfügten wir nur über die bisher aufgezählten Fähigkeiten des Seelenlebens, dann wäre ein nennenswerter Fortschritt nicht zu erreichen. Ein ungefähres, aber längst nicht ausreichendes Bild von der Hilflosigkeit eines solchen Geistes gibt uns der Zustand greisenhafter Gedächtnisschwäche, bei der kein neuer Eindruck haften bleibt. Die psychologische Tatsache also, die wir bei der Analyse und Erklärung der bis jetzt beschriebenen Bewußtseinserscheinungen ganz oder fast ganz unbeachtet ließen, die wir jedoch bei der Besprechung der höheren Leistungen nicht mehr missen können, ist die Tatsache der +Vorstellungserneuerung+. Wenn wir wie immer von dem unmittelbar Gegebenen ausgehen, dann treffen wir bei dem Erwachsenen die Überzeugung, daß uns früher Erlebtes wieder in den Sinn kommt. Die erkenntniskritische Frage, ob diese Erinnerungen mit der tatsächlichen Vergangenheit übereinstimmen, und die erkenntnispsychologische Frage, wie es überhaupt zu dem Bewußtseinsinhalt „mein früheres Erlebnis“ kommt, darf an dieser Stelle ausgeschaltet werden.

ERSTER ABSCHNITT

Die allgemeinen Gesetze der Vorstellungserneuerung

1. Die Wiedervergegenwärtigung vergangener Erlebnisse ist eine überaus mannigfache, allzu mannigfach, so möchte es scheinen, als daß sie sich irgendwelchen Gesetzen einordnen ließe. Fragen wir uns aber zunächst einmal nach den +Erlebnisarten, die sich reproduzieren lassen+, so vermissen wir darunter alsbald Willensakte und Gefühle. Wir erinnern uns zwar an die Tatsache, daß wir einen Entschluß gefaßt haben und daß wir traurig waren, ja bei dem Gefühl ist noch etwas mehr vorhanden: taucht die Erinnerung an den Anlaß der früher erlebten Trauer auf, dann werden wir aufs neue traurig, aber dieses Gefühl trägt nicht den Erinnerungscharakter, wie die es veranlassende Vorstellung. Auch sind wir nicht imstande, ein Gefühl unmittelbar und für sich wieder lebendig zu machen, sondern müssen uns zuvor an seinen Anlaß erinnern. Diese Unmöglichkeit, sich des Gefühles zu erinnern, stimmt auch ganz zu der theoretischen Auffassung, die wir uns über das Wesen des Gefühls bildeten, ebenso wie es in der Natur der Akte (des Erkennens und Wollens) liegt, nicht reproduzierbar zu sein. Es bleiben somit für die Reproduktion übrig jene Eindrücke, die unmittelbar von Empfindungen herrühren. Es hat sich aber bei Reproduktionsversuchen gezeigt, daß nicht nur die +sinnlichen Eindrücke+ wieder ins Bewußtsein gerufen werden können, sondern auch die Beziehungen, die wir an ihnen entdeckt haben: wir erinnern uns auch an +Sachverhalte+. Oft ist es sogar zunächst ein Sachverhalt, der sich bei der Bemühung um eine Reproduktion einstellt: so besinnen wir uns auf einen Namen und finden zunächst, er sei ganz ähnlich einem anderen. Es muß hier allerdings noch dahingestellt bleiben, ob die Reproduktion eines Sachverhaltes gleich unmittelbar ist wie die von sinnlichen Eindrücken.

2. Vorstellungen und Sachverhalte tauchen beim Besinnen oder gelegentlich auch ungesucht in unserer Erinnerung auf. Sammelt man solche Erinnerungserlebnisse in genügender Zahl, so offenbart sich trotz aller Buntheit der Einfälle eine gewisse +Gesetzmäßigkeit+, die zum Teil schon +Aristoteles+ aufgefallen ist. Eine Wahrnehmung oder auch eine Vorstellung ist häufig von einer Reproduktion gefolgt, deren Gegenstand in +örtlicher+ oder +zeitlicher Berührung+ mit dem Gegenstand der vorausgehenden Wahrnehmung oder Vorstellung sich befand; der Anblick einer Straße ist gefolgt von der Erinnerung an einen Unfall, der sich dort abgespielt. Die Regelmäßigkeit, mit der unter solchen Bedingungen eine Vorstellungserneuerung eintritt, und die eigenartige Erlebnisweise, die manchmal dabei zu beobachten ist: die vorausgehende Wahrnehmung berührt uns merkwürdig; ist inhaltsschwerer als andere; läßt uns nicht so schnell los; wir spüren, wie in unserem Bewußtsein sich irgend etwas herausarbeitet usw.; all dies bestimmt uns sehr bald, in der vorausgehenden Wahrnehmung die Ursache jener Vorstellungserneuerung zu erblicken. Wir sagen: jene Wahrnehmung erinnert mich an, wir bezeichnen sie als das +Reproduktionsmotiv+ und behaupten, es gehe von ihr eine +Tendenz+ aus, die mit ihrem Gegenstand zeitlich und örtlich verknüpften Gegenstände ins Bewußtsein zu rufen. Eine gleiche Tendenz entdeckte sodann Aristoteles hinsichtlich der dem Wahrnehmungsgegenstand entgegengesetzten und endlich der ihm ähnlichen Dinge: +Gegensätzliches+ und +Ähnliches+ rufen sich wechselseitig ins Bewußtsein.

Zu diesen drei fand man in unserer Zeit noch andere Reproduktionsfälle. Nicht nur Vorstellungen von Gegenständen, die örtlich oder zeitlich mit andern Gegenständen verknüpft sind, werden zum Reproduktionsmotiv für die Vorstellungen eben jener Gegenstände, auch Vorstellungen, die ersteren nur inhaltlich ähnlich sind, rufen letztere herbei: Die Farbe blau ruft die Wortvorstellung blau ins Bewußtsein, aber auch die Farbe violett soll von dem Kinde, das sie zum erstenmal sieht, blau benannt werden; hier hätte also die Wahrnehmung violett dieselbe Vorstellung reproduziert, wie das ihm ähnliche blau. Dieses Gesetz der +Substitution+ ist natürlich nicht mit dem aristotelischen Gesetz der Ähnlichkeit zu verwechseln. Weiterhin werden bisweilen Vorstellungen bewußt, ohne daß eines der genannten vier Gesetze dafür verantwortlich gemacht werden kann. Es sind das immer Vorstellungen, die kurze Zeit zuvor erlebt wurden. Man spricht da von der +Perseverationstendenz+ (G. E. +Müller+): eine Vorstellung, die einmal im Bewußtsein war, hat die Neigung, bald wieder bewußt zu werden. Endlich treten hie und da Vorstellungen ins Bewußtsein ohne jedes erkennbare Reproduktionsmotiv. Man nannte sie +freisteigende Vorstellungen+. Die Zahl der sicher erwiesenen Fälle von freisteigenden Vorstellungen ist indes nicht so groß -- zumeist hatte man das Reproduktionsmotiv übersehen oder wieder vergessen --, daß durch sie die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Vorstellungserneuerung in Frage gestellt würde.

3. Man versuchte nun, die +drei aristotelischen Gesetze auf eines zurückzuführen+. Zunächst das +Kontrastgesetz+. Gegensätze finden sich bisweilen in der Natur beieinander, so Berg und Tal, Festes und Flüssiges. Sodann machen Gegensätze einen starken Eindruck auf den Erlebenden. Man wird darum eher auf sie aufmerksam und vereinigt so die gegensätzlichen Inhalte im Bewußtsein, während nichtgegensätzliche Inhalte unter sonst gleichen Bedingungen nur vereinzelt und getrennt aufgefaßt werden. Aus dem nämlichen Grunde stellt die Sprache so häufig die Gegensätze nebeneinander: jung und alt, arm und reich. Es lassen sich also gar manche Fälle der Kontrastreproduktion auf die Berührung in Raum und Zeit zurückführen. In andern Fällen weisen die Gegensätze Ähnlichkeiten auf: schwarz und weiß sind darin einander verwandt, daß sie beide neutrale Farben sind und beide an einem Ende der neutralen Qualitätenreihe stehen. Hier bleibt sonach eine Reduktion auf das Ähnlichkeitsgesetz möglich. Aus diesem Grunde läßt man das Kontrastgesetz heute nicht mehr als ursprüngliches Reproduktionsgesetz gelten.

Auch das +Ähnlichkeitsgesetz+ dürfte sich als nicht elementar erweisen. Die bis jetzt bekannten Fälle, wo eine Vorstellung nicht eine mit ihr örtlich oder zeitlich verbundene, sondern eine nur ähnliche Vorstellung weckt, zeigen alle eine +partielle Gleichheit+ beider Vorstellungen: Wenn die Silbe pön statt der gleichzeitig mit ihr gesehenen Silbe ref die Silbe lön ins Bewußtsein ruft, so ist dem Reproduktionsmotiv pön und der reproduzierten Vorstellung lön der Teil ön gemeinsam. Dieser Teil perseveriert aus der ersten Vorstellung und zieht nach dem Gesetz der raum-zeitlichen Berührung den früher mit ön gleichzeitig gesehenen Bestandteil l nach sich (+Peters+). Partielle Gleichheit kann vorhanden sein, auch wenn die Dinge nicht so einfach liegen wie in diesem Fall. Es möge eine kleine schwarze Sicherheitsnadel die Vorstellung einer großen weißen reproduzieren. Auch da haben wir außer der Zweckgleichheit die Gleichheit der Behandlungsweise und der Gestalt. Endlich wird in vielen Fällen die Reproduktion zwischen ähnlichen Vorstellungen keine unmittelbare sein, sondern durch die Reproduktion eines Sachverhaltes bedingt werden: an die Wahrnehmung der Vorstellung eines Dinges schließt sich das Wissen an: hierzu gibt es etwas Ähnliches. Überdies können, wie +Selz+ gezeigt hat, die meisten der bisher erwiesenen Fälle der Ähnlichkeitsreproduktion aus dem später zu besprechenden Gesetz der Komplexergänzung erklärt werden.

Somit bleibt von den drei aristotelischen Gesetzen +nur das Berührungsgesetz als fundamentales+ übrig. Damit ist auch die Unebenheit ausgeglichen, daß die beiden ersten Gesetze sich auf inhaltliche Momente stützen, während das letzte dem Inhalt gegenüber völlig indifferent ist und nur auf das zufällige Zusammensein mehrerer Inhalte im Bewußtsein Bezug nimmt. Auch dieses Gesetz hat man durch Ausscheidung des Raummomentes zu vereinfachen und durch Ausweitung des Begriffes der zeitlichen Berührung jenen Tatsachen anzupassen gesucht, in denen eine Reproduktion von aufeinanderfolgenden Vorstellungen beobachtet wurde. In der Tat ist das Raummoment, wie leicht zu finden, überflüssig. Anderseits ist die Ausdehnung der zeitlichen Berührung auf nahe zeitliche Folge unnötig. Wie wir gesehen haben, entfallen die Erlebnisse nicht sofort dem Bewußtsein, sondern klingen langsam ab. Darum findet ein nach kurzer Pause aufgenommener Eindruck die unmittelbar vorausgegangenen noch vor und wird mit ihnen zu +einem+ Bewußtseinsinhalt vereinigt. Beachtet man zudem, wie sich bei freier Reproduktion die Vorstellungen aneinanderschließen, so wird man sie nicht so sehr als einzelne für sich abgeschlossene Bewußtseinsinhalte, denn vielmehr als Teile eines Gesamtbewußtseins betrachten und den Nachdruck nicht auf die zeitliche Berührung, sondern auf die Zugehörigkeit zu einem Gesamtbild legen (+Poppelreuter+). Wir kommen so zu dem einen +Hauptgesetz der Reproduktion+: ein bewußt gewordener Teil eines früheren Gesamtbewußtseins hat die Tendenz, die übrigen Teile jenes Gesamtbewußtseins nach sich zu ziehen.

Es scheint nicht ausgeschlossen, auch die meisten +Perseverationserscheinungen+ diesem Hauptgesetz unterzuordnen. Die Tatsache, daß eine bestimmte Vorstellung immer wieder ins Bewußtsein drängt, ist häufig durch die Reproduktion allein verständlich: im Hause des Verstorbenen wird man beständig an den Toten erinnert. Hat gar ein Erlebnis starke Organempfindungen hervorgerufen, so trage ich in den bekanntlich länger anhaltenden körperlichen Erregungen das Reproduktionsmotiv für die Vorstellung jenes Erlebnisses im eigenen Leibe mit mir herum. Der Vorgang kann aber auch anders verlaufen. Gewisse Vorstellungen mögen das Bewußtsein beschäftigt haben und durch andere abgelöst worden sein. Läßt nun letzteren gegenüber die Aufmerksamkeit nach, so kann wieder eine der früheren Vorstellungen bewußt werden, ohne im bisherigen Sinne reproduziert zu sein. Nehmen wir nun an, diese Vorstellung sei nicht ganz aus dem Bewußtsein geschwunden gewesen, sondern nur zurückgetreten, und ihr wende sich jetzt wieder die Aufmerksamkeit zu, so wäre sie eben der bevorzugte Bewußtseinsinhalt und würde sich als solcher nach dem allgemeinen Reproduktionsgesetz wieder zu entfalten suchen. In manchen Fällen kann man allerdings kaum voraussetzen, daß sich die frühere Vorstellung im Bewußtsein erhalten habe. Wir müssen dann annehmen, die dem bewußten Phänomen entsprechende Gehirnerregung habe noch fortbestanden und dank des Zurücktretens der anderen Bewußtseinsinhalte die Vorstellungserneuerung veranlaßt.

In ähnlicher Weise deutet auch die +Substitution+ auf die (partielle) Gleichheit physiologischer Prozesse hin, wenn anders sie sich überhaupt bestätigt. Die bisher beigebrachten Nachweise sind noch zu dürftig. Denn die sinnlosen Silben, an denen +Müller+ und +Pilzecker+ sie entdeckten, enthalten immer gleiche Elemente: wenn die Silbe pön eine zu lön gelernte Silbe herbeiführt, so könnte dies daher kommen, daß nur der beiden Silben gemeinsame Teil ön für die Reproduktion ausschlaggebend wird. Das gleiche gilt von der Reproduktion eines Liedtextes durch eine transponierte Melodie. Gewiß mögen bei dieser alle Noten andere sein als die urspünglich mit dem Text verbundenen, aber es bleibt noch die in beiden Fällen gleiche Gestalt, die Melodie, die zweifellos für die Reproduktion des Textes verantwortlich ist. Als beweiskräftig erübrigt nur noch die Substitution ähnlicher Farben und Gerüche. Leider ist nirgendwo ein exakter Beweis für eine solche Substitution erbracht. Ein solcher hätte übrigens auch eine mittelbare Reproduktion (etwa infolge gleicher Wirkungen auf den Organismus) auszuschließen.

Auch die kleine Zahl von wirklich +freisteigenden Vorstellungen+ muß wohl durch eine besondere Konstellation physiologischer Prozesse erklärt werden. Wie man sich dies im einzelnen zu denken hat, kann erst weiter unten besprochen werden.

Kann die Frage nach dem Hauptgesetz der Reproduktion, d. h. die Frage, welche Inhalte uns bei der Vorstellungserneuerung bewußt werden, als gelöst gelten, so ist die weitere Frage nach dem +Wie der Vorstellungsentfaltung+ noch kaum in Angriff genommen. Nur den einen Satz kann man aufstellen: die Vorstellungsentfaltung vollzieht sich meist vom Allgemeinen zum Besondern. Jedoch sind die Bedingungen noch aufzufinden, unter denen dieser Satz aus einer Regel zu einem Gesetz wird.

Literatur

W. +Poppelreuter+, Über die Ordnung des Vorstellungsablaufes. APs 25 (1912).

J. +Lindworsky+, Beiträge zur Lehre von den Vorstellungen. APs 42 (1921).

ZWEITER ABSCHNITT

Die Assoziation als Grundlage der Reproduktion

Die Tatsache, daß früher gewonnene Eindrücke wieder aufleben, nötigt zur Annahme, solche Eindrücke oder Wahrnehmungen seien nicht einfachhin verloren gegangen, sondern würden irgendwie in uns unbewußterweise aufbewahrt. Die weitere Tatsache, daß das Bewußtwerden eines Teiles einer früheren Wahrnehmung die Bedingung für das Bewußtwerden des übrigen Teiles ist, beweist, daß zwischen den Teilen der Gesamtwahrnehmung irgendwelche +Verbindung+ besteht. In früheren Zeiten, wo man diese Teile der Gesamtwahrnehmung als in sich abgeschlossene Vorstellungen oder gar Ideen auffaßte, prägte man die Bezeichnung „Vorstellungs-“ oder gar „Ideenassoziation“. Wir können den Ausdruck Assoziation der Vorstellungen beibehalten, ohne deshalb die einzelnen Vorstellungen fälschlich als in sich abgeschlossene Dinge zu nehmen. Es fragt sich nunmehr: wie kommt jene Aufbewahrung der früheren Eindrücke und die Verbindung ihrer Teile zustande? Sind sie dem Untergrund des Bewußtseins, etwa der substantiellen Seele zuzuschreiben oder den Gehirnvorgängen oder beiden? Eine endgültige Antwort auf diese Frage kann die experimentelle Psychologie nicht geben. Sie kann aber das Tatsachenmaterial vorlegen, auf das sich jeder verständige und wissenschaftliche Lösungsversuch zu stützen hat. An dieser Stelle nun dürfen wir die Berücksichtigung der körperlichen Vorgänge, die mit den seelischen in Verbindung stehen, nicht länger umgehen.

1. Kap. Gehirn und Bewußtsein

1. Das Nervensystem

Die Reizung der Sinnesorgane, des Auges, der Haut usw. bedingt einen seelischen Eindruck. Diese Sinnesorgane sind nun, wie die Anatomie nachweist, durch feinste Verbindungen, die Nerven, an das Zentralnervensystem, d. h. an das Rückenmark, das verlängerte Mark und das Gehirn, angeschlossen: die Durchschneidung dieser Verbindung macht das Auftreten einer Empfindung unmöglich. Diese Verbindung der Peripherie mit dem Zentrum ist aber nicht eine ununterbrochene Leitung, sondern setzt sich aus mehreren +Neuronen+ (Fig. 6) zusammen. Das Neuron besteht aus einer Nervenzelle (Ganglienzelle) und deren Fortsätzen, nämlich den kürzeren Verästelungen (Dendriten) und dem langen Achsenzylinder, durch den sich die Erregung der Ganglienzelle fortpflanzt. An seinem freien Ende splittert sich der Achsenzylinder in feine Endbäumchen auf, die sich manchmal wie ein korbartiges Geflecht um die Ganglienzelle eines anderen Neuron legen. Somit scheint die Übertragung der Nervenerregung nicht durch direkte Leitung, sondern durch eine Art Induktion zu erfolgen.

[Illustration: Fig. 6. Schema eines Neuron (nach _E. Becher_, Gehirn u. Seele. _C. Winters_ Verlag. Heidelberg). K Kern der Ganglienzellen, d Dendriten, n Achsenzylinder, k seitliche Fortsetzung, e Endbäumchen.]

Nicht immer wird die von der Körperoberfläche kommende Erregung bis zum Gehirn fortgeleitet. Dringt sie z. B. durch die hintere (sensible) Wurzel eines Rückenmarksnerven in das Rückenmark, so kann sie dort schon auf einen motorischen Nerv übertragen und durch die vordere (motorische) Wurzel der Rückenmarksnerven wieder nach außen, und zwar zu einem Muskel, geführt werden, der sich alsbald bewegt, wenn ihn die Erregung trifft. So entsteht der einfache +Reflexbogen+ (Fig. 7) der Rückenmarksreflexe, die ohne jedes Bewußtsein verlaufen. Sie funktionieren, auch wenn man das Groß- und das Mittelhirn abgetrennt hat. Ist der periphere Reiz stärker, so beschränkt er sich nicht auf diesen einfachen Bogen. Er steigt vielmehr im Rückenmark auf ein höheres Niveau und erregt dort einen motorischen Nerven. Darum fängt der geköpfte Frosch allmählich mit allen Gliedmaßen zu strampeln an, wenn man eine Hautstelle stärker und stärker reizt. Die stärksten Sinnesreize gelangen bis zur dünnen (3-5 mm beim Menschen) Gehirnrinde. In ihr befinden sich ungezählte Ganglienzellen, die ihr die graue Färbung verleihen, während die markhaltigen Leitungsfasern (Achsenzylinder) dem Durchschnitt der Leitungsstränge, zu denen sie sich vereinigen, ein weißes Aussehen geben. Die Ganglienzellen der Hirnrinde stehen auch untereinander durch die sogenannten +Assoziationsfasern+ in Verbindung. Soviel man heute weiß, entspricht nur der Erregung der grauen Hirnrinde ein Bewußtseinsvorgang.

[Illustration: Fig. 7. Schema des Reflexbogens (nach _E. Becher_, Gehirn und Seele _C. Winters_ Verlag, Heidelberg). w weiße Substanz, gr graue Substanz des Rückenmarks, s sensible, m motorische Nervenfasern, sg Spinalganglien der sensiblen Faser, a Achsenzylinder, k seitl. Fortsetzung, e Aufsplitterung des Achsenzylinders, mz motorische Ganglienzelle.]

2. Die Zuordnung einzelner Gehirnteile zu psychischen Funktionen

Die Sektionsbefunde nach geistigen Störungen, die Exstirpation einzelner Gehirnpartien an lebenden Tieren, die Reizung zufällig bloßgelegter Gehirnteile, die anatomische Verfolgung der nervösen Bahnen, die Vergleichung der Gehirnentwicklung in der gesamten Tierreihe, diese und andere Methoden der Gehirnforschung ergeben ziemlich enge Beziehungen zwischen Gehirn und Geistesleben. Je besser das Zentralorgan, namentlich die graue Hirnrinde ausgebildet ist, um so höher steht das geistige Leben des Individuums. Man darf zwar weder das absolute Gewicht des Gehirns als Maß der geistigen Bedeutung nehmen -- es stünde dann der Elefant an der Spitze --, noch darf man das Verhältnis des Gehirn- zum Körpergewicht allein berücksichtigen -- dann überträfen die kleinen Vögel den Menschen --, stellt man aber mit +Lehmann+ beide Faktoren in Rechnung, so ergibt das Produkt beider, H H/K = H²/K (H = Hirngewicht, K = Körpergewicht), ein ungefähres Maß der geistigen Höhe.

Es zeigt sich zweitens, daß +bestimmte Gebiete+ der grauen Hirnrinde ziemlich eng mit bestimmten psychischen Vorgängen verbunden sind. (Fig. 8.) So dient der Hinterhauptslappen beider Hirnhemisphären den Gesichtseindrücken, der Schläfenlappen dem Hören, ein Teil der dritten linken Stirnwindung (+Broca+sches Zentrum) ist den Sprechbewegungen, ein Teil der ersten linken Schläfenwindung (+Wernicke+) dem Sprachverständnis zugeordnet, während die Scheitelgegend den Körperbewegungen zugehört. Manche Funktionen scheinen, wie die schon erwähnten der Sprechbewegungen und des Sprachverständnisses, vorwiegend einseitig lokalisiert zu sein, bei Rechtshändern links und umgekehrt bei Linkshändern rechts; andere, wie Sehen und Hören, sind gleichmäßig auf beide Hälften der Hirnrinde verteilt, und zwar dient beim Sehen der linke Hinterhauptslappen der linken Netzhauthälfte beider Augen und der rechte der rechten; ein Teil der optischen Nerven verläuft also gekreuzt. Da aber beide Gehirnhemisphären miteinander durch besondere Leitungswege verbunden sind und ein Teil der Nervenfasern auch direkt in die andere Hälfte einmündet, so kann bei Versagen des einen Teiles der andere zur Not aushelfen und allmählich ausgebildet werden.

[Illustration: Fig. 8. Schema der Gehirnwindungen (nach _E. Becher_, Gehirn und Seele. _C. Winters_ Verlag, Heidelberg).]